Nach dem gangbaren Tatsachenbilde lag in der Diluvialzeit gleichzeitig

zu Europa auch Nordamerika unter ungeheurem Eis. Dieses Eis reichte

dort von Labrador bis gegen Alaska und bedeckte die Vereinigten

Staaten bis an den Zusammenfluß des Ohio und Mississippi, 15 Millionen

Quadratkilometer Land unter sich begrabend. Wenn aber Europa damals

sein Eis erhielt, weil es näher zum Pol gependelt war, -- wie konnte

Nordamerika vereist sein, das doch dann schon wieder weit über den

Pol hinaus gependelt sein mußte? Reibisch versucht indessen noch

einmal zu parieren. Zunächst schränkt er das räumliche Maß von

Europas Nordpendeln selber stark ein. Nur dreieinhalb Grad mehr

seien dazu nötig gewesen, also so viel, daß Berlin heute etwa auf

die Breite Südschwedens rückte. Dann hätte die riesige gleichzeitige

Landerhöhung, die unter anderem die Nordsee in ein steiles Hochplateau

mit den Shetlandinseln als Gebirgsstock verwandelte, reichlich zum

Binneneisstrom gelangt, der auf Europa floß. Tatsächlich aber sei

die nordamerikanische Vergletscherung überhaupt nicht mit unserer

zusammengefallen! Sie sei eben älter! Amerikanische Geologen nähmen

in ihr drei zeitlich einander folgende Stufen an, die sich räumlich

von West nach Ost ablösten, als habe die Kälte zuerst das westliche

Felsengebirge angehaucht, dann die Mitte neben der Hudsonsbai und

endlich Labrador. Das entspreche aber genau dem langsamen Vorbeiziehen

Nordamerikas am Pol schon zu Zeiten, da Europa mit seiner Pendulation

noch weit südlich zurück war. Auch das klingt zunächst gut, wenn

schon das »Hineinsehen« auf der Karte nicht jedem so ganz leicht

werden wird. Was man aber zwischen den Zeilen verstehen muß, ist, daß

das nordamerikanische Eis dann gar nicht im Diluvium gewesen wäre,

sondern _noch im Tertiär_! Als bei uns noch die Affen und Giraffen des

Tropenwaldes hausten, begannen drüben schon die Gletscher über Alaska

aufzublinken, das als erstes auf der großen Nordfahrt die Nähe des

Pols erreicht hatte und zu spüren bekam. Und während wir erst langsam

die halbtropische und gemäßigte Zone durchwanderten, floß dort das

Binneneis des nahe passierten Pols, bereits alles erkältend und die öde

Moostundra vor sich her breitend, bis zum Mississippi.

Man sieht auf den ersten Blick, was für eine Umwälzung aller unserer

geologischen Begriffe bisher das bedeutete. Auch in Nordamerika

bedingte der vorrückende Eisrand eine völlige Umgestaltung der

Tierwelt, die unserer diluvialen in Europa entsprach. Jetzt müßten

diese amerikanischen Eiszeittiere (also wollhaarige Mammute,

Moschusochsen u. dgl.) alle auch schon tief im Tertiär gelebt haben.

In diesem Tertiär belebten aber für unsere geltende Anschauung bisher

unendliche Scharen _nicht_ eiszeitlicher Säugetiere aller Art die

grünen Steppen und Wälder drüben. Riesige Knochenlager, wie sie kaum

wieder auf Erden so vorkommen, geben uns von ihrem beispiellosen

Reichtum ein überwältigendes Bild. Schichtenweise folgten sie sich,

lösten einander ab, wie man stets glaubte, im Verlauf des Tertiärs.

