wirklich aufs anschaulichste geologisch entwickelt. Nachdem in
den algonkisch-kambrischen Vortagen, wo wir zuerst von Eis hören,
vielleicht schon einmal ein ganzer Zyklus abgelaufen, wachsen im
Silur und Devon (also gegen die Steinkohlenzeit zu) die vulkanischen
Ausbrüche, heute noch im Diabasgestein verewigt, wieder gewaltig
an. Entsprechend steigert sich ständig das Klima: es steht offenbar
andauernd unter dem Treibhausglas. Eine gleichmäßige Wärme umspannt
die Erde, von allen Zonengegensätzen frei ist die Tierwelt im Meer
(Korallenbauten gehen bis gegen den Pol), die farnhafte Pflanzenwelt
zu Lande gedehnt. Die Pole selbst sind frostlos, der Äquator doch
nicht überheizt, da der Wasserdampf in Wolken- und Nebelgestalt die
allzu strenge Strahlung dort sänftigt; die allgemeine Klimabesserung
kommt wesentlich den gemäßigten und kalten Zonen zugut. Gewiß steht
der Kohlensäuregehalt auch so nicht bei den Märchenmaßen von 30
und mehr Prozent. Frech denkt an 8--9° Wärme mehr in der Nähe der
Pole als vollauf genügend. Unter solchen guten Zeichen beginnt dann
die Steinkohlenzeit selbst, in ihr aber schlagen die Dinge jetzt
entscheidend um.
Einerseits nehmen die vulkanischen Ereignisse und damit die Zuschüsse
aus dem großen Grundgasometer eine ganze Weile fast bis zum Erlöschen
ab. Andrerseits ziehen Kohle- und Kalkbildung, vor allem aber die
chemischen Verwitterungsvorgänge jetzt wirklich fortgesetzt und
zunehmend ungeheure Kohlensäuremengen aus dem Luftbestande heraus.
Durchaus im Sinne der Theorie setzt diesmal eine riesige Gebirgsbildung
ein. »In der Mitte der Karbonzeit (Steinkohlenzeit) entstanden im
mittleren und westlichen Europa ausgedehnte Hochgebirge, und der
Aufwölbung folgte eine verhältnismäßig rasche Erniedrigung dieser
mitteleuropäischen Alpen. Hand in Hand mit der Abtragung durch
Wildbäche, Bergstürze und fließendes Wasser geht die chemische
Umwandlung der massenhaft von den Höhen in die Niederungen
verfrachteten Gesteine, deren Hauptbestandteil Kieselsäureverbindungen
(Silikate) bildeten. Das feuchte Klima bedingt eine rasche
Karbonatisierung (d. h. eine Verdrängung der Kieselsäure durch
Kohlensäure) dieser kieselsauren Verbindungen und somit in Kombination
mit Kalk- und Kohlenbildung einen Verbrauch an Kohlensäure, wie er
wohl selten in der Erdgeschichte stattgefunden hat.« Dabei erstreckte
sich die Gebirgsbildung nicht, wie die Worte glauben lassen könnten,
bloß auf Europa: an jenes variskische Gebirge, das alpenhaft von den
Sudeten bis Südfrankreich durch ganz Mitteleuropa zog, schloß sich im
sogenannten armorikanischen eine Kette, die über eine Atlantis bis
Nordamerika reichte, und so fort.
Folgerichtig aber sehen wir nun um die Wende zur Permzeit Kälte sich
anmelden. Die permische Eiszeit erfolgt, -- genau am rechten Ziel. Die
Kohlensäure ist hochgradig erschöpft, das Fenster klafft, die Wärme
strömt, alles weithin erkältend, unbehindert ab. Bis endlich die
Vulkanschlote neu zu arbeiten beginnen und von unten herauf abermals
Gas blasen, unter dessen neuem Treibhausschutz sich jetzt die großen
Scheusale der Drachenzeit im Mittelalter der Erdgeschichte wieder
wohlig fühlen können wie die Krokodile hinter den Scheiben unserer
geheizten Aquarienbecken. Bereits im Perm selbst (in der Epoche des
sogenannten mittleren Rotliegenden) fanden auf der Nordhemisphäre
gewaltige Neuausbrüche statt. Rieseneruptionen der Trias- und Juratage
(neuerlich immer deutlicher geworden) vervollständigten dann besonders
in Amerika das Werk. Jedenfalls blühte gegen den Jura zu wieder
Paradies bis zum Pol. Der Ausgang dieser warmen Mittelepoche bleibt
allerdings etwas undeutlich. In die Kreidezeit hinein machen sich
Zonenunterschiede geltend, als ginge das Klima erneut rückwärts. Das
Aussterben der Drachen mag damit zusammen hängen. Doch ehe es auch
diesmal zu einer Eiszeit kommt (die Gebirgsbildung fehlt hier in der
Kette), qualmen bereits wieder frische Massenausbrüche empor, wie die
kolossalen Basalte des indischen Dekhan, die den Luftgehalt offenbar
genügend angereichert haben. Und jetzt folgt im Tertiär der zweite ganz
reine Beweiszyklus.
