„Geh, laß dich nit auslachen. Der Hieserl wird tot sein!“
„Haben ja seine Beinderln gefunden und eingegraben!“
„Du, Michel!“ drohte sie, „wirst gleich was fassen, wenn du nit still
bist! Was weißt denn du? Bis der Flachs blüht, ist der Hieserl bei uns!“
„Wird schon sein, wird schon sein!“ gab der Alte zu. „Wenn du’s sagst,
wird’s eh wahr sein.“ Und setzte weinerlich bei: „Schlaferig bin ich.“
Dann haben sie sich in einen braunen, über und über beflickten
Lodenmantel gewickelt, sich ganz klein und eng aneinander schmiegend,
nicht anders, wie das Vielliebchen in einer Mandelschale. Sehr bald
hernach das melodische Doppelgeschnarche des „Michelmenschen“. --
Vielleicht kommt wenigstens der Hieserl im Traume zur Mutter. Wie
viele Jahre der Knabe schon tot ist, so hoch kann sie nicht rechnen.
aber daß es erlogen ist, was die Leute damals sagten, als sie die
Knochen des Hirtenjungen gefunden im Gebirge, das weiß sie, und daß
der Hieserl kommen wird noch in diesem Sommer, bevor der Flachs blüht,
das weiß sie ganz gewiß. -- Da denke ich mir auch, bei so felsenfestem
Glaubensreichtum muß es wirklich nicht schwer halten, ein „armes
Leut“ zu sein. Das Nachtgebet, wenn ich mir hätte merken können, das
die Michelin eines Abends laut gebetet hat. „Herr Jesus, komm bald,
wir warten dein. Hau’ zu, hau’ zu, aber lach’ dazu. Schön Dank, daß
du unser König bist, Herr Jesu Christ!“ So ähnlich. Ich bat sie am
nächsten Tage, mir den Spruch wörtlich mitzuteilen. „Das geben wir nit
her!“ war die Antwort und schnell stand ihr Rücken vor mir. So reich
sind hier die armen Leute. Übrigens, ihm scheint manchmal bange zu sein
und bisweilen kann man ihn murmeln hören: „Schlafen thut er zu lang!“
Der Herrgott nämlich.
Das sind jetzt die Gäste meiner Stallkammer. Der Adamshauser soll den
Michelmenschen ordnungsgemäß acht Tage lang behalten. Da er aber merkt,
daß die Einlegerleute gerne hier bleiben, weil sie nicht überall so
gut behandelt werden, so hat er mich gefragt, ob ich ihnen die Kammer
noch länger überlassen wolle. Ich würde ein schönes Vergeltsgott dafür
bekommen. Ein Vergeltsgott wird hier hoch bewertet. Man legt’s in die
Sparkasse auf die ewige Seligkeit. Die Adamshauserleute haben ihrer
schon viele beisammen. --
Mein Verhältnis zu diesem Berghofe hat endlich auch eine Art bekommen.
Ich bin verwendbar. Ich bin ihnen wirklich von Nutzen, sie sagen es
schon offen und ich sage glücklich darüber: walt’ es Gott! -- Jetzt
habe ich keine Angst mehr, ich halte aus.
Kannst du mir nicht sagen, Philosoph, woher das Wort Arbeit kommt?
Es heißt, in alten Zeiten habe dieses Wort soviel als Not und nötig
bedeutet. Es kann ja sein, daß gewisse Leute nur dann arbeiten wollen,
wenn sie die Not dazu drängt. Ich frage indes, ob das Wort Arbeit
nicht von Arling (Pflugschar) oder Aren (Egge) kommen könnte und also
ursprünglich nur solches Wirken ausdrückte, das mit der Erdscholle
zusammenhängt. Erdbeuten, Erde ausbeuten, oder so was, wie es die
Philologen manchmal so hübsch zu drehen wissen. Ich könnte dann sehr
schön darthun, daß das Ackern der Grundbegriff aller Arbeit ist und mir
damit ein besonderes Ansehen geben.
Seit Mitte April ackern wir. Als zuerst die Pflugteile: der Arling, das
Sech, dann auch die Egge in Ordnung zu bringen waren, entdeckte ich
in mir einen ganz brauchbaren Gesellen: den Schmied. Man lernt nichts
umsonst. So habe ich den Arling geschärft, den Pfluggründel mit Ringen
beschlagen und an den Rädern abgesprengte Reifen festgeschmiedet. Das
gelang so gut, daß meinem Hausvater fast bange geworden sein soll, ich
könnte nun mit Sonderansprüchen auftreten. Wenn der wüßte, wie gut mir
das Dienstjahr bei ihm gelohnt wird!
Meine Schmiedleistungen waren wohl recht sehr am Platze, denn sonst
hätte mir der erste Tag am Pfluge leicht den Dienst kosten können.
