— Auch der Lieutenant von Büchenfeld hatte fast in starrer

Bewußtlosigkeit die Nacht zugebracht. Seine heftige, innere Erregung,

die unnatürliche Spannung aller seiner Gefühle, und die Wirkung des

schweren Weines hatten ihn bis zum Morgen in einem Zustand gehalten,

welcher weder Schlaf noch Wachen war, und in welchem die Bilder der

Erinnerungen wild durch einander wogten, ohne sich selbst auch nur in

den unklaren Gestalten des Traumes festhalten zu lassen.

Langsam erwachte er aus diesem lethargischen Zustande am andern Morgen,

und allmälig begann es ihm mehr und mehr klar zu werden, was am Tage

vorher mit ihm vorgegangen. Das erste Gefühl, dessen er sich vollkommen

bewußt wurde, war ein tiefer, bitterer Schmerz über die Täuschung seiner

Liebe, welche trotz seines lange gefaßten Entschlusses gestern bei der

Botschaft seiner Geliebten wieder einen Augenblick mit frischen

Hoffnungen sich bekränzt hatte.

„Warum hat sie mir nicht gleich Alles geschrieben,“ flüsterte er, ohne

von seinem Lager sich zu erheben — „oder warum ist sie nicht allein

gekommen, warum hat sie mir in Gegenwart des Mannes, dem sie das

Andenken an mich geopfert, den Abschied geben wollen? Sollte das eine

absichtliche Kränkung, ein absichtlicher Hohn sein, oder bin ich ihr so

gleichgültig gewesen, daß sie nach der Kälte ihrer Gefühle die meinigen

bemessen hat?“

Lange lag er schweigend da unter dem Eindruck dieses schmerzlichen

Gedankens, dann tauchte die Erinnerung der weiteren Ereignisse des Tages

deutlicher in ihm auf. Er entsann sich des Spiels, das er gemacht, er

entsann sich, daß er den Namen des Fräulein Cohnheim laut und mit

bitteren Bemerkungen genannt habe. Ein Gefühl der Scham und Reue überkam

ihn.

„Das war nicht würdig, nicht männlich, nicht edel!“ rief er, indem er

sich auf sein Lager aufsetzte und mit beiden Händen seinen schmerzenden

Kopf hielt. „Das hätte ich nicht thun müssen, ich hätte in meiner

heftigen Erregung die Gesellschaft fliehen und Nichts trinken

dürfen. — Oh,“ rief er nach einer Pause, „welch' ein elendes,

jämmerliches Ding ist diese so viel gepriesene Liebe! Erst läßt sie so

schwer und so bitter leiden, und dann treibt sie zu unwürdigen, zu

niedrigen Handlungen. Oh, ich schwöre es,“ rief er die Hand erhebend,

„ich schwöre, daß ich dieses Gefühl fliehen will wie die Sünde, und daß

nie wieder das Bild eines Weibes mein Herz erfüllen soll! Ich will frei

sein, stark und ruhig und meiner würdig bleiben!“

Der alte Diener trat ein und meldete, daß das Frühstück im Zimmer des

Oberstlieutenants bereit sei, zugleich zeigte er dem Lieutenant an, daß

zwei Officiere ihn zu sprechen wünschten und ihn bei seinem Vater

erwarteten.

Der Lieutenant sprang empor, kühlte seinen brennenden Kopf mit frischem

Wasser und machte in hastiger Eile seine Toilette.

Als er in das Zimmer seines Vaters trat, welcher ihn bereits völlig

angekleidet, frisch und munter erwartete, fand er dort die beiden

Officiere von den Dragonern und den Husaren, welche Zeugen des gestrigen

Abends gewesen waren, in ruhiger Unterhaltung mit dem alten Herrn

begriffen.

Beide Officiere traten dem Lieutenant nicht mit der sonst gewohnten

herzlichen Unbefangenheit und Vertraulichkeit entgegen, sondern

begrüßten ihn mit einer gewissen kalten und gezwungenen Höflichkeit.

„Du hast lange geschlafen,“ sagte der Oberstlieutenant heiter, „es war

wohl eine scharfe Sitzung gestern Abend, — die Herren hier sind ja auch

dabei gewesen, aber das hat sie nicht verhindert, schon frühe auf zu

sein. Das ist Recht, man muß sich niemals aus der Ordnung bringen

lassen, und fast muß ich mich meines Sohnes schämen, daß er ein solcher

Weichling ist, der am andern Morgen noch spürt, wenn er am Abend vorher

ein paar Flaschen den Hals gebrochen. Habt Ihr etwa heute Morgen schon

wieder eine Partie vor?“ fragte er, den Schnurrbart drehend, „damit

würde ich nicht einverstanden sein, — erst der Dienst und dann das

Vergnügen.“

Die beiden Officiere standen in einiger Verlegenheit schweigend da.

„Wir haben mit Dir zu sprechen,“ sagte der Dragoner mit einem

Seitenblick auf den alten Herrn, „und möchten es sogleich.“

„Geniren Sie sich nicht vor mir,“ sagte der Oberstlieutenant mit heiterm

Lächeln, „ich bin nicht mehr im Dienst, ich bin ja nur ein alter

gutmüthiger Herr,“ fügte er mit einem leichten Anflug von Wehmuth hinzu,

„der auch jung war und weiß, was man in der Jugend treibt.“

„Wir möchten aber,“ sagte der Husarenofficier — „Dich einen Augenblick

allein sprechen. Es handelt sich um eine Ehrensache,“ fügte er mit

gedämpftem Ton hinzu, doch nicht so leise, daß es der Oberstlieutenant

nicht verstanden.

Der alte Herr wurde ernst, warf einen forschenden Blick auf seinen Sohn

und die beiden Officiere und sagte dann:

„Ich lasse Dich mit den Herren einen Augenblick allein.“

„Halt, lieber Vater,“ rief der Lieutenant von Büchenfeld, „ich bitte

Dich, zu bleiben. Ihr erlaubt,“ sagte er, „daß ich Euch bitte, vor

meinem Vater zu sprechen. Er ist Officier wie wir, und ich weiß kein

kompetenteres Urtheil in allen Ehrensachen, als das seinige. Er wird es

mir nicht abschlagen, vorläufig mein Zeuge zu sein und sein Urtheil

darüber abzugeben, was ich zu thun habe.“

Die beiden Officiere grüßten den Oberstlieutenant militairisch.

„Es wird uns eine große Ehre sein,“ sagte der Husar, „wenn der Herr

Oberstlieutenant als Dein Zeuge unsere Erklärung mit anhören will.“

Der alte Herr bat die Officiere mit einer stummen Handbewegung Platz zu

nehmen und setzte sich dann grade und aufrecht neben seinen Sohn.

„Ich bitte Sie also, meine Herren,“ sagte er mit ernster, fast

feierlicher Stimme, „zu sagen, um was es sich handelt.“

Der Dragonerofficier erzählte mit kurzen Worten den Vorgang, welcher am

Abend vorher in dem Restaurationslokal von Borchard stattgefunden hatte.

Schweigend hörte der Oberstlieutenant zu, finstere Falten legten sich

auf seine Stirn.

„Hat sich der Fall so zugetragen, wie die Herren erzählen? Erinnerst Du

Dich, gethan und gesprochen zu haben, was sie so eben mittheilen?“

„Ja,“ sagte der Lieutenant.

Sein Vater schüttelte langsam den Kopf.

„Der Referendarius von Rantow“, fuhr der Dragonerofficier zu dem

Lieutenant von Büchenfeld gewendet fort, „hat uns als Augenzeugen des

Vorfalls aufgetragen, von Dir eine bündige Ehrenerklärung zu

verlangen.“ —

Eine dunkle Röthe flammte auf dem Gesicht des Lieutenants auf, sein Auge

blickte stolz zu seinen Kameraden hinüber, seine Lippen zuckten

höhnisch. — „Oder wenn Du dieselbe verweigerst,“ — sprach der

Dragoneroffizier weiter, — „Dir seine Forderung auf fünf Schritt Barriere

mit gezogenen Pistolen zu überbringen.“

„Angenommen,“ sagte der Lieutenant, „ich werde in einer Stunde meine

Secundanten zu Euch senden.“

Die Officiere erhoben sich und wollten grüßend das Zimmer verlassen. Der

Oberstlieutenant trat ihnen in den Weg.

„Ich bitte Sie, einen Augenblick zu bleiben, meine Herren,“ sagte er.

„Mein Sohn hat gewünscht, daß ich sein vorläufiger Zeuge in dieser Sache

sei, und Sie haben mich als solchen angenommen. Nicht nur in dieser

Eigenschaft, sondern auch als sein Vater muß ich darauf sehen, daß Alles

genau so zugehe, wie es seine Ehre als Officier und als Träger meines

Namens erfordert. Sie erlauben daher, daß ich meine Meinung ausspreche.“

Die beiden Herren verneigten sich schweigend.

Der Lieutenant sah seinen Vater etwas erstaunt und erwartungsvoll an.

Dieser richtete ernst und streng seinen Blick auf ihn und sprach: „Hat

die junge Dame, um welche es sich handelt, Dir jemals durch ihr Benehmen

gegen Dich irgend welche Veranlassung gegeben, in solchem Ton, wie Du es

gethan, von ihr zu sprechen? Bist Du berechtigt, ihr irgend einen

Vorwurf zu machen?“

Der Lieutenant wurde bleich, im heftigen inneren Kampf preßte er die

Lippen aufeinander, sein Auge senkte sich zu Boden, einige Augenblicke

stand er schweigend, ein leises Beben erschütterte seine Gestalt, dann

schlug er den Blick zu seinem Vater wieder auf, er schien seiner

kämpfenden Gefühle Herr geworden zu sein und mit fester entschlossener

Stimme sagte er: „Nein, niemals!“

„Dann,“ sagte sein Vater, „ist es Deine Pflicht als Ehrenmann, die

Erklärung zu geben, welche man von Dir verlangt, insofern die Ausdrücke

derselben Nichts gegen Deine eigene Ehre enthalten. Wenn Du,“ fuhr er

fort, „was ich tief beklage, Dich hast hinreißen lassen, eine Dame, der

Du keinen Vorwurf zu machen hast, öffentlich zu beleidigen, so hast Du

nicht das Recht, ihrem Ruf durch den Eclat eines Duells noch mehr zu

nahe zu treten, Du hast nicht das Recht, Demjenigen das Leben zu nehmen,

der berechtigt ist oder sich verpflichtet fühlt, als der Vertheidiger

jener Dame aufzutreten.“

„Herr von Rantow ist der Verlobte des Fräulein Cohnheim,“ sagte der

Dragonerofficier, „also ihr natürlicher und berufener Vertheidiger.“

„Um so weniger,“ sagte der alte Herr, während der Lieutenant abermals

tief erbleichend die Hand einen Augenblick auf sein Herz drückte, „darf

diese Sache ernste und gefährliche Folgen haben. Hätte die Dame Dir

jemals einen Grund zu Deinen Äußerungen gegeben, so wärst Du berechtigt,

die Waffen zu ergreifen gegen Denjenigen, der von Dir Rechenschaft

darüber fordert — so aber darfst Du es nicht, Du bist verpflichtet, durch

Deine eigene Erklärung die Beleidigung zurückzunehmen — um so mehr,“

sagte er mit ernstem Blick auf seinen Sohn, „da man eigentlich niemals

das Recht hat, eine Dame zu beleidigen. Du bist frei,“ fuhr er fort, „Du

bist erwachsen, Du bist Officier, Du wirst thun, was Du verantworten

kannst. Ich aber sage Dir als Dein Vater, als Edelmann und Officier, der

stets auf das schärfste die feinsten Grenzen der Ehre beobachtet hat,

daß Du nach meiner innigsten Überzeugung verpflichtet bist, die

verlangte Ehrenerklärung zu geben.“

„Wir haben dieselbe aufgeschrieben,“ sagte der Dragoner, indem er ein

Blatt Papier aus der Uniform hervorzog und es dem Lieutenant übergab.

