diese Theorien ungefähr abgeschritten sind. Man beherrscht die neue
Fragestellung, merkt aber, wie auch sie noch nicht ohne weiteres löst,
sondern ein Heer neuer Vermutungen herauszaubern muß, die alle ihr
Glück, aber auch alle ihre Bedenken haben. Hinter den Pendulationen des
Erdkolosses erscheint nach wie vor das Pendeln der Gedanken, hinter der
sich drehenden Kruste und den schwimmenden Erdteilen das Schwimmen
und Drehen vermeintlicher und echter Beweisstücke. Gern aber, wie
beim Kampf um den wirklichen Nord- oder Südpol, folgt man den tapfern
Männern, die, jeder in seiner Art, sich durch den Wust der Widersprüche
gekämpft.
* * * * *
So reich und unterhaltend diese Theorien wieder sind: man fühlt doch,
daß der Gedanke sich auch vor ihnen noch einmal auf die Wanderschaft
begeben konnte. Allerdings jetzt mit immer mehr verengtem Kreis.
Man kann die letzten kosmisch-astronomischen Ideen, die an dem Pol
hingen, auch noch über Bord werfen und bleibt dann ganz bei der Erde,
wie sie heute schwebt, wandelt und sich dreht. In allen Zeiten ihrer
Geschichte, wenigstens soweit Leben und Eiszeiten in Frage kommen,
läßt man sie so schweben, wandeln und sich drehen, genau wie heute.
Und fragt bloß, ob nun _irdisch-geologische Gründe_ auf ihr selbst zu
Eiszeiten geführt haben könnten. Auch von Theorien gilt ja manchmal
das alte: »Bleibe im Lande und nähre dich redlich.« Lyell, von dem ich
vorhin sprach, hat seinerzeit mit höchstem Erfolg gelehrt, man solle
auch bei den scheinbar wunderbarsten Begebnissen der Vergangenheit
naturgeschichtlich möglichst eine schlicht dem heutigen entsprechende
Ursache voraussetzen, ehe man durch alle Himmel und zu weltumstürzenden
Wandlungen schweife. Heute noch begibt sich bei uns mancherlei, das
doch im kleinen mächtig. Der Tropfen höhlt den Stein, in Jahrtausenden
verwittert der Fels, versandet eine Bucht, hebt sich leise die Küste;
auf geologische Zeiträume erstreckt, kann das aber auch Ungeheures
vielleicht erklären, vor dem man zuerst fassungslos stand. Ob nun mit
solchen einfach irdischen Mitteln auch die ganze Eiszeit zu packen
wäre ...?
Schon bei jenen kühnsten kosmischen Deutungen sahen wir gelegentlich
einzelne Hilfserklärungen gleichsam kleine Anleihen hier herüber
machen. Das kosmisch bedingte diluviale Eis sollte immerhin verstärkt
worden sein durch Ausbleiben warmer Strömungen. Oder die Gebirge
Skandinaviens sollten höher geragt und so bessere Ausgangspunkte
weitreichender Vereisung geboten haben. Das Eis, einmal gegeben, sollte
selber das Wetter verschlechtert haben, das nun fortzeugend wie der
Fluch der bösen Tat neues Eis aus sich gebären mußte. Wenn aber diese
Hilfen _allein_ schon gelangt hätten?
Hier ist zunächst ein Kreis ganz »zahmer« Theorien entsprungen. Sie
versteifen sich besonders auf jene besagten paar Grad Kälte mehr,
die es zu dem ganzen Diluvialeis bloß gebraucht hätte. Ob man diese
lumpigen sechs Grad oder noch nicht einmal soviel nicht tatsächlich
im Sinne Lyells aus einer ganz kleinen örtlichen Änderung gegen heute
erzielen könnte?