Das mußt du dir vorstellen, Herr. Vorn an den Pflug sind zwei Ochsen
gespannt, die vom Rocherl bei den Hörnern geführt werden. Hinten gehe
ich drein, halte den Pflug bei den Hörnern und habe ihn so zu leiten,
daß er den Rasenstreifen, etwa einen Schuh breit und einen halben Schuh
tief, ausschneidet und umlegt. Das ist die Furche. Wird die Furche zu
schmal genommen, so richtet man nichts aus, wird sie zu breit genommen,
so hebt es den Pflug und der Arling kratzt seicht über den Rasen hin.
Und dieses Festhalten in gleicher Breite, dieses Niedergründen, wenn
der Boden seicht, sandig oder steinig ist, greift menschlich Fleisch
und Bein höllisch an.
Zuerst hat’s mich so mächtig hin- und hergeschleudert, daß der Rocherl
laut auflacht. Ganz hinten drein geht die Barbel mit der Haue, um die
schlecht gelegten Furchen zu gleichen und vom Arling übersprungene
Rasenteile umzuhauen. Je schlechter ich’s mache, desto mehr hat
das Mädel zu thun. Du kannst dir denken, wie mich das spornt zur
äußersten Anstrengung meiner geistigen und körperlichen Fähigkeiten. So
schauderhaft der Anfang gewesen ist, durch Fleiß und Übung gelang es --
ich kann nun ackern.
Ein Bauernknecht, der ackern kann!
Und dieser Erdgeruch! Dieser köstliche Erdgeruch! Das haucht einem so
frisch und kühl, so erdharzig ins Gesicht! Ich möchte dirs beschreiben
und kann nicht. Als ob man von Rheinwein ganz leicht berauscht wäre,
so herzhaft mutet das an, so herzhaft und urstärkend, wenn Erdsegen
aufsteigt. -- Dieser Lebenshauch, ich habe bisher keine Ahnung von ihm
gehabt. Zum Aufjauchzen, so froh!
Auf steilen Feldern ackert man mit dem angedeuteten Hin- und Herfurchen
natürlich von unten nach oben. Und während wir mit dem Pflug auf die
Anhöhe kommen, rückt unten schon der Adam mit dem Säetuch dran. Und
wie der ältliche Mann unbedeckten Hauptes in Demut und Würde zugleich
über die braunen Schollen dahinschreitet und sein Korn der Erde opfert
-- so kommt mir das ganz weihevoll, priesterlich vor. Die erste Hand
voll Korn, die er ausgestreut, hat er vorher andächtig emporgehoben
zu seinen Lippen. Geküßt hat er die Körner wie ein Heiligtum! --
So war mir noch nie bisher im Leben, als an diesen Tagen. Als ob
ich heimgefunden hätte! Als ob der verlorene Sohn endlich wieder in
seiner uralt heiligen Heimat wäre! Ja, Freund, ja, das ist der alte
große Adelsstand. Zuerst der Gottschöpfer und gleich unterhalb sein
Handlanger, der Bauer. Wer seine eigene Hand in die offene Furche der
Erde legt, der muß dran glauben.
Nach dem Pflügen das Säen, nach dem Säen das Eggen, wodurch mit der
„Aren“, wie man die Egge nennt, der Same ins Erdreich gekämmt wird.
Dann lassen wir’s stehen. Lassen es stehen, stellen uns seitab an den
Rain und beten um Regen und Sonnenschein. -- Kein Mensch sieht sich
mit seinem Thun und Lassen so unmittelbar auf Gott angewiesen, als
der Landmann. Düngen, pflügen und säen, ja das kann er. Aber das ist
all noch nichts. Das Korn, das er in die Erde gestreut, verwest und
er ist ärmer, als vorher. Was nun anfängt zu geschehen und zu werden,
das wird ohne sein Zuthun. Er kann nicht fördern und nicht hemmen,
ganz ohnmächtig muß er zusehen, was da wird oder nicht wird unter der
wechselnden Sonne, unter den träumenden Wolken des Himmels. Es ist
wohl sein Anlaß, aber es ist nicht sein Werk. Und weil der rechte Bauer
schon einmal nicht müßig sein mag und doch zur Förderung seiner Sache
auch nicht weiter Hand anlegen kann, so legt er diese Hände aneinander:
Vater unser! Gieb uns unser tägliches Brot!
