Er stößt sich die Faust an die Stirn: „Zu Grund’ geh ich!“

„Schmerzt dich die Hand so arg?“

„Die Barbel!“ schreit er auf.

„Die Barbel? Deine Schwester? Ist ihr was?“

„Jeden Zugelaufenen hat sie lieber als mich!“

„Jeden Zugelaufenen? Wer ist damit gemeint?“

„Das weiß ich schon!“

Sollte er mich --? Kaum denke ich das, so stürzt er mir an die Brust,

stöhnt, gröhlt und bringt endlich die Worte hervor: „Weil ich sie gern

hab’! -- Umbringen muß ich mich!“

Alfred! In meinem Leben bin ich selten noch so erschrocken, als jetzt.

Wenn es wäre, daß dieser junge glühende Mensch eine Leidenschaft nährte

zu seiner Schwester!

Den abscheulichen Augenblick habe ich sofort in Spaß gebeizt.

„Am Ende, Rocherl!“ sage ich in komisch gespielter Entrüstung „am

Ende hast du mit dem Mädel eine Liebschaft. Nachher wird gerauft! Und

den Alten töte ich auch. Was hat er ihr Blumen zuzustecken! Das Mädel

gehört mein. Sie mag mich zwar nicht, und dich auch nicht, aber gerauft

wird doch. Haderlump! Prügel kriegst, weil sie uns nicht mag. Und ich

krieg’ ihrer auch, deswegen. Und auf meinem breiten Buckel haben mehr

Platz, als auf deinem Forellenrücken. Nachher kann sie uns Schusterpech

auflegen, das die Prügel wieder herauszieht.“

Grell aufgelacht hat er. Dann sagt er ruhiger: „Du hast leicht Spaß

machen. Ich weiß schon, wen ich meine.“ Dann ist er in sein Bett

gegangen und die Wasser haben gerauscht im Thale.

Am neunzehnten Sonntage.

An diesem Briefe, mein Freund, werde ich wohl zwei Sonntage zu

schreiben haben. Nicht, weil die Finger steif geworden sind. Nicht,

weil ich jetzt lieber im Freien herumstreichen möchte, als gebückt über

der Truhe zu sitzen. Ein anderer Verzug ist vorhanden. Es ist lang und

es geht tief. Wenn’s nur ein Roman wäre und ich ein Romanschreiber.

Gott, wie nett! Aber es ist ein Schicksal und ich bin ein armer Mensch.

Daß wir etwas Bedenkliches im Hause haben, ahnst du. Oder bist du noch

nicht auf schlimme Gedanken gekommen? -- Ein halbverlumpter Städter

geht, um eine Geldsumme zu gewinnen, zu den Bauern, prahlerisch,

hinterlistig. In einem Gebirgshause bei schlichten herzensguten Leuten,

wo er in Vertrauen und Treue aufgenommen wird, verführt er den Liebling

aller, die einzige Tochter und Schwester, ein engelschönes, schuldloses

Kind. Sie thut sich Leides an, Vater und Mutter vergehen vor Gram und

der Abenteurer kehrt -- nachdem er die Familie im Bauernhause zu Grunde

gerichtet hat -- zur Stadt zurück, um seine Wette einzustreichen.

Wäre das nicht packend und modern?

Nein, es ist schlecht und grausam, solche Ungeheuerlichkeiten auch nur

zu denken. -- Es ist aber auch eine ganz niederträchtige Hoffart, zu

sagen: Bei mir weit entfernt davon! Es waren Augenblicke der Gefahr,

daß Gott mich verlassen könnte! -- Aber darf der Gerettete denn

jubeln, wenn er andere in Not, vielleicht in Schuld steht?

Doch, das muß alles hübsch in Ordnung vorgebracht werden, sonst wirst

du mir kopfscheu. Mein ältester Bekannter in Hoisendorf ist, wie du

weißt, der Schullehrer Guido Winter. Derselbe, der im Januar mir das

Adamshaus gewiesen hat und mich dann nicht wollte heraufsteigen lassen.

Hernach hat’s eine Spannung gegeben und nun ist alles klar. Der Mann

ist etwa um zehn Jahre jünger als ich. Nicht gerade der Hübscheste.

So blatternarbig, daß der Rocherl sagt, er müsse mit dem Gesichte auf

einem Rohrstuhl gesessen sein. Dazu linkisch und ungeschickt, ein

bissel unterthänig und ein bissel stolz und ein bissel eigensinnig und

hat noch besondere Sachen. Im ganzen ein frischer Kerl. Wir kommen an

Sonntagen zusammen und Plaudern. Ich besuche ihn schon seiner Bücher

wegen und weil er mir die Zeitung vermittelt, die übrigens nur deshalb

für mich noch einen gewissen Reiz hat, weil sie im Adamshause eine

verbotene Frucht ist. Der Apfel vom Baum der Erkenntnis, wenn ich

geistreich sein wollte. Doch heute habe ich dir wichtigeres zu sagen.

Mehrmals schon hatte ich bemerkt, daß der Lehrer hinterhältig gegen

mich ist. Natürlich, er kann ja auch aus mir nicht klug werden. Er

kennt sich nicht aus bei diesem zugereisten Knecht und ich habe bislang

Bedenken getragen, ihm meine Geschichte mitzuteilen. Nun kommen aber

nach und nach allerhand Geschichten zusammen, eine hängt an der andern

wie in Tausend und einer Nacht, und sind noch so viele Wochen! Was das

für ein Ende geben wird -- der Himmel weiß es!

An diesem schönen Frühlingstage, als ich nach Hause will, hat sich

der Lehrer mir angeschlossen. Er müsse einmal ganz extra mit mir

gehen, vorgenommen habe er sich’s schon lange. Da ist mir schon so

etwas aufgefallen. -- Wir gehen nach dem Wasser hinein, wir gehen aber

nicht den Berg hinauf. Wir steigen in die Klamm und durch das Hochthal

weiter bis zum Almboden, wo jetzt neben Resten von Schneelawinen aus

dem grauen Gefilze des Vorjahrs endlich auch das feine frische Gras

hervorsticht, gelbliche Primeln stehen, die dünnständigen Lärchen

grünen und in roten weichen Zäpfchen blühen. An den Berglehnen ragen

stellenweise graue Steinknorze hervor und aus dem Hintergrunde des

Hochthals leuchtet eine zerrissene Felswand. Wenn ich zeichnen könnte!

Pah, die Landschaften bleiben ja stehen. Die Menschen müßte man

zeichnen!

Zuerst, glaube ich, haben wir von Adams Franzel gesprochen, dem

Schulknaben. Ein aufgewecktes Köpflein, sagt der Lehrer. In den

Schulgegenständen nicht gerade der erste, aber voller Aufmerksamkeit

und Beobachtung für Tiere, Pflanzen, Steine. Die Bücher langweilen ihn,

wo er aber frei denken und Schlüsse ziehen kann, da ist er der ganzen

Schule über.

