Seinen Spaß mit Seinem Korporal! Wenn auch der Stock mit dem rechten Arm
bei Minden liegt, so hab' ich mich doch allmählich auf den linken
einexerziert, und ich weiß von Seinem Herrn Vater, daß ein spanisch Rohr
immer noch seine Wirkung auf Ihn tut. Was meint Er zu einem Knittel hier
aus dem Zaune? Rede Er Vernunft, oder ich wecke Seinen Herrn Vater, und
auf ein Wort mit der Jungfer Braut soll's mir auch nicht ankommen.«
»Nimm du endlich Vernunft an, Jochen,« sagte Albrecht Bodenhagen. »Du
hast jetzt dein Vergnügen an mir lange genug gehabt und kannst recht
gut, ohne dir was zu vergeben, das Maul halten. Daß du mein Korporal
gewesen bist, das ist richtig; daß du mich nicht schlimmer traktiert
hast als die anderen Kerle, mag auch seine Richtigkeit haben --«
»Mag auch seine Richtigkeit haben? Bursch, wie einen Prinzen hat man
dich unter der Fuchtel gehalten. Der alte Fritz zu Küstrin hat's nicht
viel besser gehabt! Hab' ich dich nicht auf dem Buckel getragen wie eine
Mutter ihr Kind?«
»Das weiß der liebe Himmel!« ächzte der junge Müller. »Aber es mag sein,
wie's will, als du mir heut morgen in die Stube rücktest, ist es mir
wahrhaftig nur ein freudiger Schrecken gewesen, und ich habe gedacht, da
ist doch zuletzt doch einmal wieder eine Seele, mit der du das Deinige
reden kannst, Bodenhagen. Verschossen ist die blaue Montur zwar, aber
dein Kamerad war er doch! will Er mich nun reden lassen oder nicht,
Korporal Brand?«
Der Korporal Brand legte seinen gesunden Arm dem niedergeschlagenen
Müller um den Nacken.
»Bruderherz, rede frei hin. Von einem Narren kann man eben nicht
verlangen, daß er Spaß verstehe, und so ist's auch von dir nicht zu
pretendieren. Sonst aber weißt du wohl noch, daß in unserem ganzen
hochlöblichen Regiment nur der Oberst ein Schnupptuch in der Tasche
führte; das ganze übrige Korps, Offiziere, Unteroffiziere, Trommler,
Pfeifer und Gemeine schnaubten sich nach Adams Art: also daß ich ein
Taschentuch der Rührung wegen an die Augen bringe, kannst du beim Satan
nicht verlangen. Jetzo mach ein Ende und deinem Herzen Luft! wo
steckt's? wo quält dich dein jung Leben? was hat dir die Innerste, das
Wasser, das deines Vaters Rad so nahrhaft treibt, zuleide getan?«
»Ehe ich zu euch zum Regiment kam, Jochen,« flüsterte der Müller, »war
ich droben bei euch im Harz. Ich hatte dem Alten wohl mein Vivat
Fridericus über den Bach zugeschrien; aber Ernst ist's mir nicht damit
gewesen. In die lustige weite Welt wollt' ich, und so bin ich
hinaufgekommen bis Wildemann, Korporal. Kennst du die Buschmühle
zwischen Wildemann und Lautenthal, Jochen Brand?«
Der Einarm trat einen Schritt zurück und tat einen langen,
verständnisvollen Pfiff.
»Hui -- die Radebreckers Mühle! Da also liegen die Kroaten im Busch?
