„Derschossen hab’ ich ihn!“
Die Barbel thut einen Schrei, so schrecklich, daß ich ihn seither in
jeder Nacht höre. Ihre Züge werden fahl, ganz fahl und starr. Alles
erstarrt ringsum und es ist ein Krampf, daß man gemeint hätte, am
Himmel blieben die Sterne stehen zur selben Stunde.
* * * * *
Den Jammer stelle dir selber vor, zu beschreiben ist er nicht. Wie
furchtbare Sturmglocken, so scholl er durchs Haus. Aber das tragische
Kapitel wendet sich. Es schwankt langsam die Thür auf und eine
unsichere Stimme ruft herein: „Wo es so lustig hergeht, da will ich
auch dabei sein.“ Als ob er gemeint hätte, es wäre ein Freudenlärm.
Und er hat’s gesehen, wie der Rocherl jetzt neuerlich einen gellenden
Schrei ausstößt und sein Gesicht in die Rockfalten der Mutter birgt. Er
hat’s geahnt, weshalb die Barbel ihm mit so großer Heftigkeit, lachend
und weinend zugleich, in die Arme springt.
Es war freilich nicht der Geist des erschossenen Lehrers, wie der
Rocherl meinte. Es war der Guido, der wirkliche, mit dem lebendigen
Fleisch und Blut.
An diesem Abende des Allerseelentages haben wir das Wunder noch nicht
so gesehen, das sich zugetragen und zu dessen Beschreibung ich einer
ruhigeren Stunde bedarf.
Will dir nur sagen, wie der Rocherl zuerst noch eine Weile gelauert
hat, gegen den Lehrer hin, ob es nicht doch ein Blendwerk sei, was da
vor ihm steht blatternarbig und in der Pelzhaube. Dann tritt er ihn an
und sagt in ganz hartem Tone: „Dank dir’s Gott, Lehrer, daß du lebst.
Und ich bin ein Narr geworden.“
Der Guido ist sehr nachdenklich und schweigsam. Er hat nichts mehr zu
sagen. Er scheint nur gekommen zu sein, um sich zu beklagen darüber,
daß und vor wem er seines Lebens nicht mehr sicher sei.
„Geh dich waschen, Rocherl!“ raten wir.
Der Bursche taumelte hinaus zum Brunnen, tauchte den Kopf in das kalte
Wasser, mehrmals und immer wieder. Dann saß er auf dem Trog in stiller
Nacht. Ich trug ihm des Vaters Wettermantel hinaus: „Decke dich ein,
Rocherl, es ist kalt.“
„Bist du’s, Hansel?“ fragte er. „Geh, bleib’ bei mir. Du glaubst es
nicht, wie ich jetzt dran bin. Wie das lustig ist, wenn man niemanden
umgebracht hat! Denk dir, mir ist’s gerad’ so vorgekommen, ich hätt’
den Lehrer derschossen. Wenn’s ist, so werde ich aufgehenkt, und wenn’s
nit ist, komm’ ich in den Narrenturm. So bin ich dran, mein lieber
Hans.“
Vielleicht giebt es doch noch einen dritten Weg. Ein furchtbares
Verhängnis zog vorüber und was geschehen, das ist -- recht betrachtet
-- ein ganz gewaltiger Brocken Gnade Gottes, der jetzt auf einmal vom
Himmel fiel aufs bebende Adamshaus.
[Illustration]
Am sechsundvierzigsten Sonntage.
Jetzt kannst du wieder etwas Neues hören, lieber Alfred! Jetzt sehen
wir den Brocken des himmlischen Wunders erst recht, er ist noch größer,
als es anfangs schien. -- Der Jäger Konrad hat seinen Schuß wett
gemacht.
Am vorigen Donnerstag, als ich gegen Abend das Vieh heimtreibe, das
jetzt noch spärliches Gras abweidet draußen auf den Wiesen, begegnet
mir der Jäger. Er schaut so recht behaglich drein, viel munterer
als sonst und hat im Gesicht ein kurzes Pfeiflein stecken, das er
mit den Zähnen nach aufwärts schupft, als sollte es mit dem spitzen
Messingdeckel an die Nasenspitze tippen. Einen guten Tag bietet er mir
und fragt, ob der Rocherl heimgekommen wäre.
