Hans.
[Illustration]
Am siebenten Sonntage.
Lieber Freund und Philosoph!
Was treibst du um drei Uhr morgens? Ich vermute, du gehst um diese
Zeit von einem Balle heim, oder stoßest in einem Kaffeehause die
Billardkugeln hin und wieder. Oder liegst doch schon solide in den
Federn und bereitest dich durch das Werk eines großen Denkers und eine
wohl abgelegene Cigarre auf ein sanftes Einschlafen vor. -- Bei mir
im Adamshause macht sich diese späte Abendstunde dadurch bemerkbar,
daß mein Dienstherr mit einem Holzscheit an die Kammerwand pocht: Zum
Aufstehen ist’s! -- Anfangs habe ich dieses Scheit furchtbar tragisch
genommen und bin aus dem Stroh gesprungen, als wäre eine Feuersbrunst
ausgebrochen. Jetzt lasse ich den guten Adam schon zweimal pochen,
gestern sogar ein drittesmal, bis er den Ruf thut: „Hansel! Ich denk,
jetzt wär’s nimmer zu früh!“
Meine Taschenuhr zeigte ein Viertel auf Vier!
Von der Kälte spricht man hier nicht viel. Das einzige Barometer, von
dem man redet, ist die Gicht. Beim frostigen Aufstehen spitzt sich ein
lebhaftes Verlangen nach der heißen Einbrennsuppe. Nichts da! Vorher
heißt’s auf der Tenne drei Stunden Hafer dreschen. Das Kerzenlicht
hängt am Wandnagel und zwinkert sozusagen beständig mit den Augen,
wenn unsere Flegel durch die Luft sausen. Zu deinem Unterrichte: Die
Tenne ist vollbelegt mit Hafergarben. Unser vier, der Hausvater, die
Hausmutter, die Barbel und ich, jedes die Hände mit schafwollenen
Fäustlingen bekleidet, hauen rhythmisch wie eine Klopstocksche Ode
in Trochäen auf das Gestrohe los, damit dieses die letzten Körner
hergiebt und weich wird zum Rinderfraß. Die Erlernung der Kunst, Stroh
zu dreschen, hat dem alten Journalisten verhältnismäßig wenig Mühe
gekostet.
Weil bei der tiefsinnigen Arbeit alles sehr schweigsam ist, so hatte
ich während derselben in meinem Innern schon Gedichte gemacht -- im
Dreschflegeltakte. Es sind Trutzlieder auf die Barbel. Diesen Stolz
könnte sie wohl endlich sein lassen. Freilich bin ich ein armer
Knecht, ein zugereister; nun der würde ihr wohl doch nicht sofort eine
Liebeserklärung machen, wenn sie den Namen Hans einmal über die Lippen
brächte. Zwar spricht sie auch mit den anderen kaum -- was nicht immer
so gewesen sein muß, weil es die Mutter Wunder nimmt. Am Ende -- trotz
allem -- wer kann’s denn wissen! Am Ende --. Des Abends beim Herde
muß ich manchmal eine Geschichte erzählen. Da kam auch eine von der
stummen Prinzessin. Die hat immer gelacht und immer geplaudert. Da sah
sie eines Tages auf der Jagd einen Schäfer. Von diesem Tage an hat sie
nicht mehr gelacht und nicht mehr gesprochen -- war stumm. Alle Arzenei
war vergeblich, sie zu heilen, bis einst ein Wundermann den jungen
Schäfer brachte, der die Kraft besaß, Stumme sprechend zu machen.
Dieser legte der Prinzessin die Hände auf die Achseln, schaute sie an
und fragte: „Liebst du mich?“ -- „Ja,“ hat sie geantwortet, und von
diesem Augenblicke an war sie geheilt. -- Meinst du, die Barbel hätte
bei dieser schönen Historie auch nur mit einem Auge gezuckt? Nein.
Es muß dir schon aufgefallen sein, daß meine Feder stets nach einer
gewissen Richtung hin gravitiert. Man lenkt ab -- sie gleitet immer
wieder gegen jenen wundersamen Nordlichtschein. -- Wenn ein Roman
entstünde! Doktor! Doktor!