„Den müssen wir wohl in die Stadt zu bringen trachten,“ setzte der

Lehrer seiner Schilderung bei.

„Hören Sie mir auf mit der Stadt!“ rief ich drein. „Was soll er denn

in der Stadt? Dort giebt’s ohnehin schon gescheite Leute genug. Lasset

doch auch ein paar kluge Köpfe bei den Bauern daheim. Da haben sie

schon auch ihre Nüsse zu knacken und ist wenigstens ein Kern drin.

Wenn alle begabten Leute davonlaufen, dann ist es wohl kein Wunder, daß

geschieht, +was+ geschieht.“

„Es geschieht auch, wenn sie dableiben,“ sagte der Lehrer. „Es

geschieht, weil es geschehen muß. Und da möchte man doch die

intelligenteren Kräfte möglichst auf einen besseren Boden retten, ehe

sie in den Einöden verkommen und elendlich zu Grunde gehen.“

„Ich habe selbst einmal ähnliches geschrieben,“ sagte darauf der

zugereiste Bauernknecht übereilt. „Das heißt, wie man so seinen

Freunden schreibt. Aber jetzt denke ich anders. Das Geheimnis der

Scholle! Die Heimatserde!“

„Heimatserde,“ sprach der Lehrer auflachend. „Das sind alte Sachen. Für

den Trödelmarkt.“

„Ist das Ihr Ernst? Dann hätte ich, mit Erlaubnis, meine Meinung

darüber. Sie haben wohl auch schon über die Nationalitätenfrage

nachgedacht, die heute alle Welt beschäftigt und Reiche erschüttert.

Gut. Nun sagen Sie, um was geht es denn eigentlich hier? Um Nationen?

Gewiß ja. Aber noch mehr um die Erdscholle. Sie lachen, wenn Sie hören,

daß die Nationalitätenfrage eine geographische Frage ist.“

Er lachte wirklich und ich fuhr fort: „Würde es sich bloß um die Nation

handeln, lieber Gott, die in aller Welt zerstreuten Deutschen könnten

leicht zusammen kommen, wenn sie ihre Scholle aufgeben, ihren Erdbesitz

mit Slaven oder Franzosen, die an ihrer Stelle sitzen, umtauschen

würden. Ein moderner Bismarck brauchte bloß die Landkarte herzunehmen

und die Völkerteile einfach wie Schachfiguren zu verschieben.“

„Das ist nicht möglich!“ rief der Lehrer aus.

„Es ist so unmöglich,“ sagte ich, „daß ein ähnlicher Vorschlag im

Ernste kaum jemals gemacht worden ist. Und warum ist es unmöglich, weil

die Menschen an ihre Scholle gewachsen sind, weil die Völkerfetzen an

ihrer angestammten Erde kleben.“

„Sie meinen also, daß der Einzelne fester an seiner Scholle hängt, als

an seinem Volke?“

„Wie Figura zeigt.“

„Ein Frevel, das auszusprechen!“ rief der Lehrer entrüstet.

„Darüber müssen Sie einen andern zur Rechenschaft ziehen. Den, der die

Menschennatur so und gerade so gemacht hat.“

„Der natürliche Mensch ist Nomade und nicht Schollenhocker.“

„Und der Kulturmensch kann nur bestehen und sich vervollkommnen, wenn

er an den Boden genagelt ist. Und daß der Boden, der Heimatsboden,

ewiges Eigen eines und desselben Volkes bleibe, darum handelt es sich

vor allem bei diesem Weltkampfe.“

„Wenn es also gerade auf diese Heimständigkeit ankäme,“ warf der Lehrer

ein, „dann müßte ja der berufsmäßige Schollenmensch, der Bauer nämlich,

der größte Kulturmensch sein!“

„Und +wenn+ er es wäre! Und +wenn+ das Landleben inmitten

all der Bedingungen, die des Menschen Bedürfnisse decken, ohne ihn zu

verwöhnen, zu erschlaffen, wirklich eine höhere Kultur wäre? Höher als

etwa das Fabriksleben mit seiner socialen Not und Unzufriedenheit;

als das Kaufmannsleben, das rastlos die Güter der Welt hin- und

herschiebt, damit die Reichen aller Länder übersättigt werden können

von den Produkten, bei deren Herstellung die Mehrzahl der Menschen

Mangel leiden und verkommen muß!“

Mit einiger Verblüffung schaute mir der Lehrer ins Gesicht.

„Und deshalb,“ so schloß ich meine Betrachtung, „kann man’s nicht

verstehen, warum in unseren Tagen der angestammte Kulturmensch

seinen Boden verlassen soll und ihn wirklich verläßt! Und wie sogar

Dorfschullehrer dazu die Hand bieten können! -- Nein, der Bauernlehrer

soll seinen Kindern Tag für Tag das Vaterunser und den Erdsegen

vorbeten.“

Hierauf er: „Sind wir Lehrer dazu da, daß wir Bauern machen? Wir

unterrichten die Kinder, damit sie, der Zeit gewachsen, ein gutes

Fortkommen finden können.“

„+Fort+kommen! Ja, Donnerwetter, wohin denn? Ich glaube fast,

Herr, Sie wollen mich ärgern mit Ihrem Witz!“

„Aber Gott, nein!“ rief er mich am Arme packend. „Ich bin nur voller

Staunen. Über +Ihren+ Witz!“ Und dann mit plötzlicher Gereiztheit:

„Mir fällt es heute ja nicht das erste Mal auf, daß der Knecht des

Adamshauses wie ein Professor spricht. Was ist denn das? Das ist

ja ganz verdächtig. Da muß man doch endlich einmal fragen nach dem

Heimatschein. Wenn es hier herum etwas auszukundschaften gäbe --“

„So könnte ich ein Spion sein, meinen Sie?“

„Bei meiner Ehre, ja! Ein natürlicher Bauer sind Sie nicht, wenn Sie

auch noch so groß von ihm sprechen. Nein, nein, Hans, da mögen Sie

sagen, was Sie wollen.“

„Meinen Sie?“

„Jetzt ist’s mir zu dick. Sie gehören nicht in den Almgai. Sie haben

Ihre besonderen Gründe, sich hier aufzuhalten!“

„Und ob ich sie habe!“

„Soll ich Ihnen sagen, weshalb Sie manchmal so eifrig die Zeitung

durchschauen? Sie suchen Ihren Steckbrief!“

„Na nu, Schullehrer, das wird stark! Da könnten Sie sich ja gleich den

Ergreiferlohn verdienen!“

Die gute Ruhe, mit der das Wort gesagt war, hat ihn doch wieder

stutzig gemacht. Und er lenkte ein: „Ich meine ja auch nicht, daß --.

