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Buches.

[Illustration]

Eiszeit und Klimawechsel

□ □

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart

Die Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der Naturwissenschaften

und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer

Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes zu verbreiten.

-- Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch Verbreitung guter

naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen im

=Kosmos=, Handweiser für Naturfreunde

Kriegs-Ausgabe.

Jährlich 12 Hefte mit 4 Buchbeilagen. Preis halbjährl. M 3.90.

Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben, im guten

Sinne gemeinverständliche Werke naturwissenschaftlichen Inhalts.

Vorläufig sind für das Vereinsjahr 1919 festgelegt (Änderungen und

Reihenfolge vorbehalten):

=Wilh. Bölsche, Eiszeit und Klimawechsel.= Mit Abbildungen.

=Th. Zell, Neue Tierbeobachtungen.=

=Dr. Kurt Floericke, Über Spinnen und Spinnentiere.= Mit

Abbildungen.

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Diese Veröffentlichungen sind durch _alle Buchhandlungen_ zu beziehen;

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=Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde= (auch nachträglich noch für die

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Verzeichnis der erschienenen Werke usw. siehe am Schluß.) Der Kosmos

kann auch =halbjährlich= zum Preise von M 3.90 mit Buchbeilagen bezogen

werden.

Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.

Eiszeit und Klimawechsel

Von

Wilhelm Bölsche

Neunte Auflage

[Illustration]

Stuttgart

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde

Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung

1919

Alle Rechte, auch das Übersetzungsrecht, vorbehalten.

Gesetzliche Formel für den Rechtsschutz in den Vereinigten Staaten von

Amerika:

~Copyright by Franckh'sche Verlagshandlung. Stuttgart 1919.~

STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI

HOLZINGER & Co., STUTTGART

[Illustration]

Der Wanderer im Riesengebirge, der auf einem früher fast ungangbaren,

neuerlich etwas gebesserten Pfade von der sogenannten großen in

die kleine Schneegrube klettert, sieht sich vor dem bedeutsamsten

Landschaftsbild.

Tief herabschleifende und schattende Wolken, eine im Riß auftauchende

unermeßliche Fernsicht sonnenbeglänzter Talweiten, das bezeichnende

Knieholz (Legföhren), das sich wie ein tiefgrünes Riesenmoos zwischen

die grauen Verwitterungsscherben des Gesteins schmiegt, erwecken den

unzweideutigen Eindruck großer Höhe. Wo der zerfressene Granitgrat

sich in die kleine Grube senkt, erscheint in dieser eine liebliche

Alpental-Matte, je nach der Jahreszeit mit violettbraunem Türkenbund,

rosig angehauchtem weißem Berghähnlein (Narzissenanemone) und den hohen

Stauden tiefblauen Eisenhuts und Enzians in dichtem Pflanzenfilz über

murmelnden Wassern. Unwillkürlich sucht der Blick im tiefsten Grunde

der Matte den Gletscher, der aber fehlt.

Um so deutlicher prägen die Spuren sich aus, daß er einmal da war.

Man glaubt noch zu erkennen, wo er zuletzt, den großen Grubenkessel

ausräumend, geruht hat, -- sieht niederschauend vor den ersten

dickpelzigen Gebirgsfichten unten den gewaltigen Schuttring, den er

schmelzend, ersterbend, zurückweichend als Seiten- und Stirnmoräne aus

dem Gestein, das ursprünglich in sein kriechendes Eis eingebacken war,

gehäuft. Ein kleiner Schneefleck zeigt sich öfter auch sommerlich noch

am innersten Grubenhang erhalten, -- offenbar mangelte sehr wenig, den

Eisriesen selber wieder aufzuerwecken. Hier, wo die Volkssage Rübezahl

umgehen läßt, scheint auch sein Gespenst noch greifbar zu spuken.

Aber am Knieholzpfad zwischen den Granitscherben fesselt ein kleines

Pflänzchen, das, bescheiden an den Boden geschmiegt, mit rötlichen,

nach Vanille duftenden Glöckchen nickt. Es ist die vielbesagte ~Linnaea

borealis~, und sie ist in der Tat ein noch lebender Zeitgenosse des

alten Gletschers selbst. Mit einer weißen Steinbrechart auf dem

Basaltgang der andern Grubenseite, der dem Botaniker noch köstlicheren

~Saxifraga nivalis~, und ein paar ähnlichen Seltenheiten ist sie noch

zugehörig zu der wirklichen Hochalpenwelt, die vormals hier bestand.

Die eigentliche Heimat dieser Irrgäste, im Geiste weithin über die

ganze deutsche Tiefebene da unten und die Ostsee dazu gesucht, sind

Island, Lappland, Norwegen, Schweden, wo einst diese unscheinbare und

doch so liebliche ~Linnaea~ den Namen des großen Linné selber erhielt.

Von dort sind die verscheuchten Polarkinder bis hierher getrieben

worden vom unaufhaltsam vorrückenden Eis.

So erzählen sie uns noch, daß damals nicht nur Gletscher hier wie

ungeheure Eiszapfen des nie tauenden Firnschnees herabhingen, sondern

daß auch jene ganze Meeresfläche und Ebene von Skandinavien bis

zum deutschen Sudetenfuß unter einer einzigen unermeßlichen blauen

Glasschale von Inlandeis (Binneneis) lag. Als das wieder schwand, sind

sie am eigenen Gletscher des Gebirges noch geblieben. Und als auch der

endlich schmolz, dauerten sie allein -- die Winzigen, Vergessenen neben

dem sich weiter wendenden Schritt der Riesenzeit -- bis heute. Diese

Pflänzchen sind nicht bloß starres Gespenst, die sind noch lebendig zu

uns hereinragende Zeugen -- -- _der Eiszeit_.

Mit einem einzigen Blick glaubt man, an solchem lehrreichen

Fleck gelagert, die große Frage dieser »Eiszeit« nicht bloß

naturgeschichtlich, sondern auch rein geschichtlich in den Stufen ihres

Werdens im Menschengeiste zu überfliegen.

Es sind heute nicht ganz hundert Jahre, daß kein geringerer als

Goethe (der bekanntlich auch ein recht tüchtiger Geolog war) die

Worte niederschrieb: »Zu dem vielen Eis brauchen wir Kälte. Ich

habe eine Vermutung, daß eine Epoche großer Kälte wenigstens über

Europa gegangen sei. -- Damals gingen die Gletscher des Savoyer

Gebirges bis an den (Genfer) See, (wobei) sie die noch bis auf den

heutigen Tag auf den Gletschern niedergehenden langen Steinreihen,

mit dem Eigennamen Goufferlinien benannt, ebensogut durch das Arve-

und Dransetal herunterziehen und die oben sich ablösenden Felsen

unabgestumpft und -abgerundet in ihrer natürlichen Schärfe bis an den

See bringen konnten, wo sie uns noch heutzutage bei Thonon scharenweise

in Verwunderung setzen.«[1] Die denkwürdige Stelle ist datiert vom 5.