Dummheiten! -- Um sechs Uhr pfeift der Rocherl zum Frühstück. Weil er
nicht dreschen kann, so besorgt er den Kaffee. Ach, schon den Namen
möchte man hinabschlucken. Unterricht: Geröstetes Kornmehl mit etwas
Butter und Kümmel in Wasser gekocht. Der echte ist hoffnungslos. Vor
vielen Jahren soll in diesem Hause einmal eine Nähterin Kaffee gekocht
haben. Wirklichen! Eine Art Zeitrechnung datiert davon. „Dazumal, wie
wir den Kaffee gegessen haben!“ „Im selbigen Jahr, wie der Kaffee ist
gewesen.“ -- Vorlauterweise habe ich einmal bei Tisch erzählt, daß
es in großen Städten eigene Kaffeehäuser giebt, wo jahraus jahrein
nichts gekocht wird, als Kaffee! Darauf sagte der Hausvater -- aber
gutmütig dabei lächelnd, daß es nicht weh thun möchte -- ich hätte
doch ein Fleischhauer werden sollen, weil mir das Aufschneiden so gut
von statten ginge. -- Soweit, mein Freund, sind wir hier entfernt vom
Kaffee!
Du denkst als halber Kneippjünger, daß frische Milch den Herrlichen
ersetzen müßte! Höre: Die vorwegs von Butter gänzlich befreite Milch
steht seit Wochen in großen Kellerkübeln aufbewahrt. Darüber sind ein
paar Bretter gelegt, damit kein größeres Getier hineinfallen kann.
Im Winter bei dürrem Futter, sollst du wissen, hat nicht jede Kuh
Lust, das weiße Brünnlein quellen zu lassen. Also die vom Keller, die
„säuerlt“ dann manchmal, oder sie „rauchelt“, und ist der einhändige
Koch immer noch froh, wenn in der Suppe keine schlimmeren Eigenschaften
auffallen. -- Pfui, Kostbespöttler hinter dem Rücken! Und sagst beim
Löffelabwischen doch allemal „Vergelt’s Gott!“
Nach dem Frühstück gehe ich zu meinen Ochsen, die Barbel zu ihren
Kühen, der Rocherl zu den Schafen. Das Vieh wird in zwei oder,
Sonntags, in drei Gängen sorgfältig gefüttert, dann zum Brunnen
geführt, der zwischen Haus und Stallung auf dem freien Platze steht
und von dem Hausvater vorher mit einer Hacke eisfrei gemacht werden
muß. Die Hausmutter trachtet, den Schulknaben flügge zu machen. Und
dann fängt wieder das Dreschen an bis zum Mittagsmahl um eilf Uhr.
Menu: Brotsuppe aus obiger Milch, gespecktes Kohlkraut, Roggenklöße mit
Rauchfleisch. Nahrungsmittel durchaus echt, aber die Kochkunst, die --
ja so, das ist so häßlich. Da will ich lieber etwas Schönes sagen, wie
bescheidentlich langsam die Leute in die gemeinsame Schüssel fahren
und keiner den anderen zu übervorteilen sucht. Dieses taktvolle Essen
habe ich bei den Bauern überall gefunden und könnten sich die ~Table
d’hôte~-Gäste der feinen Hotels ein Beispiel nehmen.
Nachmittags wieder Hafergarben dreschen. Müssen damit noch vor der
Fastenzeit fertig werden, sagt der Adam. Als ob’s eine Tanzunterhaltung
wäre. Unterricht: das Stroh kommt in die Scheune, das Gekörne in die
Siebe, in die Windmühle, in die Mehlmühle, in den Ofen -- ein Stück
Haferbrot gefällig? Haferbrot ist gut, sagt mein Hausvater, aber
Schweinfleisch ist besser -- und füttert mit dem Hafermehl die Säue.
Oder verkauft den Hafer im Sack, oder bewahrt ihn als Gesäme fürs
nächste Jahrhundert. -- Halt still, es ist das Tagewerk noch nicht
aus. Um die Dämmerung geht die Barbel zu ihren Kühen und wer am Thore
lauscht, der hört doch das Brünnlein in den Zuber sprühen. Am Abend
Versammlung um das Herdfeuer, jedes mit kleinen Arbeiten beschäftigt.
Ich bin auch bereits wer! Wenn dem Stuhl ein Fuß fehlt, oder der Leiter
ein Sprossel, oder wenn das Hausmesser schartig ist, die Hacke stumpf,
der Ochsenjochriemen zerrissen, die Thürklinke schadhaft -- da greife
ich an. Sind die anderen beschäftigt und ich weiß nichts zu thun, als
die Finger in den Händen halten und ihnen vor dem Wege stehen -- das
ist zum Todschämen! Nirgends noch habe ich mich eigentlich geschämt auf
meiner irdischen Pilgerschaft, nicht wenn der Feldwebel mich mit den
schwunghaftesten Kasernenblüten besang, nicht, wenn der Chefredakteur
plötzlich sagte: „Erlauben Sie, Herr Trautendorffer, da in Ihrer Arbeit
finde ich eine Laus!“ und mir einen unzweideutigen Gramatikfehler
vorhielt. Ich war entzückend verstockt. Hier schäme ich mich, -- womit
das Tagewerk geschlossen wird. Darauf kommt das Nachtmahl: Kartoffeln,
Rüben oder Mehlbrei. Dann kommt das Gebet, und um acht Uhr, wenn die
Stadtleute anfangen, elektrisch zu werden, kriechen wir ins Bett. --
Das ist der Werktag. Am Sonntage nach der Fütterung ist Kirchgang. Ich
streiche im Freien umher oder schreibe meinem Alfred.