Ein Spitzbube möchte kaum harte Arbeit machen in einem Bauernhofe,

monatelang. Aber wissen möchte ich doch, was dahinter ist.“

Er stand mitten auf dem Wege still, griff sich mit beiden Händen an

meinen Jackenflügeln fest und fragte: „Jetzt sagen Sie es mir offen,

Hans Trautendorffer, was suchen Sie da oben? Sie sind ein verkappter

Stadtmensch, Sie haben Ihre Gründe, warum Sie sich im Adamshause

aufhalten! Mit Verstattung, was suchen Sie da oben?“

Sein rotes Gesicht war noch röter geworden, um seine Augen hatten sich

Wulste gebildet, als wären sie verschwollen, dazwischen stachen die

Blitzer ganz kurios hervor. Ob solcher Heftigkeit kam mir der Trotz und

ich schwieg.

„Werden Sie es sagen?“

Was denn? Warum sollte ich es ihm am Ende nicht anvertrauen. War’s

denn eine Schande? Hatte ich mich nicht doch vor falschem Verdacht

zu retten? -- Nein. Bei solcher Art zu fragen, antwortet ein Hans

Trautendorffer nicht.

„Also, Sie sagen es nicht, was Sie da oben festhält?“ sprach er

nachgerade drohend.

„Aber natürlich nicht.“

„Gut. So werde ich es Ihnen sagen.“

„Nun?“

„Das Mädel gefällt Ihnen!“

„Das Mädel? Mir?“ -- Kunstpause.

„Das Mädel wollen Sie haben!!“

„Mein Gott, Schullehrer,“ darauf die Antwort, „warum sollte ich das

Mädel nicht haben wollen? Was ginge denn das Sie an?“

„Was das mich angeht, mein lieber Trautendorffer, das will ich Ihnen

wohl sagen. Das geht mich gar viel an. +Das Mädel ist mein!+“ --

Und jetzt, Philosoph, übe dich eine Woche lang in Geduld. Fortsetzung

folgt.

[Illustration]

Am zwanzigsten Sonntage.

Am vorigen Sonntage hast du deinen Freund in einem entlegenen

Alpenthale stehengelassen, in Gesellschaft eines eifersüchtigen

Nebenbuhlers. Er lebt noch. Er hat seither wieder eine Woche lang Korn

eggen und Kartoffeln pflanzen müssen.

Aber es hätte gar nicht mehr viel gefehlt. Verliebt bin ich ja in

dieses blöde Ding und habe es auch dem Lehrer nicht einen Augenblick

verhehlt. Zwar nicht viel anders, wie man in eine Raphaelsche Madonna

verliebt sein kann. Traue du der Liebe zu den Himmlischen! Zum Glücke

sind, fatale Nachzüge abgerechnet, die bedenklichsten Jahre vorüber.

Geschadet jedoch hat’s durchaus nicht, daß plötzlich der tolle Mensch

vor mir stand mit dem Schrei: Das Mädel gehört mein!

Von diesem Augenblicke an gewann die Sache ein anderes Aussehen.

Mancherlei wurde mir klar, jetzt ganz auf einmal. Was kann denn

begreiflicher sein, als daß auch der Lehrer um dieses Lichtlein

flattert. Und bei Sturm fliegt das sittsamste Flämmlein ins Dach. Schon

vor Jahresfrist hat sie sich von dem die Augen küssen lassen, diese

marmorkalte Maid!

Seinem Schrei also auf jenem Spaziergange bin ich ruhig gestanden. Er

steht auch so da und scheint verwundert zu sein, daß ich nicht umfalle.

Ich stehe immer noch und sage: „Sackerment, Lehrer, Sie haben einen

guten Geschmack! Und dazu meinen Glückwunsch! Aber das will ich Ihnen

auch sagen, wenn Sie das Mädel nicht glücklich machen, dann steinige

ich Sie auf offenem Kirchplatz zu Hoisendorf.“

„Gut,“ antwortet er, und jetzt gehts schon ins Gemütliche, „wenn ich

sie nicht glücklich mache, dann sollen Sie bei Nero, bei Diokletian,

bei Iwan dem Grausamen und allen Inquisitoren Studien machen, wie ich

am qualvollsten zu Tode gemartert werden könnte.“

„So ist es in Ordnung,“ sage ich, „Sie können sich verlassen. -- Und

nun soll es zwischen uns anders sein, meinen Sie nicht? Für Ihren

Freimut möchte ich Vertrauen geben. Ihre Bedenken meinetwegen lassen es

endlich hoch an der Zeit sein, daß ich mich Ihnen erkläre. -- Wollen

wir noch weiter ins Hochthal hinauf? Vielleicht lehnen Sie sich an

diesen Ahornbaum, Herr Lehrer, denn sonst werden Sie wahrscheinlich

umfallen, wenn Sie meine Geschichte hören. Sie meinen weiß Gott was

für eine Romantik, wenn ein fünfundzwanzigjähriger Prachtkerl verliebt

ist. Das ist gar nichts. Da giebt es andere Exemplare. Gucken Sie sich

just einmal einen Zeitungschreiber an, der Bauernknecht wird -- ein

wirklicher hagebuchener Bauernknecht!“

Na, dann kam der geschichtliche Teil des Hans von Trautendorffer,

dessen Ahn zur Hohenstaufenzeit den Reisenden die übermäßigen Lasten

abgenommen hat. In neuer Zeit kam dann der elternlose Knabe, der

zu nichts anderem gut war, als für die Grobschmiede im Dorf. Aus

dem Schmiedejungen entwickelte sich der Schlingel, aus dem der

Bäcker-Oheim den großen Gelehrten machen wollte und es kam der

Tornister, in dem angeblich der Feldmarschallshut steckt. Durch all

diese Wandlungen hat der junge Mann mit größter Geschicklichkeit

den Weg verfehlt und trat also in die Gilde der Zeitungschreiber.

-- In dieser Epoche vertiefte ich meine Schilderung und zeigte den

zweispältigen Gesellen, dessen Neigungen mit dem Berufe gar nicht

übereinstimmen wollten, so daß eine altmodische Weltanschauung mit der

großstädtischen Journalistik sich beständig in den Haaren lag. Und

schloß damit, wie bei jener Wette der Rüpel den Federfuchser plötzlich

unterkriegte, als eines Mannes Ehre dran hing, ein Jahr lang Ritter von

der Heugabel zu sein.

Der Lehrer hatte mir mit wahrer Verblüffung zugehört. Als ich fertig

war, machte er einige Schritte auf die Wiese hinaus, wieder zurück und

sagte: „Was Sie mir da erzählt haben, Hans, es steht wahrscheinlich

unter dem Strich?“

„Wie Sie wollen, Herr Winter; Sie sind zu nichts verpflichtet. Der

Glaubenszwang ist abgeschafft. -- Ich vermeinte Ihnen Aufrichtigkeit

schenken zu sollen. Eine bessere habe ich nicht.“

Hierauf länger andauerndes Kopfschütteln seinerseits. Dann meinte er,

es stimme ja eigentlich alles, und schüttelte mir die Hand.

