Der Hieserl, von dem man vor vielen Jahren die Knochen gefunden hat. --

Nicht allein die Menschen sind verrückt, auch die Zeit ist’s. Und

sogar das Wetter. Mitten im Mai giebt’s bei uns Schneegestöber wie

zu Neujahr. Kirschbaumblüten und Schneeflocken durcheinander. Das

Rainhäuschen drüben hat ein Strohdach. Weil es leer steht, spricht der

Adam davon, daß wir das Dach abtragen und damit unser Vieh füttern

könnten. Denn wir haben in den Scheunen kein Futter mehr und auf der

Weide liegt der Schnee so hoch, daß kaum die Zaunstecken herfürgucken.

Wir sind in der Stube gesessen und haben mal eins politisiert.

So gut wie die Kannegießer kann’s auch mein Adam ohne Kanne. Der

türkisch-griechische Krieg, von dem man jetzt so viel hört, gefällt

ihm gar nicht übel. „Das ist gescheit, daß es dem Türken heimgezahlt

wird, wie er vor Zeiten in unserem Land grausam sengen und brennen

that! Und Leut’ einfangen.“ Aus der Pfarre Hoisendorf allein soll der

Roßschweif dreiundsechzig Männer und Weiber in die Gefangenschaft

davongeführt haben. -- Als wir hernach vernahmen, daß die den Krieg

angezettelten Griechen Schläge bekommen hätten, war es dem Adam auch

recht: „Wer anfängt, der soll nur brav gehaut werden.“

Das war ein Messerchen gegen den zur Stunde anwesenden Holzhauer,

genannt der „Toifel“. Aus dem Rudolf hatten sie einen Dolfel und

aus diesem einen Toifel gemacht. Ein grober jähzorniger Mensch,

der überall, wo ein paar Mannsleut beieinander sind, eine Rauferei

anstiftet. Dieser bezog die Bemerkung des Hausvaters auf sich. Wie ein

Tiger sprang er auf und fragte den Adam, ob das etwa ihn angehe? Ob

er niedergelegt sein wolle, der Adam Weiler? Dann, möge er es gerade

einmal sagen! -- Da es in der Gegend Krüppel giebt, die „es gerade

einmal gesagt haben“, so spielte ich den ehrlichen Diplomaten.

„An deiner Stelle thäte ich das nicht, Holzknecht,“ sagte ich. „Mit dem

kränklichen Menschen da mir so den großen Ruf verpatzen, das wäre schon

mein Letztes. Hast du Schneid, so weiß ich dir einen anderen, in der

Stallkammer draußen ist er. Ein doppelter sogar. Der ist gar nimmer zu

bändigen. Herren derschlagen will er gehen. Mit dem -- möchte ich sagen

-- kann sich nur der Holzhauer Toifel messen, wenn er’s nit vorzieht,

selber gegen die Herren zu gehen.“

„Was gehen mich die Herren an!“ knurrte er trotzig, immer wieder dem

Adam zustrebend, „und der in der Stallkammer draußen geht mich auch

nichts an.“

„So, der geht dich auch nichts an? Wo er just alle Tage ein paarmal

prahlt: Wer ihn niederlegen wolle, der müsse früher aufstehen als der

Toifel.“

„So! Hat er das gesagt?“ fragte der Holzknecht ganz geschmeidig. „Das

Knäblein muß ich aufsuchen.“

Er ging hinaus, wir waren froh und sperrten hinter ihm die Hausthür zu.

„Mein Gott!“ jammerte die Barbel, „wenn er sie umbringt!“

„Er thut ihnen nichts,“ sagte der Adam, denn die Einlegersleut’, die

ich gemeint, waren eine Stunde früher vom Nachbar Schlappzopf mit dem

Schlitten geholt worden.

So viel für heute von den Welthändeln im Adamshause, wo dein in Liebe

gedenkt der

getreue Knecht.

[Illustration]

Am zweiundzwanzigsten Sonntag.

Mein Herr Stein von Stein hat mir schon wieder ein Liebesbrieflein

geschrieben. Es stünde mir -- schreibt er in seiner unerschöpflichen

Gewogenheit -- ja selbstverständlich frei, meine Stellung und Zukunft

einer Marotte zu opfern, er habe nur die Ehre, mir mitzuteilen, daß vom

ersten des nächsten Monats an mein Ressort bei dem Blatte neu besetzt

werde. Daß ich später darauf nicht mehr zu reflektieren hätte, wäre

„selbstredend“.

Von den Kollegen schreibt mir jetzt keiner mehr. Nur der Mayer unterm

Strich hat mir vor einigen Wochen eine abschreckende Schilderung

des Redaktionsdienstes während des Krieges und der tückischen

Liebenswürdigkeiten des Herrn Chef geliefert. Ich glaube, die Kerle

intriguieren gegen ihr würdiges Oberhaupt und lachen sich ins

Fäustchen, daß der alte Knauser die Wette verliert. Nur habe ich

manchmal Bänge um die drei Zeugen. Wenn Gott jetzt die Doktoren

Lobensteiner, Mayer und Wegmacher zu sich nähme! Doktor Wegmacher will

immer nach Amerika auswandern, weil ihm der Mayer seine Causerien im

Feuilleton nicht unterbringt, was auch wirklich eine Bosheit ist,

denn die Causerien wären gut, sagt ihr Verfasser, und der wird es

doch wissen! Lobensteiner soll stiller Gesellschafter der Firma sein.

