„Geh’, närrisch,“ lachte der Vater, „woher wird sie’s denn haben? --
Mir scheint, Tochter, du willst dein Kresengeld verthun!“
Es war aber nicht das Taufpatengeld, wie er meinte.
„Habt ihr auf die Hetschen-Basel denn schon ganz vergessen?“ fragte
die Barbel. O, Freund, wie schön ist ihr Muttergottesgesicht, wenn sie
schalkhaft schmunzelt!
„Das Geld von der Basel?“
„Das sie mir vermacht hat. Ihr wisset es ja, Mutter.“
„Und daß du die Erbschaft in die Kailinger Sparkasse solltest legen!
Ja, hast das Geld denn nit eingelegt? Du leichtsinnige Dirn’, du!“
„Was brauchts denn die Kailinger Sparkasse, wenn mans daheim auch gut
aufheben kann!“
Als sie den letzten Schein aus der Mappe thut, werfe ich einen
Blick auf das Geld und erschrecke ganz abscheulich. Sind es lauter
Papiergulden, die schon seit zwei Jahren keine Gültigkeit mehr haben.
Und wollen sie dieses Geld dem Valentin schicken! Da habe ich mir wohl
gedacht: O Adam! Adam! Bisweilen wäre doch auch im Bauernhause eine
Zeitung nicht schlecht!
Jetzt frage ich dich, Alfred! Du bist zwar ein tapferer Mann, schon
auch darum, weil du so fest zum zugereisten Bauernknecht stehest.
Aber die Hand aufs Herz! Hättest du den Mut, dieses Wesen aufzuklären
darüber, daß ihr in der schönen Mappe so sorgfältig gehüteter
Sparpfennig mit dem sie dem kranken Valentin die Heimreise ermöglichen
will, wertlose Papierfetzen sind? Das wäre ja gerade, als risse ihr ein
gottverfluchter Erzräuber das Vermögen aus der Hand. -- Na, da rücke
ich mich auf meiner Bank ein wenig gegen die Tischecke hin.
„Du, Barbel,“ sage ich, „laß einmal sehen. Acht Gulden hast du da.
Papiergeld. Hörst du, das werden sie dir auf der Post schwer annehmen.
Geld kann man neuzeit nur durch Postanweisungen schicken, und da muß
Silbergeld eingezahlt werden. Ja, ja, Dirndel, du glaubst es nicht, was
so eine kaiserliche Post für Kaprizen hat! Ist aber leicht geholfen.
Wart’ ein bissel, ich wechsle dir die Papiergulden gegen Silberlinge
um. Hab’ ihrer einen ganzen Teuxel im Hosensack, da genieren sie. Mir
ist Papier lieber und der Post Silber und so ist uns beiden geholfen.“
Gelogen wie gedruckt. Aber ich hoffe, der Herrgott, wenn er sich
überhaupt um einen durchtriebenen Strick noch kümmert, wird mir
dreihundert Zeitungslügen dieser einen willen verzeihen. -- Du hast
einmal gesagt, daß gute Menschen ansteckend wären. Hätte gar nichts
dagegen.
Und so ist nachher dem dreibeinigen Bandelkrämer zu Hoisendorf die
Geldsendung übergeben worden, und ein schöner, Brief dazu, des Sinnes,
daß die Heimatberge noch felsenfest stehen, daß Eltern und Geschwister
frisch und gesund sind und alle Tage ihr Vaterunser beten für den
Valentin um glückliche Heimkehr. Die durchschossene Hand ist ihm
verschwiegen worden. Die kann er jetzt nicht brauchen.
Als der Brief geschrieben und vorgelesen war, schaute mich die Barbel
an. Hatte ich ihr aus dem Herzen geschrieben? Mensch, so lieb hat mich
noch niemand angesehen! -- Wir haben heute Frühlingsanfang. Das stimmt,
Professor. Frühlingsanfang! Frühlingsanfang!
[Illustration]
+Adamshaus+, am dreizehnten Sonntage.
An das Redaktionskollegium der „Kontinental-Post“.
Lasset es gut sein, meine Herren. Euere dem Blatte unrechtmäßiger Weise
entzogenen und mir unverdient brieflich zugewendeten Geistesentladungen
sind nicht mehr wohl angebracht. Ich bin bereits zu sehr verbauert,
um dafür die richtige Wertschätzung aufzubringen. Ihr werdet schon
verzeihen, daß der Spaß wirklich ernst geworden ist. Der Philister
in mir wird bereits so vordringlich, daß ich aufhöre zu „wissen“
und anfange zu ahnen. Zu ahnen, was das weltberühmte Wort heißt: Im
Schweiße deines Angesichtes! Und was Menschenleben heißt!
Die „Kontinentale“ ist mir nicht mehr unter allen Umständen notwendig.
Wenn ihr sie mir noch weiter schicken wollet, um euch bei mir in
freundlicher Erinnerung zu halten, dann sendet sie an den Herrn Guido
Winter, Schullehrer zu Hoisendorf, ob Kailing. Bei mir daheim wird
sothanes Papier nicht geduldet, weil es, nach Ausspruch einer mir
maßgeblichen Persönlichkeit beim Verbrennen zu viel Gestank macht.
Hier hebt jetzt Erdgeruch an, aus dem Boden zu steigen, der macht sich
nach Weihrauch, Pulverdampf und Druckerschwärze, die mir schon in die
Nase gestiegen, freilich ganz märchenhaft!
Machet euch um mich weiter nur keine Sorgen. Wenn das Jahr um ist,
werde ich mein Visitkarte schon abgeben. Schluß.
Hans Trautendorffer.
Am vierzehnten Sonntage.
Liebster Alfred!
Am vorigen Sonntage hatte ich gerade so viel Zeit, um an die Herren der
„Kontinental-Post“ ein Absagebriefchen zu schreiben. Denn diese Art
von Zuschriften ist mir endlich doch zu unangenehm geworden. So sehr
mich deine Briefe stets aufrichten, so sehr haben mich die frivolen
Geistreicheleien von jener Seite verstimmt. Und war auch einmal so
einer!
Den größten Teil des vorigen Sonntags habe ich brütend über einem alten
Buche zugebracht, das sich in einer wurmstichigen Truhe des Hauses
gefunden. Es ist eine Erd- und Geschichtbeschreibung vom Gesichtswinkel
eines alten Scholastikers aus. Weiter nicht der Mühe wert, wenn ich
in demselben nicht meine -- Ahnen entdeckt hätte. Kann mir darauf
schon etwas einbilden! Zur Hohenstauffenzeit haben die Trautentorffer
schon eine Rolle gespielt. Ein „Hannus Trautentorffer“ ist damals zu
Augsburg gevierteilt worden. Der Mann scheint die Durchfuhrszölle etwas
zu eigenmächtig und zu energisch eingetrieben zu haben, bei reichen
Kaufleuten, die durch den Spessart zogen.
Unser Rocherl guckt auch manchmal gerne in ein Buch, so habe ich den
Namen durch einen Tintenklex bemäntelt. Wenn der Adam, dessen Ahnen
wohl seit Jahrhunderten die Scholle bebaut haben, wüßte, daß ich die
meinen in Tinte rein zu baden Anlaß habe!
Ob meine alten Bärenfleischfresser wohl einmal davon geträumt haben
werden, daß für einen ihrer entarteten Urenkel die Zeit dünner
Erbsensuppen kommen wird!
Nie habe ich eigentlich gewußt, was das heißt: Fastenzeit. Und nie habe
ich darüber nachgedacht, obschon sie jeder Kalender sieben Wochen breit
aufzeigt. Jetzt bin ich mitten drinnen. Die Erbsenwoche ist übrigens
schon vorüber. Da hat die Hausmutter so unentwegt Erbsen auf den Tisch
gebracht, daß der Rocherl das Wort Erbsünde davon ableitete. Nun sind
die Wasserwochen, als Folge der Erbsünde gleichsam die Sündflut. Des
Morgens, des Mittags, des Abends -- nichts als Wassersuppen, bisweilen
ein wenig mit Butter gefettet, an Freitagen aber vollkommen pur, mit
Ausnahme des Zwiebelbeigeschmacks, der Hauptwürze in der Fastenzeit.
-- Der gute Adam! Wenn der zur Fastenzeit einmal in eine Prälatenküche
gucken könnte!
