selbst eine vollkommene Kugel; diese reinsten Idealformen hat die Natur
auch bei ihren großartigsten kosmischen Kunstwerken nicht durchzusetzen
vermocht. Sie ist eine Ellipse, bei der die Sonne nicht genau im
Mittelpunkt steht, und das bedingt, daß schon bei jedem gewöhnlichen
Jahresumlauf die Erde dieser Sonne auf der einen Halbbahn etwas
näher kommt und auf der andern etwas ferner bleibt. Nun stellen wir
schon auf solchem einfachen Umlauf alljährlich auch eine entschiedene
Wärmeänderung bei uns fest: große Gebiete unserer Erde erleben in
Gestalt von Sommer und Winter etwas wie eine ständige Tertiärzeit und
Eiszeit im kleinen. Es wäre einleuchtend, daß solcher Winter jedesmal
käme, wenn wir der Sonne ferner, Sommer, wenn wir ihr näher sind. So
einfach stehen aber wiederum bekanntlich die Dinge nicht. Sommer und
Winter liegen für uns zunächst daran, daß die Erde aus einem an sich
rätselhaften Grunde schief auf ihrer Bahn steht. Infolgedessen bietet
sie der Sonne während ihres Umlaufs nicht immer freie Front dar,
sondern gleichsam zwei schräge Katzbuckel, von denen immer nur der eine
die halbe Bahn lang überhaupt gutes Licht und gute Wärme aufgebrannt
bekommt und dann wieder der andere. Wie unabhängig für sich diese Sache
läuft, zeigt am besten, daß wir auf dem Nordbuckel grade sommerlich gut
stehen, wenn wir im ganzen der Sonne am fernsten sind, -- zugekehrt ist
hier eben weit wichtiger als nahe. Ganz belanglos sind aber doch auch
fern und nahe wieder nicht. Nahe gibt ein klein wenig Wärme darauf.
Dazu bummelt nach festem Weltgesetz die Erde fern etwas mehr als nahe,
und folglich hat der Buckel, der fern Sommer und nahe Winter hat,
etwas wärmere Winter und längere Sommer. Gegenwärtig genießt diesen
Vorteil unsere Nordhalbkugel. Aber auch dahinein mischt sich noch etwas
Eigentümliches, das jetzt nicht mit dem gewöhnlichen Jahr erschöpft
ist. In einem Zyklus von zwanzig und einigen tausend Jahren zieht die
Sonnen- und Mondschwere den vorgeschwollenen Dickbauch der Erde so
herum, daß der Buckel, der soundso lange Fernzukehr hatte, auf gleiche
Dauer Nahzukehr bekommt und umgekehrt. Es ist wie ein himmlischer
Ausgleich, daß nicht einer immer bloß den Vorteil haben soll. Hat ihn
heute der Norden, so wird ihn in den nächsten paartausend Jahren an der
großen Weltenuhr der Süden bekommen. Präzession nennt man den Wechsel;
im einzelnen spielt noch mehreres an Astronomischem mit hinein, das uns
aber hier nicht weiter zu kümmern braucht.
Es war nun im Jahre 1842, daß in Frankreich ein Buch erschien,
von einem Pariser Mathematiklehrer, sonst nur durch brauchbare
Lehrbücher bekannt, Alphonse Joseph Adhémar, das nicht nur eines der
frühesten, sondern auch merkwürdigsten der ganzen Eiszeittheorie
sein sollte. Noch heute liest es sich wie ein spannender Roman Jules
Vernes, und fast bedauert man, daß seine handfesteste Folgerung zur
gelegentlichen kosmischen Aufrüttelung der Menschheit nicht wahr
ist. In diesem Buche wurden zum erstenmal die Präzessionstatsachen
für die wirkliche Eiszeit verwertet, -- mit einer kleinen Hexerei,
die noch eine ganze Pandorabüchse auf die Menschheit schüttete. Jede
der Präzessionsperioden (die Adhémar mit einem bestimmten Abzug auf
21000 Jahre rechnet) belegte abwechselnd einmal die Nord- und einmal
die Südhalbkugel mit längeren und härteren Wintern. Darin häufte
sich einmal hier, einmal dort stärker das Polareis, -- wie das,
nebenbei bemerkt, ein preußischer Offizier, Rohde, schon zu Anfang des
Jahrhunderts einmal klar entwickelt hatte. Diese Häufung aber, lehrt
unser Pariser Mathematikus, bedeutet jedesmal für die betreffende
Halbkugel eine Eiszeit. Als der Zyklus uns zum letztenmal traf,
rückten unsere Nordgletscher entsprechend vor. Seit Jahrtausenden sind
wir jetzt wieder wärmer, dafür liegt gegenwärtig der Südpol unter
kolossaler Eisglocke. Seit fernen Urweltstagen ist das so, und ewig
wird es so sein. Mit dem nächsten halben Stundenschlage der Präzession
werden auch wir abermals nordische Eiszeit erleben. Aber die Sache
hat noch eine Klausel, und hier wird die Prophezeiung hochdramatisch.
