Geklapper seiner Mühle, durch das Rauschen seines Baches, und sein Herz
klopfte auch immer lebendiger. Er hielt es nicht länger aus:
»Die unverdrossne Bienenschar
Fleugt hin und her, sucht hier und dar
Sich edle Honigspeise!«
jauchzte er und kam auch in den Garten gesprungen. Die alte Frau am
Fenster legte die Hand über die Augen zum Schutze gegen das Licht und
schüttelte ob der lustigen Jagd, die jetzt um die Büsche anhob, den
Kopf.
»Drei Schritte vom Leibe!« rief die junge Frau, mit beiden Händen
abwehrend. »Wie eine Schleiereule sieht er aus, ganz Groß-Förste hat
seinen Spaß daran, wenn man solch ein weißgepudert Geschöpf im Kirchturm
aushebt und die Jungen es im Dorfe herumtragen! Rühr mich nicht an! ich
werfe dir unsern ganzen Garten an den Kopf, wenn du mir nahe kommst, du
staubig Müllergespenst!«
Eine Handvoll Petersilie bekam er sofort ins Gesicht und nicht in die
Suppe; aber er griff doch zu und lachte:
»Weshalb hat Sie einen Müller genommen, Jungfer Papenberg? Einen
Schornsteinfeger hättest du dir wohl lieber gefallen lassen, Lieschen?«
»Ich will nicht! ich will nicht! Mein Topf kocht über, und mein Brei
brennt an, und über den Tisch schneidest du mir ein Gesicht!«
Sie brachte einen Johannisbeerbusch zwischen sich und ihren Verfolger.
»Und ich fange dich doch, mein Schatz!« rief der junge Meister.
»Jawohl -- ei freilich: mein Schatz! das hast du auch gelernt im Felde
--
Lieschen, mein Engel, meine Herzenstrompet',
Meine Pauke, Standarte und meine Musket',
-- dazu hat dich der Colignon von der Landstraße mitgenommen. Nein,
nein, ich will jetzt nicht! Drei Stunden hat man nachher an sich zu
fegen und zu bürsten. Mutter! Hülfe, Mutter Bodenhagen!«
Das alte Weiblein beugte sich weiter vor aus dem grünumsponnenen
Fenster, und über das verrunzelte Gesicht glitt doch ein vergnügliches
Lächeln. In den Liebesstreit der jungen Leute mischte die Greisin sich
aber doch nicht ein; sie nickte nur mit dem Kopfe und murmelte:
»Sind das schon fünfundvierzig Jahre her, seit mir mein Christian da
durch dieselbigen Wege nachjagte?«
In der Rosenlaube, dicht am Zaun und Bach, fing der junge Meister in der
Mühle seine Müllerin --
»Geh aus, mein Herz, und suche Freud
In dieser lieben Sommerzeit
An deines Gottes Gaben!
Schau an der schönen Gärten Zier
Und siehe, wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben!«
sie wußten in der Laube nichts von der blutigen Schlacht
bei Liegnitz, die der König Friedrich und der Feldmarschall
Laudon an diesem Morgen einander geliefert
hatten, und sie wußten auch nichts von den zwei
Augen drüben am andern Ufer der Innerste im
Weidendickicht! --
Es waren oben im Harze in den letzten Tagen starke Gewitter
niedergegangen, und infolge davon war der kleine Fluß nach seiner
Gewohnheit wieder einmal eine gute Strecke in den Busch und das Röhricht
übergetreten. Und inmitten des Busches, mit dem linken Arm sich um einen
knorrigen Weidenstumpen klammernd, der vorgesetzte rechte Fuß vom Wasser
überspült, stand ein junges Weib, vorgebeugt durch das Gezweig nach der
Mühle lugend. Nicht häßlich, aber seltsam verwildert war die Erscheinung
anzusehen. Rotes, brennend rotes Haar, hastig geflochten, war um eine
fast männlich breite Stirn gewunden, und eine der Flechten hatte sich
gar gelöst und hing über die vorgeneigte Wange. Schlank, fast hager und
gebräunt von Sonne, Wind und Wetter, in einem grauen Rock und grünem
Jäckchen stand das Weib oder Mädchen da, und wunderlich, wunderlich ließ
den Fuß im Wasser! Wie sie so dastand, hätte sie daraus hervorgestiegen
sein können; es paßte alles zueinander in Gestalt und in Farbe: die
Weiden und das Kleid der Lauscherin, das rote Haar und das gelbrote,
trübe Wasser der Innerste, und vor allen Dingen zu allem die hellen,
großen, grünblauen, kühlen Augen. Wer die Nixe der Innerste hätte malen
wollen, der hätte diese Kreatur in sein Bild setzen müssen!