Wenn man eine Karte unserer gegenwärtigen Meeresströmungen zur
Hand nimmt, so gewahrt man im oberen Teil des Atlantischen Ozeans
ein wunderbares System sich gegenseitig bekämpfender Warm- und
Kaltwasserleitungen. Die großen tropischen Äquatorialströmungen, nach
dem Erdgesetz der Passatwinde westlich gedrängt, stauen sich an den
Antillen und in dem Mexikosack vor der mittelamerikanischen Landbrücke
und ergießen ihre abgelenkten Heizwasser als wärmenden Golfstrom hoch
hinauf bis gegen die Westküsten Nordeuropas. Umgekehrt strömt es
eisig kalt im Labradorstrom aus der Davisstraße und an Ostgrönland
vorbei gegen Nordamerika zu. Heute überwiegt in dieser seltsamen
Kanalisation, die den freien Ozean noch einmal wie mit ungeheuren
Flußadern von besonderer Temperatur durchsetzt, für uns die wärmere
Leitung. Aber man braucht nicht die Pole zu verlegen und die ganze
Erde hin- und herpendeln zu lassen, wenn man sieht, daß schon ganz
geringe Landverschiebungen, wie sie jede Geologie annimmt, an diesem
natürlichen Heizsystem gründlich rütteln könnten. Wenn die Landenge
von Panama aufbräche, stürzten jene tropischen Äquatorialfluten in den
Stillen Ozean ab und der ganze Golfstrom hörte auf zu bestehen. In
der älteren Tertiärzeit hat solches Tor fern da unten wirklich einmal
bestanden, während es freilich im Diluvium selbst längst verrammelt
war. Aber bis in dieses Diluvium hinein ragte wohl noch eine mehr
oder minder schmale Landbrücke, die Europa von Schottland über die
Färöer und Island an Grönland schloß. Auch dann muß der Golfstrom
seinen Hauptberuf verfehlt haben, er konnte mit seinen Ausläufern
nicht nach Norwegen durch, -- umgekehrt aber würde ein Teil der
eisigen Grönlandwasser sich hinter jener Atlantisbrücke sehr zu unsern
Ungunsten gestaut haben. Erfolg mußte sein, daß an die skandinavischen
Küsten immer wachsendes Polareis trieb, bis sich die Gebirge dort, ins
Mark erkältet, mit Gletschern bedeckten wie Grönland selbst.
Wenn man aber zugleich wieder an die nicht auszusagenden Schuttmengen
denkt, die dieses Skandinavien ebenso wie unsere Alpen während der
Diluvialzeit selber ausgestreut und also verloren hat, so wird
man abermals auch ohne Pendulationstheorie denken müssen, daß die
Gebirgskämme dort anfangs überall noch ein Stück höher gelegen haben,
gekrönt von dem festen Stein, der nachmals als zerbrochene Schuttflut
ihren Flanken entrann. Für Skandinavien ist auch immer wieder erwogen
worden, ob es nicht eben durch die beispiellose Last von über zwei
Kilometern Eisdicke selbst erst gleichsam tiefer untergetaucht, also im
Ganzen gesenkt worden sei. Auf jeden Fall muß aber diese höhere Lage
ihrerseits zunächst die »Vergrönlandung« unterstützt haben. War aber
einmal ein skandinavisches Grönland geschaffen, so mußte das wieder die
bedeutsamsten Folgen für ganz Europa haben.
Das wirkliche Grönland bricht heute gegen die unabsehbar offene See
mit ihrer geheimen Warmwasserheizung ab. Vor dem skandinavischen
Grönland lag dagegen schutzlos das übrige Europa, in dessen Ebenen das
Eis wie an einer schrägen Rutschfläche weithin einsinken konnte. Über
dem wachsenden Eisfeld aber mußten sich bestimmte meteorologische,
die auflagernde Luft und ihre Schichtung und Bewegung betreffende
Verhältnisse geltend machen. Das Inlandeis mußte eine kolossale
Abkühlung der Luft über sich schaffen, die sich im Sommer wie Winter
als eine dauernde »Antizyklone«, wie der Meteorolog das nennt (Gebiet
mit hohem Luftdruck im Innern), äußerte. Die tauenden Winde wurden
abgehalten, die ganze Luftdruck- und Luftströmungslage Europas gegen
heute auf den Kopf gestellt, -- alles aber so, daß (der Gedanke tauchte
bereits bei Croll auf) der Eiszustand sich selber tatsächlich immer neu
regeln und weitererzeugen mußte. Gleichzeitig erhöhten die verlagerten
schwachen Luftdruckzonen im südlicheren Europa die Niederschläge,
es gab Regenzeiten und auf den Gebirgen auch dort mehr Schnee und
anwachsende Vergletscherung, wie sie die riesigen Moränen (Schuttreste)
der diluvialen Alpengletscher noch jetzt so anschaulich vor Augen
stellen.
