Der eine: „Kitzle nur, wenn du im Kotter sitzest.“

Der andere besinnt sich ein wenig und sagt: „Geh, Statzel, mach’ keine

Dummheiten. Einen Gulden sollst haben.“

„Ich bekomm’ fünfe!“

„Hol’s der Teufel. Da hast den Bettel. Schuft!“

„Schuft? Nachher gieb mir einen sechsten Gulden.“

„Dem Henker bist du zu schlecht!“

„Dann bekomm’ ich noch den siebenten. Mein Lieber, mit mir mußt du

höflicher sein. Ich hab’ dich am Strick.“ --

Und als Schlußtableau siehe die Mutter dieser Tochter, die Herrin

dieser Knechte -- die Kulmbockhoferin.

Das ist noch ein erklecklicher Brocken. Nachblüte! Nur schade, daß sie

immer so schwitzt. Kornmahlen kann sie und da ging sie eines Tages zur

Mühle hinab. Ich habe ihr das Kornbündel nachtragen müssen.

„Du bist ja wolter stark, Hansel!“ sagt sie dann in der Mühle. „Du mußt

mir nachher helfen. Magst?“

Sie richtet die Mühle an. Die Räder klappern, aus dem Mehlkasten fliegt

der weiße Staub und schminkt die Wangen, daß sie nicht erröten können.

„Hast mich verstanden?“ lacht sie mir schnurgerade ins Gesicht. „Helfen

sollst mir!“

„Ja, wenn ich könnte, meine liebe Bäuerin. Es will halt auch das Mahlen

gelernt sein.“

„Korn aufschütten wirst doch können! Mahlen thut ja eh die Mühl’

selber.“ Und setzt traulich bei: „Schau, Hansel, du solltest halt jetzt

der meinige sein, derweil mein Alter fort ist.“

Sacker! denke ich, die setzt scharf ein.

„Na, was sagst du, Hansel?“ fährt sie fort. Schalkhaft wird ihr Reden;

am Mehlkasten lehnt sie und streckt ihre fleischigen Arme nach beiden

Seiten aus: „Jetzt möcht’ ich just einmal wissen, wer breiter klaftern

kann, du oder ich.“

„Ob’s dem Kulmbock wohl recht sein wird, wenn wir messen?“ bemerke ich

möglichst ernsthaft.

„Fragt er, ob’s +mir+ recht ist, im Heu, mit der Teuxel weiß wem?“

„Natürlich, das Klaftermessen ist doch keine Sünd’.“

„Ja so!“ ruft sie, „im Adamshaus redet man noch von der Sünd’. Nit

schlecht, das! Weißt, Hansel, die Sünd’ darf der Mensch nit verachten,

die schmeckt alleweil gut.“

Weil sie mir immer näher kommt und die Gefahr, daß sie ihre Arme

um mich zusammenklappen könnte, immer größer wird, ich mich an

Vorurteilslosigkeit von ihr auch nicht übertrumpfen lassen will, so

sage ich in aller Freundlichkeit: „Weißt, meine liebe Kulmbockhoferin,

’s ist mir nicht deines Alten wegen, und auch nicht der Sünde wegen --

aber zu unsauber bist mir.“

Als ob ihr eine breite Hand heftig ins Gesicht geschlagen hätte,

so fährt sie zurück. Und der Mühlesel ist augenblicklich entlassen

gewesen. --

Wenn ich dir, teurer Philosoph, im Laufe dieses ereignisreichen

Jahres etwa einmal die Neuigkeit mitgeteilt haben sollte, daß die

Korruption gerade in den Städten wuchere, daß bei den Bauern im Gebirge

allenthalben noch Zucht und Ehrbarkeit walte, dann nimm denselben

Briefbogen, hänge ihn an die Wand und bekränze ihn mit faulem Stroh und

Brennesseln. Und solltest du, mein lieber Menschensohn, durch irgend

einen Zufall einmal Buben kriegen, so rate ich dir, daß du sie bei

Zeiten das Baumschneideln lernen lassest. Man bleibt da oben bei den

Waldvöglein wesentlich bauerngläubiger, als da hinten in den dämmernden

Kammern und staubigen Mühlen.

[Illustration]

Am vierundvierzigsten Sonntage.

Einer Frage deines letzten Briefes muß ich noch gedenken. Trotz allem,

nein -- Hunger keinen.