Dort war es, wo sich jene wunderbaren Stammbäume (z. B. der des

Pferdes) fast lückenlos haben zurückverfolgen lassen. Auch das müßte

jetzt alles umdatiert werden, man weiß nur nicht recht, wohin man

damit zurückgehen soll. Soll man für die älteren Geschlechter bis

in die Drachentage der Kreide hinunter, während doch keine Spur der

alten Riesendrachen selbst sich mehr zwischen die völlig andersartigen

Knochenfunde mischt? Das alles aber nicht aus eigenen Gründen, sondern

nur um der Pendulation willen! Gewiß: jene Vermutung ist merkwürdig,

daß die »Eiszeit« sich in Nordamerika stufenweise von West nach Ost

bewegt habe, vorausgesetzt, daß sie richtig ist, worüber, genau gesagt,

doch auch noch Streit besteht. Man würde die Sache unter die mancherlei

bisher rätselhaften Einzelsonderheiten des großen Eiszeiträtsels

verbuchen müssen, und ich gebe Reibisch durchaus recht, daß sie nach

einer räumlichen Kältewanderung aussieht, die anders lief als die

nordsüdliche in Europa. Niemals aber würde sie bloß aus sich auf die

grundumstürzende Vermutung führen, daß das ganze nordamerikanische

Diluvium tiefes Tertiär gewesen sei, wie es die Konsequenz der

Pendulation hier fordert.

Kühne Gedanken jedenfalls! Unwillkürlich senkt man einen Augenblick

das Blatt und schaut im Sinn nach der andern Eiszeit hinüber, --

jener fernen der Permzeit. Wenn Europa damals auch polwärts gependelt

war, worauf seine Eisspuren deuten könnten und wie es auch Reibisch

annimmt, so konnte wohl unmöglich gleichzeitig Südafrika vergletschert

sein. Und es müßte auch hier das einheitliche Bild erst unserer

gangbaren Geologie zum Trotz auseinandergerissen werden, -- wie denn

Reibisch wirklich diese südafrikanische Vereisung vom Perm fort bis

in die Jura- und Kreidezeit rücken möchte; wozu doch auch hier die

anschließenden altertümlichen Farne und Reptile wieder nicht passen.

Die Vergletscherung Indiens mit ihren so auffälligen Spuren muß aber

überhaupt höchst problematisch erscheinen wegen der unmittelbaren Nähe

zu dem einen der ewig tropisch, ewig polfern gedachten Schwingpole

der Theorie auf Sumatra. Andererseits kann man aber diese indische

Gletscherschrift doch nicht einfach der Theorie wegen streichen. Und

man wird jedenfalls begreifen, daß von seiten der Geologen auch der

geistvollen Pendulationsidee noch reichlich Fehde angesagt werden

mußte. Und wird bei aller Anerkennung ihres genialen Gedankenblitzes

nicht übersehen, daß auch sie noch nicht so sehr alle Eiszeittatsachen

_erklärt_, als sie erst für sich wesentlich umgruppieren muß.