„Das wohl,“ antworte ich, „aber das Schießen hat er sich zu sehr
angewöhnt von euch Jägern.“
„Vielleicht hat er sich’s auch wieder abgewöhnt,“ sagt er.
„Der, wenn er gut träfe!“
„Treffen,“ meint der Jäger, „thäte er vielleicht eh gut, aber das
Gewehr ist schlecht geladen.“
Da deucht mich, der Mann wisse etwas. Und weil wir den Waldweg
nebeneinander gehen, hinter dem Vieh her, so habe ich’s erfahren.
Der Rocherl, so erzählt der Jäger Konrad, sei ihm schon lange
verdächtig vorgekommen, als ob er etwas im Sinn hätte gegen den Lehrer.
Mehrmals habe er ihm das Gewehr abgenommen, immer wieder hat er
eins. Vor Allerheiligen sei er tagsüber oben gelegen in der Nähe der
Waldheuhütte. Bei der Nacht sei er durch die Gegend gestrichen, sogar
bis Hoisendorf hinab und um das Schulhaus herum. Lauernd und flüchtig
huschend wie ein wildes Tier. Den Tag vor dem Feste sei der Jäger
drüben in der Wendau beim Sackbuttner zugekehrt und habe die Bäuerin um
eine Rein Milch gebeten. Dieweilen er sie gegessen, sei der Lehrer von
Hoisendorf gekommen und habe dem Sackbuttner eine Kuh abgekauft.
Im weiteren soll der Jäger die Geschichte selber erzählen: „Wie ich
nachher der Bäuerin ein paar Kreuzer hinhalte und sie sagt, ein
Vergeltsgott wäre ihr lieber und wir so ein bissel nebeneinander
stehen vor der Hausthür, bemerkt mein Aug’ in der dunklen Streuschoppe
den Adamshauser Rocherl, der sich an die Wand drückt und durch eine
Luke hinhorcht auf den Lehrer, wie es dieser mit dem Sackbuttner
verabredet, daß er die gekaufte Kuh am Allerseelentage nachmittags
abholen will. Das fällt mir auf -- sage aber nichts. Es wird gut sein,
denke ich, wenn der Lehrer einen Kameraden hat auf dem Heimweg. Habe
ihn begleitet bis Hoisendorf hinab. Ist gar nit gesprächig gewesen,
der Herr, hat sich über den ungebetenen Weggenossen wahrscheinlich
geärgert. Vielleicht wollt’ er unterwegs ein Hochzeitsliedel dichten.
Mir ist es auch nit viel besser ergangen neben seiner. Ein Jäger
und ein Schulmeister, ich bitt’ dich! Mit was sollen denn die sich
unterhalten? -- Es ist halt kurzweiliger zu zweien, sage ich, die
Gegend ist jetzt schon gar so viel einschichtig. -- Na, meint der
Lehrer, einen Jäger wird die Einschichtigkeit doch nicht genieren! Und
schaut mich seitlings an -- ein Jäger und sich fürchten? Hab’ mir’s
gefallen lassen müssen. Mein Lieber, denke ich, wenn du wüßtest, für
+wen+ ich fürchte! -- Sagen habe ich ihm’s freilich nit mögen. Ich
kann mich ja grob irren. Wäre wohl noch schlimmer, als ein Schuß in die
Hand! -- Das mußt allein mit dir selber abschließen, Jäger, sage ich
zu mir, und sollst jetzt einmal über zwei Menschen wachen. -- Darauf
am Allerseelentag gehe ich frühmorgens aufs Joch. Unsereiner ist das
Passen ja gewohnt. Nit weit von der Waldheuhütte, da begegnet er mir
schon, hat an seinem Rock noch die Heuhalme kleben, daß ich es gleich
weiß: Rocherl, du hast in der Hütte übernachtet. Ich rede ihn an: Wohin
so früh? Er keine Antwort, eilends davon. Ich krieche durchs Wandloch
in die Hütte und sehe im Heu noch die Grube. Und finde daneben, im Heu
vergraben, das Gewehr. Scharf geladen! -- Also doch! denke ich. Es
scheint, für den Lehrer ist vorbereitet, wenn er des Weges kommt in
die Wendau. Ist es denn möglich? Aus Haß, der Schwester wegen, oder
wie sonst? Wahnsinniger Mensch, du! -- Will jetzt aber doch sehen,
wie weit das geht. Weg nehm’ ich das Zeug diesmal nit. Da machen wir
lieber einen andern Spaß, lieber Rocherl! Hab’ mir’s vorgenommen mein
Lebtag, daß ich dir deine Hand vergüte. Aus der Hand kann ich dir die
Kugel freilich nit herausziehen, aber -- weißt du wohl -- aus diesem
Büchserl kann ich sie herausziehen. Knallen thut’s auch ohne.... Und
hab’s gethan. Den Schuß herausgezogen, frisch blind geladen und das
Gewehr wieder ins Heu gesteckt. -- Nachher habe ich mich selber ganz
hinten hingelegt. Durch eine Bretterfuge sehe ich hinaus gerad’ auf
den Weg. Dort bin ich gelegen den ganzen Tag und immer wieder hat’s in
mir gesagt: Ah, Unsinn, wie wird der Junge auf den Lehrer schießen!
