Draufhin trommelte Doktor Stein von Stein mit den Knäufen der
Fingerringe ein bißchen auf der Tischplatte und sprach sehr feierlich:
„Wenn unser Herr Hans Trautendorffer draußen auf dem Dorfe bei den
Idealmenschen das kommende Jahr 1897 vom Anfang bis zum Ende als
gewöhnlicher Bauernknecht zubringt, so werde ich mir am 1. Januar 1898
gestatten, ihm eine Ehrengabe von zwanzigtausend Kronen in bar zu
überreichen. Wenn unser Herr Trautendorffer den sittlichen Charakteren
auch nur einen Tag früher entlaufen sollte, so würde er zwei volle
Jahre lang ohne Gehalt bei der ‚Kontinental-Post‘ den Mantel nach dem
Winde drehen!“
„Genagelt und gesiegelt!“ rufe ich zustimmend.
„Dann wollen wir es nur noch beim Notar aufstellen lassen.“
„Ganz überflüssig. Drei Zeugen sind gegenwärtig. Ich gebe mein
Ehrenwort!“
Erschrickst du? -- Ich war ja selbst erschrocken am nächsten Morgen und
Kollege Doktor Wegmacher meinte, Weinlaunen-Abmachungen hätten keine
Gültigkeit.
„Sie +haben+ eine!“ fuhr ich ihn wütend an. „Das Ehrenwort laß ich
nicht lumpen!“ --
Es sollen ja ein paar Tropfen Bauernbluts in mir sein, auf Umwegen. Vom
dritten Glied aufwärts mütterlicherseits, will mein Oheim gewußt haben.
Nun, so wollen wir sie halt versuchen, die Renaissance. Ich habe schon
manches mitgemacht auf diesem Erdenhaspel. Der Schmied hat zum Glücke
noch etwas Eisen in mein Blut gethan, der Soldat Kurasch und Gehorsam,
der Zeitungschreiber die nötige Wurstigkeit -- lauter Dinge, die dem
Bauernjodel bekommen werden. Vielleicht gelingt’s, diese bereits
schäbig werdende Menschenseele auszulüften, der Lohn ist auch nicht
schlecht und dann thue ich mir auf etliche Jahre einen guten Tag an.
Also ist es beim trotzigen Ernste geblieben und anfangs ~anno~
dieses bin ich gegangen. Einfach großartig bin ich ausgezogen in meinem
Touristenanzug und mit dem Handbündel voll irdischer Güter, die man an
den Stock steckt und über die Achsel wirft. Die Herren suchten solche
Schicksalswendung immer noch auf einen Ulk hinauszuspielen, ich wandte
ihnen den Rücken und ging.
Aber geplagt hat’s zuerst, der Satan noch einmal! Länger als vierzehn
Tage lang umherstromern -- brotlos. Gar viel länger hätt’s nicht mehr
gelangt, so wär’s zum blanken Betteln oder zum Stehlen. Da habe ich
mir gedacht, machest einen Knoten im Sacktuch und lästerst nicht
gleich, wenn ein armer Landstreicher vor dem Gendarmen daherspaziert
mit dem haltbaren Armband.
In einem Gebirgsweiler, Hoisendorf im Almgai, habe ich mich schlechten
Wetters wegen ein paar Tage aufgehalten und in dieser Gegend scheint
dein Sonderling kleben zu bleiben. Dort im Wirtshause that ich mit
einem jungen Manne, der mir wie ein blatternarbiger Forstgehilfe
vorkam, Karten spielen. Blatternarbige Gesichter haben mir immer
gefallen, sie zeugen von einem glücklich ausgefochtenen Duell mit
dem Sensenmann. Nur die Augen, die wasserblauen, waren mir an diesem
Forstjungen zu stadtmännisch, sie waren eingeglast. Dabei waren sie
noch das Anmutigste an dem ganzen vierschrötigen Burschen, der die
Worte schlechter warf als die Karten und mit seinen langen Armen
und Beinen aller Augenblick irgendwo anstieß. So oft er das Spiel
gewann, tröstete er mich, daß ich wohl umsomehr Glück in der Liebe
haben werde. Ich und Liebe! Gnädiger Gott, wo sind die Zeiten! Das
heißt!.... Die Gewinnkreuzer wollte er nicht annehmen, wir hätten ja
nur aus Langeweile gekartelt, und Geldverlieren wäre noch schlimmer
als Langeweile. Als ich ihm die Heiligkeit der Spielschulden darthat,
die sogar jeder Lump bezahlt und sollte er so und so viel ehrliche
Leute darum prellen müssen, nahm er das Sündengeld, lud mich aber dafür
in sein Haus auf eine Tasse Kaffee. Warum ich dir diesen Forstjungen
so gewissenhaft vorstelle? Weil es kein Forstjunge war, sondern
der Schullehrer. Und warum ich dir den Schullehrer von Hoisendorf
beschreibe? Weil er mein Wegzeiger ward nach dem Orte meiner
Bestimmung.