Im ältesten Abschnitt, dem Eozän, Tropenpracht bis zu uns, in
Grinnelland Sumpfzypressen. Im zweiten, dem Oligozän, abermals
etwas Abstieg. Da platzen die bekannten enormen Basaltergüsse des
Mitteltertiärs los, und unverzüglich stellt sich im Miozän noch einmal
ein Abglanz wenigstens des Paradieses her. Indessen nicht auf lange.
Diesmal ist nämlich wirklich wieder eine ganz große Gebirgsbildung
Hand in Hand, deren Verwitterung nachhelfen kann. Die Alpen, die
Kordilleren, der Himalaja heben sich und verwittern schon, derweil
sie steigen. Alles ist also neu verbündet gegen die Kohlensäure,
genau oder noch auffallender wie in der Steinkohlenzeit, und schon
senkt sich auch im letzten Tertiär in reißendem Temperatursturz das
Klima. Schluß: die diluviale Eiszeit, -- das Fenster stand wieder weit
offen. Der Vulkanismus hatte eine Weile wieder deutlich pausiert.
Schon im Jungtertiär werden die Vulkanspuren dünn. Das Diluvium selbst
aber ist für Frech ausgesprochenster Stillstand. »Zwei verschiedene
Beobachtungsreihen, einerseits das Fehlen eruptiven Materials in
Ablagerungen der Gletscher (den Moränen und Sanden), andrerseits die
landschaftlichen Formen der jüngeren Vulkanberge, führen zu demselben
Schlusse. Der bezeichnende Typus eines während der Eiszeit tätigen und
gleichzeitig durch starke Schneeschmelze erniedrigten und abgetragenen
Vulkanberges ist außerordentlich selten. Die zahlreichen geologisch
jungen, aber nicht mehr tätigen Vulkane von bedeutender Höhe zeigen
ganz vorwiegend steile Neigungswinkel und sind somit erst nach der
Eiszeit gebildet.« Bis sich jetzt auch da wieder etwas regt. Noch in
geschichtlicher, ja jüngster Zeit hat der Vulkanismus unverkennbar
erneut zugenommen. Die Gasfabrik arbeitet wieder. Und so leben wir
auch schon in wärmere Tage hinein, das Treibhausfenster ist abermals
geschlossen, und wer weiß, wann wir wieder Kokosnüsse am Rhein und
Walnüsse in Spitzbergen ernten werden.
