— „vielleicht wäre es gut, wenn sich das machen ließ,“ fuhr Eugenie
fort, „ich bedaure die unglückselige Königin Isabella auf's tiefste und
würde vor allen Dingen wünschen, daß ihr oder ihrem Sohn der spanische
Thron gerettet werden könnte, allein, wie die Verhältnisse stehen und
bei den so unschlüssigen und politisch unklaren Rathgebern, mit denen
sie umgeben ist, scheint mir leider zu meinem tiefen Bedauern dazu wenig
Aussicht zu sein. Wenn es nun möglich wäre, die für Frankreich und für
uns ungünstigste Chance auszuschließen, — die Candidatur des Herzogs von
Montpensier, welcher der Orleanistischen Agitation in Spanien einen
festen Halt geben würde, so wäre es vielleicht nicht unerwünscht, einen
jungen, uns befreundeten und verwandten Prinzen, der außerdem gut
katholisch ist, auf diesem spanischen Thron zu wissen.“
„Der Prinz von Hohenzollern,“ sagte der Kaiser in demselben
gleichgültigen Ton, in welchem seine Gemahlin gesprochen hatte, „steht
dem preußischen Hause sehr nahe, und seine Thronbesteigung in Spanien
würde einen Einfluß des Berliner Cabinets im Süden der Pyrenäen
begründen, der den Interessen Frankreichs nicht zu entsprechen scheint.
Ich habe deshalb, als im vorigen Jahre die Sache angeregt wurde,
erklären lassen, daß die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern eine
antinationale sei, während diejenige des Herzogs von Montpensier nur
meiner Dynastie feindlich ist. So sehr ich daher,“ fuhr er fort, „an dem
einmal ausgesprochenen Prinzip festhalte, der spanischen Nation
gegenüber, was ihre Entschließungen für die Zukunft betrifft, die
strengste Zurückhaltung zu beobachten, so habe ich doch auch nicht
verhehlt, daß eine Candidatur des Prinzen von Hohenzollern auf eine
Zustimmung von Frankreich nicht zu rechnen habe. Seit jener Zeit,“ sagte
er, die Achseln zuckend, „habe ich nichts wieder davon gehört, möglich,
daß die Sache noch einmal wieder aufgenommen wird. Ich stehe noch auf
demselben Standpunkt wie damals und ich glaube nicht, daß Frankreich
einen preußischen Prinzen auf dem spanischen Thron sich ruhig gefallen
lassen könnte.“
„Sie würden also,“ sagte die Kaiserin, „noch lieber Montpensier als den
Erbprinzen von Hohenzollern in Madrid regieren sehen?“
„Unbedingt,“ erwiderte der Kaiser mit festem Ton, „denn ich werde stets
die Interessen meiner Person und meines Hauses denjenigen Frankreichs
nachstellen.“
„Nun,“ sagte die Kaiserin, „dann wird aus der Sache nichts werden, denn
ich glaube nicht, daß Prim etwas thun wird, wovon er weiß, daß Sie es
nicht billigen.“
„Ich habe keine Veranlassung gehabt,“ sagte der Kaiser, „über diese
Frage mit Prim meine Gedanken auszutauschen, und es ist in der That
nicht nur eine Phrase, wenn ich versichere, dieser ganzen spanischen
Angelegenheit völlig fern bleiben zu wollen. — Sie wollen mich nicht zu
der Revue begleiten, die ich auf dem Carousselplatz abhalten will,“
sagte er abbrechend, „ich habe die Garde de Paris und die Pompiers,
auch eine Schwadron Seine-Gendarmerie zu der Truppenaufstellung
hinzugezogen. Es ist in dieser Zeit immer gut, wenn man auch diesen
Corps möglichst viel militairisches Gefühl einflößt.“
„Ich danke,“ erwiderte die Kaiserin, „ich habe verschiedene Audienzen zu
geben.
Au revoir,“ fügte sie hinzu, indem sie aufstand und ihrem Gemahl die
Wange reichte. „Ich wünsche Ihnen nochmals Glück, diesen heimlichen
Orleanisten aus Ihrem Rath entfernt zu haben.“
Der Kaiser geleitete seine Gemahlin zur Thür und kehrte dann
nachdenklich und ernst in sein Zimmer zurück.
„Es geht etwas mit dieser spanischen Candidatur Hohenzollerns vor,“
flüsterte er vor sich hin, „man möchte diesen Fall zu einer Kriegsfrage
zurecht machen — ich durchschaue das Alles sehr gut, man will sich
versichern, daß ich mich wirklich einer solchen Candidatur ernstlich und
energisch widersetzen würde, um in diesem Falle die Ereignisse danach
gestalten zu können. Ich lasse das Alles gehen,“ sagte er lächelnd,
„diese Candidatur des Prinzen Leopold, die man da so unvermuthet als
einen plötzlichen und unabwendbaren Kriegsfall vor mich hinstellen
möchte, kann mir vielleicht sehr gute Dienste leisten und mir die
Handhabe bieten, die ganze Lage der Dinge, ohne diese lärmende und
unsichere Entscheidung der Waffen zu meinen Gunsten zu gestalten. Ich
glaube nicht,“ sagte er nachdenklich, „daß das Cabinet von Berlin oder
der König von Preußen auf diese Hohenzollernsche Candidatur einen
besondern Werth legen wird, — Benedetti glaubt, daß der Graf Bismarck ihm
nicht seinen letzten und innersten Gedanken ausgesprochen habe, — mir
scheint, Benedetti täuscht sich, vielleicht möchte es eher dem
preußischen Stolz widerstreben, einen Prinzen, der in vielen Beziehungen
mit dem dortigen königlichen Hause zusammenhängt, sich auf einen Weg
begeben zu sehen, der zu einem ähnlichen Schicksal führen kann, als es
den Herzog Maximilian in Mexico erreichte. Wenn diese Candidatur
wirklich eine ernste Form gewinnt, so wird die Gelegenheit da sein, ein
kräftiges und volltönendes Wort zu sprechen und die Zurückziehung
derselben vor dem übrigen Europa als einen moralischen Sieg über
Deutschland und Preußen erscheinen zu lassen. Damit wird eine große
Sache gewonnen sein — die Wiederherstellung des französischen
erschütterten Selbstgefühls und des Vertrauens in die Überlegenheit der
kaiserlichen Regierung. Lassen wir also die Dinge immerhin gehen, — ich
glaube, sie gehen einen guten Weg, und ich werde dahin kommen, mich aus
allen Verlegenheiten, die mich umringen, ohne eine kriegerische
Entscheidung, welche ich in den Leiden meiner Krankheit mehr als je
vorher scheue — zu entziehen.“
Der Huissier öffnete die Thür und meldete:
„Seine kaiserliche Hoheit der Prinz Napoleon.“
Der Kaiser seufzte und zuckte unwillkürlich die Achseln mit einer Miene,
welche anzudeuten schien, daß ihm dieser Besuch nicht allzu erfreulich
sei, indessen neigte er zustimmend den Kopf und ging mit freundlichem
Gruß dem Prinzen die Hand reichend, seinem Vetter entgegen, welcher
raschen und unruhigen Schritts in das Cabinet trat.
„Ich bin erfreut, Dich zu sehen, mein lieber Vetter,“ sagte der Kaiser,
„indessen habe ich nur wenige Augenblicke, da die Truppen bereits auf
dem Carousselplatz aufgestellt sind und die Stunde der Revue geschlagen
hat.“
Der Prinz Napoleon war eine eigenthümliche Erscheinung, welche man kaum
hätte vergessen können, wenn man ihm einmal begegnet war. Sowohl in
seiner Figur, als in seinem olivenfarbenen scharf geschnittenen
bartlosen Gesicht mit dem kurzen schwarzen Haar zeigte er eine sehr
charakteristische Ähnlichkeit mit seinem großen kaiserlichen
Oheim; — während indeß auf den Zügen des Letzteren jene edle, antik
klassische Ruhe lag, welche die Köpfe aus der großen Kaiserzeit des
alten Roms charakterisirt, während die Augen des weltbeherrschenden
Imperators tief sinnend vor sich hinblickten oder weltentzündende
zorngewaltige Blitze schleuderten, — lag in dem ganzen Wesen des Prinzen
eine zerfahrene Unruhe und fieberhafte Hast, welche mit dem antiken
Schnitt seines Gesichts durchaus nicht vereinbar schienen und seiner
ganzen Erscheinung den Ausdruck wohlthätiger Ruhe und Harmonie raubten;
seine Augen blickten unstät hin und her, seine Lippen zuckten in
fortwährend bewegtem Mienenspiel, und in kurzen Zwischenräumen öffnete
sich sein Mund zu einem unwillkürlichen, krampfhaft nervösen Gähnen.
Auch seine Gestalt war stärker und gedrungener als die des großen
Kaisers, und wenn er mit heftigen Gesticulationen seine Worte
begleitete, so brachten seine Bewegungen fast einen komischen Ausdruck
hervor.
Der Prinz trug einen schwarzen Civilmorgenanzug, einen hohen Cylinderhut
in der Hand, die große Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch.
„Ich will Eure Majestät nur einen Augenblick aufhalten,“ sagte er, mit
einer gewissen rauhen Betonung die Worte hervorstoßend, „es drängt mich,
von Eurer Majestät selbst zu hören, ob die Gerüchte, welche die Stadt
zu durchlaufen beginnen, wahr sind. Eure Majestät,“ fuhr er fort,
„kennen die tiefe Ergebenheit, welche ich für Sie hege als für den Chef
meiner Familie und für den liebevollen Freund meiner Jugend, — bei dieser
tiefen Ergebenheit müssen die Gerüchte, welche so eben bis zu mir
gedrungen sind, mich mit tiefer Unruhe erfüllen.“
„Und welche Gerüchte meinst Du,“ fragte der Kaiser ruhig und kalt, indem
er sich in seinen Lehnstuhl niederließ und den vollen Blick seines groß
geöffneten Auges auf den Prinzen richtete, welcher vor ihm stehen blieb
und vor diesem scharfen forschenden Blick mit leichter Verlegenheit die
Augen zu Boden schlug.
„Ich meine das Gerücht von dem Grafen Daru,“ sagte der Prinz rasch und
heftig, „ganz Paris spricht bereits davon. Man erzählt, daß Du,“ fuhr er
immer lebhafter fort, indem er die ceremonielle Haltung, welche er bei
seinem Eintritte angenommen hatte, vergaß, — „das Plebiscit unter allen
Umständen durchführen willst, und daß deswegen Graf Daru, der in der
That nicht zu meinen Freunden gehört, aber der dadurch in diesem
Augenblick populär werden wird, sich von den Geschäften zurückziehen
will.“
„Es handelt sich um keine Differenz zwischen dem Grafen Daru und mir,“
erwiderte der Kaiser. „Der Graf befindet sich in Meinungsverschiedenheit
mit Ollivier und den übrigen Ministern, es ist eine vollständig
constitutionelle Krisis,“ fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, „in
welche ich einzugreifen außer Stande bin.“
„Eine constitutionelle Krisis,“ rief der Prinz lebhaft, indem er laut
auflachte und dann die Hand einen Augenblick vor den Mund hielt, um
einen Gähnkrampf zu verbergen, der ihn erfaßte, — „eine Meinungsdifferenz
mit Ollivier? Hat denn dieser Ollivier,“ fuhr er fort, „eine Meinung,
die nicht die Deinige ist? — Doch darum handelt es sich nicht, es handelt
sich nicht um die augenblickliche Situation,“ sprach er rasch
weiter, — „ob Daru bleibt oder geht, ist mir in der That sehr
gleichgültig, — aber der Grund dieser Krisis — der Grund dieses
Plebiscits — was willst Du mit dem Plebiscit machen — wozu diese
fortwährenden Revuen in einer Zeit, in welcher alle militairischen
Fragen so vollständig in den Hintergrund treten, — Du hast einen Plan, Du
willst den Krieg, Du willst unter der Maske dieses Ollivier, unter dem
Schein des Constitutionalismus die Dictatur wieder herstellen, um
plötzlich hervorbrechen zu können und den europäischen Staatsstreich,
wie man es nennt, auszuführen, oder vielleicht,“ fuhr er fort, indem
sein stechender Blick sich mit dem Ausdruck des Hasses und des Zorns
erfüllte, „oder vielmehr Andere wollen dies. Man will Dich dahin
bringen, es auszuführen.“
Der Kaiser hatte völlig unbeweglich ohne jeglichen Ausdruck auf seinem
Gesicht den heftigen Worten des Prinzen zugehört, ein wenig auf die
Seite geneigt, ließ er langsam die Spitzen seines Schnurrbarts durch die
Finger gleiten und sagte mit einem unendlich naiven Ton:
„Du glaubst?“
„Ja,“ rief der Prinz zornig, mit dem Fuße stampfend, „ich glaube es und
ich glaube auch, daß Du auf einen Weg gehst, der Frankreich, Dich und
uns Alle in's Verderben stürzen wird, — wir können nicht schlagen, — ich
weiß es, — man täuscht Dich, — Deine großsprechenden Generale, dieser
Leboeuf an der Spitze, glauben, daß man mit Phrasen den Kampf gegen eine
so furchtbare Macht wie Preußen aufnehmen kann. Sie Alle haben gar keine
Idee von dem, was man zum Kriege nöthig hat — selbst Niel wäre nach
meiner Überzeugung noch nicht fertig für einen so gewaltigen Kampf, aber
diese — die Dich jetzt umgeben, haben das Werk Niels nicht nur nicht
fortgesetzt, sie haben es wieder zu Grunde gerichtet. Deine Armee ist in
Unordnung, die Festungen sind nicht im gehörigen Stand, die Magazine
sind nicht gefüllt, die Organisation der Militairverwaltung ist mehr als
mangelhaft, und wenn Du Dich zu diesem Kriege hinreißen läßt, so wirst
Du, — ich wiederhole es — uns Alle zu Grunde richten.“
Der Kaiser blieb fortwährend unbeweglich.
