Jetzt lischt mir die Funzen aus.
[Illustration]
Am zehnten Sonntage.
Lieber Freund!
Habe ich dir das vorige Mal noch geschrieben, daß der Alte mich bei der
Zeitung erwischt hat?
Es war abscheulich. „Soll’s doch wahr sein!“ sagte er und zerrte das
Papierwerk hervor. „Da hat man’s. Schon lang ist’s mir nit recht
vorgekommen mit dir. Nachher glaub ich’s freilich, daß in deinen
Kopf kein ordentlicher Verstand hineingeht, wenn du ihn mit so Zeugs
anfüllst. Das darf wohl nit sein, Hansel. -- Weiters hab ich ja keine
Klag’ gegen dich, kamodt bist, willig bist, genügsam bist, gleichwohl
es immer einmal recht gefrettig hergeht, bei uns. Im Sommer nachher!
Da wird’s dich schon gefreuen, da ist’s lustig bei uns heroben auf der
Alm.“
„Ja, ja,“ sag’ ich, „freue mich auch schon drauf, wollen dann bisweilen
eines jodeln miteinand. Und fleißig arbeiten, versteht sich.“
Das sollte ablenkend wirken. Er fuhr fort: „Wenn du aber mit Zeitungen
umthätest! Einen Knecht, der Zeitung liest, kunnten wir wohl nit
brauchen. Sei froh, daß dir der liebe Gott einen ehrengeachteten Stand
gegeben hat, der mit den lumpigen Faxen nichts zu schaffen hat. Wenn du
was lesen willst, so findest drin in der Stuben das Leben-Christi-Buch,
die Legend’ der Heiligen und die Hausgebeter.“
Darauf der Knecht, der zugereiste, ganz bescheidentlich: „Möcht’ ich
doch fragen, Vater, warum Euch die Zeitungen gar so zuwider sind?“
Der Bauer hebt jetzt an, langsam sich zu recken, ganz hoch empor, bis
sein Hut unter der Holzdecke sich platt quetscht. Andere schreien, wenn
sie zornig sind, mein Hausvater spricht dann noch leiser als sonst.
„Daß du aber schon gar nichts weißt, Hansel! Hast denn nie was davon
gehört, daß die Zeitungschreiber Heiden sind? Oder gar Juden!“
„Wohl, wohl, Vater. Das habe ich schon gehört!“
„Und daß die Zeitungen für den Bauersmenschen Gift sind? -- Hast gleich
ein Beispiel beim Nansen in Hoisendorf. Der nichts thut, als alleweil
Zeitung lesen. Wahr ist’s, er hat fortweg mehr gewußt, als wir andern.
Er hat gewußt, wie’s in Preußen hergeht, und im Franzosenland, und was
die Landboten in der Reichsstuben sich alleweil für Grobheiten sagen
und so Geschichten. Aber wie er seine Bauernwirtschaft betreiben soll,
das hat er bald nimmer gewußt. Allerhand neue Sachen, wie sie in den
Zeitungen angelobt werden -- haben hat er sie müssen. Gekauft hat er
sie ums teure Geld. Gar eine Kornsäemaschin’ hat er gekauft, als ob er
selber keine Händ’ hätt’ dazu. Und wie er mit der neuen Maschin’ säen
gehen will, hat er kein Samenkorn im Kasten gehabt. Und zuletzt kauft
er dir, der Nansen, kauft dir --“ Er hebt an zu lachen.
„Was denn, Vater?“
„Ha, ha! Mußt mich aber für keinen Schwätzer halten, Hans, es ist gewiß
wahr, die andern werden dirs auch sagen. Dünger kauft der Bauer! Der
Nansenbauer, der den Stall voll Vieh haben könnt’. Kunstdünger kauft er
ums bare Geld.“
Weil ich mich nicht rühre, so kommt mein Adam ganz ans Bett heran,
faltet die Hände: „Ich bitt’ dich, Hansel, ein Bauer, der um Bargeld
Mist kauft!“
„Ja, mein Gott,“ sag ich, „Dünger kaufen, warum denn nicht? Dünger ist
ja für den Bauer sehr notwendig.“
Auf diese Bemerkung antwortet der Hausvater allerdings nicht mehr. Nur
daß er leise in sich hinein murmelt: „Der Nans ist fertig. Sein Gut,
wenn du’s kaufen willst, es steht unter dem Hammer.“
Bei der Einbrennsuppe nachher war noch einmal davon die Rede, da sagte
die Hausmutter: „Was hast denn heut mit dem Hansel, Vater? Du thust ja,
als ob er erst bei der Nacht vom Himmel gefallen wär! Der stellt sich
nur so!“ Und zu mir: „Ist ja wahr, Hansel, man kann dich gern haben.
Aber trauen thu ich dir nit. Du hast was Heimliches in dir, das die
Leut nit wissen sollen. Laß es gut sein, Hansel. Schlechtes wird’s wohl
nichts sein, ich frag’ dich nit drum. So lang wir sonst nichts Ungutes
an Dir wahrnehmen, bleiben wir halt beisammen. Ich weiß nit, haben wir
dich nötiger oder du uns.“
So steht’s. Ein verteufelter Kerl, dieses Weib.
Ob sie mit ihren Meinungen recht haben? Einerlei, Meinungen haben sie
festgründige, und das freut mich. Zwei Hände und einen Kopf dazu. Auf
die herausfordernden Worte der Hausmutter habe ich bloß die Achseln
gezuckt -- ’s war das Beste, nicht wahr? Den Hausvater hingegen habe
ich anlügen müssen. Er soll keine Zeitung mehr bei mir finden! Dem
geradsinnigen Mann ist das genug. Daß man sie bloß besser verstecken
muß, daß sie der Hoisendorfer Lehrer fürderhin heimlich vermitteln
wird -- das besorgt die Intelligenz. Auf Ehrenwort, Freund, den Alten
betrüge ich!