Unmöglich kann man die glänzenden Seiten auch dieser Theorie
verkennen, die man nach dem Muster der Kant-Laplaceschen als die
Arrhenius-Frechsche zu bezeichnen pflegt. Ohne die Wagnisse der
Astronomie, die am Globus rückt, gibt sie eine geologisch ganz
große und einheitliche Linie, löst spielend die Kältezeiten wie
die Wärmezeiten, erfindet nicht Hilfshypothesen zum Zweck, sondern
knüpft an wirkliche Periodizitäten, wie den Vulkanismus und die
Gebirgsbildung, an. Grade durch letzteres erweckt sie sogar die
Hoffnung auf ein noch zu findendes tieferes Gesetz. Denn wenn es
eines Tages glückte, für Vulkanismus und Gebirgsbildung eine tiefere
Notwendigkeit -- etwa in Perioden der sich zusammenziehenden Erde --
zu entdecken, so wäre man auch mit ihr noch ein Stück weiter. Wäre
auch nur genau das Bild durchführbar, wie es Frech für Steinkohle und
Tertiär aufgerollt, so würde geologisch alles Beste dessen erfüllt
sein, was man eine Arbeitshypothese nennt, -- also ein vorläufig
einmal zugrunde zu legender Faden, der Erfolg verspricht. Noch mit dem
Schwänzchen, daß aus dem Gedanken etwas Optimistisches lacht. Mögen
uns Kulturleuten von heute noch so viel Vulkankatastrophen nach dem
Muster von Pompeji oder Martinique zeitweise die Kreise verkehren:
eigentlich wäre es doch nur das nötige Zeichen dafür, daß die Natur
uns schon wieder die große Treibhausscheibe einsetzt, die Berlin oder
Stuttgart unter Palmen bringt, nachdem unsere Altvordern Mammute jagen
mußten. »Man hört,« so sagt uns Arrhenius, »oft Klagen darüber, daß
die in der Erde gehäuften Kohlenschätze von der heutigen Menschheit
ohne Gedanken an die Zukunft verbraucht werden; und man erschrickt
bei den furchtbaren Verwüstungen an Leben und Eigentum, die den
heftigen vulkanischen Ausbrüchen in unserer Zeit folgen. Doch kann
es vielleicht zum Trost gereichen, daß es hier, wie so oft, keinen
Schaden gibt, der nicht auch sein Gutes hat. Durch Einwirkung des
erhöhten Kohlensäuregehaltes der Luft hoffen wir uns allmählich Zeiten
mit gleichmäßigeren und besseren klimatischen Verhältnissen zu nähern,
besonders in den kälteren Teilen der Erde; Zeiten, da die Erde um
das Vielfache erhöhte Ernten zu tragen vermag zum Nutzen des rasch
anwachsenden Menschengeschlechtes.«
Erst wenn man sich von einer gewissen Sturzwelle der Überraschung
wieder frei gemacht, wird man dafür zugänglich, daß auch diese
geistvolle Idee nicht alles löst, also einstweilen auch noch stark der
Kritik unterliegen muß.
Es ist ihr Zauber, daß sie von einem höchst scharfsinnigen Chemiker
ersonnen und einem kundigen Geologen auf die Tatsachen angewendet
worden ist. Aber gerade so muß sie sich auch den Doppelangriff von
Chemikern und Geologen gefallen lassen. Auf der einen Seite ist
Arrhenius' engere Kohlensäurerechnung angezweifelt worden. Eine sehr
beträchtliche Abnahme der Kohlensäure könne zwar das Klima gegen
heute etwas herabsetzen, niemals aber könne eine Zunahme es bei uns
tropisch machen. Denn jene wärmeerhaltende Kraft der Kohlensäure habe
ihr bestimmtes Maß, wo sie alle verfügbaren Strahlen zurückhalte. Das
aber sei bei dem heutigen Zustande schon überreichlich erfüllt. Für ein
Mehr seien gar keine Strahlen da. So könne auch noch soviel Kohlensäure
mehr nichts weiter nützen: das Treibhausfenster, bei heutiger Dicke
vollkommen, sei mit noch soviel Zusatz an Dicke nicht aufzubessern,
sondern leiste nur grade ebensoviel. Wenn das wahr wäre, fiele
mindestens der universale, Tropentage wie Eiszeiten bei uns gleichmäßig
gut erklärende Zug der Theorie dahin. Es muß aber gesagt werden, daß
die Debatte schwebt und Arrhenius seine Rechnung im ganzen Umfang
aufrecht erhalten hat.
