„Soll über den Feiertag dableiben. Nachher werden wir’s halt sehen.“
Potz Blitz! War ich Bauernknecht?
Als die Dämmerung kam, ging ich um den Hof herum, mit Kennermiene den
Schauplatz künftiger Thätigkeit prüfend. Und zur heiligen Stunde, da
ihr zu dreien oder mehreren im „roten Krug“ bei schäumendem Pils im
Kritisieren über die lumpige Welt euch des Lebens freuet, saß ich am
Leuttisch unter unsauberem Gesinde, aß mit einer breiten Blechschaufel
aus der gemeinsamen Schüssel etwas, das sie „saure Topfensuppe“
nannten, und erzählte von meinem Soldatenleben. In unnachahmlicher
Bescheidenheit teilte ich den lieben Hausgenossen mit, wie ich bei
der bosnischen Occupation die Hauptstadt Serajewo erstürmte, bei der
Schlacht von Sedan den Erzschelm Napoleon einfing, bei Königgrätz eine
Kugel in die Brust bekam, die zum Glücke hinten wieder hinausflog, in
der Völkerschlacht bei Leipzig einem rotbehosten Welschen die Fahne
aus der Hand riß und so die deutsche Sache rettete. -- Geschätzte
Kollegen von der Feder, Unehre sollt ihr an mir nicht erleben! Die
Heldenthaten waren denn auch nicht umsonst vollführt. Die Hausmutter
erwog, daß ein Mann mit solch geschichtlicher Vergangenheit nicht in
der Knechtekammer schlafen könne auf dem Strohschaub. Sie verordnete
mir das Handwerkerbett, welches stets das beste des Hauses sein soll.
Da sank ich tief ins knisternde Stroh, zog die feuchtkalte, mürfelnde
Decke über die Nase und dachte: Dieweilen du hier schläfst, Recke,
wird das Jahr wieder um eine Nacht kürzer -- die Stunde zu cirka drei
Kronen. Du siehst, Volkswirt bleibe ich immer.
Am nächsten Tag war Heiligdreikönigfest, kamen am hellen Morgen
die drei Weisen (mit ai geschrieben) unter dem Stern und plärten
gleichstimmig einen Spruch. Da wurden die morgenländischen Majestäten
von der Hausmutter mit Schmalznudeln und Honig bewirtet. Nach dem
Dejeuner, und nachdem der Souverain von Ätiopien auch mich einer
gnädigen Ansprache um einen Heller gewürdigt hatte, haben die höchsten
Herrschaften in jugendlicher Elastizität ihre Weiterreise angetreten.
Zu Mittag war ein unerhört großes Essen. Was es war, kann ich nicht
beschreiben, aber viel war’s. Bei manchen Schüsseln stockte das Fett
an den Rändern und klebten die geschmälzten Stubenfliegen ohnmächtig
an den Klößen. Bei der Backofenhitze führen in der Bauernstube diese
niedlichen Tierlein auch im Winter das wonnige Dasein der Kreatur
und die Fensterscheiben sind reich geschmückt von Beweisen ihrer --
Pünktlichkeiten. Mein Appetit war bald gestillt und am Nachmittag
habe ich gemeinsam mit den übrigen Knechten mich ausgeruht von der --
morgigen Arbeit.
Am nächsten Tage war Regenwetter. Der Hausvater (so wird der Bauer
vom Gesinde genannt) befahl, ich solle in der Stube bleiben und „Span
machen“. -- Span machen? Da vermisse ich unsern Brockhaus. Durch
die Scheunen und Ställe ging ich und suchte einen Freund, der mir
sagte, was das sei, Spanmachen. Die alte Kuhmagd schaute mich höchst
betroffen an. Endlich schien sie doch zu begreifen, daß der Mensch in
Völkerschlachten das Span machen nicht notwendig lernen muß. Sie gab
mir Unterricht: Von dem Schoppen (ach, mir ist das Wort in einem andern
Sinne geläufiger) Scheiter ins Haus tragen, sie am Herdfeuer bähen und
zähen, dann mit dem Schnitzger die dünnen Späne herabklieben, diese
auf dem Ofen dörren, damit sie als Leuchtfunzen dienen können, abends
in der Stube. -- So, meine Herren von der „Kontinentalen“, die ihr
die Aufklärung täglich buttenweise in das Volk gießet, nun wisset auch
ihr, wie man im Bauernhause Licht macht. Aber Wissen und Können! Es ist
immer die alte Geschichte. Genau hielt ich mich nach der Anweisung,
allein fürs erste verkohlten mir die Scheite am Feuer, fürs zweite
sprangen die abzukliebenden Späne schnöde und spröde entzwei und fürs
dritte nahm der Hausvater mir den Schnitzger aus der Hand -- ich könnte
nichts. Es wäre schade ums Kienholz, wo die Föhrenbäume ohnehin so
schütter ständen im Walde. Wie er vom Scheit nur aufs Kienholz und von
diesem auf die Föhre kam, den ~Pinus silvestris~. Was meinst du,
Meyer?
