Der Legationsrath Bucher hatte seinen Vortrag bei dem Kanzler des
Norddeutschen Bundes, Grafen von Bismarck, beendet.
Der Graf saß in dem Lehnstuhl vor dem Schreibtisch bequem zurückgelehnt,
die kraftvolle markige Gestalt erschien noch breiter und voller im
Militairüberrock, — die Züge seines Gesichts waren stärker geworden und
drückten noch mehr als früher feste, entschlossene Willenskraft aus. Das
Haar an seinen Schläfen und der volle Schnurrbart hatten sich mehr und
mehr weiß gefärbt, ohne daß dadurch sein Gesicht älter erschien, — der
frische Ausdruck seiner klaren, grauen Augen, welche bald streng und
drohend, bald tief und gemüthvoll blickten, gab seiner ganzen
Erscheinung einen gewissen Schimmer jugendlicher Lebendigkeit.
Vor dem Grafen stand, ein Packet zusammengelegter Papiere in der Hand,
der Legationsrath Bucher.
Sein kränkliches feines Gesicht mit den kalt und ernst blickenden
kleinen Augen, dem fest geschlossenen Mund und der etwas scharf
vorspringenden Nase, seine magere Gestalt, welche dem Grafen Bismarck
gegenüber fast winzig erschien, — seine etwas gebückte Haltung, — das
Alles gab der Erscheinung dieses merkwürdigen Mannes, der früher seiner
politischen Ueberzeugung Heimath und Existenz geopfert und nunmehr das
Vertrauen des großen deutschen Staatsmannes zu erwerben und zu erhalten
gewußt hatte, einen Ausdruck, der die Mitte hielt zwischen dem Typus
eines Bureaukraten und eines Professors.
„Haben Sie die Schrift von Vilbort gelesen,“ fragte der Graf — ‚l'oeuvre
de Monsieur de Bismarck‘ — es wird in Paris viel besprochen —“
„Und ist auch bereits in deutscher Uebersetzung erschienen,“ bemerkte
der Legationsrath, „es enthält viel Interessantes und manche sehr
bemerkenswerthe Zeugnisse über das, was Herr Vilbort während des Krieges
von 1866 selbst gesehen und erlebt hat. — Ob freilich Alles das wahr ist,
was Vilbort über die Aeußerungen mittheilt, die Eure Excellenz ihm
selbst gegenüber gemacht haben, das müssen Sie selbst besser beurteilen
können, als ich —“
„Im Allgemeinen,“ sagte Graf Bismarck, „so weit ich das Buch zu
durchblättern Zeit gefunden habe, — giebt er meine Aeußerungen richtig
wieder, — und das ist schon sehr viel. — So oft man mit einem Journalisten
spricht, muß man sich gefallen lassen, daß er Alles, was man gesagt oder
nicht gesagt hat, wiedererzählt, wie er es aufgefaßt hat, — oder wie er
es aufgefaßt zu sehen wünscht, — das hindert mich übrigens nicht,“ fuhr
er fort, „mich ganz freimüthig und offen gegen diese Herren
auszusprechen, wenn ich Gelegenheit habe, einen von ihnen zu sehen; — ich
halte mit dem, was ich denke und was ich will, nicht hinter dem
Berge, — die ängstliche Geheimnißkrämerei der alten Diplomatie hat keinen
Sinn mehr in unserer Zeit, — freilich muß ich dann auch die öffentliche
Beurtheilung dessen, was ich gesagt habe, nicht scheuen, und, — Gott sei
Dank, — dafür habe ich ganz gesunde Nerven.“
„Herr Vilbort,“ sagte der Legationsrath Bucher, „scheint mir durch die
Offenheit, mit welcher Eure Excellenz sich ihm gegenüber ausgesprochen
haben, etwas eitel geworden zu sein; — er hält sich für einen
Geschichtschreiber, — und das ist er in der That nicht, — auch geht durch
sein ganzes Werk ein gewisses sentimentales Jammern über den Krieg, der
doch, da die Conflicte einmal unlösbar geworden, eine Nothwendigkeit
war.“
„Diese Richtung des Buches,“ fiel Graf Bismarck ein, „das jedenfalls in
Frankreich viel gelesen werden wird, ist mir am wenigsten
unangenehm, — die Franzosen können in der That eine Warnung vor den
traurigen Folgen eines großen Krieges brauchen, — es scheint, daß dort
wieder der Chauvinismus erhitzt wird, und daß man die Geister für einen
Krieg vorbereitet, für den Fall, daß man der inneren Schwierigkeiten
nicht Herr werden sollte.“
„Glauben Eure Excellenz wirklich,“ fragte der Legationsrath, „daß man in
Paris ernstlich an einen Krieg denken könnte, — gerade jetzt in dem
Augenblicke, in welchem die Zügel des persönlichen Regiments gelockert
sind, in dem Augenblick, in welchem Ollivier, der Mann des Friedens,
Minister geworden ist?“
„Die Berichte aus Paris,“ sagte Graf Bismarck mit leichtem Achselzucken,
„sprechen von den friedlichen Dispositionen der Regierung, — ich glaube
auch, daß der Kaiser, der arme kranke Mann, sich nach dem Frieden
sehnt, — schon um persönlich Ruhe zu haben, — aber Alles,“ fuhr er fort,
„was dort geschieht, kann zu irgend einem plötzlichen Ausbruch führen,
auf den wir heute mehr als je gefaßt sein müssen.
„Sehen Sie,“ sprach er nach kurzem Nachdenken, während er die Augen
sinnend emporschlug, „dieser unglückliche Pistolenschuß, der Victor Noir
tödtete, diese lauten Anklagen von Flourens, die ungeschickte Verhaftung
Rocheforts, ein Bonaparte vor Gericht, des Mordes angeklagt, das Alles
bricht über das Kaiserreich herein, — das ist ein furchtbares
Verhängniß, — und das constitutionelle Regiment kann die immer höher
aufwallenden Wogen nicht beschwören. Die Coterie des Krieges, welche
durch einen ruhmvollen Feldzug den Glanz des Kaiserreichs wieder
herstellen will, gewinnt an Boden, — der Kaiser ist schwach, — wird man
ihn nicht eines Tages dahin bringen, das Aeußerste zu wagen, um den
festen Boden wieder zu gewinnen, der ihm täglich mehr unter den Füßen
verschwindet. Er wird vielleicht den Krieg machen aus Schwäche, denn die
Schwäche ist tollkühner als die Kraft.
„Für uns,“ fuhr der Graf fort, „ist der Krieg um so weniger zu fürchten,
je mehr die innere Kraft Frankreichs täglich zersetzt wird, — aber der
arme Kaiser thut mir leid, — es ist doch eine groß angelegte und im
Grunde gute Natur, — und für Europa ist das Kaiserreich eine
Wohlthat, — denken Sie, wenn alle diese in den Tiefen gährenden Elemente
in Frankreich wieder entfesselt würden!
„Man hat mir da,“ fuhr er fort, indem er ein Blatt Papier von seinem
Schreibtisch nahm, „einen Brief Eugen Duponts mitgetheilt, in welchem
dieser thätige Agent der Internationale und Secretair von Carl Marx
in London dem Comité in Genf auseinandersetzt, daß die Zeit
gekommen sei, in welcher der action sécrète et souterraine die
allgemeine revolutionaire Schilderhebung in Europa folgen müsse.
Merkwürdigerweise,“ sagte er, einen Blick in das Schriftstück werfend,
„will Dupont den Ausgangspunkt dieser großen Revolution nach England
verlegen, weil in Frankreich die Regierung noch zu stark sei.“
„England sei das einzige Land,“ fuhr er fort, „in welchem eine wirkliche
socialistische Revolution gemacht werden könnte, das englische Volk aber
könne diese Revolution nicht machen, Fremde müßten sie ihm machen und
der Punkt, wo man zuerst losbrechen solle, sei Irland.“
Der Legationsrath Bucher lächelte. „Das sind Träumereien,“ sagte er,
„wie sie von Zeit zu Zeit sich immer wiederholen, ohne zu praktischen
Resultaten zu führen.“
„Die Ideen dieses Dupont sind Träumereien, — das ist ganz richtig,“ fiel
Graf Bismarck ein, — „aber in Frankreich ist die Sache ernster, — dort
haben die gemäßigten Mitglieder der Internationale vollständig die
Führung verloren und die extremsten Doctrinen dringen immer mehr in die
Arbeiterbevölkerung, — bei jeder unruhigen Bewegung kann die Commune
proclamirt werden. — Das Alles gährt um den Kaiser herauf und kann ihn
eines Tages dazu drängen, einen Verzweiflungscoup zu machen; — wir müssen
von dort her immer auf etwas Unerwartetes gefaßt sein.“
„Die Elemente der Gährung,“ sagte der Legationsrath, „von denen Eure
Excellenz sprechen, sind aber nicht nur in Frankreich vorhanden, sondern
erfüllen die ganze Welt, — auch unter den deutschen Arbeitern macht die
Internationale Fortschritte, — ich glaube, daß die Regierungen zu dieser
Frage Stellung nehmen müssen.“
„Das sagt mir auch Wagner,“ rief Graf Bismarck, — „aber welche Stellung
soll man dazu nehmen? — Die alten Parteibildungen beginnen sich zu
zersetzen, keine der vorhandenen Parteien kann sich dazu erheben, den
neuen Zeitfragen mit freiem und klarem Blick entgegen zu treten, — und
gerade dieser socialen Frage gegenüber müßte doch die Regierung sich auf
eine im Volke selbst wurzelnde Partei stützen. — Das wäre eine Aufgabe
für die Conservativen,“ sagte er sinnend, — „aber leider verlieren gerade
diese sich immer mehr in unmögliche und unpraktische Theorien.“
„Nun,“ fuhr er fort, — „wir müssen darüber nachdenken, — jetzt will ich
ein wenig hören, was die auswärtige Politik macht.“
Er reichte mit freundlichem Kopfnicken dem Legationsrath die Hand und
dieser zog sich mit einer kurzen stummen Verbeugung zurück.
„Ist Jemand im Vorzimmer?“ fragte Graf Bismarck den Kammerdiener,
welcher auf seinen starken Glockenzug erschien.
„Der englische Botschafter, Excellenz.“
„Ich lasse bitten.“
Der Minister-Präsident erhob sich und machte einige Schritte nach der
Thür, durch welche Lord Augustus Loftus, der Botschafter Ihrer Majestät
der Königin Victoria am preußischen Hofe und beim Norddeutschen Bunde,
in das Cabinet trat.
Lord Loftus, eine durchaus englische Erscheinung, hatte in seinen
Gesichtszügen und in seiner ganzen Haltung eine gewisse feierliche Würde
und Zurückhaltung, welche ein wenig gegen das offene, freie Wesen des
Grafen Bismarck abstach. Der Lord setzte sich dem preußischen
Minister-Präsidenten gegenüber vor den großen Schreibtisch in der Mitte
des geräumigen Cabinets, und begann, da der Graf nach einigen
gleichgültigen Begrüßungsworten schweigend seine Anrede erwartete, nach
einem kurzen Räuspern:
„Sie wissen, lieber Graf, wie sehr die Regierung Ihrer Majestät darauf
bedacht ist, in den Beziehungen der Cabinette unter einander alle
Ursachen des Mißtrauens und der Besorgnisse zu beseitigen, welche dem
Frieden Europas gefährlich werden könnten.“
Graf Bismarck neigte zustimmend den Kopf und, indem er eine große
Papierscheere ergriff und dieselbe spielend in der Hand bewegte, sagte
er im höflichsten Ton einer gleichgültigen Conversation:
„Die Regierung Ihrer Majestät ist in diesem Bestreben vollkommen von
denselben Wünschen geleitet, welche auch uns beseelen und welche wohl,
wie ich glaube, von allen Cabinetten Europas getheilt werden. Ich freue
mich, von Neuem zu constatiren, daß gerade durch diese allseitigen
Wünsche die beste Garantie für die Erhaltung des europäischen Friedens
gewährt wird.“
Lord Loftus schien ein wenig decontenancirt.
„Die guten Wünsche aller europäischen Regierungen,“ sagte er, „sind
gewiß eine ganz vortreffliche Garantie des Friedens. Indessen,“ fuhr er
ein wenig zögernd fort, „um eine wirklich praktische und vor allen
Dingen dauernde Basis für die internationale Ruhe und Stabilität zu
schaffen, wird es vor Allem noch nöthig sein, concrete Gründe
gegenseitigen Mißtrauens und gegenseitiger Besorgnisse zu beseitigen.“
„Ich wüßte in der That nicht,“ sagte Graf Bismarck, den Botschafter wie
erstaunt anblickend, „daß in diesem Augenblick irgend welche Fragen
beständen, welche dem Frieden auch nur die entfernteste Gefahr zu
bringen vermöchten. Ueberall ist die tiefste Ruhe, ich kann Sie
versichern, daß wir wenigstens mit keinem europäischen Cabinet in
Erörterungen stehen, welche bedenkliche und kritische Punkte berühren.“
„Ich hatte bei meiner Bemerkung von vorhin,“ erwiderte Lord Loftus,
„auch weniger diplomatische Fragen im Sinne, welche gegenwärtig zur
Erörterung ständen und zu Differenzen führen könnten, ich dachte
vielmehr an thatsächliche Verhältnisse, welche vielleicht weniger ein
Grund, als ein Ausdruck gegenseitigen Mißtrauens sind und deren
Beseitigung im Interesse der ruhigen Entwickelung der Zukunft Europas
liegen möchte.“
„Und welche thatsächliche Verhältnisse meinen Sie?“ fragte Graf Bismarck
mit vollkommener Ruhe und einem leichten Anflug von Erstaunen in seinem
scharfen, fest auf den Botschafter gerichteten Blick.