Dieser reichte es schweigend, ohne einen Blick darauf zu werfen, seinem

Vater.

Der Oberstlieutenant überlas das Blatt langsam und sorgfältig mehrere

Male; dann reichte er es seinem Sohn zurück.

„Diese Erklärung ist in würdiger Form abgefaßt,“ sagte er, „sie enthält

nur dasselbe Anerkenntniß, das Du so eben vor mir und vor diesen Herren

ausgesprochen hast und spricht das Bedauern aus, daß Du in der Erregung

in einer bewegten Gesellschaft Dich zu Deinen Äußerungen hast hinreißen

lassen. Du kannst dieselbe unterzeichnen, — nach meiner Überzeugung mußt

Du sie unterzeichnen. Ich hoffe, daß die beiden Herren meiner Meinung

sein werden.“

„Es ist eigentlich nicht unsere Sache,“ erwiderte der Dragonerofficier,

„hier eine solche Meinung auszusprechen oder zu discutiren, indessen

nehme ich in diesem besonderen Fall keinen Anstand, es auszusprechen,

daß nach meiner Überzeugung durch die Unterzeichnung dieser Erklärung

die Sache auf eine für alle Theile befriedigende und ehrenvolle Weise

beigelegt sein wird.“

Der Husarenofficier stimmte der Ansicht seines Kameraden bei.

„Ich werde unterzeichnen,“ sagte der Lieutenant von Büchenfeld, nahm das

Papier und begab sich in sein Zimmer.

„Ob ich ihr einen Vorwurf zu machen habe,“ flüsterte er vor sich hin,

während er sich an seinen Schreibtisch setzte und die Feder

eintauchte, — „oh, wenn er wüßte,“ — ein schneller zorniger Blick

leuchtete in seinem Auge auf, rasch öffnete er das Schubfach des Tisches

und zog aus demselben das kleine Blatt hervor, welches er am Tage vorher

von Fräulein Anna erhalten hatte.

Mit einem raschen Zuge setzte er seinen Namen unter die Ehrenerklärung,

faltete dieselbe zusammen, legte das Billet dazu und erhob sich, in das

Zimmer seines Vaters zurückkehrend.

„Nein,“ sagte er dann, indem er plötzlich sinnend stehen blieb — „das

wäre unedel, — mag sie ruhig ihrer Wege gehen, sie ist todt für mich,

meine Augen werden sie nie wieder sehen, und mein Herz wird das Leid

vergessen, das sie mir angethan.“

Er nahm das kleine Billet, riß es in tausend kleine Stücke und streute

dieselben in die Luft, dann kehrte er ruhigen festen Schrittes in das

Zimmer seines Vaters zurück und übergab das Papier den beiden

Officieren.

„Gott sei Dank,“ sagte der Dragoner, indem er dem Lieutenant von

Büchenfeld herzlich die Hand schüttelte, „daß die Sache so gut zu Ende

geführt ist. Ich habe sonst Nichts gegen einen kleinen Kugelwechsel,

wenn ein vernünftiger Grund dazu vorhanden ist, aber in diesem Falle

hätte es mir doch wahrhaftig wehe gethan, wenn wegen dieser Geschichte,

zu der wir halb und halb Veranlassung gegeben haben, Blut hätte fließen

sollen.“

Die beiden Officiere grüßten ehrerbietig den Oberstlieutenant und

entfernten sich augenscheinlich leichtern und fröhlichern Herzens, als

sie gekommen waren.

„Ich bin nicht mit Dir zufrieden mein Sohn,“ sagte der Oberstlieutenant

in ernstem, aber mehr traurigem, als strengem Ton, „Du hast Dich

hinreißen lassen, Etwas zu thun, was ein wahrer Edelmann niemals thun

soll.“

Der Lieutenant warf sich im Ausdruck eines lang unterdrückten Gefühls in

die Arme seines Vaters.

„Verzeihe mir, mein Vater,“ sagte er mit erstickter Stimme, „verzeihe

mir, ich habe Unrecht gehabt, aber ich habe es auch hart gebüßt.“

Der alte Herr schüttelte verwundert den Kopf.

„Nun, nun,“ sagte er, „Jeder macht einmal einen dummen Streich, nimm

Dich künftig mehr in Acht und thu so Etwas nicht wieder.“

„Da ist Etwas nicht klar, die Sache ist nicht in Ordnung,“ sprach er

dann leise vor sich hin, indem er von einem Seitentisch eine frisch

gestopfte Pfeife nahm und dieselbe anzündete. „Ich fürchte, ich bin in

Gefahr gewesen, Etwas zu erleben, was ich neulich bei meinem Freunde

Rantow so scharf getadelt habe. Vielleicht muß ich Gott danken, daß die

Sache so gekommen ist.“

Er setzte sich an den Frühstückstisch und schenkte den duftenden Kaffee

aus der spiegelblank geputzten messingenen Sturzmaschine in seine große

Mundtasse.

Sechstes Capitel.

In der Zwischenzeit, während der Berathungen über zwei verschiedene

Gegenstände in dem französischen Gesetzgebenden Körper, war die Salle

des Pas perdus in dem Gebäude des Corps legislativ, woselbst sich die

Deputirten zu begegnen und in Privatgesprächen miteinander zu

verständigen pflegten, mit zahlreichen lebhaft sich unterhaltenden

Gruppen angefüllt.

So eben war die Nachricht verbreitet worden, daß das Plebiscit eine

beschlossene Sache sei, und daß die liberalen Minister Chevandier de

Valdrome, der Graf Daru, der Finanzminister Buffet und der Marquis von

Talhouet ihre Entlassung gegeben hätten.

Allgemein war die Bewegung und mit der lauten Lebhaftigkeit, welche dem

französischen Charakter eigenthümlich ist, äußerten die Deputirten ihre

Meinungen über dieses Ereigniß, welches die seit einiger Zeit von dem

Kaiser eingeschlagene Richtung des öffentlichen Lebens wieder

vollständig veränderte.

In der Mitte einer Gruppe stand der Graf von Keratry, eine schlanke

Gestalt mit einem charakteristischen Kopf, dessen unruhig umher

blickende Augen einen beweglichen feurigen, aber nicht sehr geordneten

Geist verriethen.

„Es ist Alles bereits vorbereitet,“ sagte er, „so eben habe ich

erfahren, daß den Präfecten befohlen worden ist, ihre ganze Thätigkeit

auf die Vorbereitungen für das Plebiscit zu richten, und daß sie

zugleich ermächtigt sind, den Gemeinden zu erklären, daß die

Executivgewalt die Maires künftig stets den Vorschlägen der

Gemeinderäthe entsprechend auswählen werde.“

„Das ist unerhört,“ rief der Deputirte Picard, ein Mann mit einem

blassen, scharfen und ein wenig verbissenem Gesicht, „das ist eine

vollständige Corruption des öffentlichen Votums. Will man eine

Volksabstimmung, so soll man wenigstens sie frei sich vollziehen lassen.

Auf diese Weise aber wird die Sache eine reine Comödie. Wenn die

Präfecten mit der ganzen Autorität ihrer Stellung in die Sache

eingreifen, wenn man den Gemeinden zugleich Versprechungen macht, von

denen man,“ fügte er höhnisch hinzu, „gewiß nicht die Absicht hat, sie

je zu erfüllen, so macht man sich einer moralischen Bestechung schuldig.

Man wird die öffentliche Meinung Frankreichs vor den Augen von ganz

Europa fälschen, um sich dann auf diese öffentliche Meinung stützen zu

können, wenn man beginnen wird, die abenteuerlichsten Maßregeln des

Absolutismus durchzuführen.“

Jules Favre trat hinzu, seine große volle Gestalt hatte eine etwas

schwerfällige Haltung, und seine Bewegungen zeigten ein wenig jene

stereotype theatralische Würde, welche die Advokaten vor den

Gerichtshöfen anzunehmen pflegen, wenn sie mit dem Aplomb tiefer

Überzeugung durch den persönlichen Eindruck das Gewicht ihrer Gründe zu

verstärken trachten. Sein starkes Gesicht mit den regelmäßigen,

angenehmen Zügen, den großen, geistvollen und klar blickenden Augen, dem

langen, überhängenden zurückgestrichenen Haar und vollen Bart, der sich

an einzelnen Stellen fast weiß färbte, zeigte ein gewisses

selbstzufriedenes überlegenes Lächeln, und mit seiner vollen und tiefen

Stimme sprach er:

„Wir müssen uns organisiren, meine Herren, wir müssen unsererseits

Comités bilden, welche dafür wirken, daß dem ganzen Volk klar gemacht

werde, wie die freiheitliche Entwickelung nur gesichert werden könne,

wenn man sich massenhaft von der Theilnahme am Plebiscit enthält — , wenn

wir es erreichen können, die abgegebenen Stimmen auf ein Minimum zu

reduciren, so wird der moralische Eindruck der Volksabstimmung

vollständig verschwinden, der sonst nicht nur im Auslande, sondern auch

in Frankreich selbst zu einer bedeutenden Verstärkung der moralischen

Macht des Kaiserreiches beitragen muß. Lassen Sie uns heute

zusammentreten und an die Bildung dieses Comités denken.“

„Das ist sehr gut,“ rief Herr Picard, „allein wie sollen wir, die wir

doch erst einen Organismus schaffen müssen und nur langsam vorgehen

können, die wir allen Hemmungen und Hindernissen ausgesetzt sind, welche

die Macht uns bereiten wird, wie sollen wir dem concentrirten und wohl

geleiteten Einfluß der Präfecten gegenüber etwas ausrichten?“

„Nein,“ rief der Graf von Keratry, „wir müssen laut unsere Stimmen

erheben, um gegen diese ungesetzliche Einwirkung der Regierungsautorität

auf die freie Abstimmung des Volkes zu protestiren. Das scheint mir

sicherer, als in die Wahlagitation einzutreten, bei welcher wir zu spät

kommen müßten. Können wir nachweisen, daß die Abstimmungen durch die

Präfecten gemacht sind, so wird das Plebiscit ebenfalls seine Bedeutung

vor der liberalen öffentlichen Meinung Europas vollständig verlieren.“

„Es giebt noch ein Mittel,“ sagte Herr Barthélémy St. Hilaire, ein

schlanker Mann von elegantem Äußern, dessen Mienen und Haltung ein wenig

an den gelehrten Professor erinnerten, „wir müssen darauf dringen, daß

das Plebiscit nur einen Tag dauert, das wird eine große

Massenbetheiligung unmöglich machen. Ich werde einen solchen Antrag

stellen, und bitte Sie, meine Herren, ihn zu unterstützen.“

Der Advokat Gambetta, eine kleine schmächtige Gestalt, mit leicht

gekrümmten Schultern, wenig elegant, fast ein wenig unsauber in seiner

Erscheinung, hatte schweigend die verschiedenen Äußerungen mit angehört.