Den Hunger kennt man nicht am Busen der Mutter Erde. Den kennt nur

die große Stadt. Ich meine jetzt nicht den Hunger nach Austern und

Sekt. Ein wohlgestellter Städter, der es weiß, daß in seiner nächsten

Nähe Menschen an Nahrungsmangel verkommen, vor Frost Tag und Nacht in

ihre dunklen Nester gebannt, fluchen, weinen und verzweifeln -- kann

noch behaglich in der Oper sitzen und eine glänzende Soiree genießen.

Euch Stadtherrschaften -- ich meine ja nicht dich, den menschtreuen

Alfred, ich meine die Ganzheit der „Elite“ -- ist Hunger und Not der

Armen gerade recht als Stoff zur modernen Kunst und als künstlerisch

wirkender Gegensatz zum eigenen Überflusse! Stellt es euch einmal so

recht mitten in euer Herz, daß im Fleisch von eurem Fleische der grause

Hunger nach dem kahlen Bissen Brot wütet -- und ihr werdet mit anderen

Augen die Welt anschauen! Sage ihnen doch, den Allesstudierenden, daß

sie auch einmal den Hunger studieren sollen, der in ihrer nächsten Nähe

ist.

Hier auf der Scholle geht der Ärmste zum Armen und wird gesättigt. Der

Kulmbock sackermentiert ganz schrecklich über das Bettelgesindel, das

an die Schwelle seines Hofes kommt, mit dem Säcklein um etwas Korn, mit

dem Töpflein um etwas Milch bittend -- aber er beteilt es. Mein Adam

entschuldigte sich immer treuherzig, wenn er des Bettlers Säcklein nur

halb zu füllen vermochte: „Mußt halt wohl zufrieden sein, wenn’s auch

ein bissel wenig ist. Es geht uns halt selber nit aufs best. Gesegne es

Gott, vermeint ist’s dir vom Herzen.“ --

Und nun zum Tagebuche.

Vollauf habe ich mit der Hausmutter zu thun. Beim Tode des Adam war

es ein stummer, weher Schmerz, jetzt aber -- die Angst um den Rocherl

steigt zur hellen Verzweiflung.

„Wenn er mir nur daheim gestorben wär’!“ ruft sie aus. „Es wär’ besser!

Ich wollt’ der Mutter Gottes tausendmal dafür Vergeltsgott sagen.“

„Er ist freiwillig davon und das ist ihm nicht so hart!“

„Nachher wieder der Valentin!“ darauf sie. „Der eine +will+ nit

heim, der andere +kann+ nit heim. Ist das ein Jammer mit den

Kindern!“

Der Rocherl ist ganz und gar verschwunden. Verschwunden und

verschollen. Über die erste Zeit haben wir uns hinweggetäuscht. Man

müsse den Trutz ausrauchen lassen. Wenn das Gewand zerrissen sei

und der kalte Wind blase, werde er schon wieder kommen. Jetzt bläst

der kalte Wind, und nachdem wir dreimal umsonst aus waren, um ihn

zu suchen, nachdem wir auch im Fuchsgraben und überall seine Spur

verloren haben, stehen wir ratlos da. Ich wollte ihn doch in die

Zeitung geben, unter die verlorenen Sachen. Da heißt es wieder: die

öffentliche Schand’! Die fürchtet man im Bauernhaus nicht minder, als

im Herrenschloß. -- Eines Tages hören wir, im Schurwalde wäre sein Hut

gefunden worden. „Das sagt nichts,“ tröste ich, „ein Dickschädel kommt

auch ohne Hut aus.“

„Wer wird ihm seine Hand einbinden?“ fragt manchmal die Barbel. Das

geht mir am meisten zu Herzen. Nicht seine Hand, sondern ihr Bekümmern.

„Er selber wird sich die Hand einbinden,“ stelle ich ihr vor. „Mit der

Linken und mit den Zähnen. Was der für Zähne hat!“

„Der Jäger wird ihn umgebracht haben!“ so wieder die Mutter.

„Der Konrad? Der seine eigene Hand opfern möchte für die des Rocherl!“

„Mir ist halt so viel bang!“ Damit schließt sie jedes Reden ab.

Die Barbel ist jetzt viel aufrechter, als die Mutter. Vor kurzem,

denke dir, soll sie mit dem Weidknecht aus dem Kulmbockhof, dem

Baumschneidler, einen Strauß gehabt haben. Sie war mit ihm im Walde

gewesen, um die Reisigbüscheln zu sammeln. Auf ein solches Büschel

setzt sich der Weidknecht und will das Mädel mit beiden Händen auf

seine Knie ziehen.

