Er brachte das, was er noch sagen wollte, nicht heraus. Hell und klar --

ja unendlich melodisch klang ein Ruf durch die Nacht über die Innerste

her -- ein singender harzischer Bergruf, und in demselben Moment blitzte

und krachte ein Schuß aus dem Weidenbusch, und die Kugel streifte dem

Meister Bodenhagen die Stirn, fuhr durch die Weihnachtstanne und schlug

in die Stubenwand. Zu gleicher Zeit erschütterten heftige Schläge die

Tür der Mühle, und ein zweiter Schuß schien in das Türschloß abgefeuert

worden zu sein. Die nächtlichen Angreifer waren im Hause, ehe sich ein

einziger in der Stube von dem plötzlichen Schrecken aufgerafft hatte.

Durch ein greulich Fluchen jauchzte die helle Stimme wieder.

»Jesus Christus, die Innerste!« jammerte die Müllerin, und die beiden

Mägde drückten sich mit Zetergeschrei in den Winkel. Von allen zuerst

hatte diesmal der Müller seine Sinne beisammen. Schon hatte er eine der

Flinten, von denen er vorhin sprach, vom Nagel gerissen.

»Die Marodebrüder! Ob's mir geahnt hat?! Hans, Fritz, die Büchsen

herunter -- Lieschen, unter die Bank -- Courage!«

»Courage!« schrie auch der Korporal, »das Gesindel feg' ich mit der

Linken vom Tisch. Kriecht unter, Weibervolk -- da sind sie, und es ist

auch nur ein Weihnachtsbesuch!«

Er hatte ein Handbeil aus der Ecke aufgegriffen und trat gegen die

Stubentür: »^Bon soir, messieurs!^«

Es waren drei Kerle, die in die Stube drangen; -- Gesindel, wie es sich

zwischen den Heeren umtrieb, und wie der Bauer jener Zeit es zu seinem

Schrecken und Schauder nur allzu gut seit Jahren kannte! Der Rock des

fünfzehnten Ludwig neben der zerfetzten Uniform König Friedrich des

Zweiten! Um den dritten Galgenstrick aber zu kostümieren, mußte die

ganze Reichsarmee Mann für Mann einen Fetzen hergegeben haben, und es

wäre wahrlich ein Kunststück gewesen, aus seiner äußeren Erscheinung her

bestimmt abzunehmen, welchem Herrn er zuletzt falsch geschworen hatte.

Was nun in der Mühle vorging, läßt sich schwer nacheinander erzählen.

Besinnen und Bedenken war nicht am Ort. Der Meister Müller, den sie

einst den tollen Bodenhagen nannten, schoß zuerst, und traf auch. Die

Eindringlinge feuerten ihre Pistolen ab.

»^Sacre nom de dieu! En avant les autres!^«

Der Korporal Brand schlug für den Musketier Bodenhagen zu, wie er vordem

auf ihn gehauen hatte; und ob den beiden guten Knappen Hans und Fritz

würde dem Oberst Colignon das Wasser im Munde zusammengelaufen sein. Es

wurde ein Raufen, Heulen, Sakermentieren und Ächzen im Dunkeln, denn der

Tisch stürzte um mit der Lampe und der Weihnachtstanne, und die weißen

Müllerhabiter hatten jetzo ihr Gutes; es war ihretwegen keine Not, daß

Meister, Gesell und Gast aufeinander schlugen. Der Schnee leuchtete

ihnen aber auch von draußen.

Sie trieben die Räuber bis auf die, welche zu Boden lagen, in den

Hausgang zurück und dann auch wieder aus dem Hause hinaus. Sie konnten

nur noch die Kolben gebrauchen, aber sie gebrauchten sie trefflich; daß

die Not sie beten lehrte, konnte man gerade nicht behaupten. Die Mühle

wehrte sich tapfer, und die Frauenstimme, die so melodisch das Zeichen

zum Angriff gegeben hatte und immer von Zeit zu Zeit von neuem in den

Lärm des Überfalls klang, wurde immer greller, kreischender, zorniger,

giftiger! Die drei armen Weiber, die im Winkel am Ofen in ein zitternd

Bündel zusammengeduckt knieten, vergingen am meisten vor dieser Stimme

in Schauder und Ohnmacht. Seltsamerweise hatte nächst den Frauen der

Korporal Jochen das feinste Ohr für sie; der junge Meister Albrecht

Bodenhagen, sein Haus und Weib verteidigend, achtete kaum darauf.