Er stand da, das ausdrucksvolle, häßliche Gesicht mit dem schlecht

gepflegten Haar und Bart, mit dem kalt und höhnisch lächelnden Munde,

leicht auf die Seite geneigt, sein sehendes Auge richtete sich mit einem

düstern, fast unheimlich drohenden Ausdruck auf eine Gruppe von Herren,

welche in der Nähe standen, während das andere des Lichts beraubte Auge

unter dem herabhängenden Lide verborgen war.

„Dort steht ja,“ sagte er mit einer rauhen, etwas schwerfällig

klingenden Stimme, „der große Regenerator des Kaiserreichs, unser alter

Freund Ollivier, dem es so leicht wird, täglich eine andere Gestalt

anzunehmen, und neben ihm Herr Chevandier de Valdrome. Fragen wir ein

wenig diese Herren, es wird immerhin gut sein, wenn wir uns vorher etwas

orientiren, um genau zu wissen, was wir bei den öffentlichen Debatten zu

thun haben.“

Er näherte sich den Ministern und begrüßte sie mit einer artigen, aber

ein wenig linkischen Verbeugung, die übrigen folgten ihm und umgaben die

beiden Minister, um welche sich sehr bald noch mehrere der im Saale

anwesenden Deputirten gruppirten.

„Es scheint, daß das Plebiscit beschlossen ist,“ sagte Herr Gambetta zu

Ollivier gewendet, der in etwas gezierter, an die gesuchte saubere

Einfachheit Robespierres erinnernder Haltung da stand, und dessen

eigenthümlich geformtes Gesicht, mit der schmalen Stirn, den stark

schielenden von einer feinen Brille beschatteten Augen und dem großen,

über dem zurückstehenden Kinn stark hervortretenden Munde, in lebhafter

Bewegung zitterte.

„Ich habe keinen Grund,“ erwiderte der Großsiegelbewahrer des

Kaiserreiches, indem er die Begrüßung des Herrn Gambetta mit kalter,

abwehrender Höflichkeit erwiderte, „mich nicht über die Situation

auszusprechen. Ja, meine Herren,“ fuhr er fort, „das Plebiscit ist

beschlossen, und ich begreife nicht, wie Sie und Ihre Freunde,“ fügte er

hinzu, indem sein unsicherer Blick leicht über die Gruppe hinglitt,

welche ihn umgab, „ich begreife nicht, wie Sie Alle gegen diesen

Gedanken sein können. Die unmittelbare Berufung des Volkes in wichtigen

Verfassungsangelegenheiten des Landes entspricht ja so vollkommen den

Grundsätzen einer wahren und vernünftigen Demokratie, zu welcher Sie

sich bekennen, welchen ich meinerseits stets treu geblieben bin, und

welchen auch diese neue Maßregel einen verstärkten Ausdruck geben wird.“

Ein höhnisches Lächeln umzuckte die Lippen Gambetta's.

„Darf ich Sie vielleicht fragen,“ fuhr er fort, „wie lange die

Volksabstimmung dauern soll und ob bei derselben das Vereinsrecht zur

Ausübung kommen werde, welches der Bevölkerung gestattet, sich vorher

über die der Frage gegenüber einzunehmende Haltung zu verständigen.“

„Zweifellos,“ erwiderte Herr Ollivier, „werden öffentliche

Versammlungen Statt finden dürfen, und das Volk wird von allen seinen

verfassungsmäßigen Rechten Gebrauch machen können — doch,“ fuhr er fort,

„liegt es in der Natur der Sache, daß solche Versammlungen, da es sich

ja hier nur um die ganz einfache Beantwortung einer einfachen Frage

handeln wird, nicht so lange werden dauern können, als dies zum Beispiel

bei den Wahlen zum Gesetzgebenden Körper erlaubt ist. Jeder soll nach

seiner freien Ueberzeugung eine sehr klar gestellte Frage beantworten,

und dazu sind in der That keine langen Debatten und keine langen

Vorbereitungen erforderlich.“

„Aber die Regierung, meine Herren,“ rief der Graf Keratry in heftigem

und gereiztem Ton, „hält es nicht für unnütz, solche Vorbereitungen in

dem ausgedehntesten Maße zu treffen. So eben habe ich den Herren hier

mitgetheilt, daß ich erfahren, die Präfecten seien angewiesen, mit

äußerster Energie das Plebiscit vorzubereiten und sogar den Gemeinden

Versprechungen in Betreff der Maires zu machen — es scheint also doch,

daß man es für wichtig hält, die Autorität der Macht in die Wagschale zu

werfen, wenn die Mittheilungen,“ fügte er hinzu, den scharfen

stechenden Blick auf Herrn Chevandier de Valdrome richtend, „die mir

gemacht, richtig sind.“

Der Minister des Innern, ein vornehm aussehender, etwas gleichgültig

blickender Mann von matten, nervösen Gesichtszügen, ließ seinen Blick

von oben herab über den Grafen Keratry hingleiten, ein kaltes,

feindliches Lächeln spielte um seine Lippen und in kurzem, wenig

verbindlichem Ton erwiderte er:

„Ja, ich habe die Präfecten instruirt, wie ich das für mein Recht und

meine Pflicht halte, ich habe ihnen befohlen, die äußerste Thätigkeit zu

entwickeln, um die Enthaltung von der Abstimmung zu verhindern. Ich

trage die persönliche Verantwortlichkeit für meine Anweisungen, — welche

übrigens ganz und gar Verwaltungsmaßregeln sind.“

„Ich begreife nicht,“ rief Picard, „wie der Herr Minister des Innern das

Plebiscit als die freie Abstimmung des Volkes über die wichtigsten

Fragen, die sein öffentliches Leben betreffen, eine Verwaltungsmaßregel

nennen kann. Wenn es jedoch nun,“ fügte er mit ironischem Lächeln hinzu,

„eine Verwaltungsmaßregel sein soll, so würde es für uns gewiß von

großem Interesse sein, den Inhalt der Schreiben kennen zu lernen, welche

in dieser Beziehung an die Präfecten erlassen worden sind.“

„Die innern Maßregeln der Verwaltung,“ erwiderte Herr Chevandier de

Valdrome in kurzem Ton, „sind kein Gegenstand von Diskussionen mit der

Vertretung des Landes, sie sind ein ausschließliches und unbestreitbares

Recht der Regierung.“

Rasch fiel Herr Ollivier ein, indem er ein wenig die Hand erhob und

jenen etwas salbungsvollen Ton annahm, der seiner Rede auf der Tribüne

so oft die unmittelbare Wirksamkeit nahm:

„Und wenn Sie auch nicht das formelle Recht dazu haben, so will ich

Ihnen doch am wenigsten die moralische Berechtigung bestreiten, unsere

Anweisungen kennen zu lernen. Interpelliren Sie mich in der Sitzung, und

ich werde von der Tribune Ihnen unsere Instructionen mittheilen.“

„Wenn der Herr Minister der Justiz statt meiner spricht,“ sagte Herr

Chevandier de Valdrome in trockenem Ton, indem er sich gegen seinen

Collegen verbeugte, „so habe ich ja nicht nöthig, mich länger an dieser

Unterhaltung zu betheiligen,“ und rasch sich abwendend, entfernte er

sich von der Gruppe.

„Ich habe keinen Grund,“ fuhr Herr Ollivier fort, „unsern Standpunkt und

unsere Maßregeln zu verhüllen, wir haben den Präfecten einfach

geschrieben: „Sichern Sie die Freiheit der Abstimmungen, wenden Sie

weder Drohungen, noch Druck, noch Versprechungen an, vergessen Sie aber

nicht, daß Sie den Umtrieben der Wahlenthaltung gegenüber stehen und

wenden Sie die verzehrendste Thätigkeit an, nur jeden Bürger zur

Abstimmung zu drängen.“

„Nun wohl,“ rief Herr Picard lachend, „diese aufreibende Thätigkeit und

dieses Drängen der Bürger zur Abstimmung sind die deutlichen Zeichen,

daß die so traurige Praxis der amtlichen Candidaturen auch in dieser

Frage eben so rücksichtslos wie früher geübt werden soll. Die Enthaltung

von der Abstimmung ist ein unzweifelhaftes Recht eines jeden Bürgers vor

allen Dingen dann, wenn doch Niemand im Stande ist, ohne Gefahr frei

seine Meinung zu äußern; wenn Jedermann sich scheuen muß nein zu sagen,

so muß ihm wenigstens die Freiheit bleiben, nicht ja sagen zu dürfen.

Das Alles ist nichts als Possenspiel“ fügte er achselzuckend hinzu.

„Hier ist von keinem Possenspiel die Rede,“ rief Herr Ollivier in

lebhafter Erregung, „deutlich und unverhüllt wird die Frage an das Volk

gestellt werden. Die einzige Thätigkeit der Regierung wird sich nur

darauf richten, Jeden dahin zu führen, daß er die deutlich gestellte

Frage eben so deutlich beantworte.“

„Durch die Anweisung, deren Inhalt uns so eben im Allgemeinen

mitgetheilt ist,“ sagte Herr Jules Favres ruhig und langsam, „ist das

Cabinet seinem liberalen Programm untreu geworden — das Mißtrauen ist

also wohl berechtigt. Mögen die Herrn Minister,“ sagte er mit einer

leichten Verbeugung gegen Ollivier, „es auch ehrlich meinen, die andern

Beamten werden dennoch die Abstimmungen fälschen.“

„Das wird Niemand wagen,“ rief Herr Ollivier heftig erregt, „die

Minister können wohl das Vertrauen verlangen, daß sie den Maßregeln, zu

denen sie sich ehrlich bekennen, auch von Seiten ihrer Untergebenen eine

ebenso ehrliche und rückhaltslose Durchführung zu sichern im Stande sein

werden. Uebrigens,“ fuhr er fort, „kommt das Cabinet und seine Existenz

bei der ganzen Sache garnicht in Frage. Es handelt sich einfach um eine

Sanctionirung der Verfassungsbestimmungen, welche die Minister mit den

Vertretern des Landes bereits gutgeheißen haben. Die Kammern selbst sind

also ebenso betheiligt, als das Ministerium.“

„Das sind Wortklaubereien,“ rief Picard entrüstet, „Regierung ist

Regierung, es ist traurig genug, daß man nicht im Stande ist, dem

Ministerium, das sich mit liberalen Reformen einführte, dauerndes

Vertrauen zu schenken.“

„Das thut mir sehr leid,“ rief Herr Ollivier zitternd vor zornigem

Eifer, „schenken Sie uns Ihr Vertrauen, schenken Sie es uns nicht, das

ist Ihre Sache — das kann uns nicht abhalten, unsre Pflicht zu thun,

seien Sie überzeugt, daß uns Ihre Meinung ganz gleichgültig ist.“

Ein dumpfes Murren ließ sich unter der Gruppe vernehmen.

