Viertes Capitel

Die schöne Tochter des Commerzienraths Cohnheim hatte seit dem Ball

bei ihren Eltern still und traurig ihre Tage verbracht. Sie saß in

tiefen Gedanken versunken an ihrem Fenster, oft sank die Stickerei, mit

welcher sie sich beschäftigte, auf ihren Schooß, während sie auf die

noch winterlichen Bäume des Thiergartens hinausblickte.

Doch war sie nicht traurig, oft umspielte ein stilles, glückliches

Lächeln ihren Mund, und hoher Muth und freudige Hoffnungen leuchteten

aus ihren Augen.

Ihre Mutter ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um sie in trockner und

wenig liebevoller Weise darauf aufmerksam zu machen, wie unpassend es

sei, wenn sie, die Tochter des reichen Commerzienraths, der zu den

ersten Finanzgrößen der Residenz gehöre, mit Nichts bedeutenden

untergeordneten Officieren von der Linie den Cotillon tanze und Herren

von Stellung und Distinction zurückweise. Ihre Mutter betrachtete das

Alles nur als eine Frage der äußeren Rücksichten auf die Stellung des

Commerzienraths. Aus ihren Reden ging hervor, daß sie sich nicht die

entfernteste Möglichkeit träumen ließe, ihre Tochter könne wirklich in

einem armen und unbedeutenden Offizier etwas Anderes finden, als einen

guten angenehmen Tänzer.

Und Fräulein Anna, hörte alle mütterlichen Ermahnungen ruhig mit

gleichgültigem Lächeln an — sie wartete ihre Zeit ab und wußte, daß, wenn

dieselbe gekommen, sie die Kraft und Willen genug haben würde, dem Zorn

ihrer Mutter zu trotzen.

Der Commerzienrath hatte viel mit dem Baron Rantow verkehrt und oft

hatte er bei Tische erzählt, wie vortrefflich das Geschäft sei, welches

er in Gemeinschaft mit dem Baron zu machen im Begriff stehe. Er hatte

seiner Frau, welche aufmerksam, mit großem Interesse seinen

Mittheilungen folgte, auseinandergesetzt wie hoch der Gewinn sein würde,

welchen die Gesellschaft, welche er gegründet, aus der auf den Gütern

des Barons eingeführten Industrie ziehen müsse und um wieviel sich

zugleich durch diese Combination das Vermögens des Barons und das

dereinstige Erbtheil seines einzigen Sohnes vergrößern werde. Er hatte

dabei die persönliche Liebenswürdigkeit des jungen Herrn von Rantow und

seine Aussichten auf eine brillante Carriere ganz besonders

hervorgehoben, indem er mit listigem Schmunzeln einen forschenden Blick

auf seine Tochter warf. Aber jedesmal, wenn es geschehen war, hatte

Fräulein Anna ihn so kalt und streng zurückweisend angesehen, hatte

seine Bemerkungen mit einem so unverbrüchlichen eisigen Schweigen

aufgenommen, daß der alte Herr, welcher seine Tochter abgöttisch liebte

und ihr gegenüber stets nur schwache Versuche machte, seinen Willen

durchzusetzen, schnell auf ein anderes Gesprächsthema übergegangen war.

Dann war die ganze Familie einmal bei dem Baron von Rantow zum Thee

eingeladen worden. Man hatte dort einige ältere Herren, Freunde des

Barons, gefunden, welche sehr vornehme Namen trugen und sehr vornehme

Manieren hatten, und die Commerzienräthin hatte in diesen Kreisen noch

steifer, noch würdevoller als je dagesessen und mit einem unzerstörbaren

Lächeln auf den Lippen an der Unterhaltung nur durch kurze

sentenzenhafte Bemerkungen Theil genommen, welche die strengsten

aristokratischen Grundsätze aussprachen.

Der Commerzienrath war lebendiger, beweglicher und gesprächiger als je

gewesen, er hatte den Baron mehrere Male „mein verehrter Freund“, einmal

sogar „mein lieber Freund“ genannt. Er hatte seine finanziellen Ideen

unter großer Aufmerksamkeit der Zuhörer entwickelt, er hatte von den

Hunderttausenden erzählt, die er in diesem und in jenem Geschäft

engagirt habe; er hatte die Bezugsquellen seiner vortrefflichen Weine

mitgetheilt, und ein alter Graf hatte ihn sogar freundlich auf die

Schulter geklopft und ihm versprochen, ihn einmal zu besuchen, um seinen

Château Lafitte zu probiren.

Kurz Herr und Frau Cohnheim waren glücklich und befriedigt über diese

intime Soirée bei dem Baron.

Der Referendarius von Rantow hatte seine ganze Aufmerksamkeit Fräulein

Anna gewidmet, ohne indeß etwas Anderes erreichen zu können als einige

hingeworfene, gleichgültige, oft sogar etwas sarkastische Bemerkungen.

Als man wieder nach Hause gekommen, hatte die Frau Commerzienräthin

ihrer Tochter abermals eine Vorlesung über ihr abstoßendes Benehmen

gegen den jungen Rantow gehalten, ohne etwas Anderes zu erzielen, als

ein tiefes Schweigen ihrer Tochter.

Der Commerzienrath hatte einen schwachen Versuch gemacht, seine Frau zu

unterstützen, er hatte einige Andeutungen fallen lassen, was der junge

Herr von Rantow für eine gute Partie sei, und wie die Damen der höchsten

Aristokratie glücklich sein würden, wenn seine Wahl auf sie fallen

sollte, aber schnell hatte er sich vor dem ernsten abweisenden Blick

seines Lieblings zurückgezogen und seiner Frau allein die Sorge

überlassen, eine Idee, welche er mit besonderer Liebe in sich trug, dem

jungen Mädchen annehmbar zu machen.

Fräulein Anna hatte nach dieser Soirée eine schlaflose Nacht zugebracht,

sie hatte seit jenem Ball von dem Lieutenant von Büchenfeld Nichts

wieder gehört. Er hatte in dem Hause des Commerzienraths einen Besuch

gemacht zu einer Zeit, wo er gewiß war, Niemand zu Hause zu treffen;

obgleich Anna fast den ganzen Tag an ihrem Fenster saß und auf die

lebhafte Thiergartenpromenade herabsah, hatte sie doch niemals den

erblickt, den ihre Augen suchten, nach dem ihr Herz sich sehnte.

Sie saß nachdenkend auf dem Divan in ihrem eleganten Schlafzimmer, das

durch eine Hängelampe mit dunkelblauem Schirm erleuchtet war. Ihr

schöner Kopf war auf ihre zarte, schlanke Hand gestützt und ihre

aufgelösten Haare fielen über den weißen Arm nieder, von welchem der

weite Ärmel ihres faltigen Schlafrockes von grauer Seide herabgesunken

war.

„Er liebt mich,“ flüsterte sie leise vor sich hin, — „das hat mein Herz

lange empfunden, er hat es mir gesagt, und wenn er das sagt, so ist es

wahr, denn für ihn ist die Liebe kein Spiel, und seine Worte sind ein

Felsen, dem ich unbedingt vertraue. Aber warum ist er verschwunden,“

fuhr sie fort, „warum hat er seit jenem Tage, der alle fremden Schranken

zwischen uns hätte hinwegräumen sollen, der uns gegenseitig unsere

Herzen geöffnet hat, Nichts mehr von sich hören lassen? Warum hat er

einen ceremoniellen Besuch gemacht, als er wußte, daß er uns nicht

finden konnte? Ich kann das nicht ertragen,“ rief sie, leicht mit dem

zierlichen Fuß auf den Boden tretend, „diese unklare, peinliche Lage muß

ein Ende nehmen. Meine Mutter verfolgt mich mit diesem Herrn von

Rantow, — es ist ein Plan vorhanden, in den ich nicht einwilligen werde!

Auch mein Vater scheint ähnliche Gedanken zu haben. Nun,“ sagte sie

trotzig die Lippen aufwerfend — „das beunruhigt mich nicht, mein Vater

wird mir gegenüber nicht den Tyrannen spielen, — aber ein Ende muß das

nehmen, klar muß Alles werden! Doch wie,“ sprach sie sinnend, „was soll

ich meinen Eltern sagen, wenn sie mit directen Vorschlägen an mich

herantreten? Soll ich ihnen sagen, ich liebe einen Mann, der es nicht

der Mühe werth hält, sich mir zu nähern?“

Sie sann lange nach.

„Sollte ich ihn gekränkt haben,“ flüsterte sie leise — „er ist

empfindlich und leicht verletzt. Doch nein, nein,“ rief sie dann, „ich

erinnere mich jedes Wortes das ich ihm gesagt habe, und alle meine Worte

sprachen deutlicher vielleicht, als ich es hätte thun sollen, meine

Liebe zu ihm aus. Nein,“ rief sie, „er kann nicht zweifeln, daß mein

Herz ihm gehört. Es ist nur sein Stolz, sein harter unbeugsamer Sinn,

der ihn von mir zurückhält. Und hat er,“ fuhr sie fort, indem ihre Augen

sanft und weich vor sich hinblickten, „hat er nicht Recht, so stolz zu

sein, er ist arm und die Macht des Geldes beherrscht die Welt, und doch

fühlt er seinen eigenen Werth. Und darum gerade,“ rief sie

leidenschaftlich, „darum liebe ich ihn — aber soll ich ihn verlieren,

weil mein Vater reich und er arm ist, darf ich ihn so vielleicht für

immer von mir gehen lassen — es klang wie ein Abschied in seinen letzten

Worten. Fürchtet er, mich wieder zu sehen, um sich selbst nicht untreu

zu werden? Ich muß ihn sehen,“ sagte sie aufspringend, „ich muß ihn

sprechen, ich muß mit ihm Hand in Hand vor meinen Vater hintreten und

laut das Gefühl meines Herzens bekennen. Oh,“ sagte sie, sich hoch

aufrichtend, „diesem Baron von Rantow gegenüber und all den Herren

gegenüber, die mich umschwärmen, die da glauben, daß sie gestützt auf

ihre großen Namen und ihre Stellung nur die Hand ausstrecken dürfen, um

mit der Tochter des reichen Commerzienraths ein großes Vermögen zu

erwerben, — ihnen gegenüber fühle ich den Stolz einer Königin in mir, es

reizt mich, ihnen zu zeigen, daß ich mich höher achte, als sie Alle.

Aber ihm gegenüber, ihm, den ich liebe, diesem edlen, reichen und treuen

Herzen gegenüber will ich demüthig sein. Er soll sehen, wie ich Alles,

was ich ihm bieten kann, für Nichts achte und wie ich glücklich bin, daß

er mich seiner Liebe werth gefunden, ihn will ich bitten, mich nicht zu

verlassen, ihm gegenüber will ich keinen Stolz haben, und so will ich

ihn zwingen, auch seinen Stolz aufzugeben.“

Sie öffnete ein zierliches Etui von rothem Leder, nahm einen kleinen

Bogen goldgerändertes Briefpapier aus demselben und schrieb hastig,

während ihre Wangen sich mit dunklem Purpur färbten, einige Zeilen.

