Wir sind bei unserer ganzen Betrachtung bisher von einer festen

Voraussetzung als der selbstverständlichen ausgegangen. »Eiszeit«

bedeutete uns (wir hören wieder den alten Goethe sprechen) »eine Epoche

großer Kälte«. Vom Pol zum Äquator ging ein gewaltiger Klimasturz, daß

der Pol sich gleichsam ins Riesige vergrößerte, Eis bis zu uns drang.

Umgekehrt in einer Wärmezeit wie im Tertiär floß eine heißere Welle

vom fernen Äquator herauf, brachte Palmen zu uns und Magnolien bis an

den Pol. Die Frage aber ging, wer dieses Plus oder Minus an Temperatur

jedesmal geschaffen. Jetzt aber: wenn nun das Klima selbst nie anders

gewesen wäre als heute? Die Pole nur wie heute kalt, der Äquator

warm und dazwischen die gemäßigte Zone? Aber der Pol, der Äquator

_beweglich_? Wenn der Pol, der heute Grönland und Franz-Joseph-Land

vereiste, in der Diluvialzeit einfach näher bei uns gelegen hätte,

Skandinavien in Binneneis begrabend wie Grönland, die Nordsee zur

Eiswüste erstarrend gleich jener, in deren Grauen sich Nansen gewagt?

Oder wenn sich im Tertiär der Äquator einfach selber ein Stück weit

höher zu uns heraufbog? Mit seiner Wärme des Palmenlandes? Weil der

Pol diesmal seine Schneefelder fern auf der Beringstraße oder noch

weiter blinken ließ? Wie das Ei des Kolumbus erscheint plötzlich diese

neue Lösung -- Lösung durch eine veränderte, eine selber auf den Kopf

gekehrte Fragestellung ...

In der Arldtschen Theorie ist natürlich diese Folgerung selbst

noch nicht gezogen. Grade seine Art der Polwanderung durch

Schiefenverlagerung der Drehachse hält er ja nur in der fernen Urzeit

für möglich, während in den eigentlichen geologischen Epochen der Folge

solche gigantische Zerrung, die die ganze Rotationsachse mitzog, viel

zu umstürzlerisch gewesen wäre und sich in anders sichtbaren Spuren

hätte eingraben müssen. Gleichwohl ist die ganze Logik bereits darin,

und entsprechend war diese auch schon vor ihm in mehreren andern

scharfen Köpfen unabhängig aufgetaucht, sobald auch sie irgendwie an

das Achsenproblem gerührt hatten.

Klar tritt sie unter andern hervor bei Melchior Neumayr (1887). Neumayr

ist in der Verwertung allerdings auch noch _sehr_ vorsichtig. Es wird

nur versuchsweise auch einmal so geprobt. Also z. B. die Permeiszeit:

man könnte ihre Eisfelder in den Randländern des Indischen Ozeans

erklären, wenn man am Ende den Südpol nahe zu Ceylon wandern ließe.