Ich könnte nichts! -- Meine erste Empfindung nach dieser Demütigung
war: Pistolenduell! Aber als der Mann mit ruhigster Geschicklichkeit
vom frischgebähten Scheite die dünnen, breiten, sich leicht
reifenden Leuchtspäne schnitt, da sah ich, daß er mir über war!
Bin hinausgegangen, habe, um mich sonstwie nützlich zu machen, im
Werkzeugsgelaß eine Schaufel genommen, habe die restlichen Krusten des
Schnees weggekraut, die unter den Dachtraufen lagen.
Erscheint der Altknecht: „Was treibst denn da, Mensch? Das Schneerestel
irrt niemand und geht schon selber weg, wenn’s ihm zuviel regnet. Hast
sonst nichts zu thun, so geh Agen reitern.“
Agen reitern! -- Nun sah ich, meine Politik war gescheitert, es war
Zeit, das Portefeuille zurückzulegen. Der Hausvater kam mir zuvor am
selben Abende. Hieb mir die klobige Hand auf die Schulter: „Mit Ihm
wird’s halt am gescheitesten sein, Er rastet sich in der heutigen
Nacht noch einmal gut aus und geht morgen um ein Häusel weiter. An
Willigkeit fehlt’s nit, aber Kopf hat Er keinen dazu.“
Beim Grobschmied einstmals hat’s geheißen, es wäre schade ums kluge
Köpfelein, und haben mich in die Stadt geschickt. Dieser Hans
Trautendorffer soll nämlich von einem alten Rittergeschlechte abstammen
und möglicherweise ist sein Urahn zu Karls des Großen Zeit Schweinedieb
gewesen. Kurz und gut, mein Oheim, der Bäckermeister, versuchte es, ob
so ein herabgekommener Edelmann nicht wieder bergan zu bringen wäre.
Nicht alle Semmelmacher denken so übermenschlich. Mir aber waren zur
Zeit neugebackene Wecken lieber, als altgebackene Adelsdiplome und auf
dem Gymnasium habe ich mich vor dem Odium eines ekelhaften Strebers
stets reinzuhalten gewußt. So daß der Tornister mich glücklich noch als
Kandidaten der Matura fand. Als ich dann nach allgemeiner Sitte anstatt
auf die Universität zur Journalisterei ging, und noch viel später die
„Kontinental-Post“ unter ihren Erleuchteten mich stets als den --
Dämmerigsten gefeiert hat, war ich doch immer klug genug, solche Würde
mit Anstand zu tragen und die Blaustiftzeichnungen des Chefs auf meinen
Manuskripten als eine kindische Schwäche gelassen zu entschuldigen. Als
Volkswirtschafter hab ich sogar die Börse -- na, Meier, du weißt es ja.
-- Und jetzt soll es mir nach dem Ausspruche des biederen Landmanns an
Kopf fehlen!
Übrigens kommt mir meine Vergangenheit jetzt gut zu statten. Der
Grobschmied hat mich auswendig gerüppelt, der Journalist inwendig. Aus
gegerbtem Leder kann man doch auch Bauernstiefel machen!
Am nächsten Tag vagabundierte ich weiter. Ins Gebirge ging’s, ins
schöne. Bei Kailing rechts den Fluß entlang ins obere Rechthal und
gegen den Almgai. Den eingeleisigen Weg, der gepflastert war mit einem
Brei von Kot und jungem Schnee, nennen diese Schönfärber eine Straße.
Ohne auf derselben liegen zu bleiben, halbverhungert von barmherzigen
Wegelagerern totgeschlagen und in aller Stille unter eine Moosdecke
gelegt zu werden, bin ich weiter gekommen. Ganz lebendig sprach ich
bei einer einschichtigen Bauernwirtschaft vor. „Die Witwe dort braucht
einen Knecht“ hatte man gesagt.
Die Witwe, ein frisches, schneidiges Weib, ließ sich nicht spotten.
Wie alt ich wäre?
„Zwanzig! Die fünfzehn Schuljahre nicht mitgerechnet, weil sie verlorne
Zeit sind.“
Darauf lacht sie, setzt aber das Examen unbarmherzig fort.
Wozu ich zu brauchen wäre?
„Bäuerin, mir ist keine Arbeit zu schlecht und keine zu gut.“
Wieviel Lohn ich begehre?
„Mit allem zufrieden.“ -- Bezahlt, Meier, weißt du, werde ich von einer
andern Seite.
Das schien aber der Witwe höchst verdächtig vorzukommen -- mit allem
zufrieden. Sie mochte mit den Dienstleuten die Erfahrung gemacht haben:
mit nichts zufrieden. Ich aber that mein Menschentum auseinander.
