von
Gregor Samarow.
Zweiter Band.
Berlin, 1874.
Druck und Verlag von Otto Janke.
Erstes Capitel.
An demselben Abend befanden sich in dem Gartensalon des Hotels in der
Rue Mansart, welches der Regierungsrath Meding, der Vertreter des Königs
von Hannover bewohnte, zwei Personen im ernsten Gespräch.
Herr Meding saß in einem Lehnstuhl zur Seite des runden Tisches, über
dessen Mitte vom Plafond eine große Lampe mit breitem, flachem
Glasschirm herabhing, — ihm gegenüber lehnte in einer Chaiselongue,
welche neben dem hellen Feuer eines jener altfranzösischen großen Kamine
stand, der Graf von Chaudordy, der frühere Cabinetsrath unter Drouyn de
L'huys, welcher jetzt als Minister plenipotentiaire zur Disposition
gestellt war, sich aber stets im regen Verkehr mit der politischen Welt
befand und eine neue Verwendung in der Diplomatie erwartete.
„Ich bedauere,“ sagte der Graf, „daß aus dem Project, Ihren emigrirten
Landsleuten eine Colonie in Algier zu gründen, Nichts werden soll. Man
hat sich hier allgemein so lebhaft dafür interessirt, und den armen
Leuten, welche nun doch einmal ihr Vaterland verloren haben, würde dort
Gelegenheit geboten worden sein, sich eine neue Existenz und vielleicht
einen werthvollen Besitz zu schaffen; wir aber hätten durch so fleißige
und tüchtige Colonisten für die öconomische Verwaltung Algiers viel
gewonnen.“
„Ich habe noch vor Kurzem,“ erwiderte Herr Meding, „mit dem Herrn Faré,
dem Director im Ministerium der Finanzen, unter dem die algerische
Verwaltung steht, und welcher lange Zeit die Civiladministration bei dem
Marschall Mac Mahon geführt, ausführlich gesprochen — auch der Marschall
selbst, mit dem ich darüber conferirte, war, obwohl er eigentlich der
civilen Colonisation Algeriens nicht besonders günstig ist, doch bereit,
Alles für meine Landsleute zu thun, wozu er auch vom Kaiser noch ganz
besonders aufgefordert ist, — die Leute selbst wollen sehr gern nach
Algerien, allein Seine Majestät hat dennoch das Project definitiv wieder
aufgegeben.“
„Ich begreife nicht warum,“ erwiderte der Graf von Chaudordy, „wenn der
König daran denkt, jemals wieder für sein Recht unter irgend welchen
Constellationen zu kämpfen, so muß er sich doch vor Allem diejenigen
Leute erhalten, welche im Stande sind, ihm den Kern einer Armee zu
bilden, die er dann durch weitere Emigranten oder durch Werbungen
ergänzen könnte.“
„Es scheint,“ erwiderte Herr Meding, „daß im Lande Hannover selbst sehr
falsche Ideen über das Colonisationsproject verbreitet worden sind und
daß der König in Rücksicht auf die allgemeine Abneigung, welche sich
dort gegen dasselbe kund giebt, davon wieder Abstand genommen hat. Ich
bedauere sehr,“ fuhr er fort, „daß man unter diesen Verhältnissen die
Sache überhaupt angeregt hat. Ich komme hier dem Kaiser und der
Regierung gegenüber in eine eigenthümliche Lage. Ich habe die
Verhandlungen in Folge der vielfachen dringenden Depeschen des Grafen
Platen so energisch als möglich betrieben und nun, nachdem alle
Verhältnisse schon fast geordnet waren, wird die Sache wieder aufgegeben
und zwar — wie Graf Platen angiebt — weil die Aufstellung einer
hannöverschen Armee auf dem algerischen Territorium nicht thunlich sei.