Geologisch gilt wohl als das schwerste Bedenken, daß jene parallele
Periodizität des Vulkanismus nicht in dem Maße stimme. Die Eruptionen
sollen viel regelloser durch die geologischen Zeiten verteilt sein,
nicht immer bloß mit den warmen gehen. Oder sie sollen sich trotz
Frech grade gegen die kalten häufen. Da müßten am Ende gleich die
Eiszeiten selbst an den Eruptionen liegen. Und man ist auch dazu
mit Gegentheorien nicht müßig gewesen, die nun Arrhenius-Frech im
eigenen Felde zu schlagen suchten, indem sie auch von dem Vulkanismus
ausgingen, aber wieder umgekehrt schlossen. Ich habe schon einmal
die gelegentliche Idee der Vettern Sarasin erwähnt, daß der
Vulkanismus zeitweise mit seinem krakatauahaften Aschenstaub die
Sonne abgeblendet und das Klima kühl gemacht haben könnte. Aber die
großen Vulkanexplosionen treiben alle Male auch kolossale Säulen von
Wasserdampf in die Luft. Für Arrhenius würde das nur die Wärme noch
steigern. In solcher kühlen Zeit aber sollte es zu Pluvialperioden und
Schneezeiten geführt haben. Eine schon ältere Theorie meinte sogar mit
solchem Vulkandampf allein, der an himmelhohen Gebirgen zu Gletschereis
wurde, zur Eiszeit zu kommen, und der Gedanke hat wenigstens als
Hilfshypothese immer wieder gefesselt. Im ganzen nähert man sich hier
offenbar wieder dem Meister Hildebrandt, bloß ohne Kosmisches. Ich will
nun nicht behaupten, daß diese Gegentheorien an sich überzeugender
wären. Aber man sieht wieder auf die leise Gefahr der Idee, die aus
ungefähr gleichen Voraussetzungen noch die extrem gegensätzlichsten
Schlüsse zaubert. Der ganze »Vulkanismus in der Geologie« ist eben doch
noch nicht so geklärt, wie Frech sich dachte.
Gar keine Deutung gibt aber Frech jedenfalls für die immergrünen
Wälder innerhalb der langen Polarnacht, -- wie will er sie auch mit
ein paar Grad besser erhaltener Sonnenwärme mehr über die Schauer
der ganz sonnenlosen Monate bringen; hier scheint mir noch ein
grundlegender Einwurf zu stecken. Und erklärt wird ebensowenig das
Rätsel in der geographischen Lage der Permvereisung, -- gingen ihre
Gletscher eines allgemeinen Klimasturzes wegen wirklich über den
Äquator, so hätte damals wohl die ganze Erde unter Eis liegen müssen.
Andrerseits wäre es allerdings schon ein Gewinn, wenn auch nur die
geologische Reihenfolge, wie Frech sie so anschaulich zu machen
wußte, ungefähr zu Recht bestände. Man könnte dann fragen, ob nicht
der eine oder andere Ursachenposten darin noch durch einen besseren
bisher unbekannten ersetzt werden könnte. Wenn auf starken Vulkanismus
wirklich immer wärmere Zeiten und auf lebhaften Pflanzenwuchs und große
Gebirgsverwitterung immer Kälte gefolgt wäre, so könnten wir hier
einer entscheidenden Sache auf der Spur sein, auch wenn selbst der von
Arrhenius eingefügte hypothetische Faktor der Kohlensäure als solcher
nicht stimmte. Oder es könnte sogar in der Reihenfolge selbst noch
verschoben und gebessert werden: immer doch sähen wir eine große Linie.
Wem also die astronomischen Fragen zu weit und die Polschiebungen zu
verwegen sind und wer gleichwohl eine umfassende geologische Schau
möchte, der wird doch wohl irgendwie hier das Schifflein seiner
Eiszeitgedanken anketten müssen.
Wobei ich noch ein Wort zu der Zukunftshoffnung sagen möchte. Im
ganzen klingt hier ja wieder etwas von jenem »Unmittelbaren« aller
Wetterphilosophie durch. Wird das Klima besser werden, unsern Enkeln
reichere Ernten schenken? Wir haben gesehen, wie die verschiedenen
Eiszeittheorien hier ganz verschiedene Antworten geben. Bei Reibisch
pendeln wir Europäer bereits seit Jahrtausenden wieder äquatorwärts,
während allerdings den Nordamerikanern der Boden unter den Füßen
tückisch zum Pol läuft. Bei Dubois stecken wir dagegen alle miteinander
bloß in einer verdächtigen Interglazialzeit, an deren Ende uns recht
jämmerlich wieder der Eisriese holen könnte. Ich denke nun, wenn man
im allgemeinen, auch unangekränkelt von einzelner Theorie, auf die
Erdgeschichte zurückschaut, sieht, wie dort eine schier unabsehbare
Folge der Jahrmillionen eine stärkere Wärme hat, nur durchbrochen von
wenigen und kurzen Eiszeiten, -- so wird man für wahrscheinlicher
halten, daß auch wir, die eben aus solcher Eiszeit kommen, abermals auf
»Wärmer« losmarschieren. Es hat etwas Anschauliches in diesem Sinne,
daß unsere gegenwärtigen weißen Polarkappen bloß noch gleichsam abnorme
Überreste unserer letzten Eisperiode wären, die abklingen werden, wie
die große südliche Pluvialperiode wohl noch geschichtlich vor unsern
Augen abgeklungen ist. Dann gäbe es in der Zukunft wirklich einmal jene
nordwestlichen Durchfahrten da oben, die man in Franklins Tagen so
schmerzlich suchte und dann mit Eis verbarrikadiert fand. Und wer will
eine Volkswirtschaft ausdenken, die ohne die Schäden der Tropen ihren
Segen bei uns erntete?
