Er spricht wieder leise und tröstet sie; es zittert sein Hauch vor
Erregung. Und sie weint und weint.
„Hättest es mir früher sagen sollen,“ spricht er.
„Ich hab gemeint, unser Herrgott wird mich sterben lassen. Hab’ ihn
schon darum gebeten...“
Er will immer beruhigen und trösten. Sie weint und weint.
Da bin ich in meine Kammer gegangen. Was hat mir denn der Lehrer
erzählt, damals in der Hochthalklamm? Wenn es +das+ wäre?! -- Vor
dem Schlimmsten erwehre ich mich mit der Vorstellung: Des Hausvaters
wegen. Er ist brustkrank. Schlecht wird’s mit ihm stehen und sie sagt
es jetzt dem Lehrer.
Hingelegt habe ich mich auf mein Stroh und bin wieder aufgestanden. Und
hinausgegangen auf den Anger. Es ist Ruhe. Am Fenster steht er nicht
mehr.
Und wie ich wieder liege in meiner Kammer, da fällt es mir ein: Hat das
Fenster ein Gitter? --
[Illustration]
Am fünfundzwanzigsten Sonntage.
Das ist das Kapitel vom „Jungfrauentag“. Auch der „Kranzeltag“
geheißen, den wir gefeiert haben am vorigen Donnerstag zu Hoisendorf.
Feierlicher Umgang durch das Dorf, über die Matten hin. Und auf dem
Rechenstein donnern die Pöller wie Kanonen. Ja, hier schreit auch
das Pulver betend auf zum Himmel, zur Reue und Buße dafür, was es
anderswo Böses thut. -- Die Herren von der „Kontinentalen“, wenn sie
mich so mit entblößtem Haupte und laut betend unter den Bauern hätten
dahinschreiten sehen, sie würden ausgerufen haben: Was thut der Mensch
nicht alles um zwanzigtausend Kronen! -- Pfui, daß mir diese Sachen
immer noch aus der Feder springen. Ich bin doch fertig mit ihnen. Und
gründlich fertig, will ich hoffen. Die ländlichen Vergnügungen, als
Rangeln, Fingerhäkeln, Hosenlüpfen, Kegeln und Karteln, Fensterln und
Wildeln würden etwas länger gebraucht haben, um mich in den Strudel
des Bauernlebens hineinzuziehen, als es die Arbeit und das Leiden
gethan. Ich habe schon oft beobachtet, daß Lust und Vergnügen die
Menschen entzweien, die Leiden sie einigen. Das letztere habe ich nun
auch erfahren. Wenn Wesen zusammenwachsen sollen, sie können es nur an
blutenden Wunden. Und hat es letztens der Kurat auf der Kanzel gesagt:
Wo das Leid ist, da kommt leicht auch die Liebe und der Glaube. Es mag
wohl so sein.
Freund, ich bin nicht der Sitte halber hinter dem Sakrament
einhergegangen. Wer selbst das Feld bepflügt hat, der wandelt unter
heißem Sonnenhimmel hübsch demütig einher in der betenden Schar, die
ein hundertstimmiges Rufen thut: Herr Gott, Allmächtiger, bewahre
unsere Erdfrüchte! Beschütze uns vor Blitz und Ungewitter! -- Und wäre
nichts vorhanden, als die harte Natur allein, wenn so viele Lebewesen
gemeinsam etwas wünschen und ersehnen, da wird eine neue Kraft wach
und es muß sich erfüllen. In einem Dichterbuche habe ich gelesen: In
dem Augenblick, wo alle Kreatur zu gleicher Zeit heiß wünschen würde,
nicht zu sein, würde die Welt aufgehört haben zu sein. -- Kann die
Welt auf gemeinsames Verlangen verneint werden, so wird sie durch
ein gemeinsames Verlangen auch bejaht werden können. Ich halte was
auf Einmütigkeit der Menschen in Lieben, Hassen und Wünschen. In
dieser Einmütigkeit läge doch vielleicht jener Punkt, von dem aus die
Geschicke lenkbar sind.
Das mögen so meine Erbauungen gewesen sein, während wir betend über die
Fluren streiften. Der Herrgott wird bei dem zugereisten Knecht halt mit
dieser Andacht haben fürlieb nehmen müssen, sie war ja nichts anderes
als eine Willenserklärung: Ich bin einverstanden mit allem, um was sie
dich bitten, o Herr!