Inzwischen war der Lehre aber ein begeisterter Prophet erstanden in

dem Leipziger Zoologieprofessor Heinrich Simroth, der ihr 1907 ein

eigenes umfangreiches Werk (»Die Pendulationstheorie«) widmete. Simroth

erweitert zunächst die schlichten geologischen Schlüsse Reibischs in

einer für sich geistreichen, wenn auch, wie mir scheinen will, nicht

immer glücklichen Weise, spielt aber dann die Hauptsache auf das

Gebiet der Tierkunde und allgemeinen Entwicklungslehre über. Das uns

bekannte Leben begann nach ihm einst in den Tropen. Es breitete sich

zunächst also im ganzen Tropengürtel aus. Dann entführte aber die

einsetzende Pendulation einzelne Arten mit ihrem Boden polwärts. Ein

Teil ging im Kampf mit dem neuen Zonenklima ein, andere bogen wieder

seitwärts aus, ein gewisser Stamm aber fand grade so die Anregung

zu lebhafter Neuanpassung und Fortentwicklung. Der entschiedenste

Schauplatz war dabei der meistbewegte Schwingungskreis, der über

Afrika, Europa und den Stillen Ozean ging. Im Engeren blieb doch noch

wieder das kleine Europa mit seinem reichen Wasser- und Landwechsel

dem starren Block Afrika wie dem reinen Südseewasser über, -- Europa

ist, wie später die Hochburg der Kultur, so bereits seit Urtagen

für Simroth das vorbestimmte Land aller Entwicklung gewesen. Wobei

die polaren Pendulationen besonders stark empor gesteigert zu haben

scheinen, während die äquatorialen mehr in die Breite üppigen und

abenteuerlichen Formen- und Größenspiels führten; man ahnt, daß im

polaren Wege der Mensch entstanden sei, während auf äquatorialem die

grotesken Riesensaurier lagen. Auch dieser Gedankenflug, dem Simroth

den ganzen Schmuck seiner reichen Kenntnis und Phantasie verliehen,

hat unverkennbar Verlockendes. Sicher bewährt, würde er nicht nur die

Entwicklungslehre überraschend fördern, sondern auch der Pendulation

eine große Hilfe sein. Aber diese Pendulation steht und fällt nicht

mit ihm, und wir können die neue große Fachfehde der Zoologen und

Botaniker, die sich unabhängig nun wieder daran geknüpft, hier ruhig

als von unserm eigentlichen Thema zu weit fortführend auf sich beruhen

lassen. Wesentlich sind dagegen noch ein paar Ideen Simroths zur

Pendulation selbst.

Die einzelnen Schwingungsausschläge verteilt er genau auf unsere

bekannten Epochen der Erdgeschichte. Im Altertum des Erdlebens

(Paläozoikum) sollen wir polar gependelt sein, im Mittelalter

(Mesozoikum) äquatorial, im Tertiär wieder polar, und heute soll's,

wie gesagt, abermals äquatorial gehen. Nun waren aber diese Weltalter

ganz ungeheuerlich an Länge verschieden: das älteste endlos gegen das

mittelste, dieses mittlere aber wieder riesenlang zum Tertiär. Die

Pendulationen, wenn sie sich dort deckten, müßten also in Wahrheit auch

nicht regelmäßig, sondern ganz verschieden, einst langsamer und nachher

immer schneller erfolgt sein. Das aber bringt auf die Frage, was

überhaupt zur Pendulation geführt haben könnte, und hier hat Simroth

nun einen ganz kühnen Einfall gehabt. Die Pendulation sollte auf einem

uralten Stoß beruhen, den die Erde erhalten.

In einer der stets höchst witzigen und anregenden, wenn auch stofflich

heute öfter veralteten Geschichten Jules Vernes kommt ein zweiter Mond

der Erde vor. Mondfahrer, die in einem hohlen Projektil aus einer

riesigen Kanone geschossen sind, werden von ihm aus der Richtung

gelenkt. Jules Verne mit seinem Geschick des überall Herumstöberns

stützte sich dabei auf eine halb vergessene und wissenschaftlich

nicht durchgedrungene Rechnung eines französischen Physikers, der

aus Mondstörungen wirklich auf das Dasein eines wegen Winzigkeit

bisher unbeobachteten zweiten Erdmöndchens geschlossen hatte.

Solches Möndchen sollte nach Simroth nun in Urtagen gar auf die Erde

heruntergestürzt sein und in die damals noch dünne Kruste den Block

eingeschlagen haben, der nachmals Afrika bildete. Ganz neu war auch

diese Idee nicht, wie ich denn vor mindestens 30 Jahren schon einmal

gelesen habe, Australien sei von einem Kometen abgesetzt worden.

