mochte, verdorben und blieb so, und die Fröhlichkeit des Abends kam
nicht wieder in Gang. Dagegen aber kamen von neuem die seltsamen
Historien in die Höhe, und ein jeglicher wußte abermals das Seinige zu
sagen von der Leine, der Ihme und der Innerste und selten etwas Gutes.
Die beiden Kriegskameraden blieben eine ziemliche Zeit aus; aber nicht
einmal den wachsamen Hund Laudon, der mit ihnen auf die Suche und Jagd
gesprungen, hörte man anschlagen, als ob er auf etwas Sonderbares
gestoßen sei. Am besten wird's sein, wir gehen ihnen jetzo nach; denn
wenn sie in der naßkalten Dunkelheit des Abends auch nichts Merkwürdiges
fanden, so haben sie doch allerhand Kurioses miteinander geredet; die
Jungfern, denen _wir_ erzählen, hören gern von dergleichen, zumal wenn
es sie allesamt so genau angeht wie in diesem Fall. Es klingt nämlich
durch die Nacht, das Rauschen des Mühlwassers und Wehen des Windes wie
ein kurz abgerissenes Stück aus dem alten, alten Liede von der Treue.
Sie standen beide still, nämlich die zwei einstigen Waffenbrüder vor der
Tür der Mühle, und ein jeder tat einen langen Atemzug in der feuchten
Kühle dieses Februarabends.
»Puh,« meinte der Korporal, »da merkt man erst, aus was für einem
Backofen man kommt und was für einen Dunst die gute Freundschaft im
Zusammenhocken prästieren kann. Eine Taternhöhle ist ja gar nichts
dagegen! -- Nun, Albrecht, steck die Laterne an, ohne eine Laterne
kommen wir dem Spuk nicht auf die Sprünge! Sieh, der Sackville ist ja
auch vorhanden, den können wir item gut gebrauchen. Such, such und
bring, Mylord!«
Der Hund tat ein paar Sprünge um seinen jungen Herrn herum, doch mit dem
Suchen gab er sich weiter keine Mühe.
»Du hast nichts vernommen, Jochen?« fragte der Haussohn.
Der Korporal fing an, einen königlich preußischen Kriegsmarsch zu
pfeifen, brach nach dem ersten Gesätz ab und erwiderte:
»Dich möcht' ich lieber als alles andere beim Laternenschein besehen,
Bodenhagen -- Musketier Bodenhagen! Die Innerste hat wohl nicht
geschrien, wie der Alte vermeinte; aber die Doris da oben an der
Innerste könnte wohl gelacht haben. Was meinst du, Albrecht?«
Der junge Müller lachte jedenfalls, doch es klang rauh, und die
Dunkelheit verhinderte den Korporal, zu sehen, wie sein Kamerad zu dem
Lachen die Hand ballte. Die Faust öffnete sich aber wieder, und Jochen
Brand fühlte die Hand seines Freundes an seinem gesunden Arme. Der
Müller zog ihn weiter von dem Hause weg um das Haus herum, über den Hof,
durch den Garten.
»Wer hat Ihm das gesagt; oder hat Er es aus sich selber gesagt? Das mit
dem Lachen? Jochen, es ist so; als der Vater sein Wort gerufen hatte und
das Frauenzimmer in seinem Schrecken winselte, habe ich ein Lachen
gehört. So wahr mir Gott helfe, es hat jemand in der Finsternis vor dem
Fenster gelacht, und dabei war ein Knirschen -- da -- so -- hörst du? --
gerade so!«
Diesmal knirschte nichts, als zwei der Eisschollen, die sich auf dem
dunklen, schläfrig dahinkriechenden Spiegel der Innerste aneinander
rieben, und der Korporal spuckte deshalb erst verächtlich in den Bach
hinein, dann aber sprach er ernsthaft genug:
»Musketier Bodenhagen, ich habe vieles erlebt in der Welt, und was am
grimmigsten aussah, das wurde manchmal zum größten Spaß. Ich bin mit dem
König, volle Feldmusik und fliegende Fahnen vorauf, dem Feldmarschall
Daun unter der Nase vorbeimarschiert, und er sah schauderhaft genug
herunter von seinem Berge und hinter seinen Schanzen und Kanonen hervor.