Die Burschen, unter die ich mich eingereiht hatte, dürften zeit-
und stellenweise auch anderen Andachten gehuldigt haben, bei denen
der schlechte Adamshauser-Knecht möglicherweise wieder gleicher
Willensmeinung war. Ach, diese krummen Wege! So oft sie sich bogen,
sahen wir vor uns das Haupt der Schlange, oder hinter uns den
Schweif. Wir sahen nicht bloß den roten „Himmel“, unter dessen
Dache der Kurat im Ornate die Monstranze trug, nicht bloß die vier
Stangenlaternen und die bunten Fahnen, nicht bloß die Spielleute
mit ihren Trompeten, Klarinetten und Trommeln, wir sahen auch die
lange Reihe der weißgekleideten Jungfrauen mit dem Rosmarinzweige
im Haar. -- Der Rosmarinzweig im Haar gilt hier als das öffentliche
Bekenntnis magdlicher Unversehrtheit. Solches Bekenntnis wird abgelegt
einmal im Jahre, und zwar am Frohnleichnamstage. Da gehen Kleine
und Große, Schöne und -- Andere, bei denen die schämige Behauptung
um so glaubhafter erscheint. Etliche sind wohl zu arm, als daß sie
sich ein weißes Kleid anschaffen könnten, sie sind in ihrem blauen
oder buntgestreiften Sonntagsgewand, aber der grüne Zweig auf ihrem
gescheitelten Haar spricht so erfreulich und züchtig, wie bei den
Weißen.
Die Burschen lassen natürlich ihre Augen fleißig spazieren gehen über
diese lieblichen Reihen hin, sie wissen, daß man sich auf den alten
Brauch so ziemlich verlassen kann. Eine, die freimütig ihr bekränztes
Haupt dahinträgt durch den Frohnleichnamstag, die steht nicht bloß
hoch im Preise, nein, sie ist eben gar nicht zu haben. Es wäre kaum zu
wagen, was einst eine heimlich Gefallene draußen in Sankt Kunigunden
gewagt hat. Sie wand sich am Frohnleichnamstag einen Rosmarinzweig ums
Haupt, und während des Hochamts verwandelte sich der Rosmarin in einen
Brennesselstrauß, dessen Stämme so hoch aufwucherten, daß man sie in
der ganzen Kirche sehen konnte. So etwas möchte Keine erleben.
Da bleibt man lieber weg und läßt die Frage offen.
Warum es nur den Burschen erlassen sei, ein öffentliches Bekenntnis
abzulegen, habe ich den Rocherl scherzweise gefragt. Er schaut mich
verblüfft an und antwortet, ich solle nicht so dumm fragen. -- Was soll
man sich von einer solchen Antwort denken, Philosoph?
Nun, bei dieser Prozession ging der Schragererknecht neben mir her, und
der Almhalter Blasius und hinten der Saufüsselbub. Während des Psalters
führten sie miteinander eine halblaute Unterhaltung über Dirnlein,
die nicht da wären. -- „Die Gleimersche ist wohl schon auf der Alm.“
„Die Kulmbock Fronel?“ „Die hilft ja das Frauenbild tragen, siehst du
sie denn nicht? Dort, die große mit der roten Masche auf dem Buckel.
Einen ganzen Rosmaringarten hat die auf ihrem roten Haar, dreidoppelt
hat sie das Grünzeug um den Kopf geschlungen. Na, die muß freilich
Eine sein! Sogar mehr als eine.“ „Hast du die Adamshauserische noch
nicht gesehen?“ „Bigott, die Barbel ist nit da!“ „Die thut am End’
kirchenschwänzen heut’.“ -- Da huben die Racker an zu kichern.
Und nachher zu Mittag. Als der Adam heimkam von der Kirche, ging er in
die Kammer, wo das Mädel gerade Linnenzeug zusammenfaltete, an dem sie
genäht haben mochte.
„Ist bei dir heut Werktag, Barbel?“ fragte der Vater.