Einem Hirschen wird das Blei vermeint gewesen sein, der oben auf dem
Jochanger äset. Der Wildschütz laßt’s ja nit! Nachher schlagt’s wohl in
mein Fach. -- So um Mittag herum, wie ich meinen Speck aufs Brot lege,
schleicht er an. Kriecht in die Hütte, übers Heu hin zum Gewehr. Von
meinem versteckten Winkel aus ist er gut zu beobachten. Er will sich’s
bequem machen im Heu und kommt doch zu keiner Rast. Stützt sich auf
den Ellbogen der kranken Hand und lugt durchs Bretterloch hinaus auf
den Weg und kann das Aug’ nit abwenden. Fliegen ein paar Raben, setzen
sich an den Steig, picken Käfer auf, fliegen wieder ab und krähen in
den Wipfeln. Sonst nichts. Da ist’s auf einmal -- es schwummelt was
zwischen den Lärchbäumen her und ist’s der Lehrer. Der hat um die
Achsel einen Strick geschlungen, in der Hand einen Stock. Er geht, um
seine Kuh zu holen. Der Rocherl bäumt sich stad auf und hebt mit der
Linken das Gewehr. Teufel! denk’ ich, ’s ist doch ernst. -- Da kommt
vom Weg ein lustiges Lachen -- Kinderlachen. Zwei Schulknaben laufen
hinter dem Lehrer daher. Auf dem Heimweg wohl von der Kirche. Die haben
einen großen Käfer gefangen, der zwickt in den Fingern, sie wollen
ihn dem Lehrer zeigen und fragen, was es für einer ist. Tschapperln!
sagt er, ihr werdet doch den Hirschkäfer kennen! Na, Kerl, du hast
dich hübsch verschlafen, dies Jahr, jetzt kommt schon der Winter.
-- So gehen sie miteinander vorbei, der Lehrer und die Kinder, und
verschwinden hinter der Böschung. Der Schuß hat nit geknallt. Die
dummen Buben! Der Rocherl schlägt sich ärgerlich die Faust an die
Stirn. Jetzt muß er warten auf die Rückkehr, und das Gewehr thut er
nicht mehr aus der Hand. -- Na, so haben wir wieder gewartet. Wenn
der Jäger das Aufpassen nit gewohnt wär’! Bin doch neugierig, denk’
ich, ob ihm denn nichts einfällt. Was er vorhat! Was das bedeutet! Was
+nachher+ kommt! -- Aber nichts und nichts! Man kennt’s ja, wer
auf dem Anstand steht, die ganze arme Seel’ ist im Büchsenrohr und
wartet auf das Losdrücken. -- Einmal kommt vom Waldhang ein Reh herab,
ganz possierlich, und nascht am verherbsteten Haidekraut. Hab’ noch
gemeint, der Rocherl könnt sich doch besinnen. Schuß ist Schuß. Aber
nein diesmal giebt er’s fürnehmer! Als es endlich zu dunkeln anhebt,
strampelt der Bursche ungeduldig mit den Beinen. Seine Augen brennen
ganz katzenhaft -- lauter grüne Funken. Jetzt zuckt er zusammen. Er
hat etwas gehört. Von der Wendauerseite herüber kommt der Lehrer mit
seiner Kuh. Er führt sie am Strick, in der andern Hand hat er einen
Birkenzweig zum Antreiben: Hi, geh, Scheckige. -- So kommen sie stad
heran und ich meine schon, es ist nichts, da kracht’s. Das Tier macht
einen Sprung, der Lehrer stürzt zu Boden. -- Verdammt, was ist das?