„Es ist eine Thatsache,“ sprach Lord Loftus weiter, „welche offen vor
Europa da liegt, daß die französische Regierung in den letzten Jahren
ganz besondere Anstrengungen gemacht hat, um ihre Militairmacht auf eine
außergewöhnliche Höhe zu erheben. Das Gleiche findet bei Ihnen statt,
und Sie werden mir zugeben, daß es eine gewisse Besorgniß und
Beunruhigung erregen kann, wenn man zwei der bedeutendsten europäischen
Mächte bis an die Zähne bewaffnet einander gegenüber stehen sieht.“
„Es liegt ja aber,“ fiel Graf Bismarck in demselben ruhigen, fast
gleichgültigen Ton ein, „zwischen Frankreich und uns durchaus keine
Veranlassung zu irgend welchen Mißverständnissen vor; im Gegentheil kann
ich Sie versichern, daß unsere Beziehungen zu Paris die besten und
freundlichsten sind.“
„Und doch stehen Sie sich,“ bemerkte Lord Loftus, „mit so übermäßig
angespannten Militairkräften gegenüber, als ob Sie gegenseitig jeden Tag
den Ausbruch irgend eines Conflictes zu besorgen hätten. Dieser
Zustand,“ fuhr er etwas lebhafter fort, „wenn er auch den Frieden nicht
unmittelbar gefährdet, läßt doch Europa nicht zu sicherem Bewußtsein der
Ruhe kommen, und ich glaube, daß besser als alle diplomatischen
Versicherungen eine ernste und nachdrückliche Reducirung der unter den
Waffen stehenden militairischen Streitkräfte alle die unruhigen
Besorgnisse zerstreuen würde, welche angesichts des gegenwärtigen
Zustandes sowohl die Cabinette, als die Geschäftswelt erfüllen, — wenn
die Armeen Frankreichs und Preußens sich nicht mehr in voller
Kriegsrüstung gegenüber stehen, dann wird Europa endlich aufathmen
können, befreit von dem Druck, welcher in den letzten Jahren auf ihm
lastet.“
Graf Bismarck schwieg einen Augenblick, seine Züge nahmen einen ernsten
Ausdruck an, er richtete den Blick seiner klaren grauen Augen scharf und
durchdringend auf den Botschafter und sagte dann:
„Haben Sie, mein theurer Lord, den Auftrag, die Frage, welche Sie soeben
berührten, zwischen Frankreich und uns Namens Ihrer Regierung zur
Sprache zu bringen?“
„Ich habe nicht den Auftrag,“ erwiderte der Lord, „bestimmte Anträge zu
stellen, bestimmt formulirte Wünsche auszusprechen, — doch bin ich
allerdings veranlaßt, die allgemeine Besorgniß, welche die
militairischen Rüstungen in Frankreich und Deutschland der Regierung
Ihrer Majestät einflößen, Ihnen nicht zu verhehlen und zugleich auch dem
Gedanken Ausdruck zu geben, daß Sie sowohl als die französische
Regierung dem ganzen civilisirten Europa einen großen Dienst leisten
würden, wenn Sie sich geneigt finden ließen, im gleichen Verhältniß die
unter den Waffen stehenden Streitkräfte zu reduciren und dadurch
thatsächlich das Vertrauen auf dauernde Erhaltung des Friedens zu
erkennen zu geben. Würde ich bei Ihnen die Geneigtheit finden, auf
diesen Ideengang einzugehen, so würde die Regierung Ihrer Majestät gern
bereit sein, ihre Vermittelung in einer ebenso wichtigen, als delicaten
Sache zwischen zwei ihr gleich befreundeten Mächten eintreten zu
lassen.“
„Und wissen Sie,“ fragte Graf Bismarck, ohne daß ein Zug seines
Gesichtes sich veränderte, „ob derselbe Gedanke, den Sie mir hier so
eben auszusprechen die Güte haben, auch dem Kaiser Napoleon gegenüber
von Ihrer Regierung geltend gemacht worden ist?“
„Ich glaube, Ihnen mittheilen zu können,“ erwiderte Lord Loftus, „daß
dies geschehen ist, und daß der Kaiser sich vollkommen bereit erklärt
hat, seine kriegsbereiten Streitkräfte nach derselben Verhältnißzahl zu
reduciren, welche von Ihnen angenommen werden möchte.“
Ein feines, fast unmerkliches Lächeln flog über das Gesicht des Grafen
Bismarck.
„Es würde dann immer die Frage sein,“ sagte er in leichtem Ton, „wer
denn mit der Abrüstung anzufangen hätte — und wer dieselbe controliren
könnte, Fragen, an denen oft schon ähnliche Verhandlungen gescheitert
sind, — doch,“ fuhr er dann mit ernstem und nachdrucksvollem Ton fort,
„ich will diese Frage nicht aufwerfen, denn sie würde keine practische
Bedeutung haben, da ich Ihnen von vorn herein auf das Bestimmteste
erklären muß, daß ich garnicht in der Lage bin, auf eine Negociation in
der von Ihnen angedeuteten Weise eingehen zu können, und ich würde es
bedauern, wenn ich in die Lage käme, der Regierung Ihrer Majestät auf
eine directe Aeußerung in jenem Sinne eine bestimmt ablehnende Antwort
geben zu müssen.“
„So halten Sie es dennoch für möglich,“ fragte Lord Loftus, ein wenig
erstaunt über diese so klare und bestimmte Erklärung, „daß aus den
Fragen, welche gegenwärtig in Europa vorhanden sind, nach irgend welcher
Richtung hin ein ernster Conflict entstehen könnte, der die Erhaltung
einer solchen Waffenrüstung für Frankreich und für Preußen nöthig
macht?“
„Was Frankreich betrifft,“ erwiderte Graf Bismarck, „so habe ich darüber
kein Urtheil. Glaubt der Kaiser Napoleon, den innern Verhältnissen
gegenüber und mit Rücksicht auf seine sonstigen europäischen
Beziehungen seine militairischen Streitkräfte vermindern zu können, so
mag er es thun, von unserer Seite hat er am allerwenigsten irgend eine
Schwierigkeit oder gar eine Feindseligkeit zu besorgen. Ich würde ihm
indessen auf einem solchen Wege nicht folgen können, denn die größere
oder geringere Stärke der preußischen Militairmacht beruht nicht in
dieser oder jener augenblicklichen diplomatischen Constellation, sie ist
eine Grundlage des preußischen Staatslebens und kann ohne einen tiefen
Eingriff in dessen wesentlichsten Existenzbedingungen nicht modificirt
werden. Ich bin aber von vorn herein überzeugt,“ fuhr er fort, „daß der
König, mein allergnädigster Herr, jedes Eingehen auf diese Frage, ja
jede Erörterung derselben auf das Bestimmteste ablehnen würde und
ablehnen müßte. Um eine Verminderung und zwar eine wesentliche
Verminderung der disponiblen Streitkräfte zu erreichen, müßte man die
ganze Militairorganisation Preußens und des Norddeutschen Bundes ändern.
Das ist schon verfassungsmäßig schwierig, ja beinahe unausführbar.
Außerdem kommt aber dabei noch ein wesentlicher Gesichtspunkt in Frage,
den ich Sie wohl in Betracht zu ziehen bitten muß, die preußische
Militairorganisation ist nicht nur eine militairische, sondern zu
gleicher Zeit auch eine politische und sociale Organisation. Sie ist
eine Art von hoher Schule für alle Klassen der Bevölkerung, eine Schule,
in welcher die Jugend des Landes die selbstverleugnende Pflichterfüllung
lernt, in welcher sie durchdrungen wird von der Hingebung für den König
und für das Land, in welcher der Patriotismus gekräftigt und zu vollem
klarem Bewußtsein gebracht wird. Man könnte also die Wehrverfassung
nicht modificiren, ohne zu gleicher Zeit der militairischen Kraft und
der nationalen Einigkeit großen Schaden zu thun, ohne die Ueberzeugung
des Volkes zu verletzen, welche in der allgemeinen Dienstpflicht und der
damit zusammenhängenden Stärke der Armee die beste Bürgschaft für die
Sicherheit und Größe Preußens erblickt. Sie müssen begreifen, mein
theurer Lord,“ fuhr er fort, „daß alle diese Gesichtspunkte es mir
unmöglich machen, die Idee der gegenseitigen Entwaffnung weiter zu
discutiren; — so lange ich Minister bin, würde ich eine solche Idee dem
Könige nicht vorschlagen können, und jede weitere Erörterung des
Gegenstandes würde zu gar keinem Resultat führen. Ich glaube, es ist der
beste Dienst, den ich Ihnen leisten kann, und der größte Beweis
aufrichtigsten Entgegenkommens gegen die Regierung Ihrer Majestät, wenn
ich sogleich und ohne Umschweife meine Stellung zu der von Ihnen
angeregten Frage offen ausspreche. Ich bitte Sie, das, was ich Ihnen
gesagt, als meine unbedingt feststehende Ansicht zu betrachten und auch
Ihrer Regierung keinen Zweifel über dieselbe zu lassen.“
Lord Loftus verneigte sich und sprach:
„Ich erkenne vollkommen das Gewicht der Gründe an, welche Sie mir
angeben und werde dieselben dem auswärtigen Amt zur Kenntniß bringen.
Ich bedaure,“ fuhr er fort, „daß Ihre Mittheilungen mich von der
Unmöglichkeit überzeugt haben, den auf Europa lastenden Zustand
ängstlicher Besorgniß durch ein einfaches Mittel zu beseitigen.“
„Ich begreife nicht, mein lieber Lord,“ sagte Graf Bismarck, „warum Sie
von Kriegsbesorgnissen sprechen? Ich kann Ihnen nur wiederholen, daß ich
keine Frage sehe, welche dazu Veranlassung bieten könnte; — wenn einige
chauvinistische Blätter in Frankreich nicht aufhören, die Welt von Zeit
zu Zeit zu beunruhigen, so kann das doch keinen Einfluß auf die
Cabinette der Großmächte haben. Mag sich die Börse hin und wieder
darüber erschrecken, wir sollten uns dadurch doch in der That keinen
Augenblick aus der Ruhe bringen lassen. Vor Allem,“ fuhr er mit
volltönender Stimme fort, „können derartige auf keinen concreten
Gründen beruhende Besorgnisse niemals der Grund sein, daß eine mit dem
Ausbau ihrer innern Angelegenheiten beschäftigte, alle Verträge
respectirende und mit aller Welt im Frieden lebende Macht ihre
langjährige und bewährte Militairverfassung ändern sollte, eine
Militairverfassung, auf welcher die Sicherheit beruht, die friedliche
und selbstständige innere Entwickelung nöthigenfalls gegen jede Störung
schützen zu können.“
„Apropos, haben Sie Nachricht vom König Georg?“ fragte Graf Bismarck,
als Lord Loftus sich erhob, um sich zu verschieden. „Man theilt mir mit,
daß er diese unglückliche Legion in Frankreich, welche ihm so viel Geld
kostet, und welche doch in der That sehr wenig geeignet ist, um Hannover
wieder von uns zu erobern, jetzt auseinander schickt. Mir thun die armen
Leute leid, welche durch dies ganze abenteuerliche Unternehmen ihrem
Vaterlande und ihren Familien entzogen sind.“
„Wenn der König seinen Widerstand aufgiebt,“ sagte Lord Loftus, „sollte
es dann nicht möglich sein, ihm den Genuß seines Vermögens wieder zu
geben, welches ihm entzogen ist? Ich weiß, daß der Herzog von Cambridge
als nächster Agnat sehr viel Antheil an dieser Angelegenheit nimmt, und
es wäre in der That erwünscht, wenn sie in befriedigender Weise geordnet
werden könnte.“
„Niemand wünscht das lebhafter als ich,“ rief Graf Bismarck, „wir haben
im Interesse der Sicherheit Preußens dem Könige sein Land nehmen müssen,
aber sowohl mein allergnädigster Herr wie ich selbst wünschen gewiß auf
das Dringendste, daß dem alten, hochberühmten und edlen Welfenhause auch
in seiner hannöverschen Linie für die Zukunft eine große und würdige
Existenz gesichert bleibe. Aber,“ fuhr er fort, „wenn der König einfach
seine Legion entläßt, weil er sie nicht bezahlen kann, ohne mit seinen
übrigen Agitationen aufzuhören, ohne den Frieden mit uns zu machen, so
können wir ihm doch wahrlich nicht die Mittel dazu in die Hände geben.
Ich muß bekennen, daß mir diese Legion weniger beachtungswerth
erschienen ist, als andere Agitationen des Königs, welche sich der
Oeffentlichkeit mehr entziehen und für welche ich,“ sagte er mit
entschiedener Betonung, „niemals die Mittel zur Verfügung stellen kann.
Will sich der König in die Notwendigkeit der Verhältnisse fügen, will er
mit uns Frieden schließen, so wird er dafür gewiß das bereitere
Entgegenkommen finden, und wenn der Herzog von Cambridge sich dafür
interessirt, so wird er dem König Georg und dessen ganzem Hause gewiß
den besten Dienst leisten, wenn er seinen Einfluß anwendet, um ihn zu
einem definitiven und aufrichtigen Frieden zu veranlassen.“
„Ich werde,“ sagte Lord Loftus, „wenn sich mir die Gelegenheit bietet,
versuchen, in diesem Sinne zu wirken, — ich glaube, daß der Herzog von
Cambridge gern die Hand dazu bieten wird, doch ob mit Erfolg, das
scheint mir bei dem Charakter des Königs zweifelhaft. Jedenfalls ist
meine ganze Thätigkeit in dieser Angelegenheit eine ausschließlich
private, hervorgehend aus dem natürlichen Interesse, welches ich für den
erlauchten Vetter meiner Königin hege; als Vertreter der englischen
Regierung habe ich mit der ganzen Angelegenheit nicht das Geringste zu
thun.“
Er erwiderte mit einer etwas steifen Verbeugung den Händedruck des
Grafen Bismarck, welcher ihn nach der Thür hin begleitete, und verließ
das Cabinet.
In dem großen Vorsaal saß in einem Lehnstuhl die schmächtige, magere
Gestalt des Grafen Benedetti mit dem bleichen, fein geschnittenen
Gesicht, dessen Züge trotz der listigen Intelligenz, welche in ihnen
lag, dennoch niemals einen bestimmten Ausdruck erkennen ließen.
Der Graf erhob sich und begrüßte den englischen Collegen.
„Nun,“ sagte er, „haben Sie Ihre Entwaffnungstheorie discutirt, über
welche wir gestern sprachen, und von welcher ich überzeugt bin, daß sie
in Paris das bereitwilligste Entgegenkommen finden wird?“
„Ich habe darüber gesprochen,“ erwiderte Lord Loftus.
„Und?“ fragte Benedetti.