Aber zu alldem muß eines unabänderlich gesetzt werden, das auch auf
Arrhenius im ganzen Umfang zutrifft. Man darf sich, auch wenn solche
Dinge wahr sind, nicht dem Glauben an eine unmittelbare Nähe hingeben.
Das Neuheranrücken solcher Klimaperioden geht mit geologischem Maß,
und das ist, an kleinem Menschenmaß gemessen, ungeheuer. Vom Ausgang
der diluvialen Eiszeit trennen uns erst vielleicht 30000 Jahre, --
bis zum echten Tropentertiär zurück aber sind's sicher über zwei
Millionen. Danach mag man sich die Wiederkehr ausrechnen. Es scheint
gesorgt, daß wir noch etwas Spielraum zur Vorbereitung auf die neuen
Palmen haben. Inzwischen dürften wir noch durch zahllose Ketten
kleinerer Klimaschwankungen gehen, wie sie die Brücknersche und
vielleicht einige noch etwas längere ausdrücken. Wenn ein denkender
Beobachter (Wilhelm Schuster), dem kleine Anzeichen von nordwärts
gerichteten Tierwanderungen in unsern Tagen auffielen, das Wort von
einer »neuen Tertiärzeit« geprägt hat, so dürfte das auch nicht so
wörtlich zu verstehen sein, sondern mehr mit Bezug auf solche wärmere
Zwischenschwankung, die von dem feinen »inneren Thermometer« der Tiere
schon vorgefühlt würde, ehe wir sie beachteten. Und vielleicht ist
es ein besserer Maßstab für die wirkliche Dauer jener großen Dinge,
wenn man sich sagt, daß Deutschland vielleicht nicht eher wieder Kokos
und Brotfrucht ernten wird, als bis die heutigen Alpen, Körnchen um
Körnchen abgetragen, wieder im Meer liegen. Immer vorausgesetzt, daß
die Sache selber stimmt!
Im wesentlichen aber erscheint damit der Kreis der gesamten zurzeit
gangbarsten Eiszeittheorien erfüllt. Wir brauchen kein ~Ignorabimus~
(ewiges Nichtwissenkönnen) auszusprechen -- es ist schon philosophisch
faul, geschweige denn rein naturgeschichtlich --, um doch zu empfinden,
daß Paris den Schönheitsapfel der Wahrheit noch an keine mit ganz gutem
Gewissen vergeben kann.
Es gibt Leute, die den Wert der Wissenschaft davon abhängen lassen,
ob sie schon alles gelöst habe, so daß jeder, der nur ein Buch zur
Hand nimmt, in nervöser Blasiertheit mit allem fertig sein kann.
Sie haben nie den eigentlichen Reiz und Zauber kennengelernt, der
in der _Wahrheitssuche_ liegt, -- in dem Anteil an jenem ungeheuren
unvollendeten Netz, an dem schon so viele Forschergeschlechter vor dir
gewebt haben und noch so unzählige nach dir weben werden, und an dem
du heute auch in Gedanken mitweben darfst, eben so deine Person in
die Arbeit der Jahrtausende mit ihrer wahren Geistesunsterblichkeit
verflechtend. Andere wünschen jene Erfüllung, weil sie von den
Ergebnissen der Forschung unmittelbare praktische Macht erwarten, neue
Beherrschung der Naturkräfte zum größtmöglichen Nutzen bereits des
Augenblicks. Auch zu diesen letzteren Problemen gehört aber die Eiszeit
nicht, sie kann warten.