Jeder Pol, der das stärkere Eis hat, ändert damit den Schwerpunkt der
Erde. Die Wasser strömen zu ihm hin: deshalb liegt heute das große
Südeis inmitten uferlos blauenden Ozeans, während im Norden weites
Land ragt. Kommt die Eiszeit neu zu uns, so wird sich's umlagern,
das Südmeer neu zu uns heraufstreben. Aber allemal der letzte Akt
solcher Neuverlagerung geht durch furchtbare Gewalt. Da birst erwärmt
der letzte Eisblock in seinen Wassern, blitzschnell springt das
Schwerezentrum ganz über, und in grausiger Katastrophe stürzen die
Wasser ihm nach. Beim letzten nordischen Einbruch wurden so Elefanten
bis ins sibirische Eis verschwemmt. Der letzte Südeinbruch aber war
wohl die Noachische Sintflut. Heute rückt das Zeigerlein der Wage
schon leise wieder nach Norden zurück. In 6300 Jahren ist der große
antarktische Eisbruch mit neuer Sturzflut zu erwarten, -- Menschheit,
bereite dich, anstatt inneren Streit zu führen, baue Archen und
Luftschiffe oder schlage deine Wohnung bei den Gemsen des Gebirgs auf!
Das kleine Buch wirkt, wie gesagt, noch heute bezaubernd, keines hat
seinerzeit so durchgeschlagen, schien so einfach, löste so bis auf die
Ziffern exakt. Schade nur, daß es dem nüchternen Urteil um so weniger
standhält. Für unsere wahren geologischen Zeiträume erscheint der
Präzessionszyklus unendlich viel zu winzig. Ließe er sich vielleicht
noch in die diluvialen Interglazialzeiten hineindenken: mit wieviel
Eiszeiten müßte er uns beglückt haben bis zur wirklichen Permeiszeit!
Aber Adhémars Beweisführung ist schon in sich hinfällig. Auch das
dickste Polareis würde den Schwerpunkt der Erde schwerlich ändern
können. Ganz unmöglich aber erscheint der geringe Winterunterschied
bereits als Ursache einer einseitigen Eiszeit.
Und doch hat die Bewegung nicht ruhen wollen, als müsse sich irgendwie
hier noch einmal etwas Verbessertes anknüpfen lassen. Etwas, das den
Schwereroman und seine phantastischen Sintfluten fortließ, dafür aber
den zu kurzen Präzessionszyklus an einen größeren schloß und die
Vereisung innerhalb der Präzession besser begründete. Der Schotte
James Croll bezeichnet mit seinen höchst verdienstvollen Arbeiten zur
Eiszeit, die sich seit Mitte der 60er Jahre folgten, diese Stufe der
Theorie. Croll ging davon aus, daß es bei der Erdbahn tatsächlich noch
einen Zyklus gebe außer der Präzession und ihren näheren Anschlüssen.
Die Ellipsengestalt der Bahn selbst schwankt in großen Zeiträumen.
Heute nähert sie sich mehr der Kreisform, zu andern erdgeschichtlichen
und künftigen Tagen muß sie dagegen noch stärker von ihr abweichen,
noch exzentrischer werden. Dieser Zyklus mag über Jahrhunderttausende,
ja Jahrmillionen reichen, und seine Höhezeiten und Mindestzeiten mögen
jede allein ganze Reihen des kleinen Präzessionswechsels umfassen.