„Welch ein Ton der Conversation,“ rief Jules Favres, „man sollte doch

meinen, sich hier in der Gesellschaft von gebildeten Leuten zu

befinden.“

„Der Herr Minister ist sich gewiß über die Bedeutung seiner Worte nicht

klar geworden,“ sagte Herr Picard kalt und höhnisch, „die Sorgen für die

Verbreitung des Plebiscit haben, wie es scheint, seine sonst so eminente

Fähigkeit, die Redewendungen richtig abzuwägen, gelähmt.“

Herr Ollivier schien selbst ein wenig bestürzt über seinen heftigen

Ausbruch zu sein.

„Ich bin mir über meine Worte vollkommen klar,“ sagte er, „und habe mit

denselben,“ fügte er sich leicht verneigend hinzu, „durchaus keine

persönliche Verletzung beabsichtigt. Ich habe nur sagen wollen, daß

eine Regierung, welche sich vollkommen klar ist über das, was sie nach

reiflicher Ueberlegung für ihre Pflicht erkannt hat, sich nicht dadurch

irre machen lassen darf, ob ihre Beschlüsse und Maßnahmen bei der einen

oder bei der andern Partei beifällige oder tadelnde Beurteilung finde;

und ich kann nur wiederholen, daß die Regierung es für ihre Pflicht

hält, mit aller Energie gegen das System der Stimmenenthaltung

aufzutreten. Das Kaiserthum und der Kaiser stehen nicht in Frage,“ fuhr

er mit fester Stimme fort, „wie hier so eben bemerkt wurde, die Frage

ist nur die, ob es gut sei, das Kaiserthum der Autorität und des

persönlichen Regiments in ein liberales Kaiserthum umzuwandeln; daß die

Feinde des Kaiserthums überhaupt das Letztere nicht wollen, begreife

ich,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu, „ob sie aber damit dem

Vaterlande einen Dienst leisten, ob sie nicht ihre Parteirücksichten

höher stellen, als das Wohl der Nation, das will ich, meine Herren,

ihrem eigenen Gewissen überlassen.“ Und mit einer kurzen Verneigung

wandte er sich ab und verließ das Zimmer.

Ein Theil der Abgeordneten kehrte in den Saal zurück, wo man über

einzelne Paragraphen des neuen Preßgesetzes debattirte. Die Meisten

aber entzogen sich dieser Debatte, präoccupirt wie sie durch die ganze

politische Situation waren, verließen sie das Palais des Gesetzgebenden

Körpers, um in Privatzusammenkünften bei den Parteiführern sich über die

zu fassenden Entschließungen zu berathen.

Herr Ollivier durchschritt langsam die Corridore und stieg vor dem

Palais in sein sehr einfaches und unscheinbares Coupé, indem er dem in

dunkle Livree gekleideten Kutscher zurief:

„Nach den Tuilerien.“

Kurze Zeit darauf fuhr er in den innern Hof des alten Königspalastes

ein, er hielt vor dem großen Eingang, über welchem das von Lanzen

getragene Zeltdach sich ausdehnte.

Er fand den Dienst thuenden Ordonnanzofficier im Vorzimmer; dieser

führte ihn sogleich in das Cabinet des Kaisers ein.

Napoleon III war frischer als sonst, zwar hingen seine Züge mit dem

Ausdruck des Leidens und körperlicher Schmerzen schlaff herab, aber in

seinem Blick machte sich eine gewisse an die vergangenen Tage seiner

Jugend erinnernde Energie bemerkbar, als er mit seinem langsamen, etwas

unsicheren Gang dem Minister entgegentrat, welcher es übernommen, das

Steuer des Staatsschiffes, welches so lange die feste Hand des Herrn

Rouher geführt hatte, durch die bedenklichen Klippen verschiedener

Neuerungen zu führen.

„Ich habe gewünscht, Sie noch vorher zu sprechen, mein lieber Herr

Ollivier,“ sagte der Kaiser, indem er mit verbindlichem Gruß dem

Großsiegelbewahrer die Hand reichte, „bevor ich den gesammten

Ministerrath höre, in welcher Weise die Ereignisse geleitet werden

müssen, damit wir das große Ziel erreichen, das öffentliche Vertrauen in

die Regierung vollständig wieder herzustellen, — welches bereits so sehr

wieder gewachsen ist,“ fügte er mit einer leichten Neigung des Kopfes

hinzu, „seitdem Sie mir mit Ihrem Rath zur Seite stehen.“

„Das Vertrauen Eurer Majestät macht mich sehr glücklich,“ erwiderte

Herr Ollivier, indem er auf den vom Kaiser ihm bezeichneten Sessel

sich niederließ. „Wenn die öffentliche Meinung mir mit einem

gewissen sympathischen Gefühl entgegenkommt,“ fuhr er mit einem

selbstbefriedigten Lächeln fort, „so wird mir meine Aufgabe sehr

wesentlich durch die hochherzige Offenheit erleichtert, mit welcher Eure

Majestät mich unterstützen.“

Der Kaiser richtete einen eigentümlichen Blick aus seinen schnell sich

entschleiernden und dann wieder in ausdruckslose Gleichgültigkeit

zurücksinkenden Augen, während er mit der Hand über den Schnurrbart

streichend ein unwillkürlich seine Lippen bewegendes Lächeln verbarg.

„Sie glauben also,“ sagte er dann, „daß das Plebiscit der Regierung

günstig ausfallen werde?“

„Jedenfalls,“ erwiderte Herr Ollivier, „die Stimmung ist allgemein sehr

wenig befriedigt über das Verhalten der unversöhnlichen Opposition. Man

will Ruhe für die Geschäfte, man will Schutz gegen die herandrängende

sociale Bewegung, und man wird dem liberalen Kaiserreich um so mehr mit

begeisterter Wärme seine Stimme geben, als es die Freiheit mit der Kraft

und der Ordnung vereinigt. Die Opposition fühlt dies, und ihr Bestreben

geht nicht mehr danach, ein negatives Votum der Volkscomitien zu

erreichen, sondern vielmehr eine massenhafte Stimmenenthaltung

durchzusetzen, ein Bestreben, in welchem sie durch die Indolenz der

Massen wesentlich unterstützt werden möchte.

„Eure Majestät werden es gewiß billigen, daß wir auf die energischste

Weise den Präfecten aufgetragen haben, vor allen Dingen besonders in den

ländlichen Kreisen gegen die Enthaltung von der Abstimmung zu wirken.“

„Gewiß, gewiß,“ sagte der Kaiser wie zerstreut, „man muß alle Mittel

anwenden, um diesen Herren von der Opposition zu zeigen, daß das Volk

von Frankreich sie verwirft und fest hinter mir steht, — doch,“ fuhr er

fort, „wie ist es mit Daru und Buffet? Bestehen sie darauf, daß die

Kammern zunächst über das Plebiscit befragt werden und werden sie daraus

eine Cabinetsfrage machen?“

„Ich glaube, Sire,“ sagte Herr Ollivier, „daß meine beiden Kollegen sehr

geneigt sind, sich darüber zu verständigen; sie wollen gern ihre Kräfte

unter dem liberalen Kaiserreich und unter Eurer Majestät erleuchteter

und ruhmvoller Führung dem Wohle Frankreichs widmen. Indeß halten sie es

für unmöglich, so ganz und gar von dem Prinzip abzuweichen, das sie mit

voller Ueberzeugung vertreten. Es läßt sich vielleicht,“ fuhr er fort,

„ein Weg finden, um im Wesentlichen die Meinungen Eurer Majestät

aufrecht zu erhalten, und dennoch die Minister, welche bei den

verschiedenen Parteien Vertrauen haben zu conserviren. Man könnte die

Absicht, ein Plebiscit vorzunehmen, ohne sich einem constitutionellen

Beschluß der Vertretung des Landes zu unterwerfen, dem Corps legislativ

einfach durch eine Botschaft mittheilen, worauf denn eine

Antwortsadresse erfolgen würde. Auf diese Weise ließen sich die

verschiedenen Standpunkte vielleicht vereinigen, und es ist allerdings

richtig, daß bei dem Plebiscit es von Wichtigkeit sein könnte, dem Volk

zu zeigen, daß die Regierung und die regelmäßige constitutionelle

Vertretung über den wichtigen Act in voller Uebereinstimmung sich

befinden.“

Der Kaiser senkte den Kopf und strich mehrere Male nachdenklich über

seine Stirn.

„Damit würde eigentlich,“ sagte er, „dem Plebiscit die wahre Spitze

abgebrochen, und ich bin, wie ich Ihnen aufrichtig sagen muß, nicht sehr

geneigt, einen solchen Weg zu gehen. Halten Sie,“ fragte er, Herrn

Ollivier plötzlich voll und scharf anschauend, „diesen Weg prinzipmäßig

für richtig, oder würden Sie ihn nur vorschlagen, um die Personen der

Minister zu conserviren?“

„Die Minister haben, wie ich Eurer Majestät zu bemerken die Ehre hatte,“

fuhr der Großsiegelbewahrer fort, „ein gewisses Vertrauen, ihr Rücktritt

könnte einen ungünstigen Eindruck machen. Dies ist wesentlich der Grund,

weßhalb ich einen Kompromiß suchen möchte.“

„Mein lieber Herr Ollivier,“ sagte der Kaiser, indem er sich ein wenig

herüberneigte, „nach meiner Ueberzeugung beruht das Vertrauen, welches

das Ministerium bei der Bevölkerung genießt, weder auf Herrn Buffet,

noch auf dem Grafen Daru, noch auf irgend einem der andern Personen,

welche gegenwärtig das Cabinet bilden, sondern vielmehr lediglich auf

der Achtung und Sympathie, welche man Ihnen entgegenträgt, Sie sind der

Pfeiler, auf welchem gegenwärtig meine Regierung ruht. Der Respect vor

Ihrem Charakter, die Bewunderung für Ihre großen Talente bilden einen

Nimbus um Sie, dessen Strahlen auch auf die übrigen Minister fallen, sie

werden aber ebenso gut auch auf jeden Andern fallen, der das Glück haben

wird, mit Ihnen zusammen ein Cabinet zu bilden. Die Rücksicht also,“

fuhr er fort, „auf das Vertrauen, welches jene Herren im Lande genießen,

und den persönlichen Einfluß, welchen sie üben können, würde mich

niemals bestimmen können, von einem als richtig anerkannten Prinzip

abzugehen, lediglich um ihre Personen zu conserviren. Etwas Anderes,“

fuhr er nachdenklich fort, indem aus dem Winkel seines fast

geschlossenen Auges ein schneller, scharf beobachtender Blick auf Herrn

Ollivier hinüberflog, „etwas Anderes ist es freilich mit ihrer Ersetzung

in den Geschäften. Buffet ist ein vortrefflicher Finanzminister, es

wird nicht leicht sein, Jemanden an seine Stelle zu setzen — Ségris

vielleicht — man müßte sich mit ihm darüber verständigen — noch

schwieriger aber ist die Sache bei Daru. Woher kann man so schnell einen

auswärtigen Minister finden? Namentlich, da es sich darum handeln würde,

die Stellung ein wenig zu modificiren, welche wir dem Concil und Rom

gegenüber eingenommen haben. Die Minister der auswärtigen

Angelegenheiten,“ fuhr er fort, anscheinend immer tiefer im Nachsinnen

versinkend, „wachsen nicht aus der Erde hervor. Ja, wenn,“ sagte er, den

Blick wie fragend auf Herrn Ollivier richtend — „wenn es möglich wäre,

daß eines Menschen Kraft die Last allein trüge, welche schon auf drei

Schultern vertheilt nicht leicht ist, so wäre schnell eine Abhülfe zu

finden.“

Er lehnte den Kopf wie tief nachdenkend auf den auf sein Knie gestützten

Arm.

