Fuhr die Mutter zornig auf: „Jetzt red’, was ist geschehen?“

„Derschossen hab’ ich ihn!“

Die Barbel thut einen Schrei, so schrecklich, daß ich ihn seither in

jeder Nacht höre. Ihre Züge werden fahl, ganz fahl und starr. Alles

erstarrt ringsum und es ist ein Krampf, daß man gemeint hätte, am

Himmel blieben die Sterne stehen zur selben Stunde.

* * * * *

Den Jammer stelle dir selber vor, zu beschreiben ist er nicht. Wie

furchtbare Sturmglocken, so scholl er durchs Haus. Aber das tragische

Kapitel wendet sich. Es schwankt langsam die Thür auf und eine

unsichere Stimme ruft herein: „Wo es so lustig hergeht, da will ich

auch dabei sein.“ Als ob er gemeint hätte, es wäre ein Freudenlärm.

Und er hat’s gesehen, wie der Rocherl jetzt neuerlich einen gellenden

Schrei ausstößt und sein Gesicht in die Rockfalten der Mutter birgt. Er

hat’s geahnt, weshalb die Barbel ihm mit so großer Heftigkeit, lachend

und weinend zugleich, in die Arme springt.

Es war freilich nicht der Geist des erschossenen Lehrers, wie der

Rocherl meinte. Es war der Guido, der wirkliche, mit dem lebendigen

Fleisch und Blut.

An diesem Abende des Allerseelentages haben wir das Wunder noch nicht

so gesehen, das sich zugetragen und zu dessen Beschreibung ich einer

ruhigeren Stunde bedarf.

Will dir nur sagen, wie der Rocherl zuerst noch eine Weile gelauert

hat, gegen den Lehrer hin, ob es nicht doch ein Blendwerk sei, was da

vor ihm steht blatternarbig und in der Pelzhaube. Dann tritt er ihn an

und sagt in ganz hartem Tone: „Dank dir’s Gott, Lehrer, daß du lebst.

Und ich bin ein Narr geworden.“

Der Guido ist sehr nachdenklich und schweigsam. Er hat nichts mehr zu

sagen. Er scheint nur gekommen zu sein, um sich zu beklagen darüber,

daß und vor wem er seines Lebens nicht mehr sicher sei.

„Geh dich waschen, Rocherl!“ raten wir.

Der Bursche taumelte hinaus zum Brunnen, tauchte den Kopf in das kalte

Wasser, mehrmals und immer wieder. Dann saß er auf dem Trog in stiller

Nacht. Ich trug ihm des Vaters Wettermantel hinaus: „Decke dich ein,

Rocherl, es ist kalt.“

„Bist du’s, Hansel?“ fragte er. „Geh, bleib’ bei mir. Du glaubst es

nicht, wie ich jetzt dran bin. Wie das lustig ist, wenn man niemanden

umgebracht hat! Denk dir, mir ist’s gerad’ so vorgekommen, ich hätt’

den Lehrer derschossen. Wenn’s ist, so werde ich aufgehenkt, und wenn’s

nit ist, komm’ ich in den Narrenturm. So bin ich dran, mein lieber

Hans.“

Vielleicht giebt es doch noch einen dritten Weg. Ein furchtbares

Verhängnis zog vorüber und was geschehen, das ist -- recht betrachtet

-- ein ganz gewaltiger Brocken Gnade Gottes, der jetzt auf einmal vom

Himmel fiel aufs bebende Adamshaus.

[Illustration]

Am sechsundvierzigsten Sonntage.

Jetzt kannst du wieder etwas Neues hören, lieber Alfred! Jetzt sehen

wir den Brocken des himmlischen Wunders erst recht, er ist noch größer,

als es anfangs schien. -- Der Jäger Konrad hat seinen Schuß wett

gemacht.

Am vorigen Donnerstag, als ich gegen Abend das Vieh heimtreibe, das

jetzt noch spärliches Gras abweidet draußen auf den Wiesen, begegnet

mir der Jäger. Er schaut so recht behaglich drein, viel munterer

als sonst und hat im Gesicht ein kurzes Pfeiflein stecken, das er

mit den Zähnen nach aufwärts schupft, als sollte es mit dem spitzen

Messingdeckel an die Nasenspitze tippen. Einen guten Tag bietet er mir

und fragt, ob der Rocherl heimgekommen wäre.

