Hans.
+Adamshaus+, am sechsten Sonntage.
Beim Mädel, nicht wahr, bin ich stehen geblieben, das vorige Mal.
In deinem Speisezimmer hängt ein Bild von ihr. Du nennst sie die
„Sixtinische“. Wahrlich, nichts fehlt unserer Barbel dazu, als das
Kind. Bei euch drin in der Stadt wäre ein solches Wesen unmöglich.
Unmöglich, sage ich dir! Die begehrenden Männeraugen hätten diesen
Hauch versengt. Es ist noch der Reif der Traube an ihr. Sie hätten den
Schmelz dieser Augen ausgesogen, diese Lippenknospen versehrt, sie
hätten diese reine, herbe Seele längst zu einem koketten Damengeistlein
gemacht. Obschon das gar nicht möglich zu sein scheint. Ich gönne
das Mädel keiner Stadt und keinem Palaste, ich gönne es niemandem,
auch dir nicht -- auch mir nicht. Ich stehe abseits und betrachte es
voller Ehrfurcht, das dumme Ding, das seit drei Wochen kaum dreißig
Worte zu mir gesprochen hat. So ernsthaft und verschlossen sein, wenn
man so lachend aufgeblüht ist! Nur mit dem Rocherl scherzt und herzt
sie, mit dem durchschossenen Bruder. Wenn das Mädel bei ihm ist, thut
ihm kein Blei weh in der Hand, da lacht er und schalkt und schaut ihr
so treuherzig ins Madonnengesicht, daß ich alle Wand- und Thürfugen
preise, obschon manchmal ganz niederträchtig der Wind durchzieht. Ich
für meinen Geschmack wüßte keinen feineren Guckkasten.
Kniet sie gestern vor dem Bette, streichelt seinen verbundenen Arm und
sagt voller Zärtlichkeit:
„Armes Handerl, du! Geh’, sei gescheit und thu’ nit weh! Ich will dir
nachher zu Lohn was Schönes schenken.“
„Wenn das Kügerl nit heraus will!“ meint der Bursche.
„So soll’s drinnen bleiben. Hat der Mensch so viele Knochen im Leib,
wird er wohl auch ein bissel Blei vertragen mögen.“ So spaßet sie.
„Was halt nit hineingehört, das thut kein gut,“ sagt er traurig.
„Mußt nit verzagt sein, Rocherl,“ tröstet sie, „immer Eins hat was in
sich, was nit dazu gehört. Darf nit verzagen.“
Ich weiß nicht, alle möglichen Nöte der Menschheit stellt sie ihm
manchmal dar, damit er in Hinblick darauf seine eigene Not leichter
trage. --
Nun will ich meine Feder auch auf anderen Feldern spazieren führen,
damit dir mein Tagebuch allmählich ein Ganzes liefert. -- Am Tage
vor Lichtmeß war aus Hoisendorf herauf ein alter Mann gekommen, der
hat an der Hausthür einen Spruch aufgesagt, den ich zur Hälfte nicht
verstanden, zur andern Hälfte wieder vergessen habe. Ich glaube, von
der Muttergottes und den Heiligen hat er gehandelt und die Pointe war
-- Geld. Der Alte ging nämlich zu den Häusern umher, um Geld zu sammeln
für die Altarkerzen in der Hoisendorfer Pfarrkirche, damit dort bei
allen Gottesdiensten des Jahres Lichter brennen können. Zuerst ging
er also zum Hausvater und hielt ihm ein blau-angestrichenes Trühlein
vor, derweilen er etwa folgenden Spruch sagte: „Unsere liebe Frau
schickt mich in euere ehrengeachtete Hütten und laßt um ein frommes
Lichtmeßopfer bitten!“
Der Hausvater holte von der Wandleiste ein altes Lederbeutlein herab,
nestelte eine Münze heraus, küßte sie ehrerbietig und legte sie in
das Trühlein. Der Sammler kläubelte es wieder heraus, beguckte es von
beiden Seiten und sagte: „Adam, du hast sonst allemal ein Zwanzigerl
gegeben.“
„Ist eh eins, ist eh eins,“ sagte der Bauer.
„Sein thut’s eins, aber was für eins! Sonst waren es zwanzig Kreuzer,
heut’ sind’s zwanzig Heller! Hörst du, Bauer, Nickel nimmt keine Weih’
an.“
„Und Silber haben wir keins mehr,“ versetzte mein Hausvater bedächtig.