Die Unschlittfunze (in Hoisendorf das Pfund zu 21 Kreuzern) ist noch
nicht niedergebrannt, so will ich dir eins schreiben von unserem
Nachbar Schlappzopf. Denn du mußt auch andere Gattungen kennen lernen.
Dem Schlappzopf trug ich vor einigen Tagen, als wir Metzgerei hatten,
die Schweinshaut hinüber, er kann gerben. Ich fand ihn in Unterhandlung
mit einem Viehhändler aus dem vorderen Gai.
„Schlappzopf,“ sagt dieser, „wie ich höre, habt Ihr eine feile Kuh.“
Der Bauer hat mit seiner Tabakspfeife zu thun und überhört die Frage.
„Eine Kuh, Schlappzopf, nicht?“
„Eine Kuh. Weiß nit, ja.“
„Ist es eine junge? Wohl eine Melkkuh, wie?“
„Ich weiß es völlig nit. Kann eh sein,“ sagt er und schraubt das Rohr
in die Pfeife.
„Wollt Ihr mir sie zeigen?“
„Anschau’n kunnten wir sie ja. ’s Anschau’n kostet nichts.“ Dann führt
er den Viehhändler durch den dunstigen Stall, wo sie über mehrere
Mistwälle stolpern.
„Die welche wäre es also?“
„--’s selb müßt’ ich mir selber erst ausraiten. Die Milchkuh werd’
ich halt doch nit recht dürfen hergeben. Thät’ meinem Weib leicht nit
passen.“
„Also die Trächtige.“
Der Bauer stochert in der Pfeife herum, stochert ein Häufchen Asche auf
die hohle Hand heraus und streut es dann bedächtig zu Boden.
„Ich nehme übrigens auch die mit dem Kalb. Wie?“ so der Händler.
Jetzt löst der Bauer das Rohr los von der Pfeife, setzt sie sachte an
die Lippen und bläst hinein.
„Die mit dem Kalb?“ frägt er dann. „Ah na, die werd’ ich doch schier
nit dürfen hergeben.“
„So bleibt nur noch die Mastkuh.“
„’s ist halt just so a Sachen. Weil sie nit ganz feist ist, noch.
Verkaufen, freilich, verkaufen werd’ ich sie eh einmal müssen.“
„Was kostet sie?“
Der Bauer steckt die Pfeife wieder zusammen, thut sie an den Mund,
pfaucht ein paarmal durch. Der Zug wäre soweit hergestellt.
„Wie viele Banknoten soll ich Euch auf die Hand legen fürs Vieh?“
„Mein Nachbar, der Kulmbock, hat vorig Wochen eine um hundertfünfzig
verkauft.“
„Die war sicher zweimal so schwer, als wie Eure da!“
„Ein wengel kann’s sein, daß sie schwerer gewesen ist. Viel nit, viel.“
„Einen kugelrunden Hunderter, wenn Ihr wollt.“
Der Bauer hebt nun mit der Tabaksblase an. Langsam hat er sie vom
Rücken, wo sie im Gürtel stak, hervorgezogen, hat sie zu halb
umgestülpt und schiebt nun mit zwei Fingern Tabak in die Pfeife.
„Hört Ihr, Schlappzopf, hundert Gulden für das Tier. Es sollte noch
etliche Wochen in der Mast stehen, aber weil ich just gut aufgelegt
bin, nehm’ ich sie heut’ mit.“
Die Pfeife ist gestopft, nun hat der Bauer Zeit zu sagen: „’s selb
wird’s doch nit thun.“
„Überlegt nicht lange, Bauer. Das Glück klopft nur einmal an, dann
geht’s vorbei. Wenn ich hundertundfünf sag’, so bin ich leichtsinnig.
