H. T.

[Illustration]

An Herrn Professor A. Simruck, ~Dr. phil.~ in M.

Adamshaus im Almgai, am 17. Januar 1897.

Lieber, alter Freund!

Dem Zeitungsschreiber war dein Neujahrsgruß vermeint gewesen, jetzt

hat der Brief an zwei Wochen im Lande umhergesucht, und wo findet

er deinen Hans? Ich bitte dich, denke nicht gleich an Verrücktheit

oder dergleichen. Es geschieht heutzutage so viel Kluges auf der

Welt, das weitaus närrischer ist, als die aufgelegteste Verrücktheit.

Nach Kreuz- und Krummfahrten kam dein Brief eines Tages zu einem

halbeingeschneiten Bauernhause des Gaigebirges, eine Stunde und darüber

vom letzten Weiler entfernt. In diesem Einödhofe lebt dein Adressat,

und zwar als Stallknecht, eingestanden für das ganze Jahr. Es ist kein

Faschingsscherz, es ist leidiger Ernst. Schenke mir nur Geduld, daß ich

mich dir aussprechen kann.

Jetzt erst danke ich dir, Alfred, daß du unsere Schulbankfreundschaft

hochgehalten hast bis zum heutigen Tag, denn ich bin unglaublich einsam

geworden. In den Wochentagen werde ich meine Arbeit haben als herben

Kameraden; vor der Sonntagsruhe nur bangt mir, wenn das thörichte

Herz nach einem brüderlichen Mitdenker und Mitfühler schreien wird,

und es ist nichts ringsum, als ein armes einfältiges Hausgesinde, das

mit seiner eigenen Lebensnot zu thun hat. Und weiter nichts, als der

kalte Winter und die starren Berge. In solchen Stunden laß mich zu

dir flüchten, du lieber, herzgoldener Kerl, daß ich mich schriftlich

ausplaudere, ausfluche, auslache, vielleicht auch --. Nein, weinen

werde ich nicht, das habe ich mir vorgenommen. +Was+ ich dir

allsonntägig zuschreiben werde, kann ich ja heute nicht wissen, was es

auch sei, aufrecht will ich stehen. Mühe wird’s wohl kosten, dir es

beizubringen, wie das +so+ hat kommen müssen! Es ist ja so viel

Unsinn dabei, so viel Unerhörtes -- solltest du am Ende dahinter auch

ein klein bißchen Tapferkeit finden? Wenn ja, so bitte ich dich, sag’

es mir ins Gesicht. Wenn nicht Einer ist, der es mir allwöchentlich

hochgemut zuruft: Recht hast du! Brav bist du! Tapfer bist du!

Aushalten! -- so weiß ich nicht, wie das enden wird.

Fällt dir nichts auf? Als könnte der Schreiber dieser Zeilen

froststeife Finger haben? Als sei das Parfüm des Briefpapieres ein ganz

eigenartiges? -- Nun, ich will dir erzählen. Hast du erst den Grund,

dann versteht sich alles von selbst. Weil das Eine geschah, hat das

Andere geschehen müssen.

Das Eine geschah in der Weinstube „zum roten Krug“, dort, wo wir bei

deinem Besuch im Herbste den göttlichen Rüdesheimer getrunken haben

und wo -- wie du weißt -- der Generalstab der „Kontinental-Post“ sein

Hauptquartier hat. Die Herren sind großartig -- im Krug! Da ist es nun

am Tage des heiligen Leopold, daß ich nach dem dritten oder vierten

Glase Jungwein den Mund etwas zuchtlos werden lasse und als Redakteur

des volkswirtschaftlichen Teiles mich über eine kleine Maßregelung

verbreite, die mir ein paar Tage vorher widerfahren war. „Hol’s der

Kuckuck!“ sage ich. „Nicht genug, daß man gegen seine Überzeugung eine

solche Geld- und Handelspolitik treiben muß! Dem braven Landwirt das

Blut aussaugen, und andere Volksschichten damit mästen, dafür, daß sie

Homunkeln erzeugen!“ -- Der Jungwein sprach’s, verantwortlich aber

wollten sie mich machen für das heillose Wort. Darob fängt’s in mir an,

immer mehr zu kochen. „Ja, Homunkeln!“ und die Faust auf den Tisch.

„Wer noch Menschen sehen will, aufs Land hinaus in den Bauernhof, in

die Hirtenhütte!“ --

„Salomon Geßner!“ ruft einer.

„Ich bitte euch, bleibt mir jetzt mit den Hebräern vom Leibe!“

Aus dem losbrechenden Gelächter vermute ich sofort eine Blamage.

Hättest +du+ an den alten schweizerischen Süßwurzelstecher

gedacht, wo sich so viele zeitgenössische Salomone deiner gütigen

Erinnerung empfehlen? Also kurz, die Sache wurde weiter gekratzt

und auf einmal fiel das Wort: „Der Bauernknecht ist trotz allem

ein echterer Mensch, als etwa ein Bankier, dessen Beruf es ist,

Geldpapierfetzen durch seine Finger gleiten zu lassen, die noch

wesentlich unsauberer sind, als so ein Bauernkittel. Ist sicher auch

ein sittlicherer Charakter, als zum Beispiel ein Zeitungmacher, der

seinen papierenen Mantel fortwährend nach dem Winde drehen muß.“

Gesagt hatte es wieder der vermaledeite Jungwein. Der Herausgeber

der „Kontinental-Post“, unser Herr Doktor Stein von Stein, ließ auf

seinem glatten Komödiantengesicht ein liebliches Grinsen merken, das

wir von den Honorarabzügen her so gut kennen, und sagte sanftmütig:

„Den Herrn Trautendorffer wird ja nichts hindern, die korrumpierte

Zeitungwindmacherei mit dem sittsamen Bauernstande zu vertauschen.“

Ich fahre auf: „Warum denn nicht? Wenn die Herren etwa glauben,

daß bei mir der Mund stärker sei, als der Arm -- gut!“ Sofort eine

Flasche Rüdesheimer, denn für den Schwung dieser Angelegenheit war

der neue Binnenlandwein zu trivial. Etliche Herren mochten eine

weitere, unliebsame Steigerung befürchten und suchten den Wortwechsel

ins Heitere zu ziehen. Ich fühlte mich gekränkt und ließ mich nicht

beruhigen. Da schlugen sie eine Wette vor: „Der Trautendorffer soll

den Gegner schlagen und sich auf eine Woche lang als Bauernknecht

verdingen.“

Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes. · 第 5 / 46 题