Dann las sie dieselben durch.

„Es ist etwas Ungewöhnliches, was ich da thue,“ sagte sie, „jedem

andern Manne gegenüber würde es eine Selbsterniedrigung sein — aber er

wird mich verstehen, er wird fühlen, daß er kein Recht mehr hat, seinem

stolzen Eigenwillen zu folgen, wenn ich mich so vor ihm beuge, wenn ich

mich so in seine Hände gebe.“

Rasch faltete sie den geschriebenen Brief zusammen verschloß ihn in eine

Enveloppe und setzte die Adresse auf dieselbe.

„Es wird Licht werden,“ sagte sie dann, „ich werde den Brief zur Post

tragen, Niemand wird etwas davon erfahren und er wird sicher meiner

Bitte folgen.“

Die bange Unruhe verschwand aus ihrem Gesicht, langsam entkleidete sie

sich, die Gedanken an den Geliebten begleiteten sie in ihren Schlummer

und gestalteten sich zu schönen und lieblichen Träumen künftigen

Glückes.

* * * * *

Der Lieutenant von Büchenfeld hatte seit seiner Erklärung mit Fräulein

Cohnheim viel mit sich selbst gekämpft. Er war nach einer ziemlich

einsamen Jugend im stillen Hause seines Vaters bei seiner Anwesenheit in

Berlin zum ersten Mal in die größern Kreise der Welt eingetreten, und

die Liebe zu dem jungen Mädchen hatte mit übermächtiger Kraft sein tief

empfindendes, in sich selbst zurückgezogenes Herz erfüllt, ein ganz

neues Leben war ihm aufgegangen, und sein ganzes Wesen war durchdrungen

von dem tiefen Gefühl, das ihn erfüllte. Die starren Begriffe von Ehre

und männlicher Würde, welche die Erziehung seines Vaters in ihn gelegt,

kämpften gegen diese Liebe an, und sein Blut empörte sich bei dem

Gedanken, daß man seiner Bewerbung um die Tochter des reichen

Commerzienraths materielle Motive unterlegen könnte, sein Stolz bäumte

sich auf, wenn er sich die Möglichkeit dachte, daß er kalt und

hochmüthig zurückgewiesen werden könnte, und selbst wenn es ihm gelingen

würde, seine Geliebte zu erringen, so schauderte er vor dem Gedanken

zurück, seine Lebensstellung auf das Vermögen seiner Frau zu begründen.

Er hatte sich eine Zeit lang von seinen Gefühlen hinreißen lassen, er

war dem jungen Mädchen näher und näher getreten, endlich aber hatte er

mit dem festen Entschluß sich von allen Illusionen zu trennen sich gegen

sie aussprechen wollen, um zugleich für immer von ihr Abschied zu

nehmen.

Da hatte sie in wunderbarer Offenheit ihm ihr Herz geöffnet, er hatte

mit Entzücken, aber fast auch mit Schrecken gesehen, daß seine Gefühle

so stark und so warm erwiedert würden.

Im ersten Augenblick hatte der Glanz dieses Glückes ihn geblendet, aber

am anderen Tage war der Stolz wieder in ihm mächtig geworden, er hatte

den festen Entschluß gefaßt, einsam durch das Leben zu gehen und nur auf

seine eigene Kraft seine Zukunft zu begründen, und er wollte, um den

Kampf siegreich zu bestehen, Fräulein Cohnheim nicht wiedersehen, so

lange sein Commando in Berlin noch dauerte.

Oft zog es ihn nach dem Thiergarten hin, um wenigstens von ferne die

geliebten Züge zu erblicken, die so tief in sein Herz gegraben waren,

aber mit eiserner Willenskraft hielt er sich zurück und vermied

sorgfältig alle Kreise, in denen er Fräulein Cohnheim hätte begegnen

können. Nur am späten Abend ging er hinaus und blickte aus der tiefen

Dunkelheit zu dem erleuchteten Fenster, durch welches er zuweilen die

Umrisse der schlanken Gestalt seiner Geliebten entdecken konnte. Lange

stand er dort an einen Baum gelehnt, in schmerzliche Träumerei

versunken, aber sein Entschluß blieb fest, am Tage betrat er niemals die

Gegend, in welcher er so oft seine schmerzlichen Seufzer zum nächtlichen

Himmel sandte.

Er wurde in seiner stolzen Zurückhaltung noch bestärkt durch die

Bemerkungen, welche sein Vater ihm über sein Gespräch mit dem Baron von

Rantow gemacht hatte. Der alte Herr hatte sich sehr zornig gegen seinen

Sohn darüber geäußert, daß sein Jugendfreund, ein alter Edelmann aus

bester Familie sich zu industriellen Geschäften mit dem Commerzienrath

associirt habe, und daß er, wie es schien, sogar die Idee nicht als

unmöglich verwerfe, die beiden durch das gemeinsame Unternehmen noch

immer weiter zu vermehrenden Vermögen durch eine Heirath seines Sohnes

mit dem Fräulein Cohnheim mit einander zu verbinden.

Mit traurig bitterm Lächeln hatte der junge Mann den unwilligen Worten

seines Vaters zugehört.

Der alte Herr hatte in diesem Lächeln eine Zustimmung zu seinem so

mißfälligen Urtheil über die moderne Handlungsweise seines Freundes zu

finden geglaubt und, indem er seinen Sohn auf die Schulter klopfte, laut

ausgerufen:

„Wir würden so Etwas nicht thun, die Büchenfelds mögen kein so vornehmes

und kein so begütertes Geschlecht sein, wie die Freiherren von Rantow,

aber mit den Börsenspeculanten würden wir weder unsere Geschäfte, noch

unser Blut vermischen.“

Unbeschreibliche Gefühle hatten das Herz des jungen Mannes bei diesen

Worten seines Vaters zusammengeschnürt, ohne zu antworten, war er

aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen.

Einige Tage später hatte ihm der alte Herr nach einem Besuch bei dem

Herrn von Rantow in höchster Entrüstung mitgetheilt, daß nicht nur das

Geschäft zwischen dem Baron und dem Commerzienrath zur industriellen

Ausbeutung der Rantow'schen Erbgüter beschlossen sei, sondern daß er nun

auch schon die Verbindung des jungen Rantow mit dem Fräulein Cohnheim zu

seinem tiefen Schmerz als gewiß ansähe.

Immer fester war nach solchen Mittheilungen der Entschluß des jungen

Mannes geworden, das junge Mädchen nicht wieder zu sehen, der alle

Regungen seines Herzens gehörten und welche doch von ihm durch alle

Hemmnisse und Schranken getrennt war, welche die Verhältnisse der Welt

zwischen zwei Menschenherzen aufzurichten im Stande sind.

Immer eifriger hatte er sich in seine Studien vertieft, — er suchte durch

die Arbeit den Schmerz zu besiegen, der so verzehrend sein ganzes Wesen

durchdrang, er suchte mit aller Kraft seines Geistes, mit aller

Anstrengung seines Willens sich durch eine unausgesetzte Thätigkeit für

eine große und wirkungsvolle Carrière vorzubereiten. Er wollte durch den

Ehrgeiz die Liebe tödten, denn einer großen und mächtigen, Alles

beherrschenden Regung bedurfte er für sein inneres Leben, dem das

gleichgültige Einerlei eines zwecklosen Vegetirens nicht genügte.

An dem Tage, an dessen Vorabend Fräulein Anna in nächtlicher Stille den

Entschluß gefaßt hatte, alle Zweifel ihres Herzens einer entscheidenden

Lösung zuzuführen, war der junge Officier um die Mittagsstunde von der

Kriegsschule zurückgekehrt und trat in das Zimmer seines Vaters, in

welchem der alte Diener des Oberstlieutenants, der lange Jahre sein

Bursche gewesen und nach dem Abschied seines Herrn in dessen

Privatdienst geblieben war, so eben das bescheidene Diner servirte,

welches der alte Herr für sich und seinen Sohn aus einem nahe gelegenen

kleinen Hotel holen ließ.

„Du siehst bleich aus,“ sagte der alte Herr, indem er seinen Sohn mit

sorgenvoller Theilnahme ansah, „ich fürchte, Du arbeitest zu viel. Es

ist zwar sehr gut, wenn man etwas recht Tüchtiges lernt, aber man darf

darum kein Kopfhänger werden. Du gehst nicht mehr aus, Du bist fast

jeden Abend zu Hause, Du besuchst keine Gesellschaften mehr — Du darfst

Dich nicht zu sehr anstrengen. Zu meiner Zeit,“ sagte er, sich den

Schnurrbart streichend, „waren wir jungen Officiere anders, wenn es

keine Gesellschaften gab, so gingen wir wenigstens in die Natur hinaus

und machten fröhliche Streifzüge durch Wald und Feld. Damals hätten wir

es nicht für die Aufgabe des Soldaten gehalten, hinter den Büchern zu

sitzen und zu lesen und zu arbeiten wie ein Student.“

„Sei ruhig, lieber Vater,“ sagte der Lieutenant mit einem etwas

gezwungenen Lächeln, „ich werde gewiß nicht über meine Kräfte arbeiten;

wenn ich viel zu Hause geblieben bin, so liegt es nur daran, daß ich

keine Freude in dem hiesigen weitläufigen Gesellschaftsleben finde. Wenn

ich erst wieder in meiner Garnison sein werde unter meinen Kameraden,

unter den alt gewohnten Verhältnissen, so wird es anders werden.“

„Nun,“ sagte der alte Oberstlieutenant, seinem früheren Gedankengang

folgend, „es treten ja jetzt auch ganz andere Aufgaben an einen Officier

heran. Die heutige Tactik ist eine viel complicirtere, und man muß heute

die Kriege ebenso sehr mit dem Kopfe als mit dem Arm führen. Das ist

Alles ganz gut, aber zum Kopfhänger darf darum der Soldat doch nicht

werden. — Daß Dir übrigens das Gesellschaftsleben hier in Berlin nicht

gefällt,“ fuhr er fort, „verstehe ich, und daß Du glücklicher in den

einfachen Verhältnissen Deiner kleinen Garnison bist — freilich,“ sagte

er dann wehmüthig seufzend, „wird dann Dein alter Vater hier wieder ganz

allein sein, doch das ist ja das Loos des Alters — Ihr marschirt in die

Welt hinein, wir gehen aus derselben hinaus. Da können ja unsere Wege

nicht zusammenlaufen.“

Er setzte sich zu Tisch, sein Sohn nahm ihm gegenüber Platz, und der

alte Diener servirte in militairischer Haltung die etwas blasse und

dünne Bouillon.

Der Oberstlieutenant füllte die Weingläser für sich und seinen Sohn aus

einer bereits angebrochenen Flasche St. Julien und stieß mit dem

Lieutenant, wie er das stets zu thun pflegte, auf den künftigen

Feldmarschallstab an. Während der junge Mann schweigend seinem Vater

zuhörte, welcher von alten Zeiten erzählte und manche schon oft

wiederholte Geschichte noch einmal ausführlich vortrug, hörte man ein

starkes Klingeln an der äußern Eingangsthür der kleinen einfachen

Wohnung.