November 1829, Goethes Gedanken zur Sache gehen aber mindestens um ein

Jahrzehnt weiter zurück.

In diesen paar Sätzen ist gleichsam schon die »Urzelle« der ganzen

Eiszeitlehre enthalten. An ein paar natürliche Scherben knüpft sie

an, ähnlich denen des kleinen Moränenwalles dort, den der sterbende

Schneegrubengletscher hinterlassen, wie ein schmelzender Schneemann

einen Schmutzfleck hinterläßt. Bloß ein paar größere Scherben noch,

einzelne Riesenscherben wie ungeheure Blöcke groß. Solche Scherben

lagen rings um die Schweizer Hochalpen zerstreut, vielfach weitab

von den heutigen Gletschern. Trotzdem sahen sie mit ihren scharfen

Bruchflächen nicht aus, als seien sie vom Wasser verrollt. Eine kühne

geologische Idee, die damals umging: die ganzen Alpen seien einer

wilden vulkanischen Explosion verdankt, bei der solche Blöcke wie

vulkanische Wurfbomben herumgespritzt wären, fand auch nicht jedermanns

Beifall. (Goethe nannte sie eine »vermaledeite Polterkammer«.) So kam

man auf genau den Gedanken, mit dem Partsch uns viel später hier die

Schneegruben enträtselt hat: die Schweizer Gletscher waren einst auch

bis dahin gegangen, wo heute die Blöcke liegen. Sie hatten die riesigen

verwitternd abgesprengten Felsscherben des Hochgebirges, die oben auf

sie gestürzt oder unten von ihrer stets rutschenden Sohle eingeklemmt

worden waren, selber damals soweit verschleppt. Größere Gletscher

offenbar, als heute, -- Ergebnis einer offenbar feuchtkälteren Zeit.

Schlichten Schweizer Gemsjägern soll die einfache Logik zuerst gekommen

sein, -- vielleicht ist sie von ihnen zu den damals noch spärlichen

fremden Gebirgskletterern (bei denen auch Goethe war) weitergegeben

worden.

Aber solche ungeschlachten Steinkerle lagen, fremd ihrem Ort, auch da

unten mitten im norddeutschen Sand bis zur Ostsee herab verstreut, --

wer sollte sie dahin gebracht haben? Der Volksscherz läßt sie in einer

Nacht vom Teufel verschleppt sein; aber das konnte wohl schon in des

Walpurgisdichters Zeiten nicht mehr gut als wissenschaftliche Theorie

gelten. Ein märkischer oder mecklenburgischer Geheimvulkanismus, der

aus (allerdings vorhandenen) tiefen Bodenlöchern heraus gewirkt hätte,

schien noch weniger rätlich als in den Alpen. Durfte man also annehmen,

auch die alten Riesengebirgsgletscher hier wären in jener Kältezeit

etwa so riesig gewesen, daß sie bis Fürstenwalde bei Berlin gereicht

hätten? Wo doch ein solcher Block lag, der eine der sogenannten

Markgrafensteine, aus dessen 1600 Zentner schwerem Teilstück man die 7

~m~ klafternde Granitschale im Berliner Lustgarten gemacht und noch ein

paar andere städtische Denkmäler dazu?

Dem Gedanken widersetzte sich schon zu Goethes Tagen entschieden

eins. Das Gestein dieser norddeutschen Irr- oder Erratischen Blöcke

entsprach nicht unsern deutschen Gebirgen hier, wohl aber wie ein

abgebrochener Henkel seiner Tasse denen des fernen Skandinavien. Hätten

also schwedische und norwegische Gletscher über die ganze Ostsee fort

bis Berlin gereicht? Vor dieser Kühnheit staute sich noch einmal die

Theorie. Hören wir abermals dazu Goethe selbst, der auch hier an der

Spitze marschierte. »Bergrat Voigt zu Ilmenau, -- als wir uns lange

über die wunderbaren Erscheinungen der Blöcke über Thüringen und

über die ganze nördliche Welt ausgebreitet öfter besprachen und wie

angehende Studierende das Problem nicht loswerden konnten, geriet auf

den Gedanken, diese Blöcke durch große Eistafeln herantragen zu lassen;

denn da es unleugbar schien, daß zu gewissen Urzeiten die Ostsee

bis ans sächsische Erzgebirge und an den Harz herangegangen sei, so

dürfte man natürlich finden, daß bei laueren Frühlingstagen im Süden

die großen Eistafeln aus Norden herangeschwommen seien und die großen

Urgebirgsblöcke, wie sie unterwegs an hereinstürzenden Felswänden,

Meerengen und Inselgruppen aufgeladen, hierher abgesetzt hätten. Wir

bildeten mehr oder weniger dieses Phänomen in der Einbildungskraft aus,

ließen uns die Hypothese eine Zeitlang gefallen, dann scherzten wir

darüber; Voigt aber konnte von seinem Ernst nicht lassen.« Voigt ist

schon 1821 gestorben, die Gespräche müssen also weiter zurückliegen.

Jedenfalls hat aber auch Goethe die Sache später nicht immer bloß

scherzhaft genommen. Und in den 30er Jahren hat der Engländer Lyell

sie als eigene sogenannte Drift-(Treibeis)Theorie so nachhaltig in

die Fachgeologie eingeführt, daß sie fast ein halbes Jahrhundert dort

herrschend bleiben sollte. Aber die wahren Wunder der Eiszeit waren

doch noch größer als selbst diese Theorie.