-- -- Einen Augenblick ist der Rocherl starr, dann thut er einen
Schrei. Mensch, einen Schrei! Meiner Tag’ hab’ ich keinen solchen
gehört. Dann fährt er unbändig zum Loch hinaus und fort. Mich hat’s nur
so zusammengerissen, wie der Lehrer hinstürzt. Aber wie ich auf den Weg
komme, ist er schon wieder auf und mit der Kuh davon. Das erschreckte
Tier hat ihn mit dem Sprung zu Boden gerissen -- und weiter, Gott
Lob, ist nichts zu vermelden. Nur daß ich nachher über die Abachleiten
den Adamshauserischen hab’ laufen sehen, in der höchsten Verzweiflung.
Mein Lebtag hat mir nichts so wohl gethan, als dem seine Verzweiflung.
Bübel, denk ich, die ist dir gesund. Heißt das, wenn sie nit zu
unchristlich wird. Hab’ ihm doch nachgerufen: Rocherl, hörst du! Jetzt
sind wir wett. Zwei Menschenleben für eine Hand! Ich glaube, sie ist
bezahlt. -- Er wie ein wildes Tier davon und nichts gehört.“ --
So, mein Freund! Und das ist der Jäger Konrad. Ich hätte es nicht
geglaubt. Hätte es nicht geglaubt, daß wirklich solche Menschen
umhergehen auf Erden. Und ein solches Wunder hat müssen sein, daß unser
armer Junge gerettet werden konnte. Er, und wir alle mit ihm. Und weiß
Gott, der Junge ist seither anders, -- anders!
* * * * *
Ein Nachtrag! Für verrückt wirst du mich halten. Für einen jener
unheilbaren Irrsinnigen, die plötzlich so heiter geworden sind, daß
sie selbst bei Tragödien und Trauerfällen nichts als lachen können.
Bei solchen Schicksalsschlägen, wie sie das Adamshaus getroffen,
könnte man ja wirklich überschnappen. In dem Augenblick, als ich
vorstehenden Brief an dich schließe, kommt der Rocherl in einem wahren
Freudenrausch, hoch zwischen den Fingern etwas haltend, schwingend:
„Sie ist heraußen! Sie ist heraußen! Die Kugel!“
„Natürlich,“ sage ich, „weil sie der Konrad herausgezogen hat.“
„Die meine ich nit!“ schreit er, „+die+ meine ich. Die in der Hand
drin gewesen ist!“
Seit dem aufregenden Allerseelentag soll sie wieder sehr geschmerzt
haben, die kranke Hand, an der alle Pflaster und Salben der alten
Marenzel nichts nützen wollten. Die Narbe war neuerdings aufgegangen
und schwürig geworden. Die Barbel hat sie ihm jeden Tag sorgfältig
verbunden. Und wie sie heute wieder den alten Verband ablöst, fällt
etwas aufs Fletz. Ein kleines, längliches Bleistückchen, und der
Rocherl behauptet, es thät’ nicht mehr weh. Ich bitte dich, Alfred,
frage doch einen Arzt, ob das möglich ist, ob Schreck, Angst und derlei
Seelenaffektionen nicht kugeltreibende Mittel sein können. Ist das
nicht möglich, dann bin ich in allergrößter Verlegenheit, denn die
Kugel ist da.
[Illustration]
Am siebenundvierzigsten Sonntage.
Im Drang der Ereignisse sind meine Schilderungen und Berichte längst
entgleist. Keine Sonntagsbriefe mehr, hingegen ein fermer Roman, von
dem jeden Sonntag ein Kapitel geschrieben wird.
Heute ist Adagio. Die Arbeit zieht sich zur Neige des Jahres fast ganz
in Haus, Scheune und Stall zurück. Nur um Herdholz sind wir in den Wald
gefahren mit dem Schlitten, denn seit einiger Zeit haben wir Schnee.