Der alte Diener ging hinaus und kehrte nach einigen Augenblicken mit

einem kleinen zierlichen Brief in der Hand zurück.

„Ein Brief für den Herrn Lieutenant,“ sagte er, indem er in

dienstlicher Haltung das Billet dem jungen Mann überreichte.

Dieser nahm es mit gleichgültiger Miene, öffnete es, und ließ die Augen

über den Inhalt gleiten. Eine dunkle Röthe flog über sein Gesicht, mit

starrem Erstaunen, fast mit dem Ausdruck eines jähen Schreckens las er

die wenigen Zeilen, langsam sank seine Hand mit dem Papier auf seinen

Schooß herab, indem seine Augen fortwährend unbeweglich auf den Worten

ruhten, die er so eben gelesen.

„Mein Gott,“ rief der alte Oberstlieutenant unruhig, „was ist das? Du

hast doch keine böse Nachricht bekommen — doch nicht etwa eine

Ehrensache?“

Mit gewaltiger Anstrengung suchte der junge Mann seine Fassung wieder zu

gewinnen.

„Es ist Nichts,“ sagte er, das Papier zusammenfaltend und es in seine

Uniform steckend, indem er mit einer gewissen Mühe die Worte

hervorbrachte, „ein Bekannter ladet mich ein, mit ihm den Abend zu

verbringen.“

„Aber Du bist doch so erschrocken,“ sagte der alte Herr forschend, „Du

bist ja ganz roth geworden, Du zitterst.“

„Ich habe den ganzen Vormittag über Nichts gegessen,“ sagte der

Lieutenant, „die warme Suppe und das Glas Rothwein haben mich ein wenig

echauffirt, — es ist wirklich nichts, gar Nichts Unangenehmes. Es war ein

leichter Schwindel, der bereits vorüber ist.“ —

Der alte Herr sah ihn ein wenig enttäuscht an.

Der Lieutenant, welcher bisher schweigend dagesessen hatte, begann mit

einer etwas gewaltsamen Heiterkeit auf seine Erzählungen einzugehen,

Erinnerungen anzuregen, von denen er wußte, daß sie seinem Vater lieb

wären, so daß dieser bald den kleinen Vorfall vergaß und in äußerst

zufriedener Stimmung noch eine zweite Flasche St. Julien bringen ließ,

sehr vergnügt darüber, daß sein Sohn so lebendig wie lange nicht an

seinen Gesprächen Theil nahm.

Als das Diner beendet, und das einfache Gedeck von dem Diener abgeräumt

war, setzte sich der Oberstlieutenant in einen großen altmodischen

Lehnstuhl, plauderte noch ein wenig, immer langsamer und langsamer

sprechend mit seinem Sohn, deckte ein großes seidenes Tuch über seinen

Kopf und versank in seinen gewohnten Nachmittagsschlaf, welcher heute

tiefer war als sonst und ihm in freundlichen aber verworrenen Bildern

die Zukunft seines Sohnes zeigte, wie dieser mit militairischen Würden

und Auszeichnungen geschmückt den Namen derer von Büchenfeld zu immer

höhern Ehren brachte.

Als der alte Herr eingeschlafen war, zog sich der Lieutenant in sein

kleines Zimmer zurück, setzte sich vor seinen großen Tisch von weißem

Holz, der mit Büchern, Plänen und Karten bedeckt war, zog das kleine

Billet aus seiner Uniform hervor und versenkte sich abermals in die

Lectüre desselben.

„Mein Gott,“ sagte er endlich mit tief bewegtem, fast schmerzlichem Ton,

„mein Entschluß stand so fest, ich glaubte Alles überwunden, ich glaubte

mit der Vergangenheit und all ihren süßen Lockungen abgeschlossen zu

haben, — da dringt diese Botschaft zu mir, welche alle meine Entschlüsse

wieder umwirft, welche mich von Neuem in Kampf, in Unruhe und Zweifel

versenkt —

„Mein lieber Freund.“

Las er, die Augen starr auf das Papier gerichtet.

„Nach unserm letzten Gespräch glaube ich es mir und Ihnen schuldig zu

sein, volle Klarheit zwischen uns zu schaffen. Die Verhältnisse machen

eine Erklärung zwischen uns nothwendig. Ich muß Sie sehen und

sprechen, — gehen Sie heute Nachmittag fünf Uhr in der Nähe unseres

Hauses auf der Thiergartenpromenade auf und nieder. Ich werde Ihnen

dort begegnen und Nichts wird uns verhindern, uns in hellem Tageslicht

und vor den Augen aller Welt gegen einander auszusprechen.“

„Ein angefangenes Wort ist ausgestrichen,“ sagte er, immerfort sinnend

das Papier betrachtend, — „ein einfaches A. ist die Unterschrift. — Ich

habe niemals Anna's Handschrift gesehen,“ fuhr er fort, „aber es ist

kein Zweifel, dieser Brief muß von ihr kommen. Was kann sie mir sagen

wollen? Nach den Mittheilungen meines Vaters soll ihre Verbindung mit

dem jungen Rantow so gut wie abgemacht sein — nach ihren letzten Worten

freilich,“ sagte er, den Kopf in die Hand stützend, „mußte ich glauben,

daß ihr Herz sich mir zuneigte. Sie wollte das Opfer meiner Liebe nicht

annehmen, sie gab mir Hoffnung, — oh, eine so süße Hoffnung, welche ich

mit so schwerer Ueberwindung aus meinem Herzen gerissen habe.

Wäre es möglich“ — ein Schimmer von Glück und Freude erleuchtete sein

Gesicht, in einer unwillkürlichen Bewegung hob er das Papier empor,

drückte seine Lippen auf die Schriftzüge, dann sprang er auf und ging in

heftiger Erregung in seinem Zimmer auf und nieder. —

„Sei es, was es will,“ rief er, „es wäre unritterlich und feige, der

Aufforderung einer Dame nicht zu folgen, einer Dame, der ich gesagt

habe, daß ich sie liebe — und welche dieses Geständniß so gütig und

freundlich aufgenommen, wie sie es gethan. —

Aber,“ fuhr er dann mit finsterm Ausdruck und dumpfer Stimme fort, „wenn

sie mir sagen will, daß Alles zu Ende sei, wenn sie den Traum beenden

will, von dem ich ihr voreilig und unvorsichtig vielleicht gesprochen?

Nun,“ fuhr er mit entschlossenem Ton nach einem langen Schweigen fort,

„auch das wäre ein Zeichen, daß ich mich nicht in ihr getäuscht habe,

ein Zeichen, daß sie meiner Liebe werth war, und daß sie es auch

verdient, daß ich diese Liebe ihrer Ruhe und ihrem Glück opfere.

Jedenfalls muß ich hingehen, soll es ein letzter Abschied sein, so wird

ja nur das geschehen, wozu ich selbst fest entschlossen war, und dieser

schöne Traum wird einen um so schönern Abschluß finden, und,“ sagte er

leise mit weichem Blick, dessen Ausdruck zwischen Schmerz und Glück die

Mitte hielt, „sollte der Kampf meiner Pflicht und meines Stolzes gegen

meine Liebe sich erneuern — ich will und darf keinen Kampf scheuen! Das

wäre ein Mißtrauen auf die eigene Kraft, — ich muß hingehen und werde

stark genug sein, um Alles zu ertragen, was dieser verhängnißvolle

Augenblick mir bringen kann.“

Er blickte auf seine Uhr.

„Noch über eine Stunde,“ sagte er, — „daß doch die Zeit oft so langsam

vergeht, wenn man ihr Flügel wünscht und so rasch dahin schwindet, wenn

man sie fesseln möchte.“

Er ergriff ein Buch und begann zu lesen, aber seine Gedanken waren nicht

bei seiner Lectüre, in kurzen Zwischenräumen sah er nach der Uhr, deren

Zeiger kaum vorzurücken schien; in zitternder Unruhe bewegte er sich hin

und her; in schnellem Wechsel wurde sein Gesicht bald tief blaß, bald

glühend roth; ein leichter Schweiß perlte an der Wurzel seiner Haare;

und trotz aller Willenskraft, die er aufwendete, um ruhig zu bleiben,

fand er sich nach Ablauf einer Stunde in jenem Zustand fieberhafter

Aufregung, welchen der innere Kampf der Gefühle und Gedanken bei äußerer

Unthätigkeit stets hervorruft und welcher bei kräftigen und nervösen

Naturen immer eine Folge des Wartens ist, dieses unerträglichsten

Zustandes unter allen Leiden, an denen das arme gequälte Menschenleben

so reich ist.

Endlich war der Augenblick gekommen, er steckte den Degen ein, setzte

die Mütze auf und verließ, ohne das Zimmer seines Vaters noch einmal zu

betreten, das Haus.

* * * * *

Fräulein Anna hatte in nicht geringerer Unruhe und Aufregung den Tag

verbracht. Es war ihr nicht schwer geworden, einen Vorwand zu finden um

zu der Stunde, welche sie ihrem Geliebten angegeben, allein auszugehen.

Sie war überhaupt gewohnt, stets ganz nach den Eingebungen ihres eigenen

Willens zu handeln, welchen ihre Mutter aus überlegener

Gleichgültigkeit, ihr Vater aus Zärtlichkeit selten ein Hinderniß in den

Weg gelegt hatten.

Noch einmal hatte sie sich Alles überdacht, was sie dem jungen Manne

sagen wollte. Ihr Herz schlug in ungeduldiger Sehnsucht dem Augenblick

entgegen, in welchem sie ihn wiedersehen würden. Es war ja unmöglich,

daß sein harter Sinn ihrer Liebe widerstehen könnte, da sie doch wußte,

daß sein Herz ihr gehörte.

Mit bangem Zittern, aber mit einem glücklichen, hoffnungsvollen Lächeln

auf den Lippen verließ sie kurze Zeit vor der festgesetzten Stunde ihre

Wohnung und begann auf der Thiergartenpromenade vor dem Hause ihrer

Eltern auf- und abzugehen, wie sie es öfter um diese Zeit zu thun

pflegte um frische Luft zu schöpfen.

Unruhig forschend tauchte sich ihr Blick in die Ferne, aber unter all

den alten Damen mit kleinen Hündchen in zierlichen blauen oder rothen

Mänteln, unter all den Herren, welche in dem regelmäßig abgemessenen

Spaziergang Erholung für die im Staub der Bureaus aller Arten

verbrachten Morgenstunden suchten, entdeckte sie Denjenigen nicht, dem

ihr Herz entgegenflog.

Langsam, in tiefe Gedanken versunken, schritt sie weiter.