Die Barbel kann schneidern und hat mir schon Jacke und Weste enger
machen müssen. Doch merke ich nicht etwa ein Sinken körperlichen
Wohlbehagens oder der Kräfte. Die Mäßigkeit, die gute Luft, körperliche
Arbeit -- man lobt sie auch in den Städten. Dozieren -- ja. Probieren
-- nein. Die Schwielen meiner Hände thun mir schon lange nicht mehr
weh. Von meinem noch stark städtischen Schuhwerk hatte mir der
Hausvater eines Tages gesagt: „Thu sie nur wieder einmal wichsen,
sie verdienen’s. Du wirst dir drin noch die Zehen allmiteinander
erfrören.“ Heute trage ich ein Paar vom Valentin; der überschüssige
Raum wird mit Stroh ausgefüllt. Auch mit anderen Kleidern versorgen
mich die Hausgenossen. Denn der Touristenanzug muß geschont werden,
soll ich in demselben einst wiederum bei euch einreiten. -- -- Diese
Gedankenstriche bedeuten Fragezeichen.
Vor einigen Tagen, mein lieber Philosoph, habe ich die Weihe dieses
Standes empfangen. Durch allerlei Arbeiten und Obliegenheiten bin
ich endlich avanciert bis zum Dunghaufen. Wir führen den Stalldung
mit Schlitten auf die Felder. Der Schnee ist auf dem Lande kein
Verkehrshindernis, wie die Städter meinen, er ersetzt vielmehr die
Eisenbahn und wohin der Landmann seinen Schlitten lenken mag, überall
sind schon die glatten Schienen gelegt.
Anfangs hatte ich vor genannter Arbeit nicht geringe Angst. Nichts
fürchtete ich so sehr, als den Dunghaufen, der übrigens recht harmlos
im Hofe liegt. Niemand zeigt vor ihm einen Abscheu und die Leute, die
daran arbeiten, kommen vom Brunnen mit reinen Händen in die Stube. Als
ich mit der dreispießigen Gabel das erste Mal hineinstechen mußte,
dürfte ich ein ähnliches Gefühl gehabt haben, wie der Soldat, der das
erste Mal ins Feuer zieht. Ein Ding, das meiner Militärzeit nicht
blühte. Es muß doch die Baronin Suttner dahinterstecken, daß es zu so
gar keinem ordentlichen Kriege mehr kommen will. Für die Zeitungen wird
dieser Zustand schon zur Kalamität. -- Freilich, meine Hausmutter, die
betet jeden Abend vor dem Einschlafen ein herzblutiges Vaterunser um
den Frieden. Wer ein liebes Kind bei den Soldaten hat, der denkt in
dieser Sache anders, als ein abonnentenhungeriger Zeitungschreiber.
Wenn’s einmal wirklich ums Vaterland geht, da rückt der Bauer wild
aus. Für eine politische Großmacht, für die Eroberung türkischer
Provinzen, oder für eine Million Soldaten, die durch ihre Gewehrläufe
Friedensschalmei blasen sollen, hat der Bauer nicht um einen Groschen
Verständnis.
Und nun zurück zur Goldgrube. Sie hat, das wird niemand leugnen, einen
starken Geruch. Einen starken, man könnte auch sagen: würzigen. Die
Stadt hat schlimmere Wohlgerüche. Weißt du, woran das gemahnte, als ich
hineinstach? An die feinen Käse nach einem Diner. Nur schade, daß es
hier ein Dessert ohne Mahlzeit ist. -- Mein Hausvater schmunzelt. Die
dampfenden Schichten sind hübsch speckig und stellenweise blüht daran
schöner Salpeter. Wenn uns die Wetter verschonen, so kann’s Korn geben!
Bislang siehst du die grauen Felder nur schwarz punktiert mit den
abgeladenen Häuflein, dann kommt die Barbel mit der Gabel und streut
die Sachen flach auseinander. Dichter älterer Schulen würden singen:
Sie streut Rosen aus! -- Mich Bauerntölpel dünkt, sie streut Früchte
aus. Wir werden’s ja sehen im August.
Heute muß ich dir aber noch eine andere Dunghaufengeschichte erzählen,
die sich in Kailing zugetragen hat. Der Kurat, der Lehrer und andere
in Hoisendorf wissen davon. Es ist darüber viel gesprochen und viel
gelacht worden, aber noch mehr geflucht. Du kannst sie herumzeigen in
unserem schönen Chinesien.
Nu man dran.
+Wundersame Geschichte vom anrüchigen Garibal.+
Das war also zu Kailing an der Rechen. Die Leute standen überall
unter den Hausthüren und tuschelten es einander in die Ohren. Der
Brotausträger sagte es laut in die Küchen hinein: „Wißt ihr’s schon?“
Und auf allen Gassen: „Wahr muß es doch sein, die Leut’ reden überall
davon.“
Wovon?
Nun eben, das ist’s ja. Wenn man das wüßte. Unbegreiflich ist es
jedenfalls. Hatte dieser Mensch doch sonst immer einen guten Eindruck
gemacht. Ein so netter junger Mann. Der Sohn des reichen Grösselhofers.
Junger Doktor und gar Oberleutenant. Und doch nicht ein bissel stolz,
auf du und du mit allen Schulkameraden in ganz Kailing. Vor kurzem
noch hatte man ihn daheim gesehen auf dem Grösselhof, bei der Arbeit
zulangend wie ein frischer Bauernknecht. Hatte auch gern mit den
Dirnlein gescherzt und Schelmenliedeln gesungen. Ein flinker, hübscher
Bursch!
Und jetzt diese Gerüchte! Diese unheimlichen Gerüchte! Soll auch schon
in der Zeitung stehen, hieß es. Und in der That, das Wochenblatt
brachte die Notiz, gegen den Reserveleutenant Garibal Randauer sei die
Disciplinaruntersuchung eingeleitet worden.
Aber weshalb doch? Weshalb, weshalb? -- -- Man munkelt. Jemand wußte
von einem Diebstahl, dafür hätte er beinahe Prügel gefaßt, wenn er
seine Behauptung nicht eiligst damit begründet haben würde, der
Oberleutenant habe einem Kailinger Bürgersmädel das Herz gestohlen.
Schließlich vereinigten die Mutmaßungen und Meinungen sich um einen
Totschlag aus Jähzorn und Eifersucht. Wieder andere wollten wissen,
es sei noch etwas viel Schlimmeres. Dann hatte er gar am Ende einem
Vorgesetzten was ins Gesicht gesagt. Renitenz? -- Ach, Kindereien!
Der Mann ist ganz anderer Dinge wegen anrüchig. Man munkelt von --
von -- -- es sträubt sich die Feder, mein Alfred! Von einer ganz
unaussprechlichen Schandthat hört man. Auch sein Bruder, der junge
Grösselhofer, soll mit beteiligt sein.
Die Aufregung steigerte sich, als eines Tages drei Offiziere, der
kleine, dicke Kommandant darunter, in die Gegend kamen, sich zum
Grösselhof begaben und dort eine geheime Untersuchung abhielten. Sie
standen vor den Ställen herum, an den Scheiterhaufen, Streuwächten
und Dunghaufen, sie betrachteten Hacken, Krampen und Gabeln, nahmen
das Hausgesinde in Verhör, unter dem strengsten Auftrage, nichts
weiterzusagen. Trotzdem war es jetzt so viel als klar: ein Mord. Doch
nur das? Aber wen hatte der Mensch mit dem Beile erschlagen oder
mit der Gabel erstochen? Es fehlte niemand. Alles, was nicht eines
natürlichen Todes verblichen, war noch vorhanden. Ein alter Schuster
endlich kam auf die Idee, die nach allen Seiten stimmte. Eine Revolte
hatte er anzetteln wollen, einen Bauernaufstand gegen die Stadtherren,
eine schreckliche Empörung mit Beil, Krampen und Gabeln. Das war’s und
nichts anderes. Natürlich!
„Den machen sie um einen Kopf kürzer.“
„Dann ist er immer noch so lang wie der Kommandant.“
Wer das gedacht hätt’! Ein Nihilist! Die Verschwörung geht heutzutage
ja durch die ganze Welt. In allen Klassen und Ständen faßt sie Wurzel,
man darf keinem Menschen mehr trauen. Wenn er noch einmal kommen
sollte vor der Hinrichtung -- ihm von weitem ausweichen. Den jungen
Weibsbildern ward es schwer im Gemüt.
„Oft wird er nicht mehr kommen!“ sagte der Schuster. Und recht hatte er
doch. Nur einmal kam er noch, der Garibal, um nicht mehr fortzugehen.
War’s ein bureaukratisches Gericht oder ein standrechtliches --
Nebensache. Die Hauptsache ist das Urteil. Der Reserveleutenant Garibal
Randauer aus Kailing im Vordergai war schuldig befunden, die ganze
kaiserliche Armee entehrt zu haben und ist deshalb des Offiziergrades
verlustig erklärt worden. Der Unglückselige hatte nämlich -- höre und
schaudere -- mit eigener Hand Dünger gestochen!! -- Das Reglement
verbietet nämlich dem Offizier in seiner Uniform jede gemeine,
niedrige, knechtliche Arbeit, jede entehrende Beschäftigung. Und der
junge Mann hatte in der Soldatenhose daheim auf seines Vaters Hof
gemeinsam mit dem Bruder ein paar Stunden lang Kuhmist auf den Karren
gefaßt. Deshalb ist das Scheusal degradiert worden. --
Ich fürchte, du hältst mich für einen Aufschneider. Mein Herr! -- In
der That, Freund, wir wußten all’ miteinander nicht, wie uns geschah.