„Jede Discussion darüber ist auf das Bestimmteste abgelehnt, man wird
das in London sehr bedauern, obgleich die Gründe dafür nicht ohne
Berechtigung sind.“
In den kalten klaren Augen Benedetti's erschien ein leichter Schimmer
von Befriedigung, er schlug jedoch sogleich den Blick zu Boden und sagte
mit ruhigem, fast ausdruckslosem Ton:
„Wenn die Welt sich wegen der militairischen Rüstungen in Frankreich und
Deutschland beunruhigt, so wird man nun wenigstens wissen, daß wir es
nicht sind, die es verweigern zur Beseitigung dieser Unruhe beizutragen,
welche übrigens,“ fügte er hinzu, „nach meiner Auffassung ohne
Begründung ist.“
Der Kammerdiener des Grafen Bismarck näherte sich dem französischen
Botschafter mit der Meldung, daß der Minister-Präsident bereit sei, ihn
zu empfangen.
Graf Benedetti verabschiedete sich von Lord Loftus und trat in das
Cabinet.
„Nun,“ sagte Graf Bismarck, nachdem er ihn mit offener Herzlichkeit
begrüßt hatte, „es scheint, daß man in Europa an den Frieden nicht recht
glauben will. Man möchte aller Welt die Waffen aus den Händen nehmen und
sie in irgend einem großen Arsenal aufbewahren, damit nur ja kein
Mißbrauch damit geschieht. Soeben hat mir Lord Loftus wieder von
Entwaffnungsideen gesprochen, welche sich ganz wesentlich auf uns
beziehen, — ich begreife das in der That nicht,“ fuhr er ernster fort,
„glaubt man denn, daß zwei große Mächte nur dann im Frieden neben
einander leben können, wenn sie Beide nicht die Macht haben, Krieg zu
führen? Ich habe nach meiner Ansicht mehr Vertrauen zur Erhaltung des
allgemeinen Friedens, wenn alle Mächte stark und kräftig sind, sobald
sie nur den aufrichtigen Willen haben, in guten Beziehungen mit einander
zu leben. Ich weiß nicht, wie man bei Ihnen über die Möglichkeit einer
Reduction der Armee denkt, bei uns ist dies unmöglich, und ich glaube
auch, man wird an unsere friedlichen Absichten ohne Einschränkung
unserer Armee glauben.“
„Ich theile gewiß vollkommen Ihre Ansicht,“ sagte Graf Benedetti, indem
er dem Minister-Präsidenten gegenüber vor dem Schreibtisch Platz nahm,
„und bin weit entfernt, in einer starken Militairmacht zweier verständig
regierten Staaten eine Gefahr für den Frieden zu erblicken. Indeß,“ fuhr
er fort, „könnte die Idee einer theilweisen Entwaffnung dennoch
vielleicht der Beachtung nicht ganz unwürdig sein, wenn man durch eine
solche Maßregel der öffentlichen Meinung und den übrigen Mächten neues
Vertrauen in die Stabilität der europäischen Ruhe und Ordnung einflößen
kann. Von diesem Gesichtspunkt aus ist, wie ich voraussetzen darf, der
Kaiser nicht abgeneigt, eine Reduction der militairischen Kräfte in
Erwägung zu ziehen, wobei außerdem noch eine wesentliche Erleichterung
des Volkes in Betracht kommt, die für die innere Stellung der
Regierungen nicht unwesentlich ist.“
„Diese Rücksicht würde bei uns von keiner Bedeutung sein,“ sagte Graf
Bismarck, „unsere Militair-Verfassung ist mit dem Volke verwachsen, und
Niemand im Volk verlangt eine Erleichterung der auf allen Schultern
gleich vertheilten militairischen Pflichten.“
Graf Benedetti sah einen Augenblick zu Boden, dann schlug er den Blick
mit einer fast naiven Offenheit zu dem preußischen Minister-Präsidenten
auf und sprach:
„Ich bin natürlich nicht in der Lage, die inneren Verhältnisse bei
Ihnen so eingehend zu beurtheilen, wie Sie dazu im Stande sind, da ich
nur als Fremder in dieselben hineinblicke, — aber doch verfolge ich Ihr
öffentliches Leben mit vielem Interesse und glaube bemerkt zu haben, daß
in den Parteien Ihrer Parlamente die Frage der militairischen Lasten
nicht ganz gleichgültig behandelt zu werden scheint. Nach der Zahl der
Mannschaften und nach den finanziellen Mitteln ist der Verfassung gemäß
der Militairetat auf eine Periode von fünf Jahren festgesetzt, welche im
nächsten Jahr zu Ende geht; nach den Stimmen der Presse,“ fuhr er fort,
„und nach dem, was ich hier und da über die Stimmung der Abgeordneten
gehört habe, scheint das Parlament, wenn ihm im nächsten Jahre das
Kriegsbudget vorgelegt wird, sehr geneigt zu sein, wesentliche
Reductionen zu beschließen, welche gewissermaßen einer theilweisen
Entwaffnung gleich kommen würden. Wenn ich mich in der Beurtheilung der
hiesigen Verhältnisse nicht täusche,“ sprach er weiter, während Graf
Bismarck zuhörte und von Zeit zu Zeit die Fingerspitzen an einander
schlug, — „so bedürfen Sie, um das richtige Gleichgewicht zwischen der
Regierung und dem Parlament zu erhalten, der Uebereinstimmung mit allen
gemäßigten Nuancen der conservativen und liberalen Parteien. Würde es
da nicht vielleicht ein gutes und willkommenes Auskunftsmittel sein, die
Rücksichten auf die inneren Verhältnisse und diejenigen auf die
auswärtigen Beziehungen zu vereinen durch eine auf diplomatischer
Uebereinkunft beruhende Armeereduction? Sie würden die europäischen
Mächte, England an der Spitze, verpflichten, die öffentliche Meinung
beruhigen und vielleicht einer Verlegenheit entgehen, welche immerhin
erwachsen könnte, wenn im nächsten Jahr Ihr Parlament erhebliche
Reductionen des Militairbudgets beschließen sollte.“
„Diese Verlegenheit,“ sagte Graf Bismarck, „kann nicht eintreten, und
die Rücksicht, sie zu vermeiden, kann auf meine Beschlüsse keinen
Einfluß üben.“
„So glauben Sie,“ sagte der Graf Benedetti, „der Zustimmung der
Parlamentsmajorität für das Militairbudget auch im nächsten Jahr
vollkommen sicher zu sein? Sie verzeihen,“ fügte er hinzu, „daß ich über
Ihre inneren Angelegenheiten mit Ihnen spreche; aber Sie wissen, wie
sehr ich mich für dieselben interessire, und Sie haben mir früher schon
öfter erlaubt, mich durch die Unterhaltung mit Ihnen über diese
Verhältnisse zu belehren.“
„Unsere inneren Angelegenheiten,“ erwiderte Graf Bismarck, artig den
Kopf neigend, „liegen ja offen da, und es ist mir immer erfreulich und
kann nur zu immer größerer Klärung meiner eigenen Anschauung dienen,
mich mit Ihnen über dieselben zu unterhalten. Sie fragten also,“ fuhr er
fort, „ob ich der Zustimmung des Parlaments zum bisherigen
Militairbudget im nächsten Jahre sicher sei? Darauf kann ich Ihnen nur
antworten: das weiß ich nicht, denn parlamentarische Majoritäten sind
Dinge, die sich nicht vorher berechnen lassen; doch mag dem sein, wie
ihm wolle, eine Verlegenheit, wie Sie dieselbe vorher andeuteten, kann
für mich nach dieser Richtung hin niemals entstehen. Wenn Sie unsere
Verfassung genau studirt haben,“ sagte er mit einer kaum vernehmbaren
Nuance von Ironie in seiner Stimme, „wie ich nach Ihren Bemerkungen
voraussetze, so werden Sie gesehen haben, daß der Artikel 60 — nach der
Festsetzung der Friedensstärke in der Armee bis zum 31. Dezember
1871 — weiter bestimmt, daß für die Zukunft die Effectivstärke durch die
Bundesgesetzgebung bestimmt werden soll. Wenn also, was ich nicht
voraussetzen will, aber auch ebenso wenig für unmöglich erklären kann,
der Norddeutsche Reichstag im nächsten Jahre das von den verbündeten
Regierungen vorgelegte Militairbudget nicht annimmt, so ist eben ein
neues Gesetz nicht zu Stande gekommen, und selbstverständlich gilt dann
das bisher bestandene Gesetz so lange, bis früher oder später über das
an seine Stelle zu setzende zwischen den Volksvertretern und den
Regierungen eine Verständigung erzielt ist. Sie sehen also, daß ich um
mein Militairbudget nicht in Verlegenheit kommen kann, und daß, wenn
Diejenigen,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu, indem seine
Gesichtszüge plötzlich einen sehr ernsten, fast strengen Ausdruck
annahmen, „welche sich außerhalb Deutschlands vielleicht veranlaßt
finden möchten, eine Verminderung der Waffenmacht zu wünschen, die zur
Vertheidigung Preußens und des Norddeutschen Bundes nöthig ist, sich auf
gewisse parlamentarische Abneigungen gegen die Bewilligung des
Militairetats glauben stützen zu können, — daß sie in solchen
Voraussetzungen ihre Rechnung — ohne die Bundesverfassung und ohne mich
gemacht haben.“
Graf Benedetti verneigte sich.
„Es ist mir erfreulich,“ sprach er, „Ihre Ansichten so bestimmt und klar
ausgesprochen zu hören. Der ganze Gegenstand,“ fuhr er mit leichtem Ton
fort, „ist ja eigentlich keine Frage zwischen uns, Frankreich und
Preußen können ihre gegenseitige Stärke ohne jedes Mißtrauen ansehen, es
wäre nur ein Entgegenkommen gewesen, welches wir gemeinsam den übrigen
Mächten hätten zeigen können —“
„Welche aber ihrerseits,“ fiel Graf Bismarck ein, „ebenfalls
fortfahren, unausgesetzt zu rüsten und zwar in weit größerem Maßstabe,
als wir, wie ein Blick auf Oesterreich und auf Italien zeigt. Ich
glaube, es ist besser, ein für alle Mal diese ganze Frage der Rüstungen
unerörtert zu lassen und den Frieden wesentlich auf den guten Glauben
und das Vertrauen zu stützen, welches die Regierungen einander
entgegentragen. Sie können mir,“ fuhr er fort, „wahrlich den Vorwurf
nicht machen, daß ich es an solchem Vertrauen fehlen lasse, und daß ich,
wenn irgend Etwas vorkommt, was die guten Beziehungen nach irgend einer
oder der anderen Richtung zu verwirren im Stande wäre, nicht sogleich
durch offenes Aussprechen die Gelegenheit zur Aufklärung und zur
Beseitigung der Mißverständnisse gebe.“
Ein leichter Ausdruck verschärfter Aufmerksamkeit wurde in dem Blick des
Botschafters bemerkbar.
„Ich freue mich,“ sagte er, „daß diese Beziehungen gegenseitiger
Offenheit und Aufrichtigkeit zwischen uns bestehen. Gerade dadurch ist
es ja so oft schon möglich gewesen, manche Wolke zu zerstreuen, welche
die so guten und befriedigenden Verhältnisse zwischen beiden Regierungen
hätte trüben können. Gegenwärtig,“ sagte er mit leichtem Lächeln, „sind
ja solche Wolken nach keiner Richtung hin vorhanden und —“
„Ganz verschwinden sie niemals,“ fiel Graf Bismarck ein, „denn immer und
immer wieder kommen von der einen oder der andern Seite her
Mittheilungen, welche bei ängstlichen und mißtrauischen Naturen, zu
denen ich nicht gehöre,“ sagte er sich verneigend, „Bedenken und Sorgen
hervorrufen könnten.“
Benedetti blickte ihn erstaunt und fragend an.
„Schon vor längerer Zeit,“ sagte Graf Bismarck in ruhigem und fast
gleichgültigem Ton, „habe ich Ihnen mitgetheilt, Herr von Usedom hätte
uns verschiedene Umstände mitgetheilt, welche fast glauben lassen
mußten, daß geheime Unterhandlungen zwischen Frankreich und Italien, bei
welchen auch Oesterreich betheiligt sei, stattfänden.“
„Ich habe damals Gelegenheit genommen,“ sagte Graf Benedetti schnell,
„in Paris Erkundigungen einzuziehen und Ihnen die Versicherung gegeben,
daß die Quelle, aus welcher Herr von Usedom jene Mittheilungen geschöpft
hat, eine nicht zuverlässige gewesen sein müsse —“
„Herr von Usedom hat seine Quelle nicht angegeben,“ fiel Graf Bismarck
ein.
„Jedenfalls,“ sagte Graf Benedetti, „war er unrichtig berichtet oder
durch den Schein getäuscht und zu falschen Schlüssen veranlaßt worden.“
„Es sind nun,“ sprach Graf Bismarck weiter, „in neuester Zeit wiederholt
Winke an mich gekommen, daß abermals eine sehr lebhafte Negociation
zwischen den Höfen von Paris, Wien und Florenz stattfindet, welche eine
Coalition herzustellen bezweckt, die doch offenbar gegen uns keine allzu
freundlichen Absichten haben könnte. Ich meinerseits,“ fuhr er fort,
indem er Benedetti starr ansah und seine große Papierscheere mit der
Hand rasch hin und her bewegte, „lege keinen besonderen Werth auf
derartige Winke, wenn sie nicht den Nachweis bestimmter und unleugbarer
Thatsachen enthalten, vielleicht auch deshalb,“ sagte er mit Betonung,
„weil ich eine Coalition niemals fürchten würde, welche sich der
nationalen Entwicklung Deutschlands entgegenzustellen die Absicht
hätte.“
„Ich werde sogleich,“ sagte Benedetti eifrig, „nach Paris schreiben und
mir bestimmte Aufklärung über diese Frage erbitten. Ich bin aber im
Voraus fest überzeugt, daß die Gerüchte, welche zu Ihnen gedrungen sind,
jetzt ebenso wenig wie damals Begründung haben, denn ich kenne zu genau
den dringenden Wunsch des Kaisers, den europäischen Frieden zu erhalten
und ganz besonders die so freundlichen Beziehungen mit dem Könige
Wilhelm und seiner Regierung zu pflegen.“
„Ich habe Sie nicht darüber interpelliren wollen, mein lieber
Botschafter,“ sagte Graf Bismarck, „ich kam auf die Sache nur durch
unser Gespräch und durch die Aeußerungen, welche Lord Loftus mir vorher
gemacht hat. Denn wenn,“ fuhr er fort, „ähnliche Winke, wie sie an mich
gekommen sind, auch nach London gelangt sein sollten, und wenn man mit
solchen Winken die ganz besondere Thätigkeit in Verbindung bringt,
welche in Ihrem Militair-Departement herrscht, so würde in dieser
Ideenassociation vielleicht ein Grund zu finden sein, warum man von
England aus so dringend wünscht, neue und concrete Garantieen für die
Erhaltung des europäischen Friedens zu gewinnen. Nur sucht man diese
Garantieen an falscher Stelle; doch,“ fuhr er abbrechend fort, „ich
glaube, wir haben unsere Ideen über den Gegenstand ausgetauscht und
stimmen nunmehr im Wesentlichen über denselben überein. Besser als durch
die Entwaffnung wird der Friede jedenfalls gesichert sein, wenn alle
Veranlassungen vermieden werden, welche zur Entstehung solcher Gerüchte
beitragen können, wie ich sie mir so eben zu erwähnen erlaubte.“
„Ganz gewiß,“ sagte Benedetti. „Es ist merkwürdig,“ fuhr er dann fort,
„wie von Zeit zu Zeit immer wieder Fragen auftauchen, welche die glatte
und ruhige Oberfläche der europäischen Politik kräuseln. Sie erwähnten
so eben der Gerüchte über geheime Verhandlungen zwischen Wien, Florenz
und Paris; da wir einmal damit das Gebiet der Hypothesen berührt haben,
so darf ich vielleicht meinerseits bemerken, daß, wie man mir aus Paris
ganz vertraulich schreibt, dort wieder einzelne Andeutungen vernommen
worden sind über einen Plan, den Prinzen von Hohenzollern auf den
spanischen Thron zu bringen, einen Plan, über welchen wir ebenfalls
früher bereits gesprochen haben und welcher, wenn er wirklich bestehen
sollte, ebenfalls geeignet wäre, eine gewisse Beunruhigung
hervorzurufen.“
Graf Bismarck sah den Botschafter groß und erstaunt an.