Das Gesicht Olliviers zuckte in lebhafter Bewegung, seine Augen schienen

einem plötzlich vor ihm auftauchenden Bilde zu folgen, ein Schimmer

hoher Befriedigung erleuchtete seine Züge und rasch mit athemloser

Stimme sprach er:

„Eure Majestät meinen — Eure Majestät haben irgend eine Idee über das

Ressort des auswärtigen Amtes?“

„Ich fürchte,“ sagte Napoleon, indem er wie in schmerzlicher

Resignation die Achseln zuckte, „daß die Idee, welche mir einen

Augenblick als möglich vorschwebte, der Wunsch, den ich einen Augenblick

hegte, Unmöglichkeiten sind. Ich hatte mir gedacht, wie rasch sich das

Alles arrangiren ließe, wenn Sie, mein lieber Herr Ollivier, mir das

Opfer bringen könnten, für einige Zeit das Ministerium der auswärtigen

Angelegenheiten zu führen. Ich weiß,“ fuhr er fort, „die Repräsentation,

welche gerade mit diesem Ministerium mehr als mit andern verbunden ist,

würde Ihnen lästig sein. Die Last der Arbeiten würde selbst Ihrem der

Thätigkeit so gewöhnten Geist zu viel werden. Lassen wir also die Sache,

es ist doch vielleicht besser, einen Kompromiß zu suchen, welcher uns

den Grafen Daru und Herrn Buffet erhält.“

Herr Ollivier hatte in einer gewissen Unruhe, die Hände in leichtem

Zittern bewegend, das Ende der Bemerkungen des Kaisers erwartet. Als

Napoleon schwieg, sagte er rasch, indem er seine Brille zurecht schob:

„Ew. Majestät dürfen überzeugt sein, daß mir für Ihren Dienst und für

das Wohl Frankreichs kein Opfer zu groß ist. Wohl widerstrebt meinem

einfachen bürgerlichen Sinne,“ sagte er, „die große und vielseitige

Repräsentation, wohl möchte ich auch für meine Familie leben und für

meine Gesundheit ein wenig Muße gewinnen, dennoch aber kann ich keinen

Augenblick anstehen, wenn es der Dienst Eurer Majestät, wenn es das Wohl

Frankreichs erfordert, auch diese neue Last auf mich zu nehmen, und ich

traue mir ohne Ueberschätzung dennoch die Kraft zu, sie tragen zu

können. Ich bin an die Thätigkeit gewöhnt, Sire, und will wenigstens

versuchen, Eurer Majestät auch diesen Beweis meiner Ergebenheit zu

geben.“

Napoleon schlug wie durch eine unerwartet günstige Wendung der Dinge

freudig überrascht die Hände zusammen.

„Aber, mein lieber Herr Ollivier,“ sagte er, „dann ist uns ja geholfen,

dann haben wir ja garnicht nöthig, noch einen Kompromiß zu suchen, wenn

Graf Daru wirklich heute abgeht und Sie bereit sind, an seine Stelle zu

treten. So befinde ich mich ja nicht nur in keiner Verlegenheit, sondern

ich werde sogar meine Lage wesentlich verbessern, denn Sie werden mir

die Bemerkung erlauben, daß ein jedes Portefeuille bei Niemanden, und

wäre er der Geschickteste und Bewährteste, so gut aufgehoben sein kann,

als in Ihren Händen. Wenn Sie also wirklich bereit wären, an die Stelle

des Grafen Daru zu treten, und wenn Ihre Kraft eine so übermäßige Last

zu ertragen im Stande ist, dann wären wir ja, wie ich glaube,

vollständig einig über den Gang, den wir den Ereignissen zu geben

haben.“

„Wenn Eure Majestät,“ sagte Herr Ollivier, „die Gnade haben würden, mir

das Portefeuille des Auswärtigen zu übertragen, so sehe ich allerdings

nicht ein, warum in der Frage des Plebiscits ein keinem Prinzip

vollkommen entsprechender Ausweg gesucht werden sollte.“

„Nun,“ sagte der Kaiser, indem er sich erhob, „ich sehe, wir verstehen

uns vollkommen, — welche Freude wird es mir machen, mit Ihnen die Fragen

der auswärtigen Politik zu besprechen und aus Ihrem so erleuchteten

Geiste immer neue Gedanken zu der Beurtheilung derselben zu ziehen.“

Herr Ollivier verneigte sich mit glücklichem zufriedenem Lächeln.

„Ich glaube, wir werden vollständig darin übereinstimmen,“ sagte der

Kaiser leichthin mit gleichgültigem Ton, „daß der römischen Frage auf

dem Concil gegenüber die Haltung, welche der Graf Daru in der letzten

Zeit eingenommen hat, modificirt werden muß. Die katholische Kirche und

der Klerus ist ein sehr mächtiger Factor in Frankreich, dessen freien

und rückhaltslosen Beistand wir uns sichern müssen. Und außerdem,“ fuhr

er fort, „widerstrebt auch meinem religiösen Gefühl eine Erkaltung der

Beziehungen zwischen meiner Regierung und dem heiligen Stuhl.“

„Eure Majestät haben vollkommen Recht,“ sagte Herr Ollivier schnell,

„Frankreich ist gut katholisch. Ich bin es auch,“ fügte er hinzu, „und

die Rücksicht auf die Gefühle des Volkes ebenso wie auf den Einfluß des

Klerus gebieten uns eine äußerst vorsichtige Stellung Rom gegenüber

einzunehmen, und nichts zu thun, was die Beziehungen zur Kurie irgend

wie trüben könnte. Ich fürchte,“ fuhr er fort, „der Graf Daru hat sich

in dieser Sache ein wenig zu sehr von Doctrinen leiten lassen und hat zu

wenig die concreten Verhältnisse in Betracht gezogen; auch möchten

vielleicht seine Beziehungen zu Guizot, der entschieden Protestant ist,

nicht ohne Einfluß auf seine Anschauungen geblieben sein.“

Der Kaiser, welcher sehr aufmerksam den Worten seines Ministers zugehört

hatte, schlug sich leicht mit der Hand vor die Stirn, als ob er durch

die Aeußerungen des Herrn Ollivier besonders frappirt sei.

„In der That, mein lieber Minister,“ sagte er, „Sie bringen mich da auf

einen Gedanken, der mir Manches aufklärt, — sollten Sie, wie ich glaube,

Recht haben, so ist es um so nöthiger, unsere Stellung Rom gegenüber zu

modificiren, denn protestantische Anschauungen können doch gewiß niemals

die Politik Frankreichs, dieses so tief katholischen Landes leiten.

Welch eine Freude ist es doch,“ sagte er tief aufathmend, „so

vollständiges Verständniß zu finden und mit einem Mann zu arbeiten, der

uns stets neue Gesichtspunkte öffnet.“

Er bewegte die Glocke.

„Sind die Herren Minister versammelt,“ fragte er den eintretenden

Kammerdiener.

„Zu Befehl, Majestät.“

„Wollen Sie mich in einen Augenblick im Conferenzzimmer mit den andern

Herren erwarten,“ sagte der Kaiser zu Herrn Ollivier, „ich werde Ihnen

sogleich folgen — wir wissen ja, was wir zu thun haben.“

Der Großsiegelbewahrer verneigte sich mit zustimmender Miene und verließ

das Kabinet des Kaisers.

„Er wird thun, was ich will,“ sagte Napoleon ihm lächelnd nachblickend,

„und ich werde die vortreffliche Stellung haben, keinerlei Initiative zu

ergreifen; nicht meine Meinung, — sondern diejenige des Herrn Ollivier

wird durchdringen, und man wird nicht wieder vom persönlichen Regiment

und vom autocratischen Einfluß sprechen können.“

Er trat zu einem kleinen Schrank, nahm daraus ein Fläschchen mit einer

röthlichen Flüssigkeit, zählte in ein Glas Wasser, das der Kammerdiener

ihm reichte, eine Anzahl von Tropfen und trank dann schnell den Inhalt,

der ihn fast augenblicklich wohlthätig zu beleben schien.

„So,“ sagte er mit einem tiefen Athemzug, „das wird mir für eine Stunde

wieder Kraft und Elasticität geben. Jetzt will ich meine Herren Minister

anhören.“

Und mit etwas lebhafterem festerem Gang als vorhin begab er sich durch

die schnell geöffnete Flügelthür nach dem Conferenzzimmer, einem großen

hellen Gemach, in dessen Mitte ein runder grüner Tisch, von ebenfalls

dunkelgrünen Fauteuils umgeben, stand.

In diesem Zimmer waren die Minister bereits versammelt, sie trugen

sämmtlich, wie der Kaiser, schwarze Morgenanzüge und verneigten sich

tief beim Eintritt des Souverains.

Da war neben Ollivier, der, aufgeregt, aber von innerer Befriedigung

strahlend, hinter seinem Stuhl stand, Herr Chevandier de Valdrome mit

seinem etwas cavalieren Ausdruck; der Graf Daru mit seinem kalten,

etwas mißtrauischen Blick; Herr Buffet, der Finanzminister, eine

bureaucratische Erscheinung mit eigensinnig doctrinairem Ausdruck; Herr

Ségris, der Minister des Unterrichts, ein wenig an das Aeußere eines

Professors erinnernd; dann der Marquis von Talhouet, der Minister der

öffentlichen Arbeiten, eine schöne, elegante Erscheinung, trotz seines

Alters von beinahe fünfzig Jahren, noch jugendlich und frisch, der wahre

altfranzösische grand Seigneur; — Herr Maurice Richart, für welchen sein

Freund Ollivier das Ministerium der schönen Künste geschaffen hatte, ein

gutmüthiger, sorgloser Lebemann; dann der Kriegsminister, Marschall

Leboeuf, eine militairisch kräftige Erscheinung, das volle, ein wenig

aufgeschwemmte und regelmäßige Gesicht hatte durch den großen Bart auf

der Oberlippe und dem Kinn einen etwas martialischen Ausdruck, der

jedoch durch den gleichgültigen und oberflächlichen Blick der etwas

vorstehenden Augen wieder abgeschwächt wurde; endlich der Admiral

Rigault de Genouilly, dessen feines und intelligentes Gesicht mit dem

Ausdruck verschlossenen Nachdenkens stets einen nicht ausgesprochenen

Hintergedanken zu verstecken schien.

Der Kaiser setzte sich auf seinen Lehnstuhl in der Mitte des Tisches,

und die Minister nahmen um ihn her Platz, Herr Ollivier zu seiner

Rechten, Graf Daru zu seiner Linken; die Uebrigen nach der Reihenfolge

ihres Ranges; die Minister des Krieges und der Marine dem Kaiser

gegenüber.