Und sie regte sich nicht, diese Erscheinung! Der Wind rührte leise an
die Weidenzweige über ihr, an die hohen Schilfdolden und die Blätter des
Erlengebüsches um sie; aber nur ein einzig Mal auf einen kürzesten
Moment wehte er ihr die gelöste Flechte ganz über das Gesicht.
Zu ihren Füßen -- um ihren Fuß! -- regte sich und glitt leise die Flut
der Mühle zu, und die Blasen -- die Luftblasen vom Atem der
Wassergeister stiegen auch wieder empor zur Oberfläche und zerplatzten
im Lichte. Manche sagen, die Wassergeister sitzen drunten in der Tiefe
gleich riesengroßen Fröschen mit glühenden Augen und atmen still und
warten »auf Seelen«; wir wissen das nicht und können nicht darüber
nachsagen, und es ist nicht die Zeit, die rothaarige Lauscherin im
Geröhricht danach zu fragen; aber die Frösche haben nicht solche Augen
wie diejenigen, mit welchen sie in den Mühlgraben sah und nun in die
Laube am Zaun des Gartens hinübersieht.
»Du Schelm!« flüsterte der Meister Albrecht, und jetzt rührte sich das
Weib im Ufergebüsch doch. Die Zweige, die Dolden und die Blätter um sie
her erzitterten, der Fuß versank tiefer im Wasser und weichen
Schlammboden, und -- das war alles um den letzten mutwilligen Schrei,
mit dem sich die Müllerin unter den Rosen gegen den Kuß des Müllers
wehrte.
Die weißen Tauben, die sich auf dem Hausdache gesonnt hatten, erhoben
sich flatternd, und ihr Federspiel blitzte, als sie sich in der
Morgensonne und in der blauen Luft um den Schornstein schwangen.
»Du wilder Albrecht -- wenn -- du nun begraben lägest mit den tausend
und tausend anderen -- in einer Grube auf dem fremden Felde, wie der
arme Barthold Dörries?!« flüsterte die junge Frau, und in demselbigen
Augenblick lachte es laut im Weidengebüsch, und mit dem Lachen drang
zugleich ein anderer Ton in die Laube herüber. Ein Rufen war es nicht;
auch ein Schreien nicht; es war ein Lachen und Kreischen zu gleicher
Zeit, und niemand konnte sagen, ob der Ton aus der Luft, aus dem Busch
oder aus dem Wasser komme! -- -- --
Die junge Frau wurde totenbleich in den Armen ihres Mannes. Dieser fuhr
zusammen und ließ sein Weib los, und beide standen und horchten, und
wieder erwarteten sie mit stockendem Atem und gefrierendem Blut, daß
sich _das_ zum zweiten Mal vernehmen lasse. Vergeblich schien die Sonne
morgendlich-schön und sommerlich-warm in den eiskalten Schrecken hinein.
Von Hause her schlug der Spitzhund an und bellte heftig und zornig gegen
die Innerste hin; aber ringsum blieb es still, und wiederum ließ sich
die Stimme nicht zum zweiten Mal hören.
Die Innerste schrie nicht wieder; diesmal aber hatte sie wirklich und
wahrhaftig geschrien; -- es war keine Sinnestäuschung gewesen!
»Um Gottes und Jesu willen, was war das?« rief die junge Frau. »Hast du
es denn auch gehört? Ist es das, was dein Vater damals am Abend hörte?