Alle jene guten oder schlechten Wirkungen der gewöhnlichen Lage müssen
sich aber, lehrt Croll, in solchen extremen Zeiten entsprechend
extrem vermehren: sehr kalte und endlos lange Winter z. B. für die im
Präzessionszyklus jeweilig schlecht gestellten Erdseiten, kurze und
warme für die guten. Und hier erst sieht unser diesmal sehr besonnener,
selber gar nicht ausschweifender Urteiler die wahre Ursache auch von
Eiszeiten. Sie treten nur in riesigen Zwischenräumen ein, wenn nämlich
die Abschweifung der Erde von der Sonne im Höchstmaß steht, und zwar
treffen sie dann je in halben Präzessionszyklen eine Reihe von Malen
rasch hintereinander jede Erdhalbkugel. Über den Gegensatz der beiden
Halbkugeln in der kritischen Zeit glaubte Croll dabei noch manches
Anregende aussagen zu können, wobei ihn seine reiche Begabung als
Klimakenner trug. Gegen die harten Winter der ungünstigen Halbkugel
kamen ihre kurzen Sommer nicht auf. Große Schneemassen blieben dort
liegen. Die verschlechterten dann (ein sehr richtiger Gedanke) selber
wieder weiter das Klima. Die Passatwinde änderten sich, die warmen
Strömungen flossen nicht mehr nach der kalten Seite ab; auch der
Gedanke an solche Meeresströmungen (z. B. Versagen des Golfstroms)
sollte fortan ein Leitgedanke der verschiedensten Eiszeittheorien
bleiben. Umgekehrt vereinigte sich drüben alles Gute: während etwa
die Nordhälfte unter Eiszeit schmachtete, blühte die andere in
paradiesischer Pracht.
Zweifellos: Croll hatte mindestens zwei Klippen mit Glück umschifft,
an denen Adhémar gescheitert. Und bis heute folgen ihm angesehene
Geologen und Astronomen nach. Andererseits mußte sich aber auch zu ihm
die Kritik geltend machen. Sie bestritt die Einzelheiten jenes allzu
hell gemalten Gegenparadieses, schließlich war das aber ja nicht die
Hauptsache. Doch sie bestritt auch selbst bei größter Exzentrizität
immer noch die Nötigung der Eiszeit drüben. Hann, einer unserer besten
deutschen Klimaforscher, meint, auch ein viermal stärker als heute
gedachter Gegensatz der Hemisphären könne doch noch nicht hier das
Paradies und dort die Eiszeit heranzaubern. Neumayr, der geniale Wiener
Geolog, hat auch die sehr großen Ziffern des Exzentrizitätszyklus noch
immer nicht für erdgeschichtlich brauchbar erklärt. Falle das letzte
Höchstmaß vielleicht wirklich mit der diluvialen Eiszeit zusammen, so
folgten sich die vornächsten Maxima in Abständen von dreiviertel und
zweieinhalb Millionen Jahren, und das bliebe noch in der Tertiärzeit,
die doch keinerlei Eisspuren zeigt. Und alle, die an »Bipolarität«
der Eiszeiten glaubten, haben beklagt, daß bei Croll so wenig wie bei
dem alten Adhémar jemals Nordeiszeit und Südeiszeit zusammentreffen
könnten. Auch jetzt blieb also noch als Aufgabe: vielleicht die
Rechnung weiter zu bessern, mit irgendeiner Hilfserklärung die Kälte
abermals zu mehren und die Bipolarität doch irgendwie als Möglichkeit
zu retten.