„Am Werktag komm’ ich nicht dazu, zum Nähen.“
„Ich hab’ gar gemeint, du bist krank, daß du nicht in die Kirche gehst
an so einem Tag!“
Sie knüpfte wohl eifrig an einem Zwirnsfaden und sagte dann ganz
gleichmäßig: „Vater, ich hab’ nichts aufzusetzen gehabt. Das dumme
Schaf. In den Garten ist’s mir gestern gekommen und hat den Rosmarin
gefressen.“
„Daß du aber nicht besser acht giebst, Kind!“ sagte der Adam und ging
in den Garten hinaus. Es war so. Die Rosmarinstämme abgebissen und welk.
Bald darauf kam die Mutter hinein. Ich stand just im Vorhause hinter
der Thür. Die Hausmutter that anfangs recht gleichmäßig, man muß bei
ihr aber nur das Zucken an den braunen knochigen Händen kennen!
„Du Barbel!“ sagte sie, „warum bist du denn nit in die Kirchen
gegangen?“
Der Mutter antwortete sie nicht so.
„Das hab’ ich doch meiner Tag nicht gesehen,“ fuhr die Hausmutter
fort. „Bleibt der große Leutstock in der Hütten hocken! Dieweil jede
ordentliche Dirn mit ihrem Kranz beim Umgang ist, wie sich’s gehört!
Gehst du jetzt auch noch nit herfür? Wart, dir will ich noch einmal
zeigen, wo das Loch ist hinaus! Trutzen die längste Zeit, und kein
Mensch weiß, warum!“
„Getrutzt hab’ ich nie, Mutter!“
„Nit! Getrutzt nit! Also was denn? Ist das vielleicht Zulebigkeit, wenn
du mit niemand nichts redest die ganze Zeit und ein Gesicht machst wie
ein Armenseelenstagwetter! -- Ist dir was nit recht? Geht dir was ab?
Hat dir wer was gethan? Ich leid’s einmal nit, die verdankte Mockerei!“
„Mocken thu’ ich nit!“ sagte die Barbel.
„Die Leut’ reden schon all!“ fuhr die Hausmutter fort. „Gerad’
ausgewichen bin ich ihnen, weil mich jedes gefragt hat auf dem
Kirchweg: Wo ist denn heut’ die Barbel? Und wesweg zeigt sich denn
die Barbel nit auf? -- Daß du Zahnweh hättest, hab’ ich lügen müssen.
Schand und Spott kunnt’st bringen über uns miteinander, wenn’s nit all
thäten wissen, daß du brav bist.“
Das Mädel wendete sich seitab, um das Linnenzeug in den Schrank zu thun.
Die Mutter ging ihr ein paar Schritte nach und sagte: „Barbel! Schau
mich an! Schau mir ins Gesicht!“
Da wankte das Mädel zur Thür hinaus.
Die Hausmutter -- sie stand still. Wie in den Boden gewachsen, so stand
sie still und starrte in den dunklen Vorraum, wo das Mädel verschwunden
war. Sie sagte kein Wort, kein einziges mehr. Die Arme hob sie, die
Hände legte sie zusammen.
Dann beim Mittagsmahl. Die Barbel war nicht bei Tische erschienen.
Der Rocherl war nicht erschienen. Niemand fragte, wo sie wären. Wir
übrigen saßen schweigend beisammen, es wollte nicht schmecken. Eins um
das andere legte den Löffel frühzeitig weg, stand auf und ging hinaus.
Endlich bin ich allein dagesessen und habe nachgedacht, was all das
bedeuten soll. -- Am Nachmittag ging der Hausvater hinaus auf die
Weide, um Löffelkraut zu suchen. Löffelkraut ist eine Arzenei für den
Milzschwund.
Gestern früh, wie ich meine Rinder zum Brunnen lasse, gellt an der
Hausecke ein wilder Schrei und sehe ich, wie der Rocherl, eine Holzaxt
in der Hand, zwischen den Kirschbäumen durchläuft, am Raine hinaus, dem
Schachen zu -- einem andern nach. Und knapp vor dem Hause steht der
Hasenschrecker, als wäre er auf seiner Stange zu Fuß vom Krautgarten
herüber gekommen. Nur daß er die Arme nicht ausbreitet mit den
Brettlein. Diese Arme hält er über der Brust und es liegt etwas drin --
eine mit Faden zusammengebundene Strohpuppe. -- So steht das Ungetüm
vor ihrem Fenster....
