»Weil ich dann das Teufelskleeblatt voll zusammen hätte; den alten Satan

und die alte und die junge Hexe. So ist's, Jungfer Radebrecker, nehme

Sie es mir nicht vor ungut.«

Das Mädchen lachte wiederum, -- ganz und gar nicht beleidigt:

»Warte Er nur, Freund, bis ich meines Weges gegangen bin und Ihn der

Meister Hämmerling auf dem Galgenberg von der Leiter gestoßen hat. Es

wird schon eine Zeit sein, wo die ganze wilde Jagd hübsch warm beisammen

ist. Wer die richtige Geduld hat, wird manche kuriose Dinge in der Welt

zuletzt in ein Bündel knoten. Was bringt Er mir mit nach der Buschmühle,

Jochen?«

Da beugte sich der Einarm näher zu dem Mädchen und sah ihr ernst, fast

grimmig ins Gesicht und antwortete:

»Dein Narr bin ich und bleibe ich; aber den Gang geh' ich doch nicht

wieder für dich; und wenn du wirklich ein Weiberherz in der Brust

trügest, so ließest auch du das Vergangene auf sich beruhen, zumal solch

einem armen Tropf gegenüber, der, wenn er dich gekränket hat, dazu

gekommen ist, wie zu allem andern in seinem Leben, ohne wie ein rechter

Mann davon zu wissen. Doris, wäre er ein richtiger Kerl, so möchtest du

deinen Groll büßen, so wild du wolltest, und sein jung Weib müßte seine

Schuld mit auf sich nehmen. Aber er ist ein Tropf, ein Schwachherz, und

wenn du da die Unhuldin spielen willst, ist's nicht aus eigenem

Herzensjammer, sondern aus Bosheit und Lust am Schaden. Ich bin wieder

in der Sarstedter Mühle eingekehrt, und ich sage dir, du sollst die

Leute in Frieden ihr Leben leben lassen. Hier hast du dein Leben, wie du

es verlangst, und kannst kein anderes gebrauchen! Da unten sitzen sie

wie die Kinder im Winkel, und du hast nichts hinter ihrem Ofen zu

suchen. Was du zu sehen nötig hattest, hast du im Sommer selber gesehen;

-- sie haben Vater und Mutter begraben und haben in Sarstedt mit dem

Meister Tischler einer Wiege halber gesprochen. Sie haben mich zu oberst

an den Tisch gesetzt, und du -- sitzest hier oben wie eine wilde Königin

-- keine zahme hat's mehr nach ihrem Wunsche.«

»So?!« sagte oder fragte die Jungfer Radebrecker, und der Korporal

Brand, mit der gesunden Hand auf den Tisch schlagend, rief:

»Ja! so! -- Doris, Doris, ist es denn nicht so? Ich bin nicht dabei

gewesen, als der arme Flederwisch, der wilde Bodenhagen, zuerst hier in

der Buschmühle das Handwerk grüßen wollte; aber aus eigener Experienz

weiß ich, was er gefunden hat --«

»So?!«

»Ja, und weil ich das weiß, und obendrein auch noch, daß ihn der

Colignon nur zu seinem Besten abgeholt hat, sage ich zum dritten und

letzten Mal, Jungfer Radebrecker, habe Sie ein Einsehen und Erbarmen und

führe Sie nicht Krieg, wo es nicht vonnöten ist. Ich komme auch aus dem

Kriege und weiß, was es damit ist. Der Albrecht ist doch nichts weiter

als ein groß Kind, und wollte Sie sich eine Haselrute da aus dem Busch

an der Innerste holen und ihn über die Bank ziehen, so wollte ich mich

Ihr wahrhaftig nicht in den Weg stellen; ich habe ihn ja selber mehr als

einmal unter dem Prinzen Ferdinand über ein Bund Stroh gelegt. Weil aber

sein Herr Vater und andere Leute dieses schon nach besten Kräften

besorgt haben, so lasse Sie nun seinem Leben den Lauf und schreie Sie

ihm nicht hinein, denn Sie treibt nicht ihn allein ins Elend, und das

kommt Ihr nicht zu, denn das ist nur ein Recht, wie es das Wasser, der

Bach, die Innerste sich nimmt, wenn's hier in den Bergen sich allerlei

hat gefallen lassen müssen und nun hervorbricht und den armen Bauern im

Hildesheimschen die Äcker und die Wiesen ruiniert. Ich bin auch Korporal

in einem Freibataillon gewesen und habe manches mitgemacht, was gen

Himmel gestunken hat; bei Minden auf dem Feld liegt mein rechter Arm,

und -- _so_ spreche ich heute in der Buschmühle. Ich weiß wohl, daß wir

nicht in einer Welt leben, wo alles glatt ab- und hingeht wie auf einer

Potsdamer Parade vor Seiner Majestät. Aber der König Fritz kümmert sich

heute auch wenig um Puder und Zopf; er marschiert in Schlesien durch

Blut und Brand, und in seiner Residenzstadt Berlin sind anjetzo die

Russen und die Österreicher, der Tottleben und der Lascy; -- wer sich da

als ein ehrlicher braver Kerl und als ein lieb, gut Weib zurechtfindet

in der Welt, der hat Ehre davon. Ich überlegte es mir doch noch einmal

in meinem Leben, Jungfer Radebrecker.«

Die Tochter des Buschmüllers war bei dieser Rede des Korporals Jochen

Brand aufgesprungen und wild in der rauchschwarzen, wüsten Stube hin-

und hergegangen. Ihr Messer hielt sie wie einen Dolch, und nun trat sie

dicht an den Invaliden heran, legte ihm die Faust mit dem Messer auf die

Schulter und nahm ihn mit der anderen Hand an dem gesunden Arm.

»Er ist ein guter Kamerad, Jochen,« sagte sie, »und Er hat ein gutes

Wort gesprochen; aber was weiß Er denn von mir und vom Albrecht

Bodenhagen? Meinen Vater kennst du, und meine Mutter hättest du kennen

mögen, um das Teufelskleeblatt beisammen zu haben. Du hast's eben noch

selber gesagt. Hier in der Buschmühle bin ich geboren und auferzogen

worden, und jetzt bin ich, wie ich bin, und wenn ich wie das wilde

Wasser, die Innerste da vorm Fenster, bin, so kann ich's nicht ändern

--«

»Dann laß deine Tollheit an uns aus, Doris,« brummte der Korporal, »du

weißt, daß wir zu Dutzenden über jeden Stock springen, den du uns

vorhältst. Zum Exempel, mit mir kannst du machen, was du willst, aber

das Kindervolk da unten im Lande sollst du mir jetzt in seinem Spiel

ungeschoren lassen!«

Da stieß die Doris Radebrecker einen Schrei aus, der auch ein Geschluchz

war.

»Was habe ich denn mit euch? Was habe ich mit dir, Jochen Brand? Mit dem

armen Tropf, dem Weichmaul, dem blöden Schäfer, der den tollen

Bodenhagen spielte, hab' ich's. Was weißt du von mir und ihm? -- Er hat

mehr gekriegt als ihr anderen alle, und es war eine Zeit, da hätte er

mich wohl zu einem lieben, guten Weibe machen können! und jetzo soll er

die Rechnung zahlen, der Müller von Sarstedt, und ihr -- ihr sollt mich

nicht umsonst die Innerste nennen!«

Der Korporal Brand sah die Jungfer Radebrecker mit einem grenzenlosen

Erstaunen -- mit offenem Munde an; aber draußen bellten von neuem die

Hunde, und allerlei Stimmen ließen sich vernehmen. Es kamen allerlei

Gäste des Buschmüllers.

Zehntes Kapitel.