„Ich habe neuerdings,“ sagte er, „Nichts wieder von dieser Idee gehört,
welche mir, wie ich Ihnen bereits früher bemerkt habe, im Ganzen ein
wenig abenteuerlich zu sein schien. Ich habe heute noch wie damals die
Ansicht, daß die Regierung des Prinzen Leopold in Spanien nur von sehr
kurzer Dauer sein würde und daß sie ihn großen Gefahren und Täuschungen
aussetzen müßte. Ich bin fest überzeugt, daß der König, wenn die Sache
jemals an ihn herantreten sollte, dem Prinzen gewiß nicht den Rath geben
würde, den spanischen Thron anzunehmen, auch wenn die Cortes dort ihm
denselben antragen sollten. Ich weiß auch, daß der Vater des Prinzen,
der Fürst Anton vollkommen diese Ansicht theilt. Er weiß,“ fügte er
lächelnd hinzu, „durch die Erfahrung, die er mit dem Fürsten Karl von
Rumänien gemacht hat, daß die Souverainetät zuweilen theuer werden
kann.“
„Der Prinz Leopold,“ sagte Benedetti in gleichgültig hingeworfenem Ton,
indem ein schneller forschender Blick den Grafen Bismarck traf, „würde
ja auch übrigens, selbst wenn ein Beschluß der Cortes ihm die spanische
Krone anbieten sollte, dieselbe niemals ohne Zustimmung und Erlaubniß
des Königs annehmen können, da der König als Chef des Hauses bei den
Entschlüssen des Prinzen die letzte Entscheidung hat.“
„Das ist nicht der Fall,“ sagte Graf Bismarck, „der Prinz würde in
letzter Linie in seinen Entschlüssen doch nur von seinem Vater abhängen,
und der König würde sich gewiß enthalten, einen bestimmenden Einfluß
ausüben zu wollen, — ganz gewiß aber wird er, wie ich wiederholen muß,
nach meiner Ueberzeugung dem Prinzen nicht den Rath geben, ein so
gefährliches und unsicheres Abenteuer zu wagen. Ich glaube übrigens
kaum,“ fuhr er fort, „daß man so bald zur Wahl eines Königs in Spanien
gelangen wird; die Personen, welche dort gegenwärtig die Macht in Händen
halten, — vielleicht Prim noch mehr als Serrano — werden kaum wünschen,
durch die definitive Wahl eines Königs dem gegenwärtigen Zustand, bei
welchem sie die Herren des Landes sind, ein Ende zu machen. Die ganze
Sache hat nach meiner Ueberzeugung gar keine practische Bedeutung. Man
hat ja früher schon,“ fuhr er im leichten, gleichgültigen Ton fort, „den
Namen des Prinzen Friedrich Karl mit der spanischen Krone in Verbindung
gebracht, vielleicht wäre dieser Prinz, der ein so tapferer Officier und
ein so energischer Charakter ist, noch eher im Stande dieses Abenteuer
zu bestehen, als es vielleicht der Prinz Leopold sein möchte. Aber alle
diese Dinge sind ja Conjecturen und scheinen mir so recht keinen
eigentlichen Bestand zu haben.“
„Ich habe den ganzen Gegenstand auch nur erwähnt,“ sagte Benedetti,
„weil wir einmal auf das Gebiet politischer Conjecturen gekommen waren,
zu denen auch die vorhin von Ihnen erwähnte österreichisch-italienische
Negociation gehört.“
Graf Bismarck sah den Botschafter scharf und durchdringend an, dann
neigte er mit höflicher Zustimmung den Kopf.
„Ich freue mich also von Neuem constatiren zu können,“ sagte Benedetti,
indem er aufstand, „daß in unsern internationalen Beziehungen kein Punkt
existirt, welcher zu Unruhe oder Besorgniß Veranlassung geben könnte,
und man wird sich,“ fügte er lächelnd hinzu, „in London wohl überzeugen,
daß auch ohne Entwaffnung zwei große Mächte in Frieden und Freundschaft
neben einander leben können.“
„Das bewaffnete Deutschland,“ sagte Graf Bismarck, indem er Benedetti
einige Schritte zur Thür geleitete, „ist wenigstens für Niemand eine
Drohung — als für Diejenigen, welche sich seiner naturgemäßen freien und
nationalen Kraftentwickelung etwa entgegenstellen möchten.“
Benedetti verneigte sich, drückte die dargebotene Hand des
Minister-Präsidenten und ging hinaus.
Graf Bismarck schritt einige Male langsam im Zimmer auf und nieder.
„Es ist etwas im Werk,“ sagte er, — „dieser englische
Entwaffnungsvorschlag beweist, daß man in London der Ruhe nicht traut,
man muß dort irgend welche Winke haben, welche Besorgnisse einflößen,
und diese erneuete Erwähnung der Candidatur des Prinzen Leopold, einer
Sache, die ich längst vergessen habe und deren flüchtigem und
vorübergehendem Auftauchen im vorigen Jahre ich niemals eine ernste
Bedeutung beilegen mochte — diese Mittheilungen über die geheime
Negociation mit Italien und Oesterreich, welche nicht ganz aus der Luft
gegriffen sein können, — es scheint, daß da wieder irgend einer jener
verborgenen Schachzüge im Werke ist, denen ich mich seit 1866
unausgesetzt gegenüber befinde. Nun,“ sagte er, die Brust weit
ausdehnend, „mögen sie ihre geheimen Combinationen machen, sie werden
diesmal ebenso wenig zu einer ernsten Gefahr führen, als bisher. In
Italien wird man sich wohl nicht so leicht entschließen, die einzige
Stütze aufzugeben, welche man in Europa findet. Auch der gute Kaiser
Napoleon, der immer älter wird, möchte mit jedem Jahre immer weniger
geneigt sein, sich den gefährlichen Chancen eines Krieges auszusetzen,
den wir, wenn er einmal entbrannt ist,“ fügte er mit dem Ausdruck
eiserner Entschlossenheit hinzu, „bis auf's Messer würden führen müssen.
Freilich,“ sagte er dann nachsinnend, „je schwächer und willenloser er
wird, um so leichter möchte es vielleicht der kriegerischen Coterie
werden, ihn in eine unüberlegte Unternehmung hineinzuziehen. Die
Schwäche des Alters könnte bei ihm zu demselben Resultat führen, das bei
Andern durch die Verwegenheit der Jugend hervorgebracht wird. Nun,“
sagte er mit ruhigem Ton, „ich arbeite mit aller Macht daran, den
Frieden zu erhalten — wenn es aber nicht möglich sein sollte — wir sind
gerüstet und können jeder Eventualität mit dem ruhigen Bewußtsein
entgegensehen, daß wir gethan haben, was an uns ist, um allen Gefahren
zu begegnen. Leider, leider,“ sagte er nach einer Pause, „kann ich noch
immer nicht dahin kommen, klar und genau zu übersehen, was unter dieser
glatten Oberfläche der französischen Politik in den Tiefen gebraut und
vorbereitet wird, — wie traurig, daß man nicht überall selbst sein kann
und daß man gezwungen ist, durch fremde Augen zu sehen und mit fremden
Ohren zu hören.“
Der Kammerdiener trat ein und überreichte dem Grafen ein Billet.
„Ein Herr wünscht Eurer Excellenz dringend angemeldet zu werden, er
behauptet, daß Eure Excellenz ihn anhören würden, wenn Sie seinen Brief
gelesen, und hat darauf bestanden, denselben sofort zu überreichen.“
Graf Bismarck öffnete schnell das Billet. Voller Erstaunen las er die
wenigen Zeilen, welche es enthielt. Dann spielte ein eigentümliches
Lächeln um seine Lippen und er sagte:
„Führen Sie den Herrn herein.“
„Herr Salazar-y-Mazarredo, Deputierter in den Cortes,“ sprach er
halblaut zu sich selbst, nachdem der Kammerdiener wieder hinausgegangen
war, „hat mir einen Brief des Marschall Prim zu übergeben? Der Name ist
mir vollkommen unbekannt, — es muß eine ganz besondere Angelegenheit
sein, daß der Marschall sich direct an mich ohne Vermittlung der
spanischen Gesandtschaft wendet.“ —
Die Thür öffnete sich Graf Bismarck trat mit artiger Höflichkeit, aber
in gemessener, kalter Haltung einem noch jungen, eleganten Mann
entgegen, dessen regelmäßiges Gesicht mit dunklem, schwarzem Haar und
schwarzen lebhaften Augen den Typus der Südländer trug.
Der Eintretende verneigte sich tief vor dem Minister und zog einen
versiegelten Brief aus der Tasche seines Fracks.
„Der Marschall Prim,“ sagte er in französischer Sprache, „hat mir den
ehrenvollen Auftrag ertheilt, Eurer Excellenz dies Schreiben zu
überreichen.“
Graf Bismarck nahm den Brief, welchen der junge Mann ihm darbot, ließ
einen flüchtigen Blick über das Siegel und die Aufschrift gleiten und
deutete dann mit der Hand auf den Sessel vor seinem Schreibtisch.
„Sie erlauben,“ sagte er, indem er sich niederließ, — er öffnete das
Siegel und las langsam das Schreiben, doch ohne daß in seinem Gesicht
eine Spur des Eindrucks bemerkbar wurde, den der Inhalt auf ihn machte.
Als er zu Ende gelesen, faltete er den Brief wieder zusammen und sah
einen Augenblick den ihm gegenüber sitzenden jungen Mann scharf an.
„Ist Ihnen der Inhalt des Schreibens des Marschalls bekannt, mein Herr?“
fragte er.
„Der Marschall hat die Güte gehabt, mir denselben mitzutheilen,“
erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo. „Er hat geglaubt, in dieser
delicaten Angelegenheit sich zunächst ganz persönlich an Eure Excellenz
wenden zu müssen, um Ihre ebenfalls persönliche Ansicht zu hören, bevor
in der Sache officielle Schritte geschehen. Der Marschall ist
überzeugt,“ fuhr er fort, während Graf Bismarck ruhig und unbeweglich
zuhörte, „daß der Abschluß der Revolution, in welcher sich Spanien
gegenwärtig befindet, nur durch die Wiederherstellung der Monarchie
möglich ist und zwar unter einem Könige, welcher durch jugendliche
Kraft und Intelligenz die Schwierigkeiten der Lage zu überwinden im
Stande ist und welcher zugleich durch seine persönliche Stellung die
Achtung und Sympathie des spanischen Volkes gewinnen kann, ohne mit
irgend einer der im Lande bestehenden und mit den verschiedenen
Prätendenten zusammenhängenden Partheien in irgend welcher Verbindung zu
stehen. Der Marschall hat geglaubt, einen solchen Fürsten, der alle
diese Eigenschaften in sich vereinigt, in der Person des Erbprinzen von
Hohenzollern zu finden und würde diese Combination um so lieber zur
Ausführung gebracht sehen, als dadurch die hohe Achtung, welche er für
Deutschland, für den König Wilhelm und Eure Excellenz hegt, ebenso wie
der Wunsch mit Preußen und Deutschland in freundschaftlichen Beziehungen
zu stehen, thatsächlichen Ausdruck fände. Der Marschall glaubt, daß es
leicht sein würde, die Cortes zur Wahl des Prinzen Leopold zu bestimmen.
Doch wünscht er nicht eher einen Schritt dazu zu thun, bevor er nicht
die Ueberzeugung gewonnen hat, daß Eure Excellenz diesen Plan billigen
und daß der König demselben seine Zustimmung geben würde.“
Graf Bismarck blickte einen Augenblick schweigend vor sich hin.