Wenn Gletscher sich langsam dahinschieben (und immer schieben sie sich

so, oben belastet vom neu vereisenden Firnschnee, unten abschmelzend

wie eine zähflüssige Riesenträne), so schreiben sie auf ihre Unterlage

eine seltsame Hieroglyphenschrift. Die eingebackenen Steinscherben

ihrer Sohle polieren und schrammen wie Nägel eines groben Bergschuhs

den darunterliegenden Fels. Es hat lange gedauert, bis man auch dieser

Naturschrift Herr wurde, wie der Geschichtsforscher mühsam erst

Keilschrift und echte Hieroglyphen entziffern gelernt hat. Wer sie aber

durchschaut hat, der weiß, daß, wo ehemals ein Gletscher gekrochen

ist, man an dieser geheimen Radierung und Krakelschrift sein Dasein

noch ablesen kann, auch wenn er längst dahingeschwunden, -- genau

so, wie wir die Taten der alten assyrischen und ägyptischen Könige

noch lesen, Jahrtausende, nachdem sie mit ihrer ganzen Generation

vergangen. Und es geschah im Jahre 1875 (Goethe ruhte allerdings jetzt

längst in seiner Fürstengruft), daß ein Schwede, Torell, eine solche

Hieroglyphenschrift auch mitten in der Mark entdeckte. Rüdersdorf heißt

der Ort. Nahe dem blauen Müggelsee. Vom hohen Turm sieht man noch den

Rauch von Berlin. Muschelkalkfels stößt als willkommener Baustein hier

inselhaft aus dem unendlichen Sandmeer der Reichsstreusandbüchse. Auf

der empfindlichen Haut dieses alten Kalksteins aber fand jener Schwede

damals bei flüchtigem Besuch die Hieroglyphe des Gletschers. Hier

waren nicht Eisberge oder Eisschollen hoch hinweg gefahren, sondern

der alte Gletscher selbst hatte in fester Fron auf den Schichtenköpfen

des noch älteren Bodengesteins gelastet, es bald streichelnd und

polierend, bald kratzend, wie das auch bei menschlicher Fron wohl

üblich ist. Heute steht ein Gedenkstein, selber ein schwedischer

Findling, in der Nähe der ewig bedeutsamen Stelle, nachdem der rastlos

weiterschreitende Bergwerksbau die eigentliche Urkunde längst getilgt.

Als am Abend jenes Tages aber Torell in der Sitzung der Deutschen

Geologischen Gesellschaft zu Berlin seinen Bericht erstattete, da starb

die Drifttheorie nach vieljährigen treu geleisteten Diensten. Und es

entstand dafür jetzt wirklich jener kolossale Gedanke des europäischen

Binneneises, das von Skandinavien mit einheitlicher Gletschertatze

bis in die Mark und noch weiter gelangt. Das ganz gewaltige Bild der

»Eiszeit« stieg auf, noch unverhältnismäßig größer, als es Goethe

geahnt.

Wie Grönland bis auf ein paar kleine Felsspitzen (Nunataker nennen

sie's im Lande) untergegangen, versunken ist in einer einheitlichen

Eismasse, so damals Skandinavien. Und dieses Eis dachte sich von der

ungeheuren skandinavischen Hochburg schräg herunter wirklich über

den Platz der heutigen Ostsee hinweg, in die Nordsee hinaus, über

Kola ins nördliche Eismeer hinüber. Es floß (mit jenem gespenstisch

starren Fließen des Gletschers) über Finnland in die wehrlos platten

Ebenen Rußlands ein zum Ural, in lang ausgreifenden Pranken zur

Wolga bei Nischninowgorod, südlich von Moskau bei Tula zum Don, bei

Kiew zum Dnjepr; die heute berühmt gewordenen Rokitnosümpfe lagen

an seiner Bahn, die vielbesprochenen Lysa-Gora-Höhen bildeten einen

solchen Nunatak in ihm. Nachdem ganz Norddeutschland verschlungen

war, erschien die Eiswelle im Oderquellgebiet. Hier unten quoll sie

in den Hirschberger Kessel; noch heute schneidet die jedem Sommergast

vertraute Krummhübeler Lomnitz dort eine Grundmoräne von abgesenktem

heimischem Riesengebirgsschotter und skandinavischen Wanderscherben

an. Sie erstarrte vor dem Gebirgssaum, schritt über Dresden, am

Thüringer Wald entlang, begrub den späteren Sitz Goethes, bog vom

Harz zum Rheinischen Schiefergebirge ab, um über die Rheinmündung die

Themse zu erreichen, bis das schottische Eis mit dem skandinavischen

zusammenschlug. Sechs Millionen Quadratkilometer blauen Gletschereises

(falls man solches Eismeer, das an seiner Ausgangsstelle nicht

mehr zwischen Gebirgen lagerte, sondern über sie hinwegging, noch

als Gletscher bezeichnen will) schoben sich so über Europa, -- im

nordischen First sicher ein paar tausend Meter dick. Man erschauert,

wenn man sich denkt, wie diese blinkende Mauer auftauchte. Nichts

Lebendiges blieb, wo sie hinschritt, schon vor ihrem nahenden Eishauch

verkümmerte weithin die blühende Vegetation zur armseligen Moossteppe

(Tundra). Kein Traum eines Tamerlan mit seinen Siegessäulen aus

Menschenknochen kommt gegen die Schrecken dieser Welteroberung auf ...

Schweizer Forscher (Venetz, Charpentier, vor allem ein vielbefehdeter,

übertrieben gefeierter, aber auf jeden Fall bedeutender Mann, Louis

Agassiz) hatten inzwischen dem alten Gedanken Goethes von der »Epoche

großer Kälte« eine immer handgreiflichere Gestalt gegeben, -- Schimper

das unmittelbare Wort Eiszeit (zuerst in einem Gedicht 1837!)

geschaffen. Man hatte ihren Ort in der Reihenfolge der geologischen

Zeitabschnitte ungefähr bestimmt: nicht mehr in den alten Sauriertagen,

sondern verhältnismäßig jung, im sogenannten Diluvium.[2] Wenn man

von dem Abschluß der sogenannten Tertiärzeit bis an die ersten Nebel

überlieferter Geschichte versuchsweise einmal noch eine halbe Million

Jahre rechnete, so ging dahinein auch noch dieses ganze aufregende

Ereignis. Wie sich neuerlich herausgestellt hat, ist der Mensch (mit

vorgeschichtlicher Kultur) noch Zeuge seines gesamten Verlaufs gewesen,

wenn er's auch in keiner Chronik eingezeichnet hat. Eine hochpolare

Tier- und Pflanzenwelt begleitete neben ihm die Eisränder, Beweis,

daß wirklich grönländische Verhältnisse bei uns eingekehrt waren. Die

dick bepelzten Mammutelefanten und Schneenashörner haben sich daraus

am stärksten eingeprägt. Eigentlich beweisender sind aber noch die

mustergültig arktischen kleinen Pflänzchen, wie Zwergbirke, Polarweide,

Silberwurz, aus deren Reihe auch das verschlagene Volk der Schneegruben

hier stammt.

Aber die ganze Gewalt des Vorgangs sah man doch erst, als man sich an

jenes ungeheure europäische Binneneis gewöhnen mußte. Es war nur noch

wie eine Ergänzung, daß auch Nordamerika in anscheinend gleicher Zeit

eine entsprechende und sogar noch größere (südlich bis in Breiten,

wo bei uns Sizilien liegt, vorgerückte) Eisdecke getragen hatte, --

während allerdings eine dritte erwartete Vereisung auf dem asiatischen

Sibirien sich nicht zeigen wollte. Immerhin müßte die Erdkugel bei

der nötigen Schiefsicht damals von fern bereits einen argen Eindruck

beginnender Ganzvereisung gemacht haben. Während gleichzeitig die

Einzelspuren oder mit unserem Bilde Hieroglyphen, nachdem man sie

einmal lesen gelernt, sich auch im engeren immer unzweideutiger

aufdrängten.