„Das wohl,“ antworte ich, „aber das Schießen hat er sich zu sehr

angewöhnt von euch Jägern.“

„Vielleicht hat er sich’s auch wieder abgewöhnt,“ sagt er.

„Der, wenn er gut träfe!“

„Treffen,“ meint der Jäger, „thäte er vielleicht eh gut, aber das

Gewehr ist schlecht geladen.“

Da deucht mich, der Mann wisse etwas. Und weil wir den Waldweg

nebeneinander gehen, hinter dem Vieh her, so habe ich’s erfahren.

Der Rocherl, so erzählt der Jäger Konrad, sei ihm schon lange

verdächtig vorgekommen, als ob er etwas im Sinn hätte gegen den Lehrer.

Mehrmals habe er ihm das Gewehr abgenommen, immer wieder hat er

eins. Vor Allerheiligen sei er tagsüber oben gelegen in der Nähe der

Waldheuhütte. Bei der Nacht sei er durch die Gegend gestrichen, sogar

bis Hoisendorf hinab und um das Schulhaus herum. Lauernd und flüchtig

huschend wie ein wildes Tier. Den Tag vor dem Feste sei der Jäger

drüben in der Wendau beim Sackbuttner zugekehrt und habe die Bäuerin um

eine Rein Milch gebeten. Dieweilen er sie gegessen, sei der Lehrer von

Hoisendorf gekommen und habe dem Sackbuttner eine Kuh abgekauft.

Im weiteren soll der Jäger die Geschichte selber erzählen: „Wie ich

nachher der Bäuerin ein paar Kreuzer hinhalte und sie sagt, ein

Vergeltsgott wäre ihr lieber und wir so ein bissel nebeneinander

stehen vor der Hausthür, bemerkt mein Aug’ in der dunklen Streuschoppe

den Adamshauser Rocherl, der sich an die Wand drückt und durch eine

Luke hinhorcht auf den Lehrer, wie es dieser mit dem Sackbuttner

verabredet, daß er die gekaufte Kuh am Allerseelentage nachmittags

abholen will. Das fällt mir auf -- sage aber nichts. Es wird gut sein,

denke ich, wenn der Lehrer einen Kameraden hat auf dem Heimweg. Habe

ihn begleitet bis Hoisendorf hinab. Ist gar nit gesprächig gewesen,

der Herr, hat sich über den ungebetenen Weggenossen wahrscheinlich

geärgert. Vielleicht wollt’ er unterwegs ein Hochzeitsliedel dichten.