„Guten Tag, Fräulein Anna,“ ertönte plötzlich eine Stimme unmittelbar

neben ihr, und rasch aufblickend sah sie den Referendarius von Rantow,

welcher sein Lorgnon vor den Augen, den Hut abnahm und sie zwar mit

einer tiefen und artigen Verbeugung, aber doch mit der Vertraulichkeit

eines alten Bekannten begrüßte, welche sie um so unangenehmer berührte,

als ihr diese Begegnung gerade im gegenwärtigen Augenblick ungemein

unerwünscht war.

Mit einer kalten und abweisenden Miene erwiderte sie den Gruß des jungen

Mannes, und wollte ihren Weg fortsetzen.

Herr von Rantow blieb an ihrer Seite.

„Ich habe Sie in den letzten Tagen in mehreren Gesellschaften vergeblich

gesucht, mein gnädiges Fräulein,“ sagte er, „in denen ich Ihnen sonst zu

begegnen gewohnt war. Ich hoffe, Sie sind nicht leidend gewesen, Ihre

blühende Farbe sollte mich beruhigen. Wo solche Rosen auf den Wangen

blühen und solches Feuer aus den Augen leuchtet, kann Krankheit und

Leiden keinen Platz finden,“ fügte er mit höflich gleichgültigem Ton

hinzu, indem sein Blick oberflächlich über das Gesicht und die Gestalt

des jungen Mädchen hinglitt.

„Ich danke, Herr von Rantow,“ sagte Anna mit dem Ton einer gewissen

Verlegenheit, „ich befinde mich ganz wohl und war nur etwas nervös

verstimmt, — deshalb bin ich nicht in Gesellschaft gegangen und möchte

jetzt einen kleinen Gang in der freien Natur machen, um _einsam_ meinen

Gedanken nachzuhängen.“

„Das sollten Sie nicht thun,“ erwiderte Herr von Rantow, ohne den

ziemlich deutlichen Wink der Entlassung zu bemerken, welcher ebenso sehr

in ihren Mienen, als in ihren Worten lag. „Die Einsamkeit ist kein

Heilmittel für angegriffene Nerven, eine heitere gemüthliche Plauderei

leistet viel bessere Dienste, ich will ein wenig versuchen, Ihr Arzt zu

sein.“

„Sie sind zu gütig,“ erwiderte sie in leicht gereiztem Ton, „Jeder muß

am besten wissen, was seiner Natur bei nervösen Verstimmungen gut thut,

und für mich ist ein _einsamer_ Spaziergang in der freien Luft,“ fügte

sie mit noch schärferer Betonung hinzu, „das beste Heilmittel.“

„Fast darf ich Ihnen nach diesen Worten,“ erwiderte Herr von Rantow mit

einem leichten Lächeln, während er durch sein Glas in eine Seitenallee

hinabsah, „meine Begleitung nicht weiter aufdrängen, und doch wird es

mir schwer Sie zu verlassen. Wenn es aber Ihr Ernst ist, durchaus allein

sein zu wollen —“

„Mein voller Ernst,“ rief Anna schnell, indem eine dunkle Röthe ihr

Gesicht überflog, — sie hatte wenige Schritte vor sich den Lieutenant von

Büchenfeld bemerkt und machte eine unwillkürliche Bewegung, als wolle

sie ihm entgegen eilen.

Herr von Rantow sah sie etwas befremdet an und folgte dann der Richtung

ihres Blickes.

„Ah, da ist Herr von Büchenfeld, ich habe ihn lange nicht gesehen! Auch

ein Einsamer,“ fügte er mit einem schnellen Seitenblick auf das junge

Mädchen hinzu. „Wäre die Einsamkeit ein Ding, das man theilen könnte, so

würde ich vorschlagen, daß wir uns zu Dreien ihrem Genuß hingeben.“

Anna hörte nicht, was er sprach, ihre Blicke waren unverwandt auf den

jungen Officier gerichtet. Peinliche Verlegenheit malte sich in ihren

Zügen, unschlüssig hielt sie ihre Schritte an, so daß sie fast neben

Herrn von Rantow stehen blieb.

Der Lieutenant von Büchenfeld hatte bei ihrem Anblick zunächst in

freudiger Bewegung einen Schritt vorwärts gemacht, dann bemerkte er den

jungen Herrn von Rantow, welcher in anscheinend vertraulichem Gespräch

neben Fräulein Anna herging.

Eine tiefe Blässe bedeckte plötzlich seine Züge, seine Augen öffneten

sich weit und blickten starr auf das Paar hin, welches vor ihm stehen

blieb, — ein bitteres höhnisches Lächeln verzog seine fest verschlossenen

Lippen zu fast krampfhafter Entstellung, ein tiefer Athemzug hob seine

Brust, schnell wandte er sich seitwärts, und mit raschen Schritten ging

er an den beiden jungen Leuten vorbei, mit kalter Höflichkeit Fräulein

Cohnheim militairisch grüßend.

Das junge Mädchen zitterte in heftiger Bewegung, ihre Augen richteten

sich mit magnetischem Glanz auf den schnell vorüberschreitenden jungen

Officier; ein tiefer Seufzer, fast wie ein leiser angstvoller Schrei,

rang sich aus ihrem Munde hervor, sie machte eine Bewegung, als wolle

sie die Hände ausstrecken.

„Um Gottes Willen Herr von Büchenfeld!“ rief sie.

Aber ihre Stimme war von tiefer, innerer Erregung so zusammengepreßt,

daß ihre Worte kaum vernehmbar nur zu dem Ohr des unmittelbar neben ihr

stehenden Herrn von Rantow drangen. Im höflichen Diensteifer wandte sich

dieser um.

„Büchenfeld!“ rief er, „so höre doch, — wie unhöflich, so vorbei zu

laufen, — Fräulein Cohnheim ruft Dich.“

Er hatte den jungen Officier eingeholt, legte die Hand auf seinen Arm

und zwang ihn, still zu stehen. Mit starrem Blick, immer jenes

höhnische, bittere Lächeln auf den Lippen, kehrte er, von Herrn von

Rantow geführt, zu dem jungen Mädchen zurück, das ihn zitternd

erwartete.

„Ich habe Sie so lange nicht gesehen, Herr von Büchenfeld,“ stammelte

sie mit unsicherm Ton, „ich wollte Ihnen sagen, — daß —“ sie blickte auf

Herrn von Rantow, der mit einem artigen Lächeln auf den Lippen neben ihr

stand, und dann schlug sie die Augen nieder, — sie schien nach Worten zu

suchen, zornig biß sie ihre glänzenden Zähne auf die Lippen und trat

heftig mit dem Fuß auf den Boden.

„Es ist sehr freundlich, daß Sie sich meiner erinnern,“ sagte der

Lieutenant von Büchenfeld mit kalter, schneidender Höflichkeit. „Ich

bin unendlich erfreut, Ihnen hier begegnet zu sein, zu meinem tiefen

Bedauern muß ich aber um Verzeihung bitten, daß ich mich keinen

Augenblick aufhalten kann, — der unerbittliche Dienst ruft mich.“

Er grüßte militairisch, neigte leicht den Kopf gegen Herrn von Rantow,

und eilte dann mit schnellen Schritten davon.

Anna athmete tief auf, sie machte eine Bewegung, als wolle sie ihm

nacheilen, doch das wäre vergeblich gewesen, er entfernte sich in immer

schnellerem Gang, sie — sah ihm mit brennendem Blick nach.

Ein Zug tiefer schmerzlicher Trauer erschien auf ihrem Gesicht.

„Ich begreife nicht,“ sagte Herr von Rantow, „was er haben kann, er sah

ja ganz verstört aus. Sollte er dienstliche Unannehmlichkeiten gehabt

haben?“

Fräulein Anna sah ihn mit zornfunkelnden Augen an, in ihren Wimpern

zeigte sich ein feuchter Thränenschimmer.

„Ich bedaure sehr, Herr von Rantow,“ sagte sie mit kaltem Ton, „daß ich

nicht länger das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben kann, die Luft

greift mich an, ich will nach Hause zurückkehren.“

Bevor der junge Mann antworten konnte, hatte sie sich mit einem

leichten Gruß abgewendet und schritt schnell dem Hause ihrer Eltern zu.

„Wir gehen denselben Weg,“ sagte er ganz erstaunt, „ich will so eben zu

meinen Eltern.“

Aber bereits war sie weit entfernt, ohne seine Worte zu hören. Erstaunt

blickte er ihr nach.

„Was geht denn da vor!“ sprach er kopfschüttelnd vor sich hin. „Sollte

da eine ernste Herzensangelegenheit spielen, — das würde mir nicht zu

meinen Absichten passen, ich kann kaum eine bessere Partie finden, das

Alles fügt sich so vortrefflich, — nun, ich glaube kaum, daß es ein

ernstes Hinderniß sein wird,“ sagte er dann, sich leicht den Schnurrbart

streichend, „dieser Büchenfeld mit seinen altfränkischen Anschauungen

wird kaum an eine ernste Bewerbung denken, und der alte Cohnheim wird

auch wenig Lust haben, sein einziges Kind einem Officier zu geben, der

Nichts weiter besitzt als seinen Degen.“

Langsam schritt er dem weit vorausgeeilten jungen Mädchen nach und trat

einige Zeit später als sie in das Haus des Commerzienraths, dessen

Parterre seine Eltern bewohnten.

Der Lieutenant von Büchenfeld war in schmerzlicher Erregung dem

Brandenburger Thor zugeschritten. Er blickte starr vor sich hin, kaum

die Vorübergehenden beachtend und nur mit seinen finstern Gedanken

beschäftigt.

„Das also ist es gewesen,“ flüsterte er, „sie hat mir zeigen wollen, daß

Alles zwischen uns aus sein soll, daß Alles für sie nur das flüchtige

Spiel einer augenblicklichen Laune war. Ein Abschied hat es sein sollen,

aber nicht ein freundlicher Abschied, welcher mit seinem sanften Strahl

das künftige Leben erleuchtet und den Schmerz der Trennung verklärt.

Nein, dieser Abschied war fast ein Hohn auf die Vergangenheit, sie

wollte sich mir auf meinem einsamen Wege an der Seite Desjenigen zeigen,

der das Glück besitzen soll, das ich vergeblich ersehnte. —

„Das Glück?“ sagte er, indem er die Augen fragend emporschlug, — „kann es

ein Glück geben an der Seite eines Wesens, das so herzlos mit den

edelsten Gefühlen spielt, das auf solche Weise eine Liebe von sich

weisen kann, deren Tiefen sie kaum zu ermessen verstehen mag, — und sie

hätte es ja nicht nöthig gehabt,“ sprach er, grimmig die Lippen auf

einander pressend, „sie hätte es nicht nöthig gehabt, mir so meinen

Abschied zu geben. Ich habe sie doch wahrlich mit meiner Liebe nicht

verfolgt, ich habe mich still und schweigend zurückgezogen. Warum hat

sie mich nicht ruhig meiner Wege gehen lassen? Ach, wie tief habe ich

mich in ihr getäuscht! Wie Recht hatte mein Vater, daß in diesen Kreisen

der reich gewordenen Parvenus es kein Herz und kein Gefühl giebt.“

Er sah sich plötzlich von mehreren Kameraden umringt, deren Annäherung

er nicht bemerkt hatte, und welche ihm lachend den Weg vertraten.