Ich verstehe eigentlich nicht, was man damit meint — doch gleichviel, die
Sache ist aufgegeben, die Emigration wird aufgelöst werden und damit
ist, wie ich glaube, die Sache des Königs und der Kampf für dieselbe
auch zu Ende. Denn wenn einmal Diejenigen, welche in jahrelangem Exil
dem König treu geblieben sind, in alle Welt zerstreut werden, so wird
das Volk in Hannover den Eindruck gewinnen, daß nunmehr der König die
neue Ordnung der Dinge anerkannt habe.“
„Es wäre vielleicht das Beste,“ erwiderte der Graf von Chaudordy, „wenn
der König dies einfach thäte, sich in den Besitz seines großen Vermögens
brächte und sich nach England zurückzöge, wo er ja immer eine große und
ehrenvolle Stellung behält. Ich habe Ihnen schon früher gesagt,“ fuhr er
fort, „daß ich wenig Chancen für den König zu sehen vermöchte, wenn es
ihm nicht gelingen könnte, in Deutschland selbst sich eine große und
mächtige Partei zu schaffen, welche in einem gegebenen Augenblick im
Stande wäre, eine ernste und nachdrückliche Bewegung für ihn zu
organisiren. Von Seiten der Cabinette wird Nichts für ihn geschehen; er
hätte sich müssen eine Stellung schaffen, daß im Fall einer großen
Katastrophe die Regierungen gezwungen gewesen wären, mit ihm zu
rechnen.“
„Das ist aber Alles leider nicht geschehen,“ sagte Herr Meding, „alle
Anläufe, die dazu genommen wurden, sind eben Anläufe geblieben und wie
das leider so oft an depossedirten Höfen der Fall ist, die ganze
Thätigkeit hat sich in kleine und kleinliche Intriguen ausgelöst. Ich
bin hier schon lange in einer mehr als peinlichen Situation, um so mehr
als Graf Platen — wie Sie ja wissen, den Grafen Breda hierher geschickt
hat, welcher als geheimer Agent des Königs figurirt, obwohl Seine
Majestät mir persönlich versichert hat, ihn gar nicht zu kennen, und
dessen eigenthümliche Thätigkeit die Sache des Königs mehr und mehr
discreditirt. Ich würde für meine Person nicht unzufrieden sein, wenn
diese ganze Unruhe ein Ende nehme und wenn nur für das ganze Welfenhaus
eine sichere und würdige Zukunft geschaffen werden könnte. Doch müßte
man sich in Hietzing klar werden, was man will — Eins oder das Andere,
entweder den Frieden oder einen so festen und energischen Krieg, daß man
gefürchtet bleibt und im gegebenen Augenblick die Macht des Handelns
behält. Es scheint aber, daß überall in der Welt heute der Entschluß und
die Thatkraft verschwindet. Denn ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, daß
ich auch hier bei Ihnen nicht mehr verstehen kann, wo man denn
eigentlich hinaus will und was man beabsichtigt.“
Der Graf Chaudordy seufzte.
„In der That,“ sagte er, „häuft man hier Fehler auf Fehler. Ich
fürchte, daß sich das eines Tages bitter rächen wird; ich bin mit Herz
und Seele Franzose und bin dem Kaiser und dem Kaiserreich aufrichtig
ergeben, aber für die Dynastie sehe ich in der Art und Weise, wie man
hier die Geschäfte behandelt, wenig erfreuliche Aussichten für die
Zukunft. Unsere Fehler beginnen von 1866; nachdem sich der Kaiser damals
zu keinem Entschluß aufraffen konnte, mußte er dahin gedrängt werden,
größere Freiheiten zu geben. Er hat sich auch dazu nur langsam und fast
zu spät entschließen können, und da er diesen Entschluß so lange
hinausgeschoben hat, so wird er nun gezwungen werden endlich den Krieg
zu machen, welcher der größte Fehler sein wird.“
„Sie hätten also gewollt,“ fragte Herr Meding, „daß der Kaiser im Jahre
1866 entschieden für Oesterreich hätte Partei nehmen sollen?“
Der Graf Chaudordy blickte ihn groß an.
„Nein,“ sagte er, „nicht für Oesterreich; ich habe Herrn von Bismarck
immer für sehr stark gehalten, ich habe Preußens Ueberlegenheit über
Oesterreich nie bezweifelt und Oesterreichs Niederlage vorher gesehen.