Mir ist es auch nit viel besser ergangen neben seiner. Ein Jäger

und ein Schulmeister, ich bitt’ dich! Mit was sollen denn die sich

unterhalten? -- Es ist halt kurzweiliger zu zweien, sage ich, die

Gegend ist jetzt schon gar so viel einschichtig. -- Na, meint der

Lehrer, einen Jäger wird die Einschichtigkeit doch nicht genieren! Und

schaut mich seitlings an -- ein Jäger und sich fürchten? Hab’ mir’s

gefallen lassen müssen. Mein Lieber, denke ich, wenn du wüßtest, für

+wen+ ich fürchte! -- Sagen habe ich ihm’s freilich nit mögen. Ich

kann mich ja grob irren. Wäre wohl noch schlimmer, als ein Schuß in die

Hand! -- Das mußt allein mit dir selber abschließen, Jäger, sage ich

zu mir, und sollst jetzt einmal über zwei Menschen wachen. -- Darauf

am Allerseelentag gehe ich frühmorgens aufs Joch. Unsereiner ist das

Passen ja gewohnt. Nit weit von der Waldheuhütte, da begegnet er mir

schon, hat an seinem Rock noch die Heuhalme kleben, daß ich es gleich

weiß: Rocherl, du hast in der Hütte übernachtet. Ich rede ihn an: Wohin

so früh? Er keine Antwort, eilends davon. Ich krieche durchs Wandloch

in die Hütte und sehe im Heu noch die Grube. Und finde daneben, im Heu

vergraben, das Gewehr. Scharf geladen! -- Also doch! denke ich. Es

scheint, für den Lehrer ist vorbereitet, wenn er des Weges kommt in

die Wendau. Ist es denn möglich? Aus Haß, der Schwester wegen, oder

wie sonst? Wahnsinniger Mensch, du! -- Will jetzt aber doch sehen,

wie weit das geht. Weg nehm’ ich das Zeug diesmal nit. Da machen wir

lieber einen andern Spaß, lieber Rocherl! Hab’ mir’s vorgenommen mein

Lebtag, daß ich dir deine Hand vergüte. Aus der Hand kann ich dir die

Kugel freilich nit herausziehen, aber -- weißt du wohl -- aus diesem

Büchserl kann ich sie herausziehen. Knallen thut’s auch ohne.... Und

hab’s gethan. Den Schuß herausgezogen, frisch blind geladen und das

Gewehr wieder ins Heu gesteckt. -- Nachher habe ich mich selber ganz

hinten hingelegt. Durch eine Bretterfuge sehe ich hinaus gerad’ auf

den Weg. Dort bin ich gelegen den ganzen Tag und immer wieder hat’s in

mir gesagt: Ah, Unsinn, wie wird der Junge auf den Lehrer schießen!

Einem Hirschen wird das Blei vermeint gewesen sein, der oben auf dem

Jochanger äset. Der Wildschütz laßt’s ja nit! Nachher schlagt’s wohl in

mein Fach. -- So um Mittag herum, wie ich meinen Speck aufs Brot lege,

schleicht er an. Kriecht in die Hütte, übers Heu hin zum Gewehr. Von

meinem versteckten Winkel aus ist er gut zu beobachten. Er will sich’s

bequem machen im Heu und kommt doch zu keiner Rast. Stützt sich auf

den Ellbogen der kranken Hand und lugt durchs Bretterloch hinaus auf

den Weg und kann das Aug’ nit abwenden. Fliegen ein paar Raben, setzen

sich an den Steig, picken Käfer auf, fliegen wieder ab und krähen in

den Wipfeln. Sonst nichts. Da ist’s auf einmal -- es schwummelt was

zwischen den Lärchbäumen her und ist’s der Lehrer. Der hat um die

Achsel einen Strick geschlungen, in der Hand einen Stock. Er geht, um

seine Kuh zu holen. Der Rocherl bäumt sich stad auf und hebt mit der

Linken das Gewehr. Teufel! denk’ ich, ’s ist doch ernst. -- Da kommt

vom Weg ein lustiges Lachen -- Kinderlachen. Zwei Schulknaben laufen

hinter dem Lehrer daher. Auf dem Heimweg wohl von der Kirche. Die haben

einen großen Käfer gefangen, der zwickt in den Fingern, sie wollen

ihn dem Lehrer zeigen und fragen, was es für einer ist. Tschapperln!

sagt er, ihr werdet doch den Hirschkäfer kennen! Na, Kerl, du hast

dich hübsch verschlafen, dies Jahr, jetzt kommt schon der Winter.

-- So gehen sie miteinander vorbei, der Lehrer und die Kinder, und

verschwinden hinter der Böschung. Der Schuß hat nit geknallt. Die

dummen Buben! Der Rocherl schlägt sich ärgerlich die Faust an die

Stirn. Jetzt muß er warten auf die Rückkehr, und das Gewehr thut er

nicht mehr aus der Hand. -- Na, so haben wir wieder gewartet. Wenn

der Jäger das Aufpassen nit gewohnt wär’! Bin doch neugierig, denk’

ich, ob ihm denn nichts einfällt. Was er vorhat! Was das bedeutet! Was

+nachher+ kommt! -- Aber nichts und nichts! Man kennt’s ja, wer

auf dem Anstand steht, die ganze arme Seel’ ist im Büchsenrohr und

wartet auf das Losdrücken. -- Einmal kommt vom Waldhang ein Reh herab,

ganz possierlich, und nascht am verherbsteten Haidekraut. Hab’ noch

gemeint, der Rocherl könnt sich doch besinnen. Schuß ist Schuß. Aber

nein diesmal giebt er’s fürnehmer! Als es endlich zu dunkeln anhebt,

strampelt der Bursche ungeduldig mit den Beinen. Seine Augen brennen

ganz katzenhaft -- lauter grüne Funken. Jetzt zuckt er zusammen. Er

hat etwas gehört. Von der Wendauerseite herüber kommt der Lehrer mit

seiner Kuh. Er führt sie am Strick, in der andern Hand hat er einen

Birkenzweig zum Antreiben: Hi, geh, Scheckige. -- So kommen sie stad

heran und ich meine schon, es ist nichts, da kracht’s. Das Tier macht

einen Sprung, der Lehrer stürzt zu Boden. -- Verdammt, was ist das?