Dabei trat ich auf ein mit Schnee gedecktes Scheit so ungeschickt, daß
es im linken Fußgelenke einen Knack machte und der Rocherl mich auf
dem Schlitten nach Hause ziehen mußte. So lag ich tagelang in meiner
Kammer, in Dämmerung und feuchtem Stalldunst. Freund, da war’s öde. Die
Barbel brachte mir das Essen, ordnete, wo sonst etwas fehlte, ging aber
allemal unmenschlich bald wieder fort. Die könnte auch ein bißchen mehr
Barmherzigkeit haben mit einem Invaliden. Dafür wollten sie mir die
alte Marenzel mit ihren Pflastern und Ratschlägen an den Fuß schicken;
da habe ich gesagt, kalte Umschläge wären besser, als warme Ratschläge
und wenn das verstauchte Bein nichts anderes zu thun hat, so wird’s
schon selber heilen -- schon aus Langeweile.
Bei dieser Gelegenheit habe ich auch erfahren, was ein Novemberabend
ist. Ein einsamer, endloser Novemberabend! An einem solchen, mein
Freund, ist mir plötzlich das Heimweh gekommen nach -- der Stadt. Ein
ganz brutales Heimweh. Mit Gewissensbissen darüber, daß ich mich in
Wort und Schrift so oft gegen die moderne Kultur versündiget habe.
Über dem alten Adamshause beginnt sich der Himmel wieder aufzuheitern,
ein Siecher genesend, eine Hochzeit vor der Thür. Und trotzdem,
wie kümmerlich und elend! Wenn jetzt zum inneren Frieden auch so
ein bißchen Kultur da wäre! Ein hübscher Berghof im Schweizerstil,
altdeutsche Möbel drin, Sparherd und schwedische Öfen, ein
Bücherschrank und ein Klavier -- Gott strafe mich, auch ein Klavier!
Dann behagliche Bettstätten mit Federkissen und die vortrefflichen
Nahrungsmittel im Geiste der Prato zubereitet! Wäre eine solche
„Korruption“ denn gar so schlimm? Und hier in der Kammer ein Sofa,
Luftheizung und ein bißchen elektrisches Licht. Und vor allem ein Arzt,
der mir den Fuß untersuchte, ob er verrenkt oder gebrochen ist!
Lieber Alfred, ich will schweigen, wenn wieder einmal die Frage ist,
was vorzuziehen wäre, die altbäuerliche Bedürfnislosigkeit oder die
moderne Kultur. Ich will schweigend zugestehen, daß die Naturprodukte
erst durch die Kultur, so durch die Industrie geheiligt und zu jener
Läuterung gebracht werden, die des Menschen wert ist. Ich will
einverstanden sein mit den zu erbauenden Brücken zwischen Land- und
Stadtleben. Ich will selbst dem Handel gelegentlich ein Loblied singen
und sagen, daß der Bauernhof ein kleiner Staat, und der Staat ein
großer Bauernhof ist. Daß hier wie dort produziert und konsumiert
wird, daß hier wie dort der Verkehr die Werte steigert. Was für den
Staat der Eisenbahnwagen, das ist für den Hof der Bauernkarren.
Der fährt vom Feld zur Tenne, von dieser zur Mühle, von dieser zum
Backofen, und auf jeder Station gewinnt das Feldprodukt an Wert.
Eine Civilisation im kleinen, aber berufen, groß zu werden. Ich bin
mir bewußt geworden, daß es nur darauf ankommt, das Bauerntum der
allgemeinen Entwickelung vernünftig anzugliedern. Ist dieses geschehen,
dann wird ein Stadtmensch nicht erst um zwanzigtausend Kronen ein Jahr
lang Landmann sein, dann thut er’s umsonst, oder zahlt noch etwas
drauf, weil die Kultur mitten in der Natur draußen erst den ganzen
Daseinsgenuß ermöglicht. Und wenn es gelingt, altväterische Tüchtigkeit
und Treue mit jungweltlicher Genußfähigkeit und Vorurteilslosigkeit zu
vereinigen, dann beginnt ein erträglicheres Zeitalter.
Und der Mann, der dieses bessere Zeitalter verbuchen wird von Tag zu
Tag, verbuchen und weise beraten zugleich -- das wird der herzstarke
Journalist sein, der diesen Beruf zu seiner ganzen idealen Größe erhebt
-- bis er einst die Geschichts- und Lehrkanzel der Menschheit ist.