Ich kenne jenes Verbot ja auch, aber +das+ hätte ich nicht für
möglich gehalten. Wie stehen wir jetzt da, wir Bauern! Lauter niedrige,
gemeine, ehrlose Kreaturen. Er hat die Hand nach körperlicher Arbeit
ausgestreckt, nach der uralten Beschäftigung des uralten Bauernstandes,
und darum wurde er verlustig erklärt der Kameradschaft von Leuten, die
in des Kaisers Rock an Spieltischen würfeln, leichtsinnige Schulden
machen und Weiber verführen! -- Alfred! Bleibt dir nicht der Verstand
stehen?
Allerdings soll es noch irgendwo barbarische Länder geben, wo Generäle
und Minister im Ruhestande auf ihren Landgütern persönlich mit Schlamm
und Dünger umthun. Ja, es giebt sogar Könige, deren Ehrbegriff so
verkommen ist, daß sie ganz gleichmütig und stumpfsinnig das Brot
essen, welches auf Kuhmist gewachsen ist. -- Die Bauern erzählen sich
noch heute das Märchen von einem Kaiser, der im Lande Mähren einmal
eigenhändig den Pflug geführt und Dünger in die Furchen geackert haben
soll. Und es ist endlich der Aberglaube verbreitet, daß die ganze Welt,
Hoch wie Nieder, vom Nährstand abhänge. Pfui, das sind alte Sachen! In
den modernen Staaten giebt’s statt Halme -- Helme, und wenn man den
Boden mit Menschenkadavern düngen will, wozu da Kuhmist! --
Das ist die Geschichte vom anrüchigen Garibal.
Gestern, als die alte Marenzel wieder da war, hielt ich ihrem Hündlein
ein Stück Krume hin. Das Vieh nahm nicht einmal den Bissen Brot von
mir. -- So weit gehen die Herren Offiziere wieder nicht.
* * * * *
Laß mich wieder zu meinem guten Adam gehen. Sinnend schaut er zu, wie
das Feld genährt wird und sagt leise: Wenn Gottes Willen ist!
Das Wort wird einem geläufig auf der Scholle, der wunderbaren. Es
ist eigentlich zum Verrücktwerden, wie der Bauer inmitten von lauter
Wundern steht. Das Jahr hat dreihundertfünfundsechzig Tage -- und was
geht vor in dieser Spanne Zeit! Das Ungeheuerste geschieht. Eine
sechzehn Stunden lange Nacht und wenige Monde später ein sechzehn
Stunden langer Tag. Und in diesem Ring ein zartes Keimen, ein
leuchtendes Blühen, ein üppiges Reifen, ein müdes Sinken, ein totes
Starren. Welch’ lange Zeit des lachenden Grüns, welch’ lange Zeit des
ernsten Erwartens, und doch alles innerhalb eines kurzen Jahres!
Wenn ich am Feierabend draußen vor dem Wetterkreuze stehe, ist es
zu hören jetzt, wie in den Bergen die Lawinen donnern. Hoch in den
Hängen sammeln sich unter der Schneedecke die Wasser und gießen unten
in trüben Fluten dahin, bis alles locker wird. Die Berge stehen
klar und scharf in der feuchten Luft und ein lauer Wind weht über
die Höhen. Welch’ ein Fernblick in die schneebedeckten Gipfel der
Hintergaiergebirge und der Sandalpen, die so weiß, so still und weiß
aufragen in den bleigrauen Himmel! In den Gaithälern werden schon die
jungen Gräser sprossen, werden die Weiden ihre Kätzlein treiben --
wir sehen nicht hinab. Bei euch werden jetzt die Konzerte sein mit
den blädernden Fächern und den gelangweilten Gesichtern dahinter. Die
Gärtner werden den Parkrasen säubern, die Winde werden den Straßenstaub
aufwirbeln, die Schneider werden mit irgend einer Modethorheit die
Frühjahrssaison einleiten.
Ei doch, die Fremdwörter. Nirgends sind sie so störend, als im
Volkstum. Nirgends ist Unsinn so unsinnig, wie in der lieben Natur.
Wehe thun sie dir in meinen Briefen, sagst du. Freund, das sind immer
noch Schlacken, Kulturschlacken. Warte nur, bis das Fegefeuer mich erst
ganz gereinigt hat.
Am fünfzehnten Sonntage.
In der vorigen Woche hat’s bei uns Zank gegeben und zwar zwischen
Vater und Mutter. Das soll sonst selten vorkommen, denn es ist, wie
der Rocherl sagt: „Die Mutter thut, wie’s der Vater anschafft, und der
Vater schafft an, wie’s die Mutter haben will.“ Diesmal hat aber das
Männchen recht behalten, das heißt --. Recht behalten hat jedenfalls
die Frau, er hat nur zufällig seinen Willen durchgesetzt.
Die Sache hat sich so begeben. Aus dem Untergaithal sind zwei Bauern
gekommen, denen sich auch unsere Nachbarn Schragerer und Kulmbock
beigesellt hatten. Sie traten um die Mittagsstunde so feierlich ins
Haus, daß wir alle miteinander erschraken. Sie brachten eine Zumutung
mit, wie eine solche kaum je an einen Bewohner dieser Hütte gestellt
worden war. Man will den Adam Weiler, insgemein Adamshauser im Almgai,
zum Landtagsabgeordneten wählen. Ob er die Wahl annehme? fragte der
Kulmbock.
Eine Weile verstand sie der Adam gar nicht. Dann aber legte er seine
flache Hand aufs Knie, wie er gerne that, wenn er etwas mit Nachdruck
sagen wollte, und sagte sehr leise: „Männer, was fällt euch denn ein?
Ich soll ein Landbote werden!“
„Das ist wohl wahr auch,“ meinte der Kulmbock. „Der Adam hat hart’
Zeit, wo jetzt der eine beim Militär ist und der andere die schlechte
Hand hat!“
„Daran denke ich nit einmal,“ sagte der Adamshauser. „Ich taug’ auch
sonst nit für so was. Ein alter Almbauer, der nichts weiß, der sein
Lebtag nit viel weiter gekommen ist, als bis Kailing hinaus. So einer
kennt sich wohl zu wenig aus. Man versteht’s ja nit, was die Leut’
jetzt machen auf der Welt. Na, das thät wohl zum Lachen sein.“
„Grad derowegen, grad derowegen!“ rief der Schragerer. „Just weil
du dich nit kümmerst um die andern, just weil du so heimständig
bist, brauchen wir dich. Wir wollen keinen schicken, der in der
großen Politik dreinredet, die ändern wir Bauern so wie so nit.
Wir wollen auch keinen Herrnbauern schicken, der sich etwan mit
dem Großgrundbesitz zusammenthäte. Wir schicken einen, der ein
altgesessener Bauer ist, der alten Brauch und alte Wirtschaft halten
will, weil unsere Äcker und Wiesen auch die alten bleiben und weil
wir uns nach +unserem+ Sommer und Winter richten müssen und nit
nach dem, wie anderswo das Wetter ist. Du bist einer, Adam, der selber
arbeiten muß wie ein Knecht, der’s an sich selber spürt, wie’s uns
Bauern geht. Hätt’ der Mittelbauernstand nit alleweil lauter Großbauern
in die Landstube geschickt, so kunnt’s auch anders sein. Das muß
eine Veränderung nehmen. Einer, der sich um nichts kümmert als um
Wirtschaftssachen, der ist uns der liebste. Und deswegen haben wir halt
an dich gedacht, Adam.“
Dieser saß da und schlug die Hand auf den Oberschenkel. Sagen that er
gar nichts.
„Es ist wohl wahr,“ redete der Kulmbock wieder drein, „wenn sich einer
schon gar nit auskennt, das ist halt auch hart. Nit, daß ich mein’, der
Adam hätt’ den Kopf nit dazu. Aber zu gut ist er, zu gut. Das muß ein
harter Kloß sein, der in der Landstube was ausrichten will. Das muß ein
Steinharter sein, den wir schicken. Sakerment noch einmal, Heugabeln
friß’ ich nit!“
Der Schragerer schaute den Kulmbock an: „Nachbar, du thust ja abreden.
Wegen was sind wir denn da?“
„Wo red’ ich ab!“ wies der Kulmbock den Vorwurf zurück, „aufmerksam
machen muß man einen Menschen doch. Und auch, daß er sich um wen schaut
daheim für die Wirtschaft, derweil er aus ist.“
Der Schragerer zum Adam: „Du wirst etwa meinen, daß es nicht geht,
wenn du wochenlang vom Haus fort sein mußt. Du weißt aber doch, daß
der Abgeordnete eine Entschädigung bekommt. Davon kannst du dir
derweil einen tüchtigen Wirtschafter halten und bleibt noch was übrig.
