Sie kriegten einen guten Schrecken durch die Art und Weise, wie er sich

plötzlich in ihrer durch die junge Hausfrau so zierlich und reinlich

gehaltenen Stube präsentierte. Der Frau Lieschen brach der Faden und

stand das Spinnrad still, dem Meister Albrecht fiel die Pfeife aus dem

Munde, und Laudon, der Spitzhund, hatte noch nie einen Bettelmann so

außer sich und so giftig angebellt als diesen zerfetzten Wanderer.

Mit ^Bonjour^ und ^Serviteur^ kam der Korporal diesmal nicht herein, und

Gegenfragen des Befindens wegen legten ihm die Müllersleute auch fürs

erste nicht vor. Nachdem sie sich von dem ersten Schrecken erholt

hatten, griffen sie um so werktätiger zu. Der Meister faßte den

erfrorenen und verhungerten Kameraden unter den Armen und setzte ihn

bequemer zurecht. Die junge Frau schürte hastig das Feuer im Ofen, und

die alte Steinkruke mit dem Weckauf, dem Nebeldrücker und dem

Lerchentriller kam vor allem anderen schnell in den Gebrauch. Der

Korporal machte jedoch heute keine lustige Bemerkung darüber.

Sie kamen mit dem letzten Schinken vom vorigen Jahre, der noch die

Hochzeit überlebt hatte, und sie brachten die beste Wurst vom letzten

Schweineschlachten. Dann aber kamen sie mit einem Kübel warmen Wassers

und warmen Tüchern, und dann -- brachte der Müller Albrecht Bodenhagen

seinen einstigen Unteroffizier zu Bett in einer warmen Kammer.

Da lag der Korporal und schlief vom Mittag bis zum Abend, worauf er

erwachte und mit matter Stimme dem Meister berichtete, was er erlebt

hatte seit seinem letzten Besuche im Auftrage der Innerste.

So schwach und hinfällig hatte er in seinem ganzen Leben nicht von

seinen Abenteuern erzählt, und der Meister Bodenhagen mußte sich oftmals

tief zu ihm niederbeugen, um ihn verstehen zu können. Wenn wir ihm Wort

um Wort folgen wollten, so dürften wir manches zu verzeichnen haben, was

die schwärzeste Tinte gelb machte, und manchen Satz, der von der Leserin

sicherlich nicht mit Bleistift oder Stricknadel unterstrichen werden

würde, auf daß die liebe Freundin ihn auch ohne Mühe auffinde,

vorauslese oder ihn gar ausschreibe.

Es gab in dieser Zeit wahrhaftig Spitäler die Hülle und Fülle auf

deutschem Boden. Der dritte schlesische Krieg wußte dafür zu sorgen und

war nicht blöde, zuzugreifen und Kirchen und Rathäuser zu nehmen, wo die

Räumlichkeiten nicht sonst ausreichten. In Torgau und um Torgau her in

den Ortschaften, die nicht in Flammen aufgegangen waren, lag's

augenblicklich, das heißt seit dem dritten November, wieder einmal recht

voll, und geflucht wurde dort sicherlich mehr als gebetet. Aber der

Korporal Jochen Brand allein in seiner kommoden Kammer in der Mühle

leistete das Seinige im ersteren vollauf, und den Rechtsherren im Harz

mochten wohl die Ohren erklingen ob der Segenssprüche und ernstgemeinten

Herzenswünsche, die ihnen da zugesendet wurden.

Wir begnügen uns mit einem Auszuge der Relation des Korporals; aber wir

können einen Eid darauf ablegen, daß sich alles so verhielt, wie der

Einarm dem früheren Kameraden erzählte, während die junge Frau drunten

das Hauswesen versorgte.