„Ich begreife nicht, mein lieber Vetter, wie Du auf diese Idee
kommst, — es ist ja nicht die kleinste Wolke am politischen Himmel, und
es handelt sich ja in diesem Augenblick ganz ausschließlich nur um
innere Fragen. Was übrigens unsere Armee und die Militairverwaltung
betrifft, so ist die Ansicht sehr bewährter Generale eine andere als die
Deinige und,“ fügte er mit einem mehr gutmüthigen als ironischen Lächeln
hinzu, „jenen steht vielleicht eine größere praktische Erfahrung als Dir
zur Seite.“
„Es gehört nicht eine allzu große praktische Erfahrung dazu,“ erwiderte
der Prinz in entrüstetem Ton, „um das zu sehen, was Jedermann sehen kann
und was man Dir allein mit Erfolg zu verbergen sucht, da Dein zu großes
Vertrauen Dich verhindert, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich bitte
Dich, untersuche wenigstens, bevor Du Dich zu gefährlichen
Unternehmungen hinreißen läßt, genau den Zustand der Armee, — untersuche
ganz besonders den Zustand der Flotte, dieser ist noch bedenklicher als
der der Landtruppen.“
„Mein liebes Kind,“ sagte der Kaiser in einem väterlichen freundlichen
Ton, „Du agitirst Dich ohne Grund, glaube mir, die Absichten, die Du
voraussetzest, bestehen nicht.“
„Sie bestehen nicht?“ rief der Prinz. „Sie bestehen vielleicht bei Dir
nicht, aber sie bestehen rings um Dich her, und man wird Dich so
umgarnen, man wird alle Verhältnisse so drehen und wenden, daß Du
schließlich nicht anders können wirst, als die Pläne derer auszuführen,
welche in ihrer Verblendung dazu bestimmt scheinen, Dich und uns Alle
in's Unglück zu stürzen. Die Kaiserin —“
Der Kaiser stand auf; für einen Augenblick schien er vollkommen Herr
über die Schwäche zu sein, welche seine Haltung gewöhnlich unsicher und
schwankend erscheinen ließ. Er richtete den Kopf hoch empor, seine Augen
öffneten sich weit und leuchteten im tiefen Glanz auf, aus seinen Zügen
strahlte eine wunderbare Hoheit und Ueberlegenheit, und mit einer
vollen, metallisch klingenden Stimme sprach er:
„Mein lieber Vetter, ich bin das Haupt unserer Familie und das erwählte
Oberhaupt der französischen Nation, ich trage die Verantwortlichkeit für
meine Entschließungen und bin mir dieser Verantwortlichkeit vollkommen
bewußt, — auf meine Entschließungen aber hat Niemand Einfluß, als die
ruhige Erwägung und die richtige Beurtheilung der Verhältnisse,
Niemand,“ wiederholte er mit strenger Betonung, „und auch kein Glied
meiner Familie — kein Glied derselben ohne Ausnahme.“
Er schwieg einen Augenblick, dann fügte er mit milderem Ton hinzu, indem
er dem Prinzen die Hand reichte:
„Ich danke Dir für Deine Theilnahme an dem Geschick Frankreichs und an
dem Meinigen und bin überzeugt, daß, wenn ernstere Ereignisse eintreten
sollten, wozu in diesem Augenblick nicht die geringste Veranlassung
vorliegt, Du an dem Platz, an welchem ich Dich dann zu stellen
beschließen werde, mit voller Hingebung und Selbstverleugnung Deine
Schuldigkeit thun wirst.
„Ich bin,“ sagte er mit höflichem, aber bestimmtem Ton, „bereit, mit Dir
in ruhigen Augenblicken diese Unterhaltung fortzusetzen; für jetzt muß
ich Dich bitten, mich zu entschuldigen, denn die Stunde der angesagten
Revue ist bereits vorüber, und Du weißt, daß selbst unser großer Oheim
den unumstößlichen Grundsatz hatte, die Truppen niemals warten zu
lassen, sondern ihnen stets das Beispiel genauester Pünktlichkeit zu
geben.“
„Du willst mich nicht hören,“ rief der Prinz heftig, — „Du kannst Dich
noch immer nicht gewöhnen, in mir den reifen Mann zu sehen, Du glaubst
also den Fremden mehr — als mir, der ich Dir doch wahrlich am nächsten
stehe. Nun, ich werde nicht müde werden, auch auf die Gefahr hin, Dir zu
mißfallen, bis zum letzten Augenblick Dir meine Meinung zu sagen.“
„Und ich werde Dich immer mit Aufmerksamkeit und mit der alten Liebe
anhören, die ich Dir stets bewiesen habe,“ sagte der Kaiser, indem er
seinem Vetter die Hand reichte, „auf Wiedersehen!“
Der Prinz drückte die Hand des Kaisers so heftig, daß dieser sie schnell
zurückzog. Seine Lippen öffneten sich, es schien, als wolle er noch
Etwas sagen, doch er verneigte sich nur schweigend und sich schnell
umwendend, stürmte er aus dem Cabinet hinaus.
„Welch' ein unregelmäßiger Geist,“ sagte der Kaiser, ihm nachblickend,
„wie schade ist es um all' die vortrefflichen Eigenschaften, welche er
besitzt, um all' die großen Keime, welche unerschlossen in ihm ruhen
oder welche nach falscher Richtung hin sich entwickelt haben. — Was meine
Verwandten betrifft,“ sagte er dann mit einem halb ironischen, halb
wehmüthigen Lächeln, „so könnten die Prinzen der ältesten und
legitimsten Dynastie ihrem Souverain kaum mehr Verlegenheit bereiten,
als meine Herren Vettern es mir thun, — dieser unglückliche Pierre, der
Victor Noir erschossen, — Murat, der diesen kleinen Lecomte
geprügelt — und dieser Napoleon, der seinen reichen Geist und seine
wirklich tiefen Kenntnisse nur dazu benutzt, um überall Verwirrungen zu
stiften, — vielleicht sollte ich strenge gegen ihn sein, ich sollte ihn
mehr fühlen lassen, daß ich der Chef des Hauses und der Souverain
Frankreichs bin, denn zuweilen überschreitet er wirklich die Grenzen des
Erlaubten. Aber,“ sagte er, den Kopf sinnend auf die Brust senkend, „ich
habe eine Schwäche für ihn, — ich habe ihn ein wenig mit erzogen, — in
seinen Adern rollt das Blut des großen Kaisers, und dann — er ist der
Bruder dieser so edlen und so großherzigen Mathilde, — die unter Allen
meine treueste Freundin ist.“
Er faltete die Hände und blieb längere Zeit in tiefem Sinnen stehen,
dann fuhr er auf, strich mit der Hand über die Stirn, als wolle er
Bilder und Erinnerungen verscheuchen, die vor ihm aufgestiegen waren,
warf einen raschen Blick auf seine Uhr und begab sich schleunigst in
sein Toilettenzimmer.
Auf dem Carousselplatz innerhalb des großen Vierecks, welches die durch
den Kaiser vereinigten Paläste der Tuilerien und des Louvre bildeten,
war eine Division Infanterie aufgestellt, darunter das zweite Regiment
der Grenadiere der Garde mit den gewaltigen Bärenmützen, welche man auf
den Schlachtenbildern des ersten Kaiserreichs erblickt und welche noch
bis zu jener Stunde den Stolz der alten Garde bildeten; die langbärtigen
Sappeurs mit ihren weißen Schurzfellen, ihren hohen Stulphandschuhen und
ihren blitzenden Beilen an der Spitze der Bataillone — daneben acht
Batterien der Artillerie mit der an die deutschen Husaren erinnernden
Uniform, den Dolmans und Colpacks, — die Garde de Paris und die
Seine-Gendarmerie zu Pferde, welche fast unverändert die Uniform der
Grenadiere à Cheval des ersten Kaiserreichs trugen; neben diesen standen
die Pompiers, diese militairische Feuerwehr mit ihren blitzenden Helmen.
Eine große Menschenmenge umringte, von den Sergeants de Ville
zurückgehalten, die Aufstellung der Truppen, deren Waffen im hellen
Sonnenschein blitzten.
Das alte Schloß der Tuilerien und alle diese Uniformen nach den Mustern
des ersten Kaiserreichs riefen lebhaft die Bilder der Vergangenheit in's
Gedächtniß. Und als nun das Gitterthor an dem innern Hof der Tuilerien
sich öffnete, die zwei davor haltenden Kürassierposten sich militairisch
empor richteten, — als die Suite der Adjutanten und Ordonnanzofficiere
vor dem Haupteingang des Palastes sich rangirten, die Reitknechte die
Pferde heranführten und der Marschall Canrobert, der in der
goldglänzenden Uniform mit den weißen wallenden Federn auf dem
goldbordirten Hut, den Marschallstab in der Hand, von seiner Suite
umgeben, in der Mitte der Truppnenaufstellung hielt, sich in dem Sattel
aufrichtete und noch einen letzten Blick über die in musterhafter
Haltung dastehenden Truppen warf, da hätte man fast erwarten können, aus
dem großen Portal der Tuilerien heraus die kleine Gestalt des
welterobernden Cäsars mit dem ehernen Gesicht und dem leuchtenden
Feldherrnblick hervortreten zu sehen, um wie an dem Tage der großen
Vergangenheit seine Soldaten zu mustern, welche die Adler Frankreichs
siegreich nach allen Hauptstädten Europa's getragen hatten. —
Die Stallknechte führten das schöne weiße Leibpferd des Kaisers vor das
Portal.
Etwas unsichern Ganges erschien Napoleon III. in der
Generallieutenants-Uniform, das große rothe Band der Ehrenlegion über
der Brust. Die Hinfälligkeit seiner Gestalt, die krankhafte Schlaffheit
seiner Gesichtszüge waren in der militairischen Kleidung noch sichtbarer
und auffälliger, als im Civilanzug. Er setzte den Fuß in den Bügel und
langsam, mit einer gewissen Anstrengung hob er sich in den Sattel
hinauf. Ein Augenblick zuckte es wie stechender Schmerz durch sein
Gesicht, dann nahm er wie mit lebhafter Willensanstrengung eine feste
Haltung an; und selbst jetzt, trotz seiner von Alter und Krankheit
gebrochenen Kraft konnte man doch noch eine Spur jener Leichtigkeit und
Sicherheit erkennen, welche ihn einst zu einem der besten Reiter
Europa's gemacht hatten.
Die ganze glänzende militairische Suite des Kaisers, welche ihn
zu Fuß erwartet hatte, saß in demselben Augenblick, in welchem der
Kaiser in den Sattel gestiegen war, zu Pferde. Hundert Garden
mit den goldglänzenden antiken Helmen und den blauen gold- und
scharlachschimmernden Uniformen sprengten vor; und langsam ritt der
Kaiser durch das Gitterthor der Truppenaufstellung entgegen.
Marschall Canrobert und sein Stab sprengten heran, der Marschall grüßte
mit dem Stabe und erhob denselben dann, indem er sich nach den Truppen
hinwandte; in demselben Augenblick begannen die sämmtlichen Musikkorps
jene einfache Melodie zu spielen, welche die schöne Hortense Beauharnais
einst für die alte Romanze „partant pour la Syrie“ componirt hatte, die
man zu jener Zeit nicht auf den jeune et beau Dunois, sondern auf den
vom ersten glänzenden Strahl seines Ruhmes beleuchteten Feldherrn bezog,
der später die Krone Karl des Großen auf sein Haupt zu setzen bestimmt
war. Zu gleicher Zeit brauste in donnerndem Ruf das „Vive l'empereur“
von allen Truppenabtheilungen herüber.
Der Kaiser nahm den Hut ab, und sein Blick flog über diese blitzenden
Geschütze, über diese kühn blickenden Männer, über diese schnaubenden
Pferde hin — ein Augenblick färbte ein leichtes Roth seine Züge, seine
Augen leuchteten auf, fester richtete er sich im Sattel empor; da fiel
sein Blick auf die Menge, welche sich bis dicht an die Truppen
herangedrängt hatte und am Eingang des Gitterthors höchstens zehn
Schritt von ihm entfernt war.
In der ersten Reihe der Zuschauer sah er eine lange, hagere Gestalt
stehen, in zerrissene Lumpen gehüllt, das Haupt, welches aus diesen
Lumpen hervorragte, war unbedeckt, sein dunkles Haar hing ungeordnet um
die Schläfen herab; unter der vorspringenden niedrigen Stirn blickten
dunkle tief liegende Augen hervor, eine lange, weit vorspringende Nase,
tief eingesunkene Wangen und ein struppiger Bart gaben diesem Gesicht
etwas Fanatisches und Krankhaftes.
Der Blick des Kaisers wurde unwillkürlich durch diese Erscheinung
gefesselt, denn der Mann, der da unbeweglich stand, sah ihn mit einer
Gluth so wilden und unversöhnlichen Hasses an, daß der Kaiser
zusammenschauerte. Er wandte sich einen Augenblick um, als wolle er
einen Befehl geben, dann blickte er wieder auf jenen Mann hin, dessen
beide Hände frei waren und der ohne jede Bewegung starr wie eine
Bildsäule da stand, — noch einmal erhob sich gewaltig und weithin über
den Platz schallend das „Vive l'empereur“ der Truppen.
Dann trat eine augenblickliche tiefe Stille ein, der Marschall Canrobert
sprengte an die Seite des Kaisers, um ihn beim Heranreiten der Fronte zu
begleiten.
Napoleon gab seinem Pferde einen leichten Schenkeldruck, indem er noch
einmal wie fascinirt nach jenem in Lumpen gehüllten Mann hinsah.
Da trat dieser Mann plötzlich einige Schritte vor, immer die Augen voll
grimmigen fanatischen Hasses auf den Kaiser gerichtet. Er erhob die Arme
nicht, er machte keine Bewegung, aber mit einer lauten, gellenden
Stimme, welche schaurig durch die augenblickliche Stille, die dem lauten
Rufen der Truppen gefolgt war, über den Hof hinschallte, rief er mehrere
Male hinter einander:
„Nach Cayenne! Nach Cayenne!“
Napoleon parirte sein Pferd, die ganze Suite hielt an, ein Ruf des
Entsetzens ertönte aus der nächsten Umgebung des Kaisers. Verschiedene
Officiere waren im Augenblick vom Pferde gesprungen und hatten im Verein
mit einer großen Anzahl von Sergeants de Ville und Polizeibeamten in
Civil, welche im Nu aus der Menge der Zuschauer hervorbrachen, den
Unbekannten umringt und festgenommen.