Dann käme aber der Nordpol nach Mexiko, wozu doch dem umsichtigen

Geologen die nahen Farnwälder, die sich in den nordamerikanischen

Kohlenfeldern verewigt, nicht passen wollen. Hier ist bereits ein

Wichtiges gefaßt: läßt man nämlich den einen Pol wandern, so muß immer

auch der andere mit und die Sache muß stets doppelt passen; ob die

Eiszeiten als Klimasturz stets »bipolar« waren, darüber herrscht noch

Streit; wenn aber nur der wie heute vereiste Nordpol wandert, muß der

Südpol, wo immer er dabei mit hinkommt, auch ein Eisfleck sein und

umgekehrt. Für die Diluvialzeit ist Neumayr ganz zweifelnd. So nah zur

Gegenwart scheint auch ihm ein solches Theater wie eine Polverschiebung

doch allzu gewagt. Aber die warme Tertiärlandschaft bei uns und bis

Grinnelland hat's ihm wirklich etwas angetan. Zunächst sieht es

ja auch da aus, als sollte man unmöglich durchkommen. Allzuweites

Verschieben des Pols schien auch hier nicht zulässig. Der alte Heer

hatte aber bereits betont, die immergrünen Tertiärwälder schienen einen

geschlossenen Ring um die heutige Pollage zu bilden, in der keine

Lücke zum Hinausschieben sei. Und der englische Geolog Houghton hatte

das in das hübsche Bonmot gefaßt: diese alten Wälder hielten den Pol

wie eine Rotte Dachshunde eine Ratte zum Nichtentkommen eingekreist.

Neumayr glaubte aber doch den Finger auf eine verdächtige Stelle legen

zu können, und zwar kam er dabei auch ungefähr auf Nordasien, gegen das

der Pol im Meridian von Ferro um etwa 10 Grad damals verschoben gewesen

sei. Dann lag keiner der entscheidenden arktischen Pflanzenfunde

nördlicher als bis zum 73. Grad, was allerdings immer noch 3 Grad mehr

blieb, als heute auch vom letzten Kümmerwalde zu unserm Pol erreicht

wird. In Alaska und Japan aber sollte die Pflanzenwelt wirklich einen

nordischeren Anstrich gezeigt haben als sonst so weit herab im Ring,

was also zu der damals hier polnäheren Lage paßte. Der letztere

Gedanke ist nachher von Nathorst besonders ausgebaut worden, der mit

seinem Wanderpol aber noch um 10 Grad weiter nach Ostasien hineinging.

Die Einzelheiten der ganzen Konstruktion aber haben immer wieder

der Kritik seither mit Für und Wider unterlegen ohne Abschluß. Eine

gewisse Spitzfindigkeit hat sich nicht herausbringen lassen. Europa kam

inzwischen bei Neumayrs Deutung um 8--10 Grad weiter vom Pol ab als

heute, was seine Palmeninvasion immerhin dem Verständnis etwas näher

rückte.

Was den vielgenannten Wiener Geologen aber nun am entschiedensten

anzog, war auch ihm die Frage: wie solche Polverschiebung in solcher

immer noch verhältnismäßig späten Zeit ursächlich zu denken sei und

ob sie zu denken sei? Ab sah er für sein Teil wohl unzweideutig

von einer wirklichen Schiefenänderung der Drehachse im Sinne

Emerson-Arldt. Wenigstens erwähnt er mit keinem Wort deren besondere

tolle Jahreszeiten- und Zonenfolgen im Spiel. Dafür aber stützt er

sich auf theoretische Gedankengänge des berühmten Mailänder Astronomen

Schiaparelli und praktisch ganz besonders auf etwas, womit nun in der

Tat hier noch einmal ein zweites und engeres Kapitel beginnt. Wir

müssen dazu noch einen Augenblick auch astronomisch ausholen.

Jener kastilische König im 13. Jahrhundert, der zu seinen Astronomen

das geflügelte Wort sprach: wenn er vom Schöpfer befragt worden wäre,

hätte er das himmlische System weniger verwickelt geschaffen, zielte

auf die zum Teil überflüssigen Wirrnisse des ptolemäischen Weltbaues,

aber im Grunde hatte er eine ewige Wahrheit erfaßt. Jener Ptolemäus

ist gefallen, aber die Forschung hat immer neue Schraubereien, die

uns Not machen, aufgedeckt. Und eine der verblüffendsten waren da vor

ein paar Jahrzehnten (grade kurz ehe Neumayr schrieb) auf unserer

unerschöpflichen Erdkugel die sogenannten _Polhöhenschwankungen_. Es

kam zutage, daß diese unsere Erde nicht bloß im Präzessionszyklus

immer wieder ihren Polarsternen fortlief und im besagten echten

Schiefenzyklus gegen ihre Bahn anders eingestellt wurde, sondern auch

noch sozusagen in sich selbst ständig höchst absonderlich wackelte.