Ich glaube, wenn der Bauer Atheist wäre, es könnte auf seiner Erde
nichts mehr wachsen. Fromm glauben und gut düngen! -- Und den alten
Herrn mit dem weißen Bart und dem Dreieck über dem Haupte -- laßt ihn
uns stahn, ihr werten Weltweisen allsamt. Und +sollte+ er schon
nicht sein, so thut er noch in seinem Nichtsein den gläubigen Menschen
mehr Gutes, als ihr in eurer körperlichen und geistigen Wesenheit
selbander! --
Ich werde es übrigens bald erfahren müssen, daß wir das Gedeihen
doch auch sonst noch fördern können. Wir werden in nächster Woche
schon mit der Haue über das junge Feld gehen und die Erdklumpen klein
schlagen; wir werden das Unkraut jäten, wir werden den grünenden und
reifenden Acker vor den äsenden Tieren schützen bis zu dem Tage, da mit
klingender Sichel die Frucht darf in Empfang genommen werden.
Der zugereiste Knecht trägt jetzt ein äußerst grobes ungebleichtes
Rupfengewand vom Valentin. Luftig ist es. Auch die anderen Mannsleute
der Gegend tragen des Werktags solche Leinwand am Leibe; die
Hoffärtigeren pflegen es sich in Kailing blau färben zu lassen, daß
man den Erdstaub dran nicht so sollte merken können. Rock brauchen
wir keinen mehr. -- Loses Linnen über den Gliedern. Wüßtet ihr, was
das für ein prächtiges Tragen ist! Wie sich’s drin frei atmet, kühl
arbeitet und ungebunden lebt! Wenn die vornehmen Leute sich einmal
bewußt würden, was für ein Unglück ihr Modegewand ist! Wenn sie diese
unglaublichen, diese tragisch komischen Fesseln inne würden! Durch
solche glatte, farbgetränkte, zwei- und dreifache Futterale kann auch
keine Krankheit und keine Sünde ausdunsten. Bleibt alles drinnen. Ihr
Städter thut geringschätzig über die Hemdärmeln. Wem vor dem Hemdärmel
graut, dem graut vor dem Arm. Vor der Hand Arbeit. Merkst du, wie das
wieder ähnlich klingt: Arm-bieten, Arm-beiten, Arbeiten.
Hierin verstehe ich unser schönes Mädel nicht. Sie trägt noch immer
ihre wulstige Winterjoppe. Der Hausmutter ist das auch nicht recht,
ihr hat die Barbel aber gestanden, sie hätte das kurze Sommerjackel
der armen Lucknerin geschenkt, daß dieselbe ihrem kleinen Kinde eine
Wiegendecke daraus machen könne. Die Bettelleut’, wenn sie kommen,
richten es gerne so ein, daß sie die Barbel im Hause treffen. Da soll
allemal am meisten abfallen. Und sonst auch. Das Mädel versteht gütig
zuzuhören, wenn sie ihre Nöten klagen. Und wenn sie dazu ein gutes
Wort sagt, ein teilnehmendes, trostreiches, so ist das ein Almosen
für sich. Es wird wohl so sein, wie mein Adam einmal gesagt hat: Das
Teil+geben+ ist schon gut und das Teil+nehmen+ ist noch
besser.
Der Michelmensch, der doppelte, ist auch vernarrt in dieses Mädel.
Besonders +er+ steckt ihr manchmal ein Sträußchen junger
Maßliebchen zu. Das muß er freilich hinter dem Rücken seiner Alten
thun. Weil aber die alten Weiber auch hinten Augen haben, so ist
es die Michelin einmal gewahr worden, was der Michel heimlich thut
und hat ihm ein abscheuliches Wetter gemacht. Darunter ist das
abgedörrte Alterchen ordentlich aufgethaut. Kannst dir denken, wie
das einem Achtzigjährigen wohl thut, wenn er noch imstande ist, bei
der Eheliebsten Eifersucht zu erregen. Und daß das Mädel diesem ihrem
neuesten Buhlen ein besseres Auge zeigt als mir, mag ich schließlich
nicht verwinden.
Von der Mailuft, die über unseren Bergen weht, kann ich gar nicht
genug bekommen. Am späten Abend noch, während die Pflugochsen im Stall
ihr Heu fressen -- als Arbeiter bekommen sie jetzt natürlich besseres
Futter, denn im Winter als Faulenzer -- sitze ich gerne im Freien auf
der Wandbank und betrachte es, wie am Firmament die Sternlein sich
allmählich anzünden und vom Graben herauf die Wasser lauter werden.
Und da habe ich mehrmals beobachtet, wie der Rocherl Sträußlein bindet
mit großer Mühe seiner linken Hand, wie er damit an das Hausfenster
hinschleicht und den Strauß ans Fenster der Barbel steckt. Am nächsten
Tage sind die brüderlichen Liebesopfer welk, da bringt er frische. Und
das Mädel hat die Blümlein des alten Einlegers schier lieber, als die
des Bruders.
Und einmal, in der Abendstunde, steht der Rocherl beim Kirschbaum und
flucht alle Flüche, die ihm einfallen. Und die ihm nicht einfallen,
möchte er mit den Zähnen zerreißen.
„Was du für ein absonderliches Abendgebet kannst, Rocherl!“