„Und keiner zu bezahlen!“ so er.
„Und keiner zu köstigen und zu gewanden!“ so sie.
„Thun ja hell brandschatzen, die Dienstboten, heutzutag,“ so er.
Und sie: „Zu schlecht ist ihnen schon alles. Haben im vorigen
Sommer zum Heuen so eine Gnad’ gehabt, eine zweifüßige. Eh von der
Nachbarschaft einer. Ein ausgedienter Soldat. Beim Militari, von
Obristen abschanden lassen wie ein Mistbub, aber daheim vom Hausvater
kein ungeschaffen Wörtel annehmen. +Solche+ Dienstleut! Da arbeit’
ich lieber Tag und Nacht selber. Ist ja wahr auch! In der Kasern, ja,
da lassen sie sich das Hungerleiden schön gefallen, aber nachher auf
der Bäuerei stoßen sie die Erdäpfelschüssel mit der Faust über den
Tisch hin: Das wär’ ein Fressen für die Säue! Mein Lebtag hat mir noch
keiner mein Essen verschmäht, als wie der. Aber dem kommt’s heim. Dem
kommt’s noch heim. Denkt’s, daß ich’s gesagt hab!“
„Thu dich nit anzünden, Mutter,“ beschwichtigte wieder der Bauer. „Ist
eh arm dran, so ein Mensch, wenn sein schwacher Magen nit einmal mehr
ein Erdäpfelsterzel verkochen kann. Nit einmal ein Erdäpfelsterzel!“
Jetzt habe ich mir einen Anrand genommen. „Bauersleute,“ sage ich,
„wenn euch mit mir geholfen wäre. Ich habe schon allerhand probiert auf
der Welt, Hartes mehr wie Leichtes, so wird mich das Bauerndienen auch
nicht umbringen. Wenn ich auch kein Geborner bin. Was man nicht kann,
das lernt man und was einem etwa nicht taugt, das gewöhnt man. Um Kost
und Schlafstatt werde ich nicht greinen, und Jahrlohn, was ihr leicht
mögt. Nicht etwa, daß mir just ums Winterdach zu thun wäre, will auch
im Sommer bei euch bleiben und wegen keiner schweren Arbeit verzagen.
In allem Ernst, Leutlein, wenn’s euch recht ist, so bleib’ ich da.“
So, mein Freund, habe ich mich hinwerfen müssen, ist das nicht tapfer
gewesen? Und habe dabei gar nicht einmal auf mein Ehrenwort gedacht,
als vielmehr, daß mich die armen Hascher erbarmen. -- Bin doch ein
schrecklich edler Mensch! Wie also das gesprochen war, sind sie vor mir
alle zwei dagesessen, haben sich angeschaut und nichts als angeschaut.
Er hält über den Magen die Hände gefaltet und endlich ist er doch so
weit, zu sagen: „Da weiß der Mensch gar nit, wie ihm geschieht.“
Sie hingegen hat ein schlagenderes Wort. „Richtig wahr,“ sagt sie,
„mehr kunnt ein Spitzbub auch nit versprechen.“
Aber er: „Ungeschickt, ungeschickt, Mutter! Wenn’s ein schlechter
Mensch thät’ sein, wär’ er mir mit dem Mehlsack davon, unten auf der
Brandlahn. Weißt, wie sie voriges Jahr dem Gleimer-Stindl die Kasbutten
weggenommen haben. Unser Herrgott ist hoch oben und der Schandarm weit
weg.“
Ein förmliches Gericht war’s, das ich über mich habe ergehen lassen
müssen. Nachdem sich das Paar noch um mancherlei erkundigt hatte, nicht
zuletzt nach meiner Religion, kam es endlich dahin überein, dieser
weltfremde Mensch müsse rein von der heiligen Nothburga geschickt
worden sein, zu der sie, wie ich nun weiß, jeden Abend beten um
Beistand.
„Machen wir’s halt so,“ sagte der Adamshauser endlich, „wenn’s schon
dein freier Willen ist -- jetzt sag’ ich halt gleich: du. Aber fürs
ganze Jahr festbinden, das nit. Heut taugt’s dir in der warmen Stuben,
morgen kunnt schön Wetter sein und deine Füß’ hübsch ausgerastet. Und
bleiben wir beisammen, so hat man halt sonst vierzig Gulden Jahrlohn
gegeben und das Gewand. Ist freilich nit viel. Bleibst halt so lang du
magst.“ --
So, alter Freund, jetzt hast du sie gesehen und gehört, meine neuen
Hausherrenleute.