»Ich hätte es schon wissen können, wie's mir ergehen würde, als mir der

Feldscherer in Minden den Laufpaß schrieb,« seufzte der Invalide. »Aber

als ich im Februar hier die Kameradschaft grüßte, hing mir der Himmel

doch noch voller Geigen, und ich meinte, sie müßten mir doch auf mein

Heldentum ein Weniges zugute tun. Prost Mahlzeit! Ich bin nach Hause

gekommen mit meinem leeren Ärmel nach Grund, und ich bin richtig

zugrunde gegangen im Sumpfe, wie es Sitte ist seit den Feldzügen der

Könige in der Bibel und des Generals Julius Cäsar. Aber es geschah mir

schon recht: weshalb ließ ich den Feldscherer gewähren und mir den

Stumpf verbinden? weshalb setzte ich mich auf Wassersuppen und sonstige

schmale Kost? Die Vetternschaft hat mich natürlich auf die letztgewohnte

Verpflegung verwiesen, und aus dem Korporal wurde der Landstreicher im

Handumdrehen. Der Verwandtschaft zu Grund möchte ich den Hals umdrehen;

aber der Meister Radebrecker soll leben: vivat hoch! -- Musketier

Bodenhagen, es wird Ihm sonderbar sein, es zu vernehmen; aber zu ändern

ist's nicht mehr; Sein Buschmüller dreht sich im Winde, wie der Wind

will, und die Raben erlustieren sich an ihm nach ihrem Gefallen: wer

sollte ihm noch ein Vivat ausbringen, wenn ich's nicht täte -- he?! --

Philister über dir! sie hatten uns alle fest, und ich saß an seinem

Tische, an seinem Ofen, und er traktierte wie ein braver Spitzbube. Sie

kamen uns wie der Hackelberg über den Hals und nahmen uns allesamt mit

und ließen selbst die Doris nicht zurück, um das Haus zu hüten.