„Bei den schlechten Zeiten wird wohl auch die Himmelmutter bei der
Mess’ mit ein paar Kerzen weniger gern zufrieden sein.“
„Paar Kerzen weniger? Ah na, das thät’s nit, daß uns die Muttergottes
ins Dustere thät kommen! -- Thu’ ich mich halt zu einer christlichen
Wohlthäterin wenden. Gelt, Bäuerin, ehrengeachtete, in deiner Hütten,
auch dich laßt unsre liebe Frau um ein Lichtmeßopfer bitten.“
Die Hausmutter gab einen Nickelzehner, unter besonderer Bedingung, daß
in der Kirche beim Schutzengelbild eine besondere Kerze gestiftet werde.
„Eine Kerze gestiftet? Für das da? Du bist spaßig, Adamshauserin!“
Nach dieser geringschätzigen Rede trat der Mann in die Kammer an den
Rocherl, der auf dem Bette saß, und sagte denselben Spruch.
Der Bursche wurde rot im Gesicht, so blaß er sonst war, und schaute
hilflos um sich. Denn, wie mir schien, er besaß nichts.
Da mischte sich die Barbel ein: „Wartet ein wenig, ich habe sein Geld
in Verwahrung.“ Aus ihrer blumigen Gewandtruhe holte sie ein Münzlein
hervor. Der Alte besah es, schnalzte mit der Zunge: „Hau, da ist ja
noch eins! Adam, bei deinem sauberen Töchterl haben sie sich versteckt,
die Silberschimmel! Ich glaub’s, ich thät’s auch. Sollten ihrer nit
ein paar sein, im Nest? Wenn nit, nachher ist’s so auch gut. Vergelt
dir’s Gott, Jungfräulein! Glück und Segen! Einen braven Mann und eine
stubenvoll Kinder daneben! Für jeden Heller ein Madel, für jeden
Kreuzer einen Buben, nachher wird’s schon lustig in der Stuben.“
Weil sich das Mädel jetzt rasch fortmachte, so sah der Lichtmeßsammler
den Schulknaben, den Franzel. Der war, um seine weißen
frischgewaschenen Hemdärmeln zu zeigen und sich an dem possierlichen
Bettler zu ergötzen, so lange unvorsichtig umhergestanden, bis das
Schicksal nun auch ihn antrat. Er machte aber nicht viel Umstände,
griff in den Sack und gab zwei Heller. Das that er mit solcher
Sicherheit, als ob der ganze Hosensack voller Schätze wäre. Es war aber
das erste und letzte Geldstück gewesen, ein Botenlohn vom Schulhause,
wie mich däucht erfahren zu haben. Denn der Junge trägt manchmal
etliche Eier hinab und was es sonst so mitunter auszurichten giebt.
Endlich, als alle übrigen abgeschabt waren, stand der alte Kracher auch
vor mir fest und brummte: „Giebt der nichts?“
Ich reichte ihm einen Zehner und muß etwas von einem Trinkgeld gesagt
haben. Da habe ich angezündet!
Er hielt die Münze in der breiten, runzeligen Hand: „Ein Trinkgeld?
Wieso? Glaubst du, ich geh Trinkgelder betteln wie ein Nachtwachter
um Neujahr? Du Racker, du! Was bist denn für einer, daß du kein Licht
brauchst, beim Herrgott! Du Duster-Mannl, du! -- Heb’s weg, das Ding!
Heb’s weg!“
„Na, na, so schlimm ist es ja nicht gemeint gewesen.“
„Heb’s weg, sag’ ich!“
„Soll auch von mir eine christliche Gabe der Kirche vermeint sein.“
„Wir brauchen’s nit!“ Mit diesem Schrei schleuderte er das Geldstück zu
Boden, daß es ein paarmal ganz entrüstet aufhüpfte.
„Trinkgeld, wie einem Nachtwachter!“ Gleichsam hinspuckte er dieses
Wort.
Jetzt hat mich der Hausvater in Schutz genommen: „Mußt nit, Schragerer,
’s ist der neue Knecht. Ein Zugereister. Weiß halt nichts vom heiligen
Brauch. Beten thut er eh fleißig.“
Darauf hin hat der Mann die Münze doch aufgehoben und ins Trühlein
gethan. Dann noch einen gereimten Spruch, halb sagt er ihn, halb singt
er ihn, und so ist er würdig zur Thür hinausgegangen.
Als letzte Post ist es mir übrigens gar rührend vorgekommen, daß diese
armen Leute Geld zusammenschießen für das Weihelicht am Altare. Und am
Lichtmeßfeste, als ich mit dem Hausvater nach Hoisendorf hinabgegangen,
ist die ganze schier stimmungsvolle Feierlichkeit zu sehen gewesen,
wie bei vielem Lichtleuchten und Orgelklang vom Kuraten die neuen
Kerzen geweiht wurden, wobei auch der Lehrer, ein Licht in der Hand und
lateinische Sprüche sagend, behilflich war.
Gegen mich hat er was, der Lehrer. Was weiß ich? Als wir Blicke
wechselten, ich that’s grüßend, aber aus seinem Auge kam kein heiliges
Feuer.
