beschränkt, sondern auch über Nordamerika hatte verfolgen lassen, so
sollte es auch diesmal nicht bei Indien bleiben. Ganz die gleiche Lage
für gleiche Zeit konnte seit 1870 im südlichsten Afrika nachgewiesen
werden, also jenseits jetzt des Äquators nach der andern Seite bis
über den Wendekreis hinaus. Dort entsprach die unterste Lage des
sogen. Karroogesteins im Kapland genau der indischen Talchirschicht,
und auch diese afrikanische Dwykaschicht, wie man sie nach einem Fluß
dort nannte, bildete richtiger Geschiebelehm auf abgehobeltem Urland.
Ja eine dritte Ecke tauchte im australischen Gebiet auf. Dort hatte
das uralte Eis das ganze Südostviertel von der Mitte bis zur Küste von
Südaustralien, Viktoria, Neusüdwales und bis nach Tasmanien hinein
verhobelt, um schließlich auch an einem geheimnisvollen nordöstlichen
Eismeer, in das seine Eisberge schwammen, zu enden. Verknüpfte man
diese drei Schauplätze im Geist und sah den Eisblink über das ganze
Zwischengebiet schreiten, wo allerdings jetzt der Indische Ozean
blaute, so blieb keine Wahl vor dem Ungeheuren: man stand vor einer
zweiten, so viel früheren Eiszeit, einer permischen ungefähr.
Die Tatsache solcher schon einmal um 20 und mehr Millionen Jahre der
diluvialen voraufgegangenen Ur-Eiszeit, auf die erst noch wieder
jene hohe Erdwärme der Sauriertage und des Tertiärs _gefolgt_ wäre,
hat allerdings zunächst etwas geradezu Niederschmetterndes. Die
Widersprüche des Klimas scheinen damit auf dem Gipfel. Ich erinnere
mich noch aus kleiner eigener Erfahrung, wie ich vor etwa 20 Jahren
gelegentlich in einem Aufsatz dieser Permeiszeit gedachte und darob
von einem wissenschaftlichen Kritiker, der noch nicht verfolgt, was da
anwuchs, böse angefahren wurde, ich solle doch nicht so offenkundigen
Unsinn ans Volk verzapfen. Und doch standen die Grundtatsachen damals
schon fest und stehen heute fester als je; jedes Lehrbuch verzeichnet
sie. Dabei ist aber schließlich gar nicht so sehr der entlegene
Zeitpunkt dieser Voreiszeit das so ganz Merkwürdige geblieben, sondern
ihr Ort. Man muß sich zum Verständnis einen Augenblick die Erdkarte
jener Steinkohlen- und Permzeit vergegenwärtigen.[3]
Jene drei Ecken: Indien, Kapland und Australien, lagen damals aller
Vermutung nach eingegliedert in einen großen Erdteil, den Sueß nach
jenen indischen Schichten das Gondwanaland genannt hat. Irgendwie
angegliedert war ihm wohl auch Südamerika. So bildete es einen
kolossalen südlichen Block, der jahrmillionenlang halb ringförmig
einem entsprechenden nördlichen, in dem Nordasien, Europa und
Nordamerika steckten, gegenüberlag, durch einen Meeresgürtel, der in
der Fortsetzung unseres Mittelmeers Asien durchquerte, die Tethys,
gesondert. Über diese weite südliche Landfläche werden wir uns nun
auch jene Eisdecke erstreckt denken müssen, wobei verwunderlicherweise
die Richtung der Eishieroglyphen nicht dafür spricht, daß sie sich vom
Südpol bis an den Äquator herunterdachte. Die Eisfirst scheint vielmehr
stark gegen den Äquator selbst zu gelegen zu haben, so daß das Eis
über Südafrika von Norden floß, während es über Indien die Gestade der
Tethys und über Australien die des Stillen Ozeans vereiste. Soll die
First doch mit dem Südpol in Verbindung gedacht werden, so müßte dieser
Pol damals bis über die Mitte des Indischen Ozeans verschoben gewesen
sein. Will man aber die Vergletscherung gar bis Südamerika dehnen, wo
neuerlich in Brasilien ebenfalls starke Eisspuren entdeckt worden sind,
so wäre damals Eis sozusagen als Halbring mit dem Äquator um die Erde
geflossen. Unwillkürlich fragt man vor dieser unerhörten Vorstellung,
wie denn die gleichzeitigen Dinge im Nordpolargebiet gewesen sein
sollten. Nun, von einer allgemeinen Vergletscherung etwa auch bei uns
in Europa kann wohl _nicht_ die Rede sein. Immerhin sind im permischen
Rotsandstein Westfalens unzweideutige Gletscherspuren örtlich
nachgewiesen worden. Sie könnten einem einzelnen vergletscherten
Gebirgsgebiet verdankt sein, aber auch dessen Dasein spräche für einen
gewissen Klimasturz auch da drüben. Mag in den letzten Punkten noch
einiges schwanken: so viel bleibt, daß jede künftige Eiszeittheorie,
die nicht sofort totgeboren sein will, auch das Wunder dieser
Permeiszeit mitumfassen und deuten muß, mindestens mit ihrer Lage zum
Äquator und ihren drei Haupt-Fixpunkten Indien, Südafrika, Australien.