Skandinavien, auf dessen wohl höheren Gebirgen sich in der Fülle der

Zeit das einzigartige Schauspiel vollzogen vom Zusammenwachsen der

Firnschneefelder mit den Gletschern selbst, war allenthalben abgehobelt

wie durch einen dämonischen Kunstschreiner des alten Asengeschlechts.

Wenn man seine Fjorde als heute ins Meer versenkte alte Gletschertäler

faßte, so glaubte man noch jetzt seine Urvergletscherung geradezu von

der Karte ablesen zu können. Bei uns in Deutschland aber waren die

großen Irrblöcke von da drüben nur die Rosinen eines feineren Teigs,

der als sogen. Geschiebelehm überall noch ausgewalzt lag, soweit das

Eisungetüm sein Lager gehabt. Wie seine letzten derberen Auswürfe

bezeichneten Endmoränenringe stationenweise die äußerste Statt des

Unholds. Die weiche Kreide der heutigen Ostseekante hatte er sich

sielend geknetet und in anhaftenden ganzen Platten verschleppt.

Seine jahrtausendelang abrinnenden Tropfen hatten jene tiefen Löcher

(Gletschermühlen, Pfuhle, Sölle) in den Boden gebohrt, an die sich in

der Jugend der Deutung einmal die Sage von norddeutschem Vulkanismus

geknüpft. Unter seinem Eisbauch selber hatten sich Rippelungen in

Gestalt fächerförmiger Hügelreihen und in der eigenen Kriechrichtung

gehender Wälle (sogenannte Drumlins und ~Osar~) gebildet. Unendliche

Sande waren von seinen abgehenden Schmelzwassern weit vor die

Grenzwälle seines eigentlichen Bettes verschwemmt worden. Wo er

zwischen sich und dem Gebirge diese Wasser gestaut und zugleich die

zur Ebene strebenden deutschen Ströme eingeengt, waren endlose Zeiten

die gelben Schmutzfluten an ihm entlang gewirbelt, einem fernen

Nordseeausschlupf zu: so hatten sich jene ungeheuren versandeten

»Urstromtäler« gestaltet, wie sie heute noch der entschwundenen

Eiskante getreu von der Weichsel zur Elbe ziehen, von Pygmäenflüßchen

der Epigonenzeit wie der »Maus im Käfig des Löwen« (Ausspruch von

Berendt) bewohnt. Bild um Bild, die doch alle nur das eine größte

vertiefen konnten, wie es sich in jener entscheidenden Stunde blitzhaft

vor Augen gestellt.

* * * * *

Die fortschreitende Geschichte menschlicher Wissenschaft möchte man

aber bezeichnen als eine immer weiter hinausgeschobene Ursachenfrage.

Goethe zu seiner Zeit genügte es noch, daß eine »Epoche großer Kälte«

die Ursache der Irrblöcke war. Seither ist immer lebhafter gefragt

worden, was die Ursache der großen Kälte selbst gewesen sein könnte.

Ja, diese Frage erfreut sich sogar weit über die Fachgelehrsamkeit

hinaus heute einer gewissen Volkstümlichkeit. Nicht nur gibt es eine

ganze Bibliothek wissenschaftlicher Bücher darüber, sondern es arbeitet

auch beständig eine Menge mehr oder minder berufener freiwilliger

Helfer aus weitesten Volkskreisen daran mit. Wer Gelegenheit hatte,

selbst irgend etwas über die Eiszeittatsachen zu veröffentlichen, der

hat das wohl mit einigem Schrecken erfahren: ungezählte Manuskripte in

bedenklich umfangreichen Postpaketen mit und ohne Rückporto pflegen

sich bei ihm zu versammeln, deren Sender alle verkünden: Auch ich ein

Maler, -- auch ich habe eine Lösung der Eiszeit gefunden. Einerseits

lockt dazu, daß die strenge Forschung selbst bekennen muß, zu einem so

auffälligen, ja einzigartigen Ereignis der Naturgeschichte immer noch

keinen _sicheren_ Grund zu wissen. Lesen wir doch in dem angesehensten

und jedenfalls dicksten deutschen Sammelwerk von heute darüber, der

ausgezeichneten ~Lethaea geognostica~, von Geinitz' Hand den Satz in

Sperrdruck: »_Man kennt die Ursachen der Eiszeit nicht._« Andererseits

berührt das Problem die Wetterfrage, die seit alters eine Volksfrage

ersten Ranges gewesen ist. Das Wetter ist dem Landmann zu seinem Wohl

und Weh eine hervorragend praktische Sache. Immer wieder halten sich

alte Überlieferungen, es sei besser geworden oder es sei schlechter

geworden. Es gibt wohl keinen schlichtesten Menschen, der nicht auch

nur auf Grund seiner eigenen Lebenserfahrungen einmal versucht hat,

in das ewig Wechselnde, Chaotische, Unberechenbare dieses Wetters

irgendein Gesetz hineinzudeuten. Nirgendwo haben wir im Alltag so das

Gefühl, ständig einer großen Lotterie ausgeliefert zu sein, und so

sehr den Wunsch zugleich, irgendeine Rechnung zu ergrübeln, mit der

man sicher die Bank sprengen könnte. In der Eiszeit aber scheinen

sich gleichsam alle Wunder dieses Wetters zu vereinigen. Etwas wie

eine uralte Volksangst unserer Ahnen scheint darin aufzuleben: vom

Weltwinter, der alles vernichtete. Zugleich meint man, wer ihr

Geheimnis löste, müßte auch den Wetterzauber von heute in Händen haben.

Nun ist solches Mitdenken im weiten Kreise an sich keineswegs zu

verachten. Man soll sich immer freuen, wenn der Sinn für eine

naturwissenschaftliche Frage im Volke geweckt ist. Schließlich fällt

der geniale Gedankenblitz wirklich oft wahllos, der Laie kann auf das

Ei des Kolumbus kommen, zumal wenn, wie hier, die strenge Forschung

auch einstweilen nichts als mehr oder minder unbewiesene Vermutungen

hat. Was aber zu jeder, ob nun wissenschaftlichen oder freien Mitarbeit

als unumgängliche Voraussetzung nötig ist, wenn auch nur der kleinste

wahre Fortschritt erzielt werden soll, das ist zweierlei.