Willst du auch den Hof sehen? Auf der Höhe eines Bergausläufers
liegt er gar behäbig da mit seinen braunen Holzwänden und den weit
vorspringenden Bretterdächern. Vor dem Hause senkt sich die Feld-
und Wiesenlehne bis ins Engthal hinab zum Bache. Neben dem Hause
kahle Laubbäume, die im Sommer wahrscheinlich grünen werden. Hinter
demselben, gegen die Almen hinan, kümmerlicher Nadelwald. Seitlings hin
ein mit Buschwerk bewachsener Rain, bis zur Schlucht, wo unter einer
Altfichte ein zweites Haus ist, das zum Hof gehörige Ausgedingegütel;
jetzt steht es leer. -- Die Hausthüren sind so eingerichtet, daß jeder
Eintretende sich tief verneigen muß vor den Inwohnern, sonst stößt er
sich den Schädel entzwei. Aber auch den Ausblick in die weite Welt
gestatten die niedrigen, mit gekreuzten Eisenspangen vergitterten
Fensterchen nur in Stellung der Demut. Auf dem Drambaum in der Stube
des Adamshauses steht die Jahreszahl 1650. Das ist gar nicht lumpig!
Die große Stube ist Küche, Eßzimmer und Wohnraum für alle, auch für
die Hühner, deren Käfig unterhalb des Herdes in der Mauernische sich
befindet. Außerdem hat das Haus noch etliche Kammern für Schlafstellen
und Vorräte. An der Außenwand ein paar Bienenstöcke, die leer sind.
Die Ställe und Scheunen sind weitläufig und deuten auf eine große
Wirtschaft in früherer Zeit. -- So, nun kennst du auch meine jetzige
Heimstätte.
Mir ist eine Kammer neben dem Ochsenstall angewiesen worden, „dem
Valentl seine“. Kommt er auf Urlaub heim, so heißt’s umsiedeln.
Das Innere der Apartements will ich dir später einmal beschreiben,
jetzt heißt’s Berufsinteressen voran. Der Hausvater hat mir schon am
zweiten Tage all’ seine Schätze gezeigt: Heu, Stroh, Getreide, Hafer,
Flachs, Hanf und mit besonderem Stolz den großen Dunghaufen im Hofe.
Mühe wird’s schon kosten. Augenblicklich ist mir der Unterschied
zwischen Roggen und Gerste, zwischen Flachs und Hanf nicht klar.
Beim Vieh wird’s einigermaßen leichter gehen, obschon mir heute noch
unbegreiflich ist, wie man zwei schwarze Lämmer oder zwei scheckige
Kalben von gleicher Größe soll unterscheiden können. Meine Hausgenossen
haben das auf den ersten Blick los und es scheint, daß die Tiere für
ein geübtes Auge ganz die individuelle Physiognomie haben, als die
Menschen. Ein Hirte soll aus hunderten von Schafen jedes für sich
erkennen.
Meine erste Obliegenheit wurde das Abfüttern der Ochsen, Kalben und
Schafe. Das ist aber nicht etwa, als ob man ihnen Heu oder Gehacktes
nur gleich so hinwerfen dürfte, wie in einer schlampigen Menagerie. Die
Haustiere haben ihre Geschichte, ihre Kultur, ihre Pflichten und Rechte
und sind nicht gesonnen, sich wie wilde Tiere behandeln zu lassen. Da
giebt’s des Tages bestimmte Mahlzeiten und eine genaue Zubereitung
von Heu, Rüben, getrocknetem Laub mit Aufguß, Heublumenmehl, Salz
u. s. w., was für den Neuling um so schwerer zu treffen ist, als weder
geschriebene Rezepte noch Kochbücher dafür vorhanden sind.
Und nun sage ich dir, Philosoph, daß solcherlei noch gar nichts ist,
nicht einmal der Anfang. Aus den flüchtigen Andeutungen, die mein
Hausvater mir bisher gemacht hat, merke ich, daß die Kenntnis des
Bauernwesens eine ganz respektable Wissenschaft bildet -- in allem
Ernste. Und eine Kunst noch dazu, denn das muß nicht bloß verstanden,
es muß auch ausgeführt werden. Das wird plagen. Wenn der „Volkswirt“ im
Zeitungsblatt einen Stiefel sagt, so rührt sich darüber keine Katze und
der Schreiber ist ein gelehrter Mann. Wenn aber der Bauer einen Unsinn
macht, so fault das Heu in der Scheune, schimmelt das Korn im Sack,
verreckt das Rind im Stall. Ja, Bauer, das ist was anderes!