-- -- Einen Augenblick ist der Rocherl starr, dann thut er einen

Schrei. Mensch, einen Schrei! Meiner Tag’ hab’ ich keinen solchen

gehört. Dann fährt er unbändig zum Loch hinaus und fort. Mich hat’s nur

so zusammengerissen, wie der Lehrer hinstürzt. Aber wie ich auf den Weg

komme, ist er schon wieder auf und mit der Kuh davon. Das erschreckte

Tier hat ihn mit dem Sprung zu Boden gerissen -- und weiter, Gott

Lob, ist nichts zu vermelden. Nur daß ich nachher über die Abachleiten

den Adamshauserischen hab’ laufen sehen, in der höchsten Verzweiflung.

Mein Lebtag hat mir nichts so wohl gethan, als dem seine Verzweiflung.

Bübel, denk ich, die ist dir gesund. Heißt das, wenn sie nit zu

unchristlich wird. Hab’ ihm doch nachgerufen: Rocherl, hörst du! Jetzt

sind wir wett. Zwei Menschenleben für eine Hand! Ich glaube, sie ist

bezahlt. -- Er wie ein wildes Tier davon und nichts gehört.“ --

So, mein Freund! Und das ist der Jäger Konrad. Ich hätte es nicht

geglaubt. Hätte es nicht geglaubt, daß wirklich solche Menschen

umhergehen auf Erden. Und ein solches Wunder hat müssen sein, daß unser

armer Junge gerettet werden konnte. Er, und wir alle mit ihm. Und weiß

Gott, der Junge ist seither anders, -- anders!

* * * * *

Ein Nachtrag! Für verrückt wirst du mich halten. Für einen jener

unheilbaren Irrsinnigen, die plötzlich so heiter geworden sind, daß

sie selbst bei Tragödien und Trauerfällen nichts als lachen können.

Bei solchen Schicksalsschlägen, wie sie das Adamshaus getroffen,

könnte man ja wirklich überschnappen. In dem Augenblick, als ich

vorstehenden Brief an dich schließe, kommt der Rocherl in einem wahren

Freudenrausch, hoch zwischen den Fingern etwas haltend, schwingend:

„Sie ist heraußen! Sie ist heraußen! Die Kugel!“

„Natürlich,“ sage ich, „weil sie der Konrad herausgezogen hat.“

„Die meine ich nit!“ schreit er, „+die+ meine ich. Die in der Hand

drin gewesen ist!“

Seit dem aufregenden Allerseelentag soll sie wieder sehr geschmerzt

haben, die kranke Hand, an der alle Pflaster und Salben der alten

Marenzel nichts nützen wollten. Die Narbe war neuerdings aufgegangen

und schwürig geworden. Die Barbel hat sie ihm jeden Tag sorgfältig

verbunden. Und wie sie heute wieder den alten Verband ablöst, fällt

etwas aufs Fletz. Ein kleines, längliches Bleistückchen, und der

Rocherl behauptet, es thät’ nicht mehr weh. Ich bitte dich, Alfred,

frage doch einen Arzt, ob das möglich ist, ob Schreck, Angst und derlei

Seelenaffektionen nicht kugeltreibende Mittel sein können. Ist das

nicht möglich, dann bin ich in allergrößter Verlegenheit, denn die

Kugel ist da.

[Illustration]

Am siebenundvierzigsten Sonntage.

Im Drang der Ereignisse sind meine Schilderungen und Berichte längst

entgleist. Keine Sonntagsbriefe mehr, hingegen ein fermer Roman, von

dem jeden Sonntag ein Kapitel geschrieben wird.

Heute ist Adagio. Die Arbeit zieht sich zur Neige des Jahres fast ganz

in Haus, Scheune und Stall zurück. Nur um Herdholz sind wir in den Wald

gefahren mit dem Schlitten, denn seit einiger Zeit haben wir Schnee.