Es ist ein Schullehrer ohne. Ich neckte ihn darob. Ein richtiger
Dorfschullehrer müsse ein kleines Frauchen und ein halb Dutzend
Buben haben. Während des Kaffeekochens sagte er mir, weshalb die
verheirateten Schullehrer lauter Buben kriegen. Das komme auf die
Ernährung an. In Hyrtl will er’s gelesen haben. Die Buben kommen von
der Spärlichkeit, die Mädeln von der Üppigkeit -- Na, was man auf der
Universität in Hoisendorf alles weiß!
„Meine Familie!“ Mit diesen Worten hat mir der Schelm dann seine
Bücher vorgestellt. Sie waren in einem Glaskasten wohl geordnet. Eine
ehrenwerte Versammlung der Vertreter aller Richtungen, Walter Scott,
Lessing, Schiller, Zola, Keller, Spielhagen, Baumbach, Bierbaum.
Wieso er als Besitzer solcher Schätze zu den Spielkarten greifen könne?
Ja, weil ich ihn gedauert hätte. Mit Büchern mache man eingeschneiten
Touristen keine Freude.
„Ich bin kein Tourist. Mich müssen Sie zu den Bauern thun.“
„So, so. Dann werden auch wieder besser Spielkarten passen, als Bücher.“
„Bleiben also die Bücher Ihnen ganz allein?“
„-- Das heißt. Es giebt schon auch hier Leute, die mitunter gerne ein
Buch lesen...“ Hier brach er ganz plötzlich ab.
Als ich ihm nach dem Kaffee eine Cigarre reichte -- mein Himmel! An
der umgekehrten Seite hat er sie in Brand gesteckt und plagte sich dann
redlichen Fleißes mit ihr ab, bis ich ihm den Stengel wieder aus der
Hand nahm.
„Wenn Ihnen das Laster nicht Spaß macht, so lassen Sie’s bleiben.“
Darauf entgegnete er auffallend: „Wenn der Spaß, der manchmal dran
hängt, das Laster noch immer entschuldigen möchte!“
„Nicht wahr, Herr Lehrer!“
Der Bursche war in eine absonderliche Verlegenheit gekommen und stieß
unversehens den Kaffeetopf um, das braune Bächlein schlängelte sich
über den Tisch hin.
„Jetzt fehlt die Hausfrau!“ neckte ich, „das gäbe den schlechtesten
Witz, den schönsten Verdruß und am Abend natürlich die reizendste
Versöhnung.“
„Wegen der paar Tropfen giebt’s bei uns keinen Verdruß.“
„Wie, Sie haben doch Eine?“
Der Lehrer -- krebsrot im Gesicht.
Und hier, mein Freund, machen wir „Fortsetzung folgt“. Denn die
Talgkerze meiner Stalllaterne ist herabgebrannt, ich habe mich ganz
warm und lustig geschrieben. Ich kann’s nicht lassen und ich kann’s
nicht lassen. Am nächsten Sonntage weiteres.
Dein Hans in den Wolken.
[Illustration]
+Adamshaus+, am vierten der Sonntage, die ich
mit Bangen zähle und mit Leidenschaft erwarte.
Und nun, mein Freund und Professor, vollende ich das welthistorische
Dokument vom Vorigen, damit du endlich erfährst, wo dein Narr
eigentlich ist und wie er hierher kam.
Anstatt weiter in das Geheimnis des Lehrers von Hoisendorf zu dringen,
fragte ich frischweg, ob er glaube, daß man da in den Berghäusern herum
nicht irgendwo einen Knecht brauchen würde?
„Und ob!“ rief er aus. „Wenn nur einer käme! Alles was arbeiten kann,
geht davon, muß vielleicht davon gehen. Oder es ist sonst ein Unglück.