Ich weiß Bescheid in der Welt, Musketier, und zwischen Morgen und Abend
habe ich auch von Ihm genug gesehen und gehört, um zu wissen, wie es mit
Ihm steht. Will Er nun einen guten Rat annehmen?«
»Wie von einem leiblichen Bruder!« rief der junge Müller.
»So geh nicht wieder zurück in die Stube, Albrecht.«
»Ach, Jochen, rede deutlich!«
»Bleib draußen! Geh nicht wieder in das Haus zur Freundschaft zurück.
Ich habe drei Reichstaler in der Tasche, mehr bin ich in der ganzen
weiten Welt nicht wert; aber du sollst die Blechkappen haben und
willkommen dazu sein. Da liegt der Mühlensteg über die Innerste; --
spring, lauf und laß dich vor dem Jüngsten Gericht nicht wieder hier
sehen. Dieses ist mein Rat, und meine Meinung dazu ist, daß du hier ohne
Gnade und Barmherzigkeit kaput gehst. Der Alte ruiniert dich, die
Freundschaft ruiniert dich und die Jungfer Papenberg ruiniert dich zu
allermeist. Du spielst hier ja doch den wilden Bodenhagen nicht länger,
_der_ gute Geruch verdampfte wie der Franzos bei Roßbach. Die Innerste
aber holt dich bei guter Gelegenheit einmal wirklich, und die
Freundschaft und Verwandtschaft wird dir keine Stange hinhalten, um dich
aufs Trockene zu holen. Sie wird nur sagen, daß es ihr leid sei, wenn
sie dich mit dem Haken durchs Schilf zieht. Albrecht, Bruder Albrecht,
du weißt es selber, daß wir solche wie du zu Tausenden in der Armee
haben, und, Bruderherz, es ist doch vergnüglicher, bei Trommeln und
Pfeifen, mit Kling und Klang in angenehmer Kameradschaft eingescharrt,
als so zu Hause in Güte und Herzlichkeit vom Bösen geholt zu werden.
Kerl, geh zum Fritz nach Sachsen, wenn du den Prinzen Ferdinand satt
hast. Den Colignon findest du immer noch unterwegs, und er zahlt auch
ein immer besser Handgeld. Das ist der eine Weg aus deinem Jammer; der
andere aber geht hier am Bache hinauf, immer den Bergen zu. Schleich
dich zurück nach der Buschmühle, grüße Doris Radebrecker von mir und
bestelle ihr, sie solle dir schon um meinetwillen den Hals nicht
umdrehen.«
Mit schluchzender Stimme wimmerte der wilde Bodenhagen:
»Aber da drinnen in der Mühle in der Stube bei Vater und Mutter habe ich
ja meinen Schatz, meine junge Braut sitzen?!«
»Jawohl, hinter dem warmen Ofen, und des Herrn Vaters spanisch Rohr
hängt ihr über dem Kopfe am Nagel. Kamerad, ich sage dir, nimm dich in
acht, daß du die Innerste nicht wirklich und wahrhaftig nach dir
schreien hörst, wenn der Pfaff dir das arme Ding erst niet- und
nagelfest um den Hals geschmiedet hat. Nun, wie ist's? nimmst du
Vernunft an von deinem alten Zeltbruder und Unteroffizier? Greif zu; --
da hast du den Juden Ephraim und den Borussorum Rex dazu dreifach als
Reisegeld. Als du zum ersten Male durchgingest, hat dir der Herr Vater
wahrlich nicht so viel gutwillig mit auf den Weg gegeben.«
Er hatte sein letztes Besitztum an klingender Münze aus der Tasche
geholt und hielt es hin; der andere aber schob die Hand mit dem Gelde
mattherzig zurück.
»Dir ist dann nicht zu helfen,« sagte der Korporal Brand mit einem
Fluch. »Also sehe ich auch nicht ein, daß wir uns noch länger hier in
der Kühle und Feuchte herumtreiben. Laß uns zurück in die Stube.