Er machte keine Miene des Widerstands und ließ sich, nachdem er noch
einmal einen Blick tiefen und unversöhnlichen Hasses auf den Kaiser
geworfen, nach dem Erdgeschoß der Tuilerien hinführen.
Napoleon hatte schnell mit der ihm stets eigenen Selbstbeherrschung
seine Ruhe wiedergefunden.
„Ein armer Wahnsinniger,“ sagte er lächelnd zu dem Marschall Canrobert
gewendet, und in kurzem Galopp sprengte er, von seiner glänzenden Suite
gefolgt nach dem Flügel der Truppenaufstellung; langsam ritt er dann
die Reihen hinunter, und noch enthusiastischer als vorher wurde er
überall mit jubelnden Zurufen begrüßt.
Er schien aus seiner früheren gleichgültigen Lethargie erwacht zu sein,
und mit stolzem festem Blick sah er diese herrlichen Truppen an, die ihm
so laut und freudig ihre Ergebenheit beweisen wollten. Lächelnd machte
er dem Marschall seine Complimente über die Haltung der Truppen, dann
sprengte er zurück, nahm eine Aufstellung vor dem Gitterthor — seiner
Suite weit voran, und indem er einen scharfen, festen, herausfordernden
Blick auf die herandrängende Menge warf, gab er das Zeichen zum Beginn
des Vorbeimarsches. Während die einzelnen Regimenter vor ihm
vorbeidefilirten, nach französischer Sitte als Zeichen ihrer
begeisterten Huldigung die Kopfbedeckungen an der Spitze ihrer Waffen
schwingend, ertönte von Neuem immer und immer wieder der alte Ruf „Vive
l'empereur“, welcher schon so oft und in großen Augenblicken von diesen
altersgrauen Mauern wiederhallt war an derselben Stelle, wo die
sterbenden Diener des versinkenden Königthums zum letzten Male „Vive le
roi“ gerufen hatten, und wo bereits zwei Mal eine wilde blutige Masse
ihr „Vive la Republique“ geheult hatte.
Die Revue war beendet, der Kaiser dankte dem Marschall und den
Officieren, ritt langsam zum Portal zurück, stieg ab und begab sich,
sein Gefolge freundlich mit der Hand grüßend, nach seinem Cabinet
zurück.
Hier angekommen warf er sich erschöpft in seinen Lehnstuhl, die stolze
und feste Haltung, welche er den Truppen gegenüber beobachtet hatte,
verschwand, körperlicher Schmerz und tiefe Niedergeschlagenheit zeigte
sich in seinen schlaffen, zusammensinkenden Gesichtszügen.
„Ist der Polizeipräfect hier?“ fragte er den Kammerdiener, welcher ihm
Hut und Handschuhe abnahm.
„Er befindet sich in einem Zimmer des Erdgeschosses und verhört den
Elenden, welcher es gewagt, Eure Majestät zu insultiren.“
„Ich lasse ihn bitten, sogleich zu mir zu kommen.“
Er sank in sich zusammen und erwartete schweigend die Ankunft des Chefs
der Polizei.
Nach kurzer Zeit trat Herr Pietri in das Zimmer. Dieser Leiter der weit
ausgedehnten Polizei von Paris war eine schmächtige schlanke Gestalt,
geschmeidig und biegsam, — sein Kopf mit der weit vorspringenden, stark
gewölbten Stirn war oberhalb spitz emporspringend, das dünne dunkle Haar
lag auf den Schädel glatt an und bildete zur Seite der tief
eingefallenen Schläfen zwei kleine, etwas abstehende Locken. Die
Backenknochen standen stark hervor, die Augen lagen so tief zurück, daß
der scharfe stechende Blick wie aus dunklen Schatten hervorblitzte; die
stark gebogene Nase hing weit raubvogelartig gekrümmt über den von einem
langen schwarzen Schnurrbart verdeckten Mund herab. Der ganze Eindruck
dieses eigenthümlichen, gelb gefärbten Gesichts war ernst, kalt und
finster.
„Was für ein Mensch ist das?“ fragte Napoleon mit leichtem Kopfnicken
den Gruß des Polizeichefs erwidernd.
„Er heißt Lezurier,“ erwiderte Pietri. „Trotz der Lumpen, in welche er
gehüllt war,“ fuhr er fort, „fand man bei ihm eine Börse mit elftausend
Francs in Gold, drei Staatsrentenbriefe über dreißigtausend Francs
jährlicher Rente und ein Dolchmesser. Man hat sofort seine Wohnung
ermittelt, und soeben berichtet man mir, daß bei der ersten Nachsuchung
eine Menge von Waffen dort entdeckt worden ist, Keulen, Säbel, Lanzen,
Revolver, Todtschläger, Dolche, Bayonette und Stockdegen, außerdem fand
man in einem alten Pult noch sechzigtausend Francs in Gold. Seine ganze
Behausung ist höchst ärmlich, er aß bei einem Lumpensammler in der
unmittelbaren Nachbarschaft, bezahlte demselben monatlich dreißig
Francs.“
„Räthselhaft,“ sagte der Kaiser tief nachdenkend. „Und was hat er
bezweckt? Was war der Grund seiner Handlung?“
„Er setzt allen Fragen ein hartnäckiges Schweigen entgegen,“ erwiderte
Pietri.
Ein rascher Entschluß blitzte im Auge des Kaisers auf.
„Führen Sie ihn her, ich will ihn sehen,“ sprach er, — „ich will ihn
selber fragen.“
„Sire,“ sagte Pietri fast erschrocken, „Eure Majestät wollen —“
„Er konnte mir doch in der That,“ sagte der Kaiser, „draußen auf dem
Tuilerienhof gefährlicher werden, als hier in meinem Zimmer, nachdem man
ihm alle Mittel zu schaden abgenommen hat. Führen Sie ihn mir hierher,
aber kommen Sie allein mit ihm, lassen Sie keinen untergeordneten
Beamten mit eintreten. Wir werden uns ja wohl gegen ihn verteidigen
können,“ fügte er lächelnd hinzu.
Pietri verneigte sich und ging hinaus. Nach einigen Augenblicken kehrte
er zurück — ihm folgte, von zwei Polizeibeamten bis zur Thür geführt,
der räthselhafte Unbekannte.
Derselbe trat ruhigen und festen Schrittes ein und blieb in einiger
Entfernung von der Thür stehen. Sein Anblick war erschreckend, die
ohnehin schon zerfetzten Lumpen, die ihn einhüllten, waren bei seiner
Arretirung noch mehr zerrissen und hingen in fast formlosen Stücken um
seinen Körper her, von einem Schlage, den er erhalten, hatte seine Nase
geblutet, auch hatte er eine nicht unbedeutende Wunde an der Stirn
erhalten, sein Gesicht war mit Blut befleckt und seine Haare klebten an
den Schläfen mit Blut und Staub fest, er war noch bleicher als vorher
und seine unheimlich glühenden Augen blickten mit demselben tiefen und
unversöhnlichen Haß zu dem Kaiser hinüber.
Napoleon sah diesen Mann lange schweigend an, die Schleier, welche fast
immer seine Augen verhüllten, waren verschwunden, voll und frei ruhte
sein forschender Blick auf der Gestalt des Gefangenen, doch fand der
grimmige Ausdruck des Hasses, welcher dessen Züge erfüllte, in den Augen
des Kaisers keine Erwiderung. Er sah diesen Mann mit einer Mischung von
Verwunderung und wehmüthiger Trauer an.
„Sie haben,“ fragte Napoleon endlich mit sanfter Stimme, „so eben in
dem Hof der Tuilerien einen Ruf ausgestoßen, den man als eine feindliche
Demonstration gegen mich deutet. Ich wünsche von Ihnen selbst zu
erfahren, was Sie dabei bezweckt haben, ob es wirklich Ihre Absicht war,
den Souverain Ihres Landes, welchen die große Majorität der Bürger
Frankreichs auf den Thron berufen, zu beleidigen? Warum haben Sie den
Ruf ausgestoßen „nach Cayenne?“
Lezurier machte keine Bewegung, nur wurde die zornige Gluth seines auf
den Kaiser gerichteten Blickes noch wilder und intensiver, und mit einer
heisern, aber scharf und deutlich die Worte betonenden Stimme sprach er:
„Ich habe das Geschrei der Soldaten gehört, welche vive l'empereur
riefen, da erfaßte mich ein unbezähmbarer Zorn, und mein ganzes Wesen
loderte auf in wilder Wuth, als ich Denjenigen jubelnd begrüßen hörte,
dessen Verbrechen gegen Frankreich und seine Freiheit ihn zu jenem
todtbringenden Exil hätten verurtheilen müssen, in welches er so viele
Märtyrer der heiligen Sache des Volkes geschickt hat — nach Cayenne!“
Der Kaiser sah den Mann groß an und schüttelte langsam mit einem fast
mitleidigen Lächeln den Kopf.
„Man hat ein Messer bei Ihnen gefunden,“ sagte er, „und ein kleines
Waffenarsenal in Ihrer Wohnung. Hatten Sie die Absicht, mich zu tödten?“
„Nein,“ erwiderte Lezurier, „diese Absicht hatte ich nicht. Ich war nur
auf den Tuilerienhof gekommen, um meinen heiligen Haß durch den Anblick
des Tyrannen zu kräftigen. Die Sache des Volkes bedarf des Meuchelmordes
nicht, welcher wohl den Tyrannen tödten, aber nicht die Tyrannei
vernichten würde.“
„Wozu also diese Waffen?“ fragte der Kaiser — „außerdem,“ fügte er hinzu,
„hat man viel Geld bei Ihnen gefunden, und doch sind Sie in Lumpen
gekleidet.“
„Ich habe mein Vermögen und mich,“ erwiderte Lezurier immer in demselben
Ton, „der Sache des Volkes gewidmet, für mich will ich nur übrig
behalten, was zur nothdürftigsten Ernährung und Bekleidung meines
Körpers unerläßlich ist. Alles Uebrige war bestimmt, bei der großen
Erhebung des Volkes verwendet zu werden, welche sich vorbereitet, welche
kommen wird und welche Sie herabschleudern wird in den Abgrund, aus
welchem Sie heraufgestiegen.“
„Warum haben Sie denn,“ fragte der Kaiser weiter, „den Ruf ausgestoßen,
der Sie den Gesetzen überliefert und alle Ihre Vorbereitungen erfolglos
macht?“
„Ich habe es gethan,“ erwiderte Lezurier, „weil die augenblickliche
Entrüstung mich übermannte, weil eine blutige Wolke meinen Blick
verdunkelte, weil ich nicht mehr Herr meiner selbst war. Ich bereue es,
daß ich es gethan, weil ich meine Kraft und meine Mittel dadurch für den
großen heiligen Kampf gehemmt habe, der aber,“ fuhr er fort, „dessen
ungeachtet begonnen und siegreich durchgeführt werden wird. Ein
Einzelner mehr oder weniger in der Phalanx des Volkes kann auf den
Erfolg keinen Einfluß haben.“
„Sie sind nicht, was Sie scheinen,“ erwiderte der Kaiser, „Ihre Worte
sprechen von höherer Bildung, als Ihre Kleidung vermuthen läßt.“
„Je höher mein Geist gebildet ist,“ erwiderte Lezurier, „um so mehr muß
ich das Elend Frankreichs erkennen und die Mittel zu seiner Beseitigung
suchen. Je reiner meine Gesinnungen sind und je fester mein Charakter
sich entwickelt hat, mit um so höherer Begeisterung muß ich meine ganze
Existenz für die Freiheit Frankreichs einsetzen, — um so glühender muß
ich Denjenigen hassen, welcher diese Freiheit verrätherisch geknechtet
hat.“
„Wenn Sie mich hassen,“ sagte der Kaiser mit einer sanften, fast
weichen Stimme, „so können Sie mich doch nicht für klein halten, Sie
würden mir sonst nicht sagen, was Sie so eben ausgesprochen.“
„Mein unbesonnener Ruf,“ erwiderte Lezurier, „hat mich ohnehin in Ihre
Hände geliefert und meine Theilnahme am Kampf der Zukunft beinahe
unmöglich gemacht, ich kann mir also die Genugthuung gewähren, dem
Tyrannen in's Gesicht zu sagen, was ich von ihm denke. Er hat ja doch
nur die Macht,“ fügte er mit verächtlichem Achselzucken hinzu, „diesen
Körper zu vernichten, diese Form zu zerbrechen, in welcher ein kleiner
Theil jenes Geistes eingeschlossen ist, der im gewaltigen
unwiderstehlichen Flug die Trümmer seines Thrones fortreißen wird in die
Abgründe der ewigen Vernichtung!“
„Und was wollten Sie mit jenen Waffen machen,“ fragte der Kaiser,
„welche Sie in Ihrer Wohnung aufgesammelt haben, mit jenem Gelde,
welches Sie dort aufbewahrten?“
„Die Waffen wollte ich am Tage der großen Erhebung allen Denen in die
Hand drücken,“ erwiderte Lezurier, „welchen ich begegnen würde, deren
Arm noch nicht bewehrt wäre, um dem Zorn und dem Haß ihres Herzens
Nachdruck zu geben. Mit dem Gelde wollte ich die Kämpfer ernähren und
die Verwundeten pflegen.“
„Stehen Sie mit Andern in Verbindung?“ fragte der Kaiser weiter.
Ein finsterer Hohn zuckte um die Lippen Lezurier's.
„Sie sind gewöhnt,“ erwiderte er, „den Verrath zu erkaufen. Aber,“ fuhr
er fort, „ich habe Nichts zu verrathen, und was ich weiß, kann ich laut
aussprechen, ohne irgend Jemanden in die Hände Ihrer Häscher zu liefern.