Solcherlei Umstände könnten einen Krach geben für mich. -- Einstweilen

stelle ich mich tot und antworte dem Chef nicht.

Daß du, lieber Freund und Philosoph, meinen Vorschlag wegen deiner

Sommerfrische im Almgai rundweg abgelehnt hast, war für mich sehr

schmerzlich, ist aber -- näher bedacht -- gut. Du hast recht, es wäre

schade um die Erdreich-Märchenstimmung, die uns jetzt so berückt,

und die entzaubert sein müßte, wenn ein moderner Stadtmensch im

Grase läge und dem düngerkrauenden und kartoffelbauenden Freund

unter schöngeistigen Gedanken zusähe. Du hast tausendmal recht, das

Erdreichjahr muß in dem Ernste seiner großen Einsamkeit durchgelebt und

durchgelitten werden. Läuternd! Es mag ja sein, denn manchmal brennts

wie Fegefeuer durch meine arme Seele. Es ist oft eine geradezu blutige

Mühsal. Und das Elend der Hausgenossen! Sie empfinden es zwar nur halb;

ihr heimliches Leid krallt sich einem um so weher an, je ergebener es

ertragen wird. Endlich das Heimweh nach Geistesleben! Hundertmal mag

ich es mir vorsagen: es ist nichts dahinter, es verödet nur das Herz!

Zum Teufel auch! In meiner Lage alles Geistesleben so brutal entbehren

zu müssen, +das+ verödet und verblödet das Herz! -- Nun, du nennst

das ein Auslüften der staubigen Stadtseele, und es wird endlich wohl

das rechte Wort sein. Mein Leben lang werde ich dir danken müssen für

deinen Zuspruch in dieser Zeit der Verwandlung.

Oft habe ich in der furchtbaren Einschicht keine andere Labe als --

das Mitleid. Je hochgemuter die Adamsleute sind, um so mehr erbarmen

sie mich, und je mehr Erbarmen, um so mehr Seligkeit. Jetzt fange ich

erst an zu ahnen, was uns das Leid bedeutet. Es ist der Verzweiflung

Gegengift. Besonders in meinem Falle. Von der großen Alpennatur,

den Schönheiten der Landschaft hatte ich so vieles erwartet. Nein

doch, derlei gefällt nur dann, wenn man sich selber hineinlegen und

wieder herausgenießen kann, wenn die Seele frei, das Gemüt in Ordnung

ist. Ein Ersatz ist es nicht. Und so bleiben nur noch die armen

Menschen. Dem Himmel ist es in einer losen Laune eingefallen, diesen

Adamshauserleuten mich zum Beistande zu geben. Gerade mich! Na gut, er

soll sich nicht vergriffen haben.

Zur Zerstreuung stellt sich bisweilen irgend ein kleines Ungemach ein,

das strenge genommen, ganz unnötig ist und also auch nicht bezahlt

wird von der Fürsehung. Aus diesem Blatt wirst du Terpentin riechen.

Das kommt so: In der vorigen Woche sind wir beim „Zäunen“ gewesen. Das

heißt, wir haben Stangenschranken ausgebessert, so da Weide und Feld

voneinander scheiden und auch die Besitzgrenzen feststellen. Letztere,

will ich dich lehren, sind solche Schranken, an welchen bisweilen die

Seelen verstorbener Grenzfälscher ruhelos gespenstern müssen, bis der

versetzte Grenzpfahl wieder an der richtigen Stelle steht. So sei,

erzählte mir der Adam, am Grenzzaun des Nachbars jahrelang in den

Nächten der alte verstorbene Schlappzopf hin- und hergegangen und habe

kläglich gewimmert. Der Adam habe wohl gedacht, da handle es sich um

eine Grenzfälschung zum Nachteil des Adamshauses. Weil er aber doch

nicht wissen konnte, um wieviel es gefehlt sei, so habe er den Pfahl

nicht berichtigen können, habe jedoch in einer Pfingstsonntagsnacht,

als der Schlappzopf wieder gewandelt sei und wieder kläglich gewimmert

habe, dem Geiste zugerufen: „Nachbar, im Namen Gottes sollst du erlöst

sein und mir nichts mehr schuldig sein, und der Grenzpfahl soll

stehen bleiben wie er steht, und soll’s deinen Nachkommen geschenkt

sein!“ Darauf sei der Geist verschwunden. Hingegen wäre in einer der

nächsten Nächte ein anderer Geist an das Bett des Adams getreten, sein

Großvater, und der hätte sich beklagt, daß der Adam was hergeschenkt

hätte, das nicht ihm gehört. Und dann habe der Adam darüber

nachgedacht, daß man wohl ein Kalb oder einen Wagen herschenken könne,

nicht aber ein Stück Erdreich, das keinem gehört, weil es allen gehört.

Den Nachkommen wie den Vorfahren, dem ganzen Geschlechte. Hernach habe

der Adam mit seinen Leuten gesprochen, sie hätten sich mit dem Nachbar

aber nicht anders vergleichen können, hätten ihm fünfzig Klafter

abgekauft und die Grenze um soviel hinübergerückt. Dann sei Frieden

gewesen.

Da hast du meinen ganzen Adam, zuerst schenkt er das Eigen hin, damit

der alte Nachbar erlöst sei, dann kauft er’s wieder zurück, damit

sein Großvater Ruhe habe. Und du siehst aus dieser Geschichte die

Unveräußerlichkeit der angestammten Bauernscholle. Im Bauerntume kann

man auch von Geistererscheinungen etwas lernen.