Dieweilen waren wir sehr weit in die Wildnis geraten, an Felsen hin, wo

graue Schuttriesen niedergingen in das Wasser, das hier unter dem Berge

hervorquillt. Es ist der Ursprung der Rechen. Mir war völlig leicht

ums Herz, daß ich nun wieder als maskenloser Mensch redlich dastehen

konnte, wenigstens vor dem einen.

Der Lehrer jedoch war sehr nachdenklich geworden. „So ein Wasser,“

murmelte er und schaute ins Bächlein.

„Ein schönes, klares Wasser!“ setzte ich bei.

„Daß es immer so aus dem Berg herausrinnen mag! Immer und immer!“

„Immer und immer!“ sagte ich ihm nach.

Wir waren ganz träumerisch geworden.

„Haben Sie Ihr Geheimnis sonst niemandem mitgeteilt, hier?“ fragte der

Lehrer.

„Sie sind mein ältester Bekannter in Hoisendorf, und -- darf wohl sagen

-- mein jüngster Freund.“

„Wir sollten eigentlich du sagen zu einander,“ schlug der Lehrer vor.

„Na nu -- grüß dich Gott!“

„Denn mit ihr bist +du+ wohl auch auf du. Freilich kannst du

nichts dafür, daß es bei den Bauern gleich so ist. Aber rasend werden

hätte ich doch mögen, darüber. Ich gestehe dir’s offen.“

„Von jetzt ab, Bruder, wirst du kein Thor sein, gelt! Versprich mir’s.

Es wäre zu dumm. Willst schon mir nicht trauen, weil ein Mann den

andern kennt, so schau’ bloß sie an. Du mußt am besten wissen, wie gern

sie dich hat.“

„Davon habe ich Beweise,“ murmelte er und sah jetzt auf die Berglehne

hin.

Wir waren umgekehrt und gingen über die Matten hin, wo wieder

Sonnenschein lag.

„Du mußt ja schwer getragen haben, an deinem Geheimnis,“ sagte nach

einer Weile der Lehrer. „Siehst du, mir geht’s nicht besser.“

„Mir scheint, Guido, du hast auch etwas.“

„Jedem wird’s halt nicht so leicht, das Auspacken,“ entgegnete er.

„Und wäre doch so glaublich! So verdammt glaublich, daß die Leute es

gewöhnlich früher glauben, als man’s sagt.“

Das war so die Einleitung. Und es bedurfte einiger Lockreden

meinerseits, bis die dunklen Dinge am Tageslichte standen. Du wirst mir

schon verständnisinnig, Philosoph. Das ist bösartig von dir. So leicht

soll’s dir nicht werden. Höre nur einmal die Historie von Guido Winter,

Volksschullehrer zu Hoisendorf. Auch ein Stadtmensch, der auf dem nicht

mehr ungewöhnlichen Wege der Brotjagd ins Gebirge kam.

Soweit ganz regelmäßig, daß er kleinbürgerlicher Abkunft ist, eines

Seilermeisters Sohn aus Lansach, und seine Studien kümmerlich vollendet

hat bis nahe an die Grenzen des Doktors der Juristerei. Nun ist aber

dieser Seilerssohn ein Strick, der sich nicht fügen will. Zwar wohl

den Vorgesetztem aber nicht den Kollegen. Da hatte der Mensch, von des

Gedankens Blässe angekränkelt und schief gewickelt, wie er stets war,

die Dreistigkeit, bei einem Studentenkommerse folgende Rede zu halten:

„Kommilitonen! Ich liebe euch unbändig. Was aber die Saufcomments

und Mensurenrempeleien anbelangt, so sind dieselben nichts, als

studentische Philisterei. Zum Trinken läßt sich kein Ochse kommandieren

und schlagen mag sich, wer Schläge haben will. Ich nicht, hört ihr das?

Mein Antlitz ist entstellt von Blattern, doch immerhin noch zu gut,

als daß mir der erstbeste Raufsimpel seine Renommage hineinschnitzeln

dürfte! Ich habe den Mut zu sagen, daß ich keinen habe!“ -- Dieser

Mut, keinen zu haben, war allerdings gefährlicher, als so ein paar

Semesterpaukereien. Er ward verhängnisvoll. Die Studentenschaft hatte

den Guido Winter natürlich sofort „gesteckt“. Als Ausgestoßener war er

auch in der guten Gesellschaft der kleinen Universitätsstadt unmöglich,

wo er durch Stundengeben bei dämlichen Hausherrensöhnen sich schlecht

und recht fortgeholfen hatte. Er mußte die akademische Laufbahn

aufgeben und sich ein anderes „Fortkommen“ suchen. Noch von Glück

konnte er singen, daß es Volksschullehrerstellen giebt, wovon eine

hinten, weit hinten im Almgai provisorisch ergattert wurde. Dreihundert

Gulden Gehalt und „Naturalien!“ Sapperlot, war das ein Schwein! Und ein

gesammelter Bücherschatz dazu. Und trotzdem wäre er verloren gewesen

in den Einöden dieser Berge, wenn er nicht eines noch zu eigen gehabt

hätte -- die Jugend. In der ersten Zeit ging es ganz wohlgemut; je

länger er in Hoisendorf saß auf dem kleinen Schulhause, desto fremder

kam er sich dort vor. Dem Stadtkind fehlte der eigentliche Hang zum

Lehrfache, es fehlte ihm das Verständnis für Ländliches und sein Sinn

für das Volkstümliche erstreckte sich nicht viel weiter, als bis zu dem

lieblichsten aller Bauerndirnlein. Als er nach Hoisendorf kam, saß sie

noch in der Schulbank und hatte sauber in ihr Lesebuch geschrieben:

Barbara Weiler. Sein erster Gedanke, als er sie sah: das ist ein

herziger Fratz. Und später -- ob sie mit ernsthaften Augen dem Lehrer

die trautsamen Worte gleichsam vom Munde sog oder ihn wegen mancher

Ungeschicklichkeit im Haushalte weidlich auslachte, oder ob sie ihm

flink eine kleine häusliche Arbeit verrichtete oder irgend ein Buch

von ihm entlehnte -- wußte er schon passendere Bezeichnungen für sie.

Als sie aus der Schule trat, riet er ihr, im Lesen und Schreiben sich

fleißig zu üben. Demnach las sie manchmal so ein bißchen aus seinem

Peter Hebel und Schiller und schickte ihm durch den Bruder Franzel

die Bücher allemal mit einem artigen Dankbrieflein zurück. Ob bei

diesem Bücherentlehnen die Dankbrieflein nicht Hauptsache waren? So

hat sich das sachte angesponnen, sachte und arglos -- und auf einmal

war es da. Die erste Offenbarung war eine auffallende Befangenheit.