Es ging scharf -- scharf um das Heimwesen des Müllers an der Innerste.

Fritz und Ferdinand, Soubise und Broglio waren mit ihren Armaden

vertreten unter den dunklen Gestalten, die im Schneegestöber aus dem

Weidengebüsch am Fluß vorhuschten, über das Eis glitten und über den

Gartenzaun kletterten, um die Mühle und ihre Bewohner in ihre Gewalt zu

kriegen; aber der wilde Bodenhagen und sein Haus hielten sich gut. Wenn

es ein Glück war, daß die alte Frau diese Nacht nicht erlebte, so war es

doch schade, daß der alte Meister Christian sein Söhnchen diesmal nicht

bei der Arbeit sehen konnte.

Sie verrammelten die eingestoßene Pforte, sie luden und schossen aus den

Fenstern. Sie trafen dann und wann auch, und der einarmige Korporal

meinte:

»Wenn sie uns das Dach nicht über den Köpfen anstecken, halten wir uns

bei Gott, bis Bürgermeister und Rat aus Sarstedt zum Sukkurs kommen!

Courage! Courage! -- Uh, wer stopft die Weiberkehle da?«

Die letzte Frage hatte er zwischen den Zähnen gemurmelt. Dicht unter dem

zertrümmerten Fenster, an dem er mit seinem Beile stand, war der

schrille Schrei erklungen, und wieder wurden zwei oder drei Schüsse in

die Stube hinein abgefeuert. Ein durchdringender Jammerlaut aus dem

Ofenwinkel folgte sofort, und der eine der Knappen schoß zurück aus dem

Fenster und traf. Die dunklen Gestalten im Garten huschten durcheinander

und fluchten deutsch und französisch. Das Weib rief scharf und spöttisch

drein: und noch einmal stürzten sich die Angreifer auf die zertrümmerte

Haustür, deren Verrammelung von dem Meister Albrecht und seinem zweiten

Gesellen in Verzweiflung verteidigt wurde.

»Hans Lages, willst du mit? In dem Dampf hier vergeht einem doch der

Atem; -- ich hab's mir versprochen, und so lang' ich lebe, kriegt die

Innerste ihren Willen nicht!«

»Hops über, Herr Unteroffizier, wir springen ihnen auf den Buckel!« rief

der tapfere Mühlknappe, und sie schwangen sich ein jeder aus einem der

beiden Fenster und fielen den nächtlichen Räubern wirklich in den

Rücken, der eine mit seiner Handaxt, der andere mit dem Kolben. Wie

nicht ganz selten in dergleichen Fällen übertraf der Erfolg die

Erwartung. Der Schnee fiel stärker denn je; die Marodebrüder hatten mehr

als einen guten Mann verloren, und eine Panik fiel über sie. Sie wichen

zurück und gerieten, wie das dann gewöhnlich zu geschehen pflegt, ins

Laufen. Auch der Meister Bodenhagen und der Knappe Fritz sprangen jetzt

hervor aus ihrer Verschanzung, und es wurde eine Verfolgung durch den

Garten gegen die Innerste zu. Noch ein kurzes Ringen fand auf dem

Windeise des übergetretenen Flusses statt, und da ertönte zum letzten

Male, aber auch am markdurchdringendsten, der schlimme gespenstische

Schrei: es ging ein Knattern durch das Eis -- das Wasser bekam doch

seinen Willen in diesem Jahre Siebenzehnhundertsechzig: unter dem Eise

weg trieb eine Weiberleiche abwärts gegen die Stadt Sarstedt zu, ist

jedoch erst im März des nächsten Jahres, als der Tauwind blies, zutage

gekommen.

In Sarstedt wie in Groß-Förste hatte man nun aber allgemach die

Überzeugung gewonnen, daß das Flinten- und Büchsenfeuer mitten in der

Nacht irgendeinen Grund habe, und zwar einen bedenklichen. Im Dorfe zog

man die Sturmglocke, und von der Stadt her kamen Bürgermeister und

Bürgerschaft wirklich zum Sukkurs.