Aber damit wir doch wieder einmal was handeln miteinander.“
Der Bauer wendet sein Auge nicht von der Pfeife und schüttelt fast
unmerklich den Kopf. „Ich denk’, ich werd’ sie doch derweil noch
behalten.“
„Also, wieviel wollt Ihr?“
Nun kommt Schwamm und Feuerstein dran. Es giebt ein paar Funken, aber
das Ding will nicht glosen. Endlich macht er den Mund auf, aber nicht
um den Preis auszusprechen, sondern um den Zunder anzublasen.
„Hundertfünf, und einen Leikauf fürs Weib. Aber geschwind ja sagen,
Bauer, es könnt’ mich gereuen.“ Der Händler tastet an der Kuh herum,
ob die Haut locker ist, ob das Fleisch federt. „Ein zähes Luder. Redet
schon ab. Aber halten thu’ ich’s noch, mein Wort. Also...!“
Der Bauer raucht an. Und wie das Zeug in gutem Zug ist, sagt er, das
erste Mal recht vernehmlich: „Ich mein’, ich werd’ jetzt gar keine
verkaufen.“
Dieser ausführliche Handel hat drei Stadien. Im ersten weiß der Bauer
nicht, welche Kuh er weggeben soll. Im zweiten weiß er nicht, welchen
Preis er machen soll. Im dritten endlich kommt er drauf, daß er
überhaupt keine verkauft. Und um so weit zu kommen, bedurfte es länger
als eine Stunde.
Das, mein Freund, ist jener Typus der Unentschlossenheit und
Gleichgültigkeit, der verhängnisvoll wird. Schon am nächsten Tage soll
der Schlappzopf dem Viehhändler nachgelaufen sein und ihm die Kuh um
hundert Gulden verkauft haben. Wenn ich wieder auf die Welt komme, das
heißt: in euere Welt, so soll in der „Kontinentalen“ das „Dorfting“
angeregt werden. Vor jedem Gemeindehaus auf der Wand soll eine Tafel
hängen, auf welcher die Bauern und die Händler Angebot und Nachfrage
darthun; sachkundige Ökonomen dürften wissen, was das bedeutet. Und das
Dorfting soll zwischen Erzeuger und Verbraucher die Ware vermitteln und
den Zwischenhändler soll der Teufel holen.
Beim Viehhandel sind -- so viel ich schon gemerkt habe -- die Bauern
untereinander nicht just die Gewissenhaftesten. In der produktiven
Arbeit bleibt der Mensch ehrlich, beim Handeln wird er ein Strick,
hier wie dort. Mein Adam hat mit dem Nansenbauer Kühe getauscht. Der
Adam hat dem Nansen versichert, seine Kuh gebe drei Maß Milch, aber
weislich nicht dazugesetzt, binnen welcher Zeit. Der Nansen hat dem
Adam behauptet, seine Kuh sei trächtig, er hatte ihr zur Stunde nämlich
ein Heubündel auf den Rücken gelegt. Sein Ehrenwort giebt der Bauer
nie, aber „gut steht er“. Wenn er sagt: Ich steh gut für das oder das,
dann kannst du ihm leidlich trauen. Der Adam wollte auch: „Steh mir
gut, Nans, daß die Kuh trächtig ist!“ Der Nans antwortete gelassen:
„Gutstehen thu ich erst, wenn das Eis schmilzt, jetzt rutscht man
noch zu viel.“ In demselben Falle fand sich mein Hausvater mit seiner
Milchkuh. So führen sie einander in aller Gemütlichkeit hinters Licht
und das Gewissen beißt den Händler nur, wenn er sich sagen muß: du bist
diesmal dümmer gewesen, als der andere.
Eine verblüffende Erfahrung mache ich. Die Gebirgsbauern älteren
Schlages haben keine Ahnung vom Laufe, den die Zeit genommen hat. Aber
fest drauf los politisiert wird trotzdem im Hoisendorfer Wirtshause.
Zum Beispiel: Der Russe kommt. Der mag die großen Städte nicht
leiden und will sie verbrennen, wie er einst seine Hauptstadt Moskau
verbrannt hat. Die Juden werden erschlagen, ihr Geld an die armen
Bauern verteilt. Die Chinesen sollen auch erschlagen werden, aus ihren
Zöpfen will der Preußenkaiser lange Peitschen machen lassen -- für
die Socialdemokraten. Der heilige Vater hat den Fürsten übrigens das
Kriegführen verboten. Wolle einer anfangen, so müßten alle übrigen
gegen ihn zusammenhalten. -- Den größten Abscheu haben sie immer noch
vor dem „Erzschelm“ Napoleon; alle Hoffnung setzen sie auf Kaiser Josef
den Zweiten, der in einer Berghöhle schläft und wieder aufwachen wird,
wenn zu Weihnachten die Kirschbäume blühen.