„Ich habe Sie berufen, meine Herren Minister,“ sprach der Kaiser mit

ruhiger, fast ausdrucksloser Stimme, indem er einen der auf dem Tische

liegenden Bleistifte ergriff und einige unbestimmte Linien auf dem vor

ihm bereit liegenden Papierbogen zeichnete, „ich habe Sie berufen, um

Sie zu ersuchen, die Frage des Plebiscits, über welche ich bereits mit

Jedem von Ihnen einzeln conferirt habe, nunmehr noch einmal

gemeinschaftlich zu discutiren und dann darüber einen definitiven

Beschluß zu fassen. Es handelt sich darum, die neue Institution, welche

ich dem Kaiserreich geben zu sollen geglaubt habe und zu deren

Befestigung Sie Alle so bereitwillig mir die Hand geboten haben, nochmal

durch ein Votum der ganzen Nation, auf welchem ja das Kaiserreich selbst

und seine frühere Verfassung beruhen, sanctioniren zu lassen. Und ich

bitte Sie mit Ihrer gewohnten und von mir stets so hoch gewürdigten

Freimüthigkeit mir Ihre Meinung darüber zu sagen.“

Er wandte sich mit einer leichten Neigung des Kopfes zu Herrn Ollivier.

„Sire,“ erwiderte dieser in einem Ton, welcher an den gleichförmigen

Pathos erinnerte, der eine Eigenthümlichkeit seiner Reden auf der

Tribüne war — „Eure Majestät wissen, daß ich aus voller Ueberzeugung dem

großen Gedanken zugestimmt habe, welchen Sie so eben aussprachen. Eine

Regierung, welche so offen und rückhaltslos wie wir die Verfassung im

Sinne der Freiheit ausbaut, darf sich nicht scheuen ihr Werk der Prüfung

und Genehmigung des ganzen Volkes vorzulegen. Wir treten vor die Nation,

nicht um zu fordern, sondern nur zu geben, und sind der dankbaren

Zustimmung der großen Mehrheit der Bürger Frankreichs sicher; das

Gewicht ihres Votums wird die Autorität und Macht des Kaiserreichs den

innern und äußern Feinden gegenüber von Neuem kräftigen, und alle die

Elemente, welche in der letzten Zeit so vermessen an der Entwickelung

des gesellschaftlichen Lebens gearbeitet haben, werden vor dem fest und

klar ausgesprochenen Willen der ganzen Nation schwinden. Ich habe die

Form des Plebiscits ausgearbeitet. Der Herr Minister des Innern hat die

Präfecten mit ausführlichen Instruktionen versehen, um die von der

unversöhnlichen Opposition beabsichtigte massenhafte Enthaltung von der

Abstimmung zu verhindern, und ich erlaube mir, Eurer Majestät

vorzuschlagen, daß so wie das Senatuskonsult festgestellt ist, das

Plebiscit ohne weitere Verzögerung vorgenommen werde, denn jeder Tag, um

den dasselbe noch hinausgeschoben wird, giebt den Gegnern Gelegenheit,

sich zu organisiren und ihre Agitationen immer mehr über das Land zu

verbreiten. Die Form des Plebiscits würde nach meiner Ueberzeugung sehr

einfach sein, sie würde sich auf wenige Zeilen reduciren, und ich werde

meinen Entwurf bei meinen Herren Collegen circuliren lassen, um ihn dann

mit ihren Zustimmungen oder etwa mit ihren Gegenvorschlägen Eurer

Majestät zu unterbreiten.“

Der Kaiser wandte sich mit einem verbindlichen Wink seiner Hand zu dem

Grafen Daru.

Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten hatte ruhig und unbeweglich

den Worten Olliviers zugehört; ebenso ruhig sprach er jetzt mit seiner

etwas leisen, aber durch die scharfe Accentuirung der Worte deutlichen

Stimme:

„Ueber die Form des Plebiscits, Sire, wird, wie ich glaube, unter uns

kaum eine Meinungsverschiedenheit bestehen können. Es kann ja eben nur

eine ganz einfache mit ja oder nein zu beantwortende Frage sein. Dagegen

aber kann ich nicht unterlassen, Eurer Majestät noch einige sehr ernste

und gewichtige Bedenken gegen die Sache selbst auszusprechen.“

Der Kaiser blickte nicht auf, mit völlig ausdrucksloser Miene sah er auf

das Papier nieder und zeichnete große krumme Linien, welche in einander

greifend sich zu dem Bilde eines Adlerflügels vereinigten.

„Eure Majestät,“ fuhr Graf Daru fort, „haben vorhin bemerkt, daß das

Kaiserreich auf dem freien Votum der ganzen Nation beruhe, wie das ja

auch mit der Herrschaft des ersten Kaisers der Fall war. Das Volk hat

seinen Willen ausgesprochen und sich nach einer Zeit innerer Unruhen und

Kämpfe eine feste Staatsform und eine consolidirte Regierung gegeben,

welche wir nunmehr dem Willen Eurer Majestät gemäß zu freierer, innerer

Entwicklung zu führen haben. Da die Existenz des Kaiserreichs, der Grund

seines Bestehens auf dem Plebiscit beruht, so halte ich es für

bedenklich, der Sicherheit des Staatsgebäudes und vor allen Dingen auch

der Dynastie Gefahr bringend, wenn man ohne eine absolute Nothwendigkeit

auf die Grundfundamente der Monarchie wieder zurückgreift. Ich glaube

nicht, — verzeihen mir Eure Majestät, daß eine Dynastie wirklich auf die

Dauer feste und unzerstörbare Wurzeln schlagen kann, wenn bei jeder

Gelegenheit derjenige Faktor, der ihr das Leben gegeben, wieder in die

öffentliche Bewegung hineingezogen wird; das Volk durch unmittelbares

Plebiscit hat einmal gesprochen und das Kaiserreich begründet — die

weitere Entwicklung desselben muß nun seinen verfassungsmäßigen

Vertretern überlassen werden. Das Kaiserreich selbst darf nicht wieder

in Frage gestellt werden. Denken Eure Majestät, in welche gefährliche

Lage, in welche falsche Position ein Souverain kommen müßte, der wie

Eure Majestät es stets mit gerechtem Stolz gethan und wie Ihre

Nachfolger es ohne Zweifel ebenfalls thun werden, sich den Erwählten der

Nation nennt, wenn das Votum dieser Nation in einem spätern Plebiscit

ihm ungünstig wäre? Ein abfälliges Votum des Corps legislativ greift nur

das Ministerium an, ein abfälliges Plebiscit aber würde das Kaiserthum

und die Dynastie selbst in Frage stellen.“ —

„So weit wir aber die Stimmung im Lande kennen,“ fiel Herr Ollivier ein,

während der Kaiser fortwährend ganz theilnahmlos weiter zeichnete — „ist

garnicht an die Möglichkeit zu denken, daß die allgemeine Abstimmung

ungünstig ausfalle, vielmehr wird sie auf's Neue die Wurzeln des

Kaiserreichs und der Dynastie kräftigen und immer tiefer in das

nationale Bewußtsein dringen lassen.“

„Ich zweifle nicht an dem Ausfall der Abstimmungen,“ erwiderte Graf

Daru, indem flüchtig und fast unbemerkbar ein Zug feiner Ironie auf

seinem kalten bleichen Gesicht erschien, „auch spreche ich nicht von der

Thatsache, sondern von dem Prinzip, und im Prinzip muß ich dabei

bleiben, daß ein wiederholtes Plebiscit gefährlich für die Dynastie ist,

um so gefährlicher, wenn man jetzt etwa auf einen günstigen Ausfall

desselben einen besonderen Werth zu legen beabsichtigt. Je mehr

Bedeutung man dem zustimmenden Votum giebt, um so mehr gefährlicher

würde eines Tages eine feindliche Abstimmung werden können. Außerdem bin

ich des Erfolges noch nicht so vollkommen sicher. Die Majorität

Derjenigen, welche stimmen, wird mit ja stimmen, daran zweifle ich

nicht, ob es aber der Opposition nicht gelingen werde, eine sehr große

Majorität für die Stimmenenthaltung zu gewinnen, darüber bin ich noch

nicht vollkommen beruhigt; und der Eindruck einer solchen Enthaltung

würde nicht nur in Frankreich, sondern auch im Auslande ein sehr

bedenklicher sein müssen.“

Herr Ollivier, welcher sich unruhig hin und her bewegt hatte, wollte mit

einer Bemerkung einfallen.

Der Graf Daru erhob leicht mit einer artigen, aber bestimmten Wendung

die Hand gegen ihn und fuhr fort.

„Wenn ich schon aus Rücksicht auf das Kaiserthum selbst und auf die

Dynastie der Meinung bin, daß ein erneutes Plebiscit nur im Augenblick

einer öffentlichen Gefahr oder gewaltiger nationaler Anstrengungen

vorgenommen werden darf, so bestärkt mich in dieser Ansicht noch mehr

die Rücksicht auf die freie und verfassungsmäßige Entwicklung des

öffentlichen Lebens, deren Sicherung unsere Aufgabe ist. Wenn es als ein

Grundsatz des öffentlichen Rechts anerkannt wird, daß die Regierung in

jedem Augenblick und ohne bestimmte zwingende und in der Verfassung

vorgesehene Gründe sich an das Volk wenden kann, so wird jedes

constitutionelle Leben überhaupt eine Unmöglichkeit, denn die Regierung

hat es in der Hand, bei jedem Conflict mit den Gesetzgebenden

Körperschaften durch ein Plebiscit das ganze verfassungsmäßige Leben in

Frage zu stellen. Daß Eure Majestät niemals einen solchen Gedanken haben

werden,“ sagte er, sich gegen den Kaiser verneigend, — „davon bin ich

überzeugt, indessen bei der Beurtheilung öffentlicher Rechtsprinzipien

darf man nicht an die Person, sondern an die Sache und an die völlig

objectiv gestellte Frage denken. Für mich spricht also sowohl die

Rücksicht auf die Stabilität und die Unantastbarkeit der monarchischen

Staatsform und der Dynastie als diejenige auf die wahre Freiheit des

öffentlichen Lebens gegen eine Wiederholung des Plebiscits.“

„Sie würden also, mein lieber Graf,“ sagte der Kaiser, indem er einen

Augenblick flüchtig aufblickte und dann wieder in die Betrachtung des

auf dem Papier vor ihm nunmehr deutlich erkennbaren Adlerflügels

versank, „Sie würden also einer Berufung an das Volk Ihre Stimme nicht

geben und wollen?“

„Ich habe meine prinzipmäßigen Gründe gegen das Plebiscit

ausgesprochen,“ erwiderte der Graf. „Ich bin indessen ebenfalls

überzeugt, daß beim absolut starren Festhalten an den Prinzipien

practisch nicht regiert werden kann. Und da Eure Majestät und die

meisten meiner Kollegen die Volksabstimmung für zweckmäßig halten, so

würde ich mich derselben nicht unbedingt entgegenstellen.“

Der Kaiser zog seine Linien weiter und weiter. Ein zweiter Adlerflügel

begann sich an der Seite des ersten zu zeigen.

Auf Herrn Olliviers Gesicht erschien bei den letzten Worten des Grafen

Daru eine ziemlich erkennbare Verstimmung.

Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten sprach weiter:

„Die Bedenken, welche ich gegen eine Wiederholung des Plebiscits so eben

ausgesprochen und motivirt habe, können nach meiner Überzeugung auf eine

sehr einfache Weise zum großen Theil beseitigt werden: Wenn nämlich der

Grundsatz festgehalten wird, daß die Berufung an die unmittelbare

Volksabstimmung nur Statt finden dürfe, wenn sich die Regierung und die

Gesetzgebenden Körperschaften darüber verständigt haben. Dadurch würde

nach beiden Richtungen die Garantie gegen den Eintritt derjenigen

Gefahren gegeben, welche ich vorhin bezeichnete, und so würde die

Absicht Eurer Majestät erreicht. Ich glaube, daß der Herr

Großsiegelbewahrer,“ sagte er, sich an Ollivier wendend, „einer

Verständigung in der von mir angedeuteten Richtung nicht abgeneigt ist,

wenigstens habe ich bei meiner früheren Unterredung über diesen

Gegenstand bei ihm die Geneigtheit bemerkt, auf meine Prinzipien

einzugehen, und auf Grund derselben den Bestand des Cabinets zu

sichern,“ sagte er mit fester Stimme, sich gegen den Kaiser verneigend.

Dieser hob ein wenig den Kopf empor und richtete den Blick seines

vollständig verschleierten Auges auf Herrn Ollivier.

„Der Gedanke des Grafen Daru,“ sagte er ruhig, „scheint mir eine sehr

gute Grundlage für die Ausgleichung der entgegenstehenden Ansichten zu

bieten. Es wäre gewiß sehr wünschenswerth, eine solche Verständigung zu

erreichen, wenn dies nach Ihrer Überzeugung möglich ist.“

Herr Ollivier richtete sich grade empor, ließ den unsichern Blick über

seine in schweigender Zurückhaltung da sitzenden Kollegen gleiten und

begann dann mit nachdrücklicher Betonung:

„Ich glaube nicht, daß der Gedanke des Herrn Ministers der auswärtigen

Angelegenheiten ausführbar sei, wenn man sich die wahre staatsrechtliche

Natur der Frage klar macht. Das Volk,“ fuhr er fort, „die französische

Nation ist, Eure Majestät werden mir darin beistimmen,“ sagte er, sich

gegen den Kaiser verneigend — „der eigentliche, in letzter Instanz

definitiv über die Geschicke Frankreichs entscheidende Souverain. Die

Vertreter im Corps legislativ sind nur Delegirte. Es entspräche nicht

der Würde der Nation selbst, wenn Derjenige, an welchen sie ihre

Souverainetät deligirt hätte, erst die Genehmigung der lediglich für die

gesetzgeberische Arbeit abgeordneten Vertreter einholen müßte, um sich

in großen Nationallebensfragen an das Volk selbst wenden zu dürfen.

Zwischen dem Kaiser, das heißt dem General-Mandatar der souverainen

Nation und dem Volk selbst darf kein untergeordneter Faktor stehen. Sie

müssen frei, wenn es nothwendig ist, miteinander verkehren können, und

der Kaiser muß das Recht haben, auch ohne die Zustimmung der

parlamentarischen Körperschaften an das Volk selbst sich wenden zu

können. Jede zufällige Majorität der Kammer würde ja sonst die Macht

haben, die Berufung an das Volk zu verhindern. Ich für meine Person,“

schloß er mit bestimmtem Ton, „würde lieber dafür stimmen, das Plebiscit

überhaupt aufzugeben, als es auf diese Weise von der Zustimmung einer

Kammer abhängig zu machen, die vielleicht garnicht den Willen des ganzen

Volkes und sein wahres Interesse vertritt.“

Graf Daru hatte Herrn Ollivier ein wenig erstaunt angesehen, dann flog

abermals jener Zug feiner Ironie über sein Gesicht, und als der

Großsiegelbewahrer geendet, sprach er, während auf dem Papier des tief

gebückt dasitzenden Kaisers sich nunmehr zwischen den beiden Flügeln

auch der Kopf eines Adlers zu entwickeln begann:

„Ich bedaure, daß ich die Absicht des Herrn Großsiegelbewahrers bei

unserer letzten Unterredung so falsch oder unklar aufgefaßt habe. Wäre

mir damals seine Meinung so bestimmt erschienen, wie ich sie jetzt

verstehe, so hätte ich schon früher alle Hoffnungen und alle Versuche zu

einer Verständigung zu gelangen, aufgegeben. Ich muß Eurer Majestät

aufrichtig erklären, daß wenn das Plebiscit ohne vorherige Verständigung

mit der Kammer beschlossen werden sollte, ich nicht im Stande sein

würde, länger ein Mitglied des Kabinets zu bleiben.“

„Ich schließe mich der Erklärung des Herrn Grafen Daru vollständig an,“

sagte der Finanzminister Buffet mit rauhem und kurzem Ton. „Ich glaube,

daß die Wiederholung der Plebiscite die freie Bewegung des

konstitutionellen Lebens unmöglich macht und den Staat fortwährend mit

der Wiederkehr absoluter Autocratie bedroht. Ich bitte Eure Majestät,

wenn das Plebiscit nach der Anschauung des Herrn Großsiegelbewahrers

beschlossen werden sollte, meine Entlassung zu genehmigen.“

„Und was meinen die übrigen Herren Minister,“ fragte der Kaiser, unter

dessen Bleistift sich nunmehr auch ein großer Adlerkopf bildete.

„Ich stimme Herrn Ollivier bei,“ sagte Ségris.

„Ich würde um der Einheit des Bestandes des Cabinets willen,“ sagte der

Marquis von Talhouet, „wünschen, daß auf dem Boden des vom Grafen Daru

ausgesprochenen Gedankens eine Verständigung erzielt werde. Indessen

kann ich nicht mein Verbleiben im Cabinet von dieser Frage abhängig

machen, und ich hoffe,“ fügte er verbindlich sich gegen den Grafen von

Daru verneigend, hinzu, „daß auch unser verehrter Kollege von diesem

äußersten Entschluß zurückstehen werde.“

Graf Daru schüttelte schweigend den Kopf.

„Ich habe,“ rief Herr Ollivier rasch, „wahrlich für die Freiheit und die

Rechte des Volkes gesprochen und gekämpft. Niemand wird mir dies Zeugniß

versagen können. Jetzt aber ist es auch meine Pflicht, die Rechte der

Krone zu vertreten und zu vertheidigen, und ich würde in einer solchen

Anschauung der kaiserlichen Initiative, wie sie der Graf Daru

vorschlägt, eine sehr gefährliche und bedenkliche Schmälerung der

kaiserlichen Rechte erblicken.“

Der Marschall Leboeuf und der Admiral Rigault de Genouilly stimmten in

kurzen Worten dem Herrn Ollivier bei; ebenso Herr Maurice Richart und

Herr Chevandier de Valdrome.

Zu den Flügeln und dem gekrönten Kopf des Adlers war auf dem Papier des

Kaisers bereits noch eine Kralle hinzugetreten, auf welcher ein kleiner

Reichsapfel ruhte.

Der Kaiser richtete ein wenig den Kopf auf, ohne daß sein Bleistift

aufhörte in langsamer, anscheinend fast unwillkürlicher Bewegung Linie

an Linie zu reihen.

„Ich höre also,“ sagte der Kaiser, „daß die Mehrzahl meiner Herren

Minister dem Herrn Großsiegelbewahrer vollständig beipflichten, welcher

sich für die schleunige Ausführung des Plebiscits und zwar ohne

vorherige Verständigung mit den Kammern ausgesprochen hat. Hätten die

Herren Minister gegen das Plebiscit überhaupt Bedenken gehabt, so hätte

ich meinerseits kaum einen Grund gehabt, dasselbe durchaus zu wünschen,

so sehr ich auch überzeugt bin, daß es den Institutionen des

Kaiserreichs neue Kräfte geben werde. Da aber die große Majorität meiner

Minister das Plebiscit für zweckmäßig und nothwendig hält, da sie zu

gleicher Zeit die Modalität, welche der Graf Daru vorgeschlagen, nicht

zu acceptiren geneigt sind, so bleibt mir nichts anderes übrig, als

nochmals Sie, Herr Graf, zu bitten, aus der Sache keine Cabinetsfrage zu

machen und Sie, Herr Minister,“ sagte er, sich an Herrn Ollivier

wendend, „reiflich zu überlegen, ob Sie nicht im Stande wären, eine

Kombination zu finden, welche sich dem Grafen Daru nähert, und es ihm

möglich macht, Mitglied des Cabinets zu bleiben, in welches ich ihn mit

so vielem Vertrauen berufen habe, und aus welchem ich ihn nur mit

aufrichtigem Schmerz würde scheiden sehen.“

Es war fast ein ängstlicher Ausdruck, mit welchem Herr Ollivier den

Kaiser bei den letzten Worten ansah.

„Eure Majestät wissen,“ sagte er schnell, „wie hohen Werth ich auf die

Freundschaft und Mitwirkung des Grafen Daru und auf sein Verbleiben in

dem Ministerium lege; indessen meine Anschauung und Überzeugung steht

fest, und wie ich niemals im politischen Leben von derselben abgewichen

bin, so kann ich es auch jetzt nicht, selbst auf die Gefahr hin, die

bisher so fruchtbare und hoch erfreuliche gemeinschaftliche Arbeit mit

dem Herrn Grafen zu unterbrechen. Meine Überzeugung steht fest,“ sagte

er, die Hand auf die Brust legend, „und da auch die meisten meiner

Kollegen dieselbe theilen, so kann ich um so weniger in einer so hoch

wichtigen Frage auf irgend einen Kompromiß eingehen.“

„Ich habe also,“ sagte der Graf Daru, ohne daß irgend eine Bewegung auf

seinem Gesicht bemerkbar wurde, „Eure Majestät nochmals bestimmt um

meine Entlassung zu bitten, da ich nicht im Stande bin, der von der

Mehrzahl meiner Kollegen beschlossenen Maßregel meine Zustimmung zu

geben.“

„Ich muß die gleiche Bitte an Eure Majestät richten aus dem gleichen

Grunde,“ sagte Herr Buffet.

Der Adler auf dem Papier des Kaisers hatte eine zweite Kralle erhalten.

„Ich kann,“ sagte Napoleon, „da ich ja nicht mehr der persönliche

Autokrat bin,“ fügte er lächelnd hinzu, „gegen den Beschluß meiner

Minister nichts thun. Ich bitte Sie indeß, meine Herren,“ fuhr er fort,

sich an die übrigen Minister wendend, „daß Sie sich der Aufgabe

unterziehen mögen, in privater Besprechung und durch persönliche

Einwirkung ein Einverständniß zwischen dem Grafen Daru und Herrn

Ollivier zu ermöglichen. Ich bin überzeugt,“ fuhr er fort, indem er mit

der linken Hand über seinen Bart fahrend den Mund verdeckte, während

seine Rechte in der Kralle des Adlers vor ihm ein großes, hoch

aufragendes Schwert erscheinen ließ, „daß Herr Ollivier ebenso wie ich

das Ausscheiden des Grafen aus dem Cabinet beklagen würde, daß er Alles

aufbieten wird, um eine Verständigung herbeizuführen. In einem Punkt bin

ich jedoch vollkommen der Meinung, welche sich die meisten Herren hier

angeeinigt haben, daß nämlich schnell gehandelt werden müsse, um der

Opposition nicht die Zeit zu lassen, die Stimmenenthaltung zu

organisiren. Ich hoffe also,“ sagte er aufstehend, indem er den

Bleistift neben dem nunmehr vollendeten und mächtig bewehrten Adler

niederlegte, „daß Sie mir morgen die Mittheilung von Ihrer allseitigen

Verständigung machen werden, daß wir Alle miteinander gemeinschaftlich

bei der Durchführung des begonnenen Werkes weiter arbeiten werden.“

Er verneigte sich mit verbindlicher Höflichkeit nach allen Seiten und

verließ das Konferenzzimmer, in welchem die Minister noch fast eine

Stunde zurückblieben, auf alle mögliche Weise versuchend, das

Einverständniß zwischen Herrn Ollivier und dem Grafen Daru herzustellen.