Ich glaube, daß der Popanz von niemandem bemerkt worden ist, außer dem
Rocherl und mir. Ich habe das Ding in die Streuscheune geschafft und es
dort in tausend Stücke zerrissen. Den Tag über habe ich gelauert, ob
die Hausvatersleute oder gar sie selber den abscheulichen Schimpf am
Ende wohl doch wahrgenommen hätten. Sie thaten nichts desgleichen. Es
war die stille Traurigkeit, wie gewöhnlich. Auch mit dem Rocherl habe
ich kein Wort darüber gesprochen, er war verstört den ganzen Tag.
Und wer dem Hause die unerhörte Schmach angethan, der -- könnte mich
ins Kriminal bringen.
[Illustration]
Am sechsundzwanzigsten Sonntage.
In der großen Hausstube, an den Herd festgebaut, steht der Backofen.
Die rückwärtige Wand mit den grünen Kacheln geht ins Nebenstübchen.
Diese Wand hat Sprünge bekommen und wenn Backzeit ist, kriecht durch
dieselben der Rauch hervor, beißt der Hausmutter in die Augen.
Wenigstens sagt sie so, wenn sie mit geröteten Augen daherkommt. Der
Ofen muß geflickt werden und auch der Herd hat seine Schäden, Sprünge
und Löcher, in denen die Schwabenkäfer wieder ihren eigenen Herd bauen.
So sind wir, der Hausvater und ich, dieser Tage ausgezogen, um Lehm
zu suchen. Moorgrund in den Niederungen überall, aber weißer Lehm
ist selten. Mein Bauer weiß es schon nach der Gräserart zu schätzen,
ob unter dem Rasen Lehm ist oder nicht. Hinter dem Sattel drüben,
in der Brandsteinschlucht, haben wir endlich einen gefunden. Es war
gerade nicht leicht, durch Gestrüppe und Rasengefilze aufs Fletz zu
dringen, dann ist es aber reiner käsegrauer Lehm, aus dem man auch
weiße Wandtünche machen kann. Also, da hat mein alter Adam mit dem
Spaten sich in seinen feuchten Urstoff hineingewühlt und ich habe die
hervorgegrabenen Schollen in Säcke gefaßt.
Beinahe den ganzen Tag hat er so geschürft und gegraben, und nichts
dabei gesprochen. Immer nur gegraben und gegraben, so daß ich habe
sagen müssen: „Vater, lasset doch mich dazu. Ihr werdet wieder den
Dampf kriegen!“
Er antwortet nicht und gräbt.
Endlich hat er sich niedersetzen müssen auf den Rasen. Mit den
Hemdärmeln fährt et langsam über seine Stirn. Dann sagt er: „Ja, mein
lieber Hansel, so gehts.“
Und sonst wieder nichts. Wendet nur so ein wenig den Kopf, als ob er
horchen wollte, was das rieselnde Wässerlein sagt. Es sagt eigentlich
nichts, es rieselt bloß und rieselt schon den ganzen Tag.
„Ja das wohl,“ spricht endlich der Adam zu mir. „Wenn dir auch einmal
sollt hart werden und bang werden auf der Welt, Hansel: Nur fest zum
Arbeiten schauen!“ Wie traurig hat er das gesagt.
„Mein Gott, Vater, ihr thut halt sonst gar nichts, als arbeiten. Da
müsset ihr ja zu früh von Kräften kommen. Ihr habt doch noch andere
Leute dazu.“
Er thut ein großes Stück Brot hervor, das wir für einen Imbiß
mitgebracht haben, er hält es mir hin und auch den Taschenfeitel dazu:
„Schneid’ dir ab, Hansel, schneid’ dir nur recht ab. Wohl wohl, bei
meinem Aufwachsen hat’s noch mehr so willige Dienstboten gegeben.
Jetzt schon lang nimmer. Es ist schon bald so, daß man den Leuten
schier nichts mehr zu schaffen getraut. Und umgehen mit ihnen wie mit
einem lehnen Ei, sonst laufen sie davon. Dem Nachbar Gleimer sind erst
gestern wieder ein paar Knechte fortgegangen, wo jetzt die g’nötige
Zeit kommt. Desweg --.“ Jetzt steckt er sich eine Brotschnitte in den
Mund und redet nicht weiter.
Da muß doch gefragt werden: „Sollt’ ich euch einen Anlaß gegeben haben?