Dabei trat ich auf ein mit Schnee gedecktes Scheit so ungeschickt, daß

es im linken Fußgelenke einen Knack machte und der Rocherl mich auf

dem Schlitten nach Hause ziehen mußte. So lag ich tagelang in meiner

Kammer, in Dämmerung und feuchtem Stalldunst. Freund, da war’s öde. Die

Barbel brachte mir das Essen, ordnete, wo sonst etwas fehlte, ging aber

allemal unmenschlich bald wieder fort. Die könnte auch ein bißchen mehr

Barmherzigkeit haben mit einem Invaliden. Dafür wollten sie mir die

alte Marenzel mit ihren Pflastern und Ratschlägen an den Fuß schicken;

da habe ich gesagt, kalte Umschläge wären besser, als warme Ratschläge

und wenn das verstauchte Bein nichts anderes zu thun hat, so wird’s

schon selber heilen -- schon aus Langeweile.

Bei dieser Gelegenheit habe ich auch erfahren, was ein Novemberabend

ist. Ein einsamer, endloser Novemberabend! An einem solchen, mein

Freund, ist mir plötzlich das Heimweh gekommen nach -- der Stadt. Ein

ganz brutales Heimweh. Mit Gewissensbissen darüber, daß ich mich in

Wort und Schrift so oft gegen die moderne Kultur versündiget habe.

Über dem alten Adamshause beginnt sich der Himmel wieder aufzuheitern,

ein Siecher genesend, eine Hochzeit vor der Thür. Und trotzdem,

wie kümmerlich und elend! Wenn jetzt zum inneren Frieden auch so

ein bißchen Kultur da wäre! Ein hübscher Berghof im Schweizerstil,

altdeutsche Möbel drin, Sparherd und schwedische Öfen, ein

Bücherschrank und ein Klavier -- Gott strafe mich, auch ein Klavier!

Dann behagliche Bettstätten mit Federkissen und die vortrefflichen

Nahrungsmittel im Geiste der Prato zubereitet! Wäre eine solche

„Korruption“ denn gar so schlimm? Und hier in der Kammer ein Sofa,

Luftheizung und ein bißchen elektrisches Licht. Und vor allem ein Arzt,

der mir den Fuß untersuchte, ob er verrenkt oder gebrochen ist!

Lieber Alfred, ich will schweigen, wenn wieder einmal die Frage ist,

was vorzuziehen wäre, die altbäuerliche Bedürfnislosigkeit oder die

moderne Kultur. Ich will schweigend zugestehen, daß die Naturprodukte

erst durch die Kultur, so durch die Industrie geheiligt und zu jener

Läuterung gebracht werden, die des Menschen wert ist. Ich will

einverstanden sein mit den zu erbauenden Brücken zwischen Land- und

Stadtleben. Ich will selbst dem Handel gelegentlich ein Loblied singen

und sagen, daß der Bauernhof ein kleiner Staat, und der Staat ein

großer Bauernhof ist. Daß hier wie dort produziert und konsumiert

wird, daß hier wie dort der Verkehr die Werte steigert. Was für den

Staat der Eisenbahnwagen, das ist für den Hof der Bauernkarren.

Der fährt vom Feld zur Tenne, von dieser zur Mühle, von dieser zum

Backofen, und auf jeder Station gewinnt das Feldprodukt an Wert.

Eine Civilisation im kleinen, aber berufen, groß zu werden. Ich bin

mir bewußt geworden, daß es nur darauf ankommt, das Bauerntum der

allgemeinen Entwickelung vernünftig anzugliedern. Ist dieses geschehen,

dann wird ein Stadtmensch nicht erst um zwanzigtausend Kronen ein Jahr

lang Landmann sein, dann thut er’s umsonst, oder zahlt noch etwas

drauf, weil die Kultur mitten in der Natur draußen erst den ganzen

Daseinsgenuß ermöglicht. Und wenn es gelingt, altväterische Tüchtigkeit

und Treue mit jungweltlicher Genußfähigkeit und Vorurteilslosigkeit zu

vereinigen, dann beginnt ein erträglicheres Zeitalter.

Und der Mann, der dieses bessere Zeitalter verbuchen wird von Tag zu

Tag, verbuchen und weise beraten zugleich -- das wird der herzstarke

Journalist sein, der diesen Beruf zu seiner ganzen idealen Größe erhebt

-- bis er einst die Geschichts- und Lehrkanzel der Menschheit ist.