Element, nachher wundert sich Seine königliche Majestät Fritze noch, daß
selber ihm manchmal eine Bataille schief abläuft. Kotz Blitz, es ist
auch ein Wunder, daß er mit solchen Breiköpfen und Plattfüßen in Reihe
und Glied sich doch noch so anständig durch zwei schlesische Kriege bis
in diesen dritten hinein durchgeschlagen hat. Marsch zurück unter den
Ofen, Sackville! Und meinen leeren Ärmel trag' ich auch noch nicht lange
genug, um nicht die Nachtkühle an dem nichtswürdigen Stumpfe zu
verspüren!«
Er drehte sich kurz um und ging in das Haus zurück. Strack und munter
trat er in die heiße, dampfvolle Stube ein, und dicht auf den Hacken
schlich ihm Albrecht nach.
»Herr Meister,« rief der Einarm lachend, »bei der Finsternis da draußen
suche Ihm ein anderer Seine nächtlichen Spukmusikanten. Hier der
Musketier Bodenhagen ist mein Zeuge, daß die Innerste so sanft
dahinfließt, als hätte sie niemals ein Mühlenrad getrieben oder einem
Müller die gute Laune verdorben. Und das muß ich auch sagen, das
Gespensterhafteste, was man heute abend zu sehen kriegen kann, sind die
Käsegesichter, welche die löbliche und angenehme Vetternschaft allhier
durch den Nebel schneidet. Hab' ich recht, Jungfer Papenberg?«
Die Jungfer Papenberg antwortete dem lustigen Invaliden nicht, ihr war's
genug, daß sie den Bräutigam heil und ganz von der gefährlichen
Expedition wieder hinter den Ofen ziehen konnte.
Der alte Müller Bodenhagen sagte aber ruhig:
»Er hat sich eine vergebliche Mühe gemacht, Musjeh. Meine Schuld ist es
nicht, Korporal Brand. Das Wasser schreiet wohl, aber sehen läßt sich
selten etwas, und das ist auch das Beste.«
Die anwesende Gesellschaft, die trotz allem vollauf genügenden Grauen
und Gruseln gehofft hatte, von den beiden mutigen Kriegsleuten noch
etwas Grauligeres zu vernehmen, fühlte sich getäuscht, wenngleich
niemand dieses zu sagen wagte. Es ist still geblieben, und die
Freundschaft von Groß-Förste, die am Nachmittage auf dem Wiesenwege
angekommen war, stieg nach einem bedrückten Abschiede auf den
Leiterwagen und fuhr wieder ab auf dem Fahrwege. Ebenso die
Vetternschaft aus Harsum und aus Pattensen.
Als der junge Müller seine Braut auf den Wagen hob, erschien sie ihm
beim Lichte der Laternen merkwürdig bleich, und sie schluchzte auch:
»O Albrecht, ich werde toll, wenn ich erst ganz bei dir bin und einmal
allein sitze und die Innerste schreit!«
»Binde dir selber keine Dummheiten auf und laß dir keine aufbinden!«
lachte der Bräutigam, doch klang sein Lachen gar nicht lustig.
Was der Göttingensche Hofrat und Professor zu dem Rate des Korporals
Jochen Brand gesagt haben würde, können wir leider nicht wissen: seine
Ansicht darüber wäre uns aber sicherlich höchst willkommen gewesen.
Siebentes Kapitel.