Albrecht, Albrecht, -- Mann, Mann, es ist doch wahr! Das Wasser hat
gerufen wie ein böser Mensch in Angst und Zorn, und ich sterbe, wenn ich
die Stimme noch einmal höre!«
Der jetzige Herr der Mühle war gleichfalls bleich geworden; er preßte
die Zähne zusammen und lachte heiser:
»Sei still! es ist doch eine Dummheit! Sitze einen einzigen Augenblick
still; -- diesmal fange ich den Halunken, der uns da in die gute Stunde
hineingemeckert hat! Er wird uns nicht wieder hohnnecken; -- ich werde
ihm doch noch einmal den tollen Bodenhagen zeigen.«
»Nein, nein! Du gehst nicht von mir, Mann!«
Er war aber schon gegangen. Er hatte dem Hunde gepfiffen und sprang aus
dem Garten der Mühle zu. Sein Lieschen sah ihn über den Mühlensteg
laufen und in dem Busche jenseits der Innerste verschwinden. Ängstlich
rief sie ihn noch einmal; aber sie hörte ihn drüben nur: »Such, such,
Laudon!« rufen und den Spitz bellen. Mit zitternden Knien saß sie auf
der Bank in der Laube und versuchte es, ein Vaterunser zu beten, kam
aber vor Angst und Beben nicht weit damit. Sie saß halb bewußtlos in der
Sonne; alles -- Bäume und Büsche und Blumen, die Wiesen und das Haus,
wirrte sich ineinander; -- sie wollte nach der alten Frau im Hause rufen
und vermochte es nicht. Eine Ewigkeit verging dem armen Weibchen, bis
der Mann zurück von seiner Suche kam, und es waren doch kaum zehn
Minuten, die er ausblieb!
Als sie ihn langsamen Schrittes über den Mühlensteg zurückschreiten sah
mit dem Hunde hinter ihm, atmete sie tief auf; sie sah noch immer durch
einen blendenden, flimmernden Nebel, aber die Gegenstände ringsum nahmen
doch wieder ihre gewohnten Plätze ein und hielten sich ruhig. Ihr Müller
aber versuchte lustig auszusehen, als er durch den engen Gartenweg kam
und sich mit dem Kopfe auf der Schulter und untergeschlagenen Armen vor
sie hinstellte.
»Kein Jägersmann, dem man Glück zur Jagd gewünscht hat, kommt mit
leererer Tasche zurück, Liese!« sagte er. »Es ist eine Dummheit und es
bleibt eine Dummheit. Mein Trost ist nur, daß es nicht meine Sache ist,
einen Menschenverstand in den Weiberschnickschnack und die
Spinnstubenhistorien hineinzubringen.
»Du hast nicht gefunden -- gesehen, was da lachte! O Herr Jesus!«
Meister Albrecht schüttelte den Kopf.
»Weit und breit nichts zu sehen als der Busch und die Wiesen, und nichts
zu hören als der Wind im Busch! Der Satan finde aber auch mal einen, der
es darauf ablegt, sich in dem Röhricht zu verstecken. Und der Laudon ist
zu gar nichts nutze, der Korporal Jochen hat recht, Sackville sollte er
heißen, und wir wollen uns einen Köter mit einer feineren Nase
anschaffen zu deiner Beruhigung, Lieschen. Wahrhaftig, da läuft ihr noch
eine Träne über die Backe. Jetzt tu mir den einzigen Gefallen, guck
wieder auf. Morgen lege ich Fußangeln das ganze Weidicht durch, und ich
gebe dir mein Wort, das nächste Mal fangen wir das Geschrei. Nach
Sarstedt vors Gericht soll mir der Spuk, so wahr ich das Leben habe!«
»O Albrecht,« rief die junge Frau Liese mit gefalteten Händen, »tue das
nicht! denk an deinen seligen Vater! Du kannst die Innerste nicht mit
Fußangeln fangen; sie will ein Lebendiges --«
»Und den Hunger soll sie sich diesmal vergehen lassen, bei allen
Teufeln! Mohrenelement, es sitzt ein neuer Mann auf dieser Mühle -- was
vorher war, ist abgetan, und die alten Narrheiten kümmern den neuen
Müller nicht mehr. Dazu bin ich nicht gegen den Franzos im Felde
gewesen, um mir von solch einem nichtsnutzigen Wasser ein solches bieten
zu lassen. Meine Hühner ess' ich selber! Solange mein Vater lebte, habe
ich mich freilich genug ducken müssen; aber als ein Tropf vom Wirbel bis
zur Zeh bin ich doch nicht nach Hause gekommen.«
»Aber dein Vater --«
»Der ruht endlich in Frieden, und ich bin Herr und Meister allhier an
der Innerste. Komm ins Haus, mein Herz, mein Schatz, da kocht dein Topf
über -- da haben wir ja schon das ganze Malheur und brauchen auf kein
anderes zu warten. Wenn du mir aber noch einen Gefallen erweisen willst,
Lieschen, so schwatz gegen keinen Dritten von dem Unsinn und vor allem
nicht gegen die Alte. Die Alte wäre imstande, unseren ganzen Hühnerhof
den Bach hinunterschwimmen zu lassen, und wenn das nicht reicht, mit dem
Kuh- und Schweinestall obendrein dem Dinge den Mund zu stopfen. Es ist
wahrlich so in der Welt: man braucht nur laut zu brüllen, um seinen
Willen zu kriegen, und die Innerste versteht das meisterlich.«
»Ich wollte, ich kriegte nur dieses allereinzigste Mal meinen Willen,«
sagte weinerlich die junge Frau.