Deine gelegentliche Bemerkung, daß ich trotz meiner Flucht vor den

Journalisten doch ein solcher geblieben sei, der gleichsam ein

Wochenblatt aus dem Bauernhause schreibe, hat mich angemutet. Du hast

sicherlich recht, wer bei allerlei Bekümmerungen und körperlichen

Anstrengungen das Berichteschreiben nicht sein lassen kann, der ist

einer und bleibt einer! Und warum nicht? Jeder Beruf wäre richtig,

wenn der richtige Mann dazu kömme. Der richtige Mann adelt sogar das

Henkeramt. Der alte Scharfrichter Möllendorfer, eine zart und mild

angelegte Natur, gütig und wohlwollend gegen jedermann, war der beste

Henker seinerzeit. Der hat einmal den Ausspruch gethan: „Das Hinrichten

von Mitmenschen ist die schwerste unter allen Notwendigkeiten eines

Staates. Ich habe sie übernommen, weil auch wer dazu sein muß und

weil andere vielleicht roher mit den Unglücklichen verfahren würden,

als ich es thun will.“ So kann selbst aus dem Henker ein Held werden.

In gewissem Sinne muß auch der Journalist manchmal ein notwendiges

Henkeramt besorgen, doch seine Hauptsache wird nicht das Zerstören,

sondern das Bauen sein. -- Jenes begeisterte Buch möchte ich lesen, das

schon nach hundert Jahren ein erleuchteter Mann über die Kulturmission

des Journalismus schreiben wird. Vielleicht schließt dieses Buch

zusammenfassend mit folgendem Satze: Sobald der Journalismus sich in

die bodenlosen Bereiche der Theorien, Prinzipien und Phantastereien

verlor, wurde er schwankend, verfiel der Charakterlosigkeit und

Charlatanerie; sobald er schlicht und redlich auf seines Volkes

Erdscholle stand, wurde er zu einem Faktor der Sittlichkeit und des

Wohlstandes.

Da mein leidender Fuß einstweilen nicht auf der Erdscholle stehen kann,

so läuft dieweilen fleißig der Kopf herum und trägt alle möglichen

Güter zusammen, um das Herz eines siebenunddreißigjährigen Junggesellen

zu erfreuen. Wenn man es sich so nach Wunsch einrichten könnte! Auf

einem Punkt in schöner Gebirgslandschaft, der gute Verbindung hätte

mit der größeren Stadt, ein stattliches Landgut. Ein frisches Weib

dazu, das die Wirtschaft leitet. Auch selbst tüchtig mitthun auf Feld

und Weide, in Wald und Garten und an Sonntagen sich der schönen Künste

begeben und ein wenig schriftstellern -- Freund, dann wär’s eine Lust

zu leben!

Während des Neubaues solcher Luftschlösser heilt der Fuß und dann

möchte er tanzen. Was ist’s denn mit der Hochzeit? Woche um Woche

verstreicht und man hört nichts. Meister Setznagel hat wohl auch den

äußeren Menschen schon fertig. Wo steckt nur der inwendige?

Diese Frage wurde gestern gelöst durch ein Brieflein, das der Franzel

mir vom Lehrer heimgebracht. Da das Schriftstück nicht lang, aber recht

lehrreich ist, so teile ich dir es wörtlich mit. Der Lehrer schreibt:

„Lieber Hans!

Nach den bekannten Ereignissen der letzten Zeit ist mein längeres

Verbleiben in Hoisendorf ausgeschlossen. Ich habe nicht Lust, die

Dauer meines Lebens von den Launen eines Rappelkopfes abhängig

zu machen, der seine brüderliche, beziehungsweise schwägerliche

Gesinnung durch Pulver und Blei dokumentieren zu müssen glaubt.

Nachdem ich einen vorläufigen Substituten gefunden, verreise ich

morgen, um mir anderwärts den Boden einer Existenz zu suchen.

Mit Hilfe eines oder des andern Jugendfreundes dürfte mir das

doch gelingen. Daß die Trauung mit Barbel bis über Neujahr hinaus

verschoben werden muß, versteht sich demnach von selbst. Es wird

mein notgedrungenes, pflichtmäßiges Bestreben sein, ihr ein

besseres Heim zu schaffen, als es im Schulhause zu Hoisendorf

möglich gewesen wäre. Gleichzeitig teile ich meiner Braut mit, daß

ich mich baldmöglichst zur Erfüllung meines Ehrenwortes einfinden

werde.

Einstweilen mit bestem Wunsch für baldige Heilung deines kranken

Fußes und vielen freundschaftlichen Grüßen

Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes. · 第 29 / 46 题