Mein Verbündeter ist das Volk von Frankreich in seiner großen Mehrheit,
das denkt und fühlt wie ich, das aber vielleicht nicht immer und nicht
überall dieselbe Energie und Thatkraft hat, welche ich angewandt haben
würde zur Erreichung des großen Ziels — zur Befreiung des Vaterlandes!“
„Sie haben mich beleidigt,“ sagte der Kaiser, „dafür sind Sie dem Gesetz
verfallen, doch liegt in meinen Händen das schöne Recht der Gnade, und
ich mache Gebrauch davon, indem ich Ihnen die Beleidigung verzeihe,
welche Sie gegen mich ausgestoßen. Derjenige,“ sprach er stolz den Kopf
erhebend, „den die große Mehrzahl seiner Nation vertrauensvoll auf den
Thron berufen, kann die Beleidigung eines Einzelnen leicht vergeben.
Aber Sie haben Vorbereitungen getroffen,“ fuhr er fort, „um nicht mir
allein zu schaden, sondern um die Staatsordnung, welche die französische
Nation sich in freier Entschließung gegeben, zu zerstören. Wollen Sie
sich verpflichten, in Paris unter den Augen der Sicherheitsbehörde ruhig
zu leben, so will ich Ihnen Ihre Freiheit schenken und Ihnen auch das
verzeihen, was Sie gegen den Staat und gegen die öffentliche Ordnung
gethan und beabsichtigt haben. Wollen Sie mir das versprechen?“ fügte er
fast in bittendem Ton hinzu.
„Nein,“ erwiderte Lezurier kalt und starr, „ich will Sie nicht
betrügen, — ich will nicht,“ fügte er mit bitterem Hohn hinzu, „in Ihre
kaiserliche Prärogative der Lüge eingreifen, ich würde vom ersten
Augenblick an meine ganze Kraft, mein ganzes Denken wiederum darauf
richten, die große Revolution zu fördern und herbei zu führen, welche
bestimmt ist, Ihre Herrschaft zu zertrümmern.“
„Dann,“ erwiderte der Kaiser, „kann ich Nichts für Sie thun, und der
Ruf, den Sie ausgestoßen, wird Ihr Urtheil sein.“
Lezurier schwieg, ohne eine Bewegung zu machen, ohne eine Miene seines
Gesichts zu verändern.
„Ich wünsche nicht,“ sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken, „daß
irgend Jemand anders durch Sie leidet. Das Vermögen, welches Sie in
wahnsinniger Verblendung zum Kampf gegen den Staat und die Gesellschaft
bestimmten, soll Ihrer Familie zurückgegeben werden. Haben Sie
Angehörige?“
Die Züge des Gefangenen verzerrten sich im dämonischen Haß.
„Ich hatte ein Weib,“ sagte er, „sie ist lange todt und hinterließ mir
einen Sohn. Dieser Sohn und ein Bruder, jünger als ich, bildeten meine
ganze Familie. Beide sind gefallen auf den Barrikaden unter den
Kartätschenkugeln, welche die Bahn öffneten für den blutigen Triumphzug
Ihrer kaiserlichen Herrlichkeit.“
Die Züge des Kaisers nahmen einen Ausdruck unendlicher Weichheit und
Milde an, seine groß geöffneten Augen schimmerten im feuchten Glanz, er
stützte einen Augenblick den Kopf in die Hand und seufzte tief auf, dann
blickte er noch einmal voll mitleidiger Theilnahme auf diese in Lumpen
gehüllte Gestalt, auf dieses blutbefleckte bleiche Gesicht und sagte.
„Ich habe versucht, was ich versuchen konnte, um Böses mit Gutem zu
vergelten, Sie haben Alles zurückgewiesen und für das Schicksal, das
Ihnen bevorsteht, werden Sie mir keinen Vorwurf zu machen haben.“
Er winkte mit der Hand. Pietri öffnete die Thür und übergab den
Gefangenen den beiden Polizeibeamten, zwischen denen derselbe hoch
aufgerichtet mit festem Schritt das Cabinet verließ.
„Welches Urtheil erwartet ihn?“ fragte der Kaiser.
„Die Deportation,“ erwiderte Pietri.
„Man soll ihn mit Milde behandeln,“ sagte Napoleon, „und auch sein Exil,
wenn er zu demselben verurtheilt wird, so schonend als möglich
einrichten, — er ist krank, — er _muß_ krank sein, — ein gesunder Geist
kann einen solchen Haß nicht entwickeln. Besorgen Sie, daß er ärztlich
untersucht wird.“
Er winkte entlassend mit der Hand, mit tiefer Verbeugung zog sich der
Polizeipräfect zurück.
Der Kaiser saß lange in tiefem, finsterm Schweigen versunken.
„Ist es wahr,“ sagte er endlich mit dumpfem Ton, „ist wirklich die Masse
des Volks von Frankreich der Verbündete dieses Rasenden, — müßte ich
wirklich um dieses aus der Tiefe herauf gährenden Hasses Herr zu werden,
von Neuem meinen kaiserlichen Purpur in Blut tauchen? Wäre es da nicht
besser, wie jener alte Römer sich selbst in den Abgrund zu stürzen zur
Versöhnung des Schicksals, als diesen Abgrund mit Hekatomben von
Menschenopfern zu füllen, — ist die Gestalt dieses Mannes der mahnende
Geist, den das Verhängniß vor mir ansteigen ließ, wie es einst bei
Philippi dem träumenden Brutus jene drohende Erscheinung sandte? Oh,“
rief er, die Hände faltend und den Blick nach oben richtend, „gieb mir
Licht in diesem Dunkel, Du große Vorsehung, welche mich auf so
wunderbaren Wegen bis hierher geführt hat, — gieb mir Kraft,“ fügte er
mit tief schmerzlichem Ausdruck hinzu, — „denn wo die Kraft ist, da ist
das Licht, — meine Kraft aber versiegt und zerbricht, — und höher und
höher steigt die Dunkelheit herauf, welche meinem Geist das klare
Erkennen raubt.“
Er sank in sich zusammen und blieb wie gebrochen in seinem Lehnstuhl
sitzen.
Achtes Capitel.
Einige Meilen unterhalb Hannovers fast hart an dem Ufer der Leine
liegt das Dorf Bodenfeld.
Der Ort im flachen Lande inmitten reicher Wiesen und üppigen
Fruchtfeldern gelegen, bietet nur wenig Naturschönheiten und besteht aus
geschlossenen Gehöften, welche, in einiger Entfernung von einander
bestehend, unregelmäßige, aber gut und sauber gehaltene Straßen bilden,
die von der Wohlhabenheit und dem Ordnungssinn der Bevölkerung zeugen.
Trotz der verhältnißmäßig geringen Einwohnerzahl bietet Bodenfeld sowohl
wegen seiner Lage, als wegen des Reichthums und des ausgedehnten
Grundbesitzes seiner Bewohner den Mittelpunkt der Gegend.
Es hatte eine große und schöne Kirche mit einem stattlichen, von einem
freundlichen Garten umgebenen Pfarrhause; daneben in einiger Entfernung
von der Kirche lag das weite und geräumige Amthaus; denn man hatte auch
den Amtssitz bei der neuen Verwaltungsorganisation hierher gelegt, um
den Eingesessenen bequemere Gelegenheit zu geben, den Mittelpunkt der
Localverwaltung zu erreichen.
Die Häuser der Bauerngehöfte zeugten alle von Wohlhabenheit, große
Viehställe umgaben sie, und ihre Eigenthümer, obwohl in die
eigenthümliche Tracht des Landes gekleidet und nach alter einfacher
Sitte lebend, würden doch nach der Ausdehnung ihrer Ländereien, nach der
Zahl ihrer Gespanne und ihres Viehstandes, nach der Menge der von ihnen
beschäftigten Knechte und Arbeiter in andern Gegenden kaum noch für
Bauern gegolten haben.
Ein kleiner Hof am Ende des Dorfes stach ein wenig gegen die übrigen
reichen Besitzungen ab.
In der Mitte einer fast im regelmäßigen Viereck sich ausdehnenden
Feldmark lag ein kleines, einfaches Haus, daneben ein sauber gehaltener
Obstgarten, eine Allee von Obstbäumen führte von dem Hause durch das
Feld hin zu der in einiger Entfernung vorüberziehenden Landstraße.
Auf der andern Seite des Wohngebäudes lag ein kleiner Hof, von Ställen
umgeben, ein Taubenschlag in der Mitte; in den Ställen standen drei
sauber gepflegte Kühe, zwei Zug Ochsen und zwei jener starken kräftigen
Pferde, an welchen das hannöversche Land so reich ist; den reinlichen,
mit gelbem Sand bestreuten Hof belebte zahlreiches und vortrefflich
gehaltenes Federvieh; hinter den glänzenden, blank geputzten Scheiben
der kleinen Fenster sah man einfache, aber blendend weiße Gardinen,
blühender Geranium leuchtete im dunklen Roth durch die Scheiben; kurz
Alles trug den Stempel von Wohlhabenheit, Ordnung und Behaglichkeit; und
wenn auch dieser kleine Hof an Ausdehnung hinter den übrigen Besitzungen
des Dorfes erheblich zurückstand, so zeichnete er sich doch vor allen
Uebrigen durch eine beinahe bis zur Eleganz gehende Zierlichkeit und
Sauberkeit aus.
An einem schönen Aprilabend saßen in den Wohnzimmern des kleinen Hauses,
dessen einfache Einrichtung aus einem großen eichenen Tisch, einigen
Stühlen mit starkem Rohrgeflecht und zwei jener alten mächtigen, mit
braunem Leder überzogenen Lehnstühlen bestand und dessen Wände ebenfalls
mit schwarz gewordenem Eichenholz bekleidet waren, ein alter Mann und
eine alte Frau neben einander. Jede von Ihnen hatte einen der großen
Lehnstühle eingenommen, und sie schienen sich nach der Arbeit des Tages
jener tiefen, anmuthenden Ruhe zu erfreuen, welche auf dem Lande mit der
Feierabendstunde das häusliche Leben mit einem fast sonntäglichen
Frieden umgiebt.
Der Mann war ein hoher Sechziger, kräftig und markig gebaut, das weiße
dichte Haar hing lang an den Schläfen herunter, sein scharf markirtes,
von fester Willenskraft zeugendes Gesicht war glatt rasirt, und aus
seinen großen klaren Augen blickte neben dem klugen, beinahe listigen
Verstand, der den Bauern jener Gegenden eigenthümlich ist, auch eine
tiefe Weiche und Milde heraus.
Er trug einen Faltenrock von dunkler Farbe, den Hemdkragen über dem
Halstuch von schwerer schwarzer Seide hervorgezogen und hohe Stiefel bis
zu den Knieen und war beschäftigt, durch eine silberne Brille mit
großen, runden Gläsern die Zeitung zu lesen, welche der Landpostbote vor
Kurzem gebracht hatte.
Die alte Frau, welche in dem andern Lehnstuhl neben ihm saß, schien
älter zu sein, als er. Ihre Haltung war etwas zusammengesunken und
gebrechlich, ihr blasses Gesicht mit den sanft und weich, beinahe
traurig blickenden Augen war mager und kränklich, ihr fast weißes, glatt
gescheiteltes Haar war unter einer großen weißen Haube mit breitem
Strich und unter dem Kinn zusammengebundenen Bändern fast ganz
verborgen.
Sie trug einen glatt anliegenden, schwarzen Rock und ein großes,
schwarzes Seidentuch um Brust und Schultern und war beschäftigt, nachdem
sie das Federvieh, dem sie ihre besondere Sorgfalt widmete, besorgt
hatte, mit langen starken Nadeln einen großen Strumpf zu stricken, wobei
sie leise zählend die Lippen bewegte.
Der Mann war der Eigenthümer des Hofes, der alte Bauer Niemeyer, welcher
ohne Kinder in seiner schönen, kleinen Besitzung lebte; die Frau neben
ihm war seine Schwester, die Wittwe des lang verstorbenen Unterofficiers
Cappei, welche nach dem Tode ihres Mannes mit einer kleinen
Wittwenpension aus der englischen Legionskasse und mit ihrem einzigen
Sohn ein Asyl bei ihrem Bruder gefunden hatte und bei demselben die
Stelle der Hausfrau vertrat.
Das Jahr 1866 hatte in den kleinen Familienkreis tief und schneidend
eingegriffen. Der junge Cappei, welcher den Feldzug jenes Jahres in der
hannöverschen Armee mitgemacht hatte und dann zu seinem Oheim und zu
seiner Mutter zurückgekehrt war, um seinem Oheim in der Bewirtschaftung
des Hofes, der zu seinem einstigen Erbtheil bestimmt war, Beistand zu
leisten, hatte sich voll Begeisterung für die Sache des Königs Georg
und fortgerissen von der Bewegung, welche beim Beginn des Jahres 1867
unter den jungen Leuten jener Gegend herrschte, der Emigration
angeschlossen, und seit jener Zeit lebten die beiden Alten wieder einsam
in dem kleinen Hause, eifrig und sorgfältig die Wirthschaftsgeschäfte
besorgend, aber traurig, des fernen Sohnes und Neffen gedenkend, dessen
Abwesenheit alle ihre Hoffnungen für die Zukunft in Frage stellte.
Sie hatten nur seltene und wenig ausführliche Nachrichten von ihm
erhalten, denn die Emigranten scheuten sich eingehend nach ihrer Heimath
zu schreiben aus Furcht, ihre Angehörigen in Verwickelung mit den
Behörden zu bringen, und so waren die beiden alten Leute darauf
angewiesen, die Zeitung, welche sie seit jener Zeit hielten, zu
durchforschen, um irgend etwas über die Legion zu erfahren.
Aber auch diese Nachrichten waren nur sehr spärlich und unklar gewesen
und hatten sie oft recht traurig gestimmt, wenn sie von den
unglücklichen Verhältnissen lasen, in welchen nach einzelnen
Mittheilungen aus Frankreich die Emigranten dort leben sollten.