Jetzt bei diesem Stoß Simroths sei aber nicht nur überhaupt die Erde

erst schief gestellt worden, sondern es schwankten seitdem auch ihre

Achsen in der Weise gegeneinander, wie es die Pendulation ungefähr

voraussetzt. Die Sache ist in Simroths Buch etwas reichlich unklar

ausgedrückt, und Theodor Arldt hat sie in der Folge einer, wie man

wohl sagen darf, vernichtenden physikalischen Kritik unterzogen. Das

Nachzittern eines solchen Stoßes über hundert und mehr Millionen Jahre

fort bei ganz unfaßbar langsamen Anfangsausschlägen hat ja für das

erste Nachdenken schon etwas Bängliches. Arldt zeigt aber, daß er

nur die Erdbahn, Erdschiefe und tägliche Erddrehung hätte ändern, im

übrigen aber präzessionsartige Gesamtschwankungen auslösen können,

die mit Pendulation nichts gemein haben. Vorausgesetzt, daß ein sich

nähernder Mond sich nicht überhaupt nach den vom jüngern Darwin

entwickelten Gesetzen in Spiralwindungen bewegt und längst vorher

in einen Meteoritenring aufgelöst hätte; und ganz abgesehen von den

ungeheuren Schmelzwirkungen einer solchen Stoßkatastrophe. Simroth

hat denn auch später selbst seiner kleinen Julesverniade eine etwas

andere Wendung gegeben und bis zu seinem leider während des Kriegs

erfolgten Tode einer magnetischen Hilfstheorie gehuldigt. Nachdem die

Erde als kleiner Magnet durch einen Stoß verschoben war, sollte die

Sonne als großer Magnet wieder in parallele Lage zu bringen bestrebt

sein, was sich in der Pendulation äußere. Wird man bei der ganzen

Pendulation schon bisweilen an des alten Adhémar Sintflutgemälde mit

seinen Schwerpunktverlegungen erinnert, so wirkt es an dieser Stelle

erheiternd genug, daß eben bei Adhémar gelegentlich auch bereits eine

solche kosmische Magnetphantasie vorkommt: 1799 habe einer die Erde

pendeln lassen, weil die Kometen ihren Magnetkern hin und her zögen.

Reibisch selbst hat seine Ansicht von den wirkenden Ursachen der

Pendulation übrigens bisher nicht veröffentlicht, und alles in allem

wird man der ursprünglichen Theorie wohl nur nützen, wenn man die

Stoßgeschichte wieder möglichst von ihr fortdenkt.

Unterdessen war aber längst noch wieder etwas Neues in die lehrreiche

Debatte geraten. Arldt in jener kritischen Studie betonte, es gäbe

immerhin noch eine vage Stoßmöglichkeit: wenn nämlich die Erde nicht

einheitlich gebaut wäre, sondern mit ihrer Rinde gegen den Kern

verschoben werden könnte. Dann könnte ein ganz flacher Stoß die Rinde

vielleicht ein Stückchen weit über den ruhig weiter drehenden Kern

geschoben haben, und indem Ausgleichsspannungen sie wieder zurückzögen,

möchte wenigstens einmal etwas Pendulationsartiges entstehen. Er selbst

maß auch dem keine große Wahrscheinlichkeit bei, aber man konnte

vom Stoß absehen und doch in der Rindenverschiebung an sich etwas

Fesselndes finden.

Dem Leser, dem vielleicht schon die Pendulation selbst etwas zu viel

war, mag ja vollends hier graueln: nun sollen ihm nicht bloß die Achsen

wackeln, sondern gar die ganze Erde sozusagen in Fleisch und Bein

zu zwei Stücken zerbrechen, die übereinander klappern wie in einer

japanischen Vexierkugel. Die Grundlage der Geschichte ist indessen

wieder weit weniger toll, als es ausschaut.

Es kommt nämlich zunächst nur darauf an, wie man sich das Innere

der Erde vorstellt, und darüber gibt es bekanntlich mehrere gut zu

begründende Ansichten. Eine ziemlich gangbare nimmt allerdings nach

unten zu eine geschlossene Folge aller Übergänge von Fest durch Flüssig

zu Gasförmig ohne jede Trennungsfläche an, und an solcher Kugel, die

praktisch als strenge Einheit zu gelten hätte, könnte sich nichts

verschieben. Aber grade neueste Forscher von Ruf glauben auch wieder

an einen festen Metall-(Eisen-)kern, auf dem eine oberflächliche

Steinkruste liegt, die vielleicht in 1500 Kilometern Tiefe scharf

abgesetzt und in der Sohle selber plastisch wäre. Unsere allerneuesten

Rechnungen über Leitung der Erdbebenwellen im Erdinnern sprechen

recht stark hierfür, und damit ginge es schon. Wie es aber oft mit

der »Duplizität« von Entdeckungen ist, daß zwei zu gleicher Zeit

auf gleiches kommen, so war fast zugleich (unbedeutend später) mit

Reibischs erstem Heft ein schmuckes Buch erschienen, das wirklich die

ganze Sache von hier aufzurollen versuchte. »Die Äquatorfrage in der

Geologie«, von P. Damian Kreichgauer S. V. D., Lehrer der Mineralogie

und Geologie in St. Gabriel bei Mödling in Niederösterreich, gewidmet

dem hochwürdigen Herrn Generalsuperior usw. Das Werk stammt, wie man

sieht, diesmal aus streng katholischem Kreise, befleißigt sich aber

nach dem Vorbilde des bekannten vortrefflichen Vatikanastronomen Pater

Secchi in allen kosmogonischen Fragen einer durchaus achtenswerten

wissenschaftlichen Unbefangenheit.