Im Oktober gehen die Tage bald zu Ende, und aus dem Wind wird schnell

Sturm. Dann muß man in den wilden Bergen wohnen und im Zwielicht vor die

Tür treten und den Wind, den Wald und das Wasser reden hören. Dann ist

es auch gut, Bescheid zu wissen in den alten Sagen seines Volkes, den

Liedern, die die Großmutter sang, und der Weisheit des Urgroßvaters. Und

wenn noch gar der Krieg von ferne donnert, dann läßt es sich gut

zurücktreten von der Schwelle, die Tür verriegeln und am Herde am warmen

Ofen niedersitzen. Ängstlich, aber auch heimelig und lieblich ist's

dann, beim Lampenschein liebe Gesichter -- junge und alte -- um sich zu

sehen und bekannte junge und alte Stimmen zu hören; -- mit sonderbar

heimlichen und unheimlichen Fingern zupfen Vergangenheit und Zukunft

dann an der Behaglichkeit der Gegenwart. Die Augen soll man ja nicht

schließen, wenn das fröhliche Gespräch zu einem Flüstern herabsinkt; es

ist, als spreche die Zukunft, in dem Sturme draußen; -- den

Verständigsten, den Nüchternsten kann eine Angst überkommen, daß er die

guten Gesichter nicht mehr im Kreise um sich her finden werde, wenn er

wieder die Lider aufschlägt und umhersieht.

Es gibt aber vielerlei Gesichter und Stimmen in der Welt. Das merkt man

recht, wenn man bedenkt, was alles sich um so einen winterlichen oder

herbstlichen Herd niedersetzen und über seine Lust und sein Leid, seine

Pläne, Sorgen, Taten und Gedanken verhandeln kann. In der Buschmühle nun

lachten und jauchzten keine fröhlichen Kinder, erzählte nicht der brave

Vetter Michel, wie es ihm den Tag über ergangen war, kam nicht die Base

und die Nachbarin mit dem Spinnrad und saßen nicht Großvater und

Großmutter von ihren Enkeln umgeben. Der Ofen glühte, als es Abend

geworden war, der Tisch war zurechtgerückt und die Gäste vorhanden. Die

Innerste saß an der einen Seite des Ofens, der Einarm an der anderen,

der Meister Radebrecker aber oben am Tisch. Das alles in den richtigen

Farben zu schildern, hätte einem kuriosen Maler zu schaffen gegeben; und

für ein Ohr, das nicht zu fein gebaut war, mocht's auch ein seltsames

Gaudium sein, das zu belauschen, was da hinüber und herüber geredet,

geschrien und geflucht wurde. Aus der Bibel wurde nicht vorgelesen. Es

gab zwar eine Bibel in der alten Sägemühle, aber sie war in einer

Bodenkammer als Ersatz für einen fehlenden Fuß einem wackelnden Schrank

untergeschoben. Eine Zeitung kam im Jahre 1760 nicht in die Bergstädte

Grund, Lautenthal und Wildemann, und also in die Buschmühle gar nicht.

Die großen Welthändel wurden damals von Mund zu Munde umgetragen, und

vielleicht stand sich die Welt dabei nicht schlechter als heute. Die

Wahrheit kam jedenfalls eben so selten zu kurz wie heutzutage.

Der Invalide von Minden war nicht der einzige gewesen in diesem Kreise,

der den Krieg gesehen, und die Jungfer Radebrecker nicht die einzige,

welche ihr Brot mit einem blutigen Messer geschnitten hatte. Wanne, die

Innerste, hatte kein zu feines Ohr, sie konnte alles anhören und über

alles mitlachen, und ihre eigenen Worte legte sie gleichfalls nicht auf

die Goldwage! Ihre helle, klare Stimme überklang oft das wüsteste Gelärm

dieser nächtlichen Mühlgäste, und als sich einmal zwei derselben über

den Tisch in die Haare gerieten, fiel sie dazwischen und zwar auch mit

einem Fluch, der die ganze Gesellschaft zum Lachen brachte und den

Meister Radebrecker zu einem abermaligen zärtlichen Lob seiner Tochter.

Sie kamen aber nicht allein wegen der Küche und des Kellers des

Buschmüllers zu dieser Stunde zusammen. Sie hatten nicht bloß zu

bramarbasieren und sich ihrer selbst zu rühmen. Es wurde auch verständig

geredet, und von Zeit zu Zeit nahm der Alte einen beiseite und flüsterte

mit ihm, oder führte ihn wohl gar vor die Stubentür, um dorten weiter

mit ihm zu flüstern.

Sie hatten ihre Geschäfte; aber das beste wird's sein, daß _wir_ unsere

Hand davon lassen. Es ist über hundert Jahre her, seit sie da im Harz an

der Innerste, im wilden Walde so vergnüglich beisammensaßen. Verjährt!

verjährt! Es ist über das alles Gras gewachsen, und ebenso arge Dinge

sind nachher ausgeführt, und ist damit renommiert worden, und die alte,

uralte Entschuldigung, daß der schwache Mensch eben zusehen müsse, wie

er sich durch die böse Welt bringe, gilt auch heute noch.