Deine gelegentliche Bemerkung, daß ich trotz meiner Flucht vor den
Journalisten doch ein solcher geblieben sei, der gleichsam ein
Wochenblatt aus dem Bauernhause schreibe, hat mich angemutet. Du hast
sicherlich recht, wer bei allerlei Bekümmerungen und körperlichen
Anstrengungen das Berichteschreiben nicht sein lassen kann, der ist
einer und bleibt einer! Und warum nicht? Jeder Beruf wäre richtig,
wenn der richtige Mann dazu kömme. Der richtige Mann adelt sogar das
Henkeramt. Der alte Scharfrichter Möllendorfer, eine zart und mild
angelegte Natur, gütig und wohlwollend gegen jedermann, war der beste
Henker seinerzeit. Der hat einmal den Ausspruch gethan: „Das Hinrichten
von Mitmenschen ist die schwerste unter allen Notwendigkeiten eines
Staates. Ich habe sie übernommen, weil auch wer dazu sein muß und
weil andere vielleicht roher mit den Unglücklichen verfahren würden,
als ich es thun will.“ So kann selbst aus dem Henker ein Held werden.
In gewissem Sinne muß auch der Journalist manchmal ein notwendiges
Henkeramt besorgen, doch seine Hauptsache wird nicht das Zerstören,
sondern das Bauen sein. -- Jenes begeisterte Buch möchte ich lesen, das
schon nach hundert Jahren ein erleuchteter Mann über die Kulturmission
des Journalismus schreiben wird. Vielleicht schließt dieses Buch
zusammenfassend mit folgendem Satze: Sobald der Journalismus sich in
die bodenlosen Bereiche der Theorien, Prinzipien und Phantastereien
verlor, wurde er schwankend, verfiel der Charakterlosigkeit und
Charlatanerie; sobald er schlicht und redlich auf seines Volkes
Erdscholle stand, wurde er zu einem Faktor der Sittlichkeit und des
Wohlstandes.
Da mein leidender Fuß einstweilen nicht auf der Erdscholle stehen kann,
so läuft dieweilen fleißig der Kopf herum und trägt alle möglichen
Güter zusammen, um das Herz eines siebenunddreißigjährigen Junggesellen
zu erfreuen. Wenn man es sich so nach Wunsch einrichten könnte! Auf
einem Punkt in schöner Gebirgslandschaft, der gute Verbindung hätte
mit der größeren Stadt, ein stattliches Landgut. Ein frisches Weib
dazu, das die Wirtschaft leitet. Auch selbst tüchtig mitthun auf Feld
und Weide, in Wald und Garten und an Sonntagen sich der schönen Künste
begeben und ein wenig schriftstellern -- Freund, dann wär’s eine Lust
zu leben!
Während des Neubaues solcher Luftschlösser heilt der Fuß und dann
möchte er tanzen. Was ist’s denn mit der Hochzeit? Woche um Woche
verstreicht und man hört nichts. Meister Setznagel hat wohl auch den
äußeren Menschen schon fertig. Wo steckt nur der inwendige?
Diese Frage wurde gestern gelöst durch ein Brieflein, das der Franzel
mir vom Lehrer heimgebracht. Da das Schriftstück nicht lang, aber recht
lehrreich ist, so teile ich dir es wörtlich mit. Der Lehrer schreibt:
„Lieber Hans!
Nach den bekannten Ereignissen der letzten Zeit ist mein längeres
Verbleiben in Hoisendorf ausgeschlossen. Ich habe nicht Lust, die
Dauer meines Lebens von den Launen eines Rappelkopfes abhängig
zu machen, der seine brüderliche, beziehungsweise schwägerliche
Gesinnung durch Pulver und Blei dokumentieren zu müssen glaubt.
Nachdem ich einen vorläufigen Substituten gefunden, verreise ich
morgen, um mir anderwärts den Boden einer Existenz zu suchen.
Mit Hilfe eines oder des andern Jugendfreundes dürfte mir das
doch gelingen. Daß die Trauung mit Barbel bis über Neujahr hinaus
verschoben werden muß, versteht sich demnach von selbst. Es wird
mein notgedrungenes, pflichtmäßiges Bestreben sein, ihr ein
besseres Heim zu schaffen, als es im Schulhause zu Hoisendorf
möglich gewesen wäre. Gleichzeitig teile ich meiner Braut mit, daß
ich mich baldmöglichst zur Erfüllung meines Ehrenwortes einfinden
werde.
Einstweilen mit bestem Wunsch für baldige Heilung deines kranken
Fußes und vielen freundschaftlichen Grüßen