»Den Ersten nennen wir bei der Fahne den Weckauf, der geht auf sein Wohl
bergunter, Meister Müller. Den Zweiten nennen wir den Nebeldrücker;
diesen bringe ich Ihr zu, Frau Meisterin, und verhoffe, daß Ihr kein
Nebel in diesem Jahre den Dampf antue. Den Dritten nennen wir den
Lerchentriller, und den trinke ich zum Schluß auf dein Wohl, Musketier
Bodenhagen. Von den Lerchen ist freilich gegenwärtig noch nicht viel zu
sehen und zu hören in der Luft -- es sieht mir vielmehr nach einem
ordentlichen Schneefall aus. Aber einerlei, ein Soldat marschiert mit
gleichem Mut durch jedes Wetter; also habt allesamt Dank für eure
kompläsante Aufnahme und fürs gute Quartier; und Ihm, Meister Müller,
wünsche ich noch ganz apart beiseite, daß Er recht behalte, und daß das,
was Er da eben so grausamlich vollführet hat, Ihn und sein Hauswesen vor
allen Halunken von Geistern und Gespenstern schütze und nicht bloß vor
denen, die in Seinem Mühlwasser ihr heimtückisch Wesen treiben.«
Also sprach am anderen Morgen gegen neun Uhr der Korporal Jochen Brand,
und der Meister Christian entgegnete ihm:
»Seinen Wunsch will ich annehmen und gelten lassen, obgleich Er ihn wohl
ein wenig feiner hätte vorbringen können. Sonst aber hat Er mir ganz
wohl gefallen, Korporal, und es freut mich, daß mein Junge unter Seinen
Stock unterm Volk geraten ist. Das Quartier war gern gegeben, und wenn
Ihn Sein Weg schon nochmals hier vorbeiführen wird, so erinnere Er sich,
daß ein Teller für Ihn ohne Maulverziehen mit Satisfaktion auf den Tisch
gestellt wird.«
»Das ist ein Wort, Herr Vater, und ich bin der Mann zu dem Teller,
Meister Müller. Aber nun adjes, Frau Mutter und Kamerad Albrecht! Bleibt
gesund und munter. Beiläufig, es ist doch ein Gaudium, so frank und frei
auf jeder Landstraße marschieren zu dürfen, ohne vor dem Colignon und
seinen Leuten Bange zu haben. Da sieht man, wozu eine französische
Kanonenkugel am richtigen Fleck nutze ist. ^Bon jour!^«
Sie standen während dieser Reden alle auf dem Mühlenstege, der über die
Innerste auf den Feld- und Wiesenweg nach Groß-Förste führte, und der
Meister Christian Bodenhagen hielt im Arm die dickbäuchige
Branntweinflasche, aus welcher er dem muntern Gast und braven Invaliden
Seiner Majestät in Preußen zum fröhlichen Abschied den Weckauf, den
Nebeldrücker und Lerchentriller eingeschenkt hatte. Aber auf diesem
nämlichen Stege hatte er, der Alte, im Augenblick vorher ein anderes
nach seinem Vornehmen ins Werk gerichtet, was auch des Erzählens wert
ist.
Wenn das Wasser, die Innerste, geschrien hat, so will sie ihren Willen
haben, und wehe! wenn sie den nicht kriegt. Ein lebendiges Landtier
fordert sie für ihren gierigen Hunger, und am liebsten ist ihr ein
schwarzes Huhn; weshalb, das weiß man nicht. Bekommt sie ihren Willen
nicht in Zeit von vierundzwanzig Stunden, wird ihr das Huhn nicht mit
gebundenen Füßen und Flügeln in den Rachen geworfen, so hilft sie sich
selber. Sie versteht es, sich selber zu helfen, und holt sich einen
Menschen -- ohne Gnade und Gegenwehr einen Menschen! -- und zwar noch in
dem nämlichen Jahre. Manchmal wartet sie heimtückisch boshaft bis in die
letzte Stunde; aber sie erhascht ihr Opfer und sollte es auch erst in
der letzten Minute des letzten Dezembertages geschehen.
Diesmal jedenfalls hatte sie ihren Willen gehabt; der alte Müller an der
Innerste, Meister Christian Bodenhagen, hatte die ganze Nacht hindurch
ein zu seinem Unglück schwarzgefiedert Huhn, das ruhig und ahnungslos
auf seinem Balken schlief, nicht aus seinen Gedanken und Träumen
gelassen, und nun -- hatte es die Innerste bereits wie der Colignon den
Rekruten, auf welchen er's abgesehen hatte. Die Zuschauer hatten mit
geheimem Schauder das elende Tier in der Mühlrinne zappeln sehen und
kreischen gehört -- die Innerste hatte ihre Beute verschlungen, und
selbst der Korporal Brand hatte es nicht gewagt, den Meister Christian
auszulachen. Der Korporal hatte sogar dem jungen Müller leise den