»Die besten Stücke von dem allerschwärzesten Huhn sollst du am Sonntag
haben,« sagte der Meister Albrecht, und sie traten durch die Küche in
die Stube, wo die alte Frau in ihrem Lehnstuhl am Fenster saß.
Sie traten fest herein, doch auf den Zehen gingen sie näher an den
Lehnstuhl heran; Lieschen hatte den Finger auf den Mund gelegt und
geflüstert:
»O sieh, die Mutter ist eingeschlafen! Sie hat nichts von dem Schrei und
Schrecken gemerkt! Guck nur, wie sanft sie schläft!«
Es war freilich ein friedliches Bild, und die Süßigkeit des Schlummers
lag wahrlich auf dem leicht zurückgelehnten alten guten Gesichte der
Greisin. Das große Gesangbuch lag noch offen in ihrem Schoße, und die
Hornbrille lag darauf, und die Mutter hatte die Hände darüber ineinander
gelegt. Die Sonne drang freundlich durch die grünen Blätter vor dem
Fenster und umspielte diese alten, harten, so lang so fleißigen Hände;
die beiden jungen Leute traten noch einen Schritt näher an den
Sorgenstuhl --
»Meinethalb mag sie zu jeder Zeit, wenn es ihr Pläsier macht, den ganzen
Viehstand zur Nordsee schwimmen lassen,« flüsterte der junge Herr und
Meister in der Mühle.
»Du bist doch ein guter Junge, Albrecht,« sagte leise die junge Müllerin
zu ihrem Mann, und dann fügte sie noch leiser hinzu: »Wenn ihr das Buch
von der Schürze rutscht, erschrickt sie auch und wacht auf; -- ich nehme
es ihr unter den Händen sanft weg.«
Sie beugte sich zärtlich herab, aber in demselbigen Moment fiel sie
nieder auf die Knie und faßte die Hände der Greisin mit einem lauten
Schrei:
»Albrecht? Albrecht! -- Albrecht!« --
Die Alte, die Mutter schlief; aber sie wachte von keinem Geräusch und
Lärm in der Welt mehr auf. Kein Lärmen -- Weinen und Lachen rundum
weckte sie mehr! Ob ihr Gesangbuch zu Boden fiel, ob die Innerste
schrie, ob Friedrich, Daun und Laudon im Schlachtendonner sich trafen --
einerlei! Die alte Frau schlief -- schlief ruhig weiter.
Neuntes Kapitel.
Im Jahre 1760 war der Harz bei weitem mehr als heute der _wilde_ Harz.
Er ist seitdem kultiviert worden, wie die Leine, die Ihme und die
Innerste reguliert worden sind. Was wir erzählen, gilt, sofern es die
Natur -- Wald und Wasser betrifft, nur von der Mitte des 18.
Jahrhunderts; was die Menschen angeht, so haben die sich weniger
verändert, wenn sie gleich unendlich viel gebildeter geworden sind und
anders zugeschnittene Kleider tragen, so Mann wie Weib.