Was nun mein Dienstgeber über das „fleißige Beten“ seines zugereisten
Knechtes sagt -- bedingungslos unterschreibe ich’s nicht. Ein Mensch
zur Abendstunde, wo er gewohnt ist, im „Roten Krug“ bei Bier und
Rostbraten zu sitzen, dann noch ins Kaffeehaus zu gehen in Gesellschaft
ausgelassener Kumpane! Und soll zur selben Stunde jetzt täglich
auf dem Schemel knien, die Ellbogen auf die Tischkante stützen und
gemeinsam mit einer Bauernfamilie Litanei und Rosenkranzgebete murmeln!
Du kannst dir’s vorstellen. Nein, nicht kannst du dir’s vorstellen,
es ist fabelhaft trostlos! Der Teufel hat immer Geschmack bewiesen.
Wenn er mit sonst nichts mehr zu vertreiben ist, beim Gebet, da fährt
er ab. -- Der häusliche Abendgottesdienst dauert an Werktagen gegen
vierzig Minuten, an Feierabenden, sowie auch an Sonn- und Festtagen,
nahezu eine Stunde. Mein Sack voll Stadtsünden, den ich hübsch
vollgerüttelt mitgebracht -- er ist sicherlich verbüßt. Durch das
Beten kaum, denn das meinige dürfte beim lieben Gott nicht viel mehr
gelten als beim alten Schragerer mein Silberzehner. Durch das Knieen
auf dem Brette wohl auch kaum, bei dem der Kerl vierknieig dahockt.
Hingegen alles sühnt das heldenmütige Ankämpfen gegen den Lachreiz.
Den abscheulichen Lachreiz. Hast du es schon einmal gehört, wie
Bauersleute beten? Ernsthaft betrachtet ist an diesem gottwilligen
Hinmurmeln und Hindämmern einfältiger Seelen gewiß nichts Komisches
enthalten; aber so ein Stadtbengel ist das Ungezogenste, Frivolste und
Intoleranteste der ganzen Schöpfung. -- Erst nach und nach, o Freund,
habe ich das blutende Herz geahnt, womit sie unter gefalteten Händen
und geschlossenen Augen beten, diese bekümmerten Menschen.
Immer einmal geschieht’s wohl auch, daß sie den geistlichen Rat „Bete,
und arbeite“ zu gleicher Zeit befolgen. Thut während des Psalters der
Hausvater Späne klieben, die Hausmutter kochen, die Barbel spinnen,
der Rocherl und der Franzel auf dem Tisch Bohnen säubern, die wir
am nächsten Tage zu essen bekommen. Und der zugereiste Knecht? Auf
den Waden sitzend wie ein Türke, rodelt er mit und trachtet es zu
vertuschen, daß ihm weder das Vaterunser, noch das Avemaria wörtlich
bekannt ist. Auch mir hat die Mutter einmal diese Hände gefaltet, als
sie noch klein gewesen: „Vaterunser, der du bist im Himmel!“ In der
Lehrzeit hat sich der Katechet noch ein paarmal erkundigt nach solchen
Dingen, später, bei den Kaiserlichen und bei der „Kontinentalen“ ist
keine Nachfrage mehr gewesen.
Wenn die Unwissenheit ans Licht käme! Einige Rügen hat mir meine
Aufführung ohnehin schon eingetragen. Die heillose Ungeschicklichkeit
in der Arbeit wird mir jetzt zwar nicht schwer aufgemessen. Aber
daß der „Zugereiste“ bei Tisch weder vor noch nach dem Essen ein
Kreuz zieht mit dem Daumen über Stirn, Mund und Brust, daß er beim
Nockenessen die Gabel mit der linken Hand zum Munde führt, daß er die
Einbrennsuppe (den Bauernkaffee) nicht aus der gemeinsamen Schüssel
essen will, sondern sie vorerst auf den Teller herausschöpft, daß er
Sonntags wie Werktags dasselbe Gewand am Leibe hat, daß er sich täglich
mit Seife wäscht und sogar mit einer kleinen Bürste die Zähne scheuert,
daß er seinen Bartwust stehen läßt, anstatt sich allsamsttägig
säuberlich zu rasieren, und andere Unarten -- solcherlei hat mir der
Hausvater schon ein paarmal in aller Güte vorgehalten, die Hausmutter
mit schärferen Worten verwiesen.