Inzwischen brachte ein Kölner Realschullehrer, Schmick, einen neuen
Gedanken ins Spiel: die Exzentrizität der Erdbahn müsse Einfluß auf
die Umdrehung (Rotation) der Erde haben. Diese Rotation wird leicht
gebremst durch verstärkte Fluterscheinungen unserer Meere, -- solche
wirksameren Flutwellen aber weckt die Sonne bei mehr exzentrischer
Bahn. Daraus zog der norwegische Botaniker Axel Blytt den Schluß, daß
in solcher Zeit etwas verlangsamter Rotation die Zentrifugalkraft am
Äquator abnehmen und alle Flüssigkeit sich mehr polwärts ausbreiten
müsse, -- ein Anklang an Adhémar, doch ganz neu gewendet. Nun war es
schon eine alte Idee des Begründers neuerer Geologie Lyell gewesen,
daß starke Verlandung am Äquator große Heizflächen für die Erdwärme
schaffen und mildes Gesamtklima begünstigen müsse, während umgekehrt
viel Wasser dort feuchte Zeiten mit starkem Schneefall in den kühleren
Zonen, also eiszeitartige Erscheinungen, bringe. Ein Blick auf die
Karten früherer Weltalter, wie sie die Schule von Sueß in Wien gab,
legte nahe, daß wirklich seit grauen Tagen bis zu uns heran eine
gewisse Tendenz zu solchem Wechselspiel bald mehr verlandeten Äquators
und überschwemmter Pole, bald umgekehrt äquatorialer Meere und polaren
Landes geherrscht habe. Dann aber drängte sich ein merkwürdiger Schluß
auf. Die Zeiten sehr exzentrischer Erdbahn, in denen das Wasser vom
Äquator fortfloß, waren nicht die geeigneten für eine Eiszeit, sondern
umgekehrt die der _geringen_ Exzentrizität, in denen die Rotation
sich hob und die Fliehkraft die Wasser am Äquator sammelte. Schon
der amerikanische Geolog Becker hatte gelegentlich Zweifel geäußert,
ob nicht doch solches Minimum mit einer mittleren Temperatur auf der
Erde passender sei, falls sich noch eine unmittelbare Eis-Ursache
hinzufinden ließe; letztere hatte er allerdings in Schwankungen der
Erdschiefe selbst gesucht. Aber die Frage entstand doch noch, ob die
Verdunstungsfeuchte der Äquatormeere allein in den kühleren Zonen
Eiszeiten zu erzeugen vermöchte. Hier mußte noch eine Hilfe einsetzen.
Blytt, als er zuerst auf das Abströmen nach den Polen kam, hatte dabei
(reichlich kühn) auch an Lavamassen des Erdinnern gedacht, die im
Polargebiet stürmisch vordringen und die Wasser stauen müßten. Von
da schien nur ein Schritt zu dem anschaulicheren Gedanken, daß jeder
wirklichen Eiszeit eine polnahe große Gebirgsbildung voraufgegangen
sein müsse, an der sich die vermehrte Luftfeuchte zu Schnee und
Gletschereis kondensieren könnte. Große äquatoriale Wasserbedeckungen
haben auch in Alttertiär und Kreide stattgefunden, ohne daß es doch
zu Eiszeiten kam: damals fehlten eben große Erdgebirge, während kurz
vor der Diluvial- und Permeiszeit solche frisch entstanden waren.
Die Theorie gibt zugleich eine hübsche Stellung zur Bipolarität. Da
die große Meeresfeuchte nach beiden Polen wirkt, _kann_ sie bipolar
erkälten, sie _muß_ es aber nicht, falls nur gegen den einen Pol zu
Gebirge ragen, zum andern dagegen nicht.
Es sind längst jetzt im wesentlichen Gedanken eines neuen
Eiszeitdeuters, was ich hier vortrage, -- von dem in Berlin wohnenden
emeritierten Lehrer Max Hildebrandt wieder in einem der besten neueren
Eiszeitbücher 1901 niedergelegt. Zum Ganzen wird man aber auch hier
mit einem feinen Lächeln bemerken, wie vieldeutig die Dinge mindestens
noch sind: wird doch mit dem Mindestmaß der Exzentrizität abermals
das gleiche bewiesen, das oben vom Höchstmaß kommen sollte. Und im
Engern lassen sich, so geistvoll die Begründung ist, gewisse Bedenken
nicht verschweigen. Die permische Eiszeit mit äquatorialem Landeis
paßt nicht hinein, und ob die geringe Rotationsänderung wirklich so
große Wasserverlagerungen bewirken kann, bleibt problematisch, wie
Arldt wohl mit Recht betont hat; hier aber hängt schließlich Wohl
und Weh des Ganzen. Andererseits wird man nicht verkennen, daß der
astronomische Zusammenhang mit der eigentlichen Eiszeitfrage auf diesem
Wege bereits ein _überaus loser_ wird. Wechselnde Land-, Wasser- und
Gebirgsverteilung der geologischen Vergangenheit geben tatsächlich
den Ausschlag, und deren Ursache könnte auch in rein irdischen
Verhältnissen gesucht werden.[4]
In der Geschichte der Forschung kehrt ein bedeutsamer Augenblick
öfter wieder. Man hat sich lange um Beantwortung einer Frage bemüht.