Blicken wir noch einmal auf Goethes Tage zurück, von denen wir
ausgingen, so wird klar, wie jung die ganze Wissenschaft der Geologie
in unserm heutigen Sinne noch ist, in der auch sie als eine einzelne,
wenn auch überaus anziehende Frage hängt. Goethe, mit den größten
Forschern seiner Zeit befreundet, erlebte in reifen Jahren noch den
ersten tastenden, oft fehlgehenden Versuch, jene geologischen Schichten
und Epochen, von denen wir jetzt im Verlauf so oft gesprochen: Jura,
Kreide, Tertiär, Diluvium, notdürftig voneinander zu sondern und an
gewissen Versteinerungen (Leitfossilien) wiederzuerkennen. Im Alter
half er tätig mit bei der ersten Farbengebung einer geologischen Karte
von Deutschland, er nahm lebhaftesten Anteil an der frühesten wirklich
wissenschaftlichen Wiederherstellung eines ausgestorbenen Tieres, wie
des Pterodaktylus oder des Megatherium. Er kämpfte noch mit, ob der
Basalt ein feuriger Vulkanerguß oder ein Wassergebilde sei und ob
diese Vulkane selbst bloß auf zufällig in Brand geratenen Kohlenflözen
beruhen könnten. Im gleichen Jahr, da »Werthers Leiden« geschrieben
wurden, stellte Kapitän Cook zum erstenmal fest, daß auch der Südpol
(bei dem man in Dantes Tagen noch den Eingang zur Hölle gesucht hatte)
unter ewigem Eise lag gleich dem Pol des Nordens.
Es ist eine ungeheure Arbeit, die in diesen Dingen seither getan ist,
man kann nicht noch mehr verlangen. Auch das Menschheitsgehirn hat ein
gewisses geologisches Maß im kleinen, das seine Bäche und Bahnen erst
in einer gewissen Zeit tieft, seine Geisteskörnchen eins ums andere zu
Quadern häuft. In den noch nicht hundert Jahren seit Goethes Tod sind
nach unsäglichen Mühen, Opfern und Entsagungen die beiden Polpunkte
ganz oder doch ungefähr errungen worden. Auch das Problem der Eiszeit
hat etwas von solcher geistigen Polarfahrt. Der Sucher darf sich nicht
abschrecken lassen, wenn er selber zunächst noch einfriert, nicht von
der Stelle kommt oder von loser Scholle ganz wo anders hingetragen
wird, als er wollte.
Fußnoten
[1] Wer näheren Anteil an Goethes Schriften zur Eiszeit nimmt,
die in den »Nachgelassenen Werken« von Eckermann nur sehr
unvollständig und entstellt mitgeteilt sind, findet sie
neugeordnet und erläutert in dem von mir herausgegebenen
30. Bande der Heinemannschen Goetheausgabe, erschienen im
Bibliographischen Institut zu Leipzig.
[2] Um es kurz hier noch einmal zu vergegenwärtigen: wir heute
leben nach der Einteilung des Geologen im Zeitalter des
Alluviums, vorauf geht das Diluvium (oder die Diluvialzeit) und
dem wieder das Tertiär oder die Tertiärzeit. Die Tertiärzeit
teilt man (auf das Diluvium zu ansteigend) in Eozän, Oligozän,
Miozän und Pliozän. Nochmals früher liegt die Kreide
(Kreidezeit), der Jura (Jurazeit) und die Trias (Triaszeit).
Diese drei bilden das Mittelalter der Erdgeschichte. Dem
Mittelalter geht auch hier voraus das Altertum. Am nächsten zur
Triaszeit gehört dazu noch die Permzeit oder das Perm, älter
ist die Steinkohlenzeit (auch die karbonische Zeit oder Karbon
genannt), ganz grau und alt Devon und Silur, sowie auf der Grenze
äußerster Lebensüberlieferung das Kambrium (kambrische Zeit) mit
der Vorstufe des Algonkiums. Dahinter liegen die ganz dunkeln,
für unsere Kenntnis fast noch »mythischen« Zeiträume der Urmeere
unbekannten Lebens, der ersten Erstarrungskruste der Erde und des
nur vermuteten glühenden Anfangszustandes dieser Erde, in dem sie
vielleicht noch sonnenhaft leuchtete.
[3] Nähere Angaben, die teils hier ergänzen, teils ergänzt werden,
findet der Leser in meinen Kosmosbändchen »Festländer und Meere
im Wechsel der Zeiten« und »Tierwanderungen in der Urwelt«.