Denn auf die Zeitung verzichten? Schon darum nicht, weil mein Abscheu
vor der Welt noch zweiundvierzig Wochen lang aushalten muß. Nur ein
Tag ohne Nachricht von der weiten Welt, und sie lügt sich auf zu weiß
Gott was Begehrenswertem. Die Korrespondenz mit den Kollegen von der
„Kontinentalen“ habe ich abgebrochen. Das schofle Gewitzel, wenn ich
in Bedrängnis bin und hier den blutigen Ernst des Menschseins sehe --
es behagte mir nicht mehr. Von der Zeitung aber kann ich lernen, wie
gescheit man einmal war und wie ich mich jetzt Woche für Woche von
ihrem Geist entferne. Man muß sich nur in acht nehmen. Je weiter von
der Zeitungpresse entfernt, desto geneigter ist man, ihr zu glauben.
Aufs Glauben hält sie aber selber nichts. Man muß nur zwischen den
Zeilen lesen, dort steht schon das Richtige. Und je schlechter es geht
da draußen, desto besser für mich. Höre, Freund, was ich dir sage: Ich
hasse euere Welt. Aber es ist der Haß der Liebe.
Es ist der Haß der Liebe, Alfred!
Lassen wir das jetzt und seien wir der gehorsame Knecht, der die alten
Zeitungen in den Ofen werfen will. Doch die Hausmutter wehrt ab: „Nit,
Hansel, es thät stinken!“
Dann bin ich fleißig nach Hoisendorf hinabgegangen in die Kirche. Dort
habe ich mich in die Bank des Adamshauses gesetzt. Es hat nämlich
jeder Hof in der Kirche seine Bank, wofür vom Pfarramt jährlich ein
Abonnement von neun Kreuzern eingehoben wird. Es ist kein Fauteuil.
Durchaus nicht. Man ist förmlich eingezimmert zwischen Rück- und
Vorwand, auf einem fünf Zoll breiten Sitzbrett und einem Kniebalken.
Die Kirche ist jetzt in Trauer, die Altäre sind mit blauen Tüchern
verhüllt. Wir sind ja in der Fastenzeit. Vom Karneval ist im Adamshause
keine Rede gewesen, nur daß der Adam ein Schwein geschlachtet hatte.
Ich half ihm beim Metzgern. Als wir dem toten Tier die mit einer Lauge
gebrühten Borsten ausrupfen, fragt er mich: „Weißt du, Hansel, weshalb
die Sau ein geringeltes Schweifel hat? -- Nit? Na, so sag’ ihm’s,
Rocherl!“
Und der Rocherl erzählte: „Wie die Juden in Egyptenland gewesen sind,
hat ihnen der Sauhirt des Königs Pharao zu heimlichem Verkauf über den
Nil wollen junge Schweine zuwerfen. Aber der Nil ist breit und sie sind
alle ins Wasser gefallen. Da kommt der Teufel und sagt: Sauhirt, das
kannst du nicht. Siehst du, da muß man dem Schwein beim Schwanz ein
Schlingel machen, daß man besser angreifen kann, siehst du? -- So packt
er eins, schlingt es und schwingt es und wirft es hinüber. Der Moses
drüben aber sagt zu den Juden: Nein, meine lieben Leut’, ein Fleisch,
das uns der Teufel zuschmeißt, essen wir nicht.“
„Und davon soll’s kommen,“ setzte der Adam bei, „daß die Säue
geringelte Schweiflein haben und daß die Juden kein Schweinfleisch
essen.“
„Das wird wohl wieder so eine Dummheit sein,“ meinte damals die
Hausmutter, die es nicht leiden mag, wenn man sich über etwas
Biblisches lustig macht. Just in den Faschingstagen scheint sie’s
nicht so genau zu nehmen, da wird in der Bauernschaft halt auch ein
bißchen geschweinigelt. Früher soll viel gepraßt worden sein, soll
es Maskeraden gegeben haben und allerlei alte Tänze. In diesem Jahre
hatte in Hoisendorf nur ein sogenannter Holzknecht- und Veteranenball
stattgefunden, wobei wenig getanzt aber viel gerauft worden ist. Aha,
Du meinst etwa für Gott und Vaterland. Oder gar für Weibsbilder!
Nein, mein Lieber. Unter den Holzleuten, Jägern, Bauernknechten und
Bergknappen, die zusammengekommen waren, hatten sich -- wie der Lehrer
erzählt -- gesellschaftliche Meinungsverschiedenheiten entsponnen und
hätten sie einander Leitartikel über die sociale Frage geschrieben
-- mit Buchenstäben und Stuhlfüßen auf die rückwärtigen Körperteile.
Dieser politische Zeitungstil wird ja auch bei euch draußen wieder
modern.
Nun, das ist ungebrannte Asche. Am darauffolgenden Mittwoch hatte
der Hoisendorfer Kurat seinen Gemeindemitgliedern freilich ein
anderes Kapitel auf die Stirne geschrieben, und zwar mit gebrannten
Buchenstäben: „Du bist von Staub und Asche und wirst zu Staub und
Asche!“ Kennst du diese kirchliche Sitte nicht? Ganz freimütig bekennt
sie am Aschermittwoch den materialistischen Kreislauf der Natur, die
allerdings nicht immer Asche, sondern manchmal auch Stecken sein will.