Alle Hagel und Wetter, Musketier Bodenhagen, da möchte ich wirklich
zurückfragen, ob Er denn ganz und gar Bescheid in der Buschmühle weiß?«
Der Müller nickte, über die Schulter scheu nach seines Vaters Hause
blickend, und der Korporal fuhr fort:
»Das Wasser, das vom Stein auf das Rad springt, drehte es schon selten
genug, als ich da aus und einging. Sie haben andere Dinge zu schaffen,
als sich um ihr Mühlenwerk zu kümmern. Seit sechs Jahren stehe ich im
Felde; aber vor sechs Jahren spukte und stank es dort bedenklich, und
Doris Radebrecker war ein sechzehnjährig Ding. Die Werber holten mich
aus dem Forst am Hübichenstein und legten mir statt der Jägerbüchse des
Königs in Preußen Kommißflinte auf, sie hätten mich vielleicht noch
bequemlicher in der Buschmühle gefunden.«
»Mich faßte dort des Obersten Colignon Werbeoffizier vor dritthalb
Jahren, und damals war _die_ Innerste, die Doris wollt' ich sagen, so
zwischen Neunzehn und Zwanzig.«
»Wem möchte ich nun am liebsten die Knochen zerschlagen, dir oder ihr?«
murmelte der Invalide; dann aber lachte er von neuem, wenngleich ein
wenig grimmig, und rief, seinen leeren Ärmel schüttelnd:
»Nur weiter, du Armsündergesichte!«
»Als ich von hier, vom Hause, fortlief und dem Alten zuschrie, daß ich
in den Krieg ziehe, da meinte ich für ganz gewiß, daß ich ihm was
vorlöge. Aber gelogen hab' ich zuletzt doch nicht, wie Ihm bekannt ist,
Korporal; unter dem Stocke des Alten weg bin ich unter den Seinigen
geraten, Korporal Brand; aber in der Buschmühle bin ich bekannt, und wie
ich in den Krieg gekommen bin, davon weiß Doris Radebrecker in aller
Welt am besten auszusagen.«
»Und da mein Marsch dort vorbeigeht nach Grund, so will ich vorsprechen
und mich des weitern erkundigen, Meister Albrecht,« sprach der einarmige
Invalide mürrisch. »Sonst aber gebe ich Ihm recht: wer die Doris aus der
Sägemühle zwischen Lautenthal und Wildemann kennen gelernt hat, der weiß
sein übrig Leben davon zu erzählen, wenn er nicht lieber den Mund hält
zu seinem eigenen Besten.«
»Laß sie nicht wissen, daß ich wieder zu Hause sitze!« flüsterte
Albrecht Bodenhagen angsthaft. »Bei unserer Kameradschaft in Not und
Tod, Jochen, wenn du da vorsprechen mußt -- und ich weiß es ja, daß du
jetzo es nicht lassen kannst, und wenn der Strick drauf stünde, rede
nicht von mir. Da kommt die Verwandtschaft aus Groß-Förste; ich bin
versprochen worden mit dem Lieschen von Papenbergs Hofe, und zu Ostern
ist die Hochzeit. Sag der Innerste, der Doris, ich läge bei Bergen vor
der Stadt Frankfurt mit den anderen -- sechshundert in einer Grube! Sag
ihr, ich sei desertiert, und du habest mich zu Hameln auf Fort George
Spießruten laufen sehen -- sag ihr, ich sei verendet mit einer
zerbissenen Bleikugel zwischen den Zähnen unter den Haselruten. Sag ihr,
du habest selber mit zugehauen am Wesertor, hinter dem Hamelnschen Wall
--«
»Lüg ihr ins Blaue und Rote hinein, bis du schwarz wirst; -- o Kamerad,
wenn ich dich jetzt ansehe und mir denke, daß sie dich hier den wilden
Bodenhagen nannten, so kommt mir, der Innerste zum Trotz, ein Lachen an.
Jetzo weiß ich aber doch, weshalb es bei jeglicher Affäre meine Pflicht
gegen den König von Preußen war, dich im Feuer stets mit dem
Flintenkolben zum Gradestehen zu animieren! Hm, die Innerste! sie sagen,
daß die Innerste dann und wann schreie und dann jedesmal ein Lebendiges
für ihren Hunger verlange. Da kommt richtig die Vetter-Michelschaft von
Groß-Förste an, und jetzo will ich Seinen jetzigen Schatz mit meinen
Augen sehen, Musketier Bodenhagen, und Ihm dann meine letzte Meinung
gewißlich nicht vorenthalten. Verlaß Er sich darauf; ehe ich hier aus
meinem Quartier abmarschiere, werde ich Ihm meine Meinung sagen, grad
als ob ich sie Ihm in einem Testamente vermache. Wer aber hätte es
denken können, daß beim ersten Ausrücken aus dem Spital die liebe Doris
-- Doris Radebrecker wieder die erste sein würde, mir das Lachen zu
vertreiben und von vornherein den Spaß am ewigen Urlaub zu verderben.