Die alte Mutter Cappei glaubte fest an die Versicherung, welche ihr Sohn
ihr beim Abschied gegeben, daß er siegreich mit allen seinen Kameraden
den König in der Mitte wieder in die Heimath zurückkehren werde.
Ihr Bruder hatte tiefes Mißtrauen in diese Hoffnungen, er hing zwar mit
zäher und liebevoller Anhänglichkeit an den alten Verhältnissen, aber
sein scharfer und practischer Verstand ließ ihn wenig an eine
Möglichkeit der Wiederkehr derselben glauben.
Es war dies ein Punkt, über welchen die beiden alten Leute, welche sonst
in so inniger und liebevoller Einigkeit miteinander lebten, häufig in
lebhaften Wortwechsel geriethen.
Der alte Niemeyer war sehr unzufrieden mit der Emigration seines Neffen
und wurde nicht müde, in seine Schwester zu dringen, daß sie mit ihm
gemeinsam dem jungen Menschen den kategorischen Befehl schicken möge,
wieder in die Heimath zurückzukehren.
Doch dazu konnte sich die alte Frau, so tiefen Schmerz sie über die
Abwesenheit ihres einzigen Kindes empfand, nicht entschließen. Es
erfüllte sie mit hohem Stolz, daß ihr Sohn „in des Königs Legion
diente“, wie es ja auch ihr verstorbener Mann einst gethan zur Zeit der
Occupation Hannovers im Anfang dieses Jahrhunderts, und trotz aller
Mühe, die sich ihr Bruder gab, gelang es ihm nicht, sie zu überzeugen,
daß die damaligen Verhältnisse und die damalige Legion, welche der
mächtige König von England aus seinen hannöverschen Unterthanen
gebildet, etwas ganz anderes sei, als die Emigration, welche heute ihrem
verbannten, machtlosen König in das Exil gefolgt war; sie war überzeugt,
daß es wieder anders werden müsse, wie es damals anders geworden war,
und daß ihr Sohn einst siegreich wiederkehren werde, belohnt und
ausgezeichnet von dem König, dem er so treu geblieben — und ihn dieser
glänzenden Zukunft zu entziehen, dazu konnte sie sich nicht
entschließen.
So saßen sie denn auch heute wieder da, — sie hatten ihre Arbeit gethan,
der Alte las die Zeitung, wie es ihm nun seit längerer Zeit zur
Gewohnheit geworden war, und seine Schwester füllte die Muße ihres
Abends durch die Beschäftigung mit ihrem Strickstrumpf aus, indem sie
mit jeder Masche desselben theils eine wehmüthige Erinnerung an ihren
Sohn, theils eine freudige Hoffnung auf dessen glänzende Zukunft
verwebte.
Plötzlich warf der Alte das Blatt vor sich hin und schlug kräftig mit
der Hand auf den Tisch, indem er zugleich die ihm unbequeme Brille hoch
auf die Stirn hinausschob.
„Das ist eine gute Nachricht,“ rief er laut, „der König hat die Legion
aufgelöst, welche ihm so viel Geld kostete, und welche so viele brave
junge Leute ihrer Heimath entfremdete und den Gefahren eines unthätigen
Lebens aussetzte. Das freut mich, das ist ein guter Entschluß, der
vernünftigste, den unser Herr hat fassen können. Jetzt haben wir doch
Hoffnung, daß der Junge wieder zu uns zurückkommt, und daß unser altes,
liebes Besitzthum nicht noch in fremde Hände übergehen wird, während
sein rechter und richtiger Erbe weit in der Ferne ein unruhiges und
abenteuerliches Leben führt.“
Die alte Frau Cappei ließ den Strickstrumpf in ihren Schooß sinken, ein
freudiger Ausdruck erschien einen Augenblick auf ihrem Gesicht, dann
aber schüttelte sie trübe und traurig den Kopf.
„Das wird wieder eine von den Nachrichten sein,“ sagte sie, „welche
schon oft von Zeit zu Zeit in den Zeitungen erschienen sind und immer
nicht wahr waren. Wie oft hast Du schon an die Rückkehr meines Sohnes
geglaubt, wie oft hat man gesagt, die Legion wäre auseinandergegangen,
und immer ist es nicht wahr gewesen. Und es wird auch diesmal nicht wahr
sein,“ sagte sie mit einem gewissen Stolz, „der König kann ja seine
Soldaten nicht fortschicken. Er braucht ja seine Legion, wenn er sein
Land wieder erobern will, und so sehr ich mich sehne, den Jungen wieder
hier zu sehen, so möchte ich doch nicht wünschen, daß er als Flüchtling
hierher wieder zurückkehrt, ohne für seinen König sich geschlagen zu
haben, wie es sein Vater seiner Zeit auch gethan hat.“
„Du bist thöricht,“ sagte der Alte, „Du möchtest womöglich Deinen Jungen
noch als großen Feldherrn wiedersehen.“
„Nun das Zeug dazu hat er schon,“ fiel seine Schwester etwas gereizt
ein, „daß er Officier wird, wenn es zum Schlagen kommt, daran zweifle
ich garnicht. Was hat er nicht Alles gelernt, wie hübsch und fein sieht
er aus! Und wie viele Beispiele hat man nicht, daß große Generale sich
ganz von unten herauf gearbeitet haben! Auch in der Legion in Spanien
sind damals ganz einfache Soldaten hohe Officiere geworden, — wenn es
meinem seligen Mann nicht so gut gegangen ist, so hat es nur den Grund
gehabt, daß er keine Gelegenheit fand, sich auszuzeichnen.“
„Das sind Alles Possen,“ rief der Alte mürrisch, „und ich hoffe, daß der
Junge selbst nicht solche thörichten Gedanken in seinem Kopf haben wird.
Er sollte Gott danken, daß er hier eine feste Heimath und einen wohl
geordneten Besitz hat und sollte so schnell als möglich hierher
zurückkehren, um diesen Hof zu übernehmen, dessen Bewirthschaftung mir
täglich schwerer zu werden anfängt. Nun,“ fuhr er fort, „das wird sich
jawohl von selbst machen. Ich habe mit dem preußischen Amtmann, den sie
uns hierher geschickt haben, neulich gesprochen und er hat mir
versichert, daß er nicht glaube, daß gegen meinen Neffen irgend etwas
Unangenehmes unternommen werden möchte, wenn er zurückkäme und sich zur
Erfüllung seiner Landwehr-Militairpflicht stellte, eine eigentliche
Desertion liege ja nicht vor und“ —
Er wurde durch ein lautes Anschlagen des Hofhundes unterbrochen.
Schnelle, kräftige Schritte ließen sich vor dem Hause vernehmen, rasch
wurde die Thür geöffnet, und Derjenige, über dessen Schicksal die beiden
Alten sich soeben unterhalten hatten, trat in das Zimmer.
Der junge Cappei trug einen kleinen Ränzel auf dem Rücken, sein Gesicht
war von dem raschen Gang geröthet und erschien dadurch noch blühender,
als sonst; seine hellen offenen Augen strahlten von Glück und Freude,
als er das alte Haus, die Heimath seiner Kindheit, das alte wohlbekannte
Zimmer, in welchem kein Meubel sich verändert hatte, als er seine Mutter
und seinen Oheim, diese beiden einzigen Wesen wiedersah, welche in dem
alten Vaterlande ihm nahe standen.
Rasch eilte er auf die alte Frau zu, welche ihm zitternd ihre offenen
Arme entgegenstreckte; er drückte ihren Kopf an seine Brust und küßte
zärtlich ihre weißen Haare. Dann wandte er sich zu seinem Oheim, welcher
aufgestanden war und mit glücklichem stolzem Ausdruck auf die kräftige
Gestalt des jungen Mannes blickte, er schlug fest in dessen dargebotene
Hand ein und sagte tief aufathmend:
„Da bin ich wieder bei Euch — Gott sei Dank, daß ich Euch Beide am Leben
und wohl und munter finde. Ich habe lange keinen Brief von Euch
erhalten, und als ich von der Eisenbahnstation zu Fuß hierher ging, hat
mich eine entsetzliche Angst erfaßt, daß ich das Alles hier vielleicht
nicht so wiederfinden könnte, wie ich es verlassen habe. Nun Gott sei
Dank, es ist ja Alles gut, und meine Angst ist umsonst gewesen.“
Abermals schloß er seine Mutter in die Arme, und dann setzte er sich an
den Tisch und begann in hastigen abgebrochenen Worten zu erzählen von
seinem Leben in Frankreich, von den Kameraden, welche dort mit ihm
gewesen, von den Hoffnungen, die sie gehabt hatten, und wie das nun
Alles zu Ende sei, da der König die Legionaire entlassen habe und eine
große Anzahl von ihnen nach Amerika ausgewandert sei, während Andere in
Algier ihr Glück versuchen wollten. „Sie haben mir viel zugeredet,“
sagte er, „auch dorthin zu gehen, aber ich habe das nicht gewollt. Ich
will nicht mehr als heimathloser Flüchtling in der Welt leben, und auch
Euch wollte ich wiedersehen, mein Herz zog mich hierher, und ich muß
meine Verhältnisse hier in der alten Heimath ordnen, um wieder ein
richtiger Mensch zu werden, der seinen Platz klar und fest in der Welt
behaupten kann.“
„Das hast Du brav gemacht, mein Junge,“ sagte der Alte, indem er ihm
kräftig auf die Schulter schlug, während die Mutter zusammentrug, was im
Hause zu finden war, Brod, kaltes Fleisch und einen großen Bierkrug,
damit der lange entbehrte Sohn wieder am heimathlichen Tisch esse und
trinke, wodurch nach ihrer Auffassung eigentlich erst das Band zwischen
ihm und dem alten Hause wieder fest geknüpft wurde.
Eine Zeit lang sahen die beiden Alten schweigend zu, sich des kräftigen
Appetits freuend, den der junge Mensch zeigte.
Dann begannen sie wieder zu fragen nach allen Einzelheiten seines Lebens
in der Fremde, nach diesem und jenem Bekannten; und er erzählte ihnen
von Allem, und doch schien es, als ob immer noch etwas im Rückhalt
bliebe, denn oft brach er plötzlich ab, sah schweigend vor sich nieder,
und erst auf erneuerte Fragen nahm er seine Mittheilungen wieder auf.
Dem scharfen Blick der alten Frau entging dies nicht, — eine Mutter liest
ja so tief in dem Herzen ihres Sohnes und das wunderbare Band, welches
sie mit ihrem Kinde verknüpft, wird durch die Zeit und das Alter niemals
gelockert. Die Alte schüttelte das Haupt, sie fühlte, daß da noch Etwas
war in dem Herzen ihres Sohnes, wovon er nicht sprach — aber sie sagte
nichts darüber, sie behielt sich vor, später ihn danach zu fragen,
überzeugt, daß es ihr gelingen würde, auch die verschlossensten Tiefen
seines Innern zu öffnen.
„Jetzt aber,“ sagte der alte Niemeyer endlich, „obgleich es schon spät
ist, mußt Du dennoch gleich mit mir zum Amtmann. Du mußt Dich auf der
Stelle melden, Deine Rückkehr darf keine heimliche sein, und was die
Behörden über Dich verfügen, mußt Du ruhig über Dich ergehen lassen.
Schlimm werden sie es mit Dir nicht machen, ich habe es schon
vorbereitet, da ich immer überzeugt war, Du würdest früher oder später
hierher wieder zurückkehren.“
Sie gingen bei dem schon hereindunkelnden Abend nach dem großen Amthaus
hin, ließen sich bei dem Amtmann, einem preußischen Assessor, welcher
hierher versetzt war, melden und wurden in dessen Wohnzimmer geführt,
welches bereits von einer Lampe erleuchtet war.
Der Amtsverwalter, ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, ernst und
ruhig, aber auch zugleich freundlich und wohlwollend in seinem Wesen
erhob sich bei dem Eintritt des alten Bauern von seinem Schreibtisch, an
welchem er mit Durchsicht von Acten beschäftigt war und trat demselben
entgegen, indem er einen schnellen forschenden Blick auf den hinter
seinem Oheim hereintretenden jungen Cappei warf.
„Herr Amtmann,“ sagte der alte Niemeyer, „ich bringe Ihnen hier einen
Flüchtling, der nach der alten Heimath zurückgekehrt ist, und der nun
nichts mehr gegen die neue Ordnung der Dinge, welche die Vorsehung über
uns verhängt hat, unternehmen wird. Er hofft auf eine nachsichtige
Behandlung für das, was er etwa nach den geltenden Gesetzen Strafbares
begangen haben könnte und stellt sich zu Ihrer Verfügung.“
Der junge Cappei trat vor, blieb in militairischer Haltung vor dem
Beamten stehen und blickte ihn mit seinen offenen, klaren Augen frei und
fest an.
„Es freut mich,“ sagte der Beamte, auf welchen die Erscheinung des
jungen Mannes einen wohlthuenden Eindruck zu machen schien, „daß Sie
sich entschlossen haben, in die geordneten Verhältnisse zurückzukehren
und auf thörichte und abenteuerliche Unternehmungen zu verzichten. Ich
will nicht fragen und untersuchen, welche Pläne Sie bei Ihrer
Auswanderung gehegt haben, welchen Unternehmungen Sie sich angeschlossen
haben — allein Sie sind nach den preußischen Gesetzen noch
landwehrpflichtig gewesen und werden sich über Ihre eigenmächtige
Entfernung zu verantworten haben. Ich wäre berechtigt, Sie zu arretiren
und Sie in Untersuchungshaft zu behalten, da ich jedoch nach Ihrem
freiwilligen Wiedererscheinen keinen Verdacht hege, daß Sie sich der
Untersuchung und der eventuell zu verhängenden Strafe entziehen werden,
so will ich von einer solchen Maßregel Abstand nehmen und Ihnen Ihre
Freiheit lassen, allein um der Form zu genügen, müssen Sie eine
Bürgschaft leisten.“ —
„Die Bürgschaft übernehme ich, Herr Amtmann,“ rief der alte Niemeyer
lebhaft. „Ich stelle mein Haus und meinen Hof als Haft dafür, daß der
junge Mann sich nicht von hier entfernt und sich jeder Anforderung
stellen wird.“
„Ich will diese Garantie annehmen,“ erwiderte der Beamte — er setzte
sich an seinen Schreibtisch, nahm ein kleines Protokoll auf, das der
alte Bauer und sein Neffe unterzeichnen mußten und entließ dann die
Beiden.