Man kam mit Laternen und Fackeln und allen möglichen Gewaffen und

verwunderte sich über die Art, in welcher die Mühle des Meisters

Bodenhagen die Weihnachten hatte feiern müssen. Drei Leichen und fünf

mehr oder weniger schwere Verwundete ließen die Marodeurs vor der Mühle

zurück, und einen toten Raubvogel hob man im Hausgange auf. Die

männlichen Bewohner der Mühle bluteten sämtlich, doch nur aus leichten

Wunden, bis leider auf den tapferen Korporal Jochen Brand, den man am

Rande der Innerste unter dem Gartenzaun bewußtlos in seinem Blute

liegend fand. Ein Messerstoß hatte ihn in die Seite getroffen über der

rechten Hüfte, und er kam nur noch einmal zum Bewußtsein, und zwar am

folgenden Morgen, als in Dorf und Stadt die Glocken zur

Weihnachtsfrühkirche läuteten und das Singen durch die Christenwelt

anhub: ^dies est laetitiae^, oder zu deutsch: der Tag, der ist so

freudenreich, wie es seit vielen, vielen hundert Jahren gesungen wird in

den Kirchen.

Da sprach der Korporal mit schwacher Stimme zu dem jungen Müller:

»Lebe wohl, adjes, Musketier Bodenhagen; du hast deine Sache gut

gemacht, und ich habe meine Lust an dir gehabt. Halte dich fernerhin gut

und halte dein lieb Weib gut. Es war die Radebreckersche; -- es war --

unsere Doris, mit der ich mich auf dem Eise zerrte! Sie ist immer so gut

gewesen wie ihr Wort; aber den Stoß hab' ich doch eigentlich nicht von

ihr verdient, denn ich war der einzige von allen Gästen der Buschmühle,

der's gut mit ihr meinte -- besser als nach ihren Meriten. Wer kann aber

wider das wilde Wasser, und wo sollte die arme Kreatur hin aus dem Turm

in Wildemann? Ich bin zu dir und deiner Liese gekommen, aber für sie war

keine Zuflucht als die Lagerkameradschaft, der Krieg mit der Welt bis

aufs Messer und was dran hängt an dem Kriege! Adjes, Albrecht, ich mache

mir nichts draus, und ich glaube, sie macht sich auch nichts draus, daß

es zu Ende ist.«

Der Müller weinte, und als dann die Müllerin in die Kammer kam, weinte

sie gleichfalls, und beide mit vollem Rechte.

»Adjes, Frau Liese,« sagte der Korporal noch schwächer als zuvor. »Vor

der Innerste braucht Sie keine Furcht mehr zu haben, junge Frau; sie hat

ihr schwarz Huhn. Aber mit meiner Gevatterschaft ist's auch nichts; --

es war kurios, aber ich habe mich die letzten Tage über gar nicht mehr

drauf gefreut. Gott helf' Euch durch die Zeit; -- König Fritzen geht's

auch hart -- vivat Fridericus! Durch kommt er doch, und Friede wird

auch; -- ich habe den meinigen heute schon versiegelt und bin ganz im

Reinen. Ein unnützer invalider Vagabond war ich doch, und der beste

Kamerad wäre auf die Länge meiner überdrüssig geworden.«

Durch sein Schluchzen wollte der Müller dem Sterbenden noch ein Wort

dreinreden in sein letztes Wort; doch es ist immer ein bedenklich Ding,

das Dreinreden in ein letztes Wort.

Wie gesagt, auch diese Mühle an der Innerste steht heute nicht mehr;

aber es haben nach dem Meister Albrecht noch zwei Bodenhagen drauf

gesessen. Erst seit dem Jahre 1803, als die Franzosen unter Mortier im

Hannoverschen waren, ist sie allgemach nahrungslos geworden und endlich

um das Jahr 1820 abgebrochen. Die Innerste ist reguliert worden wie die

Ihme und die Leine; sie hat zwar auch jetzt noch ihre Nücken und Tücken

und verlangt dann und wann wohl ein Lebendiges zum Fraß; aber daß sie

danach schreie, glaubt heute kein Mensch mehr.

Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im

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gekennzeichnet. Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua

gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.

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(vorher/nachher):

[S. 18]:

... aus dem er auch vielleicht augfestiegen sein konnte,

zurücksank. ...

... aus dem er auch vielleicht aufgestiegen sein konnte,

zurücksank. ...

[S. 18]:

... an den Hut und rief von neuem über die Innerste. ...

... an den Hut und rief von neuem über die Innerste: ...

[S. 19]:

... ihr kein Quartier? Hunger, Durst und einen zerschlagenen ...

... Ihr kein Quartier? Hunger, Durst und einen zerschlagenen ...

[S. 107]:

... gemacht zu haben, und mit der Menge muß es ...

... gemacht zu haben, und mit der Menage muß es ...

Die Innerste: Erzählung · 第 7 / 7 段