Nun also wir haben den Zaun neu gemacht. Der Hausvater trieb zu paar

und paar die Stecken in den Erdboden, ich legte die Stangen dazwischen,

junge Lärchstämmlinge, die wir vorher im Dickicht geschlagen und

entästet hatten. Dann wand er um die Stecken frische Bänder aus

Fichtenbaumzweigen, die der Rocherl am offenen Feldfeuer gebäht hatte,

damit sie die nötige Zähigkeit gewannen. Der „Einhandel“ ist allemal

vergnügt, wenn sich eine Beschäftigung findet, die er gleich einem

ganzen Menschen verrichten kann. Ein ganzer Mensch möchte er sein,

wie alle anderen, aber seine rechte Hand ist ohnmächtig, wie dürres

Holz, nur weh thut sie wie Menschenfleisch. Und da bricht in dem armen

Burschen manchmal eine Verzweiflung hervor, die uns alle hart bekümmert.

Was ist dagegen +meine+ Wunde an der Hand? Und nun komm ich bald

zum Terpentin. Es ist der Vorabend des Christihimmelfahrtsfestes und um

vier Uhr nachmittags verkündet der Hausvater bei unserem Zaunmachen den

Feierabend.

„In Gottes Namen lassen wir’s gut sein,“ pflegt er zu sagen, wobei mir

allemal das Bibelwort von der Erschaffung der Welt einfällt: Und er

sah, daß es gut war. -- Ich aber sah diesmal am vorigen Mittwoch daß

es nicht gut war. Es blieb da noch eine Zaunlücke offen, durch die des

Nachbars Weidekühe leicht auf unser schön grünendes Haferfeld kommen

konnten, während wir am Himmelfahrtstag in der Kirche saßen. Ich blieb

also allein zurück, um die Lücke einstweilen mit Stangen zu verrammeln,

und dabei stieß ich mir einen scharfen Holzsplitter in den Ballen der

rechten Hand. Der Adam hat nachher mit der Taschenfeitelspitze wohl

einen Teil davon herausbekommen, was aber drinnen blieb, das stach

höllisch auf einen Nerv. Die Hausmutter kam mit ihrem schwarzglänzenden

Pechöltopf, schmierte ein Pflaster und legte es über meine Hand. „Das

zieht den Spell schon heraus.“

Zwei Nächte lang habe ich wenig geschlafen und wollte mich zum Ärgernis

des ganzen Hauses schon aufmachen nach dem Doktor in Kailing, da begann

doch endlich der Balken herauszuschwären. Er ist nicht größer als ein

Hagebuttdorn und man ärgert sich baß über den Nerv, der einer solchen

Kleinigkeit wegen so aufgebracht ist.

„Der Nerv ist halt nervös,“ meinte der Rocherl aus Erfahrung. Ich bin

immer seelenvergnügt, wenn er humoristisch wird und du weißt jetzt,

weshalb das Papier nach Pechöl riecht.

Vorgestern hat mein Hausvater in der großen Stube ein weitläufiges

Gerüste aufgestellt, das noch mehr Verwirrung anrichtete als vorhin die

Schuster. Ein Gefüge von Schrägen, Balken, Rollen, Haspeln, Rädern und

allerhand Zeug. Lange wußte ich nicht, was denn das wieder bedeuten

soll und zum Fragen ist er gewöhnlich auch zu stolz, der Herr Knecht.

Am Nachmittage, als der Adam von Spulen und Haspeln Garn auf die

Rolle zog, begann mir zu dämmern, und als dann auch das Schiffchen

zum Vorschein kam und wie es bei jedem Ineinanderschlagen der zwei

Garnrahmen lustig zwischen den Fäden durchpfiff, konnte sogar ein

Redakteur der volkswirtschaftlichen Rubrik nicht mehr länger darüber in

Zweifel bleiben, daß es ein Webstuhl ist.

Wie man dreist behaupten kann, daß die gewöhnliche Holzrolle zur

Weiterbewegung von Lasten eine wichtigere Erfindung war, als später die

Lokomotive und das einfache Spinnrad der Häuslerin die sinnreichsten

Spinnereien der Welt an Bedeutung in den Schatten stellt, so darf ich

auch sagen, daß der altbäuerliche Webstuhl in seiner Einfachheit, mit

den schlichtesten Mitteln die größte Zweckmäßigkeit erzielend, doch

eigentlich merkwürdiger ist, als alle kunstreichen Einrichtungen

einer modernen Tuchfabrik, die ja auch aus dem Bauernwebstuhle

hervorgegangen. Ein einziger Mann mit zwei Beinen zum Treten, zwei

Armen zum Schnellen und einem Kopf zum Denken macht aus dem losen Garn

die schöne, glatte Leinwand.

Wohl sehr mit einem Kopf zum Denken!