Anfang der 80er Jahre meldete die Berliner Sternwarte, die sich gleich

allen andern eine Säule im Meere der Unruhe dünkte, zum erstenmal

den befremdlichsten der Befunde an: daß bei ihr die Polhöhe sich

bewege oder, mit andern Worten, die geographische Breite von Berlin

um ein weniges mit ihr fortkrieche. Pulkowa, Gotha, Prag bestätigten

als lauter ebenso wankend gewordene Säulen. Da die Geschichte immer

noch zu kühn erschien, wurde Markuse 1891 für ein Jahr nach Honolulu

auf den Sandwichinseln, also an die möglichst antipodisch fernste

Gegenecke der Nordhalbkugel, gesandt, um eine große Kontrollmessung

zu Berlin vorzunehmen. Das Ergebnis war diesmal schlagend: der alte

Heraklit hatte einmal wieder beschämend recht mit seiner Weisheit, daß

alles fließt. Die eigentümliche Zitterbewegung umfaßte tatsächlich

die ganze Erde. Es schwankt gewissermaßen dabei die reale Erdmasse an

ihrer idealen Drehachse. Die Drehachse behält ihre Richtung auf den

gleichen Stern bei, astronomisch wird also eigentlich nichts verändert.

Aber irdisch zittert doch immer wieder ein anderes Stückchen Erdkarte

über den Drehpol, und damit verschiebt sich natürlich die Gesamtlage

aller Erdenorte zu diesem Pol entsprechend mit, -- die ganze Erdkarte

wackelt. Die genauere Messung ergibt allerdings, daß das Zittern nicht

nur ein ganz geringes ist, sondern daß es auch insofern zunächst ein

richtiges »Zittern« bleibt, als in den paar Beobachtungsjahren seither

immer wieder nur kurze Bewegungskurven ineinander zurückgelaufen sind.

Die äußersten Abstände betrugen dabei noch keine zwanzig Meter. In

solchem Spielraum kreiselt also einstweilen für unsere Kenntnis, wenn

man's noch einmal so ausdrücken soll, die Erdkarte über dem wahren Pol

mit ihrer Spitze hin und her, ohne sich doch im ganzen -- wenigstens

gegenwärtig -- für eine dauernde und einseitige Bewegung vom Pol fort

zu entscheiden.

Man hat sich natürlich sofort den Kopf zerbrochen, woher diese

offenbar nicht neue, sondern nur neu entdeckte Zitterei kommen könne,

und findet die Ursache meist in gewissen periodischen Mehr- oder

Wenigerbelastungen der Kugelseiten durch Luftdruckverschiebungen,

wie sie unsere Barometer schon andeuten, und ähnlichem. Die

Hauptträgheitsachse der Erde und die Umdrehungsachse schlagen dadurch

eben auch periodisch ein klein wenig gegeneinander aus. Immerhin zeigen

sich aber doch auch schon in der kurzen Beobachtungszeit der paar

Jahrzehnte mancherlei unerklärte Besonderheiten dabei. Und jedenfalls

konnte nicht ausbleiben, daß schon früh auch hier _eine_ Frage gestellt

wurde, die jetzt abermals in unser Problem trifft.