Ich fasse auch hier wieder verschiedene Einzeltheorien in ein möglichst
einheitliches Bild zusammen. Im engeren findet man die Golfstromidee
u. a. bei dem kenntnisreichen Kölner Astronomen Hermann J. Klein
entwickelt, dessen Wetterwarte auf dem Dach der »Kölnischen Zeitung«
mir persönlich noch zu den lebhaftesten Jugenderinnerungen gehört
und dem man mit atemloser Spannung einst bei seinen wunderbaren
Nachrichten von Veränderungen auf dem scheinbar grabesstarren Monde
folgte. Während die meteorologischen und sonstigen Folgerungen am
klarsten von Geinitz, zweifellos einem der allerbesten Kenner unserer
europäischen Eiszeitspuren, neuerdings auch zusammengefaßt von M.
Semper gegeben worden sind. Nach allem Gesagten wird der Leser
aber die Achillesferse auch dieses »bescheidenen« Gedankengangs
herausfühlen. Es stimmt alles verblüffend einfach, wenn man eben bloß
bei Europa bleibt. Nordamerika fordert schon eine eigene unabhängige
»Lokaltheorie«. Alles weitere aber wird überhaupt nicht erklärt. Nicht
die äquatorialen Pluvialzeiten, nicht die Meyersche Mehrvergletscherung
am Kilimandscharo und in Ekuador, nicht die Bipolarität. Das Rätsel
der tertiären Wärme, die Lichtfrage werden gar nicht angeschnitten,
die permische Eiszeit müßte wieder auf einem neuen Lokalzufall von
damals beruhen. Nicht einmal die wärmeren Interglazialzeiten finden
eine Stelle, wie denn charakteristischerweise grade Geinitz auch bis
heute ihr hartnäckigster Leugner geblieben ist. So sieht man, falls
nicht noch überraschende neue Einfälle hinzukommen sollten, die
»Bescheidenheit« zur »Armut« werden.
In gewissem Sinne wird es allerdings immer von Wert sein, diese
reine Lokaldeutung bis in ihre letzten Möglichkeiten durchzudenken,
denn sie wird stets eine Hilfstheorie »nebenher« sein. Wir sahen
das schon bei Croll und sonst, aber es wird auf jede Erklärung, sei
sie, wie sie sei, zutreffen. Auch wenn die Eiszeiten im ganzen eine
noch so besondere Ursache für sich hatten, müssen doch örtliche
geographische Ursachen, müssen engere, in der meteorologischen Lage
begründete Dinge hineingewirkt haben. Man denke an das Bild irgendeiner
kleineren Naturkatastrophe, etwa einer Überschwemmung, von heute.
Ihr eigentlicher Anlaß mag in höheren Gewalten liegen: ihre örtliche
Bahn wird sich doch nach gegebenen Flußnetzen richten, wird sich
stauen vor einem in den Weg gestellten Gebirge, wird schlimmer oder
leichter werden, je nach der Unterstützung oder Hemmung durch den
Fleck, wo sie spielt. Der ~genius loci~ gleichsam, wie man im Altertum
sagte, der Geist des Orts, wird seine Hand dabei haben. Ob eine warme
Meeresströmung noch obenein fehlte, als es im Norden kälter wurde, oder
ob zu einer im ganzen wärmeren Zeit auch noch (wie im zerstückelten
Europa älterer Erdalter) ein ausgesprochen milderes Inselklima trat,
das kann _nie_ ganz belanglos gewesen sein und so auch nicht eine
Forschung, die hierauf Gewicht legt. Gleichwohl versteht man, wie es
locken mußte, auch rein irdisch und im Sinne Lyells doch noch wieder
eine _universalere_ Theorie aufzustellen, die auch reicheren Ansprüchen
genügte. Der Charakterkopf, der hier auftaucht, gehörte zu den
führenden Geistern neuzeitlicher Naturforschung. Sein entscheidender
Gedanke aber reicht mit einer Vorgeschichte wieder über ein ganzes
Jahrhundert zurück.