Das Adamshaus liegt nur um dreihundert Meter höher, als das
Hoisendorfer Wirtshaus. Und hier findest du keinen Unfried mehr. In
der schneidigen Hausmutter erfreuen wir uns eines festen Regimes und
einer verläßlichen Exekutivgewalt. Selbst der Adam fühlt sich unter dem
materiarchalischen Absolutismus behaglich.
Das vorige Mal fragtest du mich besorgt nach dem Eßgeschirr, aus
dem im Adamshause gespeist würde, und nach anderen einschlägigen
Dingen. Darüber kann ich dir zum Glücke nichts Besonderes sagen. Die
Holzschüsseln und Holzlöffeln sind größtenteils ein überwundener
Standpunkt. Auch die Beinlöffeln und Gabeln, obschon mein Hausvater
deren noch etliche Paare aufbewahrt, von den Vorfahren her. Diese
Hornlöffeln bedingen zwar etwas Großmäuligkeit, also für einen
Journalisten durchaus nicht geeignet, sind aber sonst in ihrer
perlmutterartig durchscheinenden Farbenpracht sehr schön und
appetitlich. Ein alter Hüttler im Gai, der früher aus Rindshörnern
solche Löffeln gemacht hat, ist heute ein Bettelmann, und muß froh
sein, wenn er mit seinen Feinden, den Blechlöffeln, hie und da ein
warmes Süppchen auszulöffeln kriegt.
Die Bäuerin kocht in Blechpfannen und Thontöpfen. Ihr heimlicher Wunsch
geht nach einem eisernen Suppentopf, solchen Luxus erlauben aber die
wirtschaftlichen Verhältnisse nicht. Wenn ich meine zwanzigtausend
Kronen fasse, dann, Hausmutter, gehen deine ausschweifendsten Wünsche
in Erfüllung!
Jährlich ein paarmal wandert sie mit einem Buckelkorb hinaus nach
Kailing zum Töpfer und Klampferer, um Häfen, Schüsseln, Milchreinen und
anderes Hausgeräte einzukaufen. Wenn im Hause etwas zerbrochen wird,
dann giebt’s einen kritischen Tag erster Ordnung und die Hausmutter
gerät in um so größere Wut, je gelassener der Missethäter bleibt. So
haben wir es uns angewöhnt, jeden zerschlagenen Topf wie ein großes
Unglück zu bejammern, damit das Scherbengericht der Hausmutter ein
wenig glimpflicher ausfällt.
Der Reinlichkeitssinn wird bei uns manchmal zur Hausplage. Abends,
wenn wir anderen schon zur Rast gegangen sind, ist die Hausmutter
noch stundenlang beschäftigt mit Waschen und Reiben und an Samstagen
tritt die Scheuerwut auch tagsüber auf und macht jede Niederlassung im
Hause unmöglich. Tisch, Bänke, Kästen, Zuber, Pfannen, über alles die
Sündflut; nur das Eßbesteck an den Wandhänkeln wird nicht gewaschen,
das hat jeder nach jedesmaligem Gebrauche selbst am Tischtuche
abzuwischen, damit basta. Hemden und Betten, wenn sie einmal dran
kommen, werden gebacken und gesotten und mit Holzklappen gründlich
durchbläut. Solltest du den tieferen Sinn dieser Verfahrungsweise nicht
vollends erfassen, so laß’ das Grübeln. --
Ihr draußen habt jetzt beim Morgenkaffee zum Dazubeißen den
türkisch-griechischen Krieg. Die brennende Frage der Hoisendorfer
heißt: Landtagswahlen. Und hat mein Adam heute ein Stück Wahlmanöver
heimgebracht. Es scheint ganz zufällig hängen geblieben zu sein
an seinem Gewand. Als er, von der Kirche kommend, den Lodenrock
auszieht, sagt er so vor sich hin: „Das ist auch rar von unserem
Kuraten. Geht er mich heut’ vor der Beicht an, ich sollt’ keinen
Umstürzler und Lumpenkerl wählen, und weiß nit, was er noch gesagt
hat. Socialdemokraten, oder was. Kannst mir nit aus dem Traum helfen,
Hansel, was er gemeint haben mag?“
Der Ahnungslose! Ein seit langem mit Not und Drang zurückgestauter
Leitartikel brach hervor -- elementar. Die Socialdemokraten!
Allgemeine Gleichheit natürlich! Ranglosigkeit, Gütergemeinschaft,
Weibergemeinschaft! -- So dumm sind sie nicht, das bringt ihnen nur
der Feind auf. Sie meinen das gleiche Recht. Was Einer verdient, das
soll er haben. Das ist doch klar. Man muß ihnen Gelegenheit geben,
emporzukommen. Sie sind Blut von unserem Blut. Genug Bauern, die ihre
Brüder und Söhne in den Fabriken haben. Roh mögen sie sein, aber Kraft
ist in ihnen, Tüchtigkeit und Bravheit. Sie kommen von unten, haben
Erdsegen in sich. Ihr Menschentum ist noch nicht verbraucht. Sie müssen
das Homunkeltum zu Tode sengen. --
Ob ich wirklich so gesprochen habe! Ich weiß nur, daß meine
Hausgenossen ratlos dastanden und einander anschauten.
Ich in der Hitze noch dazu: „Wählet einen Socialdemokraten,
Adamshauser! Die sind lange nicht so schlimm, als sie aussehen.“
Endlich erholte sich der Bauer und sagte: „So, so.“ Denn er weiß
jetzt so wenig als früher. „Mag eh sein, mag eh sein,“ sagte er, „ich
versteh’s nit. Wählen thun wir halt einen Bauern.“
Na ja. Wir sind auch so ein paar, der Kurat und ich! Der eine will den
Wähler dort haben, der andere da, und zerren ihn hin und her, wie Engel
und Teufel eine arme Seele. Nur weiß man nicht, welcher der Engel ist.