Immer neue Versuche sind gemacht, die Tatsachen ihr anzupassen,
die Deutung zu verfeinern, aber die Sache verwickelt sich. Da legt
plötzlich einer die Stirn in die Hand und sagt: Halt, ist nicht in der
ganzen Fragestellung noch ein Fehler? So war's, als das ptolemäische
Weltsystem in immer kniffeligere Rechnungen führte und Kopernikus
einfach umdrehte und die Sonne in die Mitte setzte. So, als Kolumbus
durchaus in sein Mittelamerika hatte Japan und die Sundainseln
hineinsehen wollen und die folgenden fragten, ob hier nicht ein ganz
neuer Erdteil entdeckt sein könnte? Auch die Theorie der Eiszeit sollte
noch einmal solche Damaskusstunde erleben, wo es schien, als sei ihr
Problem falsch, und es ist nicht ihr wenigst lehrreiches Kapitel, das
hier einsetzt.
Wir sind aus astronomischen Sonnenweiten immer mehr auf die Erde
selbst als Himmelskörper herabgestiegen. Schon bei jenem merkwürdigen
Drehzyklus der sogenannten Präzession entschied ja nicht mehr
so sehr die eigentliche Bahn um die Sonne, als eine gewisse
Richtungsumschaltung an unserer eigenen irdischen Achse. In soundso
viel tausend Jahren schaukelte die schiefe Erde sich immer einmal
wieder grade so herum, daß ihre Achse genau entgegengesetzt schief
zur Sonne und den Sternen zu stehen kam, als zuvor. Dabei pflegt
allerdings ein, ich möchte fast sagen, hergebrachtes Mißverständnis
mitunterzulaufen, dem fast jeder unterliegt, der sich diesen
schwierigen astronomischen Dingen zum erstenmal hingibt. (Die meisten
Lehrbücher stellen die Sache rein mathematisch dar und machen sie
damit leider vollends unverständlich; denn der unbefangene Blick
verlangt mit Recht zuerst gegenständliche Anschauung und nicht
Ziffern.) Es wird nämlich angenommen, bei jenem Kreiselspiel der
Jahrtausende, das unsere Erde da herumtrundelt wie einen wahren
himmlischen Brummkreisel, verändere sich auch die Schiefe ihrer Achse
als solche mit: wir ständen also mal noch schiefer und mal wieder
aufrechter dabei. Das ist indessen keineswegs der Fall: die Drehachse
unseres dicken Brummkreisels weist nur entsprechend nach und nach auf
immer andere Sterne da draußen hin: ist's heute der danach benannte
Polarstern im Kleinen Bären, so dereinst einmal die herrliche Wega.
Und an diesem schon in geschichtlicher Zeit merkbaren Fortzittern am
Himmel hat man den ganzen Sachverhalt überhaupt herausbekommen. Die
Schiefe der Achse selber aber bleibt davon genau so unberührt wie die
einer auch von Natur zufällig schiefen Wetterfahne, die ein Wirbelwind
einmal ganz um sich selbst herumtreibt, so daß ihre Spitze jetzt dahin
und jetzt entgegengesetzt deuten muß, ohne daß er sie doch dabei an
sich schiefer oder grader rücken könnte. Eben dieses Mißverständnis
führt aber, richtig geleitet, doch auch wieder auf einen tatsächlichen
Sachverhalt.