Jede Wissenschaft hat gelegentlich ihr Märchen, das sich vorübergehend
in sie einschmuggelt. Wir sind bei unserem eigenen Stoff ja wohl schon
durch mehrere Beispiele gegangen. Ein solches Märchen war aber in der
neueren Geologie die ungeheure Kohlensäuremenge der Steinkohlenzeit.
Man sah die mächtigen Kohlenflöze, durch Pflanzen zu Stein gebunden.
All der Kohlenstoff mußte doch einmal in der Luft gewesen sein, aus der
ihn die Wälder von damals erst langsam herausgefressen hatten. So kam
die Legende von einer dicken Urwolke von Kohlensäure, die anfangs um
die Erde gelagert habe, bis Pflanzenarbeit die Luft so weit reinigte,
daß höhere Wesen atmen konnten. Das wilde Bild wurde gewohnheitsmäßig
mit einer dauernden Bodenheizung und einer dieser Wärme verdankten
Wasserdampfwolke verknüpft, auch sie so dick, daß die Sonne nur als
rötlicher Fleck darin stand und im ewigen Dämmer bloß lichtscheues
Tiervolk, Molche, Termiten und Kakerlaken ihr Wesen treiben konnten.
In all diesen Ausschmückungen handelte es sich aber tatsächlich um ein
Märchen, und es schien leicht, das zu beweisen. Neumayr hat in den
80er Jahren von geologischem Ideenschutt gesprochen, der da wieder
abgeräumt werden müsse. Das Unhaltbare der Bodenheizung haben wir
schon besprochen. In dem kellerartig überdicken Dampfdämmer hätte kein
Farnblatt grünen können. Und speziell die Kohlensäureschwängerung müßte
in diesem phantastischen Umfang alle Kalkschichten der Meere von damals
chemisch aufgelöst und die Tierschöpfung von vornherein unmöglich
gemacht haben. Steinkohle aber konnte sich auch ohne das bilden. Noch
heute ziehen Pflanzenleichen, Gesteinsverwitterung und organische
Kalkbildung beständig eine Menge Kohlensäure aus der Luft, im gleichen
Prozentverhältnis ersetzt sie sich indessen wieder aus den natürlichen
Gasausströmungen, die jeden vulkanischen Ausbruch begleiten, abgesehen
von geringeren Quellen. Warum soll dieser einfache Wechsellauf nicht
von je bestanden haben? Das Märchen schien für immer eingesargt, und
doch sollte in ihm, wie so oft, noch eine sehr merkwürdige Anregung
stecken.
Allgemein lenkte es ja den Blick auf etwas, das wir bei all unsern
Eiszeitbetrachtungen bisher noch nicht erwogen haben, obwohl es
geologisch auch stets mitgespielt haben muß: -- nämlich die chemische
Zusammensetzung unserer irdischen Lufthülle. Es ist rund jetzt
hundert Jahre her, daß der Physiker Fourier über diese Lufthülle
eine überraschende Lehre aufstellte. Pouillet und Tyndall haben sie
nachher vervollkommnet. Ihr Sinn aber betraf ein Wärmeverhältnis.