Zunächst darf nicht ins Blaue dabei »erfunden« werden. Jede vernünftige

Erklärung auf solchem naturgeschichtlichen Gebiet hat heute ihre

gewisse Methode, die geachtet sein will. Etwas auf eine Ursache

zurückzuführen, heißt zunächst, es an etwas _sonst schon Bekanntes_

anschließen. Es heißt aber nicht, zu dem einen Unbekannten ein neues

Unbekanntes als Ursache »erfinden«. Also, um ein drastisches Beispiel

zu nehmen, es ist _keine_ Erklärung, wenn ich etwa sagen würde: die

Eiszeit entstand, weil damals die Vulkane der Erde plötzlich angefangen

hatten, statt glühender Lava Eis zu speien. Oder: sie mußte kommen,

weil ein Komet die Erde streifte, der Kälte aushauchte. Von solchen

Eisvulkanen wissen wir so wenig etwas, wie von solchen Kältekometen, in

den gangbaren Gebrauch der Wörter »Vulkan« und »Komet« wird hier rein

zum Zweck etwas hineinphantasiert, und die Benutzung der Wörter ist

dann bloß ein Scheinspiel, das den Hörer betrügt. Die Beispiele wirken

kraß, und doch sind eine Masse von Eiszeitdeutungen aus Laienkreisen

und selbst manche oberflächlich wissenschaftlichen damit durchaus in

ihrem Unwert bezeichnet.

Die zweite Bedingung ist dann, daß, wer sich an die Frage ernstlich

heranmacht, eine Reihe Nebenfragen kennt, die bei heutigem Stande

unserer Kenntnis untrennbar damit verknüpft sind. Weiß er bloß im Sinne

Goethes, daß zur Erklärung der eben kurz gekennzeichneten diluvialen

Tatsachen eine »Epoche großer Kälte« angenommen wird, so ist er heute

doch noch nicht reif zum Weiterraten. Denn es haben sich dem einen

Rätsel seither eine bestimmte Anzahl anderer angegliedert, die, an sich

erst recht interessant, doch auf alle Fälle mitgelöst, also vorweg

mitgekannt sein wollen. Ich bezeichne hier kurz ein paar auch dieser

Hauptpunkte, die Goethe selbst noch nicht wissen konnte, die aber

gerade den Reichtum andeuten, zu dem die ständig weiter schürfende

Wissenschaft heute auch auf diesem Gebiete gelangt ist.

Als Goethe von seiner »Epoche großer Kälte« sprach, schwebte ihm

zweifellos ein recht tüchtiges Maß Kälte vor. Wer sollte es nicht

erwarten, wenn er die Alpengletscher bis in den Genfer- und Bodensee

und schwedisches Eis bis ins Hirschberger Tal denkt. Agassiz, der

als bibelgläubiger Mann immer eine Neigung spürte, in der Eiszeit

eine Unterlage der weltumstürzenden Sintflut zu entdecken, hätte gern

die ganze Erde unter furchtbarsten Minusgraden erfrieren lassen. Ein

nüchterner Kopf wie Neumayr hat dagegen nachgerechnet, daß man schon

mit einem Temperatursturz von bloß 5--6° ~C~ im Durchschnitt weniger

als heute alle wirklich sicheren Erscheinungen der Eiszeit in Europa

auslösen könnte. Die Schweizer Schneegrenze würde sich um mehr als

1000 ~m~ tiefer legen, und die heutigen Alpengletscher müßten bis Lyon

und Ulm rücken, während am Titisee im Schwarzwald und hier aus den

Schneegruben Gletscher flössen. Mehr als diese im Höchstmaß 6° abwärts

brauchte also keine Theorie zu erklären, während man freilich zugleich

sieht, wieviel schon solche paar Grad gegen unser so viel verlästertes

gegenwärtiges Klima bedeuteten.

Aber nicht einmal dieser Tiefstand soll während der _ganzen_ Eiszeit

angedauert haben. Als in der sogenannten Höttinger Breccie, einem

alten verkitteten Bachschutt bei Innsbruck, zwischen zwei abgelegten

Schotterhäuten des Eisriesen eine Einlage mit noch erkennbaren Resten

pontischer Azaleen und des italischen Erdbeerbaumes (~Arbutus~),

den Horaz besingt und der ganz gewiß nicht nach Eiszeit ausschaut,

gefunden wurde, kam zuerst die Lehre von den »Interglazialzeiten« auf,

-- wärmeren Schaltzeiten, die sich mehrfach noch in die eigentliche

Kälteepoche hineingeschoben hätten. Über diese weniger gestrengen

Zwischenlagen gehen ja die Meinungen der Sachkenner heute noch

ziemlich weit auseinander. Die einen rechnen mindestens drei solcher

Schaltkapitel, womit wir folgerichtig eigentlich vier getrennte

diluviale Eiszeiten hätten statt einer. Das Schulverslein gleichsam,

das Penck und Brückner nach Flüssen des bayrischen Alpenvorlandes dafür

geschaffen, zählt sie als Günz-, Mindel-, Riß-, Würm-Eiszeit her, wobei

je eine günzmindelische, mindelrißliche und rißwürmliche Wärmepause den

Einschlag gebildet hätten; die Rißkälte soll die schlimmste gewesen

sein. Wer ganz kühn ist, läßt in den Interglazialzeiten überhaupt

alle Schrecknis wieder heruntertauen, Binneneis und Riesengletscher

schwinden, so daß wirklich jede neue Eiszeit wie ein neues Wunder

vom Himmel gefallen wäre. Nun ist kein Zweifel, daß es in den

Randgebieten des großen Eises überall so aussieht, als hätten gewisse

Pausen tatsächlich in das Hauptdrama irgendwie hineingespielt. In

Spanien und Frankreich, wo niemals Binneneis gelegen hat, aber auch

am deutschen Südrand glaubt man eine ältere, wärmeliebere, fast noch

afrikanisch anmutende Tierwelt jedesmal wieder einziehen zu sehen

wie auf der Spur eines milderen Frühlingslüfterls, das plötzlich

dem vernichtenden Eishauch für ein Weilchen entgegenarbeitete. Und

gleichzeitig scheinen im Alpengebiet die Gletscher ähnlich den

Schnecken in ihre Häuser zurückgekrochen zu sein wie unter einem

geheimnisvollen klimatischen Gegenbefehl. Auch die Spuren trockener

Steppenzeiten schalten sich recht verwunderlich in das Diluvium ein,

deren Stürme in den Randzonen unendlichen gelben Staub (sogen. Löß)

gehäuft und die man schwer anders unterzubringen weiß, als eben auch

in solcher wärmeren Interglazialstimmung. Aber die Zweifler von der

andern Partei meinen, daß es sich bei alledem mehr oder weniger nur

um eine Randerscheinung gehandelt habe, bei der das Haupteis nicht

rückte noch regte. Solche Südgärtlein zwischen dem Eis wie das Idyll

der Höttinger Breccie könnten nach ihnen den wunderbaren »Eiswäldern«

Alaskas entsprochen haben, wo heute noch in der Tat große Fichten-,

Birken- und Ahorn-Urwälder samt ihrem Unterholz und Heidelbeergestrüpp

nur durch eine dünne Isolierschicht erdreichen Moränenschutts getrennt

unmittelbar auf dem kriechenden Gletscher wachsen. Die Sache ist noch

im Fluß. Inzwischen muß aber, wenn auch nur die Freunde der zeitweise

größeren Randwärme recht behalten sollen, _irgend_ etwas da doch in

die Eiszeit im Ganzen hineingewirkt haben, das zeitweise _etwas_

am Thermometer rückte, -- und auch diese Interglazialfrage muß die

Erklärung also miterklären.