Niemand ist, der um Geringes dienen mag, dabei alles so unwillig. Und
die großen Ansprüche der jetzigen Dienstboten können von unseren armen
Bergbauern nicht befriedigt werden. Es ist ein rechtes Kreuz.“
„Ich wüßte einen billigen Knecht.“
„Billig? Dann wird er wahrscheinlich nicht viel wert sein.“
„Der gute Wille ist gewiß vorhanden, dafür kann ich bürgen. Gesund und
stark ist der Kerl auch. Ein bißchen Nachsicht anfangs, die dürfte er
nötig haben.“
„Da könnte ich gleich einen Platz nennen,“ sagte der Lehrer. „Aber
ganz oben bei der Alm. Die letzten Häuser. Im Adamshaus heißt’s bei
dem einen. Weitläufige Grundstücke und keine Leute dazu. Der Bauer
ist kränklich, der älteste Sohn ist bei den Soldaten. Der jüngere ist
von einem Jäger zum Krüppel geschossen worden. Der allerjüngste geht
noch in die Schule. Ferner --“, er steckte klirrend die Kaffeemaschine
zusammen -- „ist noch eine Tochter da. -- Alles soweit brave Leute. Es
ist traurig jetzt.“
Am nächsten Morgen waren trotz des Schneegestöbers mehrere Kinder
gekommen. Alle in dicke Lappen eingemummt, so daß nur die roten
Nasenzipfchen hervorlugten, und die zumeist ganz frischen Gucker. Ein
schlanker, etwa dreizehnjähriger Knabe hatte sogleich, als er ins
Schulhaus trat, alle überflüssigen Hüllen von sich geworfen, daß der
Schnee aus denselben stäubte. Dann gab er ein paar Bücher ab. Im runden
Gesicht glühte er und voller Leben war er.
„Franzel, komm her!“ rief ihn der Lehrer vor. Und zu mir: „Das ist
einer von der Adamshauser Familie. -- Sag’ es, Junge, ist der Weg zu
euch hinauf leidlich?“
„Ich bin auf dem Brett herabgerutscht,“ war der kurze Bescheid.
„Wenn du nach Hause gehst, will ich dich begleiten,“ hat darauf dein
Hans zum Schulknaben gesagt.
Da blickte der Lehrer mich forschend an. Und jetzt mußte das Geständnis
gemacht werden, daß ich selbst der Mann bin, der eine Dienststelle als
Knecht sucht.
Nun war aber zu merken, daß der Lehrer bestürzt wurde. Dann begann
er zu warnen, er hätte gemeint, ein anderer. Wenn das wirklich mein
Ernst wäre -- für einen Menschen wie ich, sei der Platz im Adamshause
durchaus nicht geeignet. Armut und Niedergeschlagenheit, um nicht
zu sagen, ein wahres Elend. Wer dort oben den rauhen Wind, die
ungute Kost, das schlechte Lager und die schwere Arbeit aushalte,
den stelle er sich doch anders vor. Nun, es wäre lächerlich, es wäre
wahrscheinlich auch nur gefoppt. Übrigens gehe der Knabe an diesem
Tage gar nicht nach Hause, der bleibe bei solchem Wetter über Nacht in
Hoisendorf und ich würde dazuschauen müssen, thalwärts zu kommen, ehe
der Schnee alle Wege vermauere.
Das hat mich nicht mehr irre gemacht. Habe mein Handbündel geschnürt,
meine Wirtshausrechnung beglichen (für zwei Tage und zwei Nächte
mitsamt Zehrung einen Gulden vierzig Kreuzer, wozu der Wirt noch
bemerkte, daß es Einheimische billiger bekämen), und bin fortgegangen.
Aber nicht thalab, wie der wetterwendische Wegweiser riet, sondern
thalan, wie er es zuerst gemeint hatte, entlang dem Bach, der unter
der Schneedecke murmelte. Das Gestöber war so dicht, daß kein Haus und
kein Berg und kein Weg zu sehen war -- eine weiße Nacht um mich; wo
der scharfe Wind nicht kratzte, prickelten die Flocken an den heißen
Wangen. Immer dem Wasser entlang, hatte mir der Wirt gesagt, bis zu
einer Mühle und dann noch zu einer Mühle und bei der dritten Mühle
links den Berg hinan.