„Es ist eine eigenthümliche Frage, welche Sie da an mich richten, mein
Herr,“ sagte er dann. „Ich erkenne dankbar die Gesinnungen des
Marschalls gegen Deutschland und gegen mich an, welche ihn zu dieser
Frage veranlassen, jedoch muß ich aufrichtig gestehen, daß ich um die
Antwort etwas verlegen bin. Es kann ja nur ehrenvoll für meine Nation
sein, wenn das spanische Volk einem deutschen Fürsten vertrauungsvoll
die Leitung seiner Geschicke in die Hand legen wollte, indeß wird es mir
sehr schwer, darüber namentlich in dem gegenwärtigen Stadium der Sache
irgend eine bestimmte Meinung auszusprechen. Zunächst würde doch der
Entschluß und die Neigung des Prinzen Leopold in erster Linie maßgebend
sein. So schmeichelhaft nun auch für diesen Prinzen ein solcher Auftrag
sein muß, so werden Sie mir doch auch zugeben, daß er durch ein Eingehen
auf denselben, falls er wirklich gestellt werden sollte, eine ungeheuere
Verantwortlichkeit auf sich ladet und sich möglicher Weise großen
Gefahren und Schwierigkeiten aussetzt. Ob er das wagen will, ist seine
Sache, und es würde unter Umständen darüber von Ihnen mit dem Prinzen
direct verhandelt werden müssen.“
„Der Marschall wünscht aber auch zu gleicher Zeit Eurer Excellenz und
des Königs Ansicht darüber zu wissen.“
„Was zunächst die meinige betrifft, so muß ich Ihnen aufrichtig sagen,
daß ich der in Rede stehenden Combination eine politische Bedeutung kaum
beizulegen vermag. Der Prinz Leopold ist ein ritterlicher, ehrenhafter
Charakter — würde er je in die Lage kommen, die ihm angebotene Krone
Spaniens anzunehmen. So bin ich fest überzeugt, daß er von dem
Augenblick an sich mit allen Interessen der spanischen Nation
identificiren und daß es sein aufrichtiges Bestreben sein würde, ganz
und gar Spanier zu werden. Die Wahl des Prinzen würde kaum auf die
Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland, — von denen ich ebenso wie
der Marschall wünsche, daß sie stets die freundschaftlichsten und besten
bleiben mögen — irgend welchen Einfluß üben können. Ich würde also auch
kaum in der Lage mich befinden, als preußischer Minister dem Prinzen
irgend einen Rath nach der einen oder der andern Seite zu geben —
Wenn ich nun schon,“ fuhr er fort, „mir eine absolute Zurückhaltung
auflegen zu müssen glaube, so scheint es mir, daß Seine Majestät der
König, mein allergnädigster Herr, noch mehr einer jeden Einwirkung auf
die Entschlüsse des Prinzen sich zu enthalten Veranlassung hat. Seine
Majestät ist allerdings der oberste Chef des Gesammthauses
Hohenzollern, indeß ist Prinz Leopold nicht preußischer Prinz und mit
der königlichen Familie nicht verwandt, in rein persönlichen
Angelegenheiten würde also der König zunächst dem Prinzen und dessen
Vater die völlig freie Entscheidung überlassen müssen. Wenn Seine
Majestät daher eintretenden Falles keine Veranlassung haben würde,
etwaigen Neigungen des Prinzen zur Annahme der ihm anzubietenden
spanischen Krone entgegen zu treten, so kann Seine Majestät doch noch
viel weniger ihm irgendwie den Rath ertheilen, ein so verantwortungs-
und gefahrvolles Unternehmen zu versuchen. Ich finde mich daher nicht im
Stande, im gegenwärtigen Augenblicke meinerseits die Sache dem Könige
vorzulegen, — würde dieselbe eine festere Gestalt annehmen und an den
Prinzen durch eine spanische Autorität herantreten, so würde es immer
die Sache des Prinzen selbst und seines Vaters sein, ihre Entschlüsse
Seiner Majestät zu unterbreiten und des Königs Meinung darüber
einzuholen.“
„Eure Excellenz,“ sagte Herr Salazar-y-Mazarredo, der durch die ruhige
und bestimmte Erklärung des Grafen Bismarck ein wenig niedergedrückt zu
sein schien, „würden also der Idee des Marschalls persönlich Nichts
entgegen zu setzen haben?“
„Wie könnte ich das!“ erwiderte Graf Bismarck, — „es kann ja nur, wie
ich wiederhole, ehrenvoll für Deutschland und für das Haus Hohenzollern
sein, wenn die spanische Nation einen Prinzen dieses Hauses zu ihrem
König erwählt. Politische Gründe _dagegen_,“ fuhr er fort, „kann ich als
preußischer Minister ebenso wenig haben, als ich, wie ich ebenfalls
bestimmt wiederholen muß, mich irgend wie _dafür_ auszusprechen im
Stande bin. Doch bin ich,“ fuhr er fort, „dem Marschall sehr dankbar für
das persönliche Vertrauen, welches er mir durch die Mittheilung seiner
Idee zu beweisen die Güte gehabt hat.“
Er schwieg. Der spanische Deputirte schien das Gespräch nicht für
beendet ansehen zu wollen.
„Würden Eure Excellenz die Güte haben,“ sprach er, „Ihre Ansicht über
die Sache — Ihre persönliche Ansicht dem Marschall in Beantwortung seines
Schreibens mitzutheilen?“
Graf Bismarck spielte einige Augenblicke nachdenklich mit dem Brief, der
vor ihm auf dem Tische lag.
„Ich glaube,“ sagte er, „daß ich mich deutlich und klar ausgesprochen
habe, und Sie werden gewiß die Güte haben, dem Marschall meine Worte zu
wiederholen.“
„Ich glaube, Eurer Excellenz Erklärung genau und richtig aufgefaßt zu
haben,“ erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo, „doch bin ich überzeugt, daß
der Marschall besonderen Werth darauf legen würde, meine Mittheilungen
durch ein Antwortschreiben von Eurer Excellenz selbst bestätigt zu
sehen.“
Abermals dachte Graf Bismarck einige Augenblicke nach.
„Sie werden begreifen,“ sagte er, „daß eine gewisse Schwierigkeit für
mich darin liegt, mich über eine Angelegenheit, welche, wie ich zu
bemerken mir erlaubte, nach meiner Auffassung mit der Politik Preußens
und Deutschlands Nichts zu thun hat, in einer Weise auszusprechen,
welcher bei meiner Stellung doch immerhin eine Art von offizieller
Bedeutung beigelegt werden könnte. Jedenfalls müßte ich die Sache nach
allen Richtungen hin noch sehr reiflich überlegen, bevor ich den Brief
des Marschalls beantworten könnte, und ich muß gestehen, daß ich
dringend wünsche, der ganzen Sache so lange vollkommen fern zu bleiben,
bis dieselbe etwa eine klar faßbare Gestalt annimmt und auf direct
officiellem Wege an mich gelangt. Ich möchte unter diesen Umständen,“
fügte er artig hinzu, „Sie nicht zu einem längeren Aufenthalt in Berlin
veranlassen und den Marschall bitten, mir zu einer eingehenden
Ueberlegung Zeit zu lassen. Ich bin überzeugt, daß der Marschall die
Gründe vollkommen verstehen und billigen wird, welche mich bestimmen
müssen, meine Antwort noch zurückzuhalten, um so mehr, da bei den
Beziehungen persönlichen Vertrauens, in denen Sie, mein Herr, jedenfalls
zu ihm stehen, Ihre Mittheilungen ja vollständig die Stelle einer
direkten Antwort ersetzen werden.“
Er verneigte sich mit einer Miene, welche bestimmt andeutete, daß die
Unterredung zu Ende sei.
Herr Salazar-y-Mazarredo erhob sich, indem auf seinen Zügen eine
sichtbare Enttäuschung bemerkbar wurde.
„Ich bitte Sie nochmals,“ sagte Graf Bismarck, „dem Marschall den
Ausdruck meiner Dankbarkeit für sein Vertrauen und die Versicherungen
meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit zu überbringen. Ich habe
mich herzlich gefreut,“ fügte er mit verbindlicher Artigkeit hinzu, „bei
dieser Gelegenheit Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.“
„Eure Excellenz werden Nichts dagegen haben,“ sagte Herr
Salazar-y-Mazarredo, „daß ich Schritte thue, um mich über die
persönlichen Ansichten des Prinzen Leopold zu unterrichten.“
„Da der persönliche Entschluß des Prinzen, wie ich schon bemerkt habe,
in erster Linie in Betracht kommt,“ sagte Graf Bismarck kalt und ruhig,
„so scheint es mir in der Natur der Sache zu liegen, daß Sie nach dieser
Richtung hin sich informiren. Uebrigens,“ fügte er hinzu, „wird es ganz
und gar, wie mir scheint, Ihre Aufgabe sein, die Aufträge auszuführen,
welche der Marschall Ihnen gewiß auch in dieser Beziehung ertheilt hat.“
Herr Salazar-y-Mazarredo verließ mit tiefer Verbeugung das Cabinet.
„Es ist also doch Etwas im Gange,“ sagte Graf Bismarck, indem er sich
wieder vor seinen Schreibtisch setzte, — „aber was kann dieser Sache zu
Grunde liegen — warum diese einseitige und vertrauliche Anfrage des
Marschall Prim? Fast scheint es, als sollte da Etwas hinter dem Rücken
von Serrano und der übrigen Regierung gemacht werden, Prim würde bei
seinen besonderen Beziehungen zum Kaiser Napoleon kaum eine solche Sache
einfädeln, wenn er nicht glaubte, demselben dadurch angenehm zu
werden, — der Prinz von Hohenzollern ist mit dem Kaiser verwandt,“ sagte
er nachsinnend mit leiser Stimme — „die Candidatur des Herzogs von
Montpensier muß dem Kaiser tief verhaßt sein, — sie könnte ihm unter
Umständen gefährlich werden; — sollte die erneuete Anregung dieser
Combination damit zusammenhängen?
„Nun,“ — rief er nach längerem, schweigendem Nachdenken, — „einmal muß die
große Krisis dieser langsam schleichenden Krankheitszustände doch
ausbrechen, — und wenn ich sie mit noch so großer Mühe und Vorsicht
fortwährend wieder zu beschwören versuche! — Vielleicht wäre es ein
Glück, wenn die Entscheidung bald käme,“ — sagte er ernst, — „wenn sie
käme, so lange ich noch in voller Kraft an der Spitze der Geschäfte
stehe, — denn wenn in dieser Krisis mit halben Entschlüssen und mit
halben Mitteln operirt wird, — dann muß die Zukunft Deutschlands auf
lange hinaus, vielleicht auf immer verloren sein. — Ich,“ rief er
flammenden Blickes, indem eine eiserne Energie aus seinen Zügen
leuchtete — „ich würde nicht zurückweichen, ich würde die Aufgabe
erfassen mit der vollen Kraft, deren sie bedarf, — und — ich fühle
es, — ich würde siegen!
„O,“ sagte er dann schmerzlich, „warum ist die Zukunft unserem Blick
verborgen, — warum können wir nicht eine Ecke jenes undurchdringlichen
Schleiers lüften, der das Morgen vor unsern Blicken verbirgt?
„Wie viele ringende und kämpfende Geister,“ sagte er leise, die
gefalteten Hände leise vor sich auf den Tisch stützend, „haben vor mir
diese brennende Frage an die Vorsehung gerichtet, — wie viele werden sie
nach mir aussprechen, um dieselbe Antwort zu erhalten — das ewige
Schweigen!
„Und doch,“ sprach er, den ruhigen klaren Blick aufschlagend, mit einem
weichen Lächeln, das seinen festen strengen Zügen einen eigenthümlichen
Ausdruck gab, dessen man dieses eherne Gesicht kaum für fähig gehalten
hätte, „doch giebt es eine Antwort, die durch lange Jahrhunderte so
vielen zweifelnden und bangenden Herzen Frieden, Muth und Zuversicht
gebracht hat — einfach, groß und erhaben wie Der, dessen Lippen sie
zuerst sich entrang — Herr, nicht mein sondern Dein Wille geschehe!“
Er neigte einen Augenblick das mächtige Haupt auf die Brust, dann erhob
er sich, immer mit dem Ausdruck lächelnder Ruhe und Klarheit auf seinen
Zügen, nahm seinen Hut, stieg in den großen Garten des auswärtigen Amtes
hinab und ging mit großen Schritten unter den hohen noch winterlich
kahlen Bäumen in tiefen Gedanken und oft leise Worte vor sich
hinsprechend auf und nieder.
Drittes Capitel.
In einem großen Zimmer des Hotels zur Sonne in St. Dizier waren
dreißig bis vierzig von den hannöverschen Emigranten versammelt, theils
ganz junge Männer, theils ältere Leute, deren Mienen und Haltung man die
gedienten Militairs ansah. Sie Alle standen in Reihen an der einen Seite
des Zimmers und blickten ernst und finster nach dem Tisch hin, an
welchem der Major von Adelebsen, der Ordonnanzofficier des Königs Georg,
saß und auf welchem Actenpackete und eine Anzahl von Bankbillets und
Goldrollen lagen.
Neben dem Major von Adelebsen saß der frühere Lieutenant de Pottere, ein
junger Mann mit dichtem, sorgfältig frisirtem Haar, welches tief in die
auffallend niedrige Stirn herabreichte, mit großen, etwas starr
blickenden Augen und einem starken blonden Schnurrbart auf der
Oberlippe des Mundes, um welchen ein gleichgültig stereotypes Lächeln
spielte.
Der Lieutenant de Pottere hatte eine Namensliste der Emigranten vor sich
und hielt eine Feder in der Hand bereit, die Proceduren des Majors von
Adelebsen zu protocolliren.
„Unterofficier Rühlberg!“ rief Herr von Adelebsen, indem er den etwas
unsicheren Blick seines Auges über die Emigranten hingleiten ließ.
In militairischer Haltung trat der Unterofficier an den Tisch heran.
„Ich habe Sie nunmehr aufzufordern,“ sagte Herr von Adelebsen, „zur
Erklärung darüber, was Sie über Ihre Zukunft beschlossen haben. Ich
mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie die Ihnen zustehende Pension von
Seiner Majestät erhalten können oder aber eine einmalige
Abfindungssumme, wenn Sie das vorziehen. Geben Sie mir Ihre Erklärung,
wohin Sie nachher zu gehen beabsichtigen.“
„Ich bitte, mich ein für allemal abzufinden, Herr Major,“ erwiderte der
Unterofficier, „ich will mit einer Anzahl meiner Kameraden nach Algier
gehen, um dort unser Glück in einer Colonie zu versuchen.“
„Sie wollen nach Algier gehen?“ fragte Herr von Adelebsen ein
wenig befremdet, „Sie wissen doch, daß Seine Majestät eine
Niederlassung in Algier nicht für zweckmäßig erachten können, und
daß Allerhöchstdieselben befohlen haben, den Legionairen von einer
Auswanderung nach Algier abzurathen.“
„Zu Befehl, Herr Major,“ erwiderte der Unterofficier, „Herr Minister von
Münchhausen hat uns das auseinandergesetzt und uns dabei zugleich
gerathen, nach Hannover zurückzukehren, und,“ fügte er mit einer
gewissen Bitterkeit hinzu, „die Strafe, die man uns vielleicht dictiren
würde, ruhig abzusitzen. Ich bin ganz überzeugt,“ fuhr er fort, „daß
Seine Majestät die besten Absichten mit uns hat, und daß Er nach den
Berichten, die man ihm erstattet hat, überzeugt ist, daß eine Colonie in
Algier uns keinen Vortheil bringen könne. Aber ich muß Ihnen sagen, Herr
Major, daß ich durchaus keine Lust habe, nach der Heimath
zurückzukehren, um mich dort einsperren zu lassen. Wenn Seine Majestät
uns eine Amnestie würde verschaffen können, so wäre es etwas Anderes.