Wie wird sie lachen, wenn sie mich anmarschieren sieht mit dem einen
Fittich! ^Mordieu^, wenn man nicht seine eigene Vetternschaft in Grund
sitzen hätte, so wär's freilich besser, ungehohneckt bei Bergen oder
hinterm Hamelnschen Wall seine fünf Fuß tief unterm Erdboden zu liegen.«
In diesem Moment hörte man jenseits der Innerste zwischen den kahlen
Erlen und Weiden im Gebüsch ein hell und lustig Mädchenlachen. Die
Verwandtschaft suchte sedate ihren Weg über den Mühlensteg; doch die
junge hübsche Braut, das Lieschen Papenberg von Papenbergs Hofe, stand
mit einem Male auf jenem Weidenstamme, auf dem im vorigen Sommer der
heimkehrende verlorene Sohn saß, als wir ihn zum ersten Male zu Gesicht
bekamen. Sie stand lachend und hell unter dem grauen Himmel vor dem
schmutzig schleichenden Wasser und winkte:
»Wir sind da! wir sind da, Albrecht! Hol über, hol über!«
»Eine saubere Jungfer, um die man schon einen Sprung in das Wasser tun
kann, Musketier Bodenhagen,« sagte der Korporal, höflich den Hut vor der
lachenden Braut ziehend. Es war wahrlich ein bildsauberes Mädchen, und
es stand zierlich in seinem Sonntagsstaat, und es war, als ob ein
fröhlicher Schein von ihm ausgehe in der grauen Umgebung an dem trüben
Februartage; die Innerste aber spiegelte nicht das hübsche, zierliche
Bildnis wieder, sie kroch schlammig und heimtückisch hin, mürbe,
schmutzige schwarze Eisstücke treibend. Und plötzlich regte sich der
Stamm, auf welchem die junge Braut stand. Fort und fort hatte die
Innerste unter ihm genagt, und er sank tiefer gegen ihren Spiegel, und
sie verschlang ihn jetzt, daß nur der allerletzte Wurzelstumpf noch
vorragte. Mit einem Schreckensschrei sprang das Mädchen von diesem hinab
und stand auf festem Boden; auch die beiden Männer am Zaun hatten einen
Angstruf ausgestoßen und eilten rasch durch den Garten nach dem
Mühlenstege, der kommenden Freundschaft entgegen.
»Da hättest du mich beinahe aus der Innerste auffischen müssen! Weshalb
holtest du mich auch nicht herüber, Albrecht?« rief die junge Braut
schmollend.
»Die Innerste ist eine Kanaille, Jungfer Papenberg!« sagte der Korporal
Brand, und der junge Müller sagte:
»Dieses hier ist mein allerbester Freund in der ganzen Armee des Prinzen
Ferdinand, Vater Papenberg. Er heißt Jochen Brand und ist aus der
Bergstadt Grund im Harz. Den Weidenstrunk hol' ich morgen mit dem
Frühesten aufs Trockene, Lieschen. Er soll nicht wieder einen Menschen
in die Versuchung führen. Aber jetzt kommt nur alle herein, wir wollen
uns einen pläsierlichen Tag machen.«
Sie machten sich in der Tat einen guten Tag; seit langen Jahren hatte
die alte Mühle nicht einen gleichen erlebt. Selbst der Meister Christian
legte ein Feiertagsgesicht an, wie es die Mutter Bodenhagen seit ihres
Sohnes Geburt nicht an dem Eheherrn gesehen hatte.
Der Vater Papenberg, seiner Natur nach ein vierschrötiger grober
Bauersmann und sozusagen acht Tage in der Woche ein Flegel, hatte so
fein und zutunlich wie heute auch seit langem nicht den Qualm aus seiner
Tonpfeife der Stuben- und Tischgenossenschaft ins Gesicht geblasen. Es
war ein jeglicher auf seinem Schick, und weder unter den Vettern noch
unter den Basen ging das Wort aus, wenn auch der Witz dann und wann
nicht allzu hell durch die Unterhaltung glänzte.
Und man hatte im Jahre 1760 allerhand Stoff, um darüber zu diskurrieren;
der alte Fritz und sämtliche Völkerschaften Europas sorgten dafür.