Ein dritter Punkt betrifft dann, wie sich auch während der schlimmsten

Eiszeit im Norden die übrige Erde verhalten habe. Als weiland Herr

Agassiz das Eiszeitthermometer seiner Schweiz gar nicht grauenhaft

tief genug sehen konnte, da erwartete er bestimmt, daß auch in den

tropischen Urwäldern am Orinoko zuletzt noch Kritzelhieroglyphen

und Geschiebelehm auftauchen müßten. Davon kann nun in der Weise

heute wieder keine Rede sein. Aber was man allmählich auch dazu

wirklich gefunden hat, das waren starke Vergletscherungs-, d. h.

Gletschervergrößerungsanzeichen für die Diluvialzeit auch gewisser

Gebiete der Südhalbkugel. Auch die Alpen Neuseelands hatten zu

irgendeiner Stunde damals stärkere Gletscher, die Berge Australiens,

das südamerikanische Feuerland, das antarktische Kerguelenland

tragen deutlich lesbare diluviale Eishieroglyphen. Sollte das genau

gleichzeitig mit dem Nordeis gewesen sein, so würde es besagen, daß

die Eiszeit »bipolar« war, das heißt, daß ihr Klimasturz über beide

Erdpole zugleich ging. Oder, was auf die wichtigste Folge hinausläuft:

daß eine gewisse Abkühlung damals um die ganze Erde schritt, wenn sie

auch natürlich mit ihren paar Grad Kältesturz nicht gleich den Äquator

mitvereisen konnte. Immerhin meint man neuerlich auch bis in diese

Äquatorialländer doch etwas verfolgen zu können wie eine gleichzeitige

starke »Pluvialzeit«, also eine extrem nasse Regenperiode, die man

an alten Flußläufen der Sahara, höherem Nilstand und viel üppigerer

Seenfüllung im äquatorialen Afrika wie an einem geologischen Pegel

ablesen will. Und die erfolgreichen tropischen Hochalpenfahrten Hans

Meyers von Leipzig, der uns zuerst den Kilimandscharo bestiegen hat

und am Chimborasso und Kotopaxi viel weiter geklettert ist als selbst

Humboldt, haben auch an diesen tropischen Schneeriesen allenthalben

jetzt verlassenen Moränenschutt erwiesen, der auf eine niedrigere

Schneegrenze und also größere Gletscher der Diluvialzeit gedeutet

worden ist. Auch das muß der Eiszeitenträtseler also als möglich

aufnehmen, wenn es auch dazu nicht an Gegnern fehlt. Sie fragen, warum

nicht bei richtig bipolarem Verlauf das südliche Landeis noch viel

weiter ging, z. B. in Südamerika entsprechend über ganz Argentinien,

Paraguay und Bolivien floß, oder ob jene Gletscherschwankungen

am Kilimandscharo nicht bloß Lokalerscheinungen unter örtlichen

kleinen Temperaturperioden, die bis heute dauern, sein könnten usw.

Wobei aber gerade solche Lokalgründe, etwa andersartige Land- und

Wasserverteilung, auch wieder das Eiszeitbild der Südkugel schon damals

von dem unserer Nordhalbkugel verschieden gestaltet haben könnten auch

bei echt bipolarem Verlauf. Man bleibt auch hier in Debatten, aber

berücksichtigt müssen diese Fragen werden, ob so, ob so.

Nun aber noch zwei ganz große Dinge, zeitlich nicht auf die diluviale

Eiszeit selber fallend, aber schlechterdings nicht mehr von ihr zu

trennen, seit man sie hat. Goethe waren auch sie noch durchaus fremd,

aber wie hätten sie ihn erregen müssen!

Die diluviale Eiszeit war, um immer noch einmal das Leitmotiv

anklingen zu lassen, für ihn eine »Epoche großer Kälte«. Heute ist's

entschieden wieder wärmer bei uns. An sich ist schon das wieder eine

recht beherzigenswerte Tatsache: der große Schüttelfrost unseres

Planeten ist also doch noch einmal _vorüber_gegangen, wie er, wenn

die Interglazialzeiten wirklich bestanden haben, auch in sich selbst

bereits fieberfreiere Momente gehabt hätte. Ob unsere Wiedererwärmung

in geschichtlicher Zeit noch zugenommen, darüber streitet man sich

ja auch wieder. Es wäre ganz gewiß sehr interessant. Aber gerade

die besten Kenner schwanken. Afrika und Zentralasien sind auch seit

Völkergedenken wohl sicher noch mehr ausgetrocknet, dort klänge also

ersichtlich noch jene Pluvialzeit vor uns weiter ab. Dagegen hat sich

das früher gerne behauptete klimatische Dürrwerden der Mittelmeerländer

wenigstens im größern Umfang nicht als stichhaltig erwiesen; wo es

seit dem klassischen Altertum eingetreten sein sollte, hat Verkarstung

des Bodens durch leichtfertiges Abholzen der Wälder, Zerstörung alter

künstlicher Wasserleitungen und allgemeiner Fluch orientalischer

Mißwirtschaft den Löwenanteil gehabt, also Mensch gegen Natur, nicht

Natur gegen den Menschen. Wenn es umgekehrt gelegentlich ein Beweis

für erneute Temperatur_abnahme_ sein sollte, daß vor 800 bis 900

Jahren der Weinbau bei uns noch viel weiter nördlich gegangen wäre, so

hat sich freilich auch das als böser Trugschluß herausgestellt, denn

nicht Klimawechsel, sondern Wirtschafts- und Kulturgründe (Geschmack

an feineren Weinsorten und billigere Transportmittel) haben auch

hier die eigene Zucht eingehen lassen. Und eine kleine periodische

Wetterschwankung, die anscheinend durch die ganze historische Zeit geht

(ich komme unten noch auf sie), darf ebenfalls nicht hierher gezogen

werden. Ganz unzweideutig aber jetzt ist wieder der echt geologische

Befund: _vor_ der Eiszeit war's unvergleichlich viel _wärmer_ in großen

Gebieten der Erde als heute dort nach ihr.