„Endlich trifft man ihn einmal, diesen verkörperten Fleiß,“ rief ein

junger Dragonerofficier.

„Er bereitet sich zum Chef des großen Generalstabs vor und macht Tag und

Nacht die Pläne zu den Schlachten, die er künftig gewinnen will. Aber

jetzt haben wir ihn, jetzt soll er mit uns kommen. Es ist heute

Hohensteins Geburtstag,“ sagte er, auf einen Husarenofficier deutend,

„wir sind es ihm aus Freundschaft schuldig, diesen wichtigen Tag zu

feiern. Büchenfeld darf sich nicht zurückziehen, wenn er nicht ein

schlechter Kamerad ist. Wir wollen zu Borchard gehen, dort ist ein

vortrefflicher Romanée mousseux, dessen Bekanntschaft er machen soll.

Ein ganz ausgezeichneter Stoff, etwas schwer, — aber wo man den

Geburtstag eines guten Freundes feiert, darf man ja nicht ganz kalt und

nüchtern bleiben.“

Er ergriff den Arm des Lieutenants von Büchenfeld und zog ihn fort. Die

Andern folgten.

„Es ist wahr,“ rief Büchenfeld flammenden Blickes, „ich habe zu viel

gearbeitet, zu viel nachgedacht und gegrübelt, ich will mir einmal den

Kopf frei machen von allen Gedanken. Könnte ich Vergessenheit trinken,“

sagte er leise vor sich hin, — „wie die Alten mit dem Wasser des Flusses

der Unterwelt alle Erinnerungen an die Leiden des Lebens aus ihrer Seele

fortspülten!“

Unter heitern und fröhlichen Gesprächen schritten die Officiere die

Linden entlang und begaben sich in das elegante, altbewährte Local von

Borchard in der Französischen Straße.

Der alte Kellner mit dem kränklichen, klug blickenden Gesicht, welcher

so genau seine Gäste zu classificiren verstand und den Geschmack und die

Gewohnheiten eines Jeden stets scharf im Gedächtniß behielt, brachte die

dickbäuchigen Flaschen in den eisgefüllten Kühlern. Die Pfropfen wurden

entfernt, und das edle, dunkelrothe Getränk mit dem weißen Schaum ergoß

sich in die zierlichen Krystallkelche.

Der Lieutenant von Büchenfeld, welcher ernst und mit finsterm Schweigen

sich der Gesellschaft der Uebrigen angeschlossen hatte, stürzte ein Glas

des purpurnen Getränkes nach dem andern hinunter, — eine wilde Heiterkeit

schien sich seiner zu bemächtigen, seine Augen flammten, seine Wangen

glühten, ganz seiner sonstigen Gewohnheit entgegen begann er mit

sprühendem Witz an der Unterhaltung Theil zu nehmen.

Aber dieser Witz war nicht wohlthuend, belebend und erheiternd, — er war

scharf, schneidend, Alles in den Staub herabziehend, was dem ernsten

Sinn des jungen Mannes sonst unantastbar gewesen war.

Seine Freunde sahen sich ganz erstaunt an.

„Büchenfeld muß etwas sehr Glückliches passirt sein,“ sagte der

Dragonerofficier, „so habe ich ihn noch nie gesehen.“

„Oder,“ sagte der Husar lachend, „er steht im Begriff, sich

todtzuschießen. Das ist ja der reine Galgenhumor, der aus ihm spricht.“

„Weder das Eine noch das Andere,“ meinte ein Dritter, „es ist einfach

dieser ausgezeichnete Rebensaft von Burgund, der unsern stillen Freund

so gesprächig macht.“

„Oder sollte er etwa verliebt sein,“ sagte der Dragoner, „das wäre ja

das Allermerkwürdigste, das man erleben könnte, — er, der bis jetzt gar

keine Augen für ein weibliches Wesen zu haben schien und nur seinen

Studien gelebt hat.“

„Ja, ja,“ rief der Lieutenant von Büchenfeld laut lachend, „Du hast es

getroffen, ich bin verliebt. Das ist doch wahrlich werth,“ sagte er,

ein neues Glas herunterstürzend, „aus seiner gewohnten Ruhe

herauszutreten. Nein, nein,“ fuhr er dann mit schneidendem Hohn fort,

„wenn ich verliebt wäre, dann wäre mir doch wirklich besser, daß ich

mich auf ein Pulverfaß setzte und in die Luft sprengte. Denn was ist die

Liebe?“ sagte er plötzlich düster; — „die unwürdige Fessel, welche den

Willen, den Muth und die Kraft eines Mannes an die flüchtige Laune einer

Frau kettet und den hohen Flug edler Seelen herabzieht in den Staub und

sie zum Spott Derer werden läßt, die sie nicht begreifen können!“

Immer lauter, immer lustiger wurde die Unterhaltung; immer höher glühten

die Wangen des Herrn von Büchenfeld, und bereits begannen seine Freunde

mit einiger Besorgniß zuzusehen, wie er fortwährend sein Glas füllte, um

es augenblicklich wieder zu leeren.

Es war dunkel geworden, die Gasflammen waren angezündet. Einige einzelne

Herren hatten an kleinen Tischen in dem vordern Theil des Zimmers Platz

genommen, in dessen Hintergrunde die jungen Officiere sich befanden.

Der Referendar von Rantow trat herein, ließ durch sein Lorgnon den Blick

durch das große Zimmer gleiten und näherte sich dann der Gruppe der

Officiere, die ihm sämmtlich bekannt waren. Er wurde von Allen

freundlich begrüßt, rasch reichte man ihm einen gefüllten Kelch und

stellte einen Sessel für ihn in den Kreis der Uebrigen.

Der Lieutenant von Büchenfeld war in die Ecke eines Divans

zurückgesunken, sein etwas starrer Blick ruhte mit unbeschreiblichem

Ausdruck auf dem Baron von Rantow, ein verächtliches Lächeln zuckte um

seine Lippen.

„Sieh da, Büchenfeld,“ sagte der Referendarius, ihm freundlich

zunickend, „ist Deine Dienstzeit zu Ende? Du warst vorhin ja so wild und

unzugänglich nicht nur gegen mich, sondern auch gegen eine Dame, die

Dich rief und gern mit Dir sprechen wollte, — das war nicht höflich.“

„Ihm muß überhaupt etwas ganz Außerordentliches passirt sein,“ sagte der

Husarenofficier, — „er ist heute in einer Laune, wie ich ihn noch nie

gesehen habe. Sehr amüsant freilich, aber ich möchte ihn so nicht in

fremde Gesellschaft gehen lassen, sonst könnte wohl morgen Einer von uns

das Vergnügen haben, ihm zu secundiren.“

Herr von Büchenfeld warf dem Sprechenden einen flüchtigen Blick zu,

stürzte abermals ein Glas hinunter und sagte mit etwas unsicherer

Stimme:

„Das würde nicht zu besorgen sein, — ich bin im Gegentheil in sehr

friedlicher Stimmung, — sehr friedlich — und sehr vergnügt. — Du hast

Recht, mir ist etwas sehr Gutes, ein großes Glück widerfahren, ich bin

einer großen Gefahr entronnen, — ich stand im Begriff einen tiefen Fall

zu thun, — einen tiefen, tiefen Fall,“ sagte er mit dumpfem, allmälig

immer leiser und leiser verklingendem Ton; — dann sank sein Haupt auf die

Brust nieder, er schwieg und schien nun in Gedanken seinen Satz zu

beenden.

Die Officiere wechselten bedeutungsvolle Blicke unter einander.

„Ich fürchtete schon,“ sagte Herr von Rantow lächelnd, „daß Du mir böse

sein würdest, und daß ich die Ursache Deines schnellen Fortlaufens

gewesen sei. Ich habe neulich schon so Etwas bemerkt, — sollten wir

Nebenbuhler sein? Das wäre nicht hübsch,“ fügte er hinzu, „gute Freunde

müssen sich über so Etwas verständigen.“

„Nebenbuhler?“ riefen die Officiere neugierig, — „so haben wir doch

Recht, so ist er doch verliebt. Es mußte ja auch etwas ganz

Außerordentliches sein, was ihn so verändern konnte.“

Herr von Büchenfeld richtete langsam den Kopf empor, seine müden

geschlossenen Augen öffneten sich weit und blickten mit sonderbarem

Ausdruck im Kreise umher.

„Nebenbuhler,“ rief er dann mit lautem Lachen, sich zu Herrn von Rantow

wendend, „wären wir jemals Nebenbuhler gewesen, jetzt kannst Du ganz

ruhig sein, ich trete Dir wahrhaftig nicht in den Weg. Ich schätze

dieses kindische Gefühl, das man die Liebe nennt, nach ihrem wahren

Werth; und ihr Werth ist sehr gering,“ fügte er achselzuckend

hinzu, — „über Dergleichen dürfen sich Männer nicht entzweien. Wahrlich,“

fuhr er mit einer Stimme fort, die bald hoch anschwoll, die bald wieder

zu leisem Ton herabsank, „stände hier eine Roulette zwischen uns, ich

würde kaum einen Louisd'or gegen alle Liebeshoffnungen und

Liebesansprüche der Welt setzen.“

„Das ist ein guter Gedanke,“ rief der Dragonerofficier, der ebenso wie

die ganze Gesellschaft sich bereits unter dem Einfluß der Wirkung des

feurigen Weines befand, „ein guter Gedanke, wenn Ihr Nebenbuhler seid,

setzt Eure Chancen gegen einander. Das ist ein viel besserer Weg, zur

Klarheit zu kommen, als sich die Hälse zu brechen. Eine Roulette ist

nicht hier, spielt eine Partie Ecarté um Eure Schöne —“

„Vortrefflich, vortrefflich!“ riefen die Andern jubelnd, — „ein

ausgezeichneter Gedanke!“

„Unglück im Spiel, Glück in der Liebe!“ rief der Husarenofficier.

„Wer das Spiel gewinnt, muß seine Liebesansprüche aufgeben —“

„Warum nicht,“ rief Herr von Büchenfeld, dessen Blicke sich immer

verschleierten, „gebt die Karten her!“

Herr von Rantow schien ein wenig verlegen zu sein, er wollte einige

Bemerkungen machen, die Uebrigen ließen ihn nicht zu Worte kommen.

Bereits hatte Einer von ihnen zwei Spiele Ecartékarten gebracht, man

räumte eine Ecke des Tisches vor Herrn von Büchenfeld leer und zog Herrn

von Rantow zu dem jungen Officier hin.

„Ich setze hundert Louisd'or,“ sagte dieser, indem er den Blick

forschend auf Herrn von Büchenfeld richtete, wie es schien in der

Hoffnung, durch diesen hohen Einsatz den jungen Mann zum Nachdenken zu

bringen.

„Ich nehme an,“ sagte dieser, starr vor sich hinblickend, und schnell

leerte er noch ein Glas.