Die Mühlen kamen ganz vorschriftsmäßig, aber bei der dritten war
zuerst einmal kein Berg da, an den man hätte hinan können. Ich ging
über den Steg, auf welchem menschliche Tritte eingedrückt waren.
Diesem Pfade folgte ich bis zum Bergabhang, und quer die Lehne hinan
zwischen Buschwerk und schütteren Baumbeständen, die alle ihre spitzen
Schneehauben aufhatten und bisweilen eine ganze Wucht auf den Wanderer
niederstäubten.
Und bei diesem mühsamen Ansteigen in der Stille des lautlos schneienden
Nebels, da ist’s mir in den Sinn gekommen! Wie einsam! Wie einsam doch
mancher Mensch sein muß auf dieser Welt! --
Und sehe ich auf einmal durch den Schneestaub vor mir einen Menschen.
Unter einem Lärchbaum auf dem Schnee ist er gesessen. Ein Mann
war’s, tief in sich zusammengeknickt, auf der Achsel hatte er ein
Doppelbündel, eins hinten und eins vorn. Ein vollgepfropfter Mehlsack,
allem Anschein nach wesentlich schwerer, als mein Handbündel. Der Mann
schnaufte, wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn
und schnaufte und schnaufte. Jung war er nicht mehr.
Ich trat ganz zu ihm hin: „Was meint der Vater, wenn wir Bündel
tauschen thäten?“
Er atmete.
„Darf ich euch nicht helfen tragen?“
„Vergelt’s Gott. Wer was hat, der -- der soll’s auch selber tragen.“
„Der Vater kann ja kaum schnaufen!“
„Ist wahr, ist wahr. Der Lungendampf.“
Da habe ich ihm den Mehlsack abgenommen. Vor mir ist das Männlein
mit dem Stock und den unsicheren Beinen im flaumigen Schnee aufwärts
gestiegen. Immer stehen bleiben hat er müssen, und atmen, immer atmen.
-- Und zu dieser Stunde, mein Alfred, hat’s in mir einen Schnapper
gemacht.
Wie der arme, mühselige Mensch so vor mir ansteigt, entlastet,
erleichtert, weil ich der Mühlesel bin, da trifft’s mich urplötzlich:
+Das ist’s!+ -- Alles, was du bisher erlebt, erstrebt, geleistet
hast, Hans, es ist nichts. Spät bist du dran, aber du bist dran. Was
du jetzt thust, das ist das erste Tagewerk deines Lebens. -- Und ist
mir so warm geworden hinter der mageren Geldkatz’, und ist mir so helle
geworden, als hätte jemand Freudenfeuer angezündet im Hirnkasten und
in allen vier Kammern des bekannten Pumpwerkes zugleich. Hans! hat’s
gerufen, wie die Stimme meiner seligen Mutter, wenn sie uns Kindern aus
der Postille las: Hans! den Mühseligen und Beladenen hilf tragen! --
O mein Freund! Was ist in diesem Augenblick nicht alles
zusammengebrochen von dem Trödel! Die „Kontinental-Post“ hat unser
Doktor Stein von Stein letzthin auf anderthalb Millionen Gulden
gewertet, dabei nicht einmal den „unermeßbaren moralischen Wert“ mit
einbeziehend. Aber ich sage dir, es giebt Augenblicke im Leben, wo ein
Mühlesel...
Doch es müßte einer sein, der auf seine Mühleselei nicht sofort
hoffärtig wird.
Der Reihe nach kann ich jetzt gar nicht erzählen, so stürmisch ist’s
noch in mir. Kann’s immer noch nicht begreifen, wie es möglich ist,
hier in einer vom anstoßenden Ochsenstall erwärmten Kammer auf
einem dreifüßigen Rundstuhl zu sitzen und auf der wurmstichigen
Gewandtruhe meinem Freunde in die ferne Stadt zu schreiben, in die
+ferne+ Stadt, die wie ein Traum ist. Mit diesem selben Stifte
habe ich vor wenigen Wochen doch noch so vorwitzig und aufgeblasen von
Volkswirtschaft geschwatzt? Nicht? Du glaubst es nicht, Alfred, wie
dumm der Stadtmensch ist, wenn er klug über ländliche Verhältnisse
reden will!