Nach meiner Ueberlegung hätte der Kaiser damals — und zwar vor dem
Kriege — eine feste und entschiedene Alliance mit Preußen machen müssen,
um aus derselben alle die Vortheile für Frankreich zu ziehen, welche das
siegreiche Preußen ihm nach dem Kriege nicht mehr gewährte. Auch heute
noch wäre es das einzig Richtige, um jeden Preis eine aufrichtige
Verständigung mit Preußen zu suchen — das ist die einzige Macht, mit
welcher wir eine nützliche und starke Alliance schließen können, und
wenn wir diese Alliance nicht schließen, so werden wir ihr und zwar in
kurzer Zeit in einem furchtbaren und gewaltigen Krieg isolirt
entgegentreten müssen.“
„Man rechnet aber doch,“ warf Herr Meding ein, „sehr erheblich auf
Oesterreich und Italien — Sie kennen gewiß die Negotiationen, welche in
diesem Augenblick im Gange sind, um einen Coalitionsvertrag mit den
beiden Mächten zu schließen. Wie man mir erzählt, soll die Sache sehr
weit gediehen sein und man verspricht sich hier sehr viel davon.“
„Das wird Alles zu Nichts führen,“ sagte der Graf von Chaudordy. „Auch
in dieser Richtung hin hat man einen Fehler gemacht. Man hat geglaubt,
in Herrn von Beust, an dessen Erhebung zum Minister in Oesterreich der
Kaiser großen Antheil hat, einen entschiedenen Alliirten zu finden, — man
hat sich getäuscht und hätte dies sogleich erkennen sollen, als die
neue österreichische Regierung statt ihre ganze Kraft militairischen
Rüstungen zu widmen, sich mit Verfassungsfragen zu beschäftigen begann.
Wie ist es denn möglich, sich jetzt auf dieses Oesterreich zu stützen,
welches keine Armee und kein Geld hat und uns im entscheidenden
Augenblick um so mehr im Stich lassen wird, als die entscheidende
Leitung der dortigen Politik täglich mehr in die Hände Ungarns übergeht.
„Der Kaiser erkennt das Alles sehr gut,“ fuhr er fort, „aber er ist
nicht mehr der er war und zwischen den verschiedensten, heterogensten
Entschlüssen hin- und herschwankend wird er endlich dahin gedrängt
werden, gänzlich isolirt und ohne alle Alliancen den Krieg zu machen,
der kaum mit einem entscheidenden Siege für Frankreich enden wird, und
der uns leicht in eine unendliche innere Verwirrung stürzen kann, auch
giebt man alle Gründe, um vernünftiger Weise dort den Krieg
vorzubereiten, aus der Hand. Man hat den Prager Frieden so lange
verletzen lassen, daß es fast lächerlich sein würde, heute noch
kategorisch dessen Erfüllung zu fordern. Jetzt läßt man die Bewegungen
in Baden und Süddeutschland wieder ohne Beachtung und Unterstützung, — es
wäre so leicht — und man hat uns darüber Mittheilungen gemacht, eine
Volksbewegung in Baden gegen den von der dortigen Regierung
projectirten Anschluß an Preußen zu erregen und dadurch die deutsche
Frage von Neuem zum Gegenstand der Aufmerksamkeit Europas zu machen.
Dann hätte Frankreich einen Interventionsgrund und eine ganz
vortreffliche Stellung der deutschen Nation gegenüber — läßt man die
Ereignisse weiter gehen, läßt man den Widerstand der süddeutschen
Volkspartei brechen oder ermatten, dann wird man sich demnächst nicht
mehr Preußen, sondern dem ganzen Deutschland gegenüber befinden, und das
wird für uns die schlimmste und gefährlichste Position sein, in der wir
uns befinden können. Es ist in der That ein Glück,“ sagte er lächelnd,
„in diesem Augenblick von der Politik fern zu sein.“
„Aber glauben Sie nicht,“ sagte Herr Meding, „daß Drouyn de L'huys, dem
ja der Kaiser schon mehrfach das Portefeuille angeboten hat, doch
endlich die Leitung der Angelegenheiten wieder übernehmen und größere
Festigkeit und Klarheit in die französische Politik bringen werde?“
Der Graf von Chaudordy schüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht,“ sagte er, „daß Drouyn de L'huys sich jemals mit dem
Kaiser definitiv verständigen wird. Drouyn de L'huys will den Frieden
und der Kaiser kann sich nicht entschließen, weder ernsthaft den
Frieden zu begründen, noch ernsthaft den Krieg zu machen — er läßt sich
treiben und wird in den Krieg hineingedrängt werden, ohne es selbst zu
wollen. Für Ihren König und dessen Sache wird es jedenfalls das Beste
sein, wenn er einer solchen unklaren, verworrenen Katastrophe fern
bleibt, um so mehr, wenn er selbst sich nicht zu klaren Entschlüssen
erheben kann.“
Der Kammerdiener öffnete die Thür.