Auch der Pater Kreichgauer, der an Kant-Laplace keinen Anstoß nimmt

und geologisch überall im Bilde ist, geht gleich unserm kosmischen

Ingenieur Reibisch davon aus, daß die Drehachse selber sich nicht

geändert hat, wohl aber immer wieder andere Länder und Meere Drehpole

und Äquator überkrochen haben. Das aber konstruiert er jetzt ernstlich

so, daß der Erdkern seine Drehung behält, dagegen die Rinde auf ihm

rutscht. Der Erdkern ist ihm flüssiges Eisen, da Druck die Metalle

verflüssige. Darauf schwimmt die Rinde, unten nachgiebig und an ihren

Spalten verschiebbar wie eine lose verbackene Eisschollenschicht. Sie

in Bewegung zu setzen, bedarf's keiner Mondstöße, sondern nur der

eigenen Schubkraft, wie sie durch ungleiche Belastung, Faltenwurf und

zentrifugale Zerrung immer wieder erzeugt wird. Dann aber legt sie

weite Strecken zurück mit allem, was auf ihr ist, -- »Waldung, sie

schwankt heran, Felsen, sie lasten dran«, wie es im »Faust« heißt.

Und dem Pater entgeht nicht, daß auch so vermeintliche »Eiszeiten«

entstehen müßten, wenn die treibende Bank andere Landschaften über die

kalten Drehpole führt. Wobei er gewissenhaft verzeichnet, daß schon

ein anderer vor ihm, der Jesuitenpater Kolberg, an solchen Rindenzug

zur Erklärung gedacht habe, während ihn selbst doch die Pole weniger

interessieren als der alte Äquator. Durch was für wechselnde Gegenden

sich dieser Äquator in den Erdaltern gespannt, sucht er noch an den

verklungenen Gebirgen abzulesen, die immer eine äquatoriale Falte

geliebt, oder aus den Bändern roten Sandsteins, die, in der Wärme

gebildet, heute noch uralte Gleicherzonen zu künden scheinen.

Da aber offenbart sich ihm nun vor seiner reisenden Schollendrift der

Jahrmillionen keine auf und ab wippende Pendulation, sondern er meint,

die ganze Rinde sei um und um getrieben, bis das Gebiet des alten

Nordpols regelrecht zu dem des Südpols geworden, also für den äußeren

Anblick die ganze Erdkarte sich auf den Kopf gestellt habe. Ich mußte,

als ich's las, an verträumte Stunden mit August Strindberg denken,

der bekanntlich ab und zu in paradoxer Naturgeschichte dilettierte:

wie er mir einmal begreiflich zu machen suchte, der Mond drehe sich

langsam von Pol zu Pol. In der Vision des Paters Kreichgauer erschien

das leibhaftig für unsere ungeheure Erde, die zwischen Vor-Kambrium und

Diluvium ihre Pole vertauschte. Manches in den verschiedenen Pollagen,

das der Pendulation Kopfzerbrechen macht, gibt sich so in der Tat noch

anschaulicher. In mehrerem ist aber doch auch wieder merkwürdig, wie

der Pater unbewußt in Schritte lenkt, die auch der Ingenieur getan.

Auch bei ihm schiebt sich die Rinde in ganz ähnlichem Hauptkreis

über die Pole, von zwei Tropenstellen aus gedreht, die unmittelbar

an Reibischs Schwingungspole erinnern, -- bloß daß er seine Schollen

freier treiben und ausbiegen lassen kann, als in Reibischs starrem

System möglich wäre. Und die diluviale Eiszeit muß entsprechend auch

er zeitlich zerstückeln, bis ihre nordamerikanischen Akte sich schon

durch das ganze Tertiär ziehen. Hier aber war es nun wieder Simroth,

der allen Ernstes eine nachträgliche Kombination aus Rindenrundfahrt

und Pendulation selber versucht hat. In einem Nachtrag zu seinem

Pendulationsbande meint er, auch die Pendulation könne schließlich ganz

gut als eine reine Rindenbewegung, wenn schon eine bloß pendelnde,

gedeutet werden, unter der unbeschadet der metallene Erdkern seine alte

Drehung bewahrte. Womit immerhin eine Brücke gegeben war, auch diese

Pendulation irgendwie in Kreichgauers Sinn auf rein irdische Ursachen

ohne kosmischen Roman zurückzuführen.