Nun möchte ich dir aber vom ersten Tage noch etwas erzählen. Da war
mir gar so eigentümlich zumute. Als die Hausmutter das Herdfeuer
anzündete setzten wir uns auf Bank und Block um den Herd, weil des
Aufrechtstehenden Haupt zu hoch in das graue Gewölk des Rauches
hineingeragt hätte. Dieser Rauch fließt nur langsam durch einen
Wandschuber ab, ins Vorhaus, wo er durch einen Holzschlauch übers
Dach hinaus geführt wird. Der Hausvater fettete ein paar derbgebaute
Schuhe mit Schweinsschmiere ein. Die Hausmutter schmorte in der
Pfanne Kartoffeln und mir war die Aufgabe zugefallen, von einem
großen Schwarzbrot Suppenbrocken abzuschnitzeln für das bevorstehende
Nachtmahl. Plaudersam waren wir gerade nicht. Mich schützte vor
Langeweile nur die Mühe meines Brotbrechens. Die Hausmutter merkte
meine Unbeholfenheit und sprach: „Du -- du! Wie heißt du denn?“
„Hans, wenn’s recht wär’.“
„Du, Hansel, ich sag’ dir was. Deine Brocken werden zu dick! Du kannst
es nit recht.“
Na, gute Nacht, Knecht! Wenn du das Brot nicht einmal aufschneiden
kannst, wie wirst es erst verdienen können!
Rief in der Nebenkammer plötzlich jemand nach der Mutter. Sie
ging hinein. Durch die offene Thür sah ich, daß es da drin ganz
feierlich war, wie in einer Kapelle. Ein weißgedeckter Tisch, auf
dem ein Wasserglas mit brennendem Öllichtlein stand. An der Wandecke
Heiligenbilder, kleine bunte böhmische Glasmalereien. Daneben ein
hochgeschichtetes Bett, in demselben ein junger Mensch, an dem Kissen
lehnend. Auf der blauen Decke hatte er seine rechte Hand liegen. Die
war mit Lappen umwunden. Das Gesicht glatt, fein und weiß wie eine
italienische Marmorarbeit; aber große, dunkle Augen, an der Oberlippe
einen Bartschatten. Zwischen den zuckenden Lippen schimmerten Zähne,
das braune Haar üppig, verworren, es wühlte die linke Hand drin. Wie
man manchmal schon alles so auf einmal sieht. Ein bildschöner Mensch.
Der hatte nach der Mutter gerufen. „Ist die Barbel nit da?“ fragte er.
„Was willst ihr denn, Rocherl?“
„So viel weh thut’s wieder.“
„Sei getröstet, Kind,“ sagte die Mutter. „Ich will dir frisches
Schusterpech auflegen und nachher wieder gut einbinden.“
„Dank Euch Gott, Mutter. Aber die Barbel -- die, die soll’s thun. Bei
der Barbel thut’s nit so weh.“
„Sie thut halt noch haarkampen draußen in der Hinterstuben.“
Am Ende, mein Professor, weißt du jetzt nicht, was haarkampen heißt:
Gebrochenen Flachs durch die Hechel ziehen, um die Agen abzustreifen.
-- Endlich weiß ich einmal mehr als du. +Das+ thut wohl!
Ich bin dann hineingegangen und habe mir die Schußwunde zeigen lassen.
Knapp hinter dem Gelenke ein rundes Loch, mit gestocktem Blute
verstopft, die Haut ringsum gerötet. Eben war das Pflaster, eine
schwarze, zähklebrige Masse, losgelöst worden. Auf meine Frage, ob die
Kugel schon entfernt sei, hieß es, das Schusterpech werde sie schon
herausziehen.
Nun kam das Mädel herein. Auch die muß sich an der Thür bücken, so groß
ist sie. Aber sie bückt sich nicht oben, sondern unten -- ein Knixlein
und durch ist sie. Wie Leute nur so schlank und so gerade wachsen
mögen, wenn sie sich jeden Tag unzähligemale einschnappen müssen!
Im Arm hatte sie Flachsstrehne, die legte sie sorgfältig über eine
Stuhllehne; auf dem Kopfe hatte sie einen alten schwammigen Filzhut,
den hing sie flink an den Wandnagel.
„Bist schon brav, Barbel, daß du auf meinen Bräutigamhut schön acht
giebst!“ lobte der Hausvater. „Wohl, wohl, in dem Hut hab’ ich deine
Mutter in die Kirchen geführt. Selben hat ein sauberer Buschen drauf
gesteckt und heut’ sind die Schaben dran. Herentgegen ein frisch
Gesichtel darunter, das macht auch einen schäbigen Hut schön. Na halt
ja, einen Spaß muß man auch haben.“
Dieser gemütliche Stolz auf seinen Bräutigamhut und auf seine Tochter
stand dem Alten entzückend. Schon deswegen müßte man ihn gern haben.
Jetzt besah ich mir aber auch die Barbel.