Herr von Düring, Herr von Tschirschnitz und die übrigen hannöverschen
Officiere traten ein. Nach und nach kamen noch andere Herren, auch Herr
Hansen erschien.
Das Gespräch wurde allgemein; man unterhielt sich über die
Tagesereignisse.
„Wissen Sie, meine Herren,“ sagte Herr Hansen, „daß der Proceß des
Prinzen Pierre Bonaparte beginnen wird? Wie ich höre, sind alle Juristen
der Ansicht, daß der Prinz freigesprochen werden muß.“
„Ich wüßte kaum,“ sagte der Graf von Chaudordy, „wie man ihn
verurtheilen wollte. Wenn Jemand in seinem eigenen Zimmer insultirt und
angegriffen wird — und Herr Fonvielle hat ja einen geladenen Revolver bei
sich gehabt — so steht ihm doch unzweifelhaft das Recht zu, sich zu
vertheidigen. Ich liebe den Prinzen Peter nicht, er ist eine unruhige,
unberechenbare Natur und sein ganzes Leben, wie seine Person erregt
wenig Sympathie, aber in dieser Sache kann man ihm keinen Vorwurf
machen — doch ist das Alles sehr unangenehm für die Regierung — es ist,
als ob Alles zusammenkäme, um die Stellung des Kaisers zu erschweren.
Solche Processe mit oder ohne Schuld der Regierenden finden sich in der
Geschichte immer vor großen Katastrophen.“
„Der arme Victor Noir thut mir leid,“ sagte Herr Meding, „ich habe ihn
gekannt, er war Redacteur an der ‚Situation‘ und Herr Grenier hat ihn
mir zuweilen geschickt, um mir Mittheilungen zu machen. Ich habe immer
eine Sympathie für ihn gehabt, er war eine gute kindliche Natur von
harmloser Naivetät, man hat ihn zu dieser Demonstration gemißbraucht,
und er ist das Opfer derselben geworden. Wie sieht es bei Ihnen aus,“
fragte er, sich an einen jungen eleganten Herrn mit blassem Gesicht,
schwarzem Haar und zierlichem kleinem Schnurrbart wendend, welcher so
eben eingetreten war, „haben Sie bald einen König gefunden, oder glauben
Sie es auf die Dauer mit der Republik versuchen zu können?“
„Spanien erträgt dauernd kaum eine Republik,“ erwiderte Herr Angel de
Miranda, der frühere Kammerherr der Königin Isabella, welcher
gegenwärtig in Paris lebte und dort eine, zwar private, aber eifrige
Thätigkeit für die provisorische Regierung Spaniens entwickelte. „Es hat
viel dazu gehört, um die alte Monarchie zu zerstören, wir werden aber,“
fuhr er mit geheimnißvoller Miene fort, „wie ich glaube, in nicht langer
Zeit einen König finden und damit wird diese Revolution endlich zum
Abschluß gelangen.“
„Ich wünsche Ihnen das von Herzen,“ sagte Graf Chaudordy. „Für das ganze
westliche Europa sind diese unsichern Zustände in Spanien vom
schädlichsten Einfluß. Sie müssen übrigens,“ sagte er lächelnd, „eine
kleine Neugier verzeihen, es interessirt mich in hohem Grade, wohin Sie
die Blicke wohl gewendet haben könnten, um einen Herrscher für Ihr Land
zu finden, — Sie haben da den Herzog von Montpensier, Sie haben den
Prinzen von Asturien, Sie haben den Grafen von Montemolin, und wer weiß,
ob nicht vielleicht der Marschall Prim, der schon einmal von einem
kaiserlichen Diadem von Mexiko träumte, auch jetzt wieder daran denkt,
die Gewalt fest zu halten, welche er ja durch die Armee bereits
vorzugsweise sich zu eigen gemacht hat.“
Angel de Miranda zuckte die Achseln.