All unsere Erdwärme erhalten wir von der Sonne. Wie wir sie indessen
_behalten_, dazu spielt diese Lufthülle entscheidend mit. Sie wirkt
nämlich wie die Scheibe eines Treibhauses. Gleich solcher läßt sie
das helle wärmende Sonnenlicht, das von oben einfällt, die »helle
Wärme« gleichsam, unbehindert bis zu ihrem Erdengrunde durchströmen;
wenn aber von der erwärmten Erde nun die »dunkle Wärme« wieder
zurückströmen möchte, so wehrt sie dem Flüchtling den Paß, ganz
genau wie die schützende Treibhausscheibe einer inneren Ofenheizung.
Seltsam nun aber: diese Glasrolle der Luft, so unendlich segensreich
für uns, hing selber wieder an ihrer chemischen Zusammenmischung.
Zwei verhältnismäßig geringe Bestandteile in ihr stellten sie erst im
engeren her: nämlich eben der in ihr schwebende Wasserdampf und die
Kohlensäure.
Unwillkürlich denkt man dabei doch noch einmal an das Märchen zurück.
Gab es damals wirklich einen auch nur um weniges dickeren Kohlensäure-
und Wasserdampfgehalt in der Luft, so hätte man die zweifelhafte
Bodenheizung entbehren können. Das verdickte Glasfenster hielt dann
allein schon so viel Sonnenwärme mehr zurück, daß die Erde sich
darunter wie in einem Treibhause erhitzen mußte. Dabei hätte aber der
Wasserdampf (den man ja überhaupt nicht _zu_ dick machen durfte) schon
als ein Ergebnis dieser Wärme selbst gelten können, und man käme auf
die Kohlensäure als den Grundheizer. Mehr Kohlensäure damals, mehr
Wärme ...
Es war im Jahre 1895 zu Pavia de Marchi, der hier die Frage aufwarf, ob
in dem abgetanen Märchen nicht doch noch ein Kerngehalt gesteckt haben
könnte. In der Erdgeschichte wechselten wärmere mit kälteren Perioden.
Wenn das nun bei völlig gleichbleibender astronomischer Erdstellung
und Sonne doch irgendwie auf eine solche »Fensterfrage« unserer Erde
gegenüber der Sonne hinausgelaufen wäre? Mit andern Worten: ob sich
nicht die Durchlässigkeit unserer Atmosphäre für Wärme periodisch im
geologischen Lauf geändert haben könnte? De Marchi selbst ließ dabei
offen, was der eigentliche Regulator gewesen sein sollte. Hier aber
zog jetzt ein viel Bedeutenderer die Folgerung: Svante Arrhenius
erklärte bereits im nächsten Jahr (1896) in einer Abhandlung des
englischen Philosophischen Magazins die Kohlensäure unmittelbar für den
geologischen Proteus, dessen Verwandlungen den ganzen Klimawechsel der
Vergangenheit von den ältesten Tagen an bedingt hätten.
Svante Arrhenius, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen
schwedischen Botaniker von Ruf, ist geboren am 19. Februar 1859 zu
Wijk bei Upsala, hat aber in seinem Bildungsgang eine vollgültige
deutsche Schulung für sein Spezialfach, die Elektrochemie, genossen.
Er wirkt heute auf der Höhe seiner Kraft an der Universität Stockholm.
In reifen Jahren noch zu immer umfassenderen Fragen der Weltphysik
vorgeschritten, hat er bis in weiteste Kreise Aufsehen gemacht durch
seinen großzügigen Versuch, den Kant-Laplaceschen Gedanken durch ein
vertiefteres »Werden der Welten« zu ersetzen. Über den wunderbaren
Druck, den, entgegengesetzt zur Schwere, der Lichtstrahl selber ausübt
und durch den sich der Stoff in die fernsten Abgründe des Raumes
vertreibt; über die Unsterblichkeit des Lebens in diesem Raum; über
die ewige Selbstwiedererweckung des Alls gegenüber dem arbeitlähmenden
Weltentod durch Wärmeausgleichung (Entropie) und wieviel anderes mehr
hat er, auch vom Gegner bewundert, eine funkelnde Fülle genialer
Gedanken ausgestreut. Man durfte auf jeden Fall eine große Anregung
erwarten, als grade dieser reiche Geist sich auch an die Eiszeitfrage
zu rühren vermaß.