Simroth hat an der gleichen Stelle aber noch eine interessante

Anlehnung gesucht.

Bei unserem geologiebeflissenen Pater ist, wie gesagt, seine

Krustenbewegung im einzelnen viel willkürlicher: so läßt er sie z.B.

im Tertiär und Diluvium nördlich eine richtige Kurve beschreiben,

die den Eispol wirklich abbiegend über das arktische Amerika und

rund um Grönland führt. Da möchte man fast fragen, ob nicht einzelne

Krustenschollen hier gesondert herumgesteuert sein könnten. Auf diesem

Gebiet ist aber nichts so paradox, daß es nicht auch einmal ernstlich

verfochten werden sollte. Wenn nun ganze Erdteile sich geologisch von

der Stelle bewegten, hin und her schwämmen, zerbrächen und in den

Stücken voneinander abtrieben? Man braucht bloß an die Gebirgsfalten

zu denken, um sich zu sagen, was für unheimliche Beweglichkeit jedem

»Festlande« schon an sich innewohnt. Jede Falte muß soundso viel vorher

flach gebreitetes Land zu sich herauf gestaut haben. Wieviel Ebene mag

zusammengerückt sein, den ungeheuren Himalaja zu bilden, -- die wieder

herauskäme, wenn man seine Falten zurückglätten könnte. Man sieht schon

auf dem Wege die einzelnen Länder geologisch vor- und zurückkriechen,

wie ein Polyp seine Fangarme breitet und sich dann wieder zum Klumpen

ballt. Aber das gliedert sich vielleicht nur in ein noch viel größeres

Bild.

Wem ist auf der Karte nicht einmal aufgefallen, daß Grönland wie

ein an einem Spalt abgerücktes Stück Nordamerika aussieht? Oder

Südamerika, als sei es mit der Schere aus Westafrika herausgeschnitten?

Die ganze Ostküste des Atlantischen Ozeans scheint sich auf der

andern Seite gradezu fortzusetzen: Afrikas große Tafel in dem

Tafellande Südamerikas, die Bruchzone unseres Mittelmeers in der

mittelamerikanischen, Europas Ebenen in den Prärien, Skandinaviens

Berge in den Bergen Grönlands. Alle neuere Geologie hat hier an

versunkenes Zwischenland gedacht. Eine nordische und eine südliche

Atlantis, die einmal untergegangen, während die Pfeiler hüben und

drüben stehen blieben. Aber der Boden des Atlantischen wie aller Ozeane

scheint nicht so einfach bloß auf versunkenes Festland zu weisen.

Schweremessungen deuten eine andersartige, schwerere Gesteinsmasse

da unten an. Es ist, als sei eine tiefere Schicht der Erdrinde hier

überall angeschlagen. Die Erdteile scheinen sie voneinanderrückend

einfach freigegeben zu haben wie den Grund einer ungeheuren gähnenden

Spalte. Aber sie geht offenbar ganz in der Tiefe auch unter diesen

Erdteilen selbst weiter. Im Meeresgrunde oberflächlich vernarbt, ist

sie da drunten plastisch-flüssig. Aus ihr quillt angeschlagen die

heißflüssige Lava. Die Erdteile aber, kolossale Brocken viel leichteren

Gesteins, wurzeln in diesem Tiefenfluß. Sie hängen darin lose im

Gleichgewicht wie riesige Eisberge im Meer.

Dazu aber muß man sich nun noch einmal eine gewisse Theorie der

Erdrinde überhaupt machen. Nife, Sima und Sal kommen in Betracht. Die

Worte klingen ja zunächst wie aus der Mythologie der Edda. In Wahrheit

hat sie unser größter zeitgenössischer Geolog, Sueß, zum eigensten

praktischen Gebrauch geschaffen. Den Erdkern soll uns wieder eine

Eisenkugel bilden, -- sagen wir nach der Natur der Meteorsteine, die

zum Teil vielleicht Trümmer solcher anderen Weltkörperkerne sind, aus

Nickeleisen. Nickel mit Ferrum, d. i. Eisen, gibt abgekürzt Nife.