„Wer gewinnt,“ rief der Dragonerofficier, „zahlt also hundert Louisd'or

und hat das alleinige Recht der Dame, um die es sich handelt, die Cour

zu machen. Der Andere darf auf sein Ehrenwort nie wieder mit ihr

sprechen.“

Fragend blickte Herr von Rantow, welcher die Karten noch immer nicht

ergriffen hatte, auf Herrn von Büchenfeld.

„Angenommen,“ sagte Dieser, griff mit einer etwas unsicheren Bewegung

nach dem Spiel und hob ab.

„Drei,“ sagte Herr von Rantow, — dann coupirte und zeigte ein Aß.

„Du giebst,“ sagte der Lieutenant immer in demselben dumpfen Ton.

Das Spiel begann. In rascher Folge legte Herr von Rantow mehrere Male

den König auf, und nach wenigen Abzügen hatte er die Partie gewonnen.

Höhnisch lachte Herr von Büchenfeld laut auf.

„Du hast das schöne Fräulein Cohnheim gewonnen!“ rief er, die Karten

durcheinander werfend, — „ich gratulire Dir!“ — er sank auf seinen Stuhl

zurück, sein Haupt fiel müde auf die Brust nieder.

Herr von Rantow zuckte zusammen.

Trotz der mehr als heiteren Stimmung, die in dem ganzen Kreise

herrschte, trat ein tiefes Schweigen ein. Die Officiere sahen sich mit

verlegenen Blicken an.

„Ich habe gewonnen, nach der Verabredung muß ich den Einsatz bezahlen,“

sagte Herr von Rantow mit einer Miene, welche ausdrückte, daß er dieser

peinlichen Scene so schnell als möglich ein Ende machen wollte.

Er zog einige Goldstücke aus seinem Portemonnaie, fügte aus seinem

Portefeuille einige Bankbillets dazu, legte das Geld vor Herrn von

Büchenfeld auf den Tisch und erhob sich.

Der Lieutenant von Büchenfeld richtete den Kopf auf, streckte die Hand

aus und streute das Geld auf dem Tisch umher.

„Der Einsatz ist zu hoch,“ sagte er mit rauher Stimme in abgebrochenen

Worten, „Du bist betrogen, der Gegenstand ist so hohen Spiels nicht

werth, ich kann das nicht annehmen.“

Und abermals sank er in seinen Stuhl zurück, seine Augen schlossen sich,

sein Haupt fiel matt gegen die Lehne.

Rasch wurde an einem der Seitentische ein Stuhl zurückgeschoben. Einer

der dort sitzenden Herren erhob sich, ergriff seinen Hut und rief den

Kellner. Herr von Rantow blickte hin und erkannte den Commerzienrath,

der Alles mit angehört hatte.

„Wie peinlich, wie unangenehm,“ sagte er, während die ernst gewordenen

Officiere schweigend um ihn her standen.

„Meine Herren,“ fuhr er fort, „ich glaube nicht, daß es möglich ist, mit

Herrn von Büchenfeld heute noch ein Wort zu sprechen. Sie werden ihm

einen großen Dienst leisten, wenn Sie dafür sorgen, daß er so bald wie

möglich nach Hause zurückkehrt. Leben Sie wohl, morgen wollen wir weiter

darüber reden.“

Und schnell ging er dem Commerzienrath nach, welcher bereits seine

Rechnung bezahlt und das Zimmer verlassen hatte.

Die heitere und übermüthige Weinlaune der Officiere war verschwunden,

sie Alle fühlten, daß hier etwas Ernstes sich vollzogen habe, das

schwere Folgen nach sich ziehen müsse.

Sie brachen auf, der Lieutenant von Büchenfeld ließ sich ruhig und ohne

weiter ein Wort zu sprechen nach einer herbeigeholten Droschke führen.

Zwei seiner Kameraden begleiteten ihn nach Hause und erzählten dem alten

Oberstlieutenant, daß sein Sohn in einer kleinen Gesellschaft ein wenig

von der allgemeinen Heiterkeit mit fortgerissen sei.

Der alte Herr lächelte ganz vergnügt darüber und freute sich im Stillen,

daß die jugendliche Lebenslust bei seinem Sohne einmal den Sieg über

seine Neigung zu einsamem Grübeln davon getragen habe.

Fünftes Capitel.

Fräulein Anna war in einem Sturm widersprechender Gefühle nach Hause

zurückgekehrt, sie hatte in das Verhältniß zu ihrem Geliebten Licht und

Klarheit bringen wollen, statt dessen war durch ein unglückseliges und

verhängnißvolles Zusammentreffen der Umstände eine neue und noch größere

Verwirrung entstanden.

Unmuthig warf sie ihren Hut von sich und riß hastig die Handschuhe von

den zitternden Händen.

„Welch ein unglückseliges Zusammentreffen,“ rief sie heftig, „ich hätte

daran denken sollen. Aber wie ist es möglich, daß er mich nicht einmal

anhören wollte. Einige Worte hätten Alles aufgeklärt. Es ist ja schon

ganz widersinnig, daß er von einer so eifersüchtigen Leidenschaft erfaßt

werden kann, nachdem ich ihm gestern geschrieben.“

Sie warf sich auf ihren Divan und blickte in rathloser Unschlüssigkeit

zu der Decke des Zimmers empor. Sie zürnte sich selbst, sie zürnte ihrem

Geliebten, der so hart und rücksichtslos ihr jede Erklärung

abgeschnitten hatte, vor Allem aber zürnte sie dem Herrn von Rantow,

welcher so unberufen und störend in ihre Combinationen eingegriffen

hatte.

„Es ist unerhört,“ rief sie, „wenn er mir zutrauen kann, daß ich mit dem

jungen Baron in irgend welchen Beziehungen stände — aber,“ fuhr sie fort,

„sein Charakter ist so mißtrauisch, er ist so geneigt, Alles schwarz zu

sehen. Es ist unmöglich, eine andere Erklärung für sein Benehmen zu

finden. Was soll ich thun? — Ihm noch einmal schreiben? — Er würde mir

nicht glauben! Er würde nicht noch einmal zu mir kommen, nachdem er im

Stande gewesen, trotz meiner Bitte, trotz der Bekümmerniß und der

Unruhe, die er in meinen Blicken hat lesen müssen, mir das Gehör zu

versagen!

Er ist hart wie Stein,“ rief sie, in heftiger Erregung die Bandschleifen

ihres Kleides zerknitternd, „aber gerade darum liebe ich ihn! Er ist

nicht wie all' die andern jungen Herren, die weich und elastisch wie

Gummi sich hin und her ziehen lassen; hinter dieser harten Schale liegt

ein edler und weicher Kern. Aber wie zu ihm gelangen? Wie den Weg

finden zu diesem mit siebenfachem Erz umgürteten Herzen?“

Sie dachte lange nach. In fieberhafter Unruhe bildete sie Pläne auf

Pläne, um sie alle wieder zu verwerfen.

„Es giebt nur einen Weg,“ rief sie endlich mit festem entschlossenen

Ton, „Licht in all dieses Dunkel zu bringen. Ich will mit meinem Vater

sprechen. Er kann,“ fügte sie unwillkürlich lächelnd hinzu, „meinen

ernsten Bitten auf die Dauer nicht widerstehen. Er muß es übernehmen,

diesem unerbittlichen Stolz Genugthuung zu geben. Er wird mir das Glück

meines Lebens nicht versagen, wenn er sich auch mit anderen Plänen

tragen sollte.“

Dieser Entschluß schien sie zu beruhigen; nachdem sie noch längere Zeit

über die Ausführung desselben nachgedacht hatte, ging sie in den Salon

ihrer Eltern, wo ihre Mutter sie bereits am Theetisch erwartete.

Die Frau Commerzienräthin ergriff abermals die Gelegenheit, ihrer

Tochter eine kleine Vorlesung darüber zu halten, was sie der Stellung

ihres Vaters schuldig sei, und wie sie ihrerseits stets daran denke, für

sie eine passende Verbindung zu finden, so müsse auch Anna darauf

bedacht sein, in ihrem Verkehr mit der jungen Herrenwelt nur solchen

Personen eine Annäherung zu erlauben, welche durch ihr Vermögen und

ihre gesellschaftliche Stellung im Stande wären, sich in die Reihe der

Bewerber um die Tochter des großen Finanzmannes zu stellen, welcher

bestimmt sei, noch weit höhere Stufen auf der Leiter der Gesellschaft zu

ersteigen.

Fräulein Anna hörte schweigend die Auseinandersetzungen ihrer Mutter an,

an welche sie sich seit einiger Zeit als etwas Unabänderliches gewöhnt

hatte, und welche ihr, da sie darauf zu erwidern nicht für nöthig hielt,

die erwünschte Gelegenheit gaben, ihren Gedanken nachzuhängen.

Dies tête-à-tête zwischen Tochter und Mutter hatte bereits längere Zeit

gedauert, als der Commerzienrath in großer Aufregung in das Zimmer trat.

Er vergaß, was er sonst stets mit einer etwas forcirten Galanterie zu

thun pflegte, seiner Frau die Hand zu küssen, und beachtete auch den

freundlichen Gruß seiner Tochter kaum, welche ihm entgegen gegangen war

und ihm Hut und Stock abgenommen hatte. Er ging mit kurzen unruhigen

Schritten auf und ab, bewegte die Hände in lebhaften Gesticulationen und

flüsterte abgebrochene Worte vor sich hin.

Erstaunt sah ihm die Commerzienräthin eine Zeit lang zu, dann sagte sie

in etwas vorwurfsvollem Ton, in dem sich jedoch ein Anklang unruhiger

Besorgniß beimischte:

„Du scheinst unsere Gesellschaft nicht zu beachten und vollständig in

Deinen geschäftlichen Combinationen vertieft zu sein. Vielleicht wäre es

besser, die Berechnungen über Deine Geschäfte in Deinem Zimmer

vorzunehmen und hier Dich ein wenig der Unterhaltung mit Deiner Familie

zu widmen — oder,“ fuhr sie fort, „hast Du so peinliche und unangenehme

Nachrichten erhalten, daß Dich ernste Sorgen selbst hierher verfolgen?“

„Es ist unerhört,“ sprach der Commerzienrath halb zu sich selber, „es

ist eine sehr unangenehme Geschichte, — es waren noch verschiedene

Personen dabei; morgen wird vielleicht ganz Berlin davon sprechen! Was

kann man thun? Wie kann man dem Scandal vorbeugen?“

„Aber ich bitte Dich,“ sagte die Commerzienräthin, welche jetzt

ernstlich beunruhigt zu sein schien, „so sage uns doch endlich, was Dich

so aufregt — wovon kann morgen ganz Berlin sprechen? Deine Unternehmungen

und Deine financielle Stellung sind doch nicht auf den Zufall begründet?