Schau, dir und uns allen thust was Gutes, wenn du annimmst. Du hast
einmal unser Vertrauen. Im ganzen Gai heißt es: Kein Besserer als der
Adamshauser. Sagst uns: ja, so ist deine Wahl so viel als sicher. Geh’,
Adam nimms an!“
„Nimm’s an, Adam!“ setzte der Kulmbock bei. „Ich mein auch, daß du
genug Stimmen kriegen wirst. Will den Leuten schon auch zureden. Man
sieht doch wie nötig es ist, daß wir einen ganzen Kerl schicken, einen
+ganzen+ Kerl, der sich auch was zu sagen traut! Nit?“ Er blickte
herausfordernd um sich.
Stand jetzt mein Hausvater schwerfällig auf, wendete sich schräg gegen
die Wand hin und murmelte: „Gar nichts sag’ ich drauf.“
„Also, du nimmst an?“
„Aber saggra -- +nein+!“ rief der Adam.
„So sauber!“ sagte der Kulmbock. „Am Ende bös auch noch sein!“
„Bös! Was soll denn ich bös sein!“ hierauf wieder der meinige und warf
die Arme auseinander. „Kann mich ja g’freuen! Kann mich ja g’freuen.
Aber thun thu ich’s nit. Mein Lebtag nit!“
Er setzte sich auf den Holzblock in den Herdwinkel und hub an, schwer
zu atmen.
„Mein Gott, er hat ihn schon wieder!“ jammerte die Hausmutter. „Wenn
er halt in die Hitz’ kommt, da hat er gleich den Lungendampf. Es ist
wohl ein heiliges Elend auf der Welt!“ Hernach vertraulich zu den
Abgesandten: „’s wird ja eh nit auf der Stell’ sein müssen, daß er
zusagt. Laßt’s nur Zeit ein paar Tag. Er wird’s überlegen. -- Gelt,
Vater, du wirst es überlegen?“
Der hatte jetzt ausschließlich mit dem Atmen zu thun. „’s ist halt
ein Kreuz, wenn ein Mensch so krank ist!“ bedauerte der Kulmbock.
Die Männer wünschten ihm baldige Besserung und wollten in zwei Tagen
wiederkommen.
Als sie fort waren, bereitete die Hausmutter das Hexenkraut. Und als
die Atemnot hierauf nachgelassen hatte, begann sie ihn zu bearbeiten.
Weil er selber nichts aus sich zu machen weiß, so muß halt sie wieder
einmal anschieben. Man hat ihnen gerade gern zugehört.
„Müßtest wohl ein Lapp sein, wenn du so was thätest ausschlagen?“ sagte
sie zum Hausvater.
„Jawohl,“ entgegnete er, „das kunnt sauber werden! Kunntst du gleich
alleweil hinter mir stehen mit dem Kraut, im Landtag, wenn mich beim
Reden der Lungendampf anpackt.“
„Geh, wird nit so hitzig werden mit dem Reden. Wo die meisten
Landboten, wie man hört, die ganz’ Wochen lang dasitzen wie die
Stummerln. Wirst grad du dich strappazieren.“
„Na freilich wird der Mensch ruhig sitzen bleiben, wenn er hört, daß
alles gegen seiner ist. Daß sie nichts als neue Sachen und alleweil
nur neue Sachen aufbringen wollen, bei denen der Bauernstand zu Grund’
geht. Da verschlagt’s oft gar einem andern die Red’, der gut auf der
Brust ist.“
„Na, so red’ halt gar nichts,“ riet sie. „Wenn’s eh nichts hilft. Dein
Geld kriegst doch.“
Jetzt schaute er sie an. Das war stark. Der Blick war stark. So einen
hatte ich bislang an meinem Hausvater nicht gesehen.
In etwas sänftiglicherem Ton sagte sie: „Wer Kinder hat, soll’s nit
verschmähen. Macht doch allerhand Bekanntschaften dabei, die man einmal
zu brauchen haben kann. Denk’ an den Valentin. Wer weiß, ob du für ihn
nit was thun kannst, wenn du Landbot’ bist. Denk an den Franzel. Der
wird auch nit alleweil im Almgai bleiben wollen.“
„Warum denn nit! Wir sind seit undenklichen Zeiten verblieben auf dem
Hof.“
„Mein Gott, wenn er sein Glück anderswo finden kann --“
„Bleiben soll er!“ rief der Hausvater heftig. „Und mit deinem dummen
Reden kannst mir aufhören. Mit deinem schlechten Reden! Sich wählen und
zahlen lassen dafür, daß man dabei seinen eigenen Vorteil sucht!“
„Uh du lieber Gott! Den werden andere wohl auch suchen. Deswegen sitzen
sie ja drinnen, daß sie ihren Vorteil suchen.“
„Bieg’ mir die Worte nit um, Weib! Ob einer den Vorteil für seinen
Stand oder für sein Haus sucht, das wird wohl ein Unterschied sein.
Nit?“
Vor Aufregung zitterte er. Da hoben sich seine Achseln, es hob sich
seine Brust. Wieder die schreckliche Not -- und heftiger als je.
Die Hausmutter that sehr gelassen beim Herde um, als sehe sie’s nicht.
-- Er soll nur ein wenig zappeln, mochte sie denken, geschieht ihm
recht. Warum giftet er sich so in die Hitz’ hinein, wegen Sachen, die
sich gar nicht auszahlen.
Er hielt seinen Mund über den Rauch des knisternden Krautes, aber der
Krampf wollte diesmal nicht nachlassen. Erbärmlich rang er um das
bißchen Luft, die Stirnadern, die Halsadern schwollen ihm zum Bersten,
die Lippen zuckten, die Augen traten hervor.
„Jesus Maria! -- Rocherl!“ schrie die Hausmutter. Der erschrockene
Bursche langte von der Wandstelle die Weihekerze, um sie anzuzünden.
Die Barbel lief zum Brunnen um frisches Wasser. Mit dem labte sie ihn
und sagte dabei fortwährend: „Vater! -- Vater! -- Vater!“
Er tastete nach ihrer Hand, krampfte die Finger in ihren Arm: „O
Kind!“ --
Unbeschreiblich betrübt sah er sie an. Tropfen hingen an seinen Wimpern.
„Du -- du bist mein liebes Kind!“ sagte er endlich aufatmend. Es war
ihm leichter geworden.
Von dieser Zeit an sprach meines Wissens die Hausmutter nichts mehr
davon, daß er sich in den Landtag wählen lassen soll. Nach zwei Tagen
kam der Kulmbock nachfragen, ob der Adam es sich überlegt hätte.
Sie antwortete: „Es ist gescheiter, du redest gar nit mehr mit ihm.
Schad’ um jedes Wort.“
„Ich hab’s ja gleich gesagt,“ rief der Kulmbock fast fröhlich aus.
„Müssen wir halt einen andern suchen. Und wenn sich doch etwan ein
Nachbar dazu sollt’ hergeben, so wird ihm der Adam wohl die Stimm’
zuwenden. Ich laß ihn grüßen.“
Nach diesen klugen Worten ist der Kulmbock mit sehr würdigen Geberden
davongetrottet. --
Weißt du aus der Schule her noch etwas vom Palmsonntag? Wie der Herr,
einen Palmzweig in der Hand, auf dem Esel in Jerusalem eingeritten
ist. Das hat weitere Folgen. Heute bin ich mit einem großen Buschen
Felberzweige auf der Achsel in Hoisendorf eingezogen. Das heißt man
hierzulande Palmesel sein. Von jedem Hofe haben Bursche solche Buschen
herbeigetragen und der Kurat hat sie in der Kirche geweiht. Dabei hatte
sich eine sehr dramatische Scene abgespielt zwischen dem Priester und
dem Schullehrer. Es war eine Prozession um die Kirche herum; als sie
wieder zum Thore hineinzogen, schlug der Lehrer dem Kuraten vor der
Nase das Thor zu, so daß dieser laut schreiend im kalten Winde stehen
bleiben mußte, während es die Gemeinde stumpfsinnig geschehen ließ.
Na, das ist doch stark, denke ich in meinem Kirchenstuhl, das geht zu
weit. Wie ich zum Lehrer eilen will, der noch am geschlossenen Thore
steht und mit dem Geistlichen draußen disputiert, merke ich, daß
sie lateinisch reden. Wenn sie lateinisch reden, dann hat’s weiter
nichts auf sich, und ist es richtig eine kirchliche Ceremonie gewesen,
deretwegen sich der Knecht, der zugereiste, bei einem Haare tüchtig
blamiert hätte. Der Auftritt soll wohl den Konflikt des Heilandes mit
den Schriftgelehrten und Pharisäern bedeuten, die den Propheten und
Seher zu aller Zeit aus ihrer Gemeinschaft verstoßen haben.
