„Gut ist’s. So will ich dir den Schnauzbart stehen lassen.“
Und jetzt weißt du, Freund, es ist bei meinem Bart geschworen.
Als wir fertig waren, machte ich eines der Stubenfenster nach innen
auf, so daß hinten die schwarze Wand war. Das ist hier der Spiegel. --
Alfred, ich erschrak wirklich. Es ist über alle Vorstellung! Nie hätte
ich geglaubt, daß hinter diesem schönen Bart ein so häßlicher Kerl
stecken könnte. Mein Jugendantlitz einstens, du mußt dich ja noch daran
erinnern. Es war doch leidlich. Und jetzt --
Na, gute Nacht, dachte ich. Wenn sie mich jetzt so sieht. Das ist über
den Hasen, der sich beim Gottauslachen das Schnäuzel zerrissen hat.
Die Hände hab’ ich gefaltet: „Vater, Ihr habt mich vernichtet!“ Das
mußte wohl sehr kläglich gesagt sein, denn der Hausvater war starr vor
Schreck. Er sah es selber, was er hier angerichtet hatte.
Der Rocherl lachte hell auf.
„Hau!“ rief die Mutter, „wenn du Leut’ auslachen kannst, Bub, da thut
dir leicht die Hand nit weh? Jeder Mensch ist, wie ihn Gott erschaffen
hat!“
„Thut’s warten mit dem Gespött, bis ich erst fertig bin,“ sagte der
Hausvater. „Die Wildnis wär’ ausgerottet. Jetzt muß halt der Boden
glatt gemacht werden. Nachher wird er schön sein, der Hansel!“
Die Sache war, daß er mich noch einmal in die Arbeit nahm. Mit grober
Unschlittseife schäumte er mich ein, und dieweilen diese Tünche
trocknete, schliff er sein Rasiermesser am ledernen Beinkleid, und
hierauf stellte er sich an mit schreckbar wilder Entschlossenheit, wie
ein Scharfrichter, der das erste Mal seines Amtes waltet. Mir war, als
müßte ich meine Unschuld hinausschreien in die weite Welt -- da kratzte
er schon. Als das Stoppelfeld glatt gemacht, stellte es sich heraus,
daß die Schnurrbartspitzen ganz und gar ungleich waren, rechts stand
das Schöpfchen, links stand keines. Also hinweg mit der ganzen Anlage.
Und dann war die Sträflingsfrisur vollkommen. Mit einer neuen Kette war
ich festgeschmiedet an den ehrwürdigen Bauernstand, denn mit dieser
Visage in die Stadt zurückzukehren -- ganz undenkbar. Ich traue ihm
nicht, dem Adam! Es kann teuflische Absicht dabei gewesen sein.
„Jetzt schaut er halt aus wie der Pfarrer!“ meinte der Rocherl. Das
etwa auch noch! Daß mit dem Haar und Bart die Maske gefallen wäre und
der entlarvte Buchstabenmensch nun vor aller Augen dastünde! --
Und was war heute morgen? An Sonntagen kommt das Klopfscheit nicht.
Hingegen kam heute der Hausvater selbst in die Kammer.
„Hast recht, Hansel,“ sagte er, „laß dir’s gut geschehen im Bett.
Unseres Herrgotts Rasttag. Aber nachher -- muß dir’s wohl einmal sagen
-- nachher sollst halt in die Kirchen gehen. Ich bin verantwortlich für
meine Leut’, daß sie den christlichen Glauben halten. Wir sind auf
Welt bei einander und wollen auch im Himmel bei einander sein. Gelt,
Hansel!“
Das hat mich geärgert. Mich bevormunden in religiösen Dingen? Einem
Kavalier geht das unmittelbar gegen die Ehre. Es hat mich aber auch
gefreut, obschon ich mir den Himmel doch immer etwas anders gedacht
habe, als mit den guten Adamshauserleuten beisammen zu sitzen. Zwar
denke ich, daß der Hausvater im Namen seiner ganzen Familie spricht,
auch in dem des jüngeren weiblichen Teiles derselben. Aber das ist
Bürstenabzug, der die Censur noch nicht passiert hat.
Ich bin also an diesem Morgen nicht liegen geblieben und nicht
aufgestanden. Sondern aufgesessen.
Und sagt jetzt der Adam verwundert: „Was hast denn da für Papierwerk?“
Weil er unter dem Kissen mehrere Nummern der „Kontinental-Post“
entdeckt hatte. „Geh, Hansel, auf so was liegt man schlecht. Es werden
doch nit Zeitungen sein?“
„Ach, beileib nicht, beileib nicht!“ leugne ich und schleudere so wie
zufällig die Bettdecke über die Blätter hin.