Diesmal änderte sich die Drehachse als solche nicht, verschob also

auch nicht ihre Schiefe im Erdkörper. Aber die Erdkugel als solche

lief etwas über die Achse hin und her. Heute bloß hin und her auf

ein paar Meter. Aber wenn auch das nun in alten Erdentagen auch

einmal oder öfter zu einem wirklichen Darüberfortlaufen in bestimmter

Richtung geworden wäre? Auf Grund irgendwelcher größeren geologischen

Ursachen? Man sieht auf den ersten Blick, daß auch das zu einer Art von

»Polwanderung« führen müßte! Zum Himmel blieb zwar der Pol diesmal

gleich. Aber irdisch, im Sinne der Erdkarte, zogen immer andere Länder

oder Meere über ihn hinweg, so weit und lange jene große Abbiegung

sich dehnte. Auch auf diesem Wege konnte das heutige Polarland vom

Pol fortwandern und das Gebiet etwa der Beringstraße seine Stelle

einnehmen. Da die Vereisung stets an den Drehpol anschloß, lag dann

scheinbar der Eispol auf dieser Beringstraße, wie oben, während (alle

Breiten schwanken ja mit, wenn die höchste über den Pol gleitet) wir

in Europa gleichzeitig weit dem warmen Äquator zugedreht lagen. Oder

umgekehrt: wir konnten mit dem Zuge der beweglichen Karte dem Pol

zu gondeln, unter sein Eis gezogen werden, während die Beringstraße

jetzt unten in das Klima der milden Südsee tauchte. Ausgeschaltet

aber war bei diesem Lauf der Karte über den Pol alles, was früher

beim wirklichen Lauf des Pols über die Karte infolge Absinkens des

Achsenwinkels an verwegenen klimatischen Sonderzutaten sich hätte

einstellen müssen. Es gab jetzt tatsächlich _nur_ Äquatorwärme und

Polareis wie heute auch über alle Geologie fort, aber eben: es gab sie

an immer wieder _andern_ Orten der Erde, und das täuschte uns Eiszeiten

und Tertiärparadiese vor ...

Kein Zweifel, daß für unsern Neumayr _diese_ Art der Theorie seinerzeit

schon als die einzig diskutable erschienen ist, falls auch in späteren

geologischen Perioden wirklich noch Polverlagerung mitgespielt haben

sollte. In Einzelheiten, wie man sich auch das jetzt denken sollte, ist

er indessen, schwankend wie er zu letzterem Punkt eben doch schließlich

blieb, nicht eingegangen. Mit um so größerem Nachdruck aber sollten

hier jetzt wesentlich gleichzeitig mit Arldts Darlegungen mehrere

unabhängige Gedankengänge innerhalb des großen geistigen Kampfes um die

Eiszeit einsetzen. Ich greife davon eine zu etwas genauerer Betrachtung

heraus, die sich besonders rasch durch ein glückliches Leitwort auch

in weiteren Kreisen Eingang zu schaffen gewußt hat und schon deshalb

klare Kennzeichnung an dieser Stelle fordert: -- die sogenannte

_Pendulationstheorie_.

Im Jahr 1901 erschien in dem 27. Jahresbericht des Vereins für Erdkunde

zu Dresden eine kleine Abhandlung des Dresdener Ingenieurs Paul

Reibisch über ein neues »Gestaltungsprinzip der Erde«. Es handelte sich

nur um ein paar Seiten, aber mit reichem Inhalt.

Der Verfasser geht zunächst ohne jeden Bezug zu Eiszeit und Klimafragen

von der einfachen Tatsache der Verschiebung von Wasser und Land auf

der Erde aus. Die Tatsache ist eigentlich der Anreger aller Geologie

gewesen, wie sie schon vorher die Sintflutsagen beherrscht hat. Kein

Zweifel, daß in den geologischen Epochen der Vergangenheit sich

vielfältig an Stelle heutigen Landes Ozean gebreitet hat und umgekehrt.

In neuerer Zeit haben verdiente Forscher das aber in richtigen

geologischen Karten festgelegt, die den Unterschied für bestimmte

ältere Zeiten ziemlich übersehen lassen. Indem Reibisch solche Karten

für Europa in der Jura- und Kreidezeit betrachtet, scheint sich ihm nun

ein Gedanke aufzudrängen.