[4] Wie mir mein verehrter Freund Hildebrandt brieflich mitteilt,
hält er heute nicht alle seine Meinungen von damals mehr im
ganzen Umfange aufrecht. Doch führen Bücher, einmal von des
Verfassers Hand in die Öffentlichkeit entlassen, eine Art
selbständigen Lebens, das (hier wie ähnlich bei Dubois) geachtet
sein will.
[5] Vgl. mein Kosmosbändchen »Festländer und Meere im Wechsel der
Zeiten« mit seinen geologischen Karten.
[6] Über die auf jeden Fall merkwürdige heutige Beschränkung
dieser beiden urweltlichen Tierformen auf so entfernte Gebiete
wie das tropische Asien u. Amerika vgl. mein Kosmosbändchen
»Tierwanderungen in der Urwelt«.
Inhaltsverzeichnis.
Abplattung der Erdpole 46 ff.
Adhémar, Alphonse Joseph 32 ff., 35, 54
Alaska, Gletscherwälder in 15
Agassiz, Louis 10, 14, 16
Antizyklone 62
Äquator, andere Lage in der Urwelt 40 ff., 56
~Arbutus~ (italischer Erdbeerbaum) 14
Arldt 37, 39 ff., 45, 54
Arrhenius, Svante 29, 65 ff.
Asar (sprich Osar) 12
Asche, vulkanische und Eiszeit 30, 72
Australien, Eiszeit in 16, 22, 59
Basalt im Riesengebirge 5
Becker 36
Berendt 12
Beringstraße, Verlegung des Nordpols an die 40 ff., 45, 48 ff.
Berlin, Bewegung der Polhöhe für 43
Binneneis (Inlandeis), europäisches 6, 9 ff., 11, 15, 41
Binneneis (Inlandeis) nordamerikanisches 11, 50 ff.
Bipolarität der Eiszeit (Gleichzeitigkeit auf beiden Erdhalbkugeln)
16, 35 ff., 63
Blytt, Axel 35 ff.
Bodenheizung, angebliche, der Erde 26, 64
Brasilien, permische Eisspuren in 23
Brückner 15, 29
Brücknersche Periode 29
Charpentier 10
Cook 76
Croll, James 34 ff., 62 ff.
Darwin, Charles 46
Darwin, G. H. der jüngere 54
Drift-Theorie 8 ff.
Drumlins 12
Dubois, Eugen 27 ff., 37, 74
Dwykaschicht (Südafrika) 22
Eismeer, nördliches 49
Emerson 39
Erde, Inneres der 25 ff., 54 ff., 58
Erdperioden, Länge der 53
Erdteile, angebliche horizontale Beweglichkeit der 57 ff.
Erratische (Irr-) Blöcke 7 ff., 11
Europa, Rolle von, in der Pendulationstheorie 46 ff., 52
Exzentrizitätswechsel der elliptischen Erdbahn 34 ff.
Fjorde, skandinavische 11
Fixsterne, verschiedene Wärmegrade 27
Fourier 64
Frech, Fritz 26, 68 ff., 72 ff.
Fürstenwalde 7
Gebirgsbildung 36, 68, 70 ff.
Geinitz 12, 62 ff.
Geschiebelehm d. Diluvialzeit 11
Gletscher im Riesengebirge 5 ff., 14
Goethe als Eiszeitforscher 6 ff., 10, 12, 14, 17, 41, 75 f.
Golfstrom, ehemalige Änderung 35, 61
Gondwanaland 23
Granitschale im Berliner Lustgarten 7
Grinnelland 19, 48
Grönland 20 ff., 41, 48 ff., 57 ff., 61 ff.
Hann 29, 35, 39
Heer, Oswald 19, 42
Hildebrandt, Max 36 ff., 73
Himalaja, Faltung des 57
Höttinger Breccie 14
Houghton 42
Humboldt, Alexander von 16
Jahreszeiten, Entstehung der 32
Japan 37, 42
Interglazialzeiten (wärmere Zwischenzeiten in der Eiszeit) 14 ff.,
28, 39, 74
Jupiter, aufrechte Achsenstellung des 39
Jurazeit, Karte u. Klima der 21, 46 ff., 70
Kambrische Zeit, Eiszeit in ihr 24, 28, 68