Hier war denn der einarmige Invalide von Minden, der Korporal Jochen
Brand, an seiner Stelle. Sie hörten ihm mit Erstaunen zu, und was er
sagte, war auch meistens höchst erstaunlich. Da war kein Kriegsrat, in
welchem er nicht mitgesessen zu haben schien. Wenn man ihn hörte, so
verwunderte man sich nur, daß er heute hier in der Mühle an der Innerste
am Tische sitze und nicht in einer der beiden großen Staatsmühlen zu
Berlin oder Wien am Trichter oder Beutelkasten; und daß ihn der
französische König und seine Hauptstaatsdame, die Madame Pompadour,
nicht auch schon längst nach Versailles geholt hatten, das war
gleicherweise unbegreiflich.
Im Winkel hinter dem Ofen saß aber Albrecht mit dem Lieschen. Sie
sprachen am wenigsten, und ob sie alles, was die anderen sagten,
vernahmen, das ist auch die Frage. Die Mannsleute rauchten allesamt, und
so verschwand, als nun gar noch die Dämmerung dazu kam, das Brautpaar in
seinem Winkel fast vollständig aus dem Gesichte der Verwandtschaft.
Weidlich aß und trank die Verwandtschaft, und der Meister Christian ging
stets selber in den Keller nach dem Bier. Als aber die Blechlampe
angezündet auf den Tisch gestellt wurde, da half es wenig, daß man den
Docht mit dem an dem Kettchen hängenden Drahthaken soweit als möglich
hervorzog; sie gab wohl auch ihr Teil Qualm zu dem vorhandenen
Tabaksdampf her, aber die Helligkeit, die sie hervorbrachte, wollte
wenig bedeuten. Doch aber hatte das rote Pünktchen in dem Nebel eine
andere Wirkung: das Gespräch kam von Krieg und Kriegsnot auf das, was
dergleichen blutig und brandig Elend vordeutet, als wie Kometen,
Feuerkugeln, feurige Reiter und Wagen im Gewölk, greuliche Veränderungen
an Sonne und Mond, wie jeder davon zu sagen wußte und solches erlebt
hatte, sowohl vor dem Ausbruch des jetzigen Krieges, wie vor dem Angang
des ersten und des zweiten schlesischen. Wußte doch sogar ein Altvater
noch von den Wundern zu erzählen, die sich zur Zeit des vorigen
französischen Königs im spanischen Sukzessionskriege und vor der
Schlacht bei Belgrad ereignet hatten.
Davon war der Sprung klein auf das, was ein jeglicher für sein eigen
Leben und Wesen an solchen Dingen als Mahnung und Warnung und Vorsage
gesehen und gehört hatte, und der Vetter Hans aus Harsum meinte:
»Da hat der Gevatter Bodenhagen wohl auch hier lange genug auf dieser
Mühle gesessen, um davon nachsagen zu können.«
Ein Murmeln ging um den Tisch, und dann wurde es still; es war, als
horche jeder nach den dunklen Fenstern, und es war auch, als rausche die
Innerste lauter als sonst durch die Nacht.
Die Mienen des alten Müllers hatten sich mit einem Male wieder
verfinstert.
»Wenn es Ihm recht ist, Gevatter,« sagte er, »so lasse Er das auf sich
beruhen. Ich bin im Frieden mit meinem Mühlwasser und will darin
bleiben. Wir sind manches Jahr gut miteinander ausgekommen, die Innerste
und ich, und es verdrießt mich, wenn Einer seine Zunge dazwischenstecken
will.«
»Nun, nun, Gevatter Bodenhagen,« sagte ein anderer, »manchen Possen hat
sie dir doch gespielt im Laufe der Zeiten, und wir mit unseren Wiesen
und Äckern sind auch nicht leer ausgegangen. Schreien hab' ich sie
freilich nicht hören, und unter den hannoverschen Herrschaften, die im
Sommer zu uns am Sonntage aufs Dorf gefahren kommen, ist auch mal einer,
ein Hofrat und grausam gelehrter Professor aus Göttingen gewesen, der
hat gesagt, das sei eitel dumm Zeug, denn --«
Ein Faustschlag des alten Müllers auf den Tisch und ein zorniger Blick
auf den Redner schlossen dem letzteren den Mund.