Wobei immerhin auch schon hingewiesen sei auf ein letztes dräuendes
Gespenst einer _noch weiter_ abliegenden _dritten_ Eiszeit in der
vollends entlegenen algonkisch-kambrischen Zeit, der man gegenwärtig
auf der Spur. Das wäre nochmals eine weite, weite Kette von
Jahrmillionen zurück. Abermals müßte das Klima vor der Permeiszeit in
den Wärmegraden hoch heraufgegangen sein, um dann (rückwärts geschaut)
nochmals in entsetzlichem Fall abzusinken. Wie fern das gewesen wäre,
liest man am Lebensbuch der Erde: dort herum beginnt für uns die
erste unzerstörte Überlieferung von Leben überhaupt, noch scheint es
keine Landpflanzen und Landtiere gegeben zu haben, Morgenrot liegt
über allem. Und doch auch da schon, unter diesen, man möchte sagen,
auch noch nahezu mythischen Verhältnissen, die geheimnisvoll beredte
Gletscherschrift auf Nordamerika, der Gegend unseres Nordkaps, dem
fernen Spitzbergen, der öden Lenamündung in Sibirien, ja im späteren
Permgebiet des gleichen Südafrika und Südaustralien selbst. Vielleicht
sind es mehrere Eiszeiten, nordische, äquatoriale, die uns da
verschwimmen, denn so unfaßbar lang waren jene Urtage, die ein Wort wie
algonkisch und kambrisch umgreift, daß vielleicht für ganze Abstände
wie permisch zu diluvial darin noch einmal Raum gewesen ist. Jedenfalls
aber, wenn sich auch diese Dinge bestätigen, wächst damit die
Wahrscheinlichkeit, daß wir es im Ganzen der Erdentwicklung bei diesen
Eiszeiten mit periodischen, über ungeheure Abstände hin fortgesetzt
wiederkehrenden Erscheinungen zu tun haben -- und auch das muß fortan
jede Theorie in Rechnung ziehen.
* * * * *
Wir wenden uns zu solchen Theorien jetzt selbst. Denn das ist vollends
Grundnotwendigkeit jedes neuen Erklärungsversuchs, daß ein gewisser
auserwählter Kreis bester schon vorhandener Deutungen vorher durch
und durch gedacht sei, -- sei es selbst, daß keine davon schon für
endgültig richtig gelten soll. Gedankenschweiß fast ohnegleichen steckt
in diesen klassischen Deutungen bisher, und schon um seinetwillen
sollen sie uns ehrwürdig sein in der menschlichen Geistesgeschichte.
Durch Himmel und Erde ist der Blick geschweift, diese alten Wunder zu
deuten, -- und zwar war es der Himmel, an dem er zunächst gar lange
haften sollte.
Es sind ein paar einfache Bilder, die sich da vor Augen stellen.
Einfach und doch von kosmischer Erhabenheit. Im eisig kalten Raum
schwebt unsere Erde. Eisig ist dabei nur ein stammelndes Wort. Es
handelt sich um Kältegrade, bei denen die Bestandteile unserer
Luft gerinnen würden. Die Ziffer wird heute meist nicht fern von
dem sogenannten absoluten Nullpunkt, also --273° ~C~, angesetzt.