Recht lehrreich wäre es für den Städter, einmal ein Auge zu legen auf

die Vielseitigkeit eines „dummen Bauers“. Nebst des Betriebes einer

vielgliedrigen Landwirtschaft, die hier in Ackerbau, Viehzucht und

Holzarbeit besteht, kann der Bauer nicht bloß Korn mahlen, Leinöl

pressen, Haus zimmern, Dach decken, Ofen bauen, Brunnen graben, Kohlen

brennen, Pechöl sieden, Most pressen, Branntwein destillieren, sondern

auch Garn spinnen, Leinwand weben, Wolle wirken, Loden walchen, Leder

gerben, kurz alles, was in eine Wirtschaft schlägt, die sich selbst

genügen muß. Ein Vergnügen war es, dem Adam zuzusehen, mit welcher

Fertigkeit er den Webstuhl betrieb. Man muß nur wissen, was das heißt:

Garn! Ich hatte bloß einen ganz kleinen Handlangerdienst zu leisten und

augenblicklich war ich umgarnt. Ich versuchte abzustreifen, wendete

mich nach allen Seiten herum, begann zu zappeln und zu kreisen und

geriet immer tiefer hinein, so daß es dann selbst die Hausmutter nicht

zu stande brachte, mich zu erlösen. Sie schalt auch zu sehr dabei, war

zu ungeduldig, ein Fehler, den das Garn am allerwenigsten vertragen

kann. Ich geriet bei jeder Anstrengung, den hundertfachen Fäden und

Maschen zu entkommen, nur immer tiefer ins Gewirre. So daß endlich

die Barbel gerufen werden mußte, um die däppische Hummel aus dem

Spinnengewebe zu befreien. Als das Mädel hereinkam, war mir’s just, als

käme die Kreuzspinne nachsehen, welche Beute diesmal im Gewebe hängen

geblieben ist. Während sie in aller Gelassenheit mit zarter Hand die

Fäden von meinen Armen und Beinen nestelte und auch die Schlingen um

Brust und Hals lockerte, ward die Umstrickung erst vollkommen....

Wenn das der Schullehrer erfährt! Ich vermute, daß die Leinwand, die

der Adam webert, zur Hochzeitsausstattung kommen wird. Und ist schon

einmal der zugewanderte Knecht im Garn gesessen! Thorheit! Das Mädel

ist arglos wie ein Schneeglöckchen. Wer mich umgarnt hat, das bin ich

selbst -- mit meinen dummen Einbildungen.

Wir +können+ ja nicht lieben, wir von der „hecheren Bültung.“ Wir

können liebeln und tändeln und sündigen und eifersüchtig sein. Aber

lieben? Wie Leander die Hero, wie Romeo die Julie! Dafür sind wir viel

zu gut erzogen. Oder zu schlecht genährt. Was meinst du, Philosoph? --

Heute am Nachmittag ist der Michelmensch wieder dagewesen. Der

Doppelte, dem ich’s zutraue, daß er lieben konnte, seit man sah, wie

letzthin sein Haß zum Dach heraus gelodert hat. Er war vor einigen

Tagen vom Nachbar so plötzlich mit dem Fuhrwerk geholt worden, samt

seinem großen Korbe, daß er gar nicht Zeit hatte, sich im Adamshause

zu verabschieden. So kam das alte Einlegerpaar um sich zu bedanken für

die „guten Wochen“, die es hier aufgehoben war. Sprecherin war das Weib

natürlich, und brachte sie es so treuherzig vor, so dankbar und zart,

wie sie beten wollten allbeide, daß die liebe Frau Mutter Gottes ihren

Schutzmantel ausbreiten möchte über dieses treue Haus und seine frommen

Leute. Und wenn der Michel und die Michelin, was wohl sicher sei,

früher von dieser Erden Abschied nehmen müßten, als die Adamshauser,

so wollten sie beim Herrgott im lichten Himmel oben schon einen guten

Platz belegen für den Vater Adam, für die Mutter Traudel und ihre

Kinder alle vier.

Waren das wirklich die zwei Alten, die bei der Anwesenheit des

aberwitzigen Roten so wütig aufgezischt hatten? War es purer Wahnsinn

gewesen? Oder war diese demütige Dankbarkeit für gebührende Armenpflege

nichts als Heuchelei? Ich denke, es sind alte Kinder, die auf einmal

störrisch werden können. Oder ist auch im gottinnigen, altweltischen

Landvolke ein wilder, revolutionärer Blutstropfen vorhanden?

Sie trippeln, mit ihren Stecken klappernd, schon über die Thürschwelle,

als die Alte noch einmal umkehrt zum Feuerherd und die Hausmutter

bittet: „Wenn etwan der Hieserl kommen sollt’ und unser nachfragen,

gelt Mutter, du weisest ihn. Beim Schlappzopf sind wir jetzt, nächst

Wochen beim Gleimer, nachher beim Kulmbock und auf der Sonnseiten

weiter.“

Das Licht ihres Alters. Ihr Sohn! -- O Freund, was der Glaube macht!

Gute Nacht zu dir, Alfred, in die weite Welt. Heute könntest du ein

Kirchenlied von Paul Gerhard auf mir spielen, so weich bin ich gestimmt.

In diesem Hause herrscht ein schöner Brauch, den ich in anderen

Bauernhäusern der Gegend bisher nicht beobachtet habe. Am Abende,

wenn die Familie auseinander geht, reichen sich Eltern, Kinder und

Geschwister die Hand und sagen: „Behüt’ dich Gott über Nacht!“ Sie

sagen es so ernst, wie beim Abschied vor einer Gefahr. Das hat mir

wieder einmal ins Bewußtsein gebracht, was das heißt: Die Nacht! --

„Sie ist keines Menschen Freund!“ Was das heißt: Der Schlaf! „Er ist

des Todes Bruder!“ --- Der Mensch legt sich hin wie aufs Bahrbrett und

vertraut seinem Herzschlag, daß er den Leib warm erhalten werde. Bald

hat alles aufgehört, was sein Leben und sein Streben gewesen. Es ist

gerade so gut aus, als ob’s gar nie gewesen wäre. Es ist gerade zu gut

aus, als ob’s gar nie mehr anfinge. Und wenn es nicht mehr anfängt,

so ist kein Schmerz und keine Klage darüber beim ewig Schlafenden. --

Und wenn es wieder anfängt, so ist es, wie eine neue Weltschöpfung

ein neues Geborenwerden und ein göttliches Wunder. Alles was dem

Einschlummernden lautlos und leidlos unterging, ist wieder da, wie aus

dem Erdboden stehen liebe Menschen auf ringsum und sagen einander:

Guten Morgen!