Wenn sie sich am Sonntag sahen und begrüßten, wurde sie rot im Gesicht

und er stolperte auf ebenem Platz. Na, ich werde dir etwas schildern,

was seit Adam und Eva das gleiche ist! Aber es ist ja schrecklich

merkwürdig, wie sie einmal im Mai an der Kirchhofsmauer gerade unter

blühendem Holler zusammengerieten und er ihr in einem Kusse fast die

Augen austrank. Das hatte der dumme Junge arg zu büßen. Von nun an mied

sie ihn, wie die versengte Katze das Feuer und er wußte sich in der

unsinnigen Feuersbrunst keine Hilfe. Den ganzen Sommer war -- nach des

Lehrers Aussage -- nichts, als ein wildes Herz und ein dummer Kopf.

Und dann im Frühwinter. Guido kommt von einer Lehrerversammlung in

Kailing nach Hause, findet seine Stube warm geheizt, voll von Weibern

und in seinem Bette liegt die Barbel! Liegt die Barbel fröstelnd und

lachend. War das Mädel auf einem Gang zum Krämer über den vereisten

Steg in die Rechen gefallen, zur knappen Not von einem Holzfuhrmann

herausgezogen und in dieses nächstbeste Haus getragen worden. Freilich

ist noch an demselben Tage der Adam mit einem Karren da, auf den die

in ein halbes Dutzend Bettdecken gewickelte Barbel gelegt und mit zwei

Ochsen bergwärts geführt wird. -- Das hilft nichts, der Lehrer ist

doch verrückt. Ein paar Tage später geht er hinauf ins Gebirge und

kommt natürlich zum Adamshaus. Er möchte ein wenig rasten, aber er

ist nicht müde. Er möchte sich ein bißchen wärmen, aber ihm ist nicht

kalt. Da denkt er: Nachfragen bei ihren Eltern, wie’s ihr geht, ob sie

sich schon ganz erholt hat, das schickt sich doch. Die Eltern waren

nicht im Hause, sondern in der Scheune beim Futtermachen. In der Stube

beim Spinnrad saß das Mädel. Ganz allein -- mutterseelenallein ist sie

dagesessen in der Stube und hat gesponnen. Zuerst hat er nichts gesagt,

dann ist er auf sie zugestürzt: Lieb hab ich dich! Lieb hab ich dich!

-- Und ist wahnsinnig geworden.

Und soll es geschehen sein zur selbigen Stund’, daß sie sich

voreinander nicht haben erwehren können.

So weit, mein Freund, hat er erzählt. Gegen Ende hin unsicher tappend,

wie viel er verschweigen darf und wie deutlich er sein muß, um

verstanden zu werden.

Wie bei diesem Bekenntnisse des Lehrers +mir+ zu Mute gewesen

ist!....

* * * * *

Dann haben wir weiteres geplaudert. Was er für die Zukunft anzustreben

gedenke? -- Er denke nicht weiter, er wolle in Hoisendorf verbleiben.

Doch wie das ein anderer über sich bringe, der nicht so dran sei wie

er, das verstehe er nicht. Es sei halt doch wohl ein trauriger Winkel.

Darum möchte er eben auch dem kleinen Franzel ein gutes „Fortkommen“

wünschen.

Nach dem inhaltsreichen Spaziergange waren an dem Berge die Schatten

hoch hinaufgestiegen. Nur die Holzwände des Adamshauses leuchteten in

der untergehenden Sonne noch und die Fensterchen funkelten glühend, als

wäre das Innere voller Feuer.

Am Eschenrain trennten wir uns, der Lehrer ging thalwärts, ich

bergwärts. Am Stege blieb er stehen und schaute mir nach. Es scheint,

er traut mir doch nicht ganz.

Auf dem Bergwege blieb ich auch nicht allein. Der Jäger Konrad gesellte

sich zu mir. Heute hatte er wieder Gewehr und Federbuschen.

Langsamer sollte ich gehen. Einen Kameraden möchte er haben.

Ich wäre jetzt lieber allein gewesen. Mit Jägern weiß ein Mensch nicht

viel zu reden. Heute war’s anders. Dieser Jäger sprach seltsamerweise

nicht von Hirschen, Hasen und Hunden, sondern von Menschen. Und zwar

von meinem Rocherl. -- Das Leben vergräme es ihm, dieses Unglück mit

dem Burschen. Schon Schmerzensgeld habe er geben wollen, aber er nähme

nichts an. Die eigene Hand könne er sich nicht abhauen lassen und

hingeben für die zerschossene. Könne man das, so thäte er’s, Gott sei

Zeuge. So oft er den Krüppel sehe, möchte er sich selber was anthun. Es

sei ihm ganz abscheulich.

„Das habt Ihr von Eurem verdammten Schießen!“ fahre ich ihn an. „Muß

denn allemal gleich geschossen sein? Und wenn auch so ein notiger

Tropf einmal ein Stückel Wildpret erhascht, was liegt denn dran? O

nein, Jäger, da hab ich ein weites Gewissen. Gegen Leute, die jährlich

ein bürgerliches Vermögen für das Jagdvergnügen ausgeben können, habe

ich ein weites Gewissen. Arme Leute einsperren oder gar zu Krüppeln

schießen zu lassen, weil sie einmal ein Stückchen Braten wollen haben,

das -- wenn ich Edelmann bin -- wäre mir, offen gestanden, zu lumpig.“

Da könne man nicht widersprechen, meinte der Konrad, doch ein Jäger

habe seine Vorschriften. Er sei selber Diener. Er wisse es wohl. So

herrisch manch ein Jäger vor Bauern und armen Häuslern sich aufblähe,

vor dem Gnädigen biege er sich wie ein Radreifen und würge Brocken

hinab, die kein Jagdhund annehme. Er habe es auch satt. Das ärgste

sei ihm noch, daß er gehört habe, der Kulmbock wolle den Fall vor den

Landtag bringen.

Jetzt ward mir erst helle, warum der Mann so demütig ist. Den Landtag

fürchtet er und seine Herrschaft dürfte sich auch nicht darauf freuen.

Heimlich, was das Zeug hält, nur keinen öffentlichen Skandal. So

soll halt jetzt der Rocherl versöhnt werden, natürlich. -- Es wäre

brav von dem neuen Abgeordneten, daß er sich an die Aufdeckung der

Waldlumpereien machen wolle! Mit diesem Trost habe ich den Jäger

entlassen.

Noch immer war es heute mit dem Alleinsein nichts in diesen einsamen

Bergen. Beim Hinaufgehen gegen unsern Hof fand ich auf der Brunnenwiese

-- hier hat nämlich jedes Fleckchen Boden seinen besonderen Namen --

den Hausvater. Er saß auf einem feuchten Grashaufen und holte Atem.

Weil die Kühe im Stall ohne frisch Futter sich nicht wollen melken

lassen zum Abend, so hat der Alte die Sense genommen und war Gras mähen

gegangen. Während der Arbeit hatte ihn wieder sein Übel angefaßt.