Durch diese Gegenhölle weht der feine kosmische Staub, aus dem sich
vielleicht Welten ballen, stürzen die Meteorblöcke, in die vielleicht
Welten wieder zerfallen sind. Hindurch äugen wie Blumen des sich
erschließenden und wieder abblühenden Weltengartens die blauen, gelben
und roten Fixsternsonnen. Aber nur eine davon ist uns so nahe, daß
sie uns wirklich vom Bann dieser erbarmungslosen Raumeskälte erlösen
kann: unsere eigene Sonne. Schon in Tagen, da man von diesem wahren
Sachverhalt nichts ahnte, pries frommer Glaube sie als das Segensauge
der Gottheit für uns. Der Landmann dachte dabei an sein Korn, seine
Traube, die sie reift. Um aber den ganzen Gegensatz zu empfinden, muß
man jene Schilderungen unserer Polarfahrer lesen: wie sie die Monde der
Polarnacht hindurch mit ihrem Schiff im Eis eingekeilt saßen, inmitten
völliger Verödung des Lebens, bloß gerettet durch die paar Stückchen
mitgebrachter Steinkohle (also alter Sonnenwärme der Urwelt selbst, in
Stein gebannt), bis endlich das Gestirn wieder aus dem roten Dämmer
blickte. Sie haben etwas durchgemacht von einer wirklichen »Eiszeit«.
Und so ist es ein nächster Gedanke, auch Sonne und Eiszeit in der
Theorie zu verknüpfen. Ob die Sonne damals ihr segnendes Auge für eine
Weile geschlossen haben könnte oder doch bloß blinzelte, so daß die
Polarwüste mehr Macht gewann?
Es ist aber noch ein anderes da vorweg zu erwägen. Was auch kein
alter Sonnenanbeter mit noch so viel Metamorphosen seinen Göttern und
Helden ansinnen konnte, das ist uns geläufig: unsere Erdkugel ist
in entlegensten Tagen wohl selber einmal eine kleine Sonne gewesen,
die sich selbst geleuchtet, sich selbst gewärmt hat. Heute ist der
Rest nach gangbarer Meinung in die schaurigen Tiefen unter der
Erstarrungsrinde eingemauert. Aber könnte die alte Titanin nicht auch
von da drinnen noch lange auf unser Klima eingewirkt haben?
Der Gedanke gipfelt darin, daß wir ehemals noch eine Fußheizung gehabt
hätten. So mußte es warm sein bis zum Pol, denn der innere Ofen legte
vielleicht noch bis zum Doppelten der Sonnenhilfe zu. Und erst als die
Zentralglut sich immer dicker abkapselte, bedeckten sich die Pole mit
Schnee, die Eiszeit kam und wird immer furchtbarer wiederkehren. Die
Theorie ist eine der ältesten, scheint noch immer die einfachste und
ist doch am leichtesten zu widerlegen.
Sie erklärt nicht, warum das Klima sich seit der Eiszeit wieder gehoben
hat. Heizte der innere Ofen seit Ende des Tertiärs bereits so schwach,
daß die Sonne des Eises nicht mehr Herr werden konnte: warum sind wir
dann nicht in der Eiszeit geblieben? Sie steht ebenso ratlos vor der
Permeiszeit. Um sie zu deuten, müßte sie ein periodisches Nachlassen
und Wiederaufflackern des Erdofens annehmen, das seit Jahrmillionen
bereits wärmere und kältere Erdzeiten wechseln ließ. Das aber wäre
eben ein Beispiel schon jener oben gerügten Phantasiearbeit, -- um
die Annahme der inneren Heizung zu retten, wird bloß zum Zweck eine
zweite, völlig unbewiesene Annahme: periodischer Wechsel solcher
Heizung, gemacht. Doch selbst ohne das wäre die Bodenheizung, ich
möchte sagen, technisch gar nicht so leicht zu verstehen, wie es
auf den ersten Anblick scheint. Gewiß hat die Erde seit Urtagen
gelegentlich und örtlich mit Hitze von innen heraus gewirkt. Diabas,
Porphyr, Basalt sind als glühende Lava durch die Erdenzeiten geflossen.