Allmählich schleicht sich mir bei solcher Umgebung ein klein bißchen
Religion ins Herz. Du hast einmal den Ausspruch gethan: Bis der Mensch
siebzig Jahre alt wird, lernt er Gott erkennen. Beim Bauernknecht
dauert’s nicht so lang, ich versichere dich! -- Ich bin auch schon in
Stadtkirchen gestanden, um bittweise mit der Gottheit anzubinden. Es
war nichts, sie fand mich nicht und ich sie nicht. Wenn man aber in
Dorfkirchen steht, da steht man nicht lange -- man kniet nieder. Die
gläubigen Beter ringsum, man fühlt sich mit ihnen in einer leidenden
Einheit. Die kirchliche Passionstrauer, die heute begann, hat etwas
Berückendes, man muß es nur sehen, wie die armen, kummervollen Menschen
sich den heiligen Geheimnissen hingeben. O nein, die Religion ist
durchaus kein überwundener Standpunkt, wie manche meinen, sie ist
Natur, gehört zur Menschennatur, wie das Lieben und das Hassen.
Nach der Messe, die heute nur unter gedämpftem Orgelton stattgefunden,
schritt der Lehrer leise von Bank zu Bank und teilte an die Leute
„Palmzweige“ aus. Der Tolpatsch, warum er meine Barbel übersehen hat?
Auch sie hat ihr Gesicht von ihm abgewendet, ganz hinter dem Pfeiler
ist sie gesessen. Sind ja sonst doch einmal so gut miteinander
gestanden. So viel ich merke, liest sie auch keine Bücher mehr von ihm.
Gegen mich ist der Lehrer etwas ungleich. Manchmal, als hätte er einen
Groll, und heute hat er mir doch einen der schönsten Zweige in die Hand
gegeben. Was soll ich denn damit anfangen? Den großen Buschen, den ich
getragen, hat die Hausmutter nachher auf dem Dachboden unseres Hauses
verwahrt. Im Sommer, wenn die Wetter blitzen, legt man -- sagt der
Rocherl -- davon in die Herdglut und der aufsteigende Rauch treibt aus
den Wolken die böse Macht davon.
Wofür nur soll ich meinen Zweig aufbewahren? Wäre es schon die Palme
für das Märtyrertum? Oder soll der Palmsonntagszweig mich schützen vor
einer bösen Macht? O Barbel! Was wird das werden im Sommer, wenn die
Wetter blitzen?
Aus dunklem Mittelalter grüßt dich, Freund, wie ein kleines, rotes
Lichtlein ein Menschenherz.
[Illustration]
Am Ostersonntag, das ist der sechzehnte des Jahres.
Mein lieber, treuer Freund!
Willig füge ich mich dem Vorschlage, in meinen Briefen den Inhalt der
deinigen nicht weiter zu berühren. Du willst einheitliche Stimmung
haben in den Berichten aus dem Adamshause. So was wie ein Roman! Weiß
man’s? Das wäre so etwas! Im Buche läse es sich vielleicht ganz hübsch,
in Wirklichkeit ist es manchmal verdammt unbehaglich.
Zeige mein vertrauliches Tagebuch nur nicht her. Es würde mich für alle
Zukunft unmöglich machen. Höchstens drucken lassen, wenn du willst. Da
glaubt’s kein Mensch. -- In dieser vergangenen Charwoche, wenn ein paar
feingebildete Herrschaften hier gewesen wären, oder gar die Redakteure
der „Kontinental-Post“! Die hätten einen Brocken gehabt für ihren Witz!
Wie Vandalen hätten sie gewirtschaftet in diesem mystischen Reiche.
Die Charwoche ist hier ein großes, einziges Weihefest. Alle weltliche
Absicht der Arbeit tritt zurück, aller häuslichen Beschäftigung
wohnt eine wundersame Stimmung inne, von der die Weltleute draußen
keine Ahnung haben. Hätte ich in meiner Kindheit nicht selbst von
diesem Blute Muttermilch getrunken, ich könnte es nicht begriffen,
nicht bewundert, nicht verehrt haben, wie den letzten Gruß einer
versinkenden Welt. Lache mich nicht aus, Philosoph, manchmal weht es
wirklich noch hier wie eine Auferstehung von den Toten. Von längst zur
ewigen Ruhe gegangenen Menschen streichen die Seelen umher. -- Schon
am Montag ist das hölzerne Kruzifix vom Wandwinkel gehoben und auf den
Tisch gestellt worden. Abends setzten wir uns allemal an den Tisch und
der Rocherl oder der Franzel las ein Stück aus der Leidensgeschichte,
die mit großer Ehrerbietung angehört wurde. Erst dann genossen Vater
und Mutter den ersten warmen Bissen des Tages. Dabei sind sie in
einer Hochstimmung, die manchmal an Verzückung gemahnt. Wie hätte ich
das geglaubt! Am Gründonnerstag hatten wir ein größeres Abendmahl
von Mehlspeisen und Brunnenkreß-Salat. Nach demselben gingen wir zum
Brunnen und wuschen uns die Füße. Und da sah ich, wie die Burschen
barfuß über den Rasen hinschritten, der überall schon grünt. Und auch
die Barbel that dasselbe, mir schien aber, als berühre sie den feuchten
Boden nicht, als schwebe sie wie eine Seele, die nicht erlöst ist. Du
meinst, dieser Rasengang werde zur Erinnerung an den Ölberggang des
Heilandes geschehen sein. Aber da ist wieder eine jener Stellen, wo
das Volk mit seinem Christentum Sprünge macht. Wer am Antlispfingstag
(Gründonnerstag) mit nacktem Fuß auf grünen Rasen steigt, den kann im
folgenden Sommer kein „Donner derschlagen“. Am Freitag und Samstag
saßen wir in der Kirche. Die Fenster, die Bilder sind mit blauen
Tüchern verhüllt, das große Kruzifix ist mitten in der Kirche auf den
Boden hingelegt und die Leute knieen daneben nieder, neigen sich zur
Erde und küssen die Nägelwunden. Kein Glockenklang, kein Orgelton.
Während der Geistliche leise murmelnd die geheimnisvollen Ceremonien
verrichtet, schlägt von Zeit zu Zeit die Charfreitagsklapper an.
Spät abends am Freitag war’s, in der dunklen Stube daheim, daß mein
Adam, sich allein wähnend, am Tisch kniete vor dem Kruzifix, im tiefen
Gebete versunken. Und mir schien, ich hätte ihn schluchzen gehört. --
Ein schweres Anliegen muß der Mann haben, aber ich komme nicht dahinter.
Und am Samstagmorgen gab’s in Hoisendorf etwas Lustiges. Während der
Meßner auf dem Turm anstatt der Frühglocke die große Klapper läutete,
lief der Jagdaufseher der nahen Herrschaftswaldungen wie rasend um die
Kirche, hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und schrie, man möge
das verdammte Klappern sein lassen, sonst gäbe es ein abscheuliches
Malheur.
Der Lehrer stellte ihn darob zur Rede und war es also das. Der Mann
hatte seit Tagen mit vieler Mühe im nahen Forst auf der Tanne einen
Auerhahn festgewartet. Und siehe, die Ahnung Nimrods ging in Erfüllung,
die Klapper hatte das Tier verscheucht -- ein paar Tage vor der Jagd!
-- Vielleicht wirst du nächstens einen Gesetzentwurf der löblichen
Jagdvereine lesen, daß aus Rücksicht für jagdliche Interessen in der
Charwoche nicht mehr geklappert werden darf.
Hat ja doch auch für die in der Osternacht angezündeten Freudenfeuer
von der Jagdherrschaft die Bewilligung eingeholt werden müssen.
Das gemeinsame Feuer ist auf unserer Höhe veranstaltet worden, auf
der sogenannten Kulmplatte, oben hinter dem Schachen. Die Burschen
des Almgais hatten schon tagelang gebaut an dem Holzstoß, und als
zu Hoisendorf die Auferstehungsfeier vorüber war und der Ernst der
Fastenzeit, die Trauer der Passionswoche sich ganz plötzlich in Freude
und ausgelassene Lustbarkeit verwandelt hatte, kam von weit und breit
alles zusammen auf diese Höhe. Es war eine laue Vollmondnacht, der
Boden schneefrei und auf den dicken Ästen der alten Wettertannen saßen
die Musikanten. Sie hatten Erlaubnis zu blasen nach Herzenslust, denn
auf unserem Berge giebt es dies Jahr weitum keinen Auerhahn.
Der Rocherl, der Franzel und ich waren natürlich auch hinaufgegangen.