„Ich glaube kaum, daß Prim ähnliche Gedanken hegen könnte, er ist klug
und weiß sehr gut, daß, wenn er vielleicht eine Zeit lang Dictator sein
könnte, er doch niemals und zwar weder von der spanischen Grandezza,
noch vom Volk als König acceptirt werden könnte. Ich glaube viel eher,
daß er eine Zeit daran gedacht hat und vielleicht auch noch ein wenig
daran denkt, den Prinzen von Asturien möglich zu machen, um dann an der
Spitze einer Regentschaft als Majordomus die Macht in Händen zu
behalten. Doch das Alles ist unpractisch, wir können in Spanien keinen
König von den verschiedenen Bourbonenlinien gebrauchen, die Anhänger des
Einen würden sich niemals den Anhängern des Andern unterwerfen wollen,
das würde zu ewigen Bewegungen und Unruhen führen. Die einzige
Möglichkeit dauernden innern Friedens liegt darin, einen fremden Fürsten
zu finden, der dem Volk sympathisch ist —“
„Und der vielleicht,“ fiel Herr Meding lächelnd ein, „irgend wie mit dem
iberischen Einheitsgedanken in Verbindung stünde.“
Betroffen blickte Angel de Miranda auf.
„Dieser Gedanke,“ erwiderte er nach einem kurzen Stillschweigen, „ist
heute wohl noch nicht reif. Doch liegt allerdings in ihm nach meiner
Ueberzeugung die Zukunft der pyrenäischen Halbinsel.“
Er trat zu einer andern Gruppe — nach einiger Zeit zog sich der Graf
Chaudordy zurück, und nach einer Stunde leerte sich der Salon von den
Besuchenden — nur die hannöverschen Officiere blieben zurück.
„Nun, meine Herren,“ fragte der Regierungsrath Meding, „haben Sie
Nachrichten, wie Ihre Vorstellungen in Hietzing aufgenommen worden sind,
und haben Sie irgend welche Beschlüsse gefaßt über die Schritte, welche
Sie demnächst thun wollen?“
„Wir haben noch Nichts von Hietzing gehört,“ erwiderte Herr von
Tschirschnitz. „Ich kann nicht zweifeln,“ fuhr er fort, „daß der König
unsere Vorstellung ernstlich erwägen und berücksichtigen werde. Ich
wenigstens bin fest entschlossen, bis auf den letzten Augenblick Alles
aufzubieten, um das Schicksal der armen Emigrirten zu erleichtern und
sie von völliger Isolirung im fremden Lande zu retten. Ich verstehe auch
durchaus nicht, wie es möglich sein sollte, uns das zu verbieten. Die
Mißverständnisse, welche da vorliegen, müssen sich ja aufklären.“
„Man muß es hoffen,“ erwiderte der Regierungsrath Meding, „doch bin ich
dessen nicht ganz gewiß, denn seit einiger Zeit scheinen sich um den
König her lauter Mißverständnisse zu lagern. Sie erinnern sich, daß
Herr von Münchhausen bei der Conferenz über das algerische
Colonisationsproject, zu welcher er hierher gesendet wurde,
Instructionen bei sich führte, welche, wie er sich selbst überzeugte,
denjenigen, die mir ertheilt waren, vollständig widersprachen.“
Rasch wurde die Thür geöffnet, der Lieutenant von Mengersen, ein großer,
schlanker, junger Mann und der Lieutenant Heyse, eine ernste ruhige
Erscheinung, traten ein.
„Nun,“ rief Herr von Düring lebhaft, „Ihr seid wieder zurück? Was bringt
Ihr? Hat sich Alles aufgeklärt?“
„Nichts hat sich aufgeklärt,“ erwiderte Herr von Mengersen mit zornig
bewegter Stimme, „der König hat uns gar nicht angenommen und uns den
Befehl geschickt, auf der Stelle wieder zurückzureisen.“
„Unglaublich,“ rief Herr von Düring.