Ellbogen in die Seite gestoßen und ihm hinter dem Rücken der Hand
zugeflüstert:
»Du! Der König Fritze würde zwar über dieses auf Französisch gelacht
haben, doch mir ist's augenblicklich gar nicht lächerlich mehr. Nun ist
mir doch wahrhaftig selber, als hätte ich gestern abend ein Geschrei
gehört! Alle Wetter, Musketier Bodenhagen, gib mir acht, daß du für dein
Teil auch immer ein schwarz Huhn zur Hand hast, wenn du hier allein Herr
und Meister sein wirst. Selbst wenn mir jetzo die Sonne auf den Weg
scheinen täte, was sie nicht tut, so würde sie mir diese Narrheit nicht
aus dem Kopfe scheinen. Was ich gestern abend gesagt habe, behält eben
doch seinen Sinn. Merk dir's, Kamerad.«
Darauf hatte der junge Müller seinerseits dem Korporal den Ellenbogen in
die Seite gesetzt, aber nur stumm dazu geseufzt. Der einarmige Invalide
verschwand auf dem Wege nach Groß-Förste im Morgennebel, und der Meister
Christian sagte:
»Ja, ja, Albrecht; wärst du mir so wie der nach Hause gekommen, so
hätt's mir auch besser gefallen. Das ist wenigstens ein Kerl und kein
Windsack. Marsch an die Arbeit! was steht Er da und gafft, Junge?«
Die Mutter Bodenhagen trug die Flasche und das Glas in das Haus zurück,
und allesamt gingen sie, ein jeglicher an seine Geschäfte. Es gab viele
Arbeit in der nächsten Zeit, und das war für alle gut, besonders aber
für den Haussohn, denn dem flog's recht häufig um Stirn und Nase, gleich
einer lästigen Fliege, die weder zu fangen noch zu verscheuchen war.
Es ist gar nicht zu sagen, wie viele Leute sich auf die Hochzeit des
jungen Müllers und der Jungfer von Papenbergs Hofe freuten und wie viele
sich zu derselbigen geladen und ungeladen einfanden. Zu angesetzter
Zeit, als die Welt wieder grün geworden war, fand sie statt, und es
wurde eine große Lustbarkeit. Unter den ungeladenen Gästen fanden sich
gottlob keine von denen, die Lieschen Papenbergs gute Freundinnen so
gern aus den Feldlagern in Westfalen, Schlesien oder Böhmen hergebeten
hätten. Die Sonne schien, die Geige schrillte, und der Brummbaß rumpelte
dem Siebenjährigen Kriege und den Franzosen im Lande zum Trotze, und was
das allerbeste war: die Innerste hat nicht die Pläsierlichkeit gestört,
das Wasser hat nicht in die Lust hineingeschrien. Das war auch für sie,
die Innerste, das beste; denn weder ein schwarz noch ein bunt Huhn wäre
an dem Tage für sie auf dem Hofe zu finden gewesen. Groß und klein, jung
und alt, waren sie in die Suppentöpfe gewandert -- nicht ein einziges
entging dem Messer der Hausmutter.
Und die Männer sagten alle, eine so saubere Braut wie das Lieschen sei
im ganzen Fürstentum Hildesheim nicht zum zweiten Male zu finden.
»Ich suche auch gar nicht danach,« sprach der junge Meister, und der
alte Meister rieb sich die Hände und murmelte:
»Nun mag es doch noch gehen; in sichere Zucht ist er anjetzo mit Gottes
Hülfe gebracht. Ich habe das Meinige an ihm getan, und wann er jetzo dem
Stabe Sanft parieren wird, so tue ich vor Johanni noch ein letztes und
gebe das Regimente ganz und gar ab. Der Alten wird's auch so recht
sein.«
So reden die Menschen von dem, was sie morgen -- übermorgen -- vor
Johanni tun wollen! Der Hochzeitsjubel ist verstummt in der Mühle; den
Brummbaß samt seinem Musikanten hat man am Morgen in zärtlicher
Umarmung, und was den Musikanten anging, im tiefen Schlaf im Graben an
der Straße nach Hohen-Hameln, und den alten Müller, den wackern Meister
Christian Bodenhagen, in seinem Bette tot gefunden. Der Medikus aus
Sarstedt hat ihn, den Meister, nachträglich zur Ader gelassen, jedoch
ganz und gar vergeblich.
»Es ist eben, auch nach der Errichtung der Universität Göttingen, immer
noch ein eigen Ding mit diesen Schlagflüssen, Mutter Bodenhagen,« sprach
der Doktor zu der in Tränen und Jammer aufgelösten alten Frau. »Zu
schnell kann unsereiner nie kommen. Halte Sie sich an den Trost, daß im
vorliegenden Casu die ganze medizinische Fakultät der Georgia Augusta
nicht mehr ausgerichtet hätte als wie ich.«
Achtes Kapitel.