Paarweise ging's zwischen den Büchsen und Musketen ins Prison, und die

Innerste ging mit! Du, Albrecht, bist immerdar ein Kind gewesen und

bleibst eins; aber ich war meinerzeit ein Mann und ein Kerl, wenn ich

auch jetzo hier liege und alle Vier von mir strecke. So machte ich mir

wenig daraus und ging gutwillig mit den anderen: Gefangenkost zwischen

vier dichten Wänden war immer noch nahrhafter und wärmer als Eicheln,

Buchecker und Tannenzapfen in freier Luft; aber es wäre mir doch beinahe

zu teuer zu stehen gekommen, daß ich mich auf meine Unschuld zu feste

verließ. Auf grünem Felde, und wenn ich den Feind dreißigtausend Mann

stark anmarschieren sah, habe ich gelacht vor Fußvolk, Reitern und

Geschütz und mich auf mein Sponton verlassen; aber vor dem grünen Tisch

ist mir das Lachen doch bald vergangen. Wenn ich's der jungen Frau

verzählen würde, was da von wegen der Buschmühle zur Sprache kam, so

würde sie ihr Lebtage nicht wieder von Rosen, Goldlack und

Vergißmeinnicht träumen. Da lob' ich mir ein Kriegsgericht, damit geht's

doch wenigstens rasch: marsch zurück in Reih und Glied oder marsch vor

die neun Flintenläufe oder zwischen die Spießruten! So ging's zu

Wildemann nicht. Da mußten sie alles zu Papier haben und das meiste

doppelt und dreifach, und was wir um unsere Sünden und -- unsere

Unschuldigkeit da ausgestanden haben, das haben wir an niemandem

gesündigt. Die Doris ist die einzige gewesen, welche die Nase hoch

behalten hat. Als sie ihr mit der Tortur drohten, hat sie gelacht und

sich wirklich davon weggelacht; vom Zuchthause aber hätte sie sich wohl

nicht freigelacht, dazu mußte sie die Reserven ins Feuer rufen, und,

Musketier Bodenhagen, bei Gott -- sie fliegt frei und kann Ihm jeden

Augenblick die Hand auf die Türklinke legen. Der anderen hängen sechs

wie die Krammetsvögel im Dohnenstiege, und der Meister Radebrecker als

Galgenmajor in der Mitte. Ein halb Dutzend haben sie in Eisen nach Celle

transportieret; zwei haben sie noch sitzen im Gewahrsam, mich haben sie

mit einem lateinischen Spruch laufen lassen, und -- Seine Doris, sitze

Er still, Kamerad! -- die Innerste hat sich selber ranzionieret. Am Tage

vor dem Urtelspruch, oder vielmehr in der stichdunklen Winternacht, ist

sie an der Feuerleiter am Turm heruntergestiegen; und wenn ich meine

Ahnung habe, wer von der Jägerschaft zu Lautenthal ihr die Leiter ans

Fenster gelehnt und ihr die Feile zugeschoben hat, so will ich doch

lieber auch noch den letzten Arm drangeben, als hier gegen Ritter und

Fräulein den Angeber spielen. In der Buschmühle haben wir leider Gottes

auch von dir gesprochen, Bodenhagen, und so wahr ich wirklich und ohne

Lüge meinerzeit der wilde Brand gewesen, so wollt' ich um dein arm,

lieb, jung Weib, du wärest sicher vor der Innerste, Musketier Albrecht

Bodenhagen!« -- --

Der Müller saß in seinem reinlichen weißen Müllerhabit am Bette des

guten Kameraden, des tapferen und ehrlichen Soldaten, der sich aus aller

Verruchtheit und Verwirrung der Zeiten solch ein braves, frei und kühnes

Herze mitgebracht hatte nach Grund in den Bettelstand. Und der Müller

sah wahrlich nicht aus, als ob man ihn jemals den wilden Bodenhagen

genannt haben könne. Was Vater und Mutter nach seiner Heimkehr aus dem

Kriege von dem alten Adam an ihm übrig gelassen hatten, das hatte

Jungfer Lieschen Papenberg von Papenbergs Hofe in Groß-Förste gründlich

ihm vom Rocke abgebürstet.

Nachdem der Korporal erzählt hatte, sprach oder stotterte der Musketier

seinerseits ein Langes und Breites über die Innerste, die Buschmühle,

Radebreckers Tochter, Jungfer Doris Radebrecker, und der kriegs-, weg-

und weltmüde Kamerad hörte ihn im Halbschlafe an und murrte nur von Zeit

zu Zeit ein beifällig Wort. Aber trotz Schlaf und Mattigkeit hatte der

Müller Bodenhagen hier einen Beichtvater, wie er keinen gleichen weder

im Dom, noch zu Sankt Godehard und Sankt Michael in Hildesheim gefunden

haben würde. Mit beiden Armen umfaßte er zuletzt den treuen Freund und

seinen wackeren Unteroffizier und rief:

»Jochen, wenn einer, seit er in der Welt ist, im Traume geht, so bin ich

das. Wenn einer sich nie zu schicken gewußt hat, so bin ich's. Was mein

seliger Herr Vater aus dir gemacht haben würde, kann ich nicht sagen;

aus mir hat er das gemacht, was ich gewesen bin. Aber mit dir hab' ich

doch in mehr als einer Bataille und Scharmützel Schulter an Schulter

gestanden, und du kannst mir das Testimonium geben, daß ich getan habe,

was die anderen taten, und ein Mehreres prätendiert selbst unser

Herrgott im Himmel nicht von unsereinem. Du bist mein Kriegsbruder und

Korporal gewesen und hast auch das Deinige an mir getan --«

Hier lachte der Mann im Bette trotz seiner Schwachheit; doch der andere

fuhr fort:

»Und der Oberst Colignon hat doch zu Hunderten und Tausenden Volk vom

Ofen, von der Straße, von der Schulbank, dem Handwerk und dem

Schreibetisch weggeholt, was leichter wog als ich. Ach, Jochen Brand,

wie viele Menschen gehen auf Erden, die nichts von sich wissen, und

denen es erst die anderen sagen müssen, was sie sind. Und wenn die

Zeiten still sind, dann erfahren sie's wohl niemals und werden achtzig

Jahre und bleiben, was sie waren, als sie zuerst ins Licht guckten. Aber

anjetzo bei Krieg, Blut und Brand haben die, welche in die Welt kommen

wie aus einem Schmiedeofen, gut lachen und _die_ Nasen rümpfen. Ich aber

wollte, mein Lieschen und ich, wir säßen auf einer wüsten Insel und

wären mit uns allein und kein Zugang zu uns bis an unser seliges Ende.«

»Groß Wasser rundum! Aber schreien dürfte es nicht, wie die Innerste

schreien kann,« murmelte der Korporal, und der Müller sagte nur:

»Ja!«

Dann hörte man den leichten Tritt der jungen Frau treppaufwärts kommen,

und der Korporal brummte:

»Jetzt laß mich erst ausschlafen. Drei Tage brauche ich dazu. Schaff

aber den Laudon ab -- den Mylord Sackville meine ich; er hält dir die

Innerste doch nicht vom Leibe mit seinem Gekläff. Heute weiß ich noch

nicht, was oben und was unten an mir ist; aber komme ich wieder auf die

Beine, so will ich dir zum Dank für Quartier und Menage und um des

lieben Herzens deiner Frau willen den Hofhund spielen. An die Kette

braucht ihr mich gerade nicht zu legen, denn davon hab' ich fürs erste

genug gehabt im Turme zu Wildemann.«

Zwölftes Kapitel.

Am fünfzehnten Dezember war der Korporal in die Mühle eingerückt, aber

am zwanzigsten erst stand er wieder auf den Füßen, ohne sich an die Wand

lehnen zu müssen. Auch das hatte er einzig und allein dem Quartier zu

danken; denn selten war ein königlich preußischer einarmiger

Unteroffizier so trefflich verpflegt worden wie der brave Jochen Brand

aus Grund von dem Müller Bodenhagen und seiner Frau Liese.

»Ich wollte, mein Mütterchen könnte vom Himmel aus observieren, was Sie,

junge Frau, an ihrem Jungen tut,« sagte der Kriegsmann jeden Tag

wenigstens ein halb Dutzend Male mit möglichst fester und mannhafter

Stimme. »Wissen aber möchte ich, was solch ein armer Bettelmann Ihr

dafür wieder zugute tun kann, Frau Bodenhagen?«

»Vorlieb soll Er nehmen, Korporal,« sagte dann die Müllerin. »Warte Er

aber nur bis zum heiligen Christ, da kann Er dann beim Kuchenbacken

helfen, und wenn Er da Seine Sache so gut macht wie bei Minden oder

sonstwo, so kann Er auch sonst noch Sein blaues Wunder erleben.«

»Dieses glaube ich, ohne daß Sie es beschwört, Lieschen; denn daß man

eine Tanne aus dem Holze holt und mit Lichtern putzt und Weihnachten

feiert, das ist mir durch den Krieg, als ob's vor tausend Jahren Mode

gewesen wäre. Der König und die Kaiserin und die Franzosen, Russen und

Schweden haben solches Pläsier gründlich abgeschafft, und selbst in den

Winterquartieren hat man keine Zeit dazu gehabt. Wenn mir aber mein

leerer Ärmel es zuwege bringt, daß ich noch einmal die Festtagsglocken

läuten höre wie vordem, so schreibe ich einen Brief an den französischen

König Louis und bedanke mich noch gar schön für seine sakermentsche

Kanonenkugel bei Minden. Übrigens ändert sich das Wetter wiederum. Der

nichtsnutzige Stummel brennt heute wieder zehnmal ärger als gestern.« --

--

Das Wetter änderte sich zum Frost, und wir haben zum hundertsten Mal ein

Wort über die Innerste zu sagen.

Wenn nämlich der junge Müller vorhin meinte, daß er am liebsten mit

seiner jungen Frau von aller Welt abgeschnitten auf einer Insel im

Wasser wohnen möchte, so war sein Wunsch zu zwei Dritteln in Erfüllung

gegangen. Die Innerste stand ihm auf zwei Seiten um das Haus, trat auf

den Hof und überschwemmte den Garten bis unter die Fenster seiner Mühle.

Noch eine Spanne höher, und sie stieg ihm in das Haus und machte ihm

einen Besuch in der Stube. Seinem Wunsche zum Trotz hatte der Meister

Albrecht große Sorge darob.

Gegen Groß-Förste zu war alles ein gelber Spiegel; in der Stadt Sarstedt

war die Not ebenso groß wie das Wasser, und in der Stadt Hannover, wo

die Ihme und die Leine das Ihrige dazu taten, wie das landläufige und,

genau besehen, sehr schlimme Wort sagt, -- Holland in Not!

