Das grosse Tschadsee-Reich Bornu dürfte eines der ältesten
innerafrikanischen Staatengebilde sein.[86] Ursprünglich waren die
westlichen und südlichen Ufer des Tschadsees von einer schwarzen
Bevölkerung bewohnt, aber schon im 9. Jahrhundert gewann hier
die zunächst in Kanem residierende arabische und damals schon
muhammedanische Dynastie der Sefua die Oberhoheit.
Gegen Ende des 14. Jahrhunderts verlegten die Sefua ihre Residenz vom
östlichen Ufer des Tschadsees nach dem Westufer und gründeten sich in
Birni Egomo eine neue Residenz.
Die Ursache für diese Übersiedelung nach dem Westen war das Drängen der
Bulala, deren Fürsten den Sefua übel mitspielten und Jahrzehnte lang
Tribut von ihnen nehmen konnten. Jedoch gewannen die Sefua wieder die
Oberhand, sie warfen die Bulala zurück, behielten aber in der Folge
ihre Residenz im Westen des Tschadsees im eigentlichen Bornu bei. Seit
der Zeit hat ihre Herrschaft bis in das 19. Jahrhundert hinein keine
Unterbrechung erlitten.
Den regierenden Herren folgten immer mehr Leute von Kanem nach dem
Westen und Südwesten des Tschadsees, und die dortigen Ureinwohner
wurden zum grossen Teile in die Berggebiete von Mandara und die
Gegenden östlich und westlich davon gedrängt, wo sie heute noch als
Heiden zum Teil in Felsenwohnungen und in Hütten leben.
Die arabischen Mitglieder der Sefua-Dynastie hatten sich im Laufe der
Jahrhunderte derartig mit den verschiedenen hamitischen Elementen von
Kanem vermischt, dass sie vollständig in ihnen aufgegangen waren. In
der Folge fand durch Frauenraub eine weitere Vermischung der aus Kanem
nach dem westlichen und südlichen Tschadseeufer gekommenen Stämme mit
den Ureinwohnern statt, so dass heute die Bornu-Bevölkerung als eine
besondere Mischrasse bezeichnet werden muss, die auch eine besondere
Sprache, das Kanuri, spricht.
Der Verfall der Macht der Sefua datiert erst seit der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts. Die Sefua liessen sich um diese Zeit in schwere
Kämpfe mit den Tuareg ein und hatten von ihnen alsbald sehr zu leiden.
Im Jahre 1808 erlagen sie dann dem Andrange der von Westen, aus Sokoto,
kommenden Fulbe. Ein gewisser Fakih Muhammed el Amin el Kanemi,
aus Fezzan gebürtig, vertrieb zwar bald darauf die Fulbe, und das
Bornu-Reich erhielt damit seine Selbständigkeit wieder. Aber seither
fristeten die letzten Könige aus der Sefua-Dynastie unter seiner
und seines Sohnes Omar Regierung nur mehr als Schattenfürsten ein
kümmerliches Dasein bis gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts.
Fakih Muhammed, der das neue Herrschergeschlecht von Bornu begründete,
legte im Jahre 1814 Kuka (Kukua) als Hauptstadt[87] an, die bald einer
der volkreichsten Orte von Central-Afrika wurde. Der prunkende Hofhalt
der Sefua wurde auch von den neuen Landesherrn übernommen.
Schon Muhammed el Kanemi hatte eingesehen, dass er mit seinen mehr und
mehr verweichlichenden Kanuri[88] das im 18. Jahrhundert zu grosser
Stärke gelangte und abtrünnig gewordene Baghirmi nicht wieder zur
Botmässigkeit zwingen könnte, und er hatte daher die im Osten im
Aufstreben begriffene Macht Wadai um Hilfe angerufen, die auch gern
gewährt wurde. In der Folge riefen die Kanemiden mehrfach fremde
Hilfe gegen ungehorsame Vasallen an. Aber zwischen den hilfsbereiten
Wadaifürsten und den Kanemiden kam es zu Misshelligkeiten und zu
Kämpfen, in denen die Sultane von Wadai siegreich blieben. Im Jahre
1846 konnte der Sultan Scherif, den dieses Mal die Sefua herbeigerufen
hatten, sogar Kuka einnehmen und plündern. Seitdem bestand wieder
Friede zwischen Bornu und Wadai. Die Folge dieser Treulosigkeit aber
war, dass der letzte Schattenfürst aus der alten Sultansfamilie der
Sefua, namens Ibrahim, hingerichtet und mit ihm die Mehrzahl seiner
Verwandten getötet wurde. Damit hatte die mehr als tausendjährige
Dynastie der Sefua ihr Ende erreicht.