Heiße Quellen haben mollige Badestuben gebildet, wie wir deren eine
schon im Tertiär von Steinheim in Schwaben nachweisen können, zu der
von weither die Urpferde, Flußschweine und Nashörner der Gegend sich
wie zu einem »Badeort« versammelten, während die Hitze des Wassers
die einwohnenden Schnecken (Planorbis) zu seltsamen Formverwandlungen
trieb. Aber um wirklich den Erdboden so zu heizen, daß von innen etwa
noch einmal die ganze äußere Sonnenwärme hinzugebracht würde, müßten
(mit Frechs Rechnung) schon bei 10 ~m~ Tiefe des Sandstein- oder
Kalkbodens 1000° ~C~ oder volle Rotglut unter unsern Füßen herrschen,
was größere Baumwurzeln bereits mit Sengen bedrohte. Umgekehrt kennen
wir aus den algonkisch-kambrischen Urtagen Sandsteinablagerungen von
2000 ~m~ Dicke, die nicht die geringsten inneren Verbrennungen (sogen.
Kontaktspuren) zeigen, als wenn Wärme durch sie bis zur Oberfläche
aufgestiegen wäre (Walther). Es wird nichts übrig bleiben, als daß
unsere »innere Sonne« schon so ganz früh gleich Lava unter dünner Haut
bis zur Unkenntlichkeit abgesperrt war.
Wenn aber die Sonne allein die gütige Geberin war, könnte nicht auch
ihr Füllhorn im langen Zeitenlaufe nachgelassen haben? An ferne
Sonnengestade führt uns der Gedanke. Auf die zauberhaft schöne
Tropeninsel Java mit ihren Palmenparadiesen und dampfenden Vulkanen.
Dort wurden im Tuff einer wohl frühdiluvialen Vulkankatastrophe
jene seltsamen Knochen des halb affen-, halb menschenhaften Wesens
Pithekanthropus gefunden. Die Fundstätte ist interessant für die
Eiszeit selbst, die in fluchtartigen Tierwanderungen und einer Flora
größerer Feuchtkühle damals, scheint es, schon bis dort hinüber
anklang. Uns aber fesselt der Mann, der den einzigartigen Fund getan:
Eugen Dubois. Gleichzeitig da drüben in den Tropen hat er auch das
beste neuere Buch über die Sonnentheorie (solare Theorie) der Eiszeit
geschrieben (erschienen 1893).
Die Sonne, so dachte sich damals der geistreiche und vielseitig
kundige holländische Forscher, ist ein Fixstern wie die andern, bloß
weiter entfernten unseres nächtlichen Firmaments. Auch sie muß im
kalten Raum beständig fortschreitend erkalten. Zwar ersetzt sie für
die Beobachtung kurzer Zeiträume ihren Wärmeverlust nach dem ewigen
Kraftgesetz wieder durch eigene Zusammenziehung; aber auch das hat
Grenzen. Schon sehen wir im Raum neben ihr jene blauen, gelben, roten
Schwestersonnen. Sie selbst ist gelb. Von den blauen Sonnen nimmt man
an, daß sie noch heißer sind als sie, von den roten, daß sie schon
weniger warm. Sie war einmal blau und wird abglühend rot werden, ehe
sie ganz erlischt wie jene Gespenstersterne im All, deren Dasein wir
nur rechnend noch aus ihren Schwerewirkungen erschließen. Eine oft
benutzte Theorie nimmt an, daß die Sonnenflecke bereits Anzeichen des
beginnenden roten Stadiums bei ihr sind. Diese Sonnenflecke scheinen
sich periodisch zu vermehren: vielleicht stehen wir dem endgültigen
Rotstand schon sehr nahe. Wie wir Sterne haben, die periodisch heller
und wieder schwächer glänzen, schwankt vielleicht auch die Sonne
bereits in größeren Zwischenräumen zwischen Gelb und Rot auf und ab.