Ich sage dir nur, das Herz möchte einem ausbluten. Es ist ein heiliges
Elend. -- Mit Frevelhaftigkeit, däucht mich jetzt, bin ich in einen
Lebenskreis gesprungen, in dem vor der Größe der Sorgen und des Leidens
jedes frivole Wort auf den Lippen erstarrt. Heute finde ich nimmer
den Ton, den Herren der „Kontinentalen“ zu schreiben. Seit ich über
die Schwelle dieses alten Patriarchenhauses getreten bin, muß ein
Schlagbaum niedergefallen sein zwischen mir und jenen losen Vögeln.
Weiß nicht, bin ich krank oder gesund worden. Sie würden witzeln: Er
hat sein Herz entdeckt. -- Ich weiß nicht, was werden soll, ob es nur
eine windige Stimmung ist oder ein mannbares Aufrichten. Alfred, bleibe
du jetzt neben mir stehen. Erlaub’, daß ich dir alles mitteile, was
an mich prallen wird, was in mir wach wird, hilf mir über dieses Jahr
hinweg. Es ist ein abenteuerliches, ein dunkles Jahr. Wache du, daß
ich den Faden nicht verliere, der mich leiten und wieder hinausführen
soll zum richtigen Thor. Wenn du meine Hand jetzt fassen könntest, noch
hat sie nicht die lederfesten Schwielen! sie hat an der Innenseite
Stellen, die sich häuten, die noch schmerzen, an meinen Schultern und
Hüftknochen blaue Flecken. Und sie sagen, das, was in diesen wenigen
Tagen war, sei noch gar keine eigentliche Arbeit.
Mein Vorsatz, auszuhalten, steht leidlich fest -- zeitweise. Nur
gestern abends, liegend im Holztrog auf dem Strohkissen, mit
übelriechenden Schafhaarkotzen zugedeckt, von der Wand, von der Decke
Wasser auf mich tropfend, in meinen Eingeweiden die Roggenklöße und
die mit Speck geschmälzten Bohnen wühlend -- da hub es an, in mir zu
zagen. Wie jedoch am heutigen Frühmorgen die Sonnenscheibe heraufkam
über den kahlen flachen Almrücken und wie das winterliche Gebirge in
purpurner Verklärung dahingetragen stand unter dem blauen Himmel,
während unten in den Gräben und draußen in den Thälern das bleigraue
Geschiebe des Nebels lag -- da habe ich dir jauchzen müssen. Mein
Hausvater hat ein verwundertes Gesicht gemacht, daß es noch Knechte
giebt, die jauchzen. Früher wäre das wohl vorgekommen, aber jetzt
thäten die Leute lieber fluchen. Das hielten sie für vornehmer. --
Offen gesagt, will ich mir auch das Fluchen nicht verschwören. --
Wenn’s Herzerleichterung macht, warum nicht? Ein zorniges Beten, was
ist es denn anders?
Du merkst, daß ich schon anfange, die bäuerlichen Laster zu
verteidigen. Sollte ich mich mit der bäuerlichen Tüchtigkeit
auch so leicht befreunden, dann müßte man mich bei der nächsten
landwirtschaftlichen Ausstellung prämiieren lassen und in ein
Raritätenkabinet stellen: Belieben hereinzuspazieren, meine
Herrschaften! Hier ist das achte Weltwunder zu sehen: Ein Stadtherr,
der Bauer geworden ist! -- Na nu! Journalisten-Bummelwitzigkeit! Will
schon fleißig mit Kuhmist desinfizieren, daß das Ungeziefer nicht
wieder überhand nimmt.
Mein Hausvater hat keine Ahnung, welches Ungeheuer unter seinem
Dache haust. Von diesem Hause und von diesen Leuten will ich dir das
nächstemal berichten. Der Brief muß doch endlich ab.
Ich bitte dich um eins, Professor, teurer Doktor der Philosophie --
verlaß mich nicht!
+Dein Hans.+
+Adamshaus+, am fünften Sonntage.
Dank, mein Freund, und ewigen Dank für dein Schreiben, für deinen
Zuspruch. Weil du mich nur keinen Thoren genannt hast. Alles andere
erträgt sich. An meiner Willenskraft, hoffe ich, wird’s nicht fehlen.
Einmal ein Jahr lang zu unserm Herrgott in die Schule gehen! Ein
besseres Wort hättest du mir nicht können sagen. Und daß mich wohl das
Mitleid in dieses Haus gebracht hätt’, stimmt auch zur Not.