Den ganzen Zwanzigsten über wartete die Hausgenossenschaft mit Spannung

auf der Schwelle die weitere Bosheit der Innerste ab. Meister Albrecht

und seine beiden Knappen -- er hatte sich jetzt zwei Gesellen ins Gewerk

getan -- legten alle Viertelstunde den Zollstock an; aber gegen Abend

erwies sich des invaliden Gastes Armstumpf als ein hauptsächlicher

Prophet. Es wurde bitter kalt und das Wasser fiel.

Die Innerste zog sich wieder zurück von dem Hause, aus den Stallungen,

vom Hofe und aus dem Garten gegen ihr gewohntes Bett. Auch die Wege nach

der Stadt und den umliegenden Dörfern wurden allgemach wieder frei. In

der Nacht vom Zwanzigsten auf den Einundzwanzigsten legte sich eine

leichte Eisdecke über den Fluß, und am Dreiundzwanzigsten trug das Eis,

wenn nicht einen ausgewachsenen Mann, so doch ein Kind. Es kam auch ein

Kind, ein kleines Mädchen von Groß-Förste herüber, bestellte einen

schönen Gruß und brachte die Botschaft, daß die Leute von Papenbergs

Hofe gern am ersten Festtage nach der Kirche zur Weihnachtsfeier kommen

wollten; sonsten aber sollte das junge Ehepaar den heiligen Abend allein

und für sich nach seinem Pläsier und Gusto feiern.

»Wir sind zu drei mit den Mägden und den Gesellen uns auch genug,

Jochen,« sagte der Müller, und der Korporal meinte: »Mir ist's recht.«

Es war aber doch ein eigen Ding diese ganzen Tage durch mit dem

Korporal. Er war nicht als der Alte vom Bette aufgestanden. Es »murxte«

etwas in ihm; was das sei, wußte er freilich selber nicht. Still und

nachdenklich, doch nicht unfröhlich schlich er umher, und am

Dreiundzwanzigsten holte er sich des seligen Meister Christians große

Bilderbibel vom Schranke und saß fast den ganzen Tag darüber.

Die junge Frau guckte ihm von Zeit zu Zeit über die Schulter, und dann

sah er jedesmal ihr mit einem Kopfschütteln in die klaren, freundlichen

Augen, und mehrmals sagte er auch ganz weichmütig: »So wunderlich kurios

ist mir noch nie zumute gewesen, Frau.«

»Das macht das Ungewohnte, Herr Kamerad,« meinte die Müllerin. »Er hat

die alten Bilder eben lange nicht umgeblättert. Wenn ich Zeit hätte,

wollte ich mich wohl zu Ihm setzen und mit ihm die Hirten und Engel und

die Propheten und die ausländischen Kamele und Palmenbäume besehen. Als

Mädchen hab' ich mir in diesen Tagen immer ein Stündchen dazu

übergespart. Es ist so heimelig, wenn's draußen so kalt ist und in der

Stube so warm und der Kuchen durchs ganze Haus riecht. Es gehört alles

zueinander und --«

»Sakerment!« schrie der Korporal, auf das alte Bilderbuch schlagend,

»und kein Mensch sollt's für möglich halten, daß der Broglio heute noch

in Kassel sich verschanzt hält! O Frau Liese, Sie kann doch nicht so

darüber reden wie ich, der ich verstümmelt aus dem Kriegsleben komme und

alle großen Bataillen des Königs Fritz und des Prinzen Ferdinand

mitgemacht habe! Sie sollte es probiert haben im Spital zu Minden und

dann unter der Vetternschaft zu Grund und dann in Radebreckers Mühle und

zu guter Letzt im Prison zu Wildemann und dann sich plötzlich finden

hier in der Friedlichkeit und Stilligkeit. Kotz Blitz, will Sie Ihr

lieblich Heimwesen besser kennen als ich? Eins sage ich Ihr: keiner soll

mir dran rühren -- beim lebendigen Gott und so wahr ich Jochen Brand

heiße!«

Die junge Frau war sehr erschreckt vor der ungebührlichen Aufregung und

dem Fluchen und Räsonnieren ihres Gastes zurückgefahren.