Als sie hinausgegangen waren, zog er ein kleines Aktenfascikel aus einem
verschlossenen Fach seines Schreibtisches hervor und öffnete dasselbe.
„Die Erscheinung dieses jungen Mannes,“ sagte er, „ist durchaus
Vertrauen erweckend, er hat ein so freies Gesicht und einen so offenen
Blick, daß ich ihm kaum geheime und verborgene Absichten zutrauen kann.
Auch ist mir der Alte als ein Mann von ruhigem praktischen Sinn, der
sich den thatsächlichen Verhältnissen stillschweigend unterordnet und
alle Agitationen und Conspirationen mißbilligend, bekannt; und doch ist
mir hier ein sehr bestimmter Avis zugegangen, nach welchem die
Gesandtschaft in Paris gerade diesen jungen Cappei auf Grund ihr
zugegangener Mittheilungen als einen fanatischen Feind der preußischen
Herrschaft und als einen gefährlichen Verschwörer und Agitator
bezeichnet, welcher nur deshalb hierher zurückgekehrt, um nach
Frankreich hin Mittheilungen über die hiesigen Verhältnisse,
Truppendislokationen und so weiter gelangen zu lassen, — mir kommt das
ein wenig unwahrscheinlich vor,“ fuhr er fort, „allein die Mittheilung
ist bestimmt, und die Zeitverhältnisse gebieten die größte Vorsicht. Ich
werde ihn genau beobachten lassen und eine Ueberwachung seiner
Correspondenz bei der Postbehörde anordnen, — ist jene Mittheilung
richtig, so wird sich bald ein greifbares Indicium finden lassen.“
Er schrieb nach genauer Durchsicht des Aktenfascikels eine Verfügung,
ließ seinen Secretair rufen und übergab ihm dieselbe mit dem Befehl
schleuniger und discreter Expedition. Dann verschloß er das geheime
Aktenstück wieder in seinen Secretair und wandte sich seinen
regelmäßigen Arbeiten zu.
Lange noch saß der alte Bauer Niemeyer mit seiner Schwester und dem
jungen Cappei bei der großen Lampe im Wohnzimmer seines Hauses
beisammen. Immer noch forschten und fragten die beiden Alten — immer
erzählte der junge Mann, — immer deutlicher fühlte die Mutter, daß in
allen diesen Erzählungen noch Etwas fehlte und zwar Etwas, was tief und
innig mit dem Herzensleben ihres Sohnes zusammenhängen müsse.
Und als sie endlich die Ruhe aufsuchten, als sie den Sohn in seine
schnell hergerichtete Schlafkammer mit dem sauberen, hoch
aufgeschichteten Federbett geführt, und die Hände segnend auf sein
Haupt gelegt hatte, da blieb sie noch lange wach in ihrer Kammer in dem
Lehnstuhl am Fußende ihres Bettes sitzend und tief nachdenkend über die
Fügungen der Vorsehung, welche zwar die ehrgeizigen Träume zerstört
hatte, in welchen sie an den fernen Sohn gedacht, welche aber doch
diesen Sohn lebendig, frisch und blühend ihr wieder zugeführt hatte und
jetzt opferte sie jenen Traum gern der schönen und lieben Wirklichkeit.
Sie fühlte auch mit dem so feinen weiblichen Instinct, welches der
verborgene Punkt sei, der in allen Erzählungen ihres Sohnes noch dunkel
geblieben; sie fühlte, daß die Liebe zwischen ihm und dem fernen Land,
aus welchem er zurückgekehrt ein Band geknüpft habe.
Aber sie war nicht traurig darüber und wieder regten sich ehrgeizige
Hoffnungen in ihrem Herzen. Denn ein so guter, so braver und so hübscher
junger Mann wie ja ihr Sohn, konnte nur eine Wahl getroffen haben, die
ihm und seiner ganzen Familie ehrenvoll war.
Und als sie endlich ihr Lager aufsuchte, schloß sie Diejenige, welche
ihr Sohn gewählt haben möchte, und welche ihr mütterlicher Stolz in
hohen und angesehenen Kreisen suchte voll freudiger Hoffnung und
Zuversicht in ihr frommes Abendgebet mit ein.
Der junge Cappei aber war in körperlicher Ermüdung, welche die kräftige
Jugend noch stärker fühlt, als das Alter, und in jenem süßen Wohlgefühl,
welches das Bewußtsein erzeugt, nach langer Abwesenheit wieder im Schooß
des heimathlichen Hauses zu ruhen, bald in einen festen und tiefen
Schlaf versunken.
Und wunderbar verschmolzen sich in seinen Träumen die Bilder der Ferne,
zu welcher sein Herz ihn hinzog und der Heimath, in welche die Wurzeln
seines Lebens geschlagen waren, miteinander.
Bald sah er sich im Hause des alten Challier an der Seite seiner
Louise und an der Spitze des immer blühender erwachsenden
Handelsgeschäfts — bald wieder zeigte ihm der Traum das theure Bild
seiner Geliebten, wie dieselbe glücklich lächelnd in das Haus seines
Oheims eintrat, wie sie seiner Mutter zur Hand ging in häuslichen
Geschäften und neues fröhliches Leben in die alte Heimath brachte.
So schwer diese verschiedenen Bilder in der Wirklichkeit zu vereinigen
waren, so verband sie doch das wunderbare Spiel des Traumes zu
harmonischer Einigkeit, welche ihn mit einem süßen Gefühl des Glücks und
der Freude erfüllten.
Neuntes Capitel.
In einem großen saalartigen Zimmer im Hinterhofe eines düstern Hauses
des Faubourg St. Antoine war das democratische Comité versammelt,
welches sich gebildet hatte, um auf das Plebiscit einzuwirken und das
Volk in Massen dahin zu bestimmen, daß es die Abstimmung entweder ganz
verhindere oder wo die Kühnheit dazu vorhanden sein möchte mit „Nein“
stimme.
Die Versammlung fand bei bereits ziemlich vorgerückter Abendstunde
statt, der große finstere Raum mit den schmutzigen, von Rauch
geschwärzten Wänden war durch einige Petroleumlampen, die auf einem
großen Tisch in der Mitte standen, nur wenig erhellt; um diesen Tisch
saßen die Leiter des Comités in scharfer Beleuchtung, während der übrige
Theil des Saales, in welchem sich etwa vierzig bis fünfzig der
hervorragendsten Agenten des Comités befanden, in Dunkelheit gehüllt
war.
An diesem Tisch sah man in der Mitte Jules Lermina, einen der
unermüdlichen Agitatoren der republikanischen Bewegung in Frankreich,
einen Mann mit tief blassem, wie aus Erz gegossenem Gesicht, in welchem
nur die glühenden, unheimlich und finster blickenden Augen zu leben
schienen und welches, wenn er mit seiner harten jede Modulation
ausschließenden Stimme sprach, durch kein Mienenspiel bewegt wurde.
Hier sah man Ulric de Fonvielle, den Begleiter Victor Noirs bei dessen
verhängnißvollem Besuch im Hause des Prinzen Pierre Bonaparte — mit
seinem großen Bart und seinem unruhigen, aufgeregten und wichtig
thuenden Wesen.
Hier war Varlin, der Buchbinder, in seiner gebückten Haltung mit dem
kalten höhnischen Lächeln auf den Lippen, mit dem niedergeschlagenen
Blick, der nur zuweilen im schnellen Blitz von unten hinauf schoß und
dann fast immer Denjenigen, auf welchen er sich richtete, durch seinen
stechenden scharfen Ausdruck aus der Fassung brachte.
Hier sah man Raoul Rigault, den jungen einundzwanzigjährigen Verschwörer
mit seinem blassen, selbstgefällig lächelnden Gesicht, den müden, etwas
gleichgültigen Blick hinter dem Monocle verbergend, in seiner
stutzerhaften, aber etwas abgeschabten Eleganz, mit der Wäsche von
zweifelhafter Reinheit, das kleine Stöckchen mit dem unechten
Silberknopf in der Hand.
Hier sah man Ancel, Boyer, Delacour, Dembrun, Portalier, Robin,
Mangold — theils in Blousen, theils im einfachen bürgerlichen Anzug — und
auf allen diesen finstern Gesichtern ruhte der Ausdruck starrer düsterer
Entschlossenheit und grimmiger Unversöhnlichkeit. Sie waren zum großen
Theil die Führer des Pariser Zweigvereins der internationalen
Arbeiterassociation, welche aber jetzt nicht mehr wie früher sich einer
gewissen wohlwollenden Duldung der Regierung zu erfreuen hatte, nachdem
sie durch richterliches Erkenntniß aufgelöst worden war. Es war nicht
mehr jene Internationale von Tolain und Fribourg, welche durch Belehrung
und ruhige gesetzliche Agitationen die Lage des Arbeiterstandes zu
verbessern strebte, und welche von idealen Anschauungen geleitet wurde.
Jene Führer waren verschwunden, die Internationale von heute war eine
proscribirte und geächtete Gesellschaft, welche sich lange den
Nachforschungen der Polizei verbarg, und im Geheimen dafür aber um so
wirksamer ihre Lehren propagirte und ihre Pläne verfolgte. Diese Lehren
aber waren heute offen und rückhaltslos auf die Zertrümmerung der
bestehenden Staatsordnung und der bestehenden Gesellschaft gerichtet,
und die Pläne, deren eigentliches Geheimniß nur den ausgewählten
Kreisen, den Leitern, bekannt war, richtete sich auf eine möglichst
schnelle und nachdrückliche Vernichtung aller Autorität und alles
Besitzes.
Die internationale Association als solche konnte sich mit der Frage des
Plebiscits nicht beschäftigen, sie konnte sich nicht versammeln, ohne
sich sogleich polizeilicher Auflösung auszusetzen, sie hatte deshalb das
democratische Comité gebildet, an dessen Spitze wiederum ihre Leiter
standen, um in dieser Form ihren Einfluß auf das Plebiscit auszuüben und
um wo möglich diese Gelegenheit zur Herbeiführung einer Catastrophe zu
benutzen.
Auf Bänken und Stühlen ringsum den Tisch des eigentlich leitenden
Comités saßen dessen hervorragende Agenten in den verschiedenen
Stadttheilen von Paris fast Alle in der Blouse der Arbeiter, Alle
denselben Ausdruck ruhiger und kaltblütiger Unversöhnlichkeit in den
Gesichtern.
Lermina erhob sich:
„Wir haben, meine Freunde,“ sprach er, „nunmehr die Berichte aus allen
Theilen von Frankreich empfangen, welche uns mittheilen, daß überall
die Comités constituirt sind, um diesem frevelhaftem Possenspiel
entgegenzutreten, durch welches man in einem gefälschten Ausdruck des
Volkswillens für den Despotismus und die Tyrannei eine neue Stütze
suchen will. Allgemein ist die democratische Partei organisirt, um auf
die unklare und furchtsame Bevölkerung den Druck ihres Einflusses
auszuüben. Nach Allem, was man uns mittheilt, wird es schwer werden,
eine große Majorität dahin zu bringen, daß die an das Volk gestellte
Frage mit „Nein“ beantwortet wird. Die Furcht vor den Machtmitteln der
Gewalt ist zu groß — dagegen müssen wir aber mit aller Kraft dahin
streben, daß der größte Theil der Bevölkerung sich von jeder Abstimmung
zurückhält, um vor der Welt beweisen zu können, daß die Majorität,
welche die Regierung erreichen möchte, im Verhältniß zur Gesammtzahl der
Bevölkerung garnichts bedeutet. Ich habe deshalb die Instructionen,
welche Sie Alle früher bereits gebilligt haben, an eine Anzahl von
zuverlässigen Personen vertheilt, die in diesem Augenblick bereits in
die Provinzen abgegangen sind, um überall die Agitation noch fester zu
organisiren und zu beleben. Unser unermüdlicher Freund Cernuschi hat mir
von London aus abermals die Summe von hunderttausend Francs übersendet,
um die nothwendigen und unvermeidlichen Kosten unserer Thätigkeit zu
bereiten.“
Ein Ruf des Beifalls tönte durch den Saal.
„Ich habe ihm den Dank des Comités ausgesprochen,“ fuhr Lermina fort,
„und schlage nunmehr vor, daß wir hier in Paris selbst unvorzüglich eine
demonstrative Versammlung in Scene setzen, welche hier in der Hauptstadt
die Bewegung in Fluß bringt und den Provinzen ein Beispiel giebt. Ich
schlage zu diesem Zweck den Saal der Folie-Bergère vor, welcher den
nothwendigen Raum bietet und zugleich der ganzen Bevölkerung von Paris
bekannt ist. Hat Einer von Euch, meine Freunde, gegen den Vorschlag
Etwas einzuwenden?“
Die Versammlung schwieg — einzelne Rufe der Zustimmung ließen sich hören.
„So wollen wir also,“ fuhr Lermina fort, „die democratische
Volksversammlung in der Folie-Bergère auf den vierten Tag, von heute an
gerechnet, festsetzen. Und ich bitte alle unsere Freunde,“ fuhr er sich
nach den Zuhörern im Hinterraum des Saales wendend fort, „in den
verschiedenen Stadttheilen von Paris ihre ganze Thätigkeit aufzubieten,
um den Besuch der Versammlung so zahlreich als möglich zu machen.
Zugleich ersuche ich Euch alle, meine Freunde, Euch vorzubereiten und
nachzudenken über das, was Jeder von Euch der Versammlung sagen will,
damit die Worte zünden und die Massen zu energischem Widerstand
entflammen.