Manchmal hört der Bauer, daß man jetzt deutsch sein müsse. Darüber
schüttelt er den Kopf. Hatte er doch geglaubt, es gebe mit Ausnahme von
ein paar Rastelbindern und Katzelmachern (Welschen) auf der ganzen Welt
nichts anderes, als deutsch.
Mehr Interesse haben die Leute des Almgaies für Erfindungen und
Entdeckungen. Dabei kommen auch lustige Phantasten zum Wort. Den
Telegraph stellt sich mancher als einen einfachen Glockenzug vor. Wenn
man in Salzburg anzieht, klingelt’s in Wien. Der Blitzableiter ist
ein Magnet, er zieht den Blitz herbei und spießt ihn auf. In großen
Städten werden solche von Blitzableitern gesammelte Blitze in einen
Riesenbottich geleitet und aus diesem dann das elektrische Licht
geholt. Es giebt Schnellzüge, die man Blitzzüge nennt und vom Blitz
gezogen werden. Das sind die elektrischen Eisenbahnen. -- In Amerika
drüben giebt’s viel Gold, aber der Weg hinüber ist naß; man kann gar
nicht zu Fuße gehen, nicht einmal mit Wasserstiefeln. Man muß sich auf
ein Schiff setzen, das oft fast so groß ist, wie ein Heustadel und eine
ganze Kirchen voll Leute drinnen Platz hat. Die Schiffe sind von Eisen
und sinken doch nicht unter, weil sie der Dampf über dem Wasser hält.
-- So kraus geht’s im Kopfe zu, während die Hände das rechte thun.
Nicht den mindesten Groll habe ich hier bisher gegen reiche und
vornehme Herrschaften bemerkt, obschon häufig von solchen die Rede ist.
„Sie werden schon auch ihre Nussen aufzuknacken haben.“ Indes merkt der
Bauer, daß sie draußen um etwas raufen. Um was, das weiß er nicht. Wird
schon ein guter Brocken sein und vielleicht für ihn auch was abfallen.
Ja, mein Lieber, das sind Sachen! Die „Funzen“ aber ist alle. Ich gehe
schlafen und rufe dir „Guten Morgen!“ zu.
Dein Hans.
[Illustration]
Am achten Sonntage.
Wenn dir, teurer Freund, meine Briefe, die einem wahren
Herzensbedürfnisse entspringen, wirklich Vergnügen machen, so ist das
ja göttlich! Es wäre dir, sagst du, fast alles neu und alles lehrreich
und inniger Anteilnahme gewiß, was ich dir schreibe und du begleitetest
mich in Freude und Not dieses Jahres als treuer Kamerad. Herrlicher
Freund, wie machest du mich mutig. Ein böses Siebentel ist ja schon
reichlich vorüber, mit den übrigen sechsen hoffe ich fertig zu werden.
Nur selten habe ich noch das Gefühl der Verbannung, aber mein Trotz
gegen die Widersacher bei der „Kontinentalen“ steigert sich von Tag
zu Tag. Und auch das ist eine Macht. Hast du es dir nicht auch schon
gedacht, daß in der Welt mehr Tüchtiges aus Trotz und Haß geschieht,
denn aus Liebe?
Je größer ich vor den Augen des Herrn Stein von Stein aufwachse, je
kleiner werde ich im Adamshause. In dieser vergangenen Woche war wieder
ein schlimmer Tag. Es war Holzarbeit im Walde, denn der Winter hat
ums Haus herum die Brennholzstöße gelichtet. Am Freitag -- ach diese
Freitage! Es ist doch was dran. Der Hausvater hatte in der Mühle zu
thun, so sollten die Barbel und ich hinaus in den Wald. Ob nicht der
Rocherl uns begleiten könne? Ganz beklommen fragte ich es.
„Zu was ihr nur den Rocherl brauchen thätet, möcht’ ich wissen!“ rief
die Mutter scharf, „ihr werdet mit den paar Bäumlein Holz doch allein
fertig werden!“ -- Und der Elefant ist in diesen Bergen ein unbekanntes
Tier.
So gingen wir. Ich mit Axt und Keil, das Mädel mit der breiten
zweigriffigen Holzsäge. Der Schnee war hoch, wir sanken bis auf die
Knie ein. Ich stapfte voraus, die Barbel hinter mir her. Und sagen
thaten wir uns kein Wort. Das Struppwerk kratzte an unserem Gewand,
schnellte uns Schnee ins Gesicht. Auf dem Baum krächzte ein Häher.