„Ei schau, du wärest +gar+ gescheit!“ soll sie gesagt haben und

ruhig weitergearbeitet. Wie er sie nachher mit Gewalt fangen will,

hat er auf einmal einen Zahn weniger im Munde. Blutend geht er in den

Kulmbockhof hinüber und bei diesen Adamshausleuten arbeite er nicht

eine Stunde mehr, das seien kotzengrobe Leut’.

„Da sieht man’s, das ist der Dank!“ darauf die Kulmbockhoferin mit

Entrüstung.

Wir haben die Geschichte erst von der Kulmbockseite her erfahren

müssen. „Ist es wahr, Barbel?“ frage ich. Sie lacht dazu, und weiter

nichts. Vom Bruder Rocherl spricht das Mädel wenig. Und von ihrem Guido

gar nicht. Das sind die stillen Wasser! Der Herr Bräutigam strengt

sich auch nicht an mit seinen Huldigungen. Ich glaube, sie sehen sich

nicht einmal an jedem Sonntage. Nun, jetzt kommt ja bald die Zeit des

bekannten Himmels voller Geigen.

Übrigens soll die Hochzeit wieder einmal verschoben worden sein.

Diesmal wäre der Schneider Setznagel die Schuld. Der könne bis zu

Leopoldi das Bräutigamgewand nicht leisten. Die schönen Tuchhosen,

natürlich! Na, dann freilich. -- Guido, Guido! Ein Verliebter muß auch

ohne Tuchhosen heiraten können. --

Der Kurat hat durch den kleinen Franzel anfragen lassen, ob die Barbel

an Sonntagen nicht wieder auf den Kirchenchor kommen wolle, und

mitsingen bei der Messe? Sie soll früher eine gar liebliche Singstimme

gehabt haben. Mich hat das gefreut vom Kuraten, und wohl auch das Mädel

scheint vergnügt darüber zu sein, daß die Kirche ihr dieses ungute

Lebensjahr ausgestrichen hat. Aber vor der Gemeinde singen, wie im

Engelschore, das mag sie nicht mehr.

Vor kurzem hatte der Geistliche auf den Lehrer gestichelt, und zwar mit

der Heustange. Es war auf der Kanzel das Evangelium vom Hochzeitsmahle

gelesen worden. -- Du kennst ja die Parabel. Nachdem die geladenen

Gäste nicht erschienen waren, ließ der König die Erstbesten von der

Straße hereinrufen, und ereiferte sich dann sehr, als unter diesen

Straßenleuten einer kein hochzeitliches Kleid an hatte. Zornig darüber

läßt er ihn an Händen und Füßen binden und in die Finsternis werfen.

Schon mancher gelehrte Knacker hat sich an dieser evangelischen Nuß die

Zähne ausgebissen; der Hoisendorfer Kurat aber hat ganz feste im Mund

und sprach darüber, wie folgt:

„Ihr werdet, christliche Zuhörer, diesen König gewiß für einen großen

Thoren halten. Da ladet er schnell die Vagabunden von der Straße ein

und wundert sich, wenn sie kein Festgewandel anhaben. Das hättet

halt ihr gewiß wieder gescheiter gemacht, natürlich! Ich aber kann

euch sagen: der Herr Christus hat mit seinem Gleichnis schon recht

gehabt. Er hat nicht das auswendige Hochzeitsröckel gemeint. Was

kümmert sich der liebe Jesus um Hoffartsfetzen. Nein, das Inwendige,

den Seelenschmuck, die Tugenden hat er gemeint. Und ein solches

Hochzeitsgewand soll jeder Mensch zu jeder Zeit anhaben, auch bei

der Arbeit auf Wiesen und Feldern, denn er weiß, daß auf einmal der

Hochzeitsbitter kommen kann, und +ihr+ wisset, wen ich mit diesem

Hochzeitsbitter meine. Diese Festtracht, die Tugenden und guten Werke,

ist bei den Leuten freilich nicht Mode. Aber den Madensack mit bunten

Fetzen zu zieren, das ist Mode. Mancher glaubt, am Ostersonntag oder

einem andern Feste wäre nicht die Herzensreinheit, sondern der große

Hutbuschen die Hauptsache und immereinmal steigt ein Bräutigam um,

der nicht Hochzeit hält, wenn es die Liebe will, sondern bis die neue

Tuchhose fertig ist!“

Na, das war ausgiebig. Ein paar Leute lugten auf den Platz hin, wo der

Lehrer saß, dieser that nichts desgleichen. --

Das Mädel scheint sein Zuwarten gewohnt zu werden und macht sich nichts

draus. Nun, dann mache ich mir auch nichts draus.

Aber schon gar nichts -- glaube es mir!

Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes. · 第 27 / 46 题