Auf einer Trommel saß der Held
Und dachte seine Schlacht,
Den Himmel über sich zum Zelt,
Und um sich her die Nacht;
nämlich die Nacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten August 1760. Als
es dämmerig wurde, stand das Heer in voller Schlachtordnung auf den
Liegnitzer Hügeln; die Österreicher rückten an gegen den linken Flügel
der Preußen, und zwei Stunden später war wieder einmal alles ganz anders
gekommen, als ein bedeutender Teil Europas erwartet hatte. Der König
Fritz von Preußen hatte die Welt wieder einmal in ein nicht
ungerechtfertigtes Erstaunen versetzt und die Schlacht bei Liegnitz
gewonnen.
Der Hauptmann von Archenholz, der als blutjunger Junker mit dabei war,
sagt, daß der Morgen sehr schön war und daß die Sonne den blutigen
Walplatz, die Leichen und Sterbenden hell beschien. Sehr hübsch
schildert er auch, was nach der Affäre vorging:
»Um fünf Uhr des Morgens, da die feine Welt in allen europäischen
Ländern noch im tiefen Schlafe begraben lag und die arbeitenden
Volksklassen sich erst von ihrem Nachtlager erhoben, waren hier bereits
große Taten geschehen und vollendet. Man hatte einen wichtigen Sieg
erfochten, der die Vereinigung der Russen und Österreicher hinderte, und
alle ihre auf die schlesischen Festungen gemachten Entwürfe vereitelte.
Friedrich ließ auf der Stelle von der ganzen Armee ein Freudenfeuer
machen, und sodann setzte er sich sogleich in Marsch; ein Marsch, der
durchaus einzig in seiner Art und erstaunenswürdig war, der Aufzeichnung
so sehr wert, wie irgendeine große Begebenheit des gegenwärtigen Kriegs;
denn diese von der Blutarbeit abgemattete und von zahlreichen Heeren
umringte Armee mußte ohne Rast und ohne allen Zeitverlust fortrücken und
dabei alles eroberte Geschütz, alle Gefangenen und auch alle Verwundeten
mitnehmen. Man packte die letzteren auf Mehl- und Brotwagen; auch andere
Wagen und Chaisen nahm man dazu, sie mochten gehören, wem sie wollten;
selbst der König gab die seinigen her. Auch die Handpferde des Monarchen
und der vornehmen Befehlshaber wurden hergegeben, um die Verwundeten,
die noch reiten konnten, fortzubringen. Die ledigen Mehlwagen schlug man
in Stücke und spannte die Pferde vor die erbeuteten Kanonen. Von den
feindlichen Gewehren mußte ein jeder Reiter und Packknecht eins
mitnehmen. Nichts wurde zurückgelassen oder vergessen, erheblich oder
unerheblich; es war Beute. Auch nicht ein einziger Verwundeter blieb
zurück, weder von den Preußen, noch von den Österreichern, so daß um
neun Uhr, vier Stunden nach geendigter Schlacht, dies so unvorbereitet
neu belastete Heer mit dem ganzen ungeheuren Troß schon im vollen
Marsche war.«
Wir haben die Schilderung ganz abgeschrieben, denn es wird einem so
reinlich, leicht und gewissermaßen freundlich dabei zumute, daß es eine
wahre Lust ist. Und der Morgen war in der Tat sehr schön, und nicht bloß
in Schlesien. Um diese neunte sonnige Morgenstunde, während der alte
Fritz mit seinem siegesfrohen Heere sich auf dem Marsche nach Parchwitz
befand, sang in der Sarstedter Mühle eine helle Stimme, die aber mehr
der arbeitenden als der feinen Welt Europas angehörte, fröhlich in den
jungen Tag hinein.