Mit dem wilden Harz haben wir es jetzo zu tun. Immer an der Innerste
aufwärts bis in das Revier der drei Bergstädte Grund, Wildemann und
Lautenthal führt uns die Historie von dem schreienden Wasser. Da liegt,
wie der Leser schon weiß, zwischen Wildemann und Lautenthal Radebreckers
Mühle an der Innerste; vordem, als die Räder sich noch drehten, eine
Sägemühle mit gefräßigen Zähnen; aber die Räder stehen seit Jahren
still, und der vom Fels hinter der Mühle sich abstürzende Bach findet
allhier keine Arbeit mehr. Der Buschmüller hat dieses Geschäft längst
aufgegeben und sich ein ander Brot gesucht.
Das alte ruinenhafte Anwesen liegt in eine schluchtartige Windung des
Tales gedrückt, umgeben vom dunklen Tannenhochwald. Wer die Innerste in
ihrer ganzen Wildheit sehen wollte, der mußte sie hier in der Wildnis
aufsuchen. Grauschwarz und giftig kommt das Wasser von den Hüttenwerken
von Wildemann; daß es über mehr als drei Steine läuft, hilft ihm nichts,
es wird nicht reiner dadurch, und wütend springt es vom Stein hinter dem
Hause des Meisters Radebrecker und hohnlachend vorbei an dem gestellten,
trümmerhaften Rade.
Horch, eine Stimme, ein Lied aus dem Innern der Mühle, und Stimme und
Lied passen ganz und gar zu dieser Menschenwohnung und zu dem Tag und
Wetter. Es ist ein dunkler, windiger Oktobertag, der Sturm rauscht und
zischt durch den Tannenforst und beugt die schlanken Stämme; aber das
alte Harzschützenlied aus den Kriegen des vorigen Säkulums übertönt er
doch nicht. Es ist ein Lied, gut zu singen in der Felshöhle am Feuer in
der Winternacht, im wilden Walde -- vor der Bluttat und nach derselbigen
-- ein Lied von Blut und Feuer, vom schnellen, tückischen Überfall aus
dem Busch, ein Lied von Galgen und Rad -- seltsam zu hören aus einem
Weibermunde! Und die Innerste singt mit, und die Weise dringt weit
hinein in den Forst, und tief im Walde nimmt eine Männerstimme den
Endreim auf und sendet aus kraftvoller Brust das Gesätz zurück.
's ist der Kriegskamerad des neuen Müllers da unten an der Innerste,
oberhalb Sarstedt, der einarmige Korporal Jochen Brand, der da durch den
Wald kommt. Er trägt noch immer den militärischen Dreimaster schräg aufs
Ohr gedrückt, er trägt noch den blauen Rock, den er bei Minden trug;
aber Hut und Rock sind um ein Beträchtliches schäbiger geworden; -- sie
scheinen in der Bergstadt Grund sich nicht viel aus dem tapferen
Stadtkinde gemacht zu haben, und mit der Menage muß es auch nicht weit
hergewesen sein. Wohlgefüttert sieht der Korporal nicht aus, und die
schmutzig-roten Aufschläge an Kragen und Ärmel sind die munterste Farbe
an ihm.
Aber immer noch schwingt er den Wanderknittel in der heilen Linken zu
den alten Fechterkunststücken; es scheint ihn wenig zu kümmern, daß die
Jacke nur noch einen der Messingknöpfe mit dem ^F. R. -- Fridericus Rex^
-- aufzuweisen hat -- der Knopf genügt immer noch, den leeren rechten
Ärmel auf der braven, breiten, wetterfesten Brust festzuhalten.
Er kam den Berghang herunter aus der Dämmerung des Waldes hervor und
stieß einen lauten Hollaruf aus, als er das Dach der Mühle unter sich
sah. Drei mächtige Hunde mit Stachelhalsbändern heulten die Antwort und
stürzten sich durch den Bach dem Nahenden entgegen; als sie ihn aber
erkannten, begrüßten sie ihn freundschaftlich, und das nämliche tat der
Herr des Hauses, der jetzt in seine Tür getreten war und unzweifelhaft
einer etwas genaueren Beschreibung würdig ist.