„Warum thut Ihr das, Vater, wenn Ihr einen Knecht habt!“ sagte ich. Er

hätte es mir ja am Morgen schaffen können.

Darauf er in kurzen Atemstößen: „Vergelt’s Gott, Hansel. Der Sonntag

gehört dein.“

Nachdem das Futter im Kuhbarren war, ging ich in meine Heuscheuer, um

wieder einmal nachzusinnen über die dumme Welt. Dort vertreiben sie

sich Zeit und Kraft übermütig mit Mensuren, Duellen, Rennen, Wettlaufen

und Wildjagen, halten eine halbe Million müßiger Soldaten, und mein

Adam muß sogar am Sonntage unter der Arbeitslast zusammenbrechen.

Philosoph, du kannst gelegentlich einen deiner Weltweisen fragen, wie

lange das noch dauern soll.

* * * * *

Meinetwegen sollen sie sich lieben, die Beiden. Es ist ja alles

Thorheit, Thorheit! Es ist eine dumme Welt. -- --

[Illustration]

Am einundzwanzigsten Sonntag.

Revolution hat’s gegeben in dieser Woche, bei uns im Adamshause.

Es waren die Schuster da. Ihrer drei, der Meister mit der großen

Glatze, der Geselle mit dem pechschwarzen Haarschopf und der Lehrjung

mit dem fuchsroten Skalp. Aus den Kuh- und Schweinshäuten, die der

Adam den Tieren abgezogen und der Nachbar gegerbt hat, wollen sie uns

Schuhe machen fürs ganze Jahr. Im Frühjahre, meint der Hausvater, wären

die Herren von Drahtzug am wenigsten übermütig, da hätten sie wenig

Arbeit im Gai, da wäre ihnen nicht jedes Leder zu spröde, nicht jedes

Garn zu ruppig, nicht jedes Schmeer zu ranzig und nicht jede Kost zu

schlecht. Und dennoch beherrschen sie das Haus. Den großen Tisch haben

sie an den Herd gerückt, den Gewandkasten an den Ausgußtrog. In dem

also freigewordenen Raum sitzen sie nun mit ihren breiten Rundungen,

jeder auf einem Dreifuß. Der Meister mit der Glatze schneidet auf dem

Kniebrett das Leder zu. Der Geselle mit dem schwarzen Schopf haspelt

über den nackten Ellbogen und den ausgespreiteten Fingern das Garn,

spannt nachher die Fäden an den Wandhaken, um weit in die Stube hinaus

den Draht zu ziehen. Wenn er mit seiner Pechsohle glättend dem von

der einen Faust strammgespannten Draht entlang fährt, da dröhnt das

ganze Haus. In großen Zubern ist altes Schuhwerk eingeweicht, überall

riecht’s nach Leder, Pech und Schustern. Den Lehrjungen mit dem

fuchsroten Skalp, den kenne ich schon. Er guckt immer schief an mir

vorbei, denn ich habe in der heiligen Osternacht knechtliche Arbeit an

ihm verrichtet. Das ist auch einer von solchen, denen alles zum besten

anschlägt. Weil sie ihm damals das Haar versengt haben, kann ihn der

Meister jetzt immer noch nicht beim Schopf nehmen. Nun möchte er gern

der jung’ Schuster genannt werden, aber unser Rocherl heißt ihn den

Saufüssel, als wie er von rechtswegen im Taufscheine steht. Der kann

jetzt seine Ausgelassenheit an dem alten mausgrauen Schuhwerke üben.

Mit der Zunge reißt er es auseinander, damit die noch brauchbaren

Lederteile an den neuen Schuhen verwendet werden können.

Das war der Schusterherrschaft erster Tag. Am zweiten wurde schon

tapfer ausgefahren nach links und nach rechts mit den aufgeärmelten

Armen. Der durchs Leder fahrende Draht röchelt wie ein „steckkropfiger

Bürstenbinder“ und die Schuster fluchen wie ein verliebter Husar. Das

sind noch +zwecklose+ Schuster, lieber Freund, die nageln noch

nicht, die nähen.

Aus Anlaß der Schuster, die auch des Abends arbeiten, bis zehn Uhr,

haben wir ein neues Licht bekommen. Das Spanlicht war ihnen zu

rauchig, die Rübsöllampe zu „dumper“ gewesen. Die Unschlittkerze war

zu schwach für sechs Augen, die mit der Schweinsborstennadel das

Loch ins Leder finden wollten. Dieses Loch mochte mit der befetteten

Ahle noch so gut gestochen sein, die Borste zuckte umher und traf

es nicht, und daran war die „Funtzen“ schuld. Die Schuster huben an

zu fluchen und verlangten Petroleumlampen, wie sie der Nansenbauer

und der Kirchenwirt zu Hoisendorf haben. Da brachte der Adam zwei

Glaskugeln daher, ich glaube, mit Wasser sind sie gefüllt, hing sie

an beiden Seiten der Kerze auf und siehe, diese Reflexe verdoppelten

das Licht. Der Schustergeselle war übermütig und fabelte von einer

elektrischen Beleuchtung, wie sie in den Städten wäre. Unterbrach ihn

die Hausmutter: „Bei uns auf der Bäuerei ist’s halt so der Brauch: früh

schlafen gehen und früh aufstehen, da erspart man die teueren Sachen,

und der Sonnenschein, den der Herrgott umsonst giebt, thut’s auch noch.“

Jedes bekommt jetzt seine Schuhe, die Mannsleute „grobgenähte“,

die Weibsbilder „durchgenähte“, die einen mit auswendiger, die

anderen mit verdeckter Naht, letztere besonders für Sonntagstracht.

Der Rocherl wollte auch von der feineren, „durchgenähten“ Gattung

haben, aber der Adam sagte: „Schamst dich nit?“ -- Auch mir sind ein

Paar „Grobgenähter“ angemessen worden. Als der Meister mit einem

Papierstreifen das Maß nahm, spuckte er aus und sprach: „Das ist kein

Bauernfuß!“

Bei Tische schwamm in dieser glorreichen Schusterwoche alles in Fett,

das Kraut, die Klöße, der Sterz, der Brei, das Fleisch. Und auch die

salbungsvollen Reden, die der Meister hielt. Einmal ging’s über den

Nachbar Kulmbock her. „Der neue Landbote, sapermosthosen! Der wird’s

schon machen! Der wird’s schon packen, das Ferkel beim Fuß! Der wird

der Katz die Schellen schon anhängen, der! Die Dienstboten sollen

wieder gezwungen werden für ein ganzes Jahr! Oder der Schandarm her!