Ich wüßte nicht. Ich bin ja ganz zufrieden.“
„Hansel,“ sagt er und schaut mich an, „bei dir kenn’ ich mich halt
alleweil noch nit aus. Muß frei sagen, schon fünfunddreißig Jahr lang
bin ich Adamshauser, aber so einen wie dich, Hansel... Mein Weib sagt’s
auch, nur dir mag sie’s nit sagen, sagt sie. Wenn du’s erst thätest
wissen, was du für uns wert bist, möchtest dich leicht teurer machen,
meint sie. Ah na, Mutter, hab’ ich ihr drauf gesagt, wie ich den Hansel
kenn’, so ist er nit. Den hat uns der lieb Herrgott geschickt.“
Freund Alfred! In deinem letzten Briefe findest du es bedenklich, daß
ich der Wette wegen keine Schrift in Händen habe. Ich brauche keine.
Und wenn sie jetzt die Kronen verdoppeln wollten, um mich fortzuziehen
-- diesen Menschen verlasse ich nicht.
Ich halte ihm die Hand hin: „Thut mir vertrauen, Vater Adam. Werd’ euch
schon einmal sagen, wie es mit mir ist. Derweil denket euch nur, der
Hansel möchte halt auch gerne einmal in den Himmel kommen und so hilft
er, wo es not thut.“
„Glaubst du doch noch ein Bissel was?“ sagt er zu mir. „Immer einer wie
du -- möcht’ den Herrgott leicht abgedankt haben.“
-- Immer einer wie du? Sollte er doch ahnen, wissen, aus welchen Zonen
ich komme?
„Na ja,“ meint er, „mein Urgroßvater hat gern gesagt: Der Fichtenbaum
weiß auch nichts von Gott und wachst doch dem Himmel zu. Und die
Weltkugel muß allerhand Spreitzen haben, wenn sie nit davonkugeln soll.“
„Habt ihr euern Urgroßvater denn noch gesehen?“
„Er ist hundertdrei Jahr alt geworden.“
So der Adam und berichtet mir dann mancherlei von seinen Vorfahren.
Seit Menschengedenken sind sie auf diesem Hofe gesessen. Nichts als
Arbeit so weit man zurückschaut. Keiner derer vom Geschlechte der
Weiler war je in der Fremde gewesen, keiner Soldat oder sonst was
außergewöhnliches. Immer auf dem Stammhause nach Vatersbrauch in alter
Sittsamkeit und Ehr’. „Keiner hat Unehr’ gemacht,“ hob er hervor, „im
Kirchenbuch kann man’s ja sehen.“ -- Das Adamshaus, so hat’s seit
alters her geheißen und jeder Adamshauser hatte stets nur die eine
Lebensaufgabe gehabt, das Bauerngut für seine Kinder zu bewahren.
„Und diese Kinder --“ setzt der Adam leiser sprechend bei, „machen
einem...“ Er hebt einen Seufzer aus der Brust: „So viel Kummer machen
sie einem! -- Nimm noch Brot, Hansel.“
Auf mein Vorhalten, daß er ja brave Kinder habe, antwortet er:
„Freilich wohl, freilich wohl! Wenn sie nit gut wären, thäten sie
einen nit so derbarmen. -- Der eine ist ein Hascherl mit der Hand. Der
Gesunde in der Stockfremd’ thut sich zu Tod kränken.“
„Der Valentin, ist er wieder krank?“
„Die Heimkrankheit, oder was.“ Der Adam sucht in den Taschen und findet
im Hosensack einen zerkrümmelten Brief und ich möchte ihn lesen. Den
muß ich dir abschreiben.
„Liebe Eltern!
Im Anfang meines Schreibens bedanke ich mich fürs Geld und mache
euch zu wissen, daß vom Spital wohl heraus bin, aber sonst nicht
weiß, was mit mir ist, indem Keiner auf Urlaub gehen darf und
heißt es, ein Feldzug. Wenn das sollt sein, weiß ich nicht, was
geschieht und möcht wohl am liebsten bei der Nacht davon und heim.
Dem Rochus sein Brief hat mich geschreckt, derbarmt mir wohl
hart und die Hand wird nicht billig verkauft, wenn ich den Jäger
einmal derwisch! Sonst nichts Neues, die Übungsmärsche in der Hitz
sind wohl nicht leicht. Ich schließe mein Schreiben mit tausend
Grüßen an euch, liebe Eltern und Geschwister, und verbleibe euer
dankschuldiger
+Valentin+.