„Vor Allem,“ rief Ulric de Fonvielle mit lauter Stimme, „müssen wir
diesen verrätherischen Lügner und Heuchler Ollivier dem Volk in seiner
wahren Gestalt zeigen. Es giebt immer noch Leute,“ fuhr er fort, „welche
sich durch seine Vergangenheit täuschen lassen und auf welche sein Name
einen gewissen Einfluß übt, — durch ihn will die kaiserliche Tyrannei das
Volk irre führen, ihn gilt es zu vernichten und ihn des letzten Restes
seiner Popularität zu berauben. Ich werde über Ollivier sprechen,“ rief
er mit der Hand durch seinen Bart fahrend, „das Volk hat Ollivier in die
Gosse geworfen — und das Kaiserthum hat ihn daraus wieder
hervorgefischt!“ —
Lautes Gelächter, Beifallsrufen und Händeklatschen erfüllten den Saal.
Dann trat eine augenblickliche Stille ein.
Varlin erhob sich, zog ein Papier aus der Tasche und sprach:
„Ich bin in Allem mit den Maßregeln des Comités und mit seinen
Vorschlägen vollkommen einverstanden. Doch ich habe nunmehr meinerseits
einen Vorschlag zu machen, welcher in der Vorsicht begründet ist und zum
Zweck hat, unsere Agitatoren gegen einen Gewaltstreich der Regierung zu
schützen.“
Aufmerksam hörten Alle zu.
„Ihr wißt, meine Freunde,“ fuhr Varlin fort, „daß die Internationale
gesetzlich verboten ist, und daß die Polizei das Recht hat, jede
Thätigkeit dieser Association sofort zu verhindern. Nun aber ist unsere
ganze Organisation, wenn wir uns auch als democratisches Comité
constituirt haben, dennoch die der Internationalen. Wir Alle sind
Mitglieder des Bureaus derselben, und in allen Provinzen sind es wieder
die Zweigvereine der Internationalen, in deren Händen die Agitation
liegt. Das giebt der Polizei Gelegenheit, sobald sie will, unsere ganze
Agitation als eine Thätigkeit der Internationalen zu bezeichnen und zu
verbieten — es wäre unklug, ein solches Verbot zu provociren oder möglich
zu machen, und ich halte es demnach für nothwendig, daß von Seiten der
Internationalen eine öffentliche Kundgebung stattfindet, welche
vollkommen klar stellt, daß die democratische Association gegen das
Plebiscit mit der internationalen Arbeiteragitation nichts zu thun hat.
Ich halte eine solche Kundthuung practisch für nothwendig, außerdem
aber,“ fuhr er einen raschen Blick im Kreise umherwerfend fort, „deshalb
für geboten, weil allerdings die jetzt von uns ausgeübte Thätigkeit mit
den eigentlichen Zielen der Internationalen wie dieselbe in den Statuten
derselben ausgestellt sind, nicht identisch ist.“
„So soll die Internationale die Thätigkeit des democratischen Comités
desavouiren,“ fragte Lermina, den flammenden Blick auf Varlin richtend.
„Das nicht,“ erwiderte dieser, „doch soll sie erklären, daß sie mit
dieser rein politischen Sache nichts zu thun hat. Ich wiederhole,“ fuhr
er fort, „daß diese Erklärung nach meiner Ueberzeugung zunächst der
Polizei gegenüber nöthig ist, um ihr die Möglichkeit zu nehmen, gegen
das democratische Comité unter dem Vorwand einzutreten, daß es mit den
Internationalen identisch sei, so dann aber auch im Interesse der Macht
der Internationalen selbst. Wir Alle, meine Freunde,“ fuhr er fort,
„sind darüber einig, daß nur durch eine politische Revolution, durch
welche das jetzt begehende Regiment und die ganze Staatsordnung
zertrümmert, die socialen Ziele in der Internationalen erreicht werden
können, aber — ihr müßt wissen, wie ich, daß unter den Arbeitern,
namentlich in den Provinzen, noch sehr viele vorhanden sind, welche vor
einer politischen Revolution zurückschrecken, und welche noch in der
Idee befangen sind, von welcher wir in dem leitenden Mittelpunkt uns
frei gemacht haben, — von der Idee nämlich, daß auf friedlichem und
gesetzlichem Wege eine Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes
erreicht werden könne; um Aller dieser willen ist es ebenfalls nöthig,
daß wir die Internationale als solche von jeder Thätigkeit gegen das
Plebiscit fern halten.“
Lermina blickte nachdenklich vor sich hin, die Gründe Varlins schienen
ihm einzuleuchten, dennoch mochte es seiner im Grunde ehrlichen und
graden Natur widerstreben, aus Rücksichten der Klugheit solche
Doppelwege zu gehen.
Einzelne Stimmen der Mißbilligung erhoben sich aus dem Zuhörerkreise.
„Das würde nur Verwirrungen in die Begriffe bringen,“ rief man — „warum
nicht etwas sagen, wovon man überzeugt ist, — um so besser, wenn in
diesem Augenblick ein Zusammenstoß mit der Gewalt erfolgt, — einmal muß
es ja doch dazu kommen.“
„Halt, meine Freunde,“ rief Varlin mit seiner durchdringenden Stimme die
verschiedenen Rufe übertönend, „höret zunächst an, wie ich die Erklärung
der Internationalen entworfen habe, Euch wird dann Alles besser klar
werden. Sie soll wahrlich die Thätigkeit unseres democratischen Comités
nicht desavouiren, und sie soll uns nur davor schützen, daß wir durch
einen rohen Eingriff der Polizeigewalt in unserer Wirksamkeit gehemmt
und unterbrochen werden, bevor dieselbe ihre Früchte getragen hat.“
Er winkte gebieterisch mit der Hand und während der aufmerksamen Stille,
die unmittelbar eintrat, las er, den Blick auf das Papier in seiner Hand
geheftet, den von ihm vorgeschlagenen Entwurf der Erklärung der
Internationalen:
„Der Bundesrath des internationalen Arbeitervereins giebt den
Insinuationen und Anschuldigungen der offiziellen und offiziösen Blätter
über seine Theilnahme an der politischen Agitation dieser Tage hiermit
ein formelles Dementi. Die Internationale weiß nur zu gut, daß die
Leiden aller Art, welche das Proletariat zu dulden hat, bei weitem mehr
den ökonomischen Zuständen der Gegenwart, als den Zufälligkeiten des
Despotismus einiger Staatsmänner zuzuschreiben sind. Sie wird ihre Zeit
nicht mit Nachsinnen über die Befestigung des kaiserlichen Despotismus
verlieren. Der internationale Arbeiterverein, der eine permanente
Verschwörung aller Unterdrückten, aller Ausgebeuteten ist, wird den
ohnmächtigen Verfolgungen gegen seine Führer trotzend, so lange fort
bestehen, bis alle Ausbeuter der Arbeit, alle Capitalisten, alle Pfaffen
und alle politischen Abenteurer verschwunden sein werden.“
„Ich glaube,“ sprach er, indem sein Blick über die Versammlung hinglitt,
„daß nach dieser Erklärung Niemand wird sagen können, es sei die
Internationale, welche die gegenwärtige democratische Agitation
führe, — und doch wird darin gewiß kein abfälliges Urtheil über seine
Thätigkeit gesprochen.“
„Varlin hat Recht,“ rief man von allen Seiten — „er ist klug und
vorsichtig, — er denkt an Alles, die Proclamation ist gut, sie soll
erlassen werden.“
Niemand widersprach an dem Tisch des Comités, nur Raoul Rigault zuckte
leicht die Achseln und schlug mit dem Spazierstöckchen auf seine
Stiefel.
Varlin legte das Papier, dessen Inhalt er vorgelesen, Lermina vor, der
es mit einem raschen Federzug unterzeichnete. Die Uebrigen folgten Alle.
Lermina erklärte sodann die Sitzung für geschlossen, und die
Versammelten verließen in einzelnen Gruppen, um kein Aufsehen zu
erregen, langsam und schweigend das Zimmer, indem sie sich, sobald sie
aus dem äußern Theil des Hauses auf die Straße traten, nach
verschiedenen Richtungen hin zerstreuten.
Raoul Rigault näherte sich Lermina.
„Bleibt noch einen Augenblick hier,“ sprach er, „ich habe Euch eine
Mittheilung zu machen.“
„Gut,“ sagte Lermina.
Raoul Rigault trat zu Varlin und dann zu Ulric de Fonvielle, indem er
sie ebenfalls aufforderte, noch zu bleiben.
Bald war das Zimmer leer, und an dem großen Tisch befanden sich nur noch
Lermina, Varlin, Ulric de Fonvielle und Raoul Rigault.
In der Tiefe des Zimmers war ebenfalls eine Gestalt sitzen geblieben,
welche man bei der matten Beleuchtung nur in dunkeln Umrissen erkennen
konnte.
„Meine Freunde,“ sagte Raoul Rigault indem er das herabgefallene Monocle
mit einer etwas gezierten Bewegung wieder in das Auge warf, „ich habe
Euch ruhig sprechen und beschließen lassen, ohne irgend Etwas dabei zu
bemerken, weil ich Alles das für ein Geschwätz halte, durch welches
Nichts erreicht wird; — dieses Plebiscit,“ fuhr er mit selbstgefälligem
Lächeln fort, „— wird trotz unserer Agitation ganz nach dem Plan seiner
Arrangeurs ausgeführt werden, — und“ sagte er sich zu Varlin
wendend — „trotz des Protestes der Internationale wird man uns alle
verhaften, wenn man irgend dazu Lust verspürt.“
„Das ist Alles was Sie uns zu sagen haben und weshalb Sie uns gebeten
haben, hier zu bleiben?“ fragte Lermina mit seiner harten klanglosen
Stimme.
„Der Bürger Rigault ist sehr jung,“ sagte Varlin mit einem finstern
Blick auf den stutzerhaft lächelnden jungen Mann, — „es würde ihm
vielleicht besser anstehen aus den Erfahrungen ältere Personen zu
lernen, als deren Handlungen zu critisiren.“
Ulric de Fonvielle sagte Nichts, — er kannte Raoul Rigault und wußte, daß
wenn dieser junge Mensch mit dem blasirten gleichgültigen Gesicht
lächelte ein furchtbarer, blutiger Gedanke in seinem Gehirn arbeitete.
Er blickte ihn forschend an und wartete.
„Handlungen?“ fragte Raoul Rigault höhnisch die Achseln zuckend, ohne
die unmuthigen finstern Blicke Lermina's und Varlin's zu
beobachten, — „Ihr nennt das Handlungen — diese versteckten Agitationen,
diese zweideutigen Erklärungen und Proteste? Handelt“ — fuhr er fort,
„handelt, wie man in großen ernsten Angelegenheiten handeln muß, und
meine Critik wird schweigen, — ich werde wahrlich der Erste sein mit Euch
zu handeln, — aber ich sehe nicht ein wozu alle diese Geschäftigkeit
führen soll.“
„Wenn man tadeln will was Andere thun, so muß man Etwas Besseres
vorzuschlagen haben,“ sagte Lermina kurz und hart.
Varlin machte eine Bewegung, als wollte er ausstehen.
„Hört mich an,“ sagte Raoul Rigault, indem er ihn mit der Hand
zurückhielt.
Er stützte die Arme auf den Tisch und bewegte sein Stöckchen leicht in
der Luft hin und her.
„Der Augenblick ist günstig,“ sprach er weiter in einem Tone als
unterhielte er sich über irgend ein gleichgültiges Tagesereigniß, — „der
Augenblick ist günstig um einen großen Schlag auszuführen, — einen Schlag
der uns mit einem Mal an das Ziel aller unserer Bestrebungen führen
kann.“
„Und wie sollte dieser Schlag ausgeführt werden,“ fragte Varlin mit
einem fast verächtlichen Lächeln.
„Sehr einfach,“ erwiderte Raoul Rigault, immer mit seinem Stöckchen
spielend, „unsere Vereine sind in ganz Frankreich vortrefflich
organisirt, wir können sie von hier aus mit einem Wort in active
Bewegung setzen, wir können überall den Aufstand ausbrechen lassen.“
„Das können wir,“ erwiderte Lermina, „wenn wir es aber thun, so wird das
in diesem Augenblick keine weitere Folgen haben, als daß der Aufstand
überall durch die rohe Gewalt der Tyrannei niedergeschlagen und für die
Zukunft alle unsere Hoffnungen zertrümmert werden.“
„Wenn eben die Tyrannei noch besteht,“ erwiderte Raoul Rigault, „wenn
diese Maschine, welche man die kaiserliche Regierung nennt, überhaupt in
jenem Augenblick noch arbeitet.“
„Und wie wollen Sie,“ fragte Lermina, „indem Augenblick des Aufstandes
die so fest gegliederte Regierungsmaschine zerstören und unwirksam
machen?“
„Die Maschine,“ sagte Raoul Rigault, „wird von selbst unwirksam, wenn
sie keinen Mittelpunkt, eine bewegende Triebfeder mehr hat. Ich kümmere
mich nicht um die Maschine, ich zerstöre den Mittelpunkt, und die Arbeit
des Ganzen hört auf — Frankreich gehört uns.“
Lermina begann aufmerksam zu werden.
„Der Gedanke ist logisch,“ sagte er. „Wie kann er ausgeführt werden?“
„Sehr einfach,“ erwiderte Raoul Rigault, „indem man den Kaiser tödtet
und den Sitz der Regierung zerstört.“
Ganz erstaunt blickten Lermina und Varlin auf diesen jungen Menschen,
welcher im gleichgültigen und ruhigsten Ton von der Welt einen Satz
aussprach, der in seinen wenigen Worten den Umsturz der öffentlichen
Ordnung Frankreichs vielleicht Europas enthielt.