»Wer die Innerste nicht hat schreien hören, der soll Gott danken!«
sprach der Meister Bodenhagen. »Und jetzt ist's zu Ende mit dem
Geschwätz darüber,« fügte er hinzu.
Es war aber noch nicht zu Ende; dafür war der Korporal Jochen Brand als
vielerfahrener Gast in der Mühle an diesem Abend vorhanden.
»Wir hatten einmal einen Schwaben im Bataillon, der hat sich hoch
verschworen, daß man jeden Quell, Brunnen oder Bach totmachen könne, daß
er _nie_ wieder aus der Tiefe heraufkomme. Man müsse einen kupfernen
Kessel auf den Grund der Quelle eingraben, sagte er, und Quecksilber
hinein in den Born schütten, davon vergehe das Wasser; in seiner Heimat
habe vor alten Zeiten ein reicher Graf so einmal einen großen Fluß zum
Absterben gebracht, weil sein Töchterlein hineingefallen und vertrunken
sei. Wem also die Innerste nicht gefällt, der mag morgen mit mir an ihr
hinaufsteigen bis zu ihrem Ursprung im Harz und das Mittel probieren.
Dem Müller hier wär' freilich trotz allem wenig damit gedient, wenn ihm
plötzlich das Wasser Empfehle mich! sagte. Du da in der Ecke, Kamerad,
da müßte dich doch die Jungfer Lieschen reineweg ans Spinnrad setzen,
wenn dir so zwischen heut und morgen das Mühlrad stecken bliebe. Nicht
wahr, Jungfer im Winkel, da soll die Innerste doch lieber schreien, so
viel sie will?«
Es kam ein Kichern aus der dunklen warmen Ecke hinter dem Ofen.
»O ja!« rief Lieschen Papenberg; doch ein verdrossener Laut klang
dazwischen, und der junge Müller sagte mürrisch:
»Ich meine, was mein Vater meint, Jochen Brand, von wegen des Wassers.
Laß es laufen, wie es will! Hier den Krug bring' ich dir, Jochen; tu
Bescheid und sag uns einen feinen Spruch dazu.«
»Das ist das Richtige!« rief die Verwandtschaft rund um den Tisch, und
der Korporal ließ sich nicht lange nötigen. Er erhob sich, legte seinen
leeren Ärmel auf der Brust zurecht und hob den Steinkrug mit der weißen
Tulipane auf blauem Grunde in der heilen Linken.
»So tu' ich denn diesen Spruch mit Verlaub und Gunst der ganzen
anwesenden hochlöblichen Kumpanei:
Vivat, der König Fritze soll leben
Und die Jungfer Liese auch daneben;
Und flöss' die Innerste voll rotem Wein,
Sollt' sie nach mir nicht lange schrein.
Was aber ein gut Wasser ist,
Sich immerdar bergab ergießt,
Und bis dieser Bach zurücke wird gehn,
Soll immer hier das Rad sich drehn.
Nun höret mich an, ihr lieben Leute,
Prinz Ferdinand soll leben heute;
Und wird die Braut erst Frau genannt,
Rückt ein zur Taufe Jochen Brand!«
Er war noch nicht fertig; denn wenn er einmal so angefangen hatte,
konnte er selten ein kurzes Ende finden; diesmal aber kam er nicht
weiter.
Der alte Müller, der mit aufgestemmten Armen, das Kinn in der Hand,
behaglich nickend zugehorcht hatte, fuhr mit einem Male zusammen, hielt
sich mit beiden Händen am Tische und tat einen Ruck an demselben, daß
die Krüge und Gläser auf ihm erklirrten und übereinander fielen. Er
stand auf den Füßen, aber nicht fest; er horchte. Die Weiber rundum
kreischten auf, und die alte Müllerin faßte zitternd den Arm ihres
Mannes:
»Jesus Christus, Bodenhagen?!«
»Still!« flüsterte der Greis abwehrend, und nach einer Pause, während
welcher man nichts hörte als das Picken der Uhr, das leise Schnaufen des
am Ofen schlafenden Hundes und das Rauschen des Mühlwassers draußen,
sagte er feierlich mit einem gewissen ängstlichen Grimm in der Stimme:
»Wer will nun noch dagegen reden? Wollt Ihr Euch nun auf Eure eigenen
Ohren verlassen, Gevatter Schulze, oder im kommenden Sommer wieder auf
Euren Göttingenschen Hofrat? Wer hat es eben nicht gehört?!«
Sechstes Kapitel.