Rot bedeutet stärkeres Auftreten chemischer Verbindungen, die weniger
Wärme strahlen. Nun übertragen wir das auf geologische Zeiten. In
älteren Tagen leuchtete die Sonne uns noch blau und gab damals also
ebenfalls viel mehr Wärme. Unsere Tropen wurden dabei doch nicht
überheizt, denn eine dichtere, sehr wasserdampfhaltige Atmosphäre
milderte dort das tiefere Eindringen der violetten Strahlen, während
die Wärmezirkulation eben durch deren Energie verstärkt und so die
abströmende Wärme vornehmlich den Polen zugute gebracht wurde. Mit
dem späteren Tertiär aber trat die Sonne ins gelbe Stadium, in das
sich sehr bald auch schon rote Schwankungen mischten. Gelb gab das
heutige Klima, Rotschwankungen dagegen begünstigten Eiszeiten, die
einander folgten, von gelben Interglazialzeiten jedesmal mit einer Art
Aufflackern unterbrochen. In einer solchen Interglazialzeit leben wir
heute. Noch längere Zeit mögen die Schwankungen anhalten, bis kurz vor
Ende des Sonnenlebens die kalten Perioden rasch anwachsen und endlich
die Sonne dauernd rot und zuletzt ganz dunkel wird, wobei eine letzte
nicht endende Eiszeit sich für uns zur Götterdämmerung erfüllt; nicht
schön, aber danach hat der Forscher nicht zu fragen. Dubois hat daran
noch interessante Exkurse über Wirkung des blauen und gelben Lichts auf
Entwicklungsbeschleunigung und Pflanzenchlorophyll geknüpft, die Stahl
nachher unter anderm Gesichtspunkt wieder aufgenommen, die uns hier
aber nicht zu beschäftigen brauchen. Die geologischen Zeitziffern hat
er zu kurz gegriffen, um seine Sonnenperioden hineinpressen zu können,
wie er sie sich astronomisch dachte; doch ließe sich da leicht das eine
am andern strecken. So bleibt kein Zweifel, daß die Theorie hübsch
wirkt, bis -- ja bis man sie doch auch wieder an den Tatsachen prüft.
Die Permeiszeit oder gar die kambrische würden nötig machen, daß
wir uns seit damals bereits inmitten der Rotschwankungen befänden.
Mit ihrem Auf und Ab an Warm, Gemäßigt, Kalt müßte die Erde durch
ein Wechselspiel ihrer Sonne von Blau, Gelb, Rot in beständigem
Durcheinander gegangen sein, wozu keine bekannte Sternstufe irgendeinen
Vergleich bietet. Das Heranziehen der Sonnenflecke als Anzeichen
immerfort dräuender »Rotscheiben« im Himmelsapparat unterliegt für sich
Schwierigkeiten. Gewiß: periodisch wechselnde Vorgänge kommen hier
kosmisch in Betracht. Diese Sonnenflecke zeigen heute eine überaus
interessante regelmäßige Periode von allerdings kurzer Dauer. In
jedesmal rund elf Jahren sinken sie zu einem Minimum herab und steigern
sich wieder bis zu einem Maximum. Feine Schwankungen deuten an, daß
wahrscheinlich diese Periode sich in ein paar geringfügig größere von
35 und 72 Jahren einordnet. Zwischen diesem Sonnenfleckzyklus und
gewissen irdischen Erscheinungen besteht nun auch ein unzweideutiger
Zusammenhang. Mit den Sonnenflecken sinken und vermehren sich Störungen
der Magnetnadel bei uns, magnetische Gewitter, Nordlichter. Und seit
man das weiß, ist immer wieder auch versucht worden, einen Einfluß
auf unser Wetter nachzuweisen. Die mittlere Jahrestemperatur sollte
entsprechend etwas schwanken, etwas mehr oder weniger Regen sollte
fallen, die Zyklone sollten sich abhängig zeigen. Von alledem ist
bisher aber nur _ein_ loser und dunkler Bezug geblieben.