Die junge Müllerin sang, und die Räder der Mühle drehten sich lustig,
die Innerste rauschte und glitzerte, und in dem kleinen Hausgarten
grünte und blühte und duftete es. Die Vögel, die Blumen und die Bienen
wußten so wenig wie die junge Müllerin, daß soeben der König von Preußen
die Schlacht bei Pfaffendorf gewonnen hatte, und wenn jemand es ihnen
gesagt hätte, würde es ihnen wahrscheinlich auch ziemlich einerlei
gewesen sein. Die Vögel sangen, die Bienen summten, die Schmetterlinge
flatterten um die Gartenblumen des achtzehnten Jahrhunderts, und die
junge Müllerin sprang hell und glänzend in den Garten, um Petersilie zu
pflücken, -- was ging sie alle die Bataille bei Liegnitz an?
Es war jammerschade, daß der Sänger des Frühlings gerade vor einem Jahr
bei Kunersdorf gefallen war, er hätte die Müllerin sehen und den Sommer
besingen sollen! Es paßte alles zusammen: die junge Frau mitten unter
dem Suppenkraut, das Herdfeuer, das man durch die offene Tür um den
schwarzen Topf tanzen sah, die Bienen, die Vögel, die Blumen, das
tanzende Rad, die Innerste und das grüne Weidengebüsch und die weiten,
sonnigen Wiesenflächen jenseits der Innerste. Gleim lebte noch, aber er
war damals noch nicht der alte Vater Gleim, sondern als Sekretär des
Domkapitels von Halberstadt und des Stiftes Walbeck, ein Mann in seinen
besten Jahren und sang Kriegslieder: _ihm_ hätte es damals nichts
genutzt, das Hüttchen, das Flüßchen, die Wiese und den Garten, die Sonne
und die junge Müllerin zu observieren. Es hat alles seine Zeit -- auch
in einem poetischen Gemüte! Der tapfere Krieger singt von den Schäfern
und Schnittern, der Herr Domsekretär von den preußischen Grenadieren,
und wahrscheinlich ist's ganz das Rechte, erst der alte Vater Gleim zu
werden und dann von Daphnis und Chloe zu singen -- Anakreon soll's auch
so gemacht haben.
Der jungen Müllerin sah man's nicht mehr an, daß ihr Hochzeitstag sie in
ein Trauerhaus eingeführt hatte. Sie trug zwar noch ein schwarzes Band
auf der Haube, aber das war auch allein als äußeres Zeichen von jenem
jähen Schrecken, der ihrer Brautnacht folgte, an ihr übrig geblieben.
Und so war's in der Ordnung! Die alte, ganz und gar schwarz gekleidete
Frau drinnen im Hause, am offenen Fenster, die vor ihrem Spinnrade die
Hände auf dem großgedruckten Gesangbuche gefaltet hielt, mochte hinter
ihrer Hornbrille immer noch durch Tränen in den Sonnenschein
hineinzwinkern; für die Jugend wollte es sich nicht schicken -- das
Leben war kurz und der gegenwärtige Morgen gar zu schön!
Die junge Müllerin sang: »Geh aus, mein Herz, und suche Freud!« sie
sang:
»Die Bäume stehen voller Laub,
Das Erdreich decket seinen Staub
Mit einem grünen Kleide.
Narzissen und die Tulipan,
Die ziehen sich viel schöner an
Als Salomonis Seide.
Aus Kleists Frühling war das nicht; auch nicht ein Lied von Gleim und
noch viel weniger aus einer Ramlerschen Ode. Paul Gerhardt hatte es
vordem gesungen:
»Die Bächlein rauschen in dem Sand
Und malen sich an ihrem Rand
Mit schattenreichen Myrten;
Die Wiesen liegen hart dabei
Und klingen ganz vom Lustgeschrei
Der Schaf' und ihrer Hirten, --
und von dem lustig-lebendigen Rade her fiel eine Männerstimme in das
Loblied des Sommers ein; der neue Herr der Mühle, Meister Albrecht
Bodenhagen, sang mit, und er hatte allen Grund dazu; denn es war eine
schmucke Frau aus der Jungfer Papenberg geworden, er -- Herr der Mühle
an der Innerste oberhalb Sarstedt, und die Innerste war ein nahrhaftes
Wasser: wer je Übles von ihr gesprochen hatte, der mochte die
Verantwortung auf seine eigene Kappe nehmen.
Ja, wenn nur drüben jenseits der Innerste im Weidengebüsch die Augen der
Nixe nicht gewesen wären.