Einmal ging ein Kelch um den Tisch, der freilich verdächtig aussah, als

ob er wohl aus einem Sakristeispinde herstammen könne, und dann war ein

Stündlein später von dem Förster vom Iberge die Rede, der im Frühjahr

tot, mit einer Kugel hinter dem Ohr im Kopfe, im Dickicht am

Hübichenstein gefunden worden war. Voll und leer ging der Kelch um den

Tisch, und über den toten Jägersmann lachte man, und einer meinte, mit

dem Zwerg Hübich lasse sich schlimm spaßen. Es war auch eine Geldsumme

zwischen zwei der Gesellen zu teilen, da gab's neuen Hader, den der

Meister Radebrecker schlichtete, indem er die zwei Wildemannsgulden und

acht Mariengroschen, um die es sich handelte, für sich nahm als

Unparteiischen. Dann kam das Schmaltier gebraten herein und neues

Getränke, und es wurde auf das Wohl des Bergmeisters Wiesehahn zu

Lautenthal angestoßen, und wiederum hatte einer ein Wort zuzugeben und

meinte, der möge sich nur auch in acht nehmen, denn der Zwerg Hübich sei

mächtig unter der Erde wie über der Erde.

Hiermit ist denn die Unterhaltung auf das Feld der Sage übergegangen,

und da hätte wohl manch ein gelehrter Herr des neunzehnten Jahrhunderts

gern den Horcher an der Wand gespielt und die Strolche, Halunken und

Vagabunden des Jahres 1760 reden hören.

Ellenbogen an Ellenbogen mit dem kleinen Alraun, dem Meister

Radebrecker, saß noch ein kleiner Kerl, der auch einen Buckel trug, aber

auf der anderen Schulter als der Buschmüller. Zwei Stunden von der

Harzburg bei Wülperode im Steinfelde ist der Klöpperkrug gelegen, und

dem Wirt daselbst war am letzten Sonntag der Knecht abhanden gekommen,

aber seine zwei Kühe und seinen mageren Gaul hatte er krepiert im Stalle

gefunden. Da hatte es ein lautes Heulen gegeben um das Vieh und ein

hitziges Suchen nach dem Knecht, aber der war nicht gefunden worden,

denn bis in die Buschmühle war man von Amts wegen nicht gekommen.

Und vor dem Fenster der Buschmühle brauste der Wald und sauste der

Sturmwind; es ächzten und knirschten und krachten die hohen Tannenbäume,

und der Knecht vom Klöpperkrug sagte:

»Das ist das Wetter, wo Er waltet. Ich sollte meinen, alle Augenblick

müßte er ansprechen und sich vermelden!«

»Wer?« fragte Doris schrill über die ganze Länge des Tisches.

»Der Ritter, Jungfer! der Hackelberg, Jungfer Radebrecker. Bei solcher

Witterung jagt er am liebsten.«

Im Garten des Klöpperkruges liegt ja der wilde Jäger, der Ritter von

Hackelberg, begraben, und seine Sturmhaube wird bis auf den heutigen Tag

daselbst aufbewahrt und gern vom Wirt vorgewiesen; aber die Kumpanei in

der Buschmühle lachte doch, und der Korporal Jochen Brand sprach:

»Kamerad, den wilden Jäger habe ich wohl auch ziehen sehen, aber nicht

in den Lüften. Es stürmte auch jedesmal, wo die Jagd zog in Sachsen,

Böhmen und Schlesien; sie zieht auch heute wohl, und der alte Zieten

reitet vor dem Zuge. Wer aber den General Seidlitz jagen sah mit seinen

Kürassieren, dem wird's übel, wenn er vom Hackelberg, der Tutursel und

all dem anderen Gespensterplunder hört. Kotz Blitz, der König Fritze

läßt reiten, und von den hungarischen Husaren der Frau Kaiserin will ich

auch nichts Despektierliches sagen; aber Seinen Ritter Hackelberg muß

ich selber ziehen sehen, ehe ich glaube, daß der besser zu Pferde sitzt

als ein Franzos.«

Der Soldat hatte gesprochen, der buckelige Knecht vom Klöpperkruge aber

hat etwas von einer Großschnauze gemurmelt, und daß er wisse, was er

wisse. Die anderen haben einen Moment stockstill gesessen, denn jetzt

hat sich der Sturm im Walde ärger denn je hören lassen, und es ist ein

Heulen und sonstiger Lärm geworden, daß jeder sich geduckt hat, als

komme ihm schon das Dach über den Kopf herunter, oder die schwarze

Pferdelende durch den Schornstein, um jedweden Spötter vom Stuhl und

Tisch zu schlagen. Nach dem angsthaften Hinhorchen aber nahm ein

eisgrauer alter Sünder die Pfeife aus dem Munde und sprach, zu dem

Einarm gewendet:

»Wenn Er das Seinige im Felde mit dem Zieten erlebt hat, Korporal, so

sei Er dankbar dafür; aber wenn Er in dieser Nacht noch etwas dazu

erleben sollte, so sitze Er nur ja still und halte den Mund und sich

dazu mit beiden Händen an dem Stuhl. Man hat Exempel, daß noch ganz

andere Kerle als Er, Korporal Brand, dem Herrn von Hackelberg Hohn

gesprochen und nachgerufen haben, und es ist ihnen jedesmal übel

bekommen. Der Buckel da hat ganz recht; es ist eine Nacht für den wilden

Jäger, und vielleicht tut Euch der Ritter den Gefallen, Jochen, und

weist Euch, daß er doch noch besser reitet als Seidlitz bei Roßbach. Ich

rate Ihm aber dann, ihm nicht nachzuzischen von der Tür aus, wenn Er

sein Horn über dem Kopfe schallen hören wird.«

»Hoho!« lachte der tapfere Kriegsmann, doch die Doris Radebrecker gab

jetzt auch wieder ihr Wort dazu.

»Jawohl, hoho, Kamerad!« rief sie. »Ich rate Ihm auch, sich zu hüten vor

dem Volk in der Luft, Wald, Feuer und Wasser. Ich sage Ihm auch ein

Exempel: hat Er etwan nicht erfahren, wie die Innerste da drüben im

Lande vor dem Harz schreien kann? Weshalb sollte der Ritter Hackelberg

nicht sein Jagdhorn in der Luft blasen? Jetzo aber lasset den Mann da

aus Wülperode mit Ruhe verzählen, was sich zuletzt mit ihm -- den wilden

Jäger meine ich -- begeben hat.«

»Mit Pläsier,« sagte der Soldat lachend. Der Bucklige aber ließ nicht

lange bitten und erzählte halb flüsternd:

»Einer von den Herzogen von Anhalt Jägerei hat ihn zuletzt verspürt. Sie

haben ein groß Treiben gehalten mit den Wernigerödeschen, und nach dem

Treiben haben sie, die Bernburger und die Gräflichen, die Nacht durch am

Hartenberg in einer Köte gelegen, die vornehmen Herren in der Köte, die

Gemeinen beim Feuer im freien Forst. Der aber, den ich meine, ein Junger

vom Adel, hat ein hübsch Mädchen gewußt auf einem Försterhofe, den ich

kenne, und ich nicht allein in dieser höflichen hochlöblichen Kompagnie.

Und er hat sich schon bei Abenddämmerung weggeschlichen und ist nach

Mitternacht pfeifend durch den Wald zurückgekommen, der Köte zu, allwo

die anderen lagen. Am Buchenberge hört er's auch einmal von ferne: Hoho,

hoho, wod, wod, ho, hallo! Sie haben ihn jetzo bei einem Doktor -- er

ist nicht bei Sinnen, denn er hat sich in seinem Vergnügen lustig

gemacht über den wilden Jäger in der Luft. Am anderen Morgen hat man ihn

gefunden mit zerbrochenem Arm und einer Schlagwunde auf der Stirn, und

das ist anzusehen gewesen wie von einem beschlagenen Pferdefuß. Er ist

heute noch nicht wieder bei Verstand, und der Hund, den er bei sich

gehabt hat, hat sich auch den Verstand abgeheult, und sie haben ihn

erschießen müssen; denn der Hackelberg --«

Der Erzähler brach ab und horchte -- käsebleich.