»Nehme Sie es nicht übel, Lieschen. Ich wollte, ich könnte deutlicher

sagen, was ich im Sinn und Herzen habe,« seufzte der Korporal. »Aber da

draußen Albrecht hat recht, und in dieser Minute absolvier' ich ihn ganz

und gar, und er soll das Seinige behalten; niemand -- nicht Mann und

Weib soll ihn drin verstören, so lange ich's hindern kann.«

»Wie meint Er denn das, Korporal?« fragte die junge Frau scheu; doch

plötzlich griff sie sich an die Stirn und rief, ganz bleich werdend:

»Jesus, Jesus -- es ist ja wahr! Das Jahr geht zu Ende und sie hat ihren

Willen nicht gekriegt!«

»Jetzt gibt Sie mir eine Nuß zum Knacken, Frau Meisterin!«

»Die Innerste meine ich, Korporal Brand! An dem Tage, als die Mutter

gestorben ist, hat sie geschrien, und diesmal habe auch ich mit meinen

Ohren sie schreien hören, so wahr ich lebe!«

»Pu-u-uh!« machte der Korporal und versuchte noch einmal so auszusehen

wie in früheren Tagen, wo er den Hut am liebsten schief auf dem Ohr

trug. Es kam aber eine Visage dabei heraus, die allzu sehr nach jenem

Oktoberabend in Radebreckers Mühle aussah, um vergnüglich sein zu

können.

»Mache Sie sich selber keine Dummheiten weis,« brummte er und fügte

sonderbar mürrisch hinzu: »Übrigens aber, Frau Liese, ist ein schwarzes

Huhn im Notfall immer noch zu beschaffen.«

»Ich kriege auch meinen Albrecht noch dran!« rief die Müllerin; dann

aber wurde sie von einer eiligen Magd abgerufen, und der Korporal war

wieder allein.

»Wunderlich, wunderlich, wunderlich!« murmelte er, eine der Bildtafeln

in der großen Bibel umschlagend. »Ich habe aber mal im Lager bei Krefeld

verzählen hören, daß auch der König Fridericus solcherlei Anwandlungen

habe. Na, vor Hochkirch hatte er aber keine dergleichen; also verlassen

kann man sich auch darauf nicht.« -- --

Am vierundzwanzigsten nachmittags drei Uhr war weißer Sand frisch

gestreut in der Stube, und der Korporal wagte kaum noch aufzutreten, als

er die Blumentöpfe im Fenster scharf in Reihe und Glied rückte. Als die

Dämmerung kam, ging ihm auch die Pfeife aus, und um fünf Uhr saß er

still mit dem Müller -- seinem früheren Musketier -- auf der Ofenbank

und blickte durch die Dämmerung mit einer Art von drolligem Respekt auf

die noch dunkle Weihnachtstanne, an deren Aufputz er selber mit geholfen

hatte. Die junge Frau vernahm man in der Küche, und jetzt legte der

Einarm dem Kameraden fast zärtlich die Hand aufs Knie und sagte:

»Kerl, ich habe oft meinen Jokus an dir gehabt, aber diesmal ist's mir

Ernst mit dir! Es ist eine Kriegswelt, und ohne deinesgleichen hätten

wir anderen uns schon längst untereinander aufgefressen. Deshalb gibt's

von deinesgleichen am mehrsten auf Erden -- der Herrgott hat's so

eingerichtet, und er muß Bescheid wissen. Und weil dieses so ist, so

bleib bei deiner Natur, halte dein Haus rein, sei vergnügt mit deinem

Weibe und kümmere dich nicht um Dinge, in die du hineingeraten bist wie

der Esel in die Dragonerremonte. Augenblicklich aber habe ich dir wie

mir nichts weiter zu wünschen, als daß der Christabend zu Ende gehe, wie

er jetzo angefangen hat.«

Vergnügte Weihnachten! Eine Stunde später war die ganze Bewohnerschaft

der Mühle um die lichterglänzende Tanne versammelt, und der Korporal

Brand hielt der Abwechselung wegen den leeren Ärmel mit den Zähnen; er

hatte sich mit dem Aufschlage die Augen gewischt, und da er seit seinem

Auferstehen vom Bett ganz und gar in einem Kostüm seines Kameraden und

Wirtes stak, so wußte er mit den Knöpfen daran noch nie so gut Bescheid

wie mit jenem einzelnen Knopf, der ihm im Oktober von der Montur Seiner

Majestät des Königs Friedrich von Preußen allein übrig geblieben war.