Das Europa der Jurazeit erscheint ihm wie hineingeschoben in einen

größeren Wasserberg. Seine Niederungen sind überschwemmt, nur die

heutigen Erhebungen ragen als Inselarchipel vor. Auf der Karte der

späteren Kreidezeit ist es dann, als beginne umgekehrt das Land sich

aus einem etwas flacher werdenden Meer herauszuschieben. Wobei es in

beiden Fällen viel weniger nach einem gewaltsamen neuen Empordrängeln

des Landes selbst aussieht, als wirklich einem einfachen Eintauchen

und Wiederauftauchen in voller Breite. Ganz ähnliche Sachlagen

aber scheinen sich auch heute noch in gewissen Gebieten der Erde

abzuspielen. So scheinen in der südlichen Hälfte des Stillen Ozeans

jenseits des Äquators die zahllosen polynesischen Inseln immer

noch tiefer in die Wassermasse hineingepreßt zu werden; Darwin hat

bekanntlich seine ganze berühmte Korallentheorie darauf begründet, daß

die Korallentiere ständig höher bauen müßten, weil ihre Küsten immer

tiefer ins Wasser schnitten. Umgekehrt in der Nordhälfte dieses Stillen

Ozeans arbeitet sich ebenso ersichtlich das Land seit Jahrhunderten aus

den abflauenden Fluten heraus. Da die Wassermenge des Weltmeers als

solche wohl unveränderlich ist, fragt sich, was für ein geheimes Gesetz

hier walten könnte, das seit alters bald Wasserberge vor Ländern staut,

bald diese Länder wie ragende Schiffe aus den verflachten Wassern

führt. Vorausgesetzt immer, daß die Dinge wesentlich am Wasserstande

liegen.

Dieses Gesetz würden aber nach Reibisch jetzt sehr gut jene

Bewegungen der Länder und Meere über den Pol, geologisch und heute

noch fortwirkend gedacht, geben können. Nehmen wir an, die kleinen

Polhöhenschwankungen haben wirklich noch eine solche große Steigerung

hinter sich. Der Pol wahrt seine Stellung zum Himmel, die Achse ihre

gewohnte Schiefe; aber über den Fleck des Pols zieht immer neuer

Boden. Dann muß noch eine Erscheinung in Kraft treten, die wir bisher

nicht beachtet haben. Am Pol ist infolge der Zentrifugalkraft die Erde

bekanntlich abgeplattet, am Äquator vorgeschwollen. Land wie Meer haben

sich ursprünglich darauf eingestellt. Wenn aber jetzt neue Länder und

Meere über den Pol oder auch den Äquator rücken, so wird ein gewisser

Konflikt unvermeidlich. Das bewegliche Wasser wird sich zwar sogleich

neu nach der Zentrifugalkraft ordnen, am Pol flach auseinandergehen,

auf dem Äquator einen dicken Wulst bilden. Das Land aber wird zunächst

nicht so rasch nachkommen können. Auf sehr lange Dauer würde es sich

ja wohl ebenfalls einigermaßen plastisch erweisen. Ich will dabei

erwähnen, daß nach guten englischen Berechnungen zuletzt sogar eine

solide Eisenkugel von Erdgröße sich durch innerste Verschiebungen

abplatten müßte, und Schiaparelli wollte Polverschiebungen überhaupt

nur bei einer im ganzen irgendwie plastischen Erde zugestehen.

Aber zunächst wird ein Gegensatz bleiben, und er wird sich darin

äußern, daß sich das noch nicht abgeplattete Land gegen den Pol zu

aus den schon wieder abgeflachten Wassern höher heraushebt, während

es umgekehrt gegen den Äquator in den Wasserwulst eintauchen muß.

Sogleich erscheinen uns jene Bilder wieder: der Südteil des Stillen

Ozeans geht offenbar heute äquatorwärts und ersäuft entsprechend sein

Land, -- der Nordteil aber wandert zum Pol und entläßt deshalb seine

Feste aus sich. Europa auf jenen Karten aber verfolgen wir bei einer

alten Doppelwanderung: im Jura lag es offenbar stark äquatorwärts

eingetaucht, in der letzten Kreide dagegen hatte es Richtung gewechselt

und stieg polwärts heraus. Wenn wir heute das antipodische Südseegebiet

zum Pol rücken sehen, so werden wir sogar vermuten, daß wir jetzt

erneut auf der Tauchfahrt nach Süden begriffen sind.