Es war ein kleines, alraunenhaft aussehendes Kerlchen, das Meisterchen
Radebrecker. Man war durchaus nicht sicher, ob der alte Bursch nicht
einst als die schlimme Wurzel unter dem Galgen ausgerissen worden war
und den entsetzlichen Schrei der Sage ausgestoßen hatte. Aber wenn's
sich so verhielt, so war der Alraun doch allgemach gewachsen und hatte
es zu einer Höhe von fast fünf Fuß gebracht. Für ein bescheiden Gemüte
war ein ganz menschenähnliches Individuum aus der Mandragora geworden.
Ob die rauhhaarige Pudelmütze mit dem grauen, zotteligen Köpfchen des
Alten geboren worden war, konnte niemand wissen, aber niemand erinnerte
sich auch, ihn je bei Sommer und Winter, bei Tag und Nacht ohne dieselbe
erblickt zu haben. Seitwärts geneigt trug er das Köpfchen auf der einen
Schulter und als Gegengewicht ein Buckelchen auf der anderen. Sein Gehör
war so scharf wie seine Augen, obgleich manche Leute seltsamerweise
meinten, das eine sei so schwach wie die anderen; wenn sie dann des
Gegenteils zu ihrem Schaden gewahr wurden, wunderten sie sich gar noch.
Als der Einarm unter den letzten Bäumen hervortrat und über die Steine
im Bette der Innerste wegstieg, nahm der kleine Greis die kleine
Tonpfeife aus dem zahnlosen Munde und kicherte:
»He, he, auch der wieder! Sieh, sieh, guck, guck, auch Er kann es noch
immer nicht lassen; -- da ist Er ja wieder! -- Es ist ein Prachtmädchen!
Sie tut es ihnen allen an, und wie sie sich auch wehren mögen, sie
können nicht davon lassen. Der liebe Gott hat mich in Wahrheit mit einem
guten Kinde gesegnet, und es ist immer noch, wie's in dem Buche steht:
>Wohl dem, der Freude an seinen Kindern erlebt.<«
Das war nun mit einem solchen blasphemistischen Grinsen gesagt, daß
jegliche Bibel auf sechs Meilen in die Runde von Rechts wegen einen
Schreckenssprung hätte tun müssen auf ihrem Platz oder Gestell, und wie
das folgende Gespräch ausweist, kannte der Korporal Jochen seinen Mann
auch nach der Richtung.
»Guten Tag, Vater Radebrecker,« sagte der Einarm, militärisch grüßend.
»Guten Tag, mein Söhnchen,« entgegnete der alte Meister. »Der Herr segne
deinen Eingang und -- Ausgang.«
»Hm,« meinte der Soldat, »kann Er's denn gar nicht lassen, Er alter
Sünder? Weiß Er aber, ich habe mir sagen lassen von einem großen Ofen,
der immer noch geheizt wird, und anjetzo, wie einige meinen, mehr denn
je. Will Er denn absolut Pastor in der Hölle werden und von einer
glühenden Kanzel den armen verlorenen Seelen Geduld predigen,
Radebrecker?«
»Hm, -- jedermann nach seinen Gaben, Freund Jochen. Er in seinem wilden
gottlosen Kriegsleben kann nichts davon wissen, wie sanft es dem
Menschen zumute wird hier in der Eremiterei, im stillen Forste.«
»Man sollt's doch nicht für möglich halten!« brummte der Invalide mit
einem Blicke zum wolkenvollen Herbsthimmel. Dann sah er den Alten mit
einem gewissen scheuen Unbehagen von der Seite an und brachte das
Gespräch auf etwas anderes.
Er sagte mit einigem Zögern:
»Da Er's doch schon weiß und darüber sein Pläsier hat, so mach' ich's
kurz: der Innerste wegen bin ich mal wieder da, und wär's auch nur, um
mich von ihr malträtieren zu lassen, schlimmer als ein armer Sünder vom
Profossen. Wie geht's der Jungfer Tochter, Vater Radebrecker?«
»Hört Er sie nicht, mein Sohn? Sie hat eine recht feine, liebliche
Stimme. Es ist meine einzigste Lust in meinen alten Tagen, sie so in den
Wald hineinsingen zu hören.«
Der Einarm murmelte etwas zwischen den Zähnen; der greise Alraun aber
legte die Hand hinters Ohr.