Die Arme und Beine bog ich nicht mehr krumm, das Rückgrat zog ich in
die Länge, den Nacken hielt ich stramm und in die Augen that ich
Zündhütchen, gerade zum Losbrennen, falls sie sagte: „Du gefällst mir!“
-- Verliebt hat sie sich einstweilen aber nicht in mich, hat es nur
gelassen und schief über die Achsel her gesagt: „Nau, halt ja. Jeder
wird es selbst am besten wissen, was er wert ist. Ich brauch jetzt
niemand.“
Siehst du! Hätte ich achtzig Gulden Jahrlohn verlangt, ein ganzes
Tuchgewand mit Stierlederschuhen und fünfmal Fleisch die Woche, so
dürfte sie mich gekauft haben. Nur geschenkt wollte sie mich nicht. Ein
verschlagener Holzknecht, mit dem ich nachher unterwegs davon sprach,
hat mich darauf gebracht.
Die Gegend ist eigentlich ganz verdammt. Die Berge an beiden Seiten
steil und schwarz wie umgestülpte Riesenkohlenkörbe; die Schluchten so
enge, daß eine Heufuhr und ein Dickschädel nicht füreinander können.
Ich weiß nicht, vor ein paar Jahren, damals auf der touristischen
Querwanderung, ist mir das Ding alles viel hübscher vorgekommen. --
Hoch oben bei den letzten Hütten, so wurde mir gesagt, hätten sie
alleweil zu wenig Dienstleute, weil keiner bleiben wolle, der dort
nicht festgewachsen ist wie Zerbenholz. Und sogar das Zerbenholz
wartet sehnsüchtig auf Lawinen, um thalwärts zu kommen und dort etwa
durch einen Kunsttischler zu feinpolierten Kommodeurs, Chiffonneurs
und Sekretärs avancieren zu können. Unbegreiflicher Weltlauf: um
emporzukommen, geht man niederwärts! -- Nur bei mir scheint es
umgekehrt zu sein. Doch wartet, wartet!
Gestern abends bin ich in ein winterliches Hochthal gekommen. Eine
senkrecht aufsteigende Felswand hatte sich schon lange vorher in
meinen Gesichtswinkel gestellt, und wie ich durch den Waldgraben dazu
komme, steht an der Wand ein Dorf. Zerstreut liegende Häuser aus
Rohmauern, Hütten aus Holz, auch ein paar Großhöfe, und weiterhin,
wo Seitengräben ins Gebirge ziehen, Holzsägen und Kohlenweiler. Ein
wenig abseits hinter der Wand auf der Böschung steht die Kirche mit
dem spitzen Türmlein, daneben der Pfarrhof, unterhalb beim Bache
das Schulhaus. Zwei Wirtshäuser sind natürlich auch da, mit dicken
Mauern und vielen kleinen Fenstern -- doch, ich verfalle in meine alte
Schwäche schriftlicher Landschaftsmalerei. Unsinn! Mit Wörtern will
man Bilder malen, heutzutage, und mit Farben Gedanken ausdrücken. In
einem dieser Wirtshäuser kann man auch Tabak haben, in die Lotterie
setzen und Herberge nehmen. Das letztere habe ich gethan. Der Ort heißt
Hoisendorf und soll weitum als Mittelpunkt der Welt gelten. Es war die
Rede davon, als sich auf der Ofenbank ein ruppiger Waldbär meldete. Er
goß ein Gläschen Schnaps hinter den Bartfetzen und röchelte daraufhin,
daß er bei den Kaiserlichen gewesen sei und daß die Wienerstadt
wenigstens zehnmal größer wäre, als Hoisendorf. Worauf die Wirtin ihn
einen Prahlhansen hieß. Auf dem Wandschrank lag ein Buschen Zeitungen,
ich suchte mir aus Langeweile die neueste Nummer hervor. Und weißt
du, wo sie jetzt sind, die guten Hoisendorfer, mit ihren Neuigkeiten?
Bei der Ermordung des Präsidenten Carnot am 25. Juni 1894. Die
Weltgeschichte, bis sie in Wochenblättern und Kalendern ins Hinterland
dringt, ist gut abgelegen. Hingegen wird nichts mehr dementiert.
Soeben geht der Kurier ab. ’s ist der Bandelkrämer mit drei Füßen,
wovon einer hölzern und zwei gichtisch sind. Das ist die Post nach
Kailing, die gleichzeitig auch den Güterverkehr besorgt. Wahrlich, das
ist das Majestätische an diesem Volke -- es hat’s nicht eilig. Es kann
warten, es steht fest. -- Der Dreifuß nimmt sie mit, diese Epistel von
eurem noch immer vacierenden
Bauernknecht.
[Illustration]
+Adamshaus+, am dritten Sonntage.
An Herrn Doktor Stein von Stein, den Herausgeber der „Kontinental-Post“!
Ich zerschmettere dich, Imperator! Ich bin Bauernknecht! Mein
Aufenthaltsort im Adamshause bei Hoisendorf, Almgai -- wohin auch die
„Kontinentale“ zu schicken ist. Für den Nachruf in der letzten Nummer
danke ich recht schön. Bis das Jahr sich kreist, wird euch der Spott
vergehen. Für weiteres bin ich jetzt nicht aufgelegt.