Alle Versuche scheiterten jedoch an der kalten Ruhe, mit welcher der

Graf Daru an seiner Ansicht festhielt und an der pathetischen

würdevollen Unbeugsamkeit, mit welcher Herr Ollivier erklärte, auch

nicht in einem Punkt von seiner Überzeugung abgehen zu können.

Siebentes Capitel.

Napoleon war in sein Cabinet zurückgekehrt, heiter und zufrieden

lächelnd rieb er sich leicht die Hand, während er einige Male langsam

auf- und niederging.

„Alles geht vortrefflich, Drouin de L'huys hat vollkommen Recht, diesen

Ollivier kann man Alles thun lassen, was man will, ein wenig Balsam für

seine Eitelkeit, ein wenig Köder für seinen Ehrgeiz, und er lancirt sich

gesenkten Hauptes in jede Bahn, auf welcher man seiner bedarf. Die Dinge

fügen sich so gut, wie ich es nur irgend wünschen kann, das Plebiscit

wird gemacht, — und ich bedarf des Plebiscits,“ sagte er sinnend vor sich

hinblickend, „um diesen unversöhnlichen Rednern der Kammer zu zeigen,

daß sie nicht mich angreifen, sondern den Willen der Gesammtnation, und

daß nicht sie die Vertreter der Anschauungen Frankreichs sind, sondern

ich selbst, — ich bedarf es dem Auslande gegenüber, um den europäischen

Cabinetten zu zeigen, daß ich noch heute so unumschränkt wie früher über

die Macht Frankreichs gebiete, — das Plebiscit wird gemacht werden, und

zwar bin nicht ich es, der es macht, sondern meine Minister unter der

Führung dieses höchst liberalen und konstitutionellen Herrn Ollivier.

Und wenn dieser zweifelhafte Graf Daru und dieser schwer zu behandelnde

Buffet aus dem Cabinet ausscheiden, so werde nicht ich sie entlassen

haben, sondern sie werden es sein, die sich von der Majorität der

Minister trennen. Alles ist ja konstitutionell und verfassungsmäßig,“

sagte er lächelnd, „und doch geschieht es wie ich will. Vielleicht,“

sprach er nachdenklich, „läßt sich mit dieser konstitutionellen Maschine

noch besser regieren, als wenn man allein steht und ganz allein auch

alle Verantwortlichkeit tragen muß.“

Er ließ sich langsam in seinen Lehnstuhl nieder, bereitete sich

sorgfältig aus dem auf einem kleinen Tisch daneben stehenden türkischen

Taback eine Cigarrette, entzündete dieselbe an der brennenden Kerze und

bewegte eine kleine Handglocke.

„Bereiten Sie Alles vor,“ sagte er dem eintretenden Kammerdiener, „ich

will meine militairische Promenade machen, in einer Stunde habe ich

eine Revue abzuhalten.“

Der Kammerdiener entfernte sich durch die Thür, welche in das

Toilettenzimmer des Kaisers führte.

„Der Graf Bismarck,“ sagte der Kaiser, indem er mit vergnügtem Gesicht

die blauen Wolken des aromatischen Tabacksrauchs in die Luft blies, „hat

Recht mit dem Rath, den er mir einst gab, je mehr ich die

konstitutionelle Doctrin in die Regierung einführe, um so mehr muß ich

meine militairische Macht stärken und das persönliche Band zwischen mir

und der Armee fester ziehen, damit habe ich das Correctiv in der Hand,

und wenn die Wellen jemals zu hoch gehen sollten, so wird es leicht

sein, sie wieder auf das richtige Niveau zurückzuführen. Bis jetzt sind

sie noch leicht zu leiten und trägt das Schiff das Kaiserreich ruhig in

der Richtung fort, welche ich vorgezeichnet habe,“ — und sich bequem auf

den Stuhl zurücklehnend schloß er halb träumend die Augen, indem er in

großen Zügen den duftigen Rauch seiner Cigarrette einsog.

Nach einiger Zeit öffneten sich die Flügel der Thüre, und die Kaiserin

schritt schnell, noch bevor der Huissier sie anmelden konnte, an

demselben vorüber in das Zimmer.

Ihre Mienen zeigten Unruhe und lebhafte Bewegung, sie eilte auf den

Kaiser zu, welcher sich langsam erhob, drückte ihn sanft wieder in

seinen Lehnstuhl zurück und sagte, indem sie sich ihm gegenüber setzte:

„Ich höre, daß die Ministerconferenz zu Ende ist und bin

unendlich gespannt, was das Resultat derselben sei, — sobald die

Meinungsdifferenzen ausgeglichen, wird das Plebiscit ohne Schwierigkeit

durchgeführt werden?“

„Das Plebiscit ist beschlossen,“ sagte der Kaiser, indem er den Rest

seiner Cigarrette fortwarf, „die große Majorität meiner Minister waren

darüber einig, nur,“ fügte er mit einem schnellen Blick auf seine

Gemahlin und einem fast unwillkürlichen Lächeln hinzu, „Graf Daru und

Herr Buffet können sich der Ansicht der Uebrigen nicht anschließen. Ich

werde sie verlieren,“ fügte er wie bedauernd den Kopf schüttelnd hinzu,

„ich habe ihnen die Entlassung, um die sie gebeten, nicht verweigern

können, da sie sich nicht im Einklang mit den Uebrigen befinden.“

Die Kaiserin schlug ihre schlanken weißen Hände gegen einander, ein

Blitz triumphirender Freude sprühte in ihren Augen auf.

„Wir sind Daru los,“ rief sie aus, „diesen verkappten Orleanisten,

diesen Freund des Protestanten Guizot, der uns mit dem heiligen Stuhl

hätte brouilliren mögen. Welch ein Glück,“ — fuhr sie nach einer kleinen

Pause fort, — „haben Sie schon darüber nachgedacht, wer sein Nachfolger

in den auswärtigen Angelegenheiten sein soll?“

„Das ist eine sehr schwierige Frage,“ sagte Napoleon langsam, — „eine

sehr schwierige Frage, welche ein tiefes und eingehendes Nachdenken

erfordert. Ich glaube, da das ganze Interesse sich in diesem Augenblick

auf die inneren Fragen concentrirt und wir eigentlich gar keine

auswärtige Politik machen, so wird es am besten sein, das Provisorium

einige Zeit lang bestehen zu lassen — Ollivier ist bereit, dasselbe zu

führen.“

Immer strahlender und heiterer wurde das Gesicht der Kaiserin.

„Ollivier,“ rief sie, „das Provisorium des auswärtigen Ministeriums!

Louis,“ rief sie, ihm die Hand reichend, welche er galant an die Lippen

führte, „ich bewundere Sie, das ist ein Meisterstreich! Dieser Ollivier

ist ein Schleier, den man ganz Europa gegenüber über unsere Politik

wirft, und hinter diesem Schleier wird man thun und vorbereiten können,

was man will, ohne daß irgend Jemand, er selbst am wenigsten,“ sagte

sie lachend, „eine Idee davon hat. Aber später,“ sagte sie dann — „nach

Ollivier, denn Ollivier kann doch nur so lange Minister sein, bis —“ sie

unterbrach sich —

„bis wir es für zweckmäßig finden werden,“ ergänzte der Kaiser ihren

Satz, „unserer auswärtigen Politik einen bestimmten Stempel

aufzudrücken, und dann wird die Wahl der Person doch immer von dem

System abhängig sein müssen, welches dann zu befolgen für nothwendig

erscheinen sollte.“

„Ich habe Ihnen neulich von Grammont gesprochen,“ sagte Eugenie mit

einem forschenden Blick auf den Kaiser, „der mir alle Eigenschaften in

sich zu vereinigen scheint, welche Ihr auswärtiger Minister in einem

entscheidenden Augenblick haben müßte, und der Ihnen persönlich und

unserer Dynastie tief ergeben ist, indem er die monarchischen

Traditionen seiner legitimistischen Familie nunmehr auf das Kaiserreich

überträgt, nachdem er sich dem Dienst desselben gewidmet hat. Grammont

kennt besonders genau die Verhältnisse Österreichs, das doch für unsere

auswärtige Politik und für unsere auswärtige Action,“ fügte sie mit

besonderer Betonung hinzu, „einer der wichtigsten Factoren ist.“

„Es würde nur darauf ankommen,“ sagte der Kaiser, ohne den Blick seiner

Gemahlin zu erwidern, „welche Politik man nach Außen inauguriren wird,

nachdem diese inneren Angelegenheiten zum Abschluß gebracht sind. Unter

gewissen Verhältnissen würde allerdings Grammont eine sehr geeignete

Persönlichkeit sein.“

„Unter allen,“ sagte die Kaiserin, „Grammont ist ebenso geschickt und

geschmeidig, als ergeben.“

„Nun,“ sagte der Kaiser, „man könnte ihn ja dann wieder hierher kommen

lassen. Ich habe früher ausführlich mit ihm über die Lage der

Verhältnisse gesprochen und würde persönlich sehr gern mit ihm

verkehren. Es käme aber darauf an, ob er sich mit den übrigen Führern

des Cabinets verständigen könnte, denn wir haben ja jetzt ein

constitutionelles Regiment —“

Die Kaiserin zuckte die Achseln.

„Namentlich,“ fuhr Napoleon fort, „ob er mit Ollivier zu harmoniren im

Stande wäre!“

„Ollivier,“ rief die Kaiserin, „dieser spartanische Bürger wird

überglücklich sein, in einem Cabinet mit einem Herzoge aus dem alten

Hause der Guiche und der Grammont sich zu befinden.“ —

„Wir wollen weiter darüber sprechen, wenn das Plebiscit vollendet sein

wird,“ sagte der Kaiser.

Die Kaiserin ließ einen Augenblick mit einer anmuthigen Beugung ihres

schlanken Halses den Kopf auf die Brust sinken.

„Er hat einen Hintergedanken,“ flüsterte sie unhörbar.

Dann blickte sie den Kaiser mit ihren großen, klaren Augen ruhig und

gleichgültig an.

„Man hat in diesen Tagen,“ sagte sie, „wieder von einer Combination

gesprochen, welche, wie ich glaube, schon im vorigen Jahre einmal

flüchtig erörtert wurde, von einer Candidatur des Prinzen von

Hohenzollern für den spanischen Thron“ —

Der Todesgruß der Legionen, 2. Band · 第 5 / 6 题