Doch war der Bursche mit der durchschossenen Hand, die er in der Binde
trägt, viel zu betrübt für ein Freudenfeuer. Alles Jauchzen und Pfeifen
und Pöllerknallen hat’s nicht vermocht, daß er den Scherzen anderer
Burschen und den Schelmereien junger Weibsleut’ hätte stehen mögen. Da
war ein ausgelassener Strick dabei, den hießen sie den Saufüssel. Sein
wahrhaftiger Schreibname. Es soll der alten Marenzel ihr Sohn sein.
Dieser Junge hat zwar die Osternacht sehr lustig angefangen, aber sehr
ärgerlich beschlossen. Er konnte sich nicht genug thun an unpassenden
Ausdrücken und rohen Späßen. Die Männer lachten bisweilen dazu, die
Dirnlein jedoch flohen seiner mit Abscheu. Er aber haschte nach ihnen
und neckte sie mit unflätigen Dingen. -- Das große Feuer auf der
Kulmplatte loderte voll grauenhafter Pracht in den dunklen Nachthimmel
auf. Dabei sang man Osterlieder, die zum Teil einen so weltlichen Sinn
hatten, daß manches Maidlein sich die Ohren zuhielt. Die Burschen
thaten springen und ringen und machten helles Geschrei. Nebenhin waren
mehrere kleine Feuer angezündet worden, über die sie in hohen Sätzen
sprangen. Einer trachtete dem andern schalkhaft kleine Hindernisse zu
bereiten und die Unterliegenden wurden mit Kohle gezeichnet, maßen man
ihnen die Nasen anschwärzte.
Auch mein Rocherl mischte sich, von mehreren Seiten gelockt, endlich
unter die Heiteren und der Saufüssel eiferte ihn an, über ein Feuer zu
springen. Dieweilen man nicht mit den Händen, vielmehr mit den Beinen
springt, so war er bereit. Während er ausholte, zog der Saufüssel
unbemerkt eine schwarze Schnur -- der Rocherl sprang, stolperte und
wäre mitten in die Flammen gefallen, wenn ich nicht zufällig in der
Nähe stehe und ihn auffange. Der Saufüssel schlug über seinen großen
Witz ein grelles Gelächter an -- wir dachten einigermaßen anders.
„Es ist zwar die heilige Osternacht,“ sagte ich, „aber etwas
knechtliche Arbeit wird mir doch erlaubt sein.“
Darauf habe ich den Saufüsselbuben hergenommen.
Es sei ja nur ein Spaß gewesen, versicherte er flehend.
„Es ist ja auch das nur ein Spaß,“ sagte ich und waltete scharf. Der
Racheengel waren zu Dutzenden da, besonders weibliche. Anfangs hielt
ich es für eine mildere Entwickelung, als der Missethäter den Dirnen
überlassen wurde, bald jedoch mußten Männer schlichtend eingreifen, um
ihm das nackte Leben zu retten. Erdrosseln, zerreißen wollten sie ihn.
„Den lieben Adamshauser Rocherl, der eh die wehe Hand hat, ins Feuer
haspeln! Werft ihn selber hinein, den Wichtelbalg, das Krotmaul!“
Na nu, die können’s auch, die jungen Furien, wovon einige nicht bloß
gereizt, sondern auch reizend waren. Auf unsere Fürbitte hin haben
sie sich schließlich damit begnügt, dem Saufüssel die Hände auf den
Rücken zu binden, die fetzigen Haare zu versengen und das Gesicht zu
schwärzen. Darauf haben sie ihn, wie Hunde den Hasen, über die Höhe
hingejagt und ist er nicht mehr gesehen worden.
Mein Rocherl war nun der Gegenstand wärmster Teilnahme. Und da habe ich
bemerkt, wie dieser Junge, dessen sanfte Trauer um die verlorene Hand
einen völligen Verklärungsschein um seine klassische Schönheit legt,
der Abgott aller Dirnlein ist. Und der Schlingel weiß es gar nicht, wie
mich dünkt. Oder es ist ihm einerlei. Davongelaufen ist er ihnen.
Als wir dann mitteinander nach Hause gehen und die weite,
mondbeschienene Berglandschaft so himmelsfriedlich vor uns daliegt, da
sagt der Junge plötzlich und in einem unbeschreiblich traurigen Tone:
„Wie schön ist doch die Welt!“
„Ja, wer sie gut zu fassen weiß,“ antworte ich.
Schweigend gehen wir nebeneinander dahin. Es scheint ein paarmal, als
wollte er etwas sagen. Und thut’s doch nicht.
Endlich thue ich wieder den Mund auf: „Jetzt kommt die schöne
Frühlingszeit.“
Er schüttelt leicht das Haupt. Dann bleibt er stehen und lehnt sich an
einen Baum.
„-- Rocherl! -- Rocherl! -- Ist dir etwas? Was ist dir denn?“
„Hansel --“ sagt er leise und stockt wieder.
„Was ist dir, Rocherl?“
Da atmet er fast laut und sagt mehr in den Baum hinein als auf mich
her: „Die Barbel hat geweint...“
* * * * *
Die Barbel hat geweint.
Was ist denn das? -- Die mit sieben Schlössern zugeschlossene Barbel.
Die so plaudersam, so lustig gewesen sein soll in früherer Zeit. Vor
Erscheinung des zugereisten Knechtes. Und gesagt haben soll, für
traurige Leut’ hätt’ der Himmel keine Ofenbank. Die hat geweint? Wann?
Warum?
Der Bursche hat weiter nichts gesagt.
Wir kamen zu unserem Hause. Er reichte mir die Hand, was er sonst
nie zu thun pflegt. Es war, als hätte er durch das Anvertrauen des
Geheimnisses mich zu seinem Freund erhoben.
„Gute Nacht, Hansel!“
Nicht eine halbe Stunde werde ich geschlafen haben in dieser Osternacht.
Die Barbel hat geweint....
[Illustration]
Am siebzehnten Sonntage.
Ich nenne dich nicht mehr. Du bist es ja. Ich schildere weiter. Der
Osterjubel ist verrauscht. Das war wie ein klingender knallender
Springbrunnen aus diesen Menschenherzen. Christ ist erstanden und das
Frühjahr ist da! Natürlich ein tausendstimmiger Freudenschrei zum
Himmel.
In den Thälern, auf die wir niedersehen, liegt ein Wiesengrün, wie es
die Maler nicht zuwege bringen, weder die alten, noch die modernen.
Es fehlt ihnen dazu das wahre Freilicht, das Licht der freien Natur.
Zwischen den Wiesen hin gießen die braunen Bäche, in denen der einst
so weiße Winter zu Thale fährt seit Wochen. Im Hochgebirge hinten, wir
sehen es so schön über den Almen stehen, rührt sich noch nichts. Dort
alles staar. Und wenn über unserem Gai die warme Aprilsonne leuchtet,
ist über jenen Höhen ein graues, halb durchsichtiges Schneegestöber.
Was wir jetzt mit den Wiesen und Weiden thun, auf denen Gras wachsen
soll, das ist eine reizende Sache. Sie werden gewaschen, gekämmt,
gefüttert und getränkt. Das Füttern geht voran, soweit der Dung reicht,
dann streichen wir den Rasen mit dem Rechen ab, krauen alles dürre
Zeug und Geschütte weg und machen den Boden glatt vor Steinwerk und
Maulwurfshaufen, daß er wie ein gebügeltes Tuch daliegt an der Lehne
hin. Nun leiten wir aus der Schlucht Wasser in einer Rinne oben am
Raine hin und schlagen von Stelle zu Stelle Schärtlein aus, daß die
Wasser tagelang niederrieseln und sich glitzernd ausbreiten über den
Wiesenboden. Aber es kommt nicht zu Thale. Der Boden saugt das Nasse
gierig ein, die Stoffe lösen sich und zwischen den fahlen Grasresten
des Vorjahres sprießen jung und spitz die grünen Gräslein auf. Dieses
Berieseln mit dem Wasser ist ein liebliches Spiel und noch immer
mehr Bach habe ich mit der Haue aus der Schlucht hervorgeholt, um
die durstige Wiese zu begasten. Hat sie genug, dann macht sie ihre
Millionen kleinen Mäuler zu, das Wasser rieselt wie ein schimmernder
Schleier zu Thale und wir schütten die Rinne zu.
Mein Hausvater ist gestern mitten im Hofe gestanden, hat zu dem Giebel
aufgeschaut und den Kopf geschüttelt. Was denn das ist, daß sie heuer
noch nicht da sind? Heißt es doch: „Zu Maria Verkündigung kommen
die Schwalben wiederum.“ Das ist kein gutes Zeichen, wenn dieser
Glücksvogel ausbleibt. Um den Hoisendorfer Kirchturm hat der Adam ihrer
schon gesehen tanzen. Und zum Adamshaus wollen sie nicht mehr kommen?