Das Märchen klingt auch bei Arrhenius nur eben an. Im Uranfang hat
es wohl wirklich noch etwas mehr Kohlensäure gegeben, die dann
langsam erst abgebaut wurde, aber hier liegt nicht das Entscheidende.
Von gewisser früher Zeit an hat das Wechselverhältnis von
Kohlensäureverbrauch und Kohlensäureersatz jedenfalls auch geologisch
bereits gewaltet, ohne daß mehr da war, als auch die Tiere vertragen
konnten. Gleichwohl ist der Ausgleich noch gewissen Schwankungen in
den geologischen Epochen unterlegen gewesen. Zuzeiten war etwas mehr
erzeugt worden, als gleich verbraucht werden konnte, zu andern hatte
die Nachfrage die Produktion übertroffen. Je nachdem aber hatte sich
das atmosphärische Treibhausfenster mehr geschlossen oder aufgetan.
Erfolg: die Gesamttemperatur der sonnenbestrahlten Erdoberfläche war
dort etwas herauf-, hier etwas heruntergegangen. Dort wärmere Zeit
(z. B. Tertiär), hier kühlere (Perm oder Diluvium). Unzweideutig: man
stand vor einer neuen Eiszeittheorie. Einer rein irdischen ohne jede
astronomische Zutat. Aber einer ebenso unverkennbar universalen.
Svante Arrhenius, der Chemiker, überraschte dabei durch seine
Einzelrechnungen. Keine Rede von den Überschwänglichkeiten des
Märchens, und doch kleine Ziffern, die Räder der Weltgeschichte
drehten. Nähme man alle Kohlensäure aus unserer Luft fort (sie
beträgt bloß 0,03 Volumprozent darin), so würde die Temperatur der
Erdoberfläche um etwa 21° sinken. Da infolge der so entstandenen
größeren Kälte aber auch der freie Wasserdampf abnähme, der gleichen
Wärmeschutz wie die Säure gewährt, käme die Erwärmung noch einmal
um fast ebensoviel herunter. Man sieht auf den ersten Blick die
ungeheure Abhängigkeit unserer wirklichen Sonnenheizung von dem
Kohlensäurefenster. Soweit aber braucht man nicht entfernt zu gehen.
Schon bei einer Teilsumme, die das organische Leben von sich aus noch
keineswegs bedrohte, müßte ein Klimasturz von 5--6° ~C~ eintreten,
also genug für eine diluviale Eiszeit. Während umgekehrt ein gewisses
Anwachsen tertiäre Wärme sicherte. Dort etwas schlechter geschlossenes
Fenster, hier Ausnutzen des ganzen Scheibenschutzes. Die Folgen aber
die bekannten riesigen: dort europäisches Binneneis, hier Kokospalmen
in Deutschland. Mit nur etwas Schiebung in jenen 0,03 Volumprozent.
Daß aber an sich kleine Schiebungen möglich sind, beweist schon die
gegenwärtige Tätigkeit unserer Industrie, die in den letzten hundert
Jahren merkbar hineingearbeitet haben muß. »Der Kohlensäuregehalt der
Luft ist so unbedeutend, daß die jährliche Kohlenverbrennung, die jetzt
(1910) ungefähr 1100 Millionen Tonnen erreicht und rasch anwächst (sie
betrug im Jahre 1860 140, 1890 510, 1894 550, 1899 690, 1904 890 und
1910 1100 Millionen Tonnen), der Atmosphäre etwa ein Sechshundertstel
ihres Kohlensäuregehaltes zuführt. Obgleich das Meer durch die
Absorption von Kohlensäure hierbei wie ein mächtiger Regulator wirkt,
der ungefähr fünf Sechstel der produzierten Kohlensäure aufnimmt, so
ist es doch ersichtlich, daß der so geringe Kohlensäuregehalt der
Atmosphäre durch die Einwirkung der Industrie im Laufe von einigen
Jahrhunderten merkbar verändert werden kann.« Daraus ergibt sich, daß
keine Stete im Kohlensäuregehalt besteht, sondern auch geologische
Ungleichheiten wahrscheinlich sind. Fragt sich bloß, wer sie dort im
natürlichen Hergang bewirkt haben könnte. Darüber aber kann nach dem
oben Gesagten wieder kein Zweifel sein. Die nachhelfende Quelle der
natürlichen Kohlensäure sind immerzu die Vulkane der Erde gewesen,
besonders in den sogenannten Mofetten (man denke an den vergiftenden
Hauch der berühmten Hundsgrotte bei Neapel) und den Kohlensäuerlingen,
die den großen Ausbrüchen noch lange und zäh nachfolgten. Hier waltet
von je rastlos ein natürlicher Entgasungsvorgang der Innenerde selbst.