Freund Alfred, so sei auch unsere Urständ. Behüt dich Gott, über Nacht!

[Illustration]

Am dreiundzwanzigsten Sonntag.

Pfingsten, das liebliche Fest ist gekommen! So abgebraucht man dieses

Citat finden wird, die schlichte Herrlichkeit desselben habe ich doch

erst jetzt empfunden. Wenn ein derber Bauernkerl weinen dürfte, ich

würde es mit Vergnügen thun. Wenn Bauernlümmel vor Glückseligkeit

flennen vonwegen Blumen, Sonnenschein und Vogelsang -- das wäre euch

doch genug Gemütsbildung im Volke! Ganz unbeschreiblich, Freund, wie

jetzt die Bergwelt schön ist. Wenn das Lüftchen zieht, so schneit es

über das Stalldach die Blüten nur so herüber von den Kirschbäumen

und die Hochmatten sind weiß bis hin zum Schachenrand vor lauter

Margeriten. Ich versinke in Blüten- und Frühlingsleuchten und möchte

manchmal aufschreien: Herr, ich bin nicht würdig! -- Bezahlen lasse ich

mich für diesen Himmel! Der Wette schäme ich mich zu Tode.

Und diesem Mädel ist noch zu wenig Blühen. Im Hausgärtlein hockt sie,

auf das eine Knie stützt sie ihre Hand, mit dem andern kniet sie auf

dem schwarzen Erdreich. Selber wie ein Rosenstock zieht sie junges

Nelkengestämm, hegt silberschimmernden Rosmarin. Den braucht sie für

Frohnleichnahm und so hat ihr’s die Mutter aufgetragen. -- Jetzt nimmt

sie das weiße Tüchlein und trocknet sich den Schweiß. Ist es denn schon

so heiß auf der Welt?

An diesem Pfingstsonntag bin ich früh aufgestanden, bin hinausgegangen

durch das nasse Gras. Der Löwenzahn und das hohe Gestämme der

Glockenblumen haben meine Beine weit herauf mit Thautropfen benetzt.

Auf der Kulmplatte, wo vor sieben Wochen das Osterfeuer gebrannt, bin

ich gestanden und habe hingeschaut. Dieses urgewaltige Bergland, ich

habe es angebetet wie einen Pfingstaltar. Aus unserem Hoisendorfer

Thale ragt nichts hervor als der senkrecht aufspringende Rechenstein,

aber ein Glockenton klingt zur Höhe, erinnernd, daß dort ein Kirchlein

steht für solche, die Gott nur dann erkennen, wenn er klein ist und im

Menschenbaue wohnt. Freilich, freilich, man soll ja Gott nicht nach

außenhin suchen im unbeschränkten Raum, sondern in der eigenen Brust,

und da mag es ja sein, daß die enge Beschränkung in einer Steinmauer

eher den Weg ins Innere weist als das freie Himmelszelt. Aber du lieber

Gott, mein Inneres ist ja nicht gerade allein +dort+, wo die

Blutmuskel pumpt und das Gehirn arbeitet, mein Inneres ist überall,

wohin ich denken kann, ist in allem, was das Ohr hören und das Auge

sehen und das Gemüt fassen kann. Alles, wovon ich weiß, alles ist mein

Leib, ist +mein+ Wesen.

Als an diesem Morgen mir solche Gedanken kamen, da jauchzte es

plötzlich: Mensch, Welt, du bist ja erlöst! Mensch, du bist Weltall

geworden! Weltall, du bist Mensch geworden! Du bist eins, du bist ewig

und dein Geist heißt Gott! -- Und da giebt’s ja kein Leiden mehr, keine

Unvollkommenheit, und wen sein Gürtel drückt am Menschenleib, der lege

ihn ab und umgürte sich mit dem Sonnenkreis! --

Ich habe es schon wiederholt geahnt, mein lieber Alfred, daß die

Stimmung des höchsten Glückes gefährlich werden kann. Heißt das, was

man so nennt. An diesem Pfingstmorgen auf der Kulmplatte hatte es mich

einen Augenblick lang überkommen: wenn ein Felsabhang da wäre, ich

müßte jetzt in den Sonnenkreis fliegen. Aber der Bauernknecht hielt den

Allmenschen zurück und sagte: „Was fällt dir denn ein! Soll der Adam

mit seiner kranken Brust in der nächsten Woche allein brachen?“

Und da habe ich meinen unendlichen Leib, der mir ohnehin nicht entgehen

wird, einstweilen an das Himmelszelt gehangen und ihn noch von außen

angesehen, durch die zwei Augen des Hans Trautendorffer.