Unter diesen Umständen muß ich aber dabei bleiben zu versuchen, meine
Zukunft auf meine eigene Kraft zu gründen; und ich bleibe daher bei
meiner Erklärung, daß ich nach Algier gehen will und bei meiner Bitte,
mir die Abfindungssumme auszuzahlen.“
„Wenn aber doch Seine Majestät,“ sagte der Lieutenant de Pottere mit
einer etwas näselnden Stimme, „eine solche Colonie nicht für zweckmäßig
hält —“
„Der Herr Major,“ fiel der Unteroffizier ein, „haben uns gesagt, daß wir
die völlig freie Entschließung hätten, unsere Zukunft einzurichten, wie
wir wollten. Ich habe mir die Sache reiflich überlegt und bleibe dabei,
daß ich nach Algier gehen will. Vorzüglich,“ fuhr er fort, „möchte ich
ein für allemal abgefunden sein, wohin ich mich dann wende, kann und
wird ja übrigens Seiner Majestät ganz gleichgültig sein.“
„Es ist Seiner Majestät gewiß nicht gleichgültig,“ sagte Herr von
Adelebsen mit sanfter Stimme, „wie sich die Zukunft seiner früheren
Soldaten gestaltet, und deshalb —“
„Darf ich bitten, Herr Major,“ fiel der Unterofficier, sich in strammer
Haltung aufrichtend, ein, „meine Erklärung zu Protocoll nehmen zu
lassen? Mein Entschluß steht unwiderruflich fest.“
Herr von Adelebsen gab dem Lieutenant de Pottere einen Wink. Dieser
schrieb die Erklärung des Unterofficiers nieder und der Major zählte die
Abfindungssumme in Banknoten und Zwanzigfrankstücken ab und händigte sie
dem Unterofficier ein, der mit vorsichtiger Sorgfalt seinen Namen unter
die ihm vorgelegte Quittung setzte und dann zu den Uebrigen zurücktrat.
„Dragoner Cappei!“ rief Herr von Adelebsen.
Der junge Mann trat heran.
„Ihre Erklärung?“ fragte Herr von Adelebsen.
„Ich wünsche, nach Hannover zurück zu gehen,“ sagte Cappei.
„Sie sind militairpflichtig gewesen,“ sagte Herr von Adelebsen. „Haben
Sie es sich überlegt, daß man Sie vielleicht bestrafen und in die
preußische Armee einstellen wird? Es läge vielleicht, wenn Sie sich
dieser Gefahr nicht aussetzen wollen, in Ihrem Interesse, wie sich viele
andere Ihrer Kameraden bereits entschlossen haben, nach Amerika zu
gehen —“
„Ich danke, Herr Major,“ erwiderte Cappei ruhig, „ich bin entschlossen,
zu tragen, was mir in Hannover widerfahren wird, und will in die Heimath
und zu meiner Familie zurückkehren.“
Er empfing die ihm zukommende Summe Geldes, der Lieutenant de Pottere
protocollirte seine Erklärung und Cappei trat zurück.
Einer nach dem Andern aus der Reihe der Emigranten wurde aufgerufen,
Zwei oder Drei erklärten, daß sie nach Amerika gehen wollten, alle
Uebrigen sprachen den Entschluß aus, mit dem Unterofficier Rühlberg
nach Algier auszuwandern.
„Ich muß Sie Alle nochmals darauf aufmerksam machen,“ sagte Herr von
Adelebsen, „daß, wie ich bereits dem Unterofficier bemerkt habe, Seine
Majestät nicht glauben könne, daß Sie in Algier Ihre künftige Wohlfahrt
finden. Sie werden dort in einem fremden Lande ohne Hülfsmittel und ohne
Unterstützung sein und es vielleicht bereuen, daß Sie sich zu einem
solchen Entschluß haben beeinflussen lassen.“
„Niemand hat uns beeinflußt!“ riefen Mehrere der Emigranten. „Wir haben
selbst schon lange ehe unsere Officiere mit uns über die Colonie
gesprochen haben, den Gedanken gefaßt, wenn der König uns nicht mehr
erhalten könnte, uns in Algier eine Zukunft zu gründen.“
„Ich muß aber ausdrücklich bemerken,“ sagte Herr von Adelebsen, „daß
Seine Majestät mir befohlen haben, ganz bestimmt zu erklären, daß
Diejenigen, welche nach Algier gehen, niemals auf irgend eine
Unterstützung von seiner Seite zu rechnen haben. Bedenken Sie, was es
heißt, in einem ganz fremden Lande unter unbekannten Verhältnissen sich
eine Existenz zu gründen.“
„Wir werden im fremden Lande,“ rief der Unterofficier Rühlberg, einen
Schritt vortretend, „immer noch Menschen finden, die uns mit Rath und
That beistehen und Gefühl für Leute haben, welche ihrem König im Unglück
treu geblieben sind, — wir haben freilich nicht geglaubt, daß es so
kommen würde, denn dann würden wir wohl kaum die Heimath verlassen
haben, und was die Bemerkung betrifft, die der Herr Major so eben
gemacht haben, so können Sie ganz ruhig sein, Niemand von uns wird
künftig die Unterstützung der Kasse Seiner Majestät in Anspruch nehmen.
Jedenfalls werden wir immer noch besser in Algier daran sein, wo uns
wenigstens die französische Regierung freundlich entgegenkommt, als wenn
wir über das weite Meer nach Amerika hinzögen, wo wir ohne alle Hülfe
sterben und verderben können.“
„In Amerika wären wir freilich weiter fort,“ rief eine Stimme aus den
Reihen, „und wenn wir Alle dort wären, so wäre man doch sicher, daß
Niemand von uns der königlichen Kasse zur Last fällt.“
Der Major warf einen schnellen Blick von unten herauf nach der Gegend,
woher diese Stimme erschallt war. Der Lieutenant de Pottere drehte
seinen Schnurrbart und sagte:
„Sie müssen ruhig sein und nicht durcheinander sprechen.“
„Ich glaube, wir sind abgefunden,“ rief es aus den Reihen, „und haben
hier nichts mehr zu thun, gehen wir.“
Und sich kurz umwendend, verließen sie Alle das Zimmer, indem sie den
Refrain des alten hannöverschen Soldatenliedes anstimmten:
„Lustige Hannoveraner seien wir.“
Herr von Adelebsen und der Lieutenant de Pottere packten die Papiere und
das übrig gebliebene Geld zusammen und zogen sich stillschweigend in
ihre Zimmer zurück.
„Nun Cappei,“ sagte der Unterofficier Rühlberg zu dem jungen Dragoner,
welcher schweigend und gedankenvoll mit den Uebrigen die Treppe
hinabstieg, „wollt Ihr Euch nicht noch eines Bessern besinnen und mit
uns nach Algier gehen. Denkt doch, wie schön es ist, wenn wir Alle
zusammen bleiben und unser Dorf nach althannöverscher Manier einrichten,
da können wir es doch noch zu Etwas bringen, ein freies und
selbstständiges Leben führen und an die alte Heimath zurückdenken, wie
sie früher war.“
„Es thut mir leid, Euch zu verlassen,“ sagte Cappei, — „aber unsere Sache
ist zu Ende, das alte Hannover ist für immer versunken. Was hilft es
dem Einzelnen, gegen den Weltlauf anzukämpfen — ich liebe meine Heimath,
und die Heimath bleibt ja doch dieselbe, mag nun dieser oder jener
König, dieses oder jenes Gesetz herrschen.“
„Nun, geht hin,“ sagte der Unterofficier, „Ihr werdet es noch bereuen,
aber Verliebten ist keine Vernunft zu predigen. Ihr kommt doch heute
Abend noch zu uns, wir wollen noch einmal lustig zusammen sein; in
dieser Nacht noch wollen wir nach Marseilles reisen, um uns nach Algier
einzuschiffen. Wir haben unsere Empfehlung an den Präfecten dort, und
das Comité, welches unsere Officiere in Paris bilden, wird dafür sorgen,
daß wir von dort aus gut empfohlen werden. Tüchtige und rechtliche
Leute, die arbeiten können, kann man überall brauchen, und wir werden
unsern Weg schon machen.“
Die Emigranten zogen über den Marktplatz von St. Dizier, von den ihnen
begegnenden Bürgern freundlich begrüßt, nach dem Restaurant hin, in
welchem sie sich gewöhnlich zu versammeln pflegten.
Der junge Cappei trennte sich an der Ecke des Marktplatzes von ihnen und
schritt langsam dem Hause des Holzhändlers Challier zu. Er ging über den
großen Hof und trat durch den Flur in das Wohnzimmer des Hauses, in
welchem er so lange als ein freundlich empfangener Gast aus- und
eingegangen war, und von welchem er sich nun trennen sollte, um den
Kampf mit einer ungewissen Zukunft aufzunehmen.
Der alte Herr Challier saß allein in seinem Lehnstuhl, die so eben
ausgegebene Zeitung des kleinen Orts lesend. Er legte bei dem Eintritt
des jungen Mannes das Blatt aus der Hand, erhob sich und trat ihm mit
herzlichem Gruß entgegen.
„Alles ist abgemacht, Herr Challier,“ sagte Cappei in ziemlich reinem,
aber im deutschen Accent anklingenden Französisch, „die Legion ist
aufgelöst, wir sind Alle frei und können hingehen, wohin wir wollen. Und
alle diese Kameraden, die nun drei Jahre lang Freud und Leid mit
einander getheilt haben, werden sich wohl schwerlich jemals wieder
zusammenfinden.“
„Das ist recht traurig,“ sagte der alte Herr Challier, langsam den Kopf
schüttelnd. „So ist also die Sache Ihres Königs aufgegeben, — das thut
mir aufrichtig leid, denn ich habe immer so viel Sympathie für sein
Schicksal und für Sie Alle gehabt; und wir Bürger von St. Dizier nehmen
gewiß ganz besondern Antheil an Allem, was den König betrifft, seit er
unserer Stadt die Ehre erzeigt hat, der Pathe des Kindes eines unserer
Mitbürger zu sein. Ich bin ein alter Bragars,“ sagte er, indem seine
dunklen Augen in lebhaftem Feuer aufleuchteten, „und ich hätte mich von
Herzen gefreut, wenn ich Sie hätte ausziehen sehen können, um für Ihren
König und sein Recht zu fechten, — das Schicksal geht seinen eigenen
Weg, — es hat nicht sein sollen. Wir verlieren alle liebe Freunde mit
ihnen,“ fuhr er fort, „und mir wird es in meinem Hause recht leer
vorkommen, wenn ich Sie nicht mehr sehe. Haben Sie Ihren Entschluß fest
gehalten,“ fragte er, „nach Ihrem Vaterlande zurückzukehren? — Ich würde
mich kaum dazu entschließen können,“ sagte er, „wenn ich mich in Ihre
Lage denke, in einem Lande zu leben, in welchem eine fremde Herrschaft
alle Erinnerungen an eine ruhmvolle Vergangenheit begraben hat.“
Ernst erwiderte der junge Mann:
„Es liegt fast ein Vorwurf in Ihren Worten für mich, Herr Challier, und
doch kann ich nicht anders handeln. — Sie sind Franzose und wenn es
möglich wäre, daß Ihr Vaterland ein Schicksal träfe wie das meinige, so
würde Ihr Gefühl natürlich sein. Bei mir, da ist es etwas Anderes,
Hannover ist ein kleines Land, ein kleiner Theil jenes großen
Deutschlands, das ja doch das gemeinsame Vaterland für uns Alle ist. Wir
Hannoveraner lieben unsere Eigenart und Selbständigkeit, wir haben mit
fester Treue an den Fürsten gehangen, die so lange über uns geherrscht
haben. Wir beklagen und empfinden tief den Verlust unserer
Selbstständigkeit, aber wir sind doch immer nur ein Glied des
Ganzen, — die neue Regierung, welche über uns herrscht, ist ja auch eine
deutsche, und Deutsche bleiben wir auch unter den neuen Verhältnissen.
Sollen wir uns darum von dem großen ganzen Vaterlande ausschließen, weil
wir nicht weiter leben können, wie wir es bisher gewohnt waren? Für das
Recht unseres Königs konnten wir kämpfen, wenn der König aber dies Recht
aufgiebt, wie könnten wir in ungewöhnlichem Haß den andern Deutschen
gegenüber stehen! Uebrigens,“ fuhr er fort, „werde ich vielleicht nicht
immer in meiner Heimath bleiben, nachdem ich meine Verhältnisse dort
geordnet und meine Stellung klar gemacht habe, — und darüber,“ fügte er
etwas zögernd hinzu, „möchte ich mit Ihnen, Herr Challier, bevor ich
scheide, noch ein ernstes Wort sprechen. Sie haben mich mit väterlicher
Güte aufgenommen, ich will Ihnen klar und ohne Rückhalt meine Gedanken
über die Zukunft mittheilen. Billigen Sie dieselben nicht,“ sagte er
seufzend, „so werde ich meine Pläne ändern und Hoffnungen aufgeben,
welche mir die liebsten und schönsten sind.“
Herr Challier blickte ihn ein wenig erstaunt an und sagte im herzlichen
Ton:
„Sie wissen, mein junger Freund, daß mein Rath und meine Erfahrung, wenn
ich Ihnen mit denselben nützen kann, Ihnen stets zu Gebote stehen.“
Er setzte sich in seinen Lehnstuhl und lud den jungen Mann ein, in einem
Sessel neben ihm Platz zu nehmen. Dieser jedoch blieb vor dem alten
Herrn stehen, senkte einen Augenblick nachdenkend den Kopf, wie um seine
Gedanken zu ordnen, und sprach dann mit bewegter Stimme:
„Sie haben mich kennen gelernt, Herr Challier, als heimathlosen
Flüchtling, und dennoch haben Sie mir freundlich Ihr Haus geöffnet. Sie
haben mich in den Kreis Ihrer Familie aufgenommen und ich darf annehmen,
daß Sie Vertrauen zu mir haben, obgleich Sie nie vorher Etwas von mir
gehört, obgleich Sie nicht wissen, woher ich stamme und welches meine
Vergangenheit war.“
„Ich habe Ihnen vertraut,“ erwiderte Herr Challier, „weil Sie
hergekommen sind als der Diener eines edlen und unglücklichen Fürsten.