„Du, Hansel,“ sagte sie vor zwei Tagen, „mit deiner Hoffart wirst
du uns noch die Kinder verderben! Wo die jungen Leut’ jetzund eh’
allerhand Dummheiten im Kopf haben! Das schlechte Beispiel da! Ich sag
dir’s, Hansel! Sobald mir der Schulbub so ein grausliches Zahnbürstel
heimbringt, nachher kannst du dir um einen anderen Platz schauen. Ich
leids nit.“
Was meinst du, wäre diese unwirsche Thatsache nicht etwa bei den
„Fliegenden Blättern“ anzubringen? Nein doch, ich will mir die
Seelenkonflikte dieses Jahres nicht von der ganzen Welt verlachen
lassen. -- Und wirklich? Thut’s es nicht auch am Ende ohne? Mein
Hausvater scheuert sich des Morgens den Mund mit einem Hanflappen.
Das Haar strählt er sich mit den fünf Fingern aus. Als Trinkgefäß am
Brunnen benutzt er die aufgebogene Hutkrempe oder die hohle Hand. Sie
entbehren nichts, nach ihrer Meinung, sie haben alles. Bis so ein
Bauer von Mangel spricht, ist er schon nahe am Verhungern. Und da habe
ich mir gedacht, daß der Mensch zweimal bedürfnislos ist, einmal im
Naturzustande, das andere Mal auf dem höchsten Grade der Bildung. Was
dazwischen liegt -- daß Gott erbarm! Jeder Wunsch des Weltkindes gebärt
im Augenblicke der Erfüllung sieben neue, und vor lauter Wünschen kommt
es zu keinem Genießen.
In voriger Woche war so Einer da. „Kramerzodl“ nannten sie ihn,
aber nicht etwa im Schimpfe, sie meinen damit ganz harmlos das, was
bei uns ein kleiner Agent oder ein Hausierer ist. Dieser Mann hatte
zwar kein grünes Bündel bei sich, hingegen aber einen illustrierten
Preiskonto für allerlei schöne Sachen. Der Hausmutter wollte er ein
rotgepolstertes Sofa anbindern. Sie gab zur Antwort, auf der Bäuerei
brauche man kein Lotterbett, er solle sich nur selber drauflegen.
-- Hierauf beklagte sich der strebsame Handelsmann über Mangel an
Bildung bei diesen Leuten, kam mit mir in ein Gespräch und behauptete,
Bedürfnislosigkeit sei ein Zeichen der Barbarei, je höher die Kultur,
desto mehr Bedürfnisse. -- Du, Doktor! Wetten möchte ich nicht, daß ein
gewisser Hans Trautendorffer selbst einmal ähnliches drucken ließ. Und
jetzt wäre ich am liebsten so ungebildet gewesen, den „Kramerzodl“ zur
Thür hinauszujagen. Sollte es denn nicht vielmehr die höchste Kultur
sein, daß der Mensch +genießt+, anstatt vermißt? Und er seine
Wünsche gerade so einzurichten weiß, daß sie ohne unverhältnismäßigen
Aufwand von Kraft und -- Seelenfreiheit naturgemäß befriedigt werden
können? Wer künstlich Bedürfnisse schafft wie es ein großer Teil
unserer Industrie, unseres Handels thut, der schafft Unzufriedenheit.
Wer sich von einem ursprünglichen harmlosen Lebensgenießen ablenken
läßt und in eine Überfülle moderner Werte gerät, der ist bald ein
Übersättigter und Ungesättigter zugleich. Warum dem armen Menschen
tausend Fangorgane und tausend Genußherzen anzüchten wollen, wenn zwei
Arme zur Arbeit und ein Herz zum Genießen bisher ausgereicht haben!
Genüsse, die über den Erwerb zweier Arme oder eines Kopfes hinausgehen,
müssen mit sittlichen Gütern bezahlt werden. Der vollkommene Mensch
besitzt nichts und genießt alles. Wer auf jedem Holzbalken und
Steinboden so gut ruht, wie auf einem Sofa, dem ist die ganze Welt
voll Sofas. Wem ein Trunk Wasser an der Quelle so gut schmeckt, wie
Johannisberger Auslese, dem sprudelt aus jedem Berge Rheinwein.
Und so sprichst +du+? höre ich dich fragen, mein Freund. Ja,
so spricht ein Mensch, der +nicht+ in der Üppigkeit sitzt, der
harten Mangel leidet unter Leuten, denen in ihrer Art nichts abgeht.
Grausam ächze ich manchmal unter den Vorstellungen der mir anerzogenen
„Kultur“. Gestern, nach einer schrecklichen Nacht, hatte ich schon
mein Bündel geschnürt, um flüchtig zu werden. Als es aber geschnürt
war und nur die Schwelle überschritten zu werden brauchte, fiel es mir
ein: Schau, wie leicht das geht! Gerade so gut kannst du nach einer
Stunde gehen, oder morgen, oder übermorgen! Gezwungen wäre es nicht
zu ertragen. Aber im Gefühle der Freiheit! -- Das Bündel wurde in den
Schrank zurückgeschleudert.