Hast du schon bemerkt, daß der Tourist, wenn er eine hohe Bergspitze

besteigt, unwillkürlich fast immer zuerst nach Westen ausschaut? Ist

das der magnetische Sonnenstrich, der die Menschheit stets von Ost

nach Westen leitet? In mein Auge fällt zunächst die ferne Felsenkette

mit ihren rotglühenden Spitzen. Sie haben schon die aufgehende Sonne.

Nach der entgegengesetzten Richtung hin breitet sich das weite,

silberne Meer. Der Golf von Fiume, du kennst ihn. Verstehst du mich

denn nicht? Lachend erschrecken würdest du über die Ähnlichkeit

des weißen Nebelbeckens im Niedergai mit dem genannten Meerbusen.

Und auf den lichten Wassern des Quarnero gleitet ein Schiff dahin,

das ist ein Habicht, der über der weißen Nebelschicht schwebt. Und

jetzt geht dort, wo das Meer im Unendlichen ruht, die Sonne auf. Die

schreckliche, die blutige, die ungeheure Sonne! Ganz glanzlos, eine

glührote Scheibe, nach einem Rande hin dunkler, als hätte diese Kugel

eine Schattenseite. Ist denn das dieselbe, die nach wenigen Stunden

wie ein funkelnder Stern am hohen Himmel steht, jedes Auge blendend

mit vernichtendem Blitz! -- Nun hebt sie sich empor, ganz sachte. Kein

Spiegeln im Nebelmeer, nur die Berge werfen hinein ihre Schatten, deren

Ränder in Regenbogenfarben schillern. Und die Sonne lodert gewaltiger

und nimmt in plansicherer Unbändigkeit ihren Schwung durch den ewigen

Himmel.

Die armen Städter! Sie schlafen jetzt, dieselben Menschen, die vierzehn

Stunden später sich mit klingenden Münzen in die dunstige Bude drängen,

um einen Theatersonnenaufgang zu sehen.

[Illustration]

Am vierundzwanzigsten Sonntage.

Ich verewige den Saufüssel. Den Schleuderer! David der König hat

in seiner Hirtenzeit die Schleudersteine nach dem Riesen Goliath

geworfen, der Saufüsselbub nach der Schafherde des Adamshauses. Das war

sein Pfingstfestvergnügen und ist es ihm gelungen, einem trächtigen

Mutterschaf das Vorderbein abzuschlagen. Das hielt er wieder einmal für

einen guten Spaß. Ich entledigte ihn des Kleides und habe auf seine

Abachseite allerhand eindringliche Lehren geschrieben, eingedenk der

Alten, daß man die wichtigsten Dokumente auf Pergament schreiben müsse.

Darob will der Junge mich jetzt verklagen. Beim neuen Landboten, dem

Kulmbock, der alles recht machen wird, an dem keiner vorbeikommt, der

es nicht zuläßt, daß Lehrjungen thätlich berichtigt werden. Nach dem

neuen Gesetz dürfen keine Lehrjungen mehr gezüchtigt werden. Überhaupt,

wenn die Rebellion kommt, meint der Saufüssel, dann sei nicht mit den

großen Herren anzufangen, sondern mit den hergelaufenen Bauernknechten.

Er scheint sich schon so einen auf die Mücke genommen zu haben.

Der Kulmbock giebt’s jetzt groß. An den Werktagen wandert er in der

Bauernschaft umher und sammelt Unzukömmlichkeiten, Beschwerden, Wünsche

und Forderungen, um sie im Hohen Landtage vorzubringen. Dann wird er’s

ihnen schon sagen, „denen, die uns alleweil niederdrucken möchten. Wir

sind auch noch da, wir! Und Glasscherben fressen wir ihnen schon lang

nit, wir! Mit den Soci spannen wir uns zusammen, da werden ihnen die

Hosen schon bledern, denen gewissen!“

Am Sonntage nachmittags sitzt er zusammen beim Kirchenwirt, mit dem

Kuraten. Der Kurat hält nichts von den „Socis“; die Konservativen, sagt

er, die Geistlichkeit voran, die wären weit bessere Bundesgenossen.

Darauf antwortet der Kulmbock: „An die haben wir uns lang genug

gehalten, sie sind dabei alleweil stärker geworden und wir alleweil

schwächer. Na, Gott sei Dank! Mich kriegt keiner herum! An mir kommt

keiner vorbei!“

Ich sage dir, Freund, dieser Kulmbock ist der wahre Bauern-Bismarck!

Und nun ein Liedel vom verwundeten Mutterschaf. Der Rocherl als

Leidensgenosse hat besondere Teilnahme dafür und wollte ihm in einem

Winkel des Stalles aus frischem Stroh ein Lazarett errichten. Da kam

die Schwester und bettelte ihm das Tier ab. Der Junge war voller

Freuden, daß die Barbel einmal einen Wunsch aussprach und überließ ihr

das Schaf auf der Stelle. Sie nahm das schwere Tier in die Schürze,

trug es in ihre Kammer. Dort hat sie die Fußwunde mit lauem Wasser

gewaschen, hat die Wolle herum weggeschnitten, hat ein Pechpflaster

um das Bein gewunden, hat es mit Lappen verbunden und hat es in einen

alten Korb gelegt auf weiches Haferstroh. Anfangs hatte das Tier ganz

erbärmlich geschrien, dann lag es gar behaglich da und schaute aus den

viereckigen Augen mit dankbarem Blick auf die Wohlthäterin, die ihm

noch frischen Klee und laue Milch zum Abendbrot bereitete. Wir waren

alle herumgestanden, um ihr beim Verbinden zu helfen, aber sie machte

alles allein. Mittlerweile beguckte ich ihr Gemach. Der Spinnrocken,

der blanke Linnenschrank, der kleine Nähtisch, am Fenster blühende

Sachen. Sie besorgt mit solchen Dingen das ganze Haus. Gretchens

Stübchen kennst du ja. Manchen von uns himmelstürmenden Fäustlingen hat

Mephisto dahingeleitet.