Man dient dem Unglück nicht, wenn man nicht ein edles und treues Herz
hat, darum habe ich Sie aufgenommen, wie man einen braven und
rechtschaffenen Mann aufnimmt, und,“ fügte er mit der den Franzosen so
eigentümlichen Höflichkeit des Herzens hinzu, „ich habe mich in meinem
Urtheil und meinem Vertrauen nicht getäuscht, denn nun Sie uns
verlassen, fühle ich, daß ein Freund von uns scheidet.“
„Ich gehe in mein Vaterland zurück,“ erwiderte Cappei, „um so bald es
mir möglich ist, wieder vor Sie hintreten zu können, nicht mehr als der
heimathlose Unbekannte, sondern als ein Mann, der Ihnen nachweisen kann,
woher er stammt, was er war und was er ist, als ein Mann, der einen,
wenn auch kleinen, aber sichern Besitz hat, und der es darum wagen kann,
Ihnen eine Bitte auszusprechen, von der sein ganzes Lebensglück
abhängt, — die Bitte,“ fügte er mit zitternder Stimme hinzu, „mir das
Schicksal Ihrer Tochter Luise anzuvertrauen, welche ich liebe mit aller
Wärme und Treue, die das Erbtheil unseres Stammes sind — deren Glück ich
alle Kraft meines Lebens widmen werde und ohne welche meine Zukunft öde
und freudlos sein würde.“
Der alte Herr Challier hatte ruhig und ernst zugehört. Sein Auge ruhte
einen Augenblick mit liebevoller Theilnahme auf dem jungen Mann; dann
sprach er mit milder freundlicher Stimme:
„Ich habe Ihnen gesagt, Herr Cappei, daß ich volles Vertrauen zu Ihnen
habe, daß ich Sie für einen Ehrenmann halte, — daraus folgt, daß ich, was
Ihre Person betrifft, keine Bedenken trage, Ihnen das Glück meiner
Tochter anzuvertrauen, — ich bin nicht reich,“ fuhr er fort, „aber ich
habe nur die einzige Tochter und besitze genug, um ihr, auch wenn die
Wahl ihres Herzens auf einen armen Mann fällt, eine sichere Existenz
begründen zu können. Ob Sie Vermögen besitzen oder nicht, ist deshalb
nicht entscheidend für die Beantwortung Ihrer Frage, aber,“ fuhr er
fort, „die Grundlage einer sorgenfreien Existenz für die Zukunft meiner
Tochter liegt in dem Geschäft, das ich hier betreibe. Würde ich es
verkaufen, so würde der Kaufpreis in Geld nicht den Werth repräsentiren,
den es in der Hand eines geschickten und fleißigen Mannes hat. Deshalb
habe ich stets den Wunsch gehegt, daß der Mann, den meine Tochter einst
sich zum Gefährten ihres Lebens erwählt, mein Geschäft fortsetzt. Ich
fühle es vollkommen,“ fuhr er fort, „was es heißt, sein Vaterland zu
verlassen, — aber in Ihrer Heimath sind die Verhältnisse so verändert,
und die jetzigen Zustände können Ihnen so wenig erfreulich sein, daß es
vielleicht Ihren eigenen Wünschen entsprechen könnte, hierher zurück zu
kommen. Haben doch auch viele meiner Landsleute Frankreich verlassen
und in Deutschland eine neue Heimath gefunden, warum sollten Sie nicht
in unserer Mitte auch Ihre künftige Heimath begründen können? Könnten
Sie diesen meinen sehnlichsten Herzenswunsch erfüllen, so würde ich kein
Bedenken hegen, die Zukunft meines Kindes Ihnen anzuvertrauen,
vorausgesetzt, daß meine Tochter die Gefühle theilt, welche Sie für sie
hegen, — worüber Sie,“ fügte er lächelnd hinzu, „vielleicht ein wenig
unterrichtet sind.“
„Ich glaube,“ sagte Cappei mit leiser Stimme, „daß Fräulein Luise mir
nicht abgeneigt ist —“
Die Thür öffnete sich, die Tochter des Herrn Challier trat ein. Sie
hatte eine Freundin besucht und trug einen einfachen kleinen Hut, mit
Rosenknospen garnirt, und ein leichtes Tuch um die Schultern. Ihr
frisches Gesicht war vom Gang leicht geröthet, ihre glänzenden Augen
richteten sich einen Augenblick wie fragend auf ihren Vater und auf den
jungen Hannoveraner. Sie eilte auf den alten Herrn zu, bot ihm mit
anmuthiger Bewegung ihre Wange zum Kuß dar und reichte dann Cappei mit
freundlichem Gruß die Hand.
„Du kommst eben recht,“ sagte Herr Challier, „um eine Frage zu
beantworten, welche ich soeben an unsern jungen Freund hier richtete,
und über welche er sich ganz klar auszusprechen zu scheuen schien.“
Luise blickte zuerst verwundert auf, ihr Auge suchte das ihres
Geliebten, — sie schien zu verstehen, um was es sich handelte, und senkte
tief erröthend den Kopf auf die Brust nieder.
„Herr Cappei,“ sagte der alte Herr, „hat mir soeben mitgetheilt, daß er,
wenn seine Angelegenheiten in seiner Heimath geordnet sein werden, zu
uns zurückkommen will, um Dir seine Hand anzutragen, nachdem Du, wie es
scheint, bereits in dem Besitz seines Herzens bist. Ich habe die
Entscheidung darüber von Deiner Entschließung abhängig gemacht, — was
würdest Du sagen, wenn unser junger Freund hier seinen Antrag nunmehr
auch an Dich richtetet?“
Einen Augenblick blieb das junge Mädchen mit gesenktem Kopf stehen, ein
flüchtiger, halb scheuer, halb vertrauensvoller Blick traf den jungen
Mann, dann richtete sie sich empor, trat mit festem Schritt an die Seite
des jungen Mannes und sprach:
„Ich bin eine Tochter der Bragars von St. Dizier, mein Vater, ich
verstehe nicht, meine Gefühle zu verbergen, — mögen Andere es für
schicklich halten, zu verhüllen, was ihr Herz bewegt, — ich sage offen,
was ich empfinde, — ich liebe ihn,“ fuhr sie mit strahlenden Blicken
fort, „mein Herz gehört ihm und wird ihm ewig gehören. Und Du, mein
Vater, weißt, daß ich meine Liebe keinem Unwürdigen schenke.“
Der Alte blickte mit stolzer Freude auf seine Tochter.
„Brav, mein Kind,“ sagte er, „das ist recht und tapfer gesprochen, und
ebenso offen will ich Dir ohne Umschweife antworten. Ich gebe dem Bunde
Eurer Herzen mit Freuden meinen Segen.“
Cappei breitete die Arme aus, das junge Mädchen sank an seine Brust und
er drückte seine Lippen auf ihr glänzendes Haar.
„Gehen Sie nach Ihrer Heimath zurück, ordnen Sie Ihre Angelegenheiten
und,“ fügte er hinzu, „kommen Sie bald zurück, — ich verlange nicht als
unerläßliche Bedingung, daß Sie Ihre künftige Heimath hier in unserm
Frankreich wählen; ein Mann muß am besten wissen, was er zu thun hat,
und ein Weib muß dem Manne ihres Herzens folgen. Ich muß es mir ja
gefallen lassen, mein Kind von mir gehen zu sehen, — das ist der Lauf der
Natur, aber,“ fuhr er fort, indem seine Lippen bebten und seine Stimme
leicht zitterte, „Sie kennen den Wunsch meines Herzens, Sie wissen, wie
glücklich es mich machen würde, zu denken, daß mein Kind einst an meinem
Sterbebette stehen wird, und daß ich ihr und meinen Enkeln das alte Haus
überlassen kann, in welchem so viele meiner Vorfahren seit einer Reihe
von Generationen gelebt haben.“
Luise sagte Nichts, langsam hob sie den Kopf von der Brust ihres
Geliebten empor und sah den jungen Mann mit ihren großen glänzenden
Augen fragend und bittend an.
„Ich kehre zurück,“ sagte dieser rasch mit entschlossenem Ton, „um meine
Heimath da zu begründen, wo ich das Glück meines Herzens gefunden habe.
Ich würde wahrlich lieber garnicht fortgehen, aber ich muß in die
Heimath, um meine Angelegenheiten zu ordnen, und mein kleines Vermögen
zu sichern. Denn,“ fügte er mit fester Stimme hinzu, „nicht dem
heimathlosen Bettler soll Ihre Tochter ihre Hand reichen.“
Ein glückliches Lächeln erhellte das Gesicht des alten Herrn, er
streckte seine beiden Hände aus, — die jungen Leute ergriffen sie und
beugten sich zärtlich zu ihm herab.
Einen Augenblick blieben alle Drei in inniger Umarmung, sie hörten
nicht, daß die Thüre sich öffnete, und erst der Ton rascher Schritte
ließ sie aufblicken.
Herr Vergier war eingetreten, — starr und bleich stand er in der Mitte
des Zimmers, seine Lippen bebten, seine scharfen, stechenden Augen
blickten mit unheimlich spähendem Feuer auf die Gruppe vor ihm.
Die beiden jungen Leute waren zur Seite getreten, der alte Herr erhob
sich, ging Herrn Vergier entgegen und sprach, indem er ihn mit kräftigem
Händedruck begrüßte:
„Sie sind ein alter Freund meines Hauses, und als solchen will ich Ihnen
vor allen Andern zuerst sagen, welches für meine Familie so wichtige
Ereigniß hier so eben sich vollzogen hat.“
Er theilte mit kurzen Worten Herrn Vergier, dessen blitzende Augen mit
höhnischen, feindlichen Blicken auf den beiden jungen Leuten ruhten,
welche Hand in Hand hinter ihrem Vater standen, die Verlobung seiner
Tochter mit.
„Sie wissen,“ sagte Herr Vergier, als der Alte geendet, mit zitternder,
rauh klingender Stimme, indem seine Gesichtszüge vor heftiger Aufregung
zuckten, „wie tiefen Antheil ich an Allem nehme, was Ihr Haus
betrifft, — aber die Gefühle, welche mich bei der Mittheilung erfüllen,
die Sie mir so eben gemacht, können nicht erfreulich sein,“ fügte er mit
bitterm Ton hinzu. „Ich hatte Hoffnungen gehegt, welche durch das, was
Sie mir sagen, auf immer zerstört worden sind. Fräulein Luise,“ fuhr er
mit brennendem Blick fort, „kannte diese Hoffnungen, sie hat mir
dieselben bisher nicht genommen. Sie hatte ein Jahr verlangt, um mir
eine bestimmte Antwort zu geben, und nun sehe ich, daß sie nur eine so
kurze Frist gebraucht hat, um sich über die Wahl ihres Herzens zu
entscheiden.“
Mühsam nach Fassung ringend, stützte er sich auf die Lehne eines Stuhls.
Luise sah ihn mit einem weichen Blick aus ihren offenen klaren Augen an.
Rasch trat sie zu ihm und reichte ihm die Hand.
„Niemand ist Herr der Gefühle seines Herzens,“ sagte sie — „Sie waren der
Freund meiner Kindheit, bleiben Sie mein Freund für mein künftiges Leben
und verzeihen Sie mir, wenn ich die Gefühle nicht erwidern konnte, die
Sie mir entgegen trugen, — Sie werden das vergessen,“ fügte sie
freundlich hinzu, — „Sie werden gewiß, wie ich es Ihnen von ganzem Herzen
wünsche, bei einer andern Wahl mehr Glück finden, als ich Ihnen hätte
bieten können.“
Herr Vergier hatte nur zögernd die Hand des jungen Mädchens einen
Augenblick ergriffen.
„Es ist nicht nur der Schmerz um den Verlust meiner Liebe,“ sagte er
mit einer noch immer vor Aufregung halb erstickten und unsichern Stimme,
„welche mich bewegt, aber ich bin Franzose, und es schneidet mir in's
Herz, daß ich die Tochter meines Freundes, deren Glück mir theuer ist,
wie mein eigenes, sich ihrem Vaterlande entfremden sehe. Der Krieg mit
diesem Preußen, das drohend an unsern Grenzen steht, ist nur eine Frage
der Zeit. Er wird vorbereitet von beiden Seiten, er muß kommen,
Jedermann in Frankreich fühlt das, man hat schon mehrfach deutsche
Spione bei uns entdeckt. Und schon sind Stimmen laut geworden,“ fuhr er
immer eifriger fort, indem sein Gesicht vor Aufregung zuckte, und seine
Blicke sich wie Dolchspitzen auf den jungen Emigranten richteten — „schon
sind Stimmen laut geworden, welche behaupten wollen, daß diese
hannöversche Legion, welche so plötzlich auseinandergeht, nur der
Deckmantel gewesen sei, um genaue Kundschaft über die inneren
Verhältnisse unseres Landes zu erhalten. — Und wenn ich denken sollte,“
rief er, seiner nicht mehr mächtig, indem ein leichter Schaum auf seine
Lippen trat, — „daß meine Geliebte ein Werkzeug werden sollte in der Hand
eines Feindes Frankreichs — —“
Eine helle Zornröthe flammte aus dem Gesicht des jungen Hannoveraners
auf, mit einem raschen Schritt trat er zu Herrn Vergier hin, mit einer
drohenden Bewegung erhob er die Hand —
Luise warf sich ihm entgegen; bittend faltete sie die Hände, ihre Augen
richteten sich mit magnetischer Gewalt auf ihren Geliebten.
Dieser ließ langsam den Arm sinken, der Ausdruck seines Gesichts wurde
ruhig, beinahe sanft und milde.