Es kann doch keine Katastrophe Dein Haus und Dein Geschäft vernichtend

treffen?“

„Haus und Geschäft,“ rief der Commerzienrath achselzuckend, indem er

noch immer unruhig und hastig auf- und niederschritt, „das kommt nicht

in Betracht — aber meine gesellschaftliche Stellung, der Name meiner

Tochter — was wird man dazu sagen? Wie werden alle meine Feinde mich

verhöhnen!“

Jetzt wurde auch Fräulein Anna aufmerksam.

„Du hast von mir gesprochen, lieber Papa,“ sagte sie. „Ich bitte Dich,

was giebt es — so erzähle uns doch.“

„Ich muß Dich jetzt sehr ernstlich bitten,“ sagte die Commerzienräthin

im strengen Ton, „uns mitzutheilen, was Dich so sehr in Unruhe versetzt,

denn nach Deinen letzten Worten geht es mich doch ebenso sehr an als

Dich, ja vielleicht mehr, denn unsere gesellschaftliche Stellung

aufrecht zu erhalten,“ sagte sie, den Kopf erhebend, „und über den Ruf

meiner Tochter zu wachen, das ist doch vorzugsweise meine Aufgabe.“

„Was es giebt,“ rief der Commerzienrath, indem er an den Theetisch

herantrat, — „etwas sehr Unangenehmes, etwas sehr Böses, meine Tochter

ist beleidigt, — öffentlich beleidigt, verhöhnt im Restaurationszimmer

bei Borchard vor einer Menge von Officieren, vor verschiedenen

unbekannten Herren, welche die Geschichte natürlich so schnell als

möglich weiter tragen werden. Wie werden alle meine Feinde triumphiren,

welche mich schon so lange beneidet haben und gewiß so sehnlich

wünschen, endlich einmal Gelegenheit zu finden, um sich an mir rächen zu

können.“

„Was ist geschehen,“ fragte jetzt auch Fräulein Anna ernst und dringend,

„wer hat mich beleidigt und wie? Ich muß es wissen.“

„Wer?“ sagte der Commerzienrath, „Du wirst ihn kaum kennen, ein ganz

unbedeutender, junger Officier von irgend einem Linienregiment, dem ich

die Ehre erwiesen habe, ihn in mein Haus einzuladen, eigentlich nur,

weil ich ihn bei meinem Freunde, dem Baron von Rantow, einmal begegnete,

ein kleiner Lieutenant von Büchenfeld.“

Anna wurde bleich wie der Tod, ihre großen Augen starrten mit entsetztem

Ausdruck auf ihren Vater. Sie stützte die Hand auf den Tisch, ihre ganze

Gestalt schwankte unsicher hin und her.

„Lieutenant von Büchenfeld,“ sprach sie leise mit fast tonloser Stimme,

während ihre Mutter einen schnellen forschenden Blick auf sie warf,

indem ein leichtes höhnisches Lächeln um ihren hochmüthig aufgeworfenen

Mund zuckte.

„Er war,“ sprach der Commerzienrath eifrig, — „Du mußt es ja doch

wissen, damit Du danach Dein Benehmen einrichten kannst, — er war in

Gesellschaft mehrerer Officiere und schien mir schon, als ich in das

Zimmer trat und von Jenen unbemerkt in der Nähe an einem Tische Platz

nahm, um eine kleine Erfrischung zu mir zu nehmen, sehr aufgeregt, — die

Herren mochten wohl schon lange bei einander gesessen und viel getrunken

haben. Der junge Herr von Rantow kam ebenfalls zu ihnen, und es fielen

zwischen ihm und Herrn von Büchenfeld einige anzügliche Redensarten von

Nebenbuhlerschaft, von einer Dame und so weiter, auf die ich nicht

besonders Acht gab. Der Lieutenant von Büchenfeld machte einige sehr

wegwerfende Bemerkungen über die fragliche Dame und sagte, er würde ihre

Liebe im Ecarté gegen einen Louisd'or versetzen. Die heitere

Gesellschaft griff diesen Gedanken auf, man brachte Karten, Herr von

Rantow, der ein vortrefflicher Cavalier ist, gab sich die größte Mühe,

das Spiel zu verhindern und schien nur darauf einzugehen, um in der sehr

erregten Gesellschaft nicht noch größeren Eclat herbeizuführen. Herr von

Büchenfeld, welcher kaum noch seiner Sinne mächtig schien, verspielte

das Recht seiner Bewerbung um die fragliche Dame gegen hundert

Louisd'or, — ich ahnte noch immer nichts Böses, — dann warf er die Karten

mit den lauten Worten hin: — Du hast das schöne Fräulein Cohnheim

gewonnen, ich wünsche Dir Glück dazu, aber der Einsatz ist zu hoch, ich

kann ihn nicht annehmen. — Ich war wie vom Schlage getroffen, ich wußte

kaum, was ich sagen und was ich thun sollte, nur mit Mühe behielt ich

die Fassung, um mit einigem Anstand das Zimmer zu verlassen.“

Anna schwankte wie gebrochen zu einem Sessel und sank auf denselben

nieder, das Gesicht mit den Händen bedeckend und krampfhaft schluchzend.

Der Commerzienrath eilte zu ihr hin und streichelte mit besorgter Miene

ihr schönes glänzendes Haar.

„Ja, es ist schrecklich, mein armes Kind, so ganz unschuldig beleidigt

und gekränkt zu werden. Aber tröste Dich, rege Dich nicht zu sehr auf.

Verschweigen konnte ich es ihr ja doch nicht,“ sagte er, zu seiner Frau

gewendet, „sie mußte es ja doch erfahren.“

„Das kommt davon,“ sagte die Commerzienräthin, indem sie mit kaltem

strengem Blick zu ihrer Tochter hinübersah, „wenn man nicht vorsichtig

in der Auswahl der Personen ist, die man in seiner Gesellschaft

zuläßt, — der Lieutenant von Büchenfeld, glaube ich, war der junge, mir

unbekannte Officier, mit welchem Du neulich den Cotillon tanztest, den

Du Herrn von Rantow abgeschlagen hattest, das kommt davon; solche Leute

setzen sich dann Dinge in den Kopf, fassen Hoffnungen, und da ihnen der

Takt der vornehmen Gesellschaft mangelt, so begehen sie schließlich

irgend eine Niedrigkeit zum Dank für Wohlwollen und Freundlichkeit.“

„O, wie wäre es möglich gewesen,“ rief Fräulein Anna, ohne die Worte

ihrer Mutter zu beachten und nur mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt,

„wie wäre es möglich gewesen, so Etwas zu denken, an eine solche

Schlechtigkeit und Erbärmlichkeit zu glauben, — und das, nachdem —“ sie

bedeckte abermals das Gesicht mit den Händen und sank still weinend in

sich zusammen.

„Nun, mein Kind,“ sagte der alte Commerzienrath, den die heftige

Erregung seiner Tochter tief zu beunruhigen begann, „so übermäßig

ernsthaft muß man die Sache auch nicht nehmen. Es läßt sich immer noch

ein Weg finden, das Alles auszugleichen, und vielleicht ein sehr guter,

ein sehr ehrenvoller Weg. Ich bin,“ fuhr er fort, „mit dem Herrn von

Rantow nach Hause gegangen, welcher mir gleich nachfolgte, als ich das

Lokal verlassen hatte. Wir haben ein sehr ernstes Gespräch mit einander

geführt, das sich auf den Fall bezog, und das ich Dir eigentlich erst

morgen mittheilen wollte,“ sprach er weiter, — „indeß, da ich mich nun

einmal habe hinreißen lassen, die ganze Sache zu erzählen, so ist es

besser, wenn wir darüber auch heute gleich sprechen.“

Fräulein Anna blickte erwartungsvoll ihren Vater an, der einige Male

rasch im Zimmer auf- und niederging; dann vor einem Tische stehen

bleibend und mit einem schnellen Seitenblicke auf seine Frau, welche

sich in einen Lehnstuhl gesetzt hatte und grade aufgerichtet, mit

strenger Miene die weitere Entwickelung dieser Scene erwartete, begann

er, eine gewisse würdevolle Wichtigkeit in seinen Ton legend:

„Der junge Herr von Rantow, der ein ganz vortrefflicher Cavalier ist,

und der ganz genau weiß, was in der großen Welt und in der feinsten

Gesellschaft sich schickt und paßt —“

„Besser als andere Leute,“ fiel die Commerzienräthin ein, „welche sich

in die Gesellschaft eindrängen, und welche man nie hätte aufnehmen

sollen —“

„Der Herr von Rantow,“ fuhr der Commerzienrath fort, indem er die Brust

hervorstreckte und versuchte, durch einen imponirenden Blick die

Zwischenreden seiner Frau abzuschneiden, „hat mir gesagt, wie leid es

ihm thäte, daß diese Scene stattgefunden habe, — er habe alles Mögliche

gethan, um sie zu vermeiden, und habe es schließlich für das Beste

gehalten, auf den Scherz der aufgeregten Gesellschaft einzugehen, um so

schnell als möglich von der ganzen Sache abzukommen. Er habe natürlich

nicht im Entferntesten ahnen können, daß der Herr von Büchenfeld in so

unglaublicher Weise den Namen einer Dame unter solchen Umgebungen und

solchen Verhältnissen nennen würde. Nachdem das vorgefallen, hat er mir

gesagt,“ fuhr der Commerzienrath mit etwas gedämpfter Stimme fort,

„werde ihm Nichts übrig bleiben können, als für die Ehre der Dame, die

in seiner Gegenwart und in Beziehungen auf ihn so unerhört beleidigt

sei, persönlich einzutreten.“

Die Commerzienräthin lehnte sich steif zurück, indem ein befriedigtes

Lächeln auf ihrem Gesicht erschien.

Anna richtete flammenden Blickes den Kopf empor.