»Wod! wod! wod! hoho, hu, kliff und klaff!« lachte der Korporal noch;

aber dann horchte auch er mit allen übrigen starr und atemlos in das

Gebrause und Gesause draußen vor Radebreckers Mühle. Durch das Tosen der

Windsbraut klang es: Hoho, wod! wod! und dazu das Uhu der Tutursel. Es

kam wie Hundeblaff und dann vom Sturm zerrissen der Klang eines

Waldhorns, das zum Halali blies! Die Jungfer Doris wollte noch einmal

den jachen Schrecken der Mannsleute hellkreischend weglachen; doch da

tat's einen Schlag an die Tür, und dann wurde mit einem Kolben ein

Fenster eingestoßen, daß die Glasscherben splitternd zwischen die

Gesellschaft fuhren. Die Öllampe erlosch im Windzug, doch von draußen

fiel Laternenschein in die Stube, und viele rauhe Stimmen ließen sich

nebst den Hunden um die Mühle hören.

»Im Namen Seiner Majestät, König Georg des Zweiten!« rief jetzt über

alle anderen Stimmen eine im Kommandotone weg, und eine zweite schrie

womöglich noch gebieterischer: »^De par le Roy -- sa Majesté Louis

Quinze, de France et de Navarre!^« Die Haustür zersplitterte gleichfalls

unter den Büchsenkolben der Einlaß Begehrenden, und es kam wieder

Vernunft in die Kumpanei!

Sie fuhren mit den scheußlichsten Flüchen durcheinander und suchten nach

Auswegen und fanden sie allesamt versperrt und besetzt. Da kamen

allerlei Waffen -- Messer, Knittel, ja auch Feuergewehre zum Vorschein,

doch alles das und die beste Courage dazu konnte wenig mehr fruchten.

Der gute Meister Radebrecker fing mit einem Male an zu schluchzen und

laut zu weinen und setzte den Mut seiner liebsten Gäste dadurch unter

Wasser. Die Störenfriede, die Hausfriedensbrecher hatten doch über

bessere Waffen -- Jägerbüchsen, Hirschfänger und Musketen mit

aufgepflanzten Bajonetten zu verfügen, und nach einem kurzen Geraufe,

halb im Dunkel und halb im Laternenschein -- einem Tumult, in welchem

auch ein weniges Blut floß, war alles in der Buschmühle geordnet nach

Wunsche Seiner kurfürstlich hannöverischen Durchlaucht und

großbritannischen Majestät Georg ^Rex^ trotz der fränkischen Besatzung

des Landes.

Sie fingen sie alle, und eine Stunde später war alles bereit zum

Abmarsch in Kolonne nach Lautenthal. Die Jungfer Doris ging allein

ungebunden im Zuge; den übrigen waren sämtlich die Hände mit tüchtigen

Stricken auf dem Rücken zusammengeknebelt. Dem armen einarmigen Korporal

Jochen Brand hatte man wenigstens ein Seil um das linke Handgelenk

gelegt, und er marschierte im gleichen Schritte höchst verwundert hinter

dem französischen Korporal und Leutnant, die das Füsilier-Detachement

kommandierten, welches sich die kurfürstlichen Forstmeister und

Amtmänner von Wildemann und Lautenthal zu ihrer nächtlichen Expedition

als Beihülfe vom Kommandanten von Goslar verschrieben hatten. Er machte

nicht einmal den Versuch auf diesem Marsche, die fremden Kameraden zu

der Überzeugung zu bringen, daß er besser sei als die Gesellschaft, in

der man ihn gefunden hatte. Auch die Innerste ging still durch den

stürmischen Wald mit; was sonst noch von den kurfürstlichen und

königlichen Jägern, Justizleuten und den fremdländischen Kriegsmännern

mitgenommen wurde, fluchte bis auf den Meister Radebrecker, der sich am

wenigsten in das Ding zu finden wußte und seinen Tränen den freiesten

Lauf ließ. Leider hatte man aber ihm auch die Hände am festesten auf dem

Buckel zusammenschnürt.

Elftes Kapitel.

Und die Innerste wurde sehr schlimm im Laufe des nächsten Monats.