Das gehört nicht hierher. Es ist nur ein Redeschmuck, ein dummer.

Als das Schaf anfing, neuerdings unruhig zu werden, sagte sie zärtlich

wie zu einem Kinde: „’s thut halt schon wieder weh, gelt!“ Und hub

an, den Korb sachte hin- und herzuschaukeln wie eine Wiege. Und dabei

selber so ernsthaft, so betrübt.

„Daß sie denn gar nimmer will lachen!“ sagte nachher die Mutter am

Herd. „Sie hat’s ja nit anders, wie vor und eh. Wer thut ihr denn was?“

Die alte Marenzel war gekommen und wollte gleich ins Stübchen zum

Mädel. Da begann in ihrer Rücktrage das Dachshündchen auf das Schaf

zu keifen, so, daß dieses entsetzt auf und davon wollte. Man hätte

gemeint, daß sie es der Mutter des Schleuderers eintränken würden.

Nicht mit einem Worte. Nur daß die Alte artig hinausgewiesen worden

ist. In der kleinen Kammer sei frei kein Platz zum Niedersitzen, in

der großen Stube könne sie besser abrasten. Dort nun fütterte sie ihr

Hündlein mit Speck und gesalzenen Schnecken. Der Liebling lehnte ab, er

war schon fett zum Platzen.

Als die Marenzel den Seufzer der Bäuerin hörte, warum das Mädel denn

gar nimmer lache, packt sie mit ihrer Weisheit aus:

„Hast schon geschaut, Traudel, ob ihr die Fingernägel blühen?“

„Wem? Der Barbel? Die Fingernägel?“

„Wenn ihr,“ fuhr das alte Weib fort, „an der rechten Hand die

Fingernägel blühen, so steht ihr ein großes Glück zu. Und wenn ihr an

der linken Hand die Fingernägel blühen, so steht ihr ein Unglück zu.

Und wenn ihr der Nagel am Ringfinger blüht, so hat sie den Milzschwund.

Und wenn der Mensch den Milzschwund hat, dann kann er nimmer lachen.“

Wenn ich meinen lieben Philosophen richtig beurteile, so wird er jetzt

die Nägel seiner Finger besehen, wie wir es gleich beim nächsten

Abendessen gethan haben. An uns und heimlich an der Barbel. An der

kleinen, rundlichen linken Hand hat sie nichts auffälliges, als daß

dieselbe eben sehr schön geformt ist. Das kann er, der ewige Bildhauer,

wenn er will! -- An den rosigen Nägeln der rechten Hand, die gerade

so schön ist, hat sie ein paar weiße Punkte. Schneeweiße, wie winzige

Kirschbaumblüten. Die Hausmutter warf dem Adam einen bedeutsamen

Blick zu. Sie kannte es, das Blühen war’s. Also helles Glück und kein

Milzschwund.

Warum sie denn also einzig nicht lachen will!

Am nächsten Frühmorgen soll die Barbel einen Ruf der Überraschung

ausgestoßen haben. Der Franzel hat ihn gehört und sich gedacht: Was

jauchzet denn heut’ die Barbel schon in aller Frühe! -- Hatte das graue

Schaf im Korb ein schwarzes feuchtes Lämmlein bekommen. Nun beleckte es

das Junge und die Barbel stand da und wußte nicht, wie ihr geschah.

Der Adam flüstert seinem Weibe zu: „Das ist recht, jetzt wird sie schon

lustig werden. Jetzt hat sie was zum Gernhaben.“

Und sie fing an, das kleine zappelnde Wesen, das noch so unsicher auf

den vier langen Beinchen stand, zu hegen und zu pflegen. Wir durften

keines in die Kammer. Dem Rocherl gelang es aber doch am Nachmittage.

Ein rotes Seidenbändchen hatte er im Papier. Das that er auseinander

und ließ es flammen vor ihren Augen: „Kannst du das brauchen, Barbel?“

„Das Bändel? Wozu soll ich das Bändel brauchen?“

„Dem Lamperl, hab’ ich gemeint, müßt’ es gut stehen um den Hals.“

„Meinst du, daß wir so hoffärtig sind?“ fragte sie ein wenig

schelmisch. „Du sollst dirs doch selber umhängen, wenn dus schon

gekauft hast.“

„Ich hab’ es nit gekauft. Ich hab’ es von der Kulmbock-Fronerl schenkt

bekommen.“

„Und willst es jetzt ans Lamperl hängen?“

„Weil ich’s deinetweg hab’ thun wollen.“

Sie streichelt ihm das Haar. „Dummer Bruder, du! Was man lieb geschenkt

kriegt, das darf man nit gleich wieder so herschenken. Das muß man

schön behalten.“

Er wendet sich unwillig ab: „Hab’ mir’s eh gedacht. Was von mir kommt,

das ist dir nichts mehr. Von jedem andern nimmst alles.“

„Von jedem andern? Wie ist das gemeint, Rocherl?“

Er kniff die Lippen zusammen und die Augen zu, er preßte sich die Faust

an die Brust, als wäre ein heftiger Schmerz totzudrücken.