Den ausgezeichneten Forschungen von Brückner verdanken wir den
Nachweis, daß in dem ganz engen Verlauf unseres Wetters von heute
sich auch eine allerdings höchst merkwürdige kurze Periode geltend
macht. Brückner beobachtete zuerst am Spiegel des Kaspischen Meers
eigentümliche Zu- und Abnahmeschwankungen im Verlauf von rund 35
Jahren. Es ergab sich, daß sie verursacht waren durch periodisch
verschiedene Dauer der Eisbedeckung und Höhe des Wasserstandes der
einmündenden Ströme. Das aber wieder führte auf eine 35jährige
Periode kühlerer Regenwitterung. Nasse Kältejahre waren z. B. für
Rußland 1745, 1775, 1810, 1845, 1880, trockene Wärmejahre 1715,
1760, 1795, 1825, 1860 (nach Hann). Mit geringer Einschränkung
hat sich das dann als ein allgemein gültiges Witterungsgesetz
durchführen lassen, und eine ganze Masse gewöhnlicher Aussagen und
Überlieferungen von einem seit einem Menschenalter bereits merkbar
gewordenen vermeintlichen Dauer-Niedergang oder -Aufstieg des Klimas
haben in dieser »Brücknerschen Periode« ihre sehr harmlose Erklärung
gefunden. Man kann die Ziffer tatsächlich bis in die Statistik unserer
Getreidepreise hinein verfolgen. Und sicherlich ist es die bedeutendste
Witterungstatsache, die wir bisher kennen, -- mehr wert, als tausend
Wetteransagen tierischer wie menschlicher Laubfrösche.
Wenn man nun aber fragt, was diese Brücknersche Periode veranlasse,
so stehen wir wieder vor dem Tor. Und es könnte höchstens eben ein
Anhalt sein, daß die Ziffer 35 auch in jenem Sonnenfleckenzyklus
eine Rolle zu spielen _scheint_. Das ist aber auch wieder alles,
was wir wissen. Die winzige Schwankung der Brücknerschen Periode
für alle Eiszeiten, Pluvialperioden, Wärmesteigerungen der Geologie
verwerten, hieße ihr selbst eine ungeheure zyklische Steigerung
andichten, zu der das harmlose Periödchen doch nicht den leisesten
Anlaß gibt. Selbst dann aber bliebe für Dubois' Folgerungen unsere
Unkenntnis, was Sonnenflecke eigentlich sind. Für ihn bedeuten sie
ohne weiteres Sonnenverdunkelungen mit Kältewirkung. Andere sehen
dagegen in diesen »Flecken« genau entgegengesetzte Gebilde. Nach
Arrhenius', des großen Astrophysikers, Ansicht handelt es sich in den
starken Sonnenfleckenzeiten um verstärkte Sonneneruptionen, die unsere
Lufthülle zeitweise stärker mit Sonnenstaub versetzen, der dann als
magnetischer Störenfried wirkt. An sich könnte solcher vermehrte
kosmische Staub ja irdische Wolkenbildung anregen oder auch selber nach
Art der berühmten Aschenwolke des Krakataua-Vulkans, die jahrelang
unsere Dämmerfarben vertiefte, das Sonnenlicht vorübergehend stärker
abblenden und so die Wärmestrahlung schwächen, daß indirekt unser Klima
sänke. Von den berühmten Erforschern der Inseln Ceylon und Celebes, den
Vettern Sarasin in Basel, ist gelegentlich solche Abblendungstheorie
durch Staub als Eiszeitursache wirklich aufgestellt worden, wobei ihre
Urheber aber nur an irdischen Vulkanstaub dachten, -- ein Anklang an
eine Vulkantheorie der Eiszeit, die uns noch beschäftigen soll. Aber
für Arrhenius sind seine Sonnenflecke grade Zeichen _verstärkter_
Sonnenstrahlung, und das höbe die Staubwirkung vielleicht wieder
auf oder spräche gar dafür, daß die Maxima der Sonnenflecke unter
Umständen stärkere Erwärmungszeiten bedeuten könnten, genau umgekehrt
zu Dubois. Man kommt auf den toten Punkt, der doch bezeichnend ist für
verschiedene Eiszeitlehren: daß man nämlich mit dem gleichen Prinzip je
nachdem die Existenz der Eiszeit und auch ihre Nichtexistenz beweisen
kann, -- dem Vorsichtigen Beweis, daß hier wohl im ganzen noch keine
richtige Spur ist.