Eben daran aber wird für Reibisch noch eine interessante

Wahrscheinlichkeit hell. Dieses periodische Auf- und Abpendeln ein und

desselben Erdteils mit seinen Küsten herauf und herunter im Laufe schon

von ein paar geologischen Zeitaltern scheint darauf zu deuten, daß

die ganze Wanderbewegung über den Pol keine unbegrenzte Drehung ist,

sondern selber ein bestimmtes Hin- und Herpendeln in nicht allzulangen

Ausschlägen darstellt. Die Länder und Meere, die jetzt in bestimmter

Richtung über den Pol drängen, machen nach gewissem Zeitraum wieder

kehrt und drängen zurück. So ist Europa seit der Jurazeit einmal ganz

heraufgegangen und bereits wieder umgekehrt. Wenn es dereinst abermals

kurswechselt, so wird auch drüben der Stille Ozean seine Richtung

umdrehen. Diese Pendelausschläge der Karte zeigen aber nur, was die

Erde im ganzen macht. Auch sie beschreibt eine Pendelbewegung zu

ihrer Drehachse, als würde sie außer ihrer regelmäßigen und raschen

Tagesdrehung noch von einer dämonischen Macht zwischen zwei Fingern

gehalten und langsam ein Stück über die Pole vor- und zurückgedreht.

Man kann sich die Sache leicht an einem kleinen Globus vormachen,

den man im Äquator mit einer Nadel durchsticht und schwingen läßt.

Wenn Europa dabei grade auf dem größten Schwingungskreise laufen

soll, so muß der eine Schwingpol ungefähr auf Ekuador in Südamerika

und der andere auf der Insel Sumatra liegen, und mit diesem Bilde

hat man tatsächlich den Kern der ganzen seither so vielbesagten

»Pendulationstheorie« erfaßt. Der Rest sind bei Reibisch nur einfache

Folgerungen, darunter allerdings eine jetzt noch für uns entscheidend

wichtige.

Wenn die Pendulation schon durch die ganze Geologie heraufkommt, so

muß der Schwingungskreis über Europa (etwa der zehnte Grad östlich

von Greenwich, der Deutschland schneidet und sich fern über den Pol

zur Beringstraße und dem Stillen Ozean verlängert) seinen Ländern am

meisten Abenteuer gebracht haben, denn hier ging's zwischen Äquator und

Pol immerzu auf und ab. Die konservativsten Ecken dagegen müssen die

Schwingpole selbst gewesen sein. Während dort die Fortentwicklung des

Lebens blühte, haben sich hier noch altertümliche Tiertypen bis heute

lebend erhalten, wie der uralte Molukkenkrebs (~Limulus~) und der vom

Mitteltertiär an unveränderte Tapir.[6] Hier muß ewiges Tropenparadies

geblüht haben. Indem diese Klimafrage berührt wird, rührt aber auch

Reibisch unvermeidlich an die Eiszeit selbst. Europa auf seinen

Pendelfahrten erlebte nicht nur Wasser- und Landabenteuer, sondern

notgedrungen auch klimatische. Es ist wichtig, daß die Pendulation bei

Reibisch nicht erfunden wird, bloß um diese Klimadinge zu erklären,

desto glatter aber scheinen sie sich ihr zunächst einzufügen.