Wie vor ein paar Wochen einem erschöpften Mann der Mehlsack abgenommen
und herauf zu seinem Hause getragen worden ist, das weißt du. Es war
der Adamshauser, von dem vorher der Schullehrer gesprochen. Sein Hof,
hoch an der Bergstirn, liegt unter alten Ahornen fast stattlich da. Als
wir ins Haus traten, wies der Bauer mit beiden Händen auf mich und rief
in kurzen Atemstößen seinem Weibe zu: „Der da! Wenn er hätt’ wollen,
hätt’ er mir mit meinem Mehl zum Teuxel gehen können. Ich wär’ ihm
heut’ nit nachgelaufen. Weil’s mich wieder hat. Meinen Rauch, Mutter!“
Gab das Weib zurück: „Wie ich halt sag! Weltfremde Leut’ sind immer
einmal besser, als wie die lieben Nachbarn.“
Dann nahm sie eine Blechpfanne mit glühenden Kohlen, that getrocknetes
Kraut hinein, hielt sie dem Manne, der in einen Lehnstuhl gesunken
war, vors Gesicht. Den aufsteigenden Rauch atmete er ein. So ein paar
Minuten lang, dann stemmte er die Hände seitlings an die Brust, atmete
hoch auf und sagte: „Gott sei Dank, vorbei ist’s wieder!“
Nun mischte ich mich mit der Frage ein, was sie denn in der Pfanne
verbrannt hätten?
„Hexenkraut!“ antwortete das Weib.
„Ist nit so schlimm wie der Name,“ setzte der Mann bei, „für den
Lungendampf gar kein besseres Mittel. Jetzt sollt Ihr wohl Euren Rock
austhun und rasten. Und die Stiefel abklopfen, sonst thun sie so viel
nassen. Endlich ist er doch da, der Winter. Das Jahr hat man schon
gemeint, es kommt keiner.“
„Wenn Ihr an Asthma leidet, solltet Ihr Euch doch schonen und einen
Knecht in die Mühle schicken?“ So ich.
„Einen Knecht? Hab’s eh gethan? Hab’s eh gethan.“
„Das ist gewiß,“ gab das Weib bei, „weil er selber sein Knecht ist. Und
sein bester auch noch.“
Das grauende Haar strich er mit flacher Hand über die Stirn herab und
fast munter guckte er drein über den Spaß, daß er selber sein bester
Knecht sei. Bald habe ich allerlei erfahren. Der älteste Sohn ist in
Laibach Soldat. Der andere liegt im Nebenstübel und wimmert.
„Auf den ist so viel geschossen worden!“ sagte das Weib.
„Auf den Soldaten?“
„Aber nein, auf den andern. Es geht nit recht her auf der Welt.“
„Laß es gut sein, Mutter,“ wies der Mann zurecht. „Mir ist es lieber,
wie es ist. Es kunnt ganz anders sein. Im Kotter kunnt er sitzen,
anstatt da drinnen liegen. Er hätt’ sich abscheulich vergessen können.
Wenn einer +so+ vor dem Jäger steht. Auf ja und nein kann ihn Gott
verlassen!“
„Was hätt’s denn gemacht?“ rief das Weib erregt und mit den
krummgebogenen Armen zitternd, „wenn sie den einen Buben beim Militari
zum Leutderschießen einlernen, so wird der andere sich wohl auch um
sein Leben wehren dürfen!“
„Mutter,“ beschwichtigte er, „mußt nit wieder sper werden. Wenn sie eh
so bös brennt, die Wunden, wenn sie eh so bös brennt! Mußt nit auch
noch alleweil Scheidewasser draufgießen. Ein Lackerl Milch, wenn du ihm
kochen wolltest. Dem da. Fürs Mehltragen, daß er so gut ist gewesen.
Und ich muß jetzt zum Vieh.“
„Ihr habt wohl eine große Wirtschaft?“ So meine Frage.
„Zum Prahlen wär’ sie zu klein und zum Dermachen ist sie zu groß.“
„Dann solltet Ihr doch einen Knecht nehmen.“
„Nehmen!“ kreischte sie lachend auf. „Das ist leicht gesagt.“
„Es ist halt keiner zu kriegen,“ setzte er bei.