„Um den Kaiser zu tödten,“ fuhr Raoul Rigault fort, „bedarf es nur eines
entschlossenen Menschen, welcher sein Leben aufs Spiel setzt, wie dies
ja alle Soldaten oft für viel unwichtigere und gleichgültigere Dinge
thun, und in dessen Hand man ein Werkzeug legen würde, welches den
Erfolg seines Unternehmens nicht von dem Zufall abhängig macht, — zur
Zerstörung des Mittelpunkts der Regierung bedarf es nur,“ sagte er mit
selbstgefälligem Lächeln, „einiger practischen Anwendungen der
Chemie, — und was sonst die Folge der Revolution war, wird gegenwärtig
der Revolution vorangehen und ihr den Weg frei machen. Die Mittel, von
denen ich so eben gesprochen habe, sind gefunden. Um den Kaiser sicher
zu tödten, ohne die Sache von einem falschen Augenmaß oder von einem
nervösen Zittern der Hand abhängig zu machen, ist hier das Mittel.“
Er zog aus der Tasche seines Rockes einige kleine eirunde Eisenkörper
mit verlängerter Spitze hervor und legte sie auf den Tisch.
„Sie sind,“ sagte er lächelnd, „allerliebste Sprengbomben von einer
gewaltigen Explosionskraft. Man hat garnicht nöthig zu zielen. Man wirst
sie eine nach der andern in den Wagen des Kaisers, wenn er vorüber fährt
und vor die Füße seines Pferdes, wenn er reitet, und bevor die vierte
oder fünfte geworfen ist, wird von Demjenigen, der heute Frankreich zu
beherrschen glaubt, nichts mehr übrig sein, als einige kleine in der
Luft zerstreute Atome. Um diese Bomben zu werfen,“ fuhr er, die Stimme
etwas dämpfend, fort, „gehört ein Mann, welcher fanatisch oder
gleichgültig genug ist, um sein Leben an dies Wagniß zu setzen — ein
Gleichgültiger,“ fügte er hinzu, „ist mir lieber, als ein
Fanatiker, — und dieser Mann ist gefunden.“
Er erhob sich, wandte sich nach der Tiefe des Zimmers, die dunkle
Gestalt, welche von den Uebrigen unbemerkt dort bei der Entfernung der
Versammlung geblieben war, trat in den Lichtkreis, und man sah einen
jungen Mann von höchstens zwanzig bis einundzwanzig Jahren, dessen
völlig bartloses, gleichgültiges und etwas stupides Gesicht einen noch
fast knabenhaften Ausdruck hatte.
Raoul Rigault ergriff diesen jungen Mann, der einen einfachen Anzug von
sogenannter Marengofarbe und einen kleinen runden Hut trug, bei der Hand
und sagte:
„Hier ist der Bürger Beaury, welcher von London kommt und bereit ist,
den ersten und gefährlichsten Schlag in dem großem Entscheidungskampf
für die Rechte der arbeitenden Gesellschaft zu führen. Er wird diese
Bombe werfen und den fanatischen Imperator, vor welchem sich heute die
blöde Menge in den Staub beugt in die Luft sprengen.“
Tief erstaunt, beinahe bestürzt und erschrocken blickten die drei Andern
auf diesen jungen Menschen, welcher da so plötzlich wie aus der Erde
hervorgezaubert unter ihnen stand und sie mit einem ruhigen
gleichgültigen Lächeln anblickte.
„Wer sind Sie,“ fragte Lermina.
„Ich heiße Beaury,“ erwiderte der junge Mann. „Ich war früher Corporal
in der Armee des Tyrannen, seit einem Jahr bin ich Flüchtling in London,
Herr Flourens hat mich hierhergeschickt, — hier ist meine Beglaubigung.“
Er zog aus der Tasche seines Rockes ein offenes, etwas zerknittertes
Papier hervor und überreichte es Lermina.
„Ein Brief von Flourens,“ sagte dieser.
„An meine Genossen in Frankreich,“ fuhr er fort, das Papier lesend, „der
Ueberbringer dieses, der Bürger Beaury ist bereit und geschickt Alles
das auszuführen, was man ihm austragen wird, man kann sich vollkommen
auf ihn verlassen. Gustav Flourens.“
Er reichte das Papier Varlin, Fonvielle neigte sich herüber und sah über
dessen Schulter in die Schrift.
„Es ist Flourens' Handschrift,“ sagten Beide.
„Sie wissen, was Sie thun sollen,“ fragte Lermina, immer noch verwundert
den knabenhaften jungen Menschen ansehend.
„Gewiß“ erwiderte dieser, „ich soll diese Bombe da,“ er deutete auf den
Tisch, „nach dem Kaiser werfen, den ich sehr genau kenne, und den ich
nicht verfehlen werde. Ich habe auch noch dies zu übergeben,“ sagte er
dann.
Er zog ein anderes Papier aus der Tasche und gab es Lermina.
„Eine Anweisung auf vierhundert Francs,“ sagte dieser, „ebenfalls von
Flourens unterzeichnet.“
Lermina gab die Anweisung an Varlin, welcher einen Schlüssel aus der
Tasche zog, eine Schublade des Tisches öffnete und dem jungen Menschen
vier Bankbillets von hundert Francs übergab.
„Nun gehen Sie,“ sagte Raoul Rigault zu Beaury, welcher ganz vergnügt
seine Bankbillets einsteckte, „Sie werden Ihre näheren Anweisungen
erhalten. Ihre Adresse?“
„Rue St. Maur Nummer zweiunddreißig,“ sagte der junge Mensch, indem er
sich leicht gegen die Uebrigen verneigte und das Zimmer verließ.
„Ihr seht,“ sagte Raoul Rigault mit zufriedenem Lächeln, „daß ich mich
ein wenig auf das verstehe, was Handeln heißt, und daß ich vielleicht
ein wenig Recht habe, unpractische Maßregeln zu kritisiren.“
Varlin und Lermina erwiderten nichts.
„Doch weiter,“ sagte Ulric de Fonvielle, „die Ermordung des Kaisers
nützt uns wenig, wie wir ja langst überlegt haben.“
„Das ist eine Ansicht, die ich stets vertreten habe,“ sagte Raoul
Rigault, „Ihr könnt also nicht erwarten, daß ich glauben sollte, mit
diesem ersten Schlage sei Alles gethan. Auch habe ich Euch ja vorhin
gesagt, daß meine Pläne zur Handlung zwei Punkte haben. Der Erste war
die Ermordung des Kaisers; der Zweite ist die Zerstörung des
Mittelpunkts der Regierung.“
„Das wird etwas schwerer sein,“ sagte Varlin, den Kopf schüttelnd.
„Allzu umfassendere Vorbereitungen bedürfen wir nicht,“ sagte Raoul
Rigault. „Wir haben von diesen kleinen Maschinen,“ fuhr er fort auf die
auf dem Tische liegenden Bomben deutend, „einen Vorrath von tausend
Stück, welche ein Herr Lepet, ein harmloser Mann, in dem Gedanken
gegossen hat, daß es Theile eines neu erfundenen Vélocipédes wären. Sie
befinden sich an einem sichern Ort und können im Lauf weniger Stunden
gefüllt werben. Wir bedürfen dann nur noch einer gewissen Quantität
Petroleums, einer Quantität Pikrinsäure und eines Haufens alter Weiber
und kleiner Kinder, wie wir sie in beliebiger Menge in Belleville und
St. Antoine finden können.“
„Und dann,“ fragte Lermina.
„Dann,“ sagte Raoul Rigault die Achseln zuckend, „nehmen diese alten
Weiber und die Kinder die Bomben, werfen je einige hundert Stück
davon durch die Fenster der Tuilerien und der verschiedenen
Ministerialgebäude, gießen zu gleicher Zeit Jeder sein Gefäß voll
Petroleum in die Keller und Souterrains und zünden diese angenehme
Flüssigkeit mit einem kleinen Schwefelholz an. In wenigen Augenblicken
werden alle diese Centren der Regierungsgewalt in Flammen stehen, alle
diese Minister, Bureauchefs und Beamten werden fliehen. Das Ende der
Fäden, welche in die Provinzen führen und dort die Regierungskräfte in
Bewegung setzen, wird zerstört sein, und das Volk wird sich aus den
Vorstädten heranwälzen, und bevor noch irgend Jemand weiß, was
eigentlich vorgeht, wird Alles gethan sein, Paris wird uns gehören, und
diese träge, unentschlossene Masse, welche man Volk nennt, wird hier wie
im ganzen Lande unsern Befehlen folgen und durch unsere Organisation in
Bewegung gesetzt werden. Das Einzige, worauf es ankommt, ist, daß die
Sache schnell und auf allen Punkten gleichzeitig ausgeführt wird.
Das ist mein Vorschlag,“ sagte er, sich auf seinen Stuhl zurücklehnend
und mit dem Stöckchen an seine Stiefel klopfend, „er ist einfach, leicht
ausführbar und wirksam. Die Vorbereitungen sind getroffen. Wollt Ihr
handeln, so handelt, wollt Ihr es nicht, so laßt es bleiben, dann aber
werde ich mich zurückziehen, denn ich habe keine Lust mehr, meine Zeit
mit Redensarten und zwecklosen Agitationen zu verschwenden.“
„Der Plan ist großartig, vortrefflich! Dieser kleine Raoul Rigault hat
wirklich eine Armee in seinem Kopf,“ rief Ulric de Fonvielle.
„Die Sache ist allerdings gut ausgedacht,“ sagte Lermina, „und sie kann
reussiren.“
Varlin sagte nichts. Er saß tief nachdenkend da, doch zeigte der
Ausdruck seines Gesichts, daß er den Plan Raouls billige und über dessen
Ausführung nachsann.
„Natürlich kann die Sache reussiren,“ sagte Raoul Rigault, „und sie muß
reussiren, wenn sie nicht überaus dumm angegriffen wird, und daß dies
nicht geschieht, dafür müßt Ihr sorgen. Ich habe nicht Lust,“ fügte er
im affectirt hochmüthigen Ton hinzu, „mich um diese petites besognes zu
kümmern. Ich habe Euch die Instrumente geschafft, ich habe Euch einen
Menschen gestellt, welcher den ersten Schlag führen wird, an Euch ist
es, die Stunde fest zu stellen und Eure alten Weiber und Kinder an die
richtigen Orte zu führen, um aus diesen alten dumpfen Bureaus und
Aktenhaufen ein lustiges, fröhliches Feuer aussteigen zu lassen. In drei
Tagen könnt Ihr damit fertig sein. Jetzt laßt uns gehen, es könnte im
Hause Aufsehen erregen, wenn wir noch länger hier bleiben.“
Er stand auf, grüßte mit einer stutzerhaften Bewegung mit der Hand und
ging hinaus.
„Er hat uns in der That überflügelt,“ sagte Lermina, ihm finster
nachblickend, — „ich liebe ihn nicht, diese ganze geckenhafte Art
wichtige Dinge zu behandeln, mißfällt mir. Aber seine Ideen sind gut und
seine Vorbereitungen vortrefflich. Wenn Ihr einverstanden seid, soll der
Plan ausgeführt werden, er kann uns Jahre langer Agitationen überheben
und mit einem Schlage an das Ziel unserer Wünsche führen, — und selbst,
wenn der Plan mißlingen sollte, was ist dabei verloren — ein
zerschmetterter Kaiser, einige ausgebrannte Steinhaufen, — weiter
nichts,“ fügte er mit einem entsetzlichen Lächeln hinzu, welches seine
steinernen und unbeweglichen Züge in furchtbarer Weise verzerrte.
„Der Plan wird gelingen,“ rief Ulric de Fonvielle lebhaft, „die ganze
Kraft der Regierung ist zertrümmert, sobald der Mittelpunkt zerstört
ist, Frankreich und die Zukunft gehört uns.“
Varlin stand auf.
„Der Plan _kann_ gelingen,“ sagte er, „wenn Niemand außer uns etwas
davon erfährt, keines der Werkzeuge, die wir benutzen werden, darf den
ganzen Zusammenhang dessen, was geschehen soll, auch nur ahnen.“
Er streckte seine Hand aus.
„Schwören wir uns gegenseitig,“ sagte er, „bei unserm Hasse gegen die
Ausbeuter der Arbeit Verschwiegenheit und Tod dem, der den Schwur
bricht.“
Lermina und Fonvielle legten ihre Hände in diejenige Varlins.
„Wir schwören Verschwiegenheit,“ sprachen sie, „Tod dem, der diesen
Schwur bricht.“
Dann verschlossen sie sorgfältig alle Schubladen des großen Tisches, in
welche sie vorher die von Raoul Rigault mitgebrachten Proben der
Sprengbomben legten, verließen das als ein einfaches Versammlungslocal
erscheinende Zimmer, ohne dessen Thür zu verschließen und gingen vor dem
äußern Thor des Hauses nach verschiedenen Richtungen auseinander.
Einige Augenblicke blieb der große dunkle Raum im tiefen Schweigen, dann
ließ sich ein leises Geräusch vernehmen; — unter dem Tisch, an welchem
die vier Verschwörer so eben gesessen hatten, drang ein Lichtstrahl
hervor, eines der Bretter des Fußbodens erhob sich, aus der Öffnung
stieg ein Mann mit einer kleinen Blendlaterne hervor. Er leuchtete mit
dem hellen Strahl seiner Laterne nach allen Seiten in die Tiefe des
Zimmers hinein, dann drückte er das erhobene Brett sorgfältig in seine
alte Stelle zurück, scharrte etwas von dem auf dem Boden liegenden Staub
in die Spalten, zog dann mehrere sauber gearbeitete Schlüsselhaken aus
der Tasche und öffnete die Schublade des Tisches. Er nahm eine der
Bomben und steckte sie in seine Tasche, dann zog er ein kleines
Notizbuch hervor und schrieb beim Schein seiner Laterne einige Worte in
dasselbe, indem er vor sich hinflüsterte.
„Lepet, Gießer, — Beaury, Rue St. Maur Nummer zweiunddreißig.“
Dann ging er zur Thür, löschte seine Laterne aus, verließ leisen
Schrittes den Hof und das Haus und begab sich ruhig, die damals so
beliebte Melodie des Pompier de Nanterre vor sich hin pfeifend nach der
Polizeipräfectur, wo er durch den Dienst thuenden Huissier sogleich in
das Cabinet des Präfecten geführt wurde.
Ende des zweiten Bandes.