Soll es also zeitweise zu einem Mehr gekommen sein, so muß ein
_periodisch verstärkter Vulkanismus_ als die Ursache gedacht werden.
Wir haben früher schon einmal gesehen, wie der Vulkanismus leise
anpochte bei den Eiszeitdeutungen. Hier erscheint er selbst als der
Wärme-, nicht als der Kältezauberer, indem er Kohlensäure einblies
und damit der Erde zeitweise bessere Treibhausfenster einsetzte.
Aber ein nächstliegender Gedanke zeigt, daß er wenigstens indirekt
auch wieder Kälteperioden einleiten möchte, die den wärmeren folgen
mußten. Der Vulkanismus ist, wenn auch nicht die eigentliche Ursache,
so doch vielfach der Vorbote neuer Gebirgsbildungen auf Erden. Wo
die Erdrinde sich zu neuen Bergfalten staut, da pflegen gewaltige
Bodenverschiebungen voraufzugehen, an deren Bruchspalten die
entlasteten Lavamassen der Tiefe aufbegehren. Neue Gebirgsbildung aber
schafft für ihr Teil bald unendlichen Verwitterungsschutt, der im
feuchten Klima umgekehrt jetzt reichlich Kohlensäure bindet. Im warmen
Meer schreitet entsprechend die tierische und pflanzliche Kalkbildung
mit ebensolcher Bindung rasch fort. Der Pflanzenwuchs aber nimmt einen
ungeheuren Aufschwung, sich breitend in der feuchten Wärme und gemästet
gradezu vom frisch erschlossenen Vulkan- und Verwitterungsboden wie von
der vermehrten Luftkohlensäure selbst. Das alles versteinert gleichsam
Säure, zieht sie wachsend wieder aus der Luft heraus, um sie erneut im
Boden einzusargen. Aus dem eigenen Übermaß gräbt die Kohlensäurezeit
sich selber ihr Grab. Läßt jetzt die vulkanische Quelle eine Weile
nach, so öffnet sich das Fenster und ein allgemeines Sinken des Klimas
wird unvermeidlich: Eiszeit. Bis abermals eine Periode von Vulkanismus
das Spiel neu beginnt. So regelt eins das andere in ewigem geologischem
Wechsel. Warme und kalte Kapitel müssen sich unablässig folgen in dem
verhängnisvollen Lauf der Erdgeschichte, -- Zeiten rot von Lava, mit
neuen blauen Bergen, mit unendlichem Pflanzengrün des Urwaldes und
ragenden Korallenriffen, -- und Zeiten des erdteilweiten Binneneises,
der erloschenen Krater, der zerbröckelten Bergruinen, der kargen
Moossteppe am Gletscherfuß.
Was Arrhenius als Chemiker nicht so vermochte, das hat ein anderer,
Geolog von Beruf und begeisterter Anhänger zugleich der Idee, in den
wirklichen Verlauf der geologischen Entwicklung hier Stufe für Stufe
hineinzuzeichnen versucht, -- Fritz Frech in Breslau, der verdiente
Mitbearbeiter jener umfassenden ~Lethaea~, den jetzt leider der
verheerende Weltkrieg mitten aus der Arbeit dahingerafft.