Und das nennt man, frei wählen! -- Warum einer gerade bei der Wahl --
nicht die Wahl haben soll, das ist auch eine jener Chinesereien, woran
unser Abendland jetzt schon bald reicher ist, als das Reich der Mitte.
„Muh!“ sagt mein Nachbar, der Ochs. Dieser Meinung bin schließlich auch
ich.
[Illustration]
Am eilften Sonntag.
Ja, da kann ich dir nicht helfen, mein Lieber! Mitte März giebt’s hier
noch kein Frühjahr und mußte ich auch heut’ mit meinem Schreibbrett in
den Stall ziehen zu den zwei paar Ochsen. Jetzt stehen ihrer wieder
fünfe da, die mit ihrer tierischen Wärme halt aufeinander angewiesen
sind. Also laß es hingehen, wenn der Geruch meiner Sendboten nicht
allzusehr an ~Eau de Cologne~ erinnert.
An einem dieser Wochentage saßen wir, der junge Rocherl und ich,
zusammen in der Kammer und thaten wollzupfen. Unterricht: Die Wolle,
die am vorigen Herbste den Schafen vom Leib geschoren und dann tüchtig
gelaugt worden ist, hat verfilzte Strähne und muß locker gezupft
werden. Dann kommt sie unter die Krampel (Kraue), endlich auf den
Spinnrocken. Der Weg vom Schaf bis zum Webstuhl ist mindestens so
lang als der vom Lumpen bis zum Banknotenpapier, und der Weg vom
Webstuhl bis zum Schneider manchmal nicht kürzer. Ohne Kenntnisse,
Fleiß und Fertigkeit ist er so wenig passierbar, als der eines
tüchtigen Gewerbsmannes oder Fabrikanten. Wollzupfen, nun, das kann
jedes Kind. Nur ich, der ein sogenannter Mann geworden war, bevor
er so seltsamerweise zu einem Kinde werden muß, habe es erst lernen
müssen. Anfangs hatte ich gemeint, es handle sich ums Zerkleinern
der Strähnlein und habe sie mitten entzwei reißen wollen. „Du bist
aber schon gar gescheit!“ sagte der Rocherl und zupfte eines meiner
ureigenen Wollsträhnlein. Dem Rocherl macht’s ja auch Mühe, weil zum
Zupfen eigentlich zwei Hände gehören, während er die eine, mit Lappen
wulstig umwickelt, auf dem Truhenrande liegen hat. Als ich den schönen
Menschen so von der Seite ansehe, wie er blaß ist, wie er betrübt
dasitzt, -- ein Krüppel für sein lebtaglang -- da stelle ich die Frage,
wieso es denn gekommen sei, das Unglück?
Der Bursche schlägt sein großes Auge auf, sein feuchtes, manchmal so
eigentümlich leuchtendes, und antwortet in einem traumhaft singenden
Ton: „Ein Reh ist schuld daran gewesen.“ Dann kommt er zu sich, lacht
auf: „Ein Reh! Hab ich gesagt ein Reh? Siehst du, Hansel, wie man
schlecht sein kann! Was kann das Reh dafür, daß ich hab’ schießen
wollen!“
Darauf ich: „Es ist die alte Geschichte. Der Bauer muß sein Korn und
Kraut vor dem Wilde schützen. Und dieweilen der arme Mann sich seines
Eigentums wehrt, läßt der gottverdammte Jäger das Reh laufen und
schießt auf den Bauern.“
Darauf der Rocherl: „Nein, Hansel, diesmal ist es nit so gewesen. --
Schau, die grauen und die weißen Schüberln mußt du auseinanderzupfen,
sonst wird der Loden scheckig. -- Ganz anders ist das gewesen. Mir
ist recht geschehen. Mitten im Winter frißt das Reh kein Korn und
kein Kraut. Gelustet hat’s mich. Und wenn mich einmal etwas gelustet,
nachher nichts denken -- wild drein.“
„Recht sorgfältig will ich zupfen, wenn du mir’s erzählst.“
„Knötteln, wenn du ihrer findest, darfst du nit dazuthun. Die mußt
wegwerfen. -- Alleweil halt oben gestanden, oft die halben Nächte lang.
Hinter dem Schachen mit der Flinte. Aber es hat nit sein sollen. Das
eine Mal, wenn’s zu Schuß kommen soll, geht das Zündhüttel nit los. Daß
zweite Mal, wie ich hinziel’ aufs Tier, du Hansel, da geht’s freilich
los, aber nit bei mir. In der Hand hab’ ich’s gehabt, dem Jäger sein
Blei, wie’s heut’ noch drinnen steckt. Gesehen hab’ ich nichts mehr.
Auch nichts gehört. Du, ich sag’ dir, wenn der Mensch derschossen wird,
so kann er sich nit einmal denken, jetzt bin ich derschossen worden! So
geschwind geht’s.“
„Aber du bist es ja nicht worden, wie man sieht!“
„Wie ich wieder munter werd’, lieg’ ich im Bett, steht der Geistliche
neben meiner und ist vom Sterben die Red’. Meinetwegen! hab’ ich mir
gedacht und bin wieder eingeschlafen. -- Aber du! ’s Kugerl hat’s schon
gemacht, daß ich nit verschlafen hab’.“
„Hat’s weh gethan?“
„Der Teuxel, freilich hat’s weh gethan.“
„Jetzt, wer hat denn eigentlich geschossen?“
„Der höllverfluchte Menschkerl. Der Jäger Konrad.“
„Wenn dir aber doch recht geschehen ist?“
„Recht geschehen, das freilich. Weil ich gewildert hab’. Und weil’s
Wildern verboten ist. Der Jäger hat +nit+ recht gethan, denn
weil er auf einen Menschen geschossen hat. Der hätt’ mir die Büchsen
können wegnehmen, das hätt’ er können. Wehr ich mich, so darf er auch
schießen, das darf er. Aber nit so! So nit. Mörderschuß, sag’ ich.