Der Bauer soll mit seinen Ochsen und Kindern thun können, was er

will, sie in die Schul schicken oder daheim zur Arbeit brauchen. Die

Bauerngründe sollen verkaufsweise nicht mehr auseinander gerissen

werden dürfen, wie alte Hemdfetzen, wenn man Schuhlappen aus ihnen

machen will. Ein Bauernhofbesitzer, wenn er verheiratet ist, soll

nimmer Soldat werden, weil er eh daheim seinen Krieg hat. Die Jagd soll

abgeschafft werden, weil es ungerecht ist, wenn der Hase den Kohl, und

der Herr den Hasen frißt, dieweil der fleißige Bauer an den kahlen

Krautstengeln nagen kann. Die Bauernsteuern werden verringert, weil die

Herrenleut’ froh sein müssen, wenn ihnen der Bauer was zu essen giebt.

Die Herrensteuer soll erhöht werden, denn warum, weil sie alleweil

sagen, daß die Herren mehr wert sind als andere.“

Das ist des Kulmbocks Programm, in welchem der Schuster jeden Punkt mit

einem lauten Lachen begleitete. Und so oft er während des Essens das

breite Lachen ausstieß, ging ein leichter Sprühregen über den Tisch, so

daß der Rocherl in einer seiner lustigen Anwandlungen zur Mutter sagte,

sie möge das rote Parapluie hervorsuchen.

„Soll’s heut noch regnen?“ fragte der Meister.

„Es tröpfelt schon.“

Und der Schuster wieder über den Kulmbock: „Freilich, natürlich!

Versprechen thut jeder, bis er drinnen sitzt. Nachher sitzt er

halt und laßt sich zahlen fürs Sitzen auf dem Lederpolster. Nau,

Kurschamadiener! Wenn der Kulmbock so +viel+ besser macht, als was

das Schwarze an meinem Fingernagel ist!“

„Man muß nicht so unbescheiden sein,“ war mein Senf drauf.

„Der Kulmbock ist schon recht,“ redete jetzt auch die Hausmutter drein.

„Wenn’s wahr ist, daß er den Jäger Konrad will anzeigen. Wegen dem

Rocherl seiner Wunden.“

Machte der Hausvater mit der Hand einen leichten Schlag in die Luft:

„Was hilft das!“

Der Lehrjunge hatte bisher nur gegessen. Nun er satt war, regte sich

auch in ihm der Zeitgeist.

„Und was soll denn für die Lehrbuben geschehen?“ gixte er.

Weil das überhört wurde, so ein zweitesmal:

„Geschieht für die Lehrbuben noch immer nichts?“

Der Meister that ein bedeutsames Kopfnicken gegen den Jungen: „Wart’

nur, es wird gleich was geschehen!“

Der Saufüssel duckte sich hinter den Gesellen und streckte die Zunge

heraus. --

Es gärt, mein lieber Philosoph!

Und eines Abends, als wir schon alle in der Stube beisammen saßen,

sprach ein fremder Mensch zu. Der gab sich für einen gelernten

Schlosser aus. Der Hausvater meinte, die Schlösser wären im Adamshause

ziemlich überflüssig geworden. Es seien drei Schuster da und zwei alte

Einlegerleute, so wisse er nicht, wo der Reisende schlafen solle. --

„Aufs Jahr schlafen wir schon in seidenen Himmelbetten,“ sagte der

Fremde, „alsdann so will ich diesmal aus Gefälligkeit noch einmal

mit dem Stroh fürlieb nehmen. Zum Nachtmahl bin ich mit einem

wohlgeschmorten Schweinsbraten zufrieden, wenn nichts besseres

vorhanden ist.“

„Der Herr wär’ eh gut,“ spottete mein Hausvater.

„Ja, mein lieber Bauer!“ sprach der Fremde, „jetzt werden wir halt

einmal aus einem andern Loch pfeifen. Wie es in der Bibel steht: Die

Ersten werden die Letzten und die Letzten die Ersten sein.“

Nun horchte der alte Michel auf, der im Ofenwinkel sein Abendsüpplein

trank. Den Topf hielt er in seinen tatternden Händen, so horchte er hin

und fragte dann seine Alte: „Was sagt er?“

„Das ist so einer!“ schrie sie ihm ins Ohr, „laß nur Zeit. Das ist

schon so einer!“

Die Hausmutter sprach wohl nicht ohne Hinterhalt zum Fremden:

„Vielleicht, daß der Herr bei unserem Nachbar Arbeit findet, beim

Kulmbock drüben.“ Der, dachte sie, wird ihm den Prozeß schon machen.

„Von Arbeit habe ich nichts gesagt,“ antwortete der Schlosser in

scharfgesetzter Rede, während er mit der schmalen Hand seinen schwarzen

Spitzbart streichelte. „Ein ganz anderer Anlaß, weswegen ich da bin.

Von Kailing komme ich seit gestern herauf. Alsdann dort thun sie alle

mit, die Handwerker und die Bauern. Die Bürger werden schon nachkommen,

denen ist’s derweil nur ein bissel unbequem. Ich glaub’s.“

„Um was geht’s denn?“ fragte nun der Schuster und brannte seine Pfeife

an -- wenn’s ein Plauderstündchen geben soll.

„Um was es geht?“ lachte der Fremde. „Euch Almgaiern muß man doch

einmal die Schlafhaube vom Kopf nehmen beim Zipfel. Um was es geht,

fragt er! -- Der Nans in Hoisendorf da unten, der hat nicht lange

gefragt, der hat’s bald begriffen, daß uns anders nicht mehr zu helfen

ist alsdann. Uns allen, sage ich. Die Arbeiter, die Gewerbsleute, die

Bauern -- wir stehen zusammen!“

„Mir scheint, das ist einer von denen!“ sprach der Rocherl mit

Bedeutung.

„Wohl, junger Mann und Großgrundbesitzer!“ rief der Fremde lustig.

„Euch Bauern wird’s auch wohl thun, wenn wir einmal aufräumen mit dem

alten Plunder. Sehen Sie, dort hinter dem Herd hocken so ein paar, die

sich ihrer Tage lang geschunden haben wie ein Vieh und jetzt betteln

gehen, dieweilen andere vom Schweiße des Bauers sich fett mästen!“

„Was sagt er?“ fragte der alte Einleger die seinige.

„Die Wahrheit sagt er!“ zischelte die Alte und zuckte ganz absonderlich

mit den hageren Fäusten.

Der Fremde sprach weiter zum Rocherl: „Sie haben Unglück mit Ihrer Hand

gehabt, hört man. Dieses Unglück kommt von den vornehmen Herren her,

verstehen Sie? Wir wollen es einmal umwenden. Schriften habe ich mit.

Sind schön zu lesen.“

Er packte Hefte aus und wollte sie verteilen. Die ihre Hand davor

zurückzogen, denen legte er sie auf den Tisch hin.

„Wir haben eh zu lesen,“ sagte der Hausvater und warf von der

Wandleiste die alte Hauspostille ziemlich heftig auf den Tisch.