Aber die Kanemiden verloren im Osten des Tschadsees ihren Einfluss
mehr und mehr an Wadai, und im Westen und Süden machten sich kleinere
Herren selbständig oder kamen in Tributverhältnis zu Sokoto. Dennoch
hatte das altehrwürdige Bornu-Reich, welches lange Zeit der grösste
und mächtigste Staat Innerafrikas gewesen war, immer noch wenigstens
dem äusseren Anscheine nach eine gewaltige Ausdehnung. Bis zum
Einbruche Rabehs grenzte Bornu im Süden und Westen an Sokoto. Im
Osten des Tschadsees gehörte Kanem, das eigentliche Stammland von
Bornu, einschliesslich Bulala, sowie Baghirmi zum Reiche. Aber
diese nominellen Grenzen entsprachen schon längst nicht mehr den
thatsächlichen Macht- und Tributverhältnissen.
Dem Fakih Muhammed el Kanemi war sein Sohn, der Schech Omar el Kanemi,
im Jahre 1835 gefolgt. Die Kanemiden haben niemals die Bezeichnung
Sultan geführt, sondern nannten sich Schech. Im Jahre 1845 konnte Omars
Bruder Abd er Rahman die Herrschaft für kurze Zeit usurpieren. Der
Schech Omar war es, welcher Barth, Rohlfs und Nachtigal eine glänzende
gastfreundschaftliche Aufnahme in Bornu bereitete. Auf ihn folgten
mit kurzen Regierungszeiten seine beiden Söhne Abu Bekr und Ibrahim
und alsdann sein dritter Sohn Haschem, welcher im Jahre 1893, ein
alter, schwacher Mann in einem morsch gewordenen Reiche, dem Ansturme
Rabehs erlag. Abu Bekr II.[89], ein Sohn des älteren Abu Bekr, also
ein Neffe Haschems, stellte sich nach des letzteren Niederlage eine
kurze Zeit Rabeh entgegen und fiel auf dem Schlachtfelde. Darauf
trat das siebenjährige Interregnum Rabehs ein. Erst der Ankunft der
französischen Expeditionen am Tschadsee hatten die Kanemiden ihre
Wiedereinsetzung auf den Thron ihrer Väter zu danken. Omar, anscheinend
der älteste Sohn Haschems, war schon von der Foureau-Lamy’schen
Expedition als König von Bornu anerkannt worden und wurde von Gentil
nach dem Tode Rabehs als Herr seines Landes im Jahre 1900 eingesetzt,
nach kurzer Zeit jedoch wieder entthront und auf französisches Gebiet
deportiert. Ihm folgte sein Bruder Djerbai. Seit der Zerstörung Kukas
durch Rabeh ist Dikoa die Hauptstadt von Bornu, und somit ist der
Schwerpunkt dieses Reiches auf deutsches Gebiet verlegt.
Neben den unter direkter Verwaltung der Bornu-Könige stehenden
Gebietsteilen, die sich im Westen und Süden des Tschadsees an dessen
Ufer anschlossen, hatten sich zur Zeit des Einbruchs Rabehs noch im
Tributverhältnis zu Haschem befunden: im Südosten des Tschadsees die
Kotoko mit dem Sultan Wagaia Ibn Ogari, die Makari mit dem Sultan Barao
Ibn Joga, das Städtegebiet von Logon, Kusseri und Gulfei, am linken
Schari-Ufer, mit dem Sultan Musa, ferner die verschiedenen arabischen
nomadisierenden Stammesteile, von denen insbesondere die Schoa unter
den Schechs Musa und Dahman Beachtung verdienten; weiter im Süden
die verschiedenen Musgu-Schechs, deren Gebiete in erster Linie als
Jagdrevier für zu erbeutende Sklaven betrachtet wurden. Im Westen
des Reiches waren als Vasallenländer von Bornu zu nennen: Beddi mit
dem Sultan Babudja ibn el Hadj, Gumel mit dem Sultan Babankoa Waled
‘Abdullahi, Zinder mit dem Sultan Matschema Ahmadu.
[86] Auch im westlichen Sudan gab es Reiche, deren Gründung vor der
Hedjra liegt, die aber schon frühzeitig, etwa im dritten
Jahrhundert der muhammedanischen Zeitrechnung den Islam
angenommen haben; es sind dies die Reiche Ghana, Melle und
Songhai.
[87] Eine zeitlang hatte er vorher in Dikoa, der von Rabeh gewählten
Hauptstadt, residiert.
[88] Den Kanuri wird von allen Reisenden, die mit ihnen
zusammengekommen sind, im Gegensatze zu den übrigen
Völkerschaften Inner-Afrikas, den arabischen und berberischen
Stämmen der Sahara, den verschiedenen Tibbu- und Wadai-Leuten,
den Fulbe und Tuareg, besondere Liebenswürdigkeit und ein hohes
Mass religiöser Duldsamkeit nachgerühmt.
[89] Haschem wurde von seinem Neffen Abu Bekr II. nach seiner
Besiegung durch Rabeh getötet. Nach dem muhammedanischen Rechte
der Vererbung des Thrones im Grundsatze des Seniorats war Abu
Bekr nach seines Vaters Tod zweimal zu Gunsten seiner beiden
Oheime Ibrahim und Haschem übergangen worden.