Weil er mir Feind ist gewesen. Das soll er sich merken! Klagen gehen
hätt’ ich ihn können, sagt der Kulmbock-Bauer. Was hab’ ich davon,
wenn er sitzt? Für so was ist mir meine Hand nit feil. Die verkauf ich
teurer, mein Lieber!“
In diesem Augenblicke hättest du ihn sehen sollen, den Jungen. Etwas
Unheimliches. Ich wollte ihn beschwichtigen.
„Hat gleich Angst bekommen, der Jäger,“ fährt der Rocherl fort. „Ist
noch am selben Tag nachfragen gegangen ins Haus, wie’s mir geht. Nur
den Flintenlauf, sagt’ er, hätt’ er mir wollen aus der Hand schießen.
Wär’ nit sein Willen gewesen, daß er mich trifft. Wär’ nit so vermeint
gewesen, sagt’ er. Bin auch weiter nit bös auf dich, hab ich gesagt.
Vielleicht zahl’ ich dir’s einmal ab, vielleicht nit.“
„Ich an deiner Stelle möchte mich mehr um die wunde Hand kümmern, als
um den Jäger.“
„Die wird schon wieder heilen. Das Pech zieht’s heraus.“
Wie mich dieser Bursch erbarmt! Sprießt erst zum Leben auf. Soll hart
den Daseinsstreit ringen mit der gefräßigen Welt. Und ist ohnmächtig
in Arbeit und Wehr. Und schaut so treuherzig in die trüben Nebel
seiner Zukunft. Was sein Verzeihen anbelangt? „Vielleicht zahlt er’s
ihm einmal ab, vielleicht nit!“ Der Geistliche hätte ihm das Verzeihen
geraten, der Rocherl hätte drauf geantwortet: „Wird mir eh nit viel
anderes übrig bleiben, weil der Jäger stärker ist.“
„Rocherl,“ habe ich hernach gesagt, „nicht unruhig machen möchte ich
dich. Deine Hand +wird+ heil werden. Aber Pfropfenzieher ist das
Schusterpech keiner. Da muß ein Arzt dran.“
Antwortet er: „Wir haben eh die Marenzel gefragt, die was die
Salbensiederin ist. Die hat gesagt, nur keinen Doktor! So Leut’ thäten
gleich die ganz’ Hand wegschneiden. Da ist mir eine luckete Hand
doch alleweil noch lieber, wie gar keine. Und die Kugel wird schon
herfürkommen, sagt sie. Dreimal der Vollmond muß halt draufscheinen.“
Nun weiß man auch, weshalb vor drei Wochen der Junge des Abends immer
vor der Hausthüre gestanden ist und seine arme Pfote dem aufgehenden
Mond entgegengehalten hat.
Nachdem wir wieder ein Weilchen schweigend nebeneinander Wolle gezupft
haben, sagt der Rocherl: „Wird eh so am besten sein, für mich. Heißt
nichts, die Wildschützerei. Und bändigen hätt’ ich mich nit können.
Du glaubst nit, Hansel, wie das ist, wenn einer bei der Nacht so aus
dem Bett gezogen wird, wie das Kalb mit dem Strick. Und zum Wald hin.
Und kreispelt’s im Dickert -- und sieht was laufen. Nur gleich so in
die Hand fahrt’s. Und wenn du eine Heugabel bei dir hast, an die Wang
fahrst damit!“
„Und das arme Tier erbarmt dich nicht? Das gerade so gern lebt wie du.
Denkst denn nicht dran?“
„Denkt der Jäger dran, der schlechte Lump? Geh, Narr, zum Denken ist da
keine Zeit, sonst lauft’s dir davon. Oder höchstens: streck’ ich’s nit,
streckt’s der Jäger.“
„Hör’ mir auf, Rocherl. Diese Ausrede kann jeder Diebskerl brauchen.“
„Hast eh recht. Aber es ist halt wie verhext. Es giebt halt nichts
Lustigeres auf der Welt, wie das Reherlschießen.“
Singend hatte er die letzten Worte gesagt und kam uns wohl beiden das
Volkslied in den Sinn:
„Obs sunnen oder dunnern thut,
Ob winden oder gießen,
Ich weiß halt keine größere Freud,
Als wie das Reherlschießen!“
Und derselbe Bursche ist anderseits so voller Sorgfalt für die
Haustiere, kümmert sich um die richtige Fütterung, vergißt nach keiner
Mahlzeit, die Brosamen hinaus aufs Fensterbrett zu legen, daß die
Spatzen kommen und sich letzen mögen zur Winterszeit.
Um den Kuhstall sorgt er sich nicht, dort ist die Barbel. Wo die Barbel
ist, da braucht sich weiter niemand zu kümmern. Wo die Barbel ist, da
kann nichts geschehen.
Vor etlichen Tagen hatten wir ein Donnerwetter mit Blitz und Hagel,
wie im Hochsommer. Noch nie so um diese Zeit, sagen sie. In der Nacht
war’s. Ich wurde ins Haus gerufen, um beim Schein einer Weihekerze
den Wettersegen mit beten zu helfen, oder bereit zu sein zum Retten,
falls der Blitz einschlüge. Das krachte und knatterte ganz grauenhaft.