„Ist ein Leutverdummer!“ bemerkte hierüber der Fremde. „Hätten die

Leute rechtzeitig solche Bücher verbrannt, so wären sie selber nicht

verbrannt worden, verstanden das? Jetzt ist eine andere Zeit und der

Bratspieß wird umgekehrt. Aber zusammenhalten heißt’s, Leute! Dann

sind wir die Stärkeren und erreichen alles, was wir wollen. Wenn der

ungeheuere Reichtum, den die Arbeiter geschaffen haben, verteilt

wird, dann giebt’s keine Armen mehr. Werdet es schon finden in diesen

Schriften alsdann, steht alles drin. Aber solidarisch müssen wir sein!“

„Und ich sag’,“ rief der Schustermeister aus, „so lang wir soldatisch

sind, wird’s nit besser!“

„Nicht soldatisch habe ich gesagt, Stockfisch! Solidarisch habe ich

gesagt, alsdann das heißt so viel als gemeinsam. Einer für alle und

alle für einen, wenn’s zum Herrenerschlagen kommt!“

„Was hat er gesagt?“ fragte der immer mehr erregte Einleger hinter dem

Herd.

„Hörst es nit? Hörst es denn nit?“ entgegnete ihm die Alte, ihre

Äuglein wurden scharf wie Geieraugen.

„Das Handwerk wird wieder einen goldenen Boden bekommen!“ fuhr der

Schlosser fort.

„Bravo!“ rief der Schustermeister.

„Meister und Geselle sollen gleich sein!“

„Bravo!“ rief der Schustergeselle.

„Und der Lehrling soll wie der Geselle sein!“

„Bravo!“ kreischte der Saufüssel.

Schwups! hatte er des Meisters Knieriemen am Rücken, daß es klatschte.

„Wird schon geschlagen? Wird schon?“ So der alte Einleger Michel und

stolperte hastig vom Ofenwinkel hervor.

„Ich thu auch mit!“ schrie die Michelin, krallte ihre Finger in die

Luft und schoß herfür.

„Herrgott, steh auf, wir fangen an!“ rief der Alte lustig.

„Zuschlagen, zuschlagen!“ schrie sie und beide huschten ganz

gespenstisch in der Stube herum, so daß wir uns alle fragten: Was haben

denn die Alten? Als sie es endlich merkten, daß das Zuschlagen sich

nicht auf die großen Herren und auf die reichen Bauern bezog, sondern

bloß auf den Schusterjungen, schraken sie zusammen wie Nachtwandler,

die plötzlich geweckt werden, und lallend taumelten sie wieder zurück

in ihren Herdwinkel.

Freund, das war unheimlich, als aus diesen zwei sonst so

schicksalsergebenen, kriecherisch demütigen, uralten Leutchen auf

einmal die Bestie hervorpfiff! Mir ging’s ganz kalt über den Rücken.

Der fremde Schlosser hatte die Bewegung mit höchstem Wohlgefallen

beobachtet. „Tapfer! Alles rot, die Jugend und das Alter!“ so begann

er eine Rede, die unterbrochen wurde. Der Hausvater war schon eine

Weile am Tisch gekniet, den Daumen an die Stirn legend, um bei der

ersten Pause des Aufruhrs laut das Kreuz zu machen und den Psalter zu

beginnen. Seht, als der Schlosser neu einsetzte, legte er los. Auch

die Schuster beteten natürlich mit, während sie den Draht zogen, die

Sohle hämmerten und mit der Zange das Leder über den Leisten zwängten.

Der Schlosser wußte gar nicht, wie ihm geschah, zu diesem Schloß hatte

er keinen Schlüssel. Wie er jetzt -- während zu den Fenstern das

Abendrot hereinschien -- mit seinen weltumstürzlerischen Plänen mitten

unter Betenden so stand! Im Widerstreite, ob er sich hinknieen sollte,

oder setzen, oder fortgehen, blieb er mitten in der Stube stehen wie

gebannt. Plötzlich brach der Hausvater das Gebet ab und auch wir

anderen zuckten auf. Da schritt er zum Schlosser hin und sprach nicht

laut aber deutlich: „Wer in ein fremdes Haus geht, der muß sich nach

dem Hausbrauch richten. Wenn der Herr nicht mitbeten will, so soll er

hinausgehen.“

Der Mann hatte jedoch ein Nachtquartier und für den nächsten Morgen ein

Frühstück nötig, so bog er sich.

Nach diesem Abendsegen ging der Schustermeister in sein Bett, das

oben unter dem Dache stand. Geselle und Lehrling legten sich nur halb

ausgezogen aufs Stroh, das die Hausmutter zwischen Tisch und Werkstatt

ausgebreitet hatte. Vater und Mutter gingen in ihr Stübchen, der

Rocherl in sein Gelaß, das zu dieser Jahreszeit in einem Raume über

dem Keller ist. Die Barbel nahm an der Stubenthür aus dem Gefäß mit

den zwei Fingern ihren Weihwassertropfen und ging ernst und still

in ihr Gemach. Der fremde Schlosser schaute ihr nach. Der doppelte

Michelmensch siffelte in die Stallkammer und ich meinem Heustadl zu.

Mitten auf dem Hofe bleibe ich stehen und warte, bis der Schlosser

aus dem Hause tritt. Als er nicht kommt, gehe ich nochmals hinein, es

ist finster und still und bei der Thür des Mädchengemachs steht er.

Was er da mache? -- Ja, das Schloß studiere er, es sei ein altes, gar

interessantes Eisenschloß, wie man solche nicht mehr viele finde. --

„Das wollen wir morgen besehen, wenn es licht ist.“ Damit habe ich ihn

aus dem Hause und auf die Tenne geleitet zu seinem Stroh.

Auf der Tenne haben wir noch ein Wörtlein miteinander gesprochen. Ich

hielt ihm vor, wie dumm er sich mit seiner neuen Lehre im Bauernhause

ausgenommen habe. Sie hätten ihn zum Glücke nicht ernst genommen, sonst

würde er jetzt wahrscheinlich Kreuzschmerzen haben. Er müsse schon

stark verlumpt sein, so auf eigene Faust Socialdemokratie zu treiben.

Ob er es nicht wisse, daß er mit solchen Grundsätzen längst allein

stehe?

Hierauf behauptete er dreist, wenn man auch selbst nicht dran glaube,

einfältigen Leuten müsse man so sprechen, sonst wären sie für nichts zu

haben. Bei der Gleichheit würden sie doch anbeißen.

Da habe ich ihm gesagt: „Schänden Sie die Socialdemokraten nicht, die

sind eine ehrliche Partei, sie verlangen ihr gutes Recht und wollen,

denke ich, auch gewissenhaft ihre Pflicht thun. Sie aber gehören ins

Zuchthaus.“

Und ließ ihn stehen bei seinem Stroh.

Hingegen hörte ich noch am selben Abende den alten Einleger zu seinem

Weibe sagen: „Wir sind halt letze Leuteln. Wenn wir Rebellion machen,

da lachen sie.“

„Laß nur Zeit, Michel. Bis erst unser Hieserl kommt, der wird schon

stark sein.“

Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes. · 第 14 / 46 题