Vor -- oder wenn man von uns aus rückwärts denkt, hinter der

Diluvialzeit mit ihrem großen Klimasturz liegt in der Sprache des

Geologen die Tertiärzeit. Schon da, wo die Diluvialzeit in diese

Tertiärzeit übergeht, also zeitlich einmal wieder schätzungsweise

jenseits der letzten halben Million Jahre von uns zurück, merkt man

aus allen Anzeichen, wie das Klima sich offenbar wieder hebt. Es geht

zunächst mindestens wieder auf den heutigen Stand. Schon dabei wird

man aber etwas stutzig. Wenn riesige Elefanten damals bei uns lebten,

so wird man das noch nicht ohne weiteres auf milderes Wetter deuten,

denn kältefeste Elefanten haben auch noch in der Eiszeit selbst bei uns

ausgedauert. Aber das Nilpferd schwamm in der Themse, das wir heute in

unsern nordischen Tiergärten nur in geheizten Becken über den Winter

bekommen. Und sowie wir jetzt noch ein Stück tiefer in die Tertiärzeit

selber hineingehen, werden auch die _gesteigerten_ Wärmezeichen

unzweideutig.

Die Pflanzenwelt, die stets das feinste Thermometer bildet (haben

wir doch von den lappländischen Pflänzchen hier am Schneegrubenhang

noch die Eiszeit selber abgelesen), wird bei uns in Europa zunächst

subtropisch, wie man das nennt, also als rückte der Mittelmeerrand

bis zur Ostsee; und dann wird sie in weiten Teilen überhaupt ganz

tropisch, als kämen Wendekreis und Gleicher zu uns ins Land. Auf

der Höhe der Zeit wachsen in Südfrankreich kolossale Fächerpalmen

mit anderthalb Meter langen Blattwedeln neben Drachenbäumen,

Pisangs, Kampfer und Zimmet, Aralien, afrikanischen echten Akazien

aller Art, der Ceibabaum (Bombax) mit seinen Baumwollfrüchten wird

charakteristisch, wie er es heute mit seinen gewaltigen Stammsäulen für

die heißesten Tropenwälder Kameruns oder Brasiliens ist. Bei Verona

stehen Eukalypten, Sandelholzbäume, Cäsalpinien. Über ganz Deutschland

zogen sich die Palmenhaine bis in die Bernsteinwälder jenseits des

heutigen Samlandes, Sabal, Phönix, am schönen Rhein sogar Kokos, aus

den englischen Küstensümpfen hoben sich die kurzstämmigen Nipas und

warfen ihre Schwimmfrüchte ins Brakwasser wie jetzt bei den Tigern

und Krokodilen des Gangesdeltas. Pandanus, Bambusrohr, Baumfarne

vervollständigten das Bild, und auch über die tropische Tierwelt

kann diesmal wohl kein Zweifel sein, wenn man in diesen Wäldern

von bunten Papageien, goldschimmernden mexikanischen Trogons, dem

südafrikanischen Kranichgeier (Sekretär), Salanganen (den Schwalben

der berühmten »eßbaren« Vogelnester) neben den Tapiren, Zwerghirschen

und Okapis des tiefsten Tropendschungels hört. Warm, wie das Land,

muß der Ozean der Küste gewesen sein, so daß noch am Nordrand des

vergrößerten tertiären Mittelmeers Korallentiere ihre hohen Riffe

türmen konnten, deren überlebende Gattungen heute in den Südmeeren eine

beständige Wasserwärme von 20° erfordern. Ist die diluviale Eiszeit ein

klimatisches Wunder, das nach Erklärung schreit, so wächst uns hier

mindestens ein ebenso großes, wenn auch genau entgegengesetztes zu,

ohne dessen Berücksichtigung jede Erklärung dort immer nur halb sein

kann.

Die tertiäre Wärme, selber einmal fest zugestanden (und das ist sie

heute _ohne Widerspruch_), umschließt aber noch ein engeres Problem in

sich. Wenn wir im Diluvium grönländische Eisdecken auf mehr als halb

Europa und Nordamerika sehen, so werden wir zunächst den Pol selbst für

diese Zeit erst recht unter Eis begraben denken. Umgekehrt im Tertiär:

wenn hier die Tropen bis zu uns nach Deutschland rückten, werden wir

fragen, ob es damals überhaupt einen Eispol gegeben haben könnte.

Und in der Tat wissen wir von vereisten Gebieten dieser Zeit nichts,

wohl aber sehen wir in den unzweideutigsten Funden eine Pflanzenwelt

sich damals selbst bis in hohe arktische Breiten hinaufziehen, die

auch dort noch auf eine ganz gewaltig erhöhte Wärme deutet. Der große

Schweizer Paläontolog Heer, menschlich eine der liebenswürdigsten

Forschergestalten neuerer Zeit, hat seit den 60er Jahren des vorigen

Jahrhunderts mit von Fall zu Fall immer verblüffenderen Mitteilungen in

diesen Sachverhalt eingeführt.

Kühne Polarforscher, die unter den namenlosen Schauern ihrer

Pionierzüge da oben noch Zeit gefunden, vorweltliche Pflanzenabdrücke

auf altem Tertiärgestein zu sammeln, versahen ihn mit dem nötigen

Material, das unter seiner kundigen Deutung nun zum Ereignis wurde.

Am 82.° nördlicher Breite, im nordamerikanischen Grinnelland,

äußerster Fleck damals des geographisch Erreichten auf dem Wege zum

Pol selbst, mit einem Jahresmittel gegenwärtiger Temperatur von

--20° ~C~, zeigten sich alttertiäre Wälder von ~Taxodium distichum~

(Sumpfzypressen, heute nur noch in den südlichen Mississippisümpfen

heimisch), Pappeln, Linden, Haselnuß, Schneeball, Fichten, Kiefern,

Eiben, die einen See mit wallendem Schilfrohr und Teichrosen etwa

wie unsern Friedrichshagener Müggelsee umschlossen. Auf Spitzbergen

wuchsen neben Massen von Pappeln großblättrige Eichen und Ahorne, aber

auch Walnuß, Platane, Magnolie, Zypresse und der jetzt noch wegen

seiner Domturmhöhe berühmte, aber wie ein aussterbender Urrest auf

ein paar Haine der kalifornischen Sierra Nevada beschränkte Mammutbaum

(~Sequoia~ oder ~Wellingtonia~). Grönland selber hatte beim 70.° den

schönen, lichtgrünblättrigen chinesischen Gingko, immergrünen Lorbeer

und Weinreben, als bewege man sich zwischen der lieblichen Flora von

Montreux. Gewiß: man wandelte hier oben auch damals nicht mehr unter

Palmen, aber noch immer nahe der Grenze mindestens der subtropischen

Welt. Und damit auch diesmal die Sache »bipolar« aussehe, haben sich

seit Heers Tagen entsprechende Waldspuren mit riesigen Zypressenstämmen

und Buchenlaub im Bereich des Südpols gefunden.