Arm in Arm standen Müller und Müllerin vor dem Tisch mit dem

Tannenbaume, und ein jeder der zwei Mühlknappen hatte seinen Arm um die

Hüfte einer der beiden kichernden Mägde der Frau Lieschen Bodenhagen

gelegt. Daß der Marschall Broglio zu Kassel lag und die Vorposten der

Franzosen über Göttingen und Einbeck und bis in den Harz hineinstanden,

kümmerte keinen in der Mühle bei Sarstedt an der Innerste. Sie sahen die

Lichtlein und goldenen Äpfel funkeln, sie knackten ihre Nüsse wie die

Eichhörnchen im Neste, und dann saßen sie und sahen die Lichter an ihrem

Weihnachtsbaum niederbrennen, und die drei Weiber sangen ein

Weihnachtslied, in das die Mannsleute hinter ihren Tonpfeifen

hineinsummten.

»Die Welt ist im Krieg; wir aber gebrauchen die gute Stunde, Frau

Meisterin!« rief der Korporal fröhlich.

»Das sage ich auch,« sprach die Frau Meisterin.

»Für das, was sonst kommen kann, haben wir ja auch die vier Büchsen

geladen an der Wand, Jochen,« meinte der Müller. »Im vorigen Monat, als

du ruhig im Turm lagst und der Franzos bei Einbeck sich verschanzte, ist

das Gesindel oft genug an der Tür gewesen. Die Schererei reißt nicht

ab.«

Die beiden Mühlknappen gaben auch ihr Wort dazu; das letzte Lichtlein an

der Tanne brannte herunter.

»Heidi!« rief der Korporal; und der Müllerin kleine Blechlampe lieferte

wieder das einzige Licht für die Stube und Kumpanei. Nun schnurrten die

Spinnräder wieder, die Männer schmauchten und tranken und sprachen von

allerlei Abenteuern, die sie erlebt hatten, jedoch mit »Modestität«, und

daß auch das Frauenzimmer sein Behagen dran haben konnte.

Um neun Uhr fing es an zu schneien, und um zehn Uhr fiel der Schnee sehr

dicht. Fluß und Land wurden von einer weißen reinlichen Decke überzogen,

und nur Gesträuch und Gartenzaun, sowie das Gebüsch am jenseitigen Ufer

der Innerste hoben sich schwärzlich im Schneelicht ab. Vom Zieten im

Busch kamen die Männer auf ein ander behend Geschöpf im Busch, und wie

man das in Schlingen in der Hecke fängt und sich einen billigen Braten

im Schlafe schenken läßt. Grinsend legte der Meister Albrecht den Finger

auf den Mund und rief:

»Haltet die Mäuler, wir haben sonst morgen benebst der Verwandtschaft

die ganze Sarstedter Försterei hier, um uns in die Töpfe zu riechen. Sie

wissen immer noch einen Hasen von einem Hammelviertel zu unterscheiden.«

Dabei stand er auf, ging zum Fenster, öffnete es und schob den Kopf

hinaus. Kein Lüftchen rührte sich; das weiße Gewimmel kam wie im

leichten Spiel vom dunklen Firmament herab, aber ziemlich hell ist es

die ganze Nacht durch geblieben, denn der Vollmond hat nicht nur im

Kalender, sondern wirklich hinter dem Gewölk gestanden.

»Wenn das so weiter geht, Lieschen, wie's angefangen hat, so werden

Vater und Mutter morgen auf ihrem Wege hierher die Beine hübsch hoch

heben müssen. Wir wollen aber eine Wacht stellen, daß sie sich nicht

einfallen lassen, schon dem Eis zu trauen. Die Innerste --«

Die Innerste: Erzählung · 第 6 / 7 段