Wenn die Innensonne und die Außensonne nicht helfen wollen, so könnte
man einen Augenblick erwägen, daß es ja noch »Übersonnen« gibt,
kosmische Gewalten, an denen Sonne wie Erde gemeinsam hängen. Eine alte
und hartnäckige Theorie sucht die Ursache der Eiszeiten im Raume als
solchem. Die Sonne, bekanntlich selbst bewegt, soll mit uns abwechselnd
durch wärmere und kältere Raumgebiete hindurchschneiden. In dieser
nackten Grundform, wie sie gewöhnlich beliebt, ist die Theorie einfach
sinnlos, denn wir haben nicht den geringsten Anlaß, den Raum, in dem
bis in die fernsten Weiten die Sterne erkaltend von Blau zu Rot und
Dunkel herabbrennen, an sich anders als gleichmäßig kalt anzunehmen.
Man müßte schon den Fall setzen, daß die erhöhte Wärme von einer
fremden Sonne stammte, der unsere Sonne sich periodisch näherte.
Tatsächlich ist aber selbst die nächste Fixsternsonne (~Alpha Centauri~
am Südhimmel) mehrere Billionen Meilen weit von uns entfernt. Von
einer Zentralsonne, der uns auch eine stark elliptische Sonnenbahn
nicht so ganz weit entführen könnte, sehen wir nichts, und sehr gut
könnte die Sonne auch um einen Gleichgewichtspunkt kreisen, in dem
gar keine wärmende Masse stände. Wir gingen seit der Diluvialzeit
doch schon wieder auf solchen neuen Wärmestern los: warum sähen wir
ihn nicht am Firmament? Oder man müßte an feines Nebelgewölk denken,
das wir mit unserer Sonne zeitweise passierten. Seit wir vermuten,
daß die echten Nebelflecke (Gasnebel) uns näher stehen und wirklich
wohl wie Gewölk zwischen den Fixsternsonnen eingelagert sind, hat das
etwas mehr für sich. Für gewöhnlich wird aber diese Nebelmaterie so
fein sein, daß aus ihr so wenig Wirkungen entstehen können wie aus
jenem berühmten Schweif des Halleyschen Kometen. Dichtere Stellen
dagegen würden sich umgekehrt wohl eher in chemischen Zumischungen
oder großen, alles vernichtenden Katastrophen äußern, wie man ja das
jähe Aufflammen sogen. »neuer Sterne« auf solchen Eintritt eines
Weltkörpers in eine dichte Nebelwolke gedeutet hat. Vielleicht noch am
meisten hat die Idee für sich, daß ein mittelfeiner Nebelstoff auch als
Sonnenabblender wirkte und so Eiszeiten bei uns schüfe; Nölke hat an
diesem Faden gesponnen. Aber sind nun unsere im Lauf der Jahre so rasch
wechselnden Nebelfleckentheorien selber richtig? Immer muß lose Theorie
wieder die Theorie stützen! Man wird nebenbei beachten, daß keine
dieser Meinungen jene Lichtfrage der Polarlande im Tertiär berührt.
Dazu ist gelegentlich an eine räumlich sehr viel ausgedehntere Sonne
gedacht worden, die sich etwa noch bis über die heutige Merkurbahn
erstreckt haben könnte. Die Ablösung des Planeten Merkur im Sinne der
Kant-Laplaceschen Theorie müßte dann erst in der geologisch kurzen
Zeit seither erfolgt sein, -- eine Annahme, die an Ungeheuerlichkeit
wirklich nichts zu wünschen übrig läßt.
Inzwischen gibt es aber noch einen ganz anderen Weg, die Sonne für
uns kühler oder wärmer zu machen, ohne daß man an ihr selber dabei in
Gedanken herumzuheizen brauchte. Wenn wir schon von der Sonnenbahn
reden, warum dann nicht von der Bahn der Erde selbst? Ich kann einen
Ofen, der an sich gleich bleibt, doch als wärmer oder kälter empfinden,
indem ich mich ihm mehr nähere oder mich mehr entferne. Wenn auch die
Erde auf ihrer Bahn dem Sonnenofen im Zeitenlaufe bald etwas näher,
bald etwas ferner gestanden hätte? Es ist ein ganzes Blütenfeld von
Theorien, die hier aufgesproßt sind.