Auf den ersten Blick sieht auch das alles ja nur wie eine Bestätigung

der allgemeinen tertiären Wärme aus. Aber es steckt noch eine besondere

»Crux« darin, wie die alten Philologen vor ihren unlösbaren Textstellen

sagten. In so hohen Breiten gibt es bekanntlich gar wundersame

Beleuchtungsverhältnisse. Eine mehrmonatige Dauernacht beginnt sich

wie ein schwarzer Fittich über die verarmte Erde zu breiten. Jene

Polarforscher wissen nicht genug davon zu erzählen, wie eigentümlich

diese verkehrte Welt auf Menschengemüt und Menschenkraft wirkt. Wie

aber sollen immergrüne Waldungen solche Polarfinsternis ausgehalten

haben? Mag man die Wärme im ganzen auch dort noch so sehr steigern,

so bleibt doch der gewaltige Gegensatz dieser sonnenlosen Dauernacht,

in der die Temperatur extrem fallen mußte. Selbst die Tropen, an den

Pol versetzt, würden in diesem Sinne nicht mehr Tropen sein. Und der

reine Lichtmangel selbst? Man hat an Tropengewächse erinnert, die in

dunkeln Treibhäusern überwinterten, oder an die Legföhren und Alpenrosen

des Hochgebirgs, die unter ihrem Schnee auch kein Licht erhielten.

Aber hier ist das dunkle Treibhaus besonders geheizt oder die Pflanze

ohnehin ein wetterhartes Wintergewächs. Auf jeden Fall würde man

machtvolle Anpassungswandlungen für da oben erwarten, -- während doch

die Dinge ganz und gar so erscheinen, als hätten sie sich am wirklichen

Müggel- oder Genfer See abgespielt. Die Biologen haben denn auch

immer den Kopf geschüttelt zu diesem halbdunkeln Paradies. Will man

ehrlich sein, so muß doch auch hier jede echte Wettertheorie erst etwas

Geheimnisvolles entzaubern.

Unterdessen gibt aber selbst die ganze Tertiärfrage nicht den Schluß,

-- hinter ihr wächst nochmals heute das Unberechenbarste auf. Läge

es doch nahe, aus der paradiesischen Erdwärme von dazumal nun auf

ähnlichen Stand wenigstens für den weiteren Erdgeschichtsrest

zu schließen. Hinter dem Tertiär dehnen sich zeitlich die großen

Blütenalter der drachenhaften Saurier, und diese Saurier waren als

Reptile nach gangbarem Schluß alle »wechselwarm«, also nur recht

munter und lebensfähig, wenn ihnen die Sonne ordentlich aufs Blut

brannte. Und in der Tat sehen wir auch in Jura und Kreide zunächst

wieder dicke Wälder von Sagopalmen (Zykadeen), die uns heute wie ein

Südseeidyll anmuten, bis Grönland und Franz-Joseph-Land wachsen. Ein

ganz geringer Zonengegensatz soll sich allmählich zwar geltend gemacht

haben, doch würde (abgesehen vom argen Schwanken der Deutungen) das

nicht anders sein als im Tertiär, wo auch polar zwar Magnolien, aber

doch keine Palmen mehr standen. Jedenfalls schwamm der berühmte

Ichthyosaurus zu seiner Zeit ruhig bis nach Spitzbergen, und an allen

deutschen Küsten grüßten ihn wieder die bunten Korallenriffe des

Heizwassers. Über das noch ältere Klima der Steinkohlenzeit ist dann

noch Streit. Früher hielt man's überall für geradezu extrem tropisch

bis ins äußerste Sibirien und Nordamerika hinauf. Dann bestritt man

das, weil sich Torfmoore (wie man sie für die Steinkohle brauchte)

im echten Tropenklima nicht halten sollten. Dann wieder ist auch das

widerlegt worden, und heute hält man wenigstens für die Fülle der

Zeit ein bei sehr großer Feuchtigkeit gemäßigt warmes Klima für das

Wahrscheinlichste. Im ganz alten Silur kommen schließlich nochmals

nordische Korallenriffe vor, jetzt sogar auch sie hochpolar, wobei für

diese jede dunkle Tiefe scheuenden Pflanzentiere auch die Lichtfrage

noch einmal wiederkehrte. Alles gut, aber so leicht stimmt die Rechnung

abermals nicht. Die Folgerung wäre, daß alle jene ehrwürdigen Tage bis

zum grauesten Lebensbeginn und wohl gar Ur-Sonnenstand der Erde nun gar

kein Eis gekannt hätten. Grade das werfen neuere Funde aber erst recht

um.

Wenn auf Neuseeland heute mal ein Gletscher bis in den dort noch fast

steinkohlenhaften Farnwald langt, so könnte schließlich von sehr

hohen Gebirgen aus so etwas ja auch in der echten Steinkohlenzeit

gelegentlich geschehen sein. Aber darum allein kann sich's unmöglich

handeln bei dem, was zuerst 1856 im südlichen Vorderindien, also

ausgespart jetzt in den heutigen wirklichen Tropen, auskam. Dort

stießen englische Geologen auf unzweideutige Eisspuren. Auf älterem

Gestein lag eine tonig-sandige Schicht, im Innern dicht durchspickt

mit für diese Gegend fremden, lose verschleppten Gesteinsscherben von

bezeichnender Schrammung, -- also die alte Sachlage: Geschiebelehm.

Bloß aber, daß dieser Geschiebelehm diesmal nicht diluvial war, sondern

selber schon uralt. Er gehörte zu den sogenannten Gondwanaschichten

von der Grenze der Steinkohlenzeit und der nächsthöheren Permzeit,

dort als Talchirschichten bezeichnet. Als ungefähr 20 Jahre später

auch dort die gleiche Entdeckung anschloß, durch die sich Torell

in Rüdersdorf berühmt gemacht: Nachweis noch älteren geglätteten

Grundgesteins durch die Schleifarbeit des Gletschers selber, der

den Geschiebelehm gebracht, blieb kein Zweifel, daß es sich um eine

_große Oberflächenvereisung_ auch für damals handeln mußte. Und als

sich in der Folge noch zwei Tafeln solcher Eisschrift ziemlich weit

herum im Lande fanden (eine davon schon fern im Salt Range oder

Salzgebirge am oberen Indus), schien erwiesen, daß diese Vereisung zu

ihrer Zeit über ganz Vorderindien gegangen, wie die diluviale über

Norddeutschland. In besagten Salzbergen mußte sie gegen ein nördlich

hier anschließendes Meer abgebrochen sein, noch glaubte man deutlich

auf die Erlebnisse einer immer erneut gefrorenen Schlammküste zu sehen,

wo die miteingefrorenen Blöcke zu seltsamen spiegelglatten Flächen

abgeschliffen worden waren.

Eiszeit und Klimawechsel · 第 1 / 8 段