»Was beliebt Ihm zu meinen, mein Herzenssöhnchen? Es wird immer
schlimmer mit meinem Gehör von Tag zu Tage?«
»Ich sage auch, daß die Innerste -- die Doris eine feine Stimme hat und
sie weit hinausschickt!« schrie der Korporal Jochen Brand. »Ich bin
nicht der erste, der sie auf sechs Meilen ins Land vernommen hat, und
den sie hergesungen hat nach dieser verdammten, gottverfluchten
Räuberhöhle. Und an Boten für ihre Wege fehlt's ihr auch nicht; wenn nur
der Botenlohn danach wäre!«
»Ei, ei, mein Söhnchen, was sagt Er da! Besinne Er sich doch, Korporal,
daß Er zu dem Buschmüller spricht, der ein Dach und einen Platz am
Tische hat für jedermann, von dem man zu Hause -- nichts wissen will,
und wenn er noch so glorreiche Bataillen gewonnen hat. Ein guter Ruf ist
das köstlichste Ding auf Erden und ein gut Gewissen --«
»Das zweitbeste Ding, Vater Radebrecker. Sapperlot, ich weiß alles und
verlange auch von Ihm keine Brühe an den Braten. Also die Innerste sitzt
in der Stube?«
»Wie's Täubchen im Neste; -- und Er ist willkommen, Jochen, wenn man Ihn
gleich in Grund über die Schulter ansieht. Geh' Er nur hinein; ich habe
noch hier draußen zu schaffen und komme nach.«
»Der Zwergenkönig vom Hübichenstein ist nichts gegen Ihn, Meister
Radebrecker!« seufzte der gute Kriegsmann des Herzogs Ferdinand und
stiefelte mit gehobenen Knien wie ein Storch über die Hausschwelle. Der
Alte schlich sich wie ein Fuchs um die Ecke seines Hauses und kicherte
vergnüglich in sich hinein.
Auf der Schwelle der Stubentür nahm der Korporal den Hut ab:
»^Bon jour, mademoiselle!^«
»He?« fragte Jungfer Doris, auf ihrem Stuhl am Fenster sich umwendend.
»Guten Tag, allerschönste Mademoisell, mein' ich. Wir haben manchen
Franzmann draußen unter uns, und von denen lernt man die Höflichkeit und
was den Damens sonst gefällt.«
»Mir gefallen Seine französischen Brocken gar nicht,« sagte die Jungfer
Radebrecker. »Wenn Er Seine Hündinnen da draußen vor den Bergen damit
vom Ofen locken kann, so hab' ich nichts dagegen einzuwenden, Kamerad.
Bringt Er mir sonst was mit, so komm' Er herein, Jochen, sonst aber
bleibe Er draußen.«
Der einarmige Soldat trat wenigstens einen Schritt weiter in die Stube
vor. Die Innerste rauschte dicht an dem Fenster vorbei, und Wald und
Fels sahen herein. Die rothaarige Jungfer saß faul an die Lehne ihres
Holzschemels sich legend und aß mit einem blutigen Messer in der Hand
ein Stück Brot. Das Messer hatte sie aus der Küche mitgebracht, und wenn
die kurfürstlich hannöverschen Förster nachgesucht hätten, so würden sie
auch wohl das ausgeweidete Schmaltier gefunden haben, dessen rote
Lebenstropfen an der Klinge hingen.
»Sakerment,« murmelte der Invalide, »am besten paßte sie doch zwischen
Mitternacht und ein Uhr auf ein Schlachtfeld, mit einem Sack auf der
Schulter und einer Blendlaterne in der Hand. Sie würde frisch aufräumen
im Notfalle unter den Blessierten. Wenn ich nur wüßte, was sie uns
eingibt, daß wir ihr immer von neuem so gutwillig ihre Säcke tragen?«
Lachend zeigte die Jungfer dem Kameraden ihre weißen Zähne und wies mit
einem Messer auf einen Schemel ihr gegenüber am Fenster.
»Nun, Korporal Brand, will Er sich nicht Seine Bequemlichkeit nehmen?
Aber -- ganz wie es Ihm beliebt.«
Schwerfällig setzte sich der Invalide auf den ihm angedeuteten Platz,
warf seinen Hut auf den Tisch und sagte mürrisch grollend:
»Deinen Vater kenne ich, Doris; aber deine Mutter hätte ich auch wohl
kennen mögen.«
»Weshalb?«