Was soll das bedeuten?
„Vater,“ rede ich ihn an, „wenn Ihr nach Schwalben ausseht, so kann ich
Euch schon aus dem Traum helfen. Die Schwalben werden immer seltener
erscheinen und endlich gar nicht mehr.“
„So wär’ der jüngste Tag nicht weit?“ fragt er.
„Der jüngste Tag wird kaum daran Schuld sein, wenn unsere lieben
Zugvögel ausbleiben, wohl aber die Vogelmassenmörder.“ Und habe
ihm dann erzählt, wie man in Dalmatien, in Südtirol, in Italien die
durchziehenden Vogelscharen fängt und vernichtet.
Ganz sprachlos hat er mir zugehört, die Hände ineinander geschlungen,
so stand er da und sagte schließlich: „Immer einmal kommt’s einem
wahrhaftig vor, unser Herrgott schläft.“
Wenn er bloß schläft, dann wird er ja wieder aufwachen, dachte ich. --
Heute schleichen sie noch auf Socken an der Himmelsthür vorüber und
sind froh, wenn er schläft. -- Ob der Mensch nicht einmal mit rasender
Faust an das Thor pochen wird, um ihn zu wecken?! --
In dieser Woche, wenn wir bei Tisch zusammen saßen oder in der Arbeit
nebeneinander zu thun hatten, habe ich manchmal dem Mädel verstohlen an
die Augen geguckt. Es sind die sanften großen Kindesaugen wie immer.
Ein ganz besonderer feuchter Glanz ist wohl in ihnen. Vielleicht hat
der Rocherl das für ein Weinen gehalten. Auch sie schaut manchmal zum
Hausgiebel auf. Es sind ja die Meisen, die Finken da. Ist ihr das nicht
genug? Ein einsamer Spatz ist auch da. -- Manchmal kommt’s mir gottlos
an, ich möchte das Mädchen ein wenig beleidigen. Ich möchte sie einmal
zornig sehen, und wäre sie’s gleich auf mich. Jemandem so ganz und gar
nichts zu bedeuten, das ist auf die Länge schwer zu ertragen.
Am Ostermontag ist der Jäger Konrad in unser Haus gekommen, der auf
den Rocherl geschossen hat. Gar höflich trat er ein, ohne Gewehr, ohne
Gemsbart oder andere Jägerhoffart; allein die Hausmutter begrüßte
ihn mit den Worten, es wäre ihr lieber, wenn sie seiner von hinten
ansichtig würde.
Ob der Rocherl daheim wäre, fragte er fast demütig.
„Der Wildschütz?“ darauf die Hausmutter giftig, „der wird wohl mit der
Büchsen im Wald sein. Wo denn sonst?“
Alsogleich setzte der Hausvater gemütlicher hinzu: „Von der Kirchen ist
er noch nit heim.“
Der Jäger ging hinaus und setzte sich im Hof auf den Kopf des
Brunnentroges. Wir beguckten ihn durch das Fenster und ergingen uns in
Mutmaßungen, was das zu bedeuten habe. Ob er nicht etwa dem Rocherl
noch etwas anthun wolle? Oder ob er am Ende dienstlos geworden wäre?
Vielleicht vom Jagdherrn abgesetzt, weil er auf Menschen schießt.
In diesen Gegenden wird am Ostersonntag von jedem Hause aus ein Korb
mit Rauchfleisch, hart gekochten Eiern, Weißbrot und geschnittenem
Meerrettich in die Kirche getragen, wo solche gute Sachen, wie eine
Woche vorher die „Palmen“, die Osterweihe empfangen. Mit diesen
geweihten Speisen wird das Ostermahl eröffnet und fremde Besucher, die
während der Osterzeit ins Haus kommen, werden mit einem Teller dieses
Aufgeschnittenen bewirtet. Nun sagte der Adam zu seinem Weibe: „Mutter,
gieb dem Jager ein paar Schnitten Osterfleisch hinaus!“
Für diesen Wunsch hatte sie nichts, als einen Blick der Entrüstung.
Den Todfeind ihres Sohnes bewirten? -- Dann aber mochte ihr der
Gedanke kommen: Über geweihte Sachen soll der Christenmensch seinen
Haß nicht spinnen. Sie holte aus dem Kasten den Fleischkorb hervor,
sie holte einen blumigen Teller und begann aufzuschneiden. Das war
gar nicht karg, die braunen Spalten des Rauchfleisches, die Scheiben
der Eier, die gelblichen Brotschnitten, die lockeren Späne des Krenns
darüber füllten beinahe den Teller. Sie wollte ihn schon heben und
hinaustragen, da zuckte ihr die Hand zurück. -- „Nein, so was kann
unser Herrgott nit verlangen.“
Sie hat den gefüllten Teller in den Kasten gestellt, den Kasten
abgesperrt, den Schlüssel in den Sack gesteckt. -- Recht hast, Mutter,
mußte ich ihr zudenken, das ist Rückgrat.
Der Jäger saß immer noch draußen und wartete. Einmal stand er auf,
hielt seinen Mund vor das Brunnenrohr und trank. Dann setzte er sich
wieder hin und wartete. Endlich kam er daher, der Rocherl, in seinem
grauen, grünverbrämten Feiertagsgewand. Im grünen Hutbande stak ein
Sträußlein frischer Brimmeln, die er im Thale gepflückt haben mochte.
Vielleicht auch ließ er sie sich von jemandem schenken. Den rechten Arm
trug er in der hellroten Tuchbinde.
Der Jäger ging ihm bis zur Hofplanke entgegen.
„Ich wart’ schon auf dich,“ sagte er.
„So!“ antwortete der Bursche, ohne stehen zu bleiben.
„Wenn du dich ein wenig hersetzen wolltest, Rocherl. Ins Haus mag ich
nit hineingehen. Hätt’ halt was zu reden mit dir.“
Der Rocherl setzte sich einigermaßen widerwillig auf den Brunnentrog.
„Schau, Rocherl, ich --“ so begann der Jäger, „ich habe dich fragen
wollen. Wie geht’s dir mit der Hand?“
„Das siehst du ja,“ antwortete der Rocherl und schwenkte den Arm in der
Binde. „Wie soll’s denn gehen? Ein Loch hat sie halt.“
„Ist die Kugel heraußen?“
„Wahrscheinlich. Weil’s jetzt einmal zuheilen thut.“
„Kannst sie schon brauchen, die Hand?“
„Nit abbiegen laßt sie sich.“
„Thut’s noch weh?“
„Das glaub’ ich. Voraus bei der Nacht.“
„Wenn nur einmal das Blei heraußen ist!“ meinte der Jäger. Dann schwieg
er still und schien, wie es mir, dem Lauscher, vorkam, nach passenden
Worten zu suchen. Und nach einer Weile: „Es ist wohl saudumm, daß es
so hat sein müssen. Ich hab’ am vorigen Samstag für drei Monat meine
Löhnung bekommen.“
„Ist eh recht,“ sagte der Rocherl. „Zu den Feiertagen braucht der
Mensch immer Geld.“
„Nit deswegen, Rocherl. Weißt -- schau -- ich hab’ dich um was bitten
wollen. Im Wirtshaus -- kannst dir denken -- g’freut’s mich nimmer. Das
Kartenspielen auch nit. Für den Tabak langt’s so noch aus.“
„Hast recht,“ sagte der Rocherl.
„Schau, du solltest deine Hand halt doch von einem ordentlichen Arzt
untersuchen lassen. Ob das Ding wohl auch richtig heraußen ist. Daß du
kein Krüppel wirst. Denn, wenn’s nit heraußen wär’ --. So hab’ ich mir
gedacht, es ist meine Schuldigkeit, daß ich --. Gelt, Rocherl, du bist
mir nit bös deswegen.“
Den Ballen seines blauen Sacktuches wickelte er auseinander und da ist
ein Geldtäschlein zum Vorschein gekommen.
Der Rocherl stand schnell und zornig auf.
„Mein lieber Konrad! Was ich schon gelitten hab’ um diese Hand, das ist
nit zu zahlen. Und was ich noch werd’ leiden müssen! Glaub’s schon, daß
es dich jetzt stiert. Daß mein ganzes Leben verspielt ist! -- Steck du
dein Geld nur wieder ein.“
Er ließ den Jäger sitzen und ging rasch ins Haus.
Jener hat noch eine Weile hergeblickt auf dieses Haus, ist dann durch
die Hoflücke hinaus und über die Matte davongegangen.
Also habe ich gesehen, daß unser Rocherl der Sohn seiner Mutter ist.
Wenn die Herren vom Walde glauben, hinterher mit Geld alles gut machen
zu können -- bei den Leuten im Adamshaus kommen sie schlecht damit an.