„Wir hätten auch zu einer besseren Zeit können holzschneiden gehen,“
sage ich.
„Es ist auch heute gut,“ sagt sie. Und weiter nichts.
Plötzlich macht die Sägplatte auf ihrer Achsel ein gorgelndes Getöne;
ein federnder Kiefernzweig hat ihr ins Gesicht geschlagen -- heftig.
Sie nimmt es schweigend, wie ganz selbstverständlich hin, daß die Bäume
ausschlagen, wenn vorangehende Knechte unvorsichtig das Geäste umbiegen.
Wir kommen auf den Schlag, wo die kahlen Baumstämme stehen, die im
vorigen Jahre entästet und entwipfelt worden sind, damit sie trocknen
konnten. An einen solchen Baum setzen wir die Säge, ich hüben, sie
drüben das Heft fassend -- und jetzt stelle dir vor, Doktor, es geht
nicht. Sie unterweist mich, wie die Säge zu halten, anzusehen, zu
führen sei. Aber es ist ganz verdammt. Die gezähnte Stahlplatte sperrt
sich. Ziehe ich an, so geht’s nicht vorwärts, schiebe ich zurück, so
baucht sich das platte Ungetüm und gorgelt höhnische Laute. Ich mache
zuerst ein paar gesättigte Witze, die helfen aber auch nichts. Nun
erklärt mir die Barbel nochmals in aller Ruhe und Geduld, wie die
Sache zu machen sei.
„Kunst ist’s wohl keine,“ sagt sie, „mit dem kleinen Franzel habe ich
schon die größten Bäume gefällt. Du bist halt ein bissel ungeschickt,
Hansel, aber es wird schon besser werden.“
O Freund und Professor, was ich mich da geschämt habe! Meine ganze
Socialwissenschaft wollte ich in diesem Augenblicke hingegeben haben,
und die Kenntnis der französischen Sprache noch dazu, wenn ich hätte
Holz sägen können!
„Reizen thut’s uns,“ sagt sie, was du aber durchaus nicht mißverstehen
darfst. Plagen thut’s uns, soll’s heißen.
„Ei was!“ rufe ich aus, „wir brauchen die dumme Säge überhaupt nicht.
Ich fälle den Baum mit der Axt!“
Großartig, wie ein alter Germane zur Zeit der Hermannsschlacht im
Teutoburgerwalde, schwinge ich das Beil und haue in den Stamm, daß die
Barbel weit zurücktreten muß, um die fliegenden Späne nicht ins Gesicht
zu bekommen. Sie sollte nur einmal sehen, welch’ ein Urmensch in mir
steckt, der des neumodischen Zeugs, wie Säge, Keile und dergleichen,
gar nicht bedarf. Eiserne Zähne mögen sich die Greise anschaffen,
unsereiner hat noch Mark und Schneid’ in den Armen.
Jetzt hebt mir aber dieses Ding von einem Mädel an zu kichern. Es
war nicht ohne, dieses Kichern, ich hätte es gleich in Musik setzen
mögen. Die kann dir lachen, wie ein Silberglöcklein, vorausgesetzt, daß
Silberglocken lachen.
„Wenn wir mit dem Ofenheizen warten müssen, bis du diesen Baum
niederbringst mit der Hack, dann mags schon sein, daß in der
Suppenpfann’ das Wasser friert und an der Nase die Eiszapfen wachsen.“
Diese ihre Rede kam mir ganz bösartig vor und rasch gab ich drauf:
„Meinetwegen! Ich bin die Kälte schon gewohnt. Da giebt’s Leute, die
mitten in den Tropen stehen mögen, will sagen, beim Ofenloch, und es
fällt Reif, so oft sie einen Atemhauch thun.“
Sie schaut mich verblüfft an, als wüßt’ sie gar nicht, was aus so einer
Bemerkung zu drechseln wäre. Und ich mache die Erfahrung, daß ein
Fichtenbaum immer härter wird, je tiefer man hinter den Splint kommt.
Wir sollten doch noch einmal probieren mit der Säge, schlägt sie vor.
Und neuerdings zeigt es sich: Holzschneiden kann ich nicht und ich kann
es nicht.
„Du Hansel,“ sagt sie plötzlich, „ich denk’, ’s ist das Gescheiteste,
wir hören auf und gehen heim.“
Doktor, ich bitte dich, diesen Brief zu verbrennen.
Ja so, der Hase! Vom Hasen muß ich dir noch erzählen, der uns über den
Weg lief. Von rechts nach links, was immer ein Unglück bedeuten soll.