„Aber wahr,“ rief der Lieutenant Heyse im traurigen Ton, „es scheint,
daß man eine vollständige chinesische Mauer um den König gezogen hat und
daß Nichts, was von uns kommt, zu ihm dringen kann. Dagegen hat er den
Feldwebel Stürmann gehört.“
„Den Feldwebel Stürmann,“ rief Herr von Tschirschnitz, „und uns, seinen
Officieren, verweigert er das Gehör! Das ist doch ein Affront für uns
Alle, wie er stärker und kränkender nicht gedacht werden kann.“
„Graf Platen ist am Tage vorher,“ sagte Herr von Mengersen, „bei
Stürmann in seinem Gasthause in der Stadt gewesen und hat sehr lange mit
ihm gesprochen, am andern Tage ist er dann nach Hietzing zum König
gebracht worden.“
„Und habt Ihr nicht gehört, was nun weiter geschehen soll,“ sagte Herr
von Düring.
„Mit uns zu gleicher Zeit,“ sagte der Lieutenant Heyse, „ist der Major
von Adelebsen hierher abgereist, um das Commando zu übernehmen und die
Legion aufzulösen. Es kommt nun darauf an, daß wir uns entschließen, was
wir thun wollen für uns und für die Leute, denn auf Gehör beim König
haben wir nicht mehr zu rechnen.“
„Wir müssen uns fest verbinden,“ rief Herr von Tschirschnitz, „um Alles
aufzubieten, damit die armen Emigranten noch einen Anhaltspunkt erhalten
und nicht vereinsamt ihrem Schicksal überlassen bleiben. Ich hoffe, Sie
werden uns darin unterstützen,“ sprach er zu dem Regierungsrath Meding
gewendet.
„Ich bedauere auf das Tiefste die Wendung, welche diese Sache genommen,“
erwiderte dieser, „und die Unmöglichkeit mit irgend welchen
Vorstellungen bis an Seine Majestät zu dringen, — ich bin aber hier als
Vertreter des Königs und muß, so lange ich auf meinem Posten bin, jeden
Befehl, den Seine Majestät mir ertheilen wird, ausführen; und ich rathe
auch Ihnen, meine Herren, dringend, keinen Widerstand gegen die
Ausführung der Befehle Seiner Majestät zu leisten, doch können Sie auf
das Festeste auf meine Unterstützung dafür rechnen, daß den Emigranten
nach Auflösung des Verbandes die Möglichkeit geboten werde, sich zu
gegenseitiger Unterstützung zu vereinen und Unterkommen und Arbeit zu
finden. Ich habe bereits in dieser Beziehung mit verschiedenen
einflußreichen Personen Rücksprache genommen und mich ihrer Geneigtheit
versichert, zu einem Comité de Patronage für die Emigrirten zusammen zu
treten. Der Baron Thénard, welcher großen Einfluß in den Kreisen der
Grundbesitzer hat und selbst ausgedehnte Güter besitzt, hat mir bereits
zugesagt, mit in dieses Comité einzutreten, ebenso Herr Bocher, welcher
in industriellen Kreisen viel Gelegenheit hat, den Emigrirten Arbeit zu
schaffen. Ich habe bei der Wahl der Personen wesentlich darauf Rücksicht
genommen, daß die ganze Sache gar keinen politischen Charakter habe, daß
sie eine reine Wohlthätigkeitsangelenheit sei und denke nun noch einige
Damen als Patronesses hinzuzuziehen. Ich zweifle nicht, daß wir dann
binnen Kurzem für alle unsere Landsleute vollkommen ausreichende
Beschäftigung haben werden. Auch für Diejenigen, welche etwa krank und
arbeitsunfähig werden, wird sich dann eine reichliche Unterstützung
ermöglichen lassen, wenn man einen Verband herstellt, in welchem Jeder
seine Beiträge in eine Krankenkasse zahlt, für welche außerdem von allen
Seiten reichliche Hülfsquellen sich öffnen werden. Lassen Sie also den
Muth nicht sinken, wir werden ganz gewiß gut für die Leute zu sorgen im
Stande sein. Sie, mein lieber Düring, und Sie, Herr von Tschirschnitz
müssen dann mit mir in das Comité de Patronage eintreten und die innere
Organisation des Hülfsverbandes der Emigranten übernehmen.“
„Das ist eine vortreffliche Idee,“ rief Herr von Düring, „ich habe
früher schon etwas Aehnliches überdacht und dazu einen Organisationsplan
ausgearbeitet, den ich seiner Zeit auch dem König eingeschickt habe, den
er aber wohl nicht beachtet zu haben scheint —“
„Ich habe bereits dem Könige,“ sagte der Regierungsrath Meding, „von
diesem Plan und den für die Bildung des Comité de Patronage gethanen
Schritten Mittheilung gemacht. Durch dies Comité könnte dann auch für
Diejenigen, welche so gern nach Algier gehen wollen, ohne daß der König
irgendwie dabei betheiligt ist, dort eine vortheilhafte Niederlassung
vermittelt werden; damit würde der Wunsch der Leute erfüllt und zugleich
jede Betheiligung des Königs dabei ausgeschlossen, welche Seiner
Majestät wegen der Stimmung in Hannover unerwünscht ist. Ich bitte Sie
also nochmals, meine Herren, legen Sie den Schritten des Herrn von
Adelebsen zur Auflösung der Legion keine Schwierigkeiten in den Weg.