Hier gilt nicht jedes Geld. --
Habe ich dir schon geschrieben, daß statt meines spröden Adams der
Kulmbock zum Landboten gewählt worden ist? Seine Antrittsrede beim
Kirchenwirt war kurz, aber stark: „Na, +die+ sollen sich g’freuen!
Wenn ich einmal anheb’! An mir kommt keiner vorbei! Wenn sie glauben,
die Herrschaften, daß sie mich mit dem Viehsalz abfüttern werden!
Na, gute Nacht. Mit mir werden sie nit viel zu lachen haben. Die
Schlamperei muß ein Ende nehmen. Bei mir, wenn sie verhandeln wollen,
kommen sie an den Unrechten. Daß sie’s nur wissen. Schuhnägel friß ich
nit!“
Das ist der derbe, klobige Kulmbock. Wir werden uns auf was Großartiges
gefaßt zu machen haben bei diesem Abgeordneten. Schuhnägel frißt er
nit! Der geht auf keine Kompromisse ein. Ja, Freund, wir schicken
einen Wilden. Einen Urkerl aus der Waldbergscholle. --
Muß dir noch mitteilen, daß ich nächstens auf eine Woche delogiert
werde. Schlafen muß ich dann in der Heuscheuer, wo es nicht übel ist
und keine Stadtdame hat das aromatische Boudoir, wie Hansel der Knecht.
In meine Apartements nächst den Ochsen wird der Michelmensch einziehen.
Das ist ein doppelter, sagt der Rocherl, besteht aus dem Michel und der
Michelin, und zusammen werden sie der Michelmensch geheißen.
Das alles ist so wunderlich und schwer ins „Milieu“ zu bringen. Ich
habe einen großen Gedanken. Komm’ im nächsten Sommer in den Almgai.
Da ist es frischer und urwüchsiger als in Südtirol, wo dir ja ohnehin
die Hitze nicht behagt. Beim Wirt in Hoisendorf fehlt dir nichts und
die Ferienfaulenzerei kannst du dir noch damit versüßen, daß du, im
Baumschatten hingelagert, dem Adamshauser-Knecht bei seiner Rackerei
zuschaust und dabei eine Havanna schmauchest. Mußt ihrer aber selbst
mitbringen, denn die hiesige Trafik führt nur -- starken Towack.
[Illustration]
Am achtzehnten Sonntage.
Jetzt sind sie da. Der Mai und der Michelmensch. Der erstere macht mich
zu einem sehr reichen Manne. Jetzt, Alter, kann ich dich wahrhaftig
einladen. Jetzt steht der Empfangssalon bereit. Sogar in unserer
Hausstube heben auf Kästen und Truhen die gemalten Blumen an zu blühen,
wenn zum Fenster hinein die Sonne draufscheint. Und erst gar draußen!
Es ist wohl sehr zu unrechter Zeit, wenn der Herausgeber der
„Kontinental-Post“ jetzt Versuche macht, mich in die Stadt zu locken.
Und er macht sie. Beehrte mich mit einem entzückend liebenswürdigen
Brief. Es bedürfe einer weiteren Probe nicht mehr, schmeichelt er, den
Beweis, daß ich ein Charakter bin, der Wort zu halten versteht, hätte
ich ja glänzend erbracht. Alle Achtung! Ich möchte nur zurückkehren in
das menschenwürdigere Leben der Kultur. Die Stadt liege jetzt wie in
einem Paradiese da, mitten in ihren blühenden Gärten. Das glaube ich
ihm aufs Wort. Hier haben wir ja auch ein Paradies und sogar einen Adam
drin. Wenn nicht auch eine Eva. Ein Mann, so schreibt mein Stein von
Stein, der mit so tapferer Selbstverleugnung für sein Fach praktische
Studien gemacht, werde seinem Blatte doppelt wert sein. Der könne
schließlich wohl auch mit Recht auf eine thunliche Gehaltserhöhung
pochen und man würde kaum ermangeln, seinen etwaigen diesbezüglichen
Wünschen zu entsprechen. -- Wie schön doch dieser Vogel jetzt singt!
So schön hat er noch nie gesungen. Ich, natürlich, bin stockblind für
meinen eigenen Vorteil und danke ihm bestens für das gütige Interesse
an meiner Person, könne aber seinem väterlichen Rate leider nicht
nachkommen, weil meinem Dienstherrn versprochen worden sei, das ganze
Jahr bei ihm zu bleiben. Übrigens ginge es mir nicht schlecht, hätte
meiner Tage nirgends so viel gelernt, als hier, und auch nirgends so
viel verdient! -- Es wird ihm unendlich leid sein. Natürlich um die
zwanzigtausend Kronen. --
Der Michelmensch hat es sich allerdings nicht ganz so einrichten
können. Der Michel ist in hiesiger Gegend über sechzig Jahre
Bauernknecht gewesen, die Michelin sechsundvierzig Jahre Bauernmagd.
Zwanzig Jahre lang sollen sich die zwei geliebt haben -- heimlich
natürlich, am Fensterlein. Als ihnen das langweilig wurde und als
das Gesetz allgemeiner Heiratsberechtigung kam, haben sie sich auch
öffentlich zusammengethan und heißen seither der Michelmensch.
Arbeitsfähig waren sie immer gewesen, erspart jedoch hatten sie sich
gar nichts. Der Michel war ein Lump gewesen und hatte alle Sonntage
nach dem Amte beim Kirchenwirt ein Seidel Wein getrunken. Die Michelin
hatte ihren Jahrlohn ans Kind verbraucht. Ein Knabe war’s, der
frühzeitig als Almhirte selbst sein Brot erwarb und in seinem elften
Lebensjahre eines Tages bei plötzlich eingefallenem Schneegestöber
erfroren ist. -- Das der Lebensumriß dieser zwei alten Leutchen,
die nun als Bettelleute von Haus zu Haus ziehen und in jedem der
Höfe je acht oder vierzehn Tage verpflegt werden müssen. Dir ist das
„Einlegerwesen“ wohl aus Morres Volksstück „’s Nullerl“ bekannt. Nun
im Theater rührt es gelinde und macht guten Appetit fürs Souper. Hier
jedoch --.
So ist der Michelmensch auch in das Adamshaus gekommen. Einen großen
Buckelkorb, für den breiten Rücken eines Waldholzknechtes gebaut,
haben die zwei so getragen, daß das eine Tragband ihm über die rechte
Schulter, das andere ihr über die linke ging. Mitsamt den Handstecken
hatte dieser „Michelmensch“ somit sechs Füße und vier Hände, zwei
Köpfe und einen Korb. Recht gesprächig waren die kleinen, ganz
eingeschrumpften Leutlein, als sie im Hause angekommen. Der Michel
setzte sich behäbig wie ein alter Ausgedingler in den Herdwinkel,
nickte beständig mit dem weißen Köpflein, schaute unverwandt seiner
plaudernden Alten ins Gesicht und begleitete ihre Ausdrücke mit
Mienenspiel, so daß er den zahnlosen Mund aufmachte, wenn sie lebhaft
sprach, daß er seine Stirn runzelte, wenn sie sich über die Roheiten
eines Nachbars beklagte, und sein runzeliges Antlitz gemütlich ins
Breite zog, wenn sie die Mildthätigkeit einer Bäuerin rühmte. Die
Michelin wollte sich im Hause gleich nützlich machen und langte überall
zu, gleichsam als möchte sie den Adamsleuten die Güte erstatten,
daß ihr Michel so warm im Herdwinkel sitzt und extra einen Mehlbrei
bekommt, weil er bei Tische schon gar nichts mehr beißen kann.
Nachher haben sie sich in meiner Stallkammer eingeheimt. Die
Michelin packte den Korb aus: Wollkissen, Hauspatschen, eine Menge
von Schächtlein, Töpflein und Fläschlein, blankes Eßzeug, Nähzeug,
Seife, Kerzenstümpfchen, Heiligenbildchen, Rosenkränze und anderlei
Sächelchen. Alles mit großer Sorgfalt eingemacht und jetzt mit
zärtlicher Liebe von allen Seiten betrachtet, ob wohl auch nichts
Schaden genommen habe. Nie habe ich an Menschen eine so wahrhaft
herzinnige Freude an ihrem Eigentume beobachtet, als diese zwei
Bettelleute an dem Inhalte ihres Korbes hatten. Der Alte war geneigt,
mit den Gläslein oder Krüglein kindisch zu spielen, sie nahm ihm die
Dinge bald aus der Hand, reinigte sie mit einem Lodenlappen und that
sie wieder in den sicheren Winkel des Korbes.
„Was glaubst denn, du Lapperl!“ sagte sie zärtlich schmollend zu ihm,
„so ein Krügerl darf man ja nit z’samschlagen! Das gehört ja freilich
wohl dem Hieserl, wenn er kommt.“