„Hagel auf den Schnee thut dem Korn nit weh!“ sagte der Hausvater, aber
fürchten thaten sie sich doch. Der Rocherl kauerte im bloßen Hemde am
Herd, zitterte, wimmerte, hielt Ohren und Augen zu und verlangte nach
der Schwester. Die wurde geweckt, kam in die Stube, da war er ruhig.
Sie sagte kein Trostwort, sie betete nicht, sie war nicht erstaunt
-- sie schaute nur traumhaft drein, wie sonst manchmal. Das Gewitter
verzog sich, draußen war es still und schneelicht und man hätte sagen
mögen: Das Mädel gebot dem Sturm.
Bin ich schon wieder bei ihr? -- Aber es ist ja ein dummes Ding.
Dein treuer Knecht.
+Nach Schluß des Blattes.+ Du fragst, was das für ein Sprachstil
wäre, dessen ich mich in meinen Briefen befleißige. Möge dein
ästhetisches Urteil mir gnädig sein -- es ist der Dreschflegelstil.
Mit starren Gliedern und vollem Herzen schlägt man nicht die
schöngewundenen Spaziergänge durch den Rosengarten der deutschen
Kunstsprache ein. Da geht’s gerade aus durch Strupp und Strauch. Wäre
Goethe anstatt Minister Bauernknecht gewesen, es möchte auch der
Goethestil ein Flegel- oder Heugabelstil geworden sein. Und nächstens
soll’s gar an den Mistgabelstiel gehen.
[Illustration]
Am zwölften Sonntage.
Eine pathetisch veranlagte Natur würde von Herzenstakt und
Charakteradel zu sprechen haben. Ich sage bloß: Seelengute Leuteln!
Mit Ausnahme der reschen Hausmutter, die bisweilen Salz in die Butte
streut, ist in diesem Hause alles voller Sanftmut und Rücksicht
gegeneinander. Wird der Vater von seinem Lungenkrampf geplagt, so
ist alles um ihn bestrebt, Erleichterung zu schaffen; doch ein paar
Gramm Hexenkraut vermögen mehr, als die ganze Liebe. Wenn aber die
Marenzel ausbleibt mit dem Hexenkraut! Das alte Weib ließ merken, daß
es beleidigt worden sei und blieb aus. Nun zerbrachen wir uns alle den
Kopf, worin denn die Beleidigung bestanden haben könne? Die Hausmutter
erinnerte sich, das letztemal der Marenzel die Einbrennsuppe anstatt
auf den Tisch, nur auf die Bank hingesetzt zu haben, denn der Tisch
war mit Flachssträhnen vollbelegt gewesen. Oder hatte der Franzel ihr
Dachshündlein beleidigt? Er sagte nämlich „Hund“ zu ihm. Der Hausvater
hatte in ihrer Anwesenheit, als draußen ein Regenschauer niederging,
scherzeshalber den Ausspruch gethan: „Wenn’s in die Sonn’ regnet, thut
der Teuxel seine Großmutter auf die Bleich legen.“ -- Sollte das die
Marenzel schief genommen haben? Denn das soll eine sein, die alles,
was Übles gesagt wird, gleich auf sich bezieht. Also sie kam nicht,
im Hause war kein Hexenkraut und dem armen Manne sprengte es fast die
Brust. So wurde endlich der Rocherl ausgeschickt, die Marenzel zu
suchen. Er fand sie bettelnd im Thale mit ihrem kleinen roten Dachse,
den sie stets im Korbe bei sich trägt. „Liebeste Marenzel,“ soll er
gesagt haben, „heut’ thäten wir wieder einmal buttern daheim, wenn du
kosten möchtest kommen. Die Mutter sagt schon, daß der Butter dasmal
wieder so süß ist, und wenn nur die liebe Marenzel thät kommen!“
„Ist gut,“ antwortete die Alte, „will kein Stein sein, wenn mir
die Leut’ gutweis kommen!“ und kam neben dem Rocherl den Berg
heraufgetorkelt. Sie that ihren breitkrämpigen Filzhut ab, wendete das
kleine runzelige und fast kahle Köpflein rasch in der Stube nach allen
Seiten hin, ob nicht irgendwo sich ein Feind zeige. Dann schlenkerte
sie ihren wulstig geflickten Kittel aus und fragte einigermaßen bissig:
„Wo darf man denn niedersitzen?“
„Wo du magst, wo du magst, Marenzel,“ drauf die Hausmutter, „’s ist ein
rechtes Elend bei uns. Den Vater hat’s wieder so viel aus der Brust.“
„So! Halt das Frühjahr. Thut’s nur Achting geben. Der Bauer thut im
Herbst fexnen und der Rippenmann im Frühjahr.“ Und vom Kraut sagte sie
nichts.
Als sie im Korb ihr Hündlein zurecht gebettet hatte mit allerlei
zärtlichen Koseworten, als sie ihm Milch und Butter zum schlecken
vorgelegt und selbst schmatzend das ihr dargereichte Butterbrot
abgethan hatte und sich hierauf sorgfältig die dürren Finger an einem
Lappen rieb, trat endlich die Hausmutter vor mit ihrem „Gebitt“ um
Hexenkraut.
Da begann die Alte langsam ihren Hals nach vorn zu strecken. Die
Glotzäuglein traten hervor. Die auf den Stock gestützte Hand begann zu
wackeln.
„-- -- Adamshauserin! Mir scheint, Euch ist nit um’s arme Leut zu thun,
daß es soll Butter kosten. Mir scheint, das Hexenkraut ist’s. Meine
liebe Bäuerin, das hätt’ Euer Bub früher sagen sollen. Ich hab kein
Kraut bei mir.“
Weil ich zufällig anwesend bin, so kommt es mir in den Sinn: Wart’
Alte, deinen Bettelhochmut wollen wir dir austreiben.