„Ich habe Ihnen, ohne es zu wollen, wehe gethan, mein Herr,“ sagte er,
„ich bin störend eingetreten in die Hoffnungen Ihres Herzens, ich
verstehe Ihren Schmerz und Ihre Aufregung, — ich muß Ihnen viel
vergeben, — aber Worte, wie Sie so eben ausgesprochen, sollte niemals ein
Mann von Ehre einem Andern sagen. Ich bin nach Frankreich gekommen,“
fuhr er fort, „im Dienst meines Königs und als ein Feind jener Macht,
welche wie Sie glauben, mit Ihrem Vaterland in Kampf treten soll. Dies
allein sollte mich vor einem so elenden und niedrigen Verdacht schützen,
wie Sie ihn gegen mich ausgesprochen, aber ich glaube, Herr Challier und
Fräulein Luise kennen mich genug, und auch Sie sollten mich genug
kennen, um zu glauben, daß auch wenn ich nicht als Hannoveraner und als
Legionair des Königs Georg hergekommen wäre, ich doch unfähig sein
würde, in solcher Weise Vertrauen und Gastfreundschaft zu täuschen.
Wenn Sie ruhig darüber nachdenken, werden Sie mir Gerechtigkeit
widerfahren lassen und,“ fügte er mit offener Herzlichkeit hinzu, „ich
hoffe, Sie werden vergessen, was ich Ihnen, ohne es zu wollen, Böses
gethan und dahin kommen, die Freundschaft, welche Sie für Herrn Challier
und seine Tochter gehegt, auch mir zu schenken; seien Sie überzeugt, daß
ich Alles thun werde, um mich derselben würdig zu machen.“
Luise dankte mit einem innigen Blick ihrem Geliebten für seine Worte.
Herr Vergier hatte mit gewaltiger Anstrengung seine tiefe Aufregung
bemeistert. Er zwang seine zuckenden Lippen zu einem freundlichen
Lächeln, er schlug seine Augen nieder und reichte Cappei die Hand.
„Verzeihen Sie mir,“ sagte er mit tonloser Stimme, indem seine Worte nur
einzeln und abgebrochen hervordrangen, „verzeihen Sie mir meine
kränkende Aeußerung. Mein augenblickliches Gefühl riß mich hin, — ich bin
Franzose und mißtrauisch gegen alle Fremden. Ich will die Vergangenheit
und die Täuschung meiner Hoffnungen zu vergessen suchen; vielleicht wird
die Zeit uns in Freundschaft zusammenführen.“
Cappei ergriff Herrn Vergiers dargebotene Hand.
Diese Hand war feucht und kalt wie Eis, sie erwiderte den Druck des
Hannoveraners nicht und erschrocken ließ dieser sie wieder los.
„Erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe,“ sagte Herr Vergier, „ich passe
in diesem Augenblick nicht in Ihre Gesellschaft.“
Und mit einer flüchtigen Verbeugung sich empfehlend, eilte er hinaus.
„Der Arme thut mir leid,“ sagte der alte Herr Challier, ihm
nachblickend, „er ist eine so heftige, leicht erregbare Natur, er wird
sehr leiden —“
„Ich hätte ihn doch nicht lieben können,“ sagte Luise, indem sie mit
leichtem Kopfschütteln vor sich niederblickte. „Wenn mein Herz nicht
gesprochen hätte,“ fügte sie, ihrem Geliebten die Hand reichend, hinzu,
„wenn ich ihm vielleicht ohne Liebe meine Hand gegeben hätte, so wären
wir Beide unglücklich geworden.“ —
Lange noch saßen die beiden jungen Leute beisammen. Freundlich hörte der
alte Herr ihr Geplauder und ihre Pläne für die Zukunft an. Es wurde
beschlossen, daß der junge Cappei schon am nächsten Morgen abreisen
sollte. —
Luise erhob keine Einwendungen gegen diesen Beschluß.
„Je schneller er fortgeht,“ sagte sie lächelnd, „um so schneller wird
er wiederkehren, und um so schneller werden wir zu einem ruhigen und
dauernden Glück kommen, das dann Nichts mehr stören wird.“ — —
Am späten Abend brach der junge Mann auf, um noch einmal seine
Landsleute, welche um Mitternacht abreisen wollten, zu sehen und mit
ihnen die letzten Augenblicke zu verleben.
Sinnend und gedankenvoll schritt er durch die lange Hauptstraße der
Stadt nach dem Marktplatz hin. An der Ecke desselben befand sich der
Restaurant, in dessen Saal die Legionaire versammelt waren. Die
Hannoveraner saßen hier um einen großen Tisch — zahlreiche Freunde aus
der Stadt waren bei ihnen, um die letzten Augenblicke mit den ihnen lieb
gewordenen Gästen zu verbringen, die so lange unter ihnen geweilt
hatten.
Auf dem Tische stand eine große Punschbowle, welcher jedoch heute nur
sehr mäßig zugesprochen wurde, — alle Gesichter waren ernst und oft
stockte die Unterhaltung. Alle diese einfachen Leute, welche die großen
Erschütterungen der Zeit hier im fremden Lande zusammengeführt hatten,
fühlten, daß heute die Vergangenheit, welche sie in liebevoller
Erinnerung im Herzen trugen, für immer abgeschlossen werde, daß das
letzte Band, welches sie hier in der gemeinsamen Verbannung mit der
alten Heimath und Allem, was sie Liebes in sich schloß, noch verband,
nun für immer zerriß und daß sie nun als Fremde allein und vereinsamt
hinaustreten müßten in ein schweres feindliches Leben, um auf ihre
eigene Kraft die Zukunft zu erbauen in mühevoller Arbeit.
Der junge Cappei trat ein. — Traurig überblickte er diese Versammlung
seiner Kameraden, welche so oft hier heiter und fröhlich beisammen
gewesen waren und welche nun auseinander gehen sollten, um sich
schwerlich jemals in dieser Welt vereinigt wieder zu begegnen.
Er setzte sich schweigend neben den Unterofficier Rühlberg.
„Was könntet Ihr Euch für eine schöne Zukunft machen,“ sagte dieser,
indem er dem jungen Manne ein Glas Punsch reichte, — „wenn Ihr mit uns
gingt, — Ihr seid noch jung und kräftig, — geschickt zu aller Arbeit und
habt mehr gelernt, als wir Alle, — Ihr würdet ein schönes Vermögen in
Algier erwerben, — das Euch hundertmal den kleinen Hof daheim ersetzen
würde, — von dem Ihr noch gar nicht einmal wißt, ob Ihr ihn
erhaltet, — ich sage Euch noch einmal, — geht mit uns, — laßt die Phantasie
im Stich, die Ihr Euch in den Kopf gesetzt habt, — es hat noch nie zu
etwas Gutem geführt, wenn junge Leute von der Liebe sich den Kopf
verdrehen lassen.“
„Ich bitte Euch, Rühlberg,“ sagte Cappei sanft aber bestimmt — „laßt
mich, — mein Entschluß ist gefaßt, — versprecht mir,“ fuhr er abbrechend
fort, „Nachricht zu geben, wie es Euch und den Andern geht — ich muß Euch
sagen, daß ich nicht viel Vertrauen zu Eurem Unternehmen habe, — hätte
der _König_ die Sache gemacht durch einen Vertrag mit der französischen
Regierung, so wäre es etwas Anderes gewesen, — aber so, — Ihr werdet
vielleicht später einsehen, daß es besser gewesen wäre, gleich nach der
Heimath zurückzukehren. — Doch Jeder hat seinen Entschluß gefaßt und muß
ihm folgen.“
Er wendete sich zu seinem Nachbar auf der anderen Seite.
Es verging noch eine halbe Stunde, — dann zog der Unterofficier die Uhr
und sagte tief aufathmend:
„Es ist Zeit, Leute, — wir müssen aufbrechen!“
Alle erhoben sich.
Rühlberg ergriff sein Glas.
„Wir sind heute zum letzten Male beisammen,“ sprach er mit etwas
unsicher klingender Stimme, — „und wir wollen auch dies letzte Mal von
der alten Sitte hannöverscher Soldaten nicht abweichen, — ein Glas auf
das Wohl unseres Königs zu leeren. Sonst haben wir das mit lautem Hurrah
gethan, — das wird uns heute nicht mehr frei aus der Brust herauskommen,
heute ist unsere Vergangenheit, unsere alte Heimath, unser König für uns
gestorben — leeren wir ein stilles Glas zum Andenken an unsern
Kriegsherrn, an unsre Armee, an unsere Heimath.“
Alle tranken schweigend und so manches ehrliche treu blickende blaue
Auge verschleierte sich mit feuchtem Schimmer, — mancher blinkende
Thränentropfen fiel in die Gläser, welche die treuen Söhne
Niedersachsens in dieser Stunde des letzten Abschieds von der
Vergangenheit dem Andenken ihres Königs weihten.
Dann brach man auf.
Jeder nahm sein kleines Gepäck, — viel hatten sie nicht, diese armen
Soldaten des Exils — und in schweigendem Zug ging man durch die dunkeln,
leeren Straßen der Stadt nach dem kleinen Bahnhofe. Die letzten
Augenblicke vergingen unter Abschiednehmen der Soldaten unter einander
und von ihren französischen Freunden, deren sich noch mehrere am Bahnhof
eingefunden hatten, — auch Herr Vergier war gekommen und stand bleich und
finster unter den Uebrigen auf dem Perron, schweigend die Händedrücke
der Scheidenden erwidernd.
Da begann in der kleinen Kirche von der baumbekränzten Anhöhe über der
Stadt her eine Glocke zu läuten.
Es war die Sterbeglocke, welche die Gebete begleitete, die die Priester
für einen aus dem Leben geschiedenen Bürger der Stadt zum Himmel
sendeten.
Die einfachen durch die Nacht her klingenden Töne ergriffen mächtig alle
diese ernst und traurig gestimmten Menschen. Die Franzosen nahmen die
Hüte ab und sprachen ein stilles Gebet für die Seele des
Gestorbenen, — auch die Hannoveraner falteten die Hände — Niemand wußte,
welchem Todten dies Geläut galt, — aber auch ihnen starb ja heute für
immer, was sie so lange im Herzen getragen und so sehr geliebt
hatten, — ihre Heimath und ihr König.
Der Zug brauste heran, — noch ein Händedruck, — ein letztes
Abschiedswort — und die Hannoveraner stiegen ein in die Waggons, welche
sie ihrer neuen unbekannten Zukunft entgegenführen sollten.
— „Adieu — adieu — bonne chance!“ tönte es aus den Gruppen der Bürger von
St. Dizier — Cappei mit den wenigen Emigranten, welche sich zur
Ueberfahrt nach Amerika entschlossen hatten, standen schweigend, mit
feuchten Blicken schauten sie auf die Scheidenden hin, — fast zog es den
jungen Mann einen Augenblick denen nach, deren Schicksal so lange mit
dem seinigen verbunden gewesen war, und die nun ohne ihn hinauszogen zu
einem Leben voll Abenteuer und Gefahren — da trat das Bild Luisens mit
ihren sanften und liebevollen Augen vor seine Seele — rasch näherte er
sich noch einmal dem Waggon und streckte dem Unterofficier Rühlberg, der
am Schlage saß, die Hand hin.
„Gott befohlen!“ sagte er mit erstickter Stimme, — „und — auf fröhliches
Wiedersehn!“
„Das wird schon kommen,“ erwiderte der Unterofficier mit einem etwas
gezwungenen Lachen, hinter dem er seine innere Bewegung zu verbergen
trachtete, „Ihr werdet zur Einsicht kommen — wir werden Euch einen Platz
offen halten.“
Die Schaffner eilten an den Zug, — die Locomotive pfiff und langsam
begannen die Räder zu rollen.
Noch einmal winkten die Zurückblickenden mit den Händen, mit leisem aber
klar durch die nächtliche Stille dringenden Ton schallte das
Sterbeglöcklein von der alten Kirche herüber, — die Legionaire auf dem
abfahrenden Zug begannen ihr traditionelles Soldatenlied:
„Wir lustigen Hannoveraner sind alle beisammen —“
aber die Töne erklangen in langsamerem Rhythmus als sonst und wie der
Zug so immer mehr sich entfernend in die Nacht hinausfuhr, vom klagenden
Glockenton begleitet, — da klang das Lied, das sonst so fröhlich in Lager
und Feld erschallt war, wie ein Grabgesang an der Bahre eines Todten,
den man zur letzten Ruhe hinausführt.
Noch einige Augenblicke und Alles war in der dunkeln Ferne
verschwunden, — weithin verklang das Schnauben der Maschine und das
Rollen der Räder.
Cappei trennte sich von den Uebrigen und ging langsam zur Stadt zurück.
In einer ziemlichen Entfernung folgte ihm Herr Vergier, der sich
ebenfalls sogleich nach der Abfahrt des Zuges isolirt hatte. Seine
Blicke hefteten sich unbeweglich auf den jungen Mann vor ihm und seine
Augen schienen in grünlichem Feuer durch die Nacht zu leuchten, während
seine Züge von Grimm und Haß entstellt waren.
Cappei machte einen Umweg und ging an Herrn Challiers Haus vorbei, das
in tiefer Ruhe und Dunkelheit da lag.
Einen Augenblick blieb er dort vor dem großen geschlossenen Thor
stehen, — er drückte beide Hände an die Lippen und warf einen Kuß nach
dem Hause hin.
„Gute Nacht, meine süße Geliebte,“ flüsterte er, — und schritt dann rasch
weiter nach seiner in der Nähe des Marktplatzes belegenen Wohnung.
Herr Vergier war ihm langsam folgend ebenfalls bis in die Nähe des
Challier'schen Hauses gekommen.
Hier blieb er stehen und blickte dem jungen Hannoveraner, der bereits in
der Dunkelheit verschwand, nach.
„Hätte ich eine Waffe bei mir,“ flüsterte er mit zischender Stimme, „so
könnte ein Druck meines Fingers diesen Feind meines Landes, — diesen
Räuber meiner Liebe vernichten!“
— „Aber geh' nur hin,“ sagte er, die geballte Faust zum nächtlichen
Himmel erhebend, — „es giebt noch andere Waffen als die Kugel und den
Stahl, — ich werde Dich vielleicht besser und sicherer treffen, geh' nur
hin, — Du sollst nicht hierher zurückkehren auf den heiligen Boden
Frankreichs, — den Du als Verräther betreten, — Du sollst nicht
zurückkehren, um eine holde Blume meines Vaterlandes zu pflücken und
mir das Glück meines Lebens zu stehlen.“
Noch einmal sah er mit flammendem Blick dem gehaßten Fremden nach, — dann
wendete er sich um und schritt durch die stille Nacht seinem Hause zu.