„Warum bedarf es eines fremden Armes, um uns zu vertheidigen, — oh,“ fuhr

sie fort, indem ihre Lippen bebten und ihre Hände sich krampfhaft

verschlangen, „warum ist man wehrlos gegen solche Niedrigkeit und

Erbärmlichkeit?“

„Du bist nicht wehrlos, mein Kind,“ sagte der Commerzienrath, indem er

zu ihr herantrat und ihr leicht mit der Hand über den Kopf strich, „der

junge Herr von Rantow wird morgen schon, wenn dieser Lieutenant von

Büchenfeld wieder für vernünftige Worte zugänglich ist, ihn zu einer

öffentlichen und bestimmten Ehrenerklärung auffordern, und, wenn er sich

weigert, so wird er ihn zwingen,“ sagte er mit stolzem und wichtigem

Ausdruck, „ihm mit den Waffen in der Hand Rechenschaft zu geben.“

„Damit er womöglich noch verwundet oder erschossen wird,“ rief Fräulein

Anna, verächtlich die Achseln zuckend, „und ich noch mehr der Gegenstand

des öffentlichen Gespräches und des öffentlichen Spottes werde.“

„Des Spottes niemals, mein Kind,“ sagte die Commerzienräthin mit einem

ruhigen kalten Ton, „wenn ein Cavalier wie Herr von Rantow zu Deiner

Vertheidigung auftritt, so wird es Niemand wagen, Dich zu verspotten.“

„Nun,“ rief Anna, „mag es sein, wie es will, ich bin Herrn von Rantow

dankbar, daß er mich in Schutz nimmt gegen diese elende, niedrige

Beleidigung, ich bin, weiß Gott, unschuldig an dem, was daraus entstehen

kann.“

„Herr von Rantow hat sich benommen als ein ganz vortrefflicher junger

Mann von der besten Erziehung und dem feinsten Gefühl. Er hat mir weiter

gesagt, daß es für eine junge Dame immer peinlich sei und unangenehm,

wenn zwei Herren ihretwegen eine Ehrensache miteinander hätten, und wenn

sie namentlich von Jemand vertheidigt werden müßte, der in keinen

weiteren Beziehungen zu ihr stände — das brächte sie immer in eine

schiefe Stellung dem Publikum gegenüber und gebe Anlaß zu allen

möglichen Voraussetzungen und Gesprächen. Er habe nun, — hat er mir

weiter gesagt, — schon seit längerer Zeit den Wunsch in sich getragen, in

nähere Beziehung mit meiner Familie zu treten, nachdem sein Vater mit

mir so nahe geschäftliche Verbindungen eingegangen sei und unsere

Interessen auf Jahre hinaus sich verbunden hätten. Er habe Dir, mein

Kind, aber erst Gelegenheit geben wollen, ihn genauer kennen zu lernen,

bevor er es habe wagen wollen, bei mir um Deine Hand anzuhalten. Dieses

zufällige und plötzliche, so unangenehme Ereigniß aber mache ihm den

Muth und lege ihm fast die Pflicht auf, jetzt mit seinen Wünschen

hervorzutreten. Man werde über die Sache viel sprechen und wenn er zu

einem Rencontre mit Herrn von Büchenfeld gezwungen werden sollte, so

werde die Welt seinen Namen ohnehin mit dem Deinigen in Verbindung

bringen. Wenn Du deshalb nach Deiner kurzen Bekanntschaft mit ihm Dich

entschließen könntest, ihm Dein Leben und Deine Zukunft anzuvertrauen,

so glaubt er, daß Alles sich besser gestalten und allen peinlichen

Erörterungen die Spitze abgebrochen werden könne, da er dann auch

vollkommen berufen und berechtigt sei, für Dich gegen Deinen Beleidiger

aufzutreten.“

„Der junge Mann,“ sagte die Commerzienräthin, „hat wirklich ein feines

und richtiges Gefühl, und ich theile ganz seine Ansicht, daß unter

diesen Verhältnissen eine schnelle Erledigung einer Sache, die uns ja

nicht ganz unerwartet kommt, am besten sei.“

„Das ist ja ganz wie in alten Ritterromanen,“ sagte Anna mit

schneidendem Hohn, „der Baron von Rantow will sich seine Dame mit dem

Degen in der Hand erobern — aber“ fuhr sie fort „das ist doch wenigstens

ritterlicher Sinn, wenigstens ist es wahrlich besser, als auf so plumpe

Weise ein wehrloses Mädchen zu beleidigen. Wenn Herr von Rantow diesen

Preis für seine Vertheidigung verlangt, — so soll er ihn haben — er ist ja

eine vortreffliche Partie“ fuhr sie bitter fort, „und ich muß ja

glücklich sein, daß ich aus dieser ganzen traurigen Geschichte noch mit

einem so guten Abschluß davon komme. Sage dem Baron,“ sprach sie in

kaltem Ton zu ihrem Vater gewendet, „daß ich seine Bewerbung annehme,

da er so muthig und selbstverleugnend meine Vertheidigung übernommen

hat.“

Mit befriedigtem Ausdruck neigte die Commerzienräthin den Kopf.

Herr Cohnheim eilte auf seine Tochter zu und küßte sie zärtlich auf die

Stirn. Anna stand auf.

„Doch muß ich,“ sprach sie, „bitten, daß er mich einige Tage von seinen

Besuchen dispensirt. Diese ganze Sache hat mich natürlich angegriffen

und aufgeregt, und ich wünsche, mich zu sammeln. Auch bin ich nicht im

Stande ihn zu sehen, bevor diese Angelegenheit mit Herrn von

Büchenfeld“ — sie sprach diesen Namen mit unendlicher Verachtung

aus — „geordnet ist, ich kann doch unmöglich meinen künftigen Gemahl

selbst in den Kampf mit seinem Gegner schicken.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ sie schnell das Zimmer.

„Ich bin sehr erfreut,“ sagte die Commerzienräthin, „daß diese so

äußerst unangenehme Sache doch einen so befriedigenden Ausgang nimmt.

Ich fürchtete schon, daß die romantischen Grillen, zu welchen Anna so

viel Neigung zeigt, unsern Plänen Schwierigkeiten entgegenstellen

würden. So wird sich ja aber Alles ganz vortrefflich ordnen, und wenn

sie, wie ich einen Augenblick besorgte, eine thörichte Neigung für

diesen jungen unbedeutenden Officier gehabt haben sollte, so ist ja

jetzt Alles auf's Beste geordnet. Hoffentlich wird auch die Affaire

keine ernsten Folgen haben,“ fügte sie nachlässig hinzu.

„So etwas kommt ja so oft zwischen diesen jungen Herren vor,“ sagte der

Commerzienrath, „und wie selten hört man, daß es wirklich

lebensgefährlich wird. Es läßt sich ja auch jetzt gar nicht ändern, und

wir müssen das Beste hoffen. Ich glaube übrigens nicht,“ fügte er hinzu,

„daß dieser junge Büchenfeld es wirklich zum Äußersten kommen lassen

wird. Die anderen Officiere schienen mir ebenfalls durch sein Betragen

sehr unangenehm berührt, ich glaube, daß die Sache mit einer

Ehrenerklärung erledigt werden wird — der alte Herr von Rantow ist, so

viel ich weiß, ein Freund von dem Vater des Lieutenants und wird

ebenfalls darauf hinwirken können. Damit ist ja denn Alles gut, und alle

boshaften Gespräche über uns und unsere Tochter, welche dieser Vorfall

hervorrufen wird, werden auf der Stelle niederschlagen, wenn wir ihre

Verlobung mit Herrn von Rantow sogleich proclamiren.“

Er setzte sich behaglich in seinen Lehnstuhl und nahm eine Tasse Thee.

Noch lange saß das Ehepaar beisammen, Pläne für die Zukunft

besprechend, welche sich durch die Verbindung mit dem vornehmen Hause so

glänzend gestalten würden.

Fräulein Anna war ruhig und gefaßt in ihr Zimmer gegangen, als sie die

Thür hinter sich geschlossen, sank sie wie gebrochen in sich

zusammen, — lange stand sie schweigend, die Hände in einander gefaltet,

die Blicke starr auf den Boden geheftet.

„Wie schnell,“ sprach sie mit dumpfer Stimme, „sind die Träume

verflogen, die mich hier gestern noch so süß umgaukelten, wie schnell

sind all die Liebesblüthen meines Herzens geknickt, aus denen ich einen

reichen Kranz für mein Leben zu winden hoffte.“

Sie blickte um sich her, als ob ihr der gewohnte Raum, in dem sie sich

befand, fremd sei, als ob sie ihre Gedanken sammeln müsse, um sich klar

zu werden, wo sie sich befände, und was mit ihr vorgegangen sei. Dann

zuckte wieder glühender Zorn über ihr Gesicht.

„Oh, daß es so enden muß! Hätte ich ihn verloren, hätte sich selbst

seine Liebe von mir abgewendet, es wäre ein edler Schmerz gewesen, ein

Schmerz, der die Seele hätte beugen, aber nicht erniedrigen können. Aber

das Bewußtsein, daß ich das edelste und reinste Gefühl meines Herzens

unwürdig weggeworfen habe, daß ich der Gegenstand des Spottes, des

Hohnes, der Verachtung habe sein können, — und warum?“ — rief sie, die

Hände ringend, — „weil ich einen Schritt gethan habe, der nicht

gewöhnlich ist, weil ich mich vor seinem Stolz habe demüthigen wollen,

weil ich geglaubt habe, daß er einen solchen Schritt verstehen und

würdigen könne. Oh, das ist hart, sehr hart! Ich kann alle meine

Hoffnungen auf Lebensglück vergessen, ich werde es zu tragen wissen, wie

so viele Frauen eine glänzende Existenz führen, beneidet von der Menge,

aber kalt und öde in ihrem Innern. Aber das werde ich nie überwinden,

daß meine Liebe verachtet, verhöhnt und mit Füßen getreten ist, daß Der,

dem ich den letzten Tropfen meines Blutes hätte opfern mögen, mich

öffentlich hat beleidigen können zum Ergötzen seiner Kameraden in ihrer

Weinlaune.“

Mit einer raschen Bewegung trat sie an einen kleinen Tisch von antik

geschnitztem Eichenholz und öffnete mit einem zierlichen goldenen

Schlüssel, den sie an ihrer venetianischen Uhrkette trug, eine mit

Elfenbein und Gold incrustrirte Cassette.

„Da liegen die Reliquien meiner Träume,“ sprach sie mit dumpfem

traurigem Ton, aus ihren großem brennenden Augen fiel eine Thräne auf

den Inhalt des kleinen Kästchens.

„Hier ist das erste Bouquet, das er mir gegeben,“ sagte sie leise, indem

sie einen kleinen vertrockneten Blumenstrauß emporhob, „vertrocknet wie

diese Blumen sind meine Gefühle, welche gestern noch so schön und

hoffnungsreich erblühten, — wie oft haben meine Lippen auf diesen Blumen

geruht! Vorbei! Vorbei!“

Und wie vor der Berührung des kleinen Bouquets zurückschaudernd, warf

sie dasselbe mit einer raschen Wendung in den Kamin, dessen Feuer

langsam in Kohlengluth zusammenzusinken begann. Die trockenen Blumen

flammten hoch auf und blieben dann als ein Häuflein dunkler Asche auf

den glühenden Kohlen liegen.

Sie preßte die Hände auf ihr Herz und sah starr diesem Zerstörungswerk

zu. Dann nahm sie den ganzen übrigen Inhalt der Cassette, ebenfalls

kleine Bouquets, mehr oder weniger verwelkt, verschiedene andere

Cotillongeschenke und warf Alles in die Gluth, welche einen Augenblick

aufflackernd, mit hellem Schein das Zimmer erhellte.

„Die Vergangenheit ist vorbei,“ sagte sie schmerzlich, „meine Zukunft

wird wie diese Kohlen mehr und mehr Licht und Wärme verlieren, bis

endlich Alles in todte Asche zusammensinkt. Oh, könnte ich mein Herz

ebenfalls zu Asche werden lassen! Aber wenn auch seine Liebe gestorben

ist, für das Leiden wird es immer noch Gefühle der Empfindung behalten.“

Sie sank auf ihren Divan nieder, drückte den Kopf in die Hände, und ihr

starrer Jammer löste sich in einem Strom wohltätiger Thränen. —

Der Todesgruß der Legionen, 2. Band · 第 4 / 6 题