„Hausmutter“, sage ich, ohne scheinbar der alten Marenzel zu achten,
„wenn der Vater wieder an Atemnot leidet, da weiß ich ein Mittel, das
hilft gewiß. Hundefett, von einem roten Dachshund. Gar nichts Besseres
für Brustleiden! Da brauchen wir nicht erst ein stinkendes Hexenkraut.“
Den Haßblick von der Alten, den möchte ich mir in Spiritus konservieren
lassen, wäre der Mühe wohl wert! Und dann hat sie ausgepackt.
Hexenkraut so viel, daß man damit alle Hexen und Kurpfuscherinnen
vom Almgai hätte zu Tode räuchern können. Auch frisches Schusterpech
für die Schußwunde: „Wenn nit der abnehmend’ Mond schon zu viel
draufgescheint hat, so wird es das Blei schon herausziehen.“
Nachher, als sie fort war und der beräucherte Hausvater sich wieder
erleichtert fühlte, habe ich Vorwürfe bekommen. Das thät er nicht gern
hören, daß in seinem Haus das Heilkraut so verspöttelt würde. Man müsse
dem lieben Herrgott lieber danken, daß er’s wachsen lasse. Und was
solle das heißen, mit dem Dachshund? Das Hündel würde man ihr doch
gönnen mögen, der armen Haut. Sei eh noch eine gute Tugend an ihr, daß
sie ein Herz zum Tier habe.
Dann „der abnehmend’ Mond?“ -- Die Schußwunde des Rocherl ist es, aus
der gleichsam die ganze Familie blutet. -- Und ihr anderes Leid ist der
Soldat in der weiten Welt, der Valentin.
Seit Wochen erwarten sie seinen Urlaub. Zu Weihnachten hatte er
eine Photographie geschickt; die hat der Rocherl zu den Bildern des
Hausaltars hinaufgehangen und der Vater hat sie wieder herabgenommen.
„Man denkt beim Beten so schon zu viel an den Buben; und wenn erst gar
noch das Bildel vor Augen hängt! Wenn sie auch immer einmal gemartert
werden, die Soldaten -- Märtyrer ist er halt doch noch keiner, daß man
ihn zu den Heiligen könnt thun.“
Des Hauses Stolz ist der kleine Franzel. Der Schullehrer hält nämlich
von dem Knaben große Dinge. Es ist die Rede davon, daß er nächst’ Jahr
in ein Seminar soll. Wenn du einmal nachdenkest, woher die klerikalen
Kämpen und heißglutigen Priester kommen, die ebenso entschieden
Weltgeschichte machen, als andere Mächte -- aus dem Bauernhause kommen
die meisten. Unverbrauchte Erdkraft ist in ihnen. Daran denkt das alte
Menschenpaar im Adamshause freilich nicht. Ihr höchstes Erdenziel wäre
das, einstmals im schneeweißen Haar dem Meßopfer des eigenen Kindes
beiwohnen zu können.
Der Augapfel dieser Leute, ihr Herzblatt und ihre zitternde Freude
ist --. Sagen thut’s keines, anmerken thut man’s jedem. Wenn die
+Barbel+ nicht da ist -- wo ist sie denn? Wenn sie im Stalle
Streu hebt oder vor dem Hause Holz schichtet -- ist es wohl nicht zu
hart für sie? Wenn sie bei Tisch den Löffel weglegt -- was ist dir
denn, Kind, daß du nit magst essen? Und hast wohl genug warm bei der
Nacht, Barbel? Und thut dir wohl nichts weh, Barbel?
Am Josefitag, während das Mädel in der Kirche war, habe ich ein
Gespräch gehört zwischen dem Adam und seinem Weibe, das mir zu denken
giebt. Sagt sie zu ihm: „Ich weiß nit, Adam, mir ist immereinmal so
hart.“
„Warum denn, Mutter?“
„Das weiß ich halt selber nit.“
Machte er sein schalkhaftes Gesicht: „Wenn dich was druckt, Alte,
da weiß ich dir einen guten Rat. Vor Zeiten wärest du selber
draufgekommen.“
„Du meinst, daß ich für die armen Seelen im Fegfeuer ein Vaterunser
beten sollt’?“
Er schüttelte den Kopf -- das meine er nicht.
„Oder fleißig zum arbeiten schauen?“ sagte sie.
„Weißt, Mutter, zu wenig greinen thust du. Besser ausbrummen mußt dich,
nachher wird dir schon g’ring.“
„Das kannst sein lassen, Alter. Fürs Foppen bin ich jetzt nit
aufgelegt. Traurig genug, wenn du dich nit kümmerst. Fällt dir denn gar
nichts auf, Adam? Daß sie alleweil so traurig ist!“
„Wer?“
„Und schon gar nimmer lachen will. Die Barbel!“
„Die Barbel? Nit lachen? Nimmer lustig sein? -- Du, Weib, jetzt fällt
mir das auch auf. Haben wir nit alleweil gesagt: das Hausglöckel?“
„Gelt! Und jetzt nimmer. Schon lang’ nimmer. Oder weißt eine Zeit, wo
sie gelacht hat?“
„Schon lang’ nimmer,“ sagte er nachdenklich.