Auf diesem Nifegrund erst ruhe die Rinde. Aber diese Rinde besteht

zunächst selber wieder aus einer unteren schweren Schicht, in der

Tiefe zähflüssig. Das ist jene, die unter den Meeresböden hergeht und

in der die Erdteile stecken. Silizium (Kieselstoff) und Magnesium

mögen sie wesentlich zusammensetzen, -- daher Sima. Ursprünglich

schwamm auf ihr einheitlich die oberste Decke, im Verhältnis zu dem

schweren Fluß darunter schaumig leicht, etwa wie Eis oder Bimsstein.

Silizium mit Aluminium als Hauptbestandteil, -- daher Sal. Aber

diese Sal-Decke zerriß früh schon in lose Brocken: das sind unsere

Kontinente. Wo sie, durch Faltung gekürzt, sich trennten, Raum ließen,

da bildete das vernarbte Sima die Ozeanböden. Die Festländer selbst

aber hängen als Sal-Trümmer noch mit den Sockeln schwebend eingetaucht

im flüssigen Tiefensima. Warum sollen sie nicht gelegentlich noch bis

heute auf ihm sich auch bewegen, fortschwimmen, abtreiben können? So

noch in gar nicht ferner Zeit erst Amerika von Europa-Afrika fort und

Grönland wirklich von Amerika. Angeblich sollen sich sogar kleine

jährliche Beträge herausrechnen lassen, um die dieses Auseinanderrücken

gegenwärtig noch andauert.

Es sind Gedankengänge, die Alfred Wegener in Marburg so oder ähnlich

gegeben hat (1912 in »Petermanns Mitteilungen«). Das »Prinzip

der horizontalen Beweglichkeit der Kontinente« nennt er's, ihm

selber erscheint's paradox, aber doch denkenswert. Natürlich gibt

es mancherlei nahe Einwände dagegen, von denen er selbst einen

hervorhebt: warum nicht jede Verschiebung der Erdteile heißflüssiges

Tiefensima entblöße, das, ehe es selber zu Ozeanboden erstarrt, die

entsetzlichsten Lavakatastrophen erzeugte. Er meint, unterseeische

Lavaergüsse pflegten sanft zu verlaufen, in stärkeren Fällen der Urwelt

aber habe wohl wirklich hier auch wilderer Vulkanismus angeknüpft,

-- wohl keine schlagende Erklärung. Aber vergegenwärtigen mag man

sich auf jeden Fall, was auch das noch wieder in das Eiszeitproblem

tatsächlich hineintragen würde. Schon jene einfache Faltenraffung

könnte Länder heute weit vom Pol fortgezerrt haben, die einst

ausgebreitet unter seinen Eiswirkungen lagen. Oder ganze Erdteile

könnten mit der Eisschrift auf dem Buckel in die Weite geschwommen

sein, endlose Meere fürder zwischen sich und den Pol setzend. Denken

wir uns so doch noch einmal in die Wunder der Permeiszeit zurück!

Teile von Südamerika, Kapland, Indien, Australien hätten einst einen

engverwachsenen Landblock gebildet, der damals dicht unter dem Südpol

wurzelte und dessen Eisschrift empfing. Später aber wäre er gänzlich

voneinander geschaukelt wie ein berstender wirklicher Eisberg, -- ein

Stück wäre bis ans heutige Südamerika geschwommen, eins in Australiens

gegenwärtige Lage, eins wäre von Afrika zu sich gerafft und eins gar

durch die kolossale Landeinziehung bei Gelegenheit der Himalajafaltung

bis in die Breite des heutigen Indiens geholt worden. Überall an

diesen fernen Stellen aber läsen wir vom mitgebrachten Gestein noch

die Schrift des Eispols. Ich sage nicht, daß es ohne weiteres so

war, aber verstehen könnte man, daß es auch so einmal hätte werden

_können_. Penck selber, der große Kenner der südlichen Eiszeiten,

hat der örtlichen Schollenverschiebung im Indischen Ozean den Rang

einer brauchbaren Arbeitshypothese zuerkannt. Und so meinte denn auch

Simroth, wenigstens die indischen Gletscherspuren, die ihm so gar nicht

in seine Pendulation passen wollten, mit solcher Wegenerschen Zerrung

aus dem Hauptspiel herausdrängeln zu können.

Eiszeit und Klimawechsel · 第 5 / 8 段