Nun hätten wohl auch wir in diesem Moment gern den gelehrten Professor
aus Göttingen hier in der Stube des Müllers an der Innerste gehabt. Wir
malen ihn uns wenigstens hinein und sehen ihn leibhaftig vor uns in dem
Kostüm von Anno 1760, schwarz, mit wohlgeordneter Perücke, tadellosem
Kragen und wohlgefälteter Hemdkrause, den Hut und Stock unterm Arm, die
zierlich geöffnete Dose in der Linken und zwischen dem Daumen und
Zeigefinger der Rechten die zierliche Prise. Er ist kurfürstlich
hannoverscher Untertan, aber er hält die Illusion fest, zugleich
königlich großbritannischer zu sein; -- er tut sich nicht wenig auf die
letztere, etwas zweifelhafte Eigenschaft zugute, zumal da er vielleicht
wirklich einmal in London war und den großen Mimen David Garrik auf den
Brettern von Drury Lane »tragieren« sah. Wie dem auch sei, er nimmt
seinen Tabak mit mehr Grazie als der große Doktor Samuel Johnson,
blickt, die Achseln emporziehend, um sich her und murmelt:
»Hm, hm!«
So ziemlich das Nämliche tun wir; -- auch wir sagen Hm, hm, hm! und
sehen im Kreise umher. -- Der Göttingensche Hofrat ist nicht ganz in der
Verehrung des großen britischen Doktors Johnson aufgegangen; der
Voltaireaner Fritz sitzt in Berlin (freilich reitet er um diese Jahre
mehr in Schlesien und Sachsen hin und her), und der deutsche Professor
glaubt selbst als königlich großbritannischer Untertan nicht an den
Geist in Cock-Lane: er glaubt überhaupt nicht an Gespenster, und das ist
ein Vorzug, auf den er gottlob kaum stolz sein darf als Professor von
Göttingen.
Hm, hm; wer in der Müllerstube hatte den Bach schreien hören? -- Niemand
natürlich, das heißt niemand als der Müller selber! Es trat aber
augenblicklich das ein, was gewöhnlich folgt, wenn irgend jemand in
einer größeren Gesellschaft etwas Ungewöhnliches oder gar
Geheimnisvolles gehört zu haben glaubt.
»Alle gute Geister --« stöhnte die Müllerin, »jetzt habt ihr's doch alle
vernommen und könnt bis zu eurem Ende davon nachsagen!«
Und sie nickten fast alle, und die Weiber drängten sich zu Hauf und
flüsterten zitternd. Die Männer warfen noch verstohlenere, scheuere
Blicke nach den niedrigen schwarzen Fenstern, und wieder wurde es
mausestill in der Stube.
Sie warteten in Todesangst und doch voll eines geheimen Verlangens, daß
der Ton noch einmal kommen, daß die Innerste zum zweiten Male schreien
werde. Sie warteten jedoch vergeblich; man vernahm zu dem gewöhnlichen
Rauschen des Wassers nur einen gurgelnden Laut aus der dicksten Mitte
des Tabaksqualms. Dieser Laut rührte von dem Korporal Jochen Brand her,
der abermals den Inhalt seines Kruges die Kehle hinunterlaufen ließ; und
der Korporal war's auch, der zuerst wieder der Kompagnie ein lautes Wort
zu hören gab.
»Ich für mein Teil habe nichts gehört!« sprach er ganz gemütlich. »Alle
Wetter, und sie haben doch mein feines Ohr manch liebes Mal auf
Vorposten gelobt!« Damit setzte er den geleerten Krug mit einem Klapp
auf den Tisch nieder. »Nicht wahr, Musketier Bodenhagen?« fügte er
hinzu.
Hinter dem Ofen hervor kam eine befangene Stimme:
»Sei ruhig, Lieschen -- es war nichts! -- Ich -- ich glaube auch nicht
dran!«
Der Meister Christian nahm die Tonpfeife, die er vor sich hingelegt
hatte, wieder auf, jedoch nur, um sie in zwei Stücke zu brechen und
unter den Tisch zu werfen.