Lassen Sie diesen Herrn ruhig ausführen, was ihm vom Könige oder von wem
es sonst sei, aufgetragen ist, und helfen Sie mir dafür sorgen, daß
unsere Landsleute, nachdem sie aus dem Verbande geschieden sind, einen
Mittelpunkt finden, der ihnen Schutz und Beistand gewährt.“
„Aber wie der König mit uns umgeht,“ rief Herr von Tschirschnitz, „so
hätte er ja zur Zeit des Bestandes des Königreichs Hannover mit keinem
Officier umzugehen das Recht gehabt. Mindestens hätten wir doch Gehör
erlangen müssen, — dies ist ja geradezu asiatischer Despotismus.“
„Meine Herren,“ sagte der Regierungsrath Meding, „einem unglücklichen
Fürsten gegenüber ist die Pflicht des Gehorsams doppelt stark, und
vergessen Sie vor Allem nicht, daß wir Alle Vertreter einer Sache sind,
welche den Blicken der ganzen Welt ausgesetzt ist. Wir haben für diese
Sache gefochten nach allen Kräften, — man kann uns vorwerfen, daß es
thöricht und unvernünftig gewesen sei, aber wenigstens haben wir für die
Sache gethan, was überhaupt zu thun war. Wenn diese Sache zu Ende sein
soll,“ fügte er noch ernster hinzu, „und ich glaube, daß sie zu Ende
ist, so lassen Sie uns ihr den letzten Dienst erweisen, lassen wir sie
mit Ehren untergehen, ohne daß wir der Welt das Schauspiel der inneren
Zerrüttung und der Fäulniß, welche sie angefressen hat, und an welcher
wir wenigstens keinen Theil haben, geben. Wir werden vielleicht in der
Lage sein, unsere und der Emigranten Rechte scharf und nachdrücklich zu
vertheidigen, aber so lange es möglich ist, darf auch in dieser
Vertheidigung Nichts gegen den König unternommen werden, auf dem die
Hand des Schicksals schwer genug ruht, und der stets auf unsere
Ehrfurcht Anspruch haben wird. Und sollten wir je zu den äußersten
Grenzen der Vertheidigung gedrängt werden, so müssen wir wenigstens vor
der ganzen Welt beweisen können, daß wir dazu unwiderstehlich gezwungen
worden sind.“
„Aber man greift unsere Ehre an,“ rief Herr von Mengersen, „unserer
Aller Ehre, denn was in Hietzing über uns gesprochen wird, davon hat man
gar keinen Begriff, und auch nach Hannover hin schreiben sie die
unglaublichsten Dinge. Es wird gar nicht lange dauern, so wird man wo
möglich in den welfischen Zeitungen Artikel über uns lesen.“
„Seien Sie ganz ruhig, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath Meding,
„wenn das geschehen sollte, wenn man es wagen würde, unsere Ehre
anzugreifen, dann werde ich der Erste sein, der alle Rücksichten bei
Seite setzt, und dann wehe Denen, die den Kampf mit uns aufnehmen. Jene
werden dem König gegenüber zu verantworten haben, was dann geschehen
wird. Bis dahin bitte ich Sie nochmals dringend, jeden Schritt zurück zu
halten, der den König verletzen könnte.“
„Jedenfalls,“ rief Herr von Düring, „werde ich meine Magazinbestände dem
Herrn von Adelebsen nicht überliefern, ohne eine vollgültige Decharge
vom Könige zu bekommen, die ich bereits mehrfach verlangt und die man
mir noch immer nicht gegeben hat.“
Der Kammerdiener meldete den Legationskanzlisten Hattensauer, und eilig,
mit etwas aufgeregter Miene trat ein Mann von etwa fünfzig Jahren von
auffallender Häßlichkeit mit kleinen stechenden Augen, einer
vorspringenden Stirn, einem glatten, fast kahlen Schädel in das Zimmer.