Und auf einmal, als ob sie mich in meinem Gram zerstreuen wollte, fragt
die Barbel: „Weißt du, Hansel, warum der Has’ an der Schnauze die
Hasenscharte hat?“
„Weißt du’s?“
„Freilich weiß ich’s. Wie der Herrgott die Welt hat erschaffen gehabt,
hat ihn der Hase ausgelacht, weil sie ganz buckelig ist. Und so viel
hat er gelacht, bis ihm das Schnäuzel zerrissen ist!“ -- Und dabei
lacht sie selber wieder so hell, daß mir ganz heiß wird.
Lange hat’s freilich nicht gedauert, und es ist die fast traurige
Ernsthaftigkeit in ihr, wie immer. Gott, wenn nur mehr Hasen über den
Weg liefen!
Ich war nach diesem mißlungenen Baumfällen eine Nacht und einen
halben Tag lang unglücklich. Da kam der Gemeindebote, brachte
einen Steuerbogen und einen Amtsbrief in Sachen der Grundablösung.
Der Steuerbogen ist immer ein Hagelschlag im Bauernhof und es ist
vielleicht doch gut, daß es einen Kanzleistil giebt. -- Geld her!
Fünfunddreißig Gulden aus dem Sack, längstens bis nächst’ Wochen,
oder wir nehmen dir die Kuh weg! -- Diese Deutlichkeit wäre zu
schrecklich. Da macht das Amt lieber so viele Umschreibungen,
Windungen und Wendungen, Einschübe und Umzüge im Stil, teils gedruckt,
teils geschrieben, teils lateinisch, teils was anderes, teils in
Paragraphhaken, teils in Ziffern, teils in abgekoppelten Buchstaben,
teils mit der Feder, teils mit Stampilien, daß es der Empfänger
schlechterdings nicht versteht. Er liest hin und liest her, zerstudiert
sich, was das denn wieder sein möchte, bis ihm allmählich die Ahnung
kommt: warum, wieviel und bis wann!
Nun, bei dieser Gelegenheit habe ich die Scharte vom Holzschlag
leidlich ausgewetzt. Wohlgemut machte ich mich ans Studium über die
beiden Amtsschriften, bis es gegen Abend zur Not ersichtlich war, was
die löblichen Behörden zu Kailing meinten.
„Doch eine schöne Sach’, wenn der Mensch lesen und schreiben kann!“
Dieses Lob hat mir mein Hausvater gesagt.
Aber der Ruhm ist nicht fleckenlos. Es kam eine neue Blamage. Laß dir
erzählen.
Ganz vor kurzem war’s, daß des Morgens der Hausvater in den Stall trat
und den Ruf ausstieß: „Hansel, was ist denn das? Wie kommt denn das
fremde Vieh in den Stall?“
„Fremdes Vieh? Wieso?“
„Da steht ein schwarzgefleckter Stier, oder was es ist. Der gehört nit
her da! Jesses, und wo ist denn unser falbes Öchsel. Wo ist das Öchsel,
Knecht?“
Ich trat mit dem Licht heran und sah, daß ein fremdartiges Rind,
scheckig wie Pinzgauerschlag im Stall war. Es hatte über den Rücken
pechschwarze Flecken.
„Das ist nicht möglich!“ beteuere ich, „die Stallthür ist verriegelt
die ganze Nacht.“
„Und das falbe Öchsel ist fort! Lang bin ich schon Bauer, aber so was
ist mir noch nit passiert. Wenn man sich nit einmal so weit auf dich
verlassen kann, daß das Vieh aus dem Stalle gestohlen wird, nachher
kannst uns --“
-- auch du gestohlen werden! -- Der Alte ist nicht herb genug, um
solche Lapidarsätze zu vollenden. Aber ich verstehe ihm seine Wünsche
bereits aus den Augen zu lesen. Zu gleicher Zeit jedoch klärt sich mir
auch das Ereignis auf.
Ich pflege nämlich meine Tintenflasche, damit sie nicht einfrieren
kann, im warmen Stall auf einem Wandvorsprung aufzubewahren. Da mag bei
der Nacht nun die Katze oder die Maus das Zeug herabgeworfen haben auf
das falbe Öchslein.
„Tinte, sagst, ist das?“ fragte der Adam, „sei nit einfältig. Wie wird
in den Ochsenstall Tinte kommen!“
Nun habe ich mein heimliches Treiben wohl bekennen müssen.