Solange Europa äquatorwärts gependelt war, mußte es auch Tropenhitze

haben. Unsere alten Saurier haben sich wohl darin gesonnt. Und auch

als mit Spätkreide und Frühtertiär die abflauenden Wasser beginnende

Polumkehr verrieten, ging es zunächst durch warme Zonen zurück. Daß

dabei aber auch Spitzbergen, Grönland und Grinnelland grünen Wald

trugen, ist ebenso selbstverständlich, lagen sie doch damals vom Pol

fort noch lange über die gemäßigte Zone hinausgependelt, während im

Zeichen des wahren Pols erst die Gegend hinter der Beringstraße

stehen mochte. Und spielend wird hierbei etwas mitgelöst, das uns

bisher fast in allen Eiszeittheorien so verzweifeltes Kopfzerbrechen

gemacht: die Lichtfrage. Wenn etwa der Boden Spitzbergens damals wie

auf einer ungeheuren Drehbühne an die Stelle des heutigen Südeuropa

geschoben war, so _hatte_ er eben keine lange Polarnacht und konnte

unbehindert seine Magnolien und Zypressen tragen, wie die heutigen

Hügel von Bologna. Man wird das Glück der Theorie an dieser Stelle

nicht unterschätzen! Nun aber, als die Bühne zurückdrehte und auch da

noch weiter drehte als heute, kam Skandinavien genau so folgerichtig

ins Polareis und die »Eiszeit« brachte alle ihre Schrecken zu uns,

-- nicht weil's wirklich kälter auf der Erde geworden war, sondern

bloß einfach, weil wir jetzt näher auf den ewig vereisten Drehpol

selbst hinaufgependelt waren. Damals dräute _uns_ die Polarnacht, und

die Moschusochsen Grönlands fanden bei uns die baumlose Moossteppe

der arktischen Öde. Zwei Forderungen hatten nach Reibisch in allen

Eiszeittheorien von je eine Hauptrolle gespielt: ein Klima, wie es viel

nordischeren Breiten entspräche -- und eine gesteigerte Erhebung des

Landes über den Meeresspiegel. Beides bietet die Pendulationstheorie,

indem sie wirklich in die hohen Breiten zaubert und zugleich das

ungebrochene Land immer steiler aus dem abgeplatteten Meer herausrücken

läßt.

Der Rest der Abhandlung dient im letzteren Punkt dann noch einigen

vorsorgenden Beschränkungen zur Abwehr allzu leichter Einwürfe.

Wirkliche Hebungen und Senkungen auch des Erdbodens selbst aus inneren

pressenden oder eruptiven Gründen müssen natürlich das allgemeine

Bild im einzelnen stets durchkreuzt und verschoben haben, auch ist

das wandelnde Festland, wie gesagt, nicht unbedingt unnachgiebig.

Die erlahmende Zentrifugalkraft bei zum Pol rückenden Landmassen und

Seeböden wird die Tragfähigkeit der Oberfläche entspannen und Einbrüche

begünstigen. So ist das nördliche Eismeerbecken ein solcher junger

Einbruch, der dann für sein Teil wieder durch Seitendruck heute noch

Spitzbergen und Skandinavien hebt in scheinbarem Widerspruch zu ihrer

doch jetzt schon wieder äquatorialen Pendulation. Diese örtlichen

Schwankungen müssen eben stets von dem großen »Gestaltungsprinzip« in

Abzug gebracht werden, wenn die Sache richtig stimmen soll. Geschickt,

wie das alles gruppiert ist, übt es eine glänzende Wirkung aus.

Erst 1905 und 1907 ließ Reibisch dieser gehaltvollen ersten Mitteilung

noch zwei weitere kurze Abhandlungen am gleichen Ort folgen, mit

denen einstweilen seine Arbeit zur Sache abschloß. Die zweite Studie

verfolgt weiter jenes Verhalten des Landes bei polarer und äquatorialer

Pendulation mit ihrem Einfluß auf Gebirgsfaltung, Erdbeben, Spalten-

und Karstbildung, -- während die dritte noch einmal der Eiszeit

im besonderen gewidmet ist. Grade vor dieser »Eiszeit« werden wir

jetzt aber in die Schwierigkeiten auch dieser Theorie eingeführt. So

verblüffend diesmal alles zu klappen schien, hatte sich doch schon

bei der ersten Behandlung ein Widerspruch gezeigt, auf den jetzt noch

einmal genauer eingegangen wird.

Eiszeit und Klimawechsel · 第 4 / 8 段