Er neigte sich mit einer gewissen linkischen Höflichkeit nach allen
Seiten, näherte sich dann in beinahe demüthiger, unterwürfiger Haltung
dem Regierungsrath Meding und überreichte ihm ein großes, versiegeltes
Schreiben.
„Eine Depesche ans Hietzing, welche so eben eingegangen ist,“ sagte er.
Gespannt blickten die Officiere auf den Regierungsrath Meding, welcher
langsam das Schreiben öffnete und den Inhalt durchlas.
„Der Major von Adelebsen ist angekommen,“ sagte der Legationskanzlist
Hattensauer, während Herr Meding las, „er hat diese Depesche mitgebracht
und wird Ihnen morgen seinen Besuch machen.“
Der Regierungsrath Meding faltete langsam das Papier, das er bis zu Ende
gelesen, zusammen; ein trauriges Lächeln spielte um seinen Mund.
„Nun,“ rief Herr von Düring, „haben Sie irgend welches Licht in der
Sache erhalten?“
„Der König,“ erwiderte der Regierungsrath Meding, „findet meine
Bemühungen für die Herstellung eines Comité de Patronage, da dasselbe
auch für eine Colonie in Algerien wirken könne, nicht vereinbar mit
seinen Beschlüssen, nach welchen er aus militairischen Gründen die
Gründung einer solchen Colonie abgelehnt hat. Er befiehlt mir deshalb,
aus dem Comité auszuscheiden und mich sogleich nach Thun in der Schweiz
zu begeben, um dort seine weiteren Befehle abzuwarten. Das Schreiben ist
übrigens,“ fuhr er fort, „abermals eine Antwort auf etwas durchaus
Anderes, als ich geschrieben und außerdem von einer beinah unglaublichen
Stylisirung und Logik.“
„Unerhört!“ riefen die Officiere.
„Und Sie werden diesem Befehl Folge leisten?“ fragte Herr von Düring.
„Ganz gewiß,“ erwiderte der Regierungsrath Meding, „ich stehe noch im
Dienste des Königs und muß seinen Befehlen folgen. Ich bedaure, daß sie
mich zwingen, die armen Emigranten zu verlassen, aber ich kann darin
Nichts ändern, die Verantwortung für ihr Schicksal trifft mich nicht.“
„Ich habe auch noch Briefe für Herrn von Düring und für Herrn von
Tschirschnitz,“ sagte Hattensauer, indem er sich demüthig gebeugt den
beiden Herren näherte und jedem ein Schreiben übergab, welches dieselben
schnell öffneten und durchflogen.
„Ich bin nach Bern verbannt,“ sagte Herr von Düring.
„Und ich nach Basel!“ rief Herr von Tschirschnitz laut lachend. „Die
Sache wird nun geradezu komisch, man scheint sich in Hietzing für die
Gebieter der Welt zu halten.“
„Haben Sie Nichts für mich?“ rief Herr von Mengersen, zu Herrn
Hattensauer sich wendend, „vielleicht hat man mich nach Sibirien
verbannt.“
„Nun, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath Meding, „so müssen wir
denn die Hannoveraner ihrem Schicksal überlassen, ich werde noch das
Möglichste thun, um sie allen meinen Freunden hier zu empfehlen.
Jedenfalls haben wir für sie gethan, was in unsern Kräften stand. Und
nun lassen Sie uns schlafen und ausruhen, denn ich glaube, wir können
sagen: ‚Finita la commedia‘. Morgen wollen wir überlegen, was weiter zu
thun ist, und,“ sagte er lächelnd zu Herrn von Düring und Herrn von
Tschirschnitz, „unsere Reisevorbereitungen treffen.“