Nicht wegen der Präzession, aber aus eigenem Grunde schwankt nämlich
auf einige Jahrzehntausende hin ein klein wenig wirklich auch die
Achsenschiefe. Im planetarischen Balancespiel zittert gleichsam
auch der Plan, in dem die Erde läuft, etwas gegen ihre Achse. Kippt
diese schiefe Achse heute um rund dreiundzwanzigeinhalb Grad von der
senkrechten Lage über, so mögen es zu andern Tagen gegen fünfundzwanzig
und wieder zu andern nur etwas unter zweiundzwanzig sein. Das
ist gewiß nicht viel, und doch haben sich auch hier gelegentlich
Eiszeittheorien eingehakt, wenn auch ohne besonderen Erfolg. An der
Achsenschiefe hängen, wie gesagt, unsere Jahreszeiten und damit gewiß
tiefste Grundlagen unserer gesamten klimatischen Ordnung. Wenn die
Präzession hier nur gleichsam die Reihenfolge vertauschte, so rüttelte
eine wirklich geradere oder schiefere Achse am Bestande selbst.
Andererseits ist jener sicher errechnete Betrag aber tatsächlich so
gering, daß er auch nur verschwindend winzig wirken kann. Jenes kleine
Mehr an Schiefe, nach Jahrtausenden immer einmal wiederkehrend, würde
vielleicht den Unterschied der extremen Jahreszeiten etwas verschärfen,
den Pol um ein ganz Geringes stärker erwärmen können. Und umgekehrt.
Wobei über die Einzelheiten sogar noch starke Meinungsverschiedenheit
besteht. Daß das aber auf keinen Fall schon Wärmezeiten oder Eiszeiten
erzeugen kann, zeigt wieder die Kürze der Periode, die beispielsweise
die wirkliche warme Tertiärzeit mit Dutzenden von Eiszeiten hätte
durchsetzen und noch in die historische Überlieferung hätte
hineinwirken müssen. Es könnte sich also im besten Falle auch nur um
eine kleine Hilfshypothese handeln, die als solche denn auch bisweilen
ernst genommen worden ist. Man könnte sie zur Not bei den Wärmeeinlagen
der Interglazialzeiten mitspielen lassen, und Hann hat mit einem
Schiefenmaximum vor zehntausend Jahren noch eine Kleinigkeit wie das
damalige weitere Vordringen der Haselnuß in Skandinavien in Verbindung
setzen wollen.
Anders, wenn man auch hier wieder irgendeine mythische Riesensteigerung
annehmen dürfte. Es ist nicht zu leugnen, daß auch sie nicht _ganz_
in der Luft hinge. Mit einiger Überraschung ist nämlich seit längerer
Zeit schon bemerkt worden, wie verschieden sich im Punkte Achsenschiefe
die einzelnen Planeten unseres Systems zueinander verhalten. Der auch
sonst uns angeblich so ähnliche Mars steht zwar fast genau so wie
wir, bloß heute in einem Schiefenmaximum von rund fünfundzwanzig Grad
gekippt. Der riesige Jupiter dagegen ragt verwunderlicherweise nahezu
in voller Paradestellung aufrecht in seiner Bahn. Und umgekehrt wieder
der ferne Uranus scheint so vollkommen umgekippt zu sein, daß er nicht
mehr bloß schief steht, sondern bäuchlings platt in der Ebene seines
Laufes liegt. Schwerlich, daß auch diese auffälligen Gegensätze auf
einer Steigerung jener kleinen Verschiebungsperioden zwischen Bahnplan
und Achse beruhen könnten. Ein geheimes Gesetz scheint sich hier
auszusprechen, das in der persönlichen Bildungsgeschichte der einzelnen
Planeten selbst gewaltet haben dürfte. Aber man könnte fragen, ob es
nicht auch die Erde einst anders berührt habe? Wenn nun auch sie einmal
grade gestanden hätte, wie der große Jupiter, und erst nachträglich
schief geworden wäre? Es ist ein altes Rätsel, das die Köpfe immer
wieder bewegt hat: warum überhaupt diese Schiefe?