„Briefschreiben thust du? Briefschreiben? Ja, hast denn wo eine alte
Mutter, oder sonst wen?“
„Mein liebster Hausvater,“ sage ich, „wir wollen jetzt einmal das
Öchsel abwaschen gehen.“
Mit heißer Lauge und einem Kotzenlappen haben wir den ganzen Vormittag
gearbeitet, bis der Pinzgauerschlag endlich zur Not abgewaschen war.
Mein Hausvater hat nachher lange und immer wieder den Kopf geschüttelt.
Tintenfluch im Bauernhause. -- Auch gegen die Druckerschwärze ist
eine instinktive Abneigung vorhanden. Es heißt, in einem Bauernhofe,
wo sie anheben, ihre Nasen in Bücher zu stecken, käme bald der
Bettel-Feierabend.
[Illustration]
Am neunten Sonntag.
Mein Doktor!
Gestern mittags, knapp nach Tisch, hat mir die Hausmutter in einer
unzweideutigen Sprache das Davonjagen in Aussicht gestellt. Aber nicht
etwa, weil der Knecht nicht Baumfällen kann, oder weil unter seiner
Wartung die weißen Rinder scheckig werden, sondern weil er einen so
abscheulich langen Bart hat. Wenn ich mich nicht ordentlich tragen
wolle, wie es einem Christenmenschen ansteht, so solle ich halt in
Gottesnamen sagen, was ich glaube, daß sie mir für die etlichen Wochen
auszuzahlen hätten. Jetzt sei das Frühjahr bald im Anzug, da würde ich
mich wohl fortbringen.
Sogleich fiel es mir ein: Sie brauchen dich gar nicht. Sie behielten
dich bislang nur aus Barmherzigkeit, damit du in der kalten Jahreszeit
nicht zu Grunde gehst. -- Nun, vom Auszahlen könne keine Rede sein.
Wenn sie mich umsonst nicht brauchen könnten, so möchten sie halt
sagen, was ich gelegentlich draufzuzahlen hätte, um im Hause bleiben
zu dürfen als Knecht. -- Schon that ich den Mund auf, um das zu sagen,
da stieß mich etwas: Thu’s nicht! Thu’s nicht! Es müßte Mißtrauen
erwecken. Es könnte alles verderben. Du mußt dich fügen wie der Sclave,
der mit Haut und Haar seinem Herrn verfallen ist.
Und so hat der Knecht Hansel demütig entgegnet, er besäße keine
Haarschere und kein Rasiermesser, er könne sich selber weder scheren
noch rasieren. Wenn der guten Hausmutter mein langes Haar schon so
zuwider sei, so müsse sie mich halt rupfen.
Darüber hat sie aufgelacht: „’s ist wahr, man kann ihm nit feindlich
sein. Er weiß allemal so eine spaßige Red’. Geh’ Vater, auf den Abend,
wenn du Zeit hast, nimm den Hansel zwischen die Knie und schneid’ ihm
den Pelz herab. Die Schafsscher’ thut’s eh dazu.“
Hörst du, Philosoph, die Schafsscher’ thut’s eh!
Nun und am Abend da geschah es. Ich hatte noch auf den „Lungendampf“
gehofft, der den Hausvater um diese Zeit manchmal anzufallen pflegt.
Aber diesmal kam er nicht. Ich mußte mich auf den niedrigen Dreifuß
setzen. Mein schönes, mein zartes, mein nußbraunes Haar! Es ist
dieselbe „güldgelockte Heldenmähne“, die du einst, ich glaube, in der
Sekunda war’s, mit einem tadellosen Trochäus besungen hast. Sie ist
dahin. Unter den Füßen des Barbaren lagen die herrlichen Fetzen umher,
bis die Hausmutter dieselben mit kecklichem Griff zusammenraffte,
um sie draußen unter den Dachtraufen zu begraben. Das kannst du dir
bei dieser Gelegenheit auch merken, Weltweiser, du: Wer ein gutes
Gedächtnis behalten will, der muß sein Haar unter Dachtraufen begraben!
Gutes Gedächtnis! Sicherlich, dieses Jahr werde ich mit merken.
Dann ging’s an den Teutonenbart. Die rostige Schere biß, raufte und
quiekste um Backen und Kinn, dieweilen der Kopf eingeschraubt war
zwischen den spießigen Knien meines vielgeliebten Hausvaters. Der war
dabei ganz munter.
„Hansel,“ sagte er plötzlich, während seine Finger die eine
Schnurrbartspitze festhielten, „wirst du schön brav sein? Wirst du uns
auch im Sommer bleiben, wenn’s zum Heuen und zum Ernten ist? Wirst,
Hansel, wirst?“