„Du bist kindisch, Rocherl,“ sprach sie voller Zärtlichkeit. „Von jedem

andern, schau, so was mußt du nimmer sagen. Man kann ja nur Einen gern

haben.“

„Warum hast du mich nimmer gern!“ schrie er auf.

„Aber Närrlein! Du bist ja mein lieber Bruder!“

Er packte sie um den Nacken, küßte sie heftig auf die Wange und

taumelte zur Thür hinaus.

Am selben Abende hörte ich ihn vor sich hinmurmeln:

„Es wird sein müssen! Es wird sein müssen.“

Mir fällt’s auf, schon seit einiger Zeit. Der Rocherl wird von Woche zu

Woche blässer und bekommt einen so sonderbaren Blick. Ich weiß nicht,

mir ist er unangenehm, dieser Blick. Früher war er nicht. So etwas

Springendes, wie ein Funken, den der Wind jagt. Ob +dem+ nicht

etwa die Nägel der linken Hand blühen? Keinesfalls schlägt ihm seine

unstäte Stimmung so gut an, wie der Barbel ihre stille Ernsthaftigkeit.

So schweigen die Lilien und blühen. --

Mir geht’s -- um einmal landläufig briefzuschreiben -- Gott sei Dank,

auch so weit gut. Die Arbeiten sind nicht schwer um diese Zeit. Der

Anbau ist vorüber, die Wiesen sind bewässert und gereinigt. Lässig

wird im Wald herumgethan, um Brennholz zu machen aus dem Gefälle und

dürrem Astwerk, das der Sturm niedergeworfen hat. Man kliebt das Holz

zu Scheiten, stößet es auf, um es gelegentlich mit einer Schlarpfen in

den Hof hinabzuschleifen. Dann die Vorbereitung für die Erntezeit, die

Sensen werden gedängelt, die Rechen gezähnt, die Heugabeln geschaftet,

die Sicheln beheftet, die Körbe bebändert, die Karren berädert.

Man ackert den Krautgarten, macht dann mit der Eisenstange Löcher

in die gelockerte Scholle, gießt Jauche auf und setzt die zarten

Kohlpflänzchen ein. Zum Hüter dieser wichtigen Pflanzung wird der

Hasenschrecker aufgestellt. Na, da hat es sich wieder einmal gezeigt,

was so ein zugereister Knecht kann. Mit einer alten Linnenhose vom

Rocherl, einer zerfaserten Joppe und einem löcherigen Hut vom Hausvater

hat er einen Strohbund bekleidet, denselben mit einem hölzernen

Rückgrat versehen und mitten auf den Krautgarten gestellt. Es ist

eine wahre Charaktergestalt und zwar von der Gattung, die hier herum

öffentliche Meinung macht. Die Arme breitet der Kerl weit aus und

wird die Beständigkeit, mit der er das thut, durch eine Querstange

hergestellt. An den Händen hat er lose hängende Brettchen, die beim

Luftzug aneinander klappern, so daß die Hasen etwas meinen sollen.

Die älteren, nämlich solche, die keine heurigen Hasen mehr sind,

lassen sich nicht so leicht dupieren. Sie lassen den harmlosen Herrn

mit seinem martialischen Aussehen und seinem Strohkopf stehen und

klappern, und fressen ruhig die Kohlpflanzen ab, ihre Lieblingsspeise

selbst im Sommer, wo ihnen doch allüberall Freitisch gedeckt wäre. Die

unerfahrenen Häslein aber, jene mit den Hasenfüßen, haben vor dem Herrn

Polizeirat auf der Stange einen heillosen Respekt und wagen sich nicht

an den Krautgarten.

Weil der Mensch in den holden Frühsommernächten nicht immer schlafen

mag, so habe ich mich selbst dem Hasenverscheuchamte zur Verfügung

gestellt. Neben dem Krautgarten steht ein Kirschbaum, darunter sitze

ich auf der Bank und genieße die Nacht. Am vorigen Freitag sitze ich

dort wieder. Es ist warm, fast schwül, der Himmel umzogen. Drin

über dem Hochgebirge Wetterleuchten. Im Hause schläft alles voll

tiefer Ruh. Auch die Kuhschellen im Stall melden sich nicht mehr.

Kein Glanzkäferchen unten, kein Käferchen oben. Nur Wetterleuchten in

allen vier Weltgegenden. Es ist fast, daß einem bange werden könnte.

Ich wandle langsam am Rain gegen den Schachen hin und horche, ob kein

Murren zu hören ist aus der Ferne. Nichts. Schweres Schweigen. Ich gehe

wieder dem Hause zu und denke: Menschenherz, halte Frieden. -- Und wie

ich um die Ecke biege, steht einer vor ihrem Fenster. Das Fenster ist

offen. Drinnen thut jemand schluchzen, sehr tief, sehr heftig. Der vor

dem Fenster spricht etwas hinein, ich kann’s nicht verstehen. Beruhigen

will er, so kommt es mir vor, so gütig spricht er hinein. Und ist’s der

Schullehrer.

„Kannst du mich denn noch lieb haben, jetzt!“ sagt sie drinnen.

„Klage +dich+ nicht an, ich bitte dich. Laß +mir+ die Last.

Ich verlaß dich nicht!“

Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes. · 第 15 / 46 题