Emerson und Theodor Arldt, der hochverdiente Geograph der geologischen
Vergangenheit, haben in der Tat angenommen, daß wir einst jupiterhaft
aufrecht ragten. In der mythischen Urperiode vor Entstehung der
Lebewesen und wohl selbst der Meere soll es gewesen sein, wie
ja Jupiter selber heute noch in einem sonnenhafteren Urstande
zu verharren scheint. Und erst bei dem weiteren Erkaltungs- und
Zusammenziehungsvorgang der Erdkruste, der in einer eigentümlich
ungleichmäßigen (tetraedrischen) Richtung erfolgt sein soll, sei
auch die Drehachse durch einseitige Verlagerung schief herübergezogen
worden. Auf die Einzelheiten dieses geistreichen Gedankens braucht
hier nicht eingegangen zu werden, da an sich diese Theorie unsere
Eiszeitfrage gar nicht berührt. Denn wenn die Aufrechtlage wie die
Schiefstellung ganz noch in die, wie ich mich ausdrückte, mythische
Urzeit vor Beginn allen Lebens fallen, so können sie auch unsere
permischen oder tertiären oder diluvialen Wärme- und Kälteverhältnisse
nicht mehr beeinflußt haben. Und höchstens könnte man einen Augenblick
fragen, ob nicht der Theorie zum Trotz solche Jupiterstände und
vielleicht größeren Schiefen auch später noch wirklich hineingespielt
haben? Selbst wenn man das Ungeheure zugäbe, daß die Achse noch bis zum
Ausgang der Diluvialzeit Riesensprünge von Ganzgrade zu uranushafter
Entgleisung gemacht hätte, kann ich doch nicht finden, daß man damit
viel erklärte. Die beispiellosen Äquator- und Polargegensätze oder
tollen Jahreszeitwidersprüche solcher ganz verkehrten Welt würden
zweifellos auch das jüngere geologische Klima noch weidlich um und um
gekrempelt haben, doch in bizarrer Eigenart, die nun wieder mit dem
Wirklichkeitsbilde nichts zu tun hätte. Ganz durchgedacht hat übrigens
diese wilden Folgen, soviel ich sehe, bisher noch keiner, so daß sie
immerhin auch noch zur wohlwollenden Diskussion ständen.
Inzwischen bietet aber jene Emerson-Arldtsche Idee, soweit sie sonst
vom Thema lenkt, doch noch _einen_ schlechtweg bedeutsamen Punkt. Indem
sie nämlich im mythischen Alter an der Drehachse rückt, läßt sie nicht
eigentlich den ganzen Erdkörper schief sinken, sondern zerrt die Achse
in ihm selbst seitwärts ab, -- so daß der Pol ein Stück weit über
die Erdkarte wandert. Lag der Nordpol bei ursprünglich jupiterhafter
Gradstellung der Achse etwa nahe der heutigen Beringstraße in Asien, so
läßt sie ihn erst mit der im Erdball sinkenden Achse an seine heutige
Stelle oberhalb Grönlands rücken. Wobei natürlich mit den Polen auch
der Äquator sich entsprechend verschoben haben müßte. Solange der
Nordpol noch an der Beringstraße saß, muß auch dieser Äquator einen
anderen Erdgürtel durchzogen haben, der vielleicht in jupiterhaften
Tagen der Aufrechte unter dem Einfluß regelmäßiger großer Mond-
und Sonnengezeiten eine besonders bedrohte Bruchzone der Erdrinde
gewesen ist. Die spätere Bruchzone des großen Mittelmeers (Tethys),
das in allen geologischen Epochen noch eine so merkwürdige Rolle
gespielt hat,[5] hätte ungefähr noch der Richtung dieses Ur-Äquators
entsprochen, dessen Umgegend immer empfindlicher als andere geblieben
wäre.
Klein erscheint der Schachzug, den dieser Gedanke noch zu den andern
fügt, und doch ist er von der größten Tragweite über das Ganze hinaus.
Mit ihm erwächst -- zunächst ganz allgemein und geologisch irgendeinmal
-- die Möglichkeit, daß der Pol als solcher (und mit ihm der Äquator)
seine Lage _geändert_ haben könnte im Verhältnis zu den Ländern der
Erde! Im gleichen Augenblick aber erhellt sich wie mit einem Blitz das,
was ich oben eine neue Fragestellung genannt habe.