„Seit dazumal, wo sie ins Wasser gefallen ist, kommt sie mir halt ganz
anders für!“
„Seit sie zu Hoisendorf in den Bach gefallen ist?“
„Seitdem ist sie nimmer so.“
„Das kunnt ich mir nit denken, wegen was.“
„Du, wenn’s mit dem Kind was hätt’! Himmlische Mutter Maria, wenn dem
Kind was thät’ sein!“
„Es müßte nur sein,“ meinte er, „daß ihr die Hand weh thät’.“
„Die Hand? Sie wird doch an der Hand nichts haben!“
„Dem Rocherl seine.“
„Mein Gott, es kann ja eh sein, daß es +das+ ist.“
„Sie sollt’s doch sehen, daß der Bub’ selber lustig ist.“
„Ist nit sein Ernst, mein du! Dem steckt’s tiefer, als er’s scheinen
lassen will. Geh’, sag’ das einer Mutter nit! Was die Kinder müssen
leiden, wenn man’s selber kunnt tragen! Tausendmal gern! Daß uns so was
hat müssen treffen mit dem Rocherl!“
„Mein Gott, Traudel,“ sagte er, „wir sind halt auf der Welt. Da ist
doch das Unglück nichts neues! Wollen denn wir den Himmel schon im
Almgai haben? Narr’l, da thät’ ja nachher das Absterben zu hart sein!“
So haben sie am Vormittage miteinander geplaudert beim Herdfeuer. Und
zu Mittag, wie die anderen von Hoisendorf heimkommen, bringen sie den
Brief mit. Vom Soldaten. Die Hausmutter hat uns für denselben Mittag
Leinölkrapfen bereitet gehabt, die sonst so gut sein sollen. Haben
uns nicht geschmeckt. Der Valentin liegt krank im Spital zu Laibach
im Krainerland. Was ihm fehlt, das schreibt er nicht. Immer an „heim“
muß er denken. Immer an heim! -- Der zuerst anhebt zu brüllen, das ist
der Franzel. Den Rocherl stoßt’s bloß in der Brust. Die Mutter hockt
im Ofenwinkel, reglos, wortlos. Der Vater hat größere Augensterne
bekommen, daß man das Weiße nicht mehr sieht. Die Barbel steht ganz
ruhig am Winkelkasten und schaut mit ihren runden, betrübten Augen zum
Fenster hinaus, und die Hände hat sie über der Schürze gefaltet.
Jetzt, Knecht, zugereister, mach’ dich einmal nützlich! Also fange ich
an zu trösten: „Spital! Was weiter? Bin ich zweimal im Garnisonsspital
gewesen, einmal vier, einmal sechs Wochen lang. Da fehlt einem gar
nichts, als das bissel Gesundheit. Man hat sein warmes Bett, sein
Stückel Fleisch und seinen Doktor. Und wird bedient wie ein Graf.
Wachzustehen braucht man nicht, zu exerzieren braucht man nicht, hört
keine Flucherei, weiß von keiner Strafe und die Zeit vergeht doch.
Manchmal geht’s gar lustig zu im Spital: schwatzen, karteln, rauchen,
feinsten Kommißtabak, versteht sich, nachher Geschichten erzählen und
allerhand Narreteien, zum Kugeln vor Lachen. Ich sage nur das: manchem
ist gar nicht gut, wenn ihm wieder gut ist und er heraus muß!“
Ich glaube, Philosoph, diesmal habe ich mir meine Suppe redlich
verdient, mitsamt Salz und Kümmel. Die Angesichter haben sich schier
aufgeheitert, wie ein Regenhimmel, wenn der Ost zieht.
„Ich denk wohl auch, daß es nit so arg sein wird,“ meint der
Hausvater, der überhaupt eine leichte Achsel hat auf die er das
Schwerste legt.
Eine solche Achsel, wenn die Hausmutter hätt’! Diese ließ es sich nicht
nehmen, daß der arme Valentin schwere Not würde leiden müssen. Es wäre
ja ein alter Brauch, daß man die Soldaten schier verhungern ließe.
„Wenn er nur Hunger hat, auf dem Krankenbett!“ sagte der Vater, „wenn
er nur recht Hunger hat, nachher kommt er uns wieder!“
„Schreibt er nit um Geld?“ fragte die Mutter. Der Rocherl, der den
Brief gelesen, verleugnete auf einen Wink des Vaters die kleine Zeile
ganz unten am Rand.
„Noch nit +einmal+ hat er um Geld geschrieben!“ erklärte die
Mutter.
Die verleugnete Zeile aber lautete: „Nur um zwei Gulden, wenn ich
bitten dürfte, liebe Eltern!“
Der Vater wollte mit den Kindern erst die Geldbeschaffung besprechen,
bevor er der Mutter die Bitte mitteilen mochte.
Tags zuvor war der Steuerbote dagewesen, schon das dritte Mal seit
sechs Wochen. So verworren, daß sich kein Mensch auskennt, spricht der
Zahlungsauftrag von „rückständiger“ Steuer, die der Adamshauser schon
längst bezahlt zu haben wähnte. Es half ihm nichts, der Bote trug den
Rest des Sparpfennigs mit fort, mit der Drohung, daß er +nicht+
wiederkomme! Wenn bis Ostern die letzte Quote nicht bezahlt sei, dann
ginge es an ein paar Ochsen! O welches Glück, in einem Kulturstaat zu
leben!
Der fürsorgliche Besuch des Herrn Staates hatte damals dem Adamshauser
einen Asthmaanfall gebracht. Wie der Steuerbote die Lunge angriff, so
ging nun der Soldatenbrief ans +Herz+.
Jetzt merkte ich aber, daß die Barbel anhub, ein frohes Gesicht zu
machen.
„Braucht der Valentin etwa Geld?“ fragte sie leichthin.
„Na freilich wird ein Soldat nie zuviel Geld haben,“ meinte der Vater.
Nach wenigen Minuten brachte sie aus ihrer Kammer ein zierlich mit
bunter Wolle gesticktes Mapplein.
„Da kann er gleich heimreisen, wenn er mag,“ sagte sie. Acht oder zehn
glatt zusammengefaltete Papiergulden that sie hervor.