Gewaltige Regenstürme brachen mit dem rasenden Winter über das Gebirge

herein, und alle Waldwasser schwollen auf wie seit Menschengedenken

nicht. Nun toste die Hexe zwischen den Felsen und Fichten und verübte

Unheil, so viel sie vermochte. In Wildemann und in Lautenthal hatte das

Hüttenvolk bei Tag und Nacht zu wehren, daß sie nicht alles ruinierte;

aber in der Sägemühle zwischen den beiden Bergstädten befand sich

niemand mehr, der ihr wehren konnte. Da trieb sie ihr tolles Spiel nach

Herzenslust. Sie nahm das alte Rad in Trümmern mit; sie brach in das

Haus und bedeckte alles, so weit sie reichte, mit Kies und Puchsand. Sie

zerfraß die Wände und warf die Pfosten um; wie eine Tigerkatze spielte

sie da mit ihrer Beute.

Radebreckers Mühle stand für immer verlassen seit jenem Abend, wo die

ewige Gerechtigkeit ihre Hand vermittelst der Hände der nächsten

Behörden dranlegte. Nach den hannoverschen Grünröcken und den bunten

Jacken des Herzogs von Richelieu bei Nacht waren noch einmal gar würdige

Herren in schwarzen Röcken und amtsmäßigen Perücken bei Tage dagewesen,

hatten noch einmal eine genaue Untersuchung des Ortes angestellt und

auch mancherlei Dinge zum Kopfschütteln, Aha und Oho gefunden. Nachher

mochten Eule, Wolf und Luchs ihr Quartier da aufschlagen; das peinliche

Gericht kümmerte sich nicht weiter drob. Was von den Ruderibus noch für

Menschenbedürfnis zu brauchen war, das wurde im nächsten Frühjahr und

Sommer so nach und nach abgeholt von Leuten der Umgegend, die altes

Eisenwerk gebrauchen und dergleichen nicht am rechten Orte kaufen

wollten.

So war es im Harz. Wir aber folgen dem Laufe der Innerste wiederum in

die Ebene hinaus.

Greulich wälzte sich den ganzen November durch die trübe Flut in das

Hildesheimische, und manchen Ortes bekam mehr als ein braver Mann

Gelegenheit, sich ein Lied von den zeitgenössischen Poeten zu verdienen,

kriegte jedoch, so viel uns bewußt ist, keines. Auch die Mühle zwischen

Groß-Förste und Sarstedt hatte ihre liebe Not, sich der bösen,

schlammigen Strudel zu erwehren; und was man an Tischen und Bänken und

sonst dergleichen auffing an dem Wehr, damit hätte man beinahe einen

vollkommenen Haushalt einrichten können.

Aber der junge Meister Bodenhagen hatte einen eingerichteten Haushalt.

Er zog das angeschwemmte Geräte nur aufs Trockene und wartete, daß die

richtigen Eigentümer kamen und es wieder abholten. Einmal kam auch eine

leere Wiege die Innerste heruntergeschwommen, aber auch deren bedurften

Müller und Müllerin nicht; -- sie hatten vorsorglich eine solche bereits

auf dem Hausboden stehen und wollten sich von der Innerste am

allerwenigsten eine schenken lassen. Am fünfzehnten Dezember kam wieder

Besuch -- unerwarteter Besuch -- ein Gast, der jetzt zum dritten Male

eingekehrte und im Februar versprochen hatte, daß er erst zur Taufe

wieder erscheinen wolle; -- um aber zu taufen, mußte doch erst das

Kindlein vorhanden sein und die Wände beschreien! Der Gast aber sah

gerade nicht danach aus, als ob er noch sehr zu dergleichen Festivitäten

und sonstigen häuslichen und öffentlichen Lustbarkeiten aufgelegt sei.

Der Korporal Jochen Brand kam mit wunden Füßen, halb verhungert, in

Lumpen, daß es ein Abschreck war, und um allem die Krone aufzusetzen,

aus dem Gefängnis zu Wildemann.

»Wenn ich seit Torgau unter den Toten in der Grube gelegen hätte, könnte

ich mir selber nicht zum größeren Abscheu sein!« ächzte er, vor dem

erstarrten, die Hände zusammenschlagenden jungen Paare in der Mühle auf

die Bank fallend. --

Die Innerste: Erzählung · 第 5 / 7 段