»Junge?!« rief er. »Was will der Junge? Was sagt der Junge da? -- Will
der Junge, der Landläufer, auch einmal wieder reden, ohne gefragt zu
sein?«
»Ja, Herr Vater,« kam die Antwort ein wenig zögernd, aber doch mürrisch
genug aus dem Winkel zurück. »Und wenn die Innerste wirklich schreit, so
schreit sie nicht bloß nach Ihm, Herr Vater, sondern auch nach mir; also
darf ich diesmal doch reden, ohne von dem Herrn Vater gefragt worden zu
sein.«
Der Alte ächzte in maßloser Verwunderung und stand auf von seinem Stuhl.
»Christian?!« rief die Mutter flehend; doch der Vater Bodenhagen schob
sie wieder einmal von sich und streckte drohend die Faust nach dem Ofen
hin. Es war die höchste Zeit, daß sich jemand ins Mittel schlage und,
was noch an Behagen und friedlichem Einvernehmen zu retten war, in
Sicherheit bringe. Auch hierzu war der Korporal Brand gut und auf der
Stelle bereit.
»Und setze ich den Fall, daß da draußen nicht alles in Ordnung sei oder
einer sich einen Spaß mit diesem löblichen Konvivium und guter
Vetternschaft und Freundschaft gemacht habe,« rief er, »Sakrament, so
soll mich der Teufel holen, wenn ich nicht dem Dinge auf den Nacken
springe und dem Schreier verdemonstriere, wie naß die Innerste ist!
Bajonett auf, marsch, Musketier Bodenhagen. Komm mit hinaus in die
frische Luft, Albrecht, wir fangen den Spuk mit oder ohne Fischschwanz.
Hier in der Stube soll er uns was vorsingen, und der Herr Meister soll
ihm die Noten halten!«
Er sprang hinaus, und ihm nach sprang der junge Müller, dem Jungfer
Lieschen Papenberg vergeblich einen kläglichen Bittruf nachschickte. Die
übrigen blieben alle sitzen und legten sich von neuem aufs Horchen. Die
Braut drückte sich an ihre Mutter, der Vater Papenberg schüttelte den
Kopf, der Meister Christian senkte den seinigen finster auf die Brust
und schlug die Arme ineinander. Nach zehn Minuten vergeblichen Harrens
und Horchens ächzte die alte Müllerin:
»Vater, ich trage es nicht länger! Das Herz will mir vor Angst
zerspringen!«
»Laß sie doch,« murmelte der Greis. »Laß sie nur suchen. In meiner
Jungheit bin ich auch mal dem Rufen nachgegangen, meinem Vater zum
Trotz. Morgen früh -- ja morgen früh soll jedem sein Recht werden; und
jetzo, Freundschaft, guckt auf und kümmert euch um nichts. Schenk frisch
ein, Mutter, die Innerste wird nicht mehr zum zweiten Male schreien; sie
soll morgen früh ihr Recht haben!«
Die letzten Worte hatte der Alte selber mit schreiender Stimme gegen das
Fenster hin gerufen, und nun tat er selber einen hastigen, wilden Trunk.
»Guck auf, Lieschen! Gevattersche Papenberg, bringe Sie das Kind wieder
zu einem vergnügten Gesicht. Kümmert euch nicht mehr um die Innerste,
Freundschaft, ich kenne sie und sie kennt mich, und sie hat nicht im
Sinn, uns das Pläsier an diesem Abend zu verstören. Sie will nur ihr
Recht haben, und das soll sie auch morgen mit dem Frühesten kriegen.«
»Wenn ich nur meinen Jungen von draußen wieder drin hätte!« seufzte die
Mutter Bodenhagen; aber da schnarrte der Alte wiederum höchst
verdrießlich:
»Der Junge? Ja, der Junge! Freilich sagt man: was hängen soll, versäuft
nicht, und zu meinem Wunder ist der Junge ungehangen von dem Volk nach
Hause gekommen. Ach was, Gevatter Papenberg, trinke Er aus und lasse Er
nur das Kopfschütteln. Frisch weiter mit dem Pläsier!«