6. Sokoto.

In dem Gebiete, welches das heutige Sokoto-Reich umfasst, regierten bis

zum Anfange des 19. Jahrhunderts eine Anzahl grösserer und kleinerer

Fürsten, die zum überwiegenden Teile Haussa waren und über Haussa

herrschten. Das Reich von Sokoto wurde erst im Jahre 1802 geschaffen

durch einen muhammedanischen Fulbe-Schech, Osman ibn Faudani (Dan

Fodio), der unter kluger Benutzung des religiösen Moments der Begründer

der jetzt regierenden Dynastie wurde.

Die Fulbe hatten ihre ersten geschichtlich nachweisbaren Wohnsitze

im westlichen Afrika, in Senegambien, und haben von dort aus in der

Zeit unseres Mittelalters ihre Wanderung nach dem Osten nach und

nach vollzogen. Im 15. Jahrhundert finden wir sie schon in starken

Verbänden bis nach Baghirmi hin, wo sie im Osten des Schari ein kleines

Fürstentum begründen konnten. Ihre weitere Wanderung wurde von Arabern,

die von Osten her kamen, und noch kriegerischer waren als sie selbst,

aufgehalten. Sie bildeten und bilden übrigens überall in Innerafrika

nur verstreute grössere oder kleinere Gemeinden, aristokratische

Bettler, stolz auf ihre Waffentüchtigkeit, dank welcher sie ihre

vorherrschende Stellung bewahren konnten. Die Fulbe sind schon seit

einer Reihe von Jahrhunderten muhammedanisch geworden.

Osman ibn Faudani starb im Wahnsinn im Jahre 1817. Der eigentliche

Organisator von Sokoto, das vom mittleren Niger bis fast zum Tschadsee

sich erstreckte, wurde sein Sohn Muhammed Bello (1817-1837 oder 1838).

Schech Osman gilt heute noch nach seinem Tode als heilig, er wie seine

Nachkommen führen die stolze Bezeichnung Emir el Mumenin („Beherrscher

der Gläubigen“).

In dem für unsere Kamerun-Kolonie wichtigen mittleren und oberen

Benuë-Gebiet hatte sich der Fulbe-Häuptling Adama in den 20er Jahren

des 19. Jahrhunderts aus den Trümmern des alten Heidenkönigreiches

Fumbina ein muhammedanisches Reich zusammen erobert, das nach ihm den

Namen Adamaua erhielt. Er erkannte die geistige Oberhoheit des Sultans

Muhammed Bello von Sokoto als Emir el Mumenin an, und seither zahlen

die Emire von Yola Sokoto ihren Tribut.

Allerdings ist die Herrschaft der Fürsten oder Kaiser von Sokoto, wie

sie in europäischen Büchern häufig genannt werden, vor allem in den

weit ab von der Residenzstadt Sokoto gelegenen Gebieten nicht mehr eine

so strenge und straffe, wie sie unter den ersten Fürsten dieses Hauses

geübt wurde, immerhin haben die Vasallen von Sokoto im Westen von Bornu

im Kriege mit Rabeh zweifellos einer Aufforderung der Centralgewalt

folgend, sich zum Bündnis gegen den aus dem Osten kommenden Eroberer

zusammengeschlossen. Als unmittelbare Tributärstaaten von Sokoto in der

Nähe des Tschadsees, also in der Nähe der Grenzen des Sultanats Bornu,

seien die folgenden genannt: Kano mit dem Sultan Ali ibn Abdallah;[90]

Katsena (Katschina) mit dem Sultan Abu Bekr ibn Ibrahim ibn Rifa‘i;

Katsauri mit dem Sultan Dambo ibn Zakarija; Daura mit dem Sultan Danda

ibn Soliman; Chadidja mit dem Sultan Na‘am ibn Bochari; Katagum mit

dem Sultan ‘Abdo ibn Djebril; Misau mit dem Sultan Mudibo ibn Salich;

Gombe mit dem Sultan Hasan ibn Gauranga; Bautschi mit dem Sultan Omar

ibn Soliman;[91] Adamaua mit dem Sultan Zuber. Der Letztere wurde von

den Engländern im Jahre 1901 aus Yola vertrieben und durch seinen

Bruder Achmed ersetzt. Ein Teil der genannten Staaten steht nicht nur

im Tributverhältnis zu Sokoto, sondern gleichzeitig auch zu dem Sultan

von Kano, der selbst wieder einer der Vasallen der Kaiser von Sokoto

ist. Ebenso wie der Sultan von Kano ist der Schech von Gando Vasall des

Kaisers von Sokoto und gleichzeitig wiederum der Tribut empfangende

Oberherr einer Reihe anderer kleiner Fürsten. Sein Gebiet liegt im

Südwesten von Sokoto, und seine selbständigere Stellung datiert schon

seit dem Tode des Osman Ibn Faudani, dessen Bruder der erste Herr von

Gando wurde.

Nachstehend sei die Genealogie des Fürstenhauses von Sokoto

wiedergegeben, soweit sie für diese Darstellung in Betracht kommt. Die

regierenden Fürsten von Sokoto sind in der Reihenfolge, in welcher sie

auf den Thron gelangten, numeriert.

1. Osman Ibn Faudani.

|

+-----------------------------------+------------------+

| |

2. Bello.* 3. Atiko (Abu Bekr.)

| |

+-----------------------------------------+ +----------+

| | | |

4. Aliu. 6. Ali es 8. Abu Bekr. 9. Ma‘azo 5. Achmed. 7. Abdo.

| Sarir. | Sa‘id.

10. Omar. 11. Abdo |

(jetzt Haiatu

regierend). |

Mundjeli

* Bello und Atiko hatten noch fünf andere Brüder, von welchen

Nachkommenschaft heute vorhanden sein soll. -- Eine merkwürdige

Weissagung in Afrika erzählt, dass die Familie der regierenden

Dynastie von Sokoto mit dem dreizehnten Fürsten erlöschen werde.

[90] Ali ist ein Neffe des vor wenigen Jahren verstorbenen Kanosultan

Muhammed Bello.

[91] Die Hauptstadt dieses Staates, Yakuba, führt ihren Namen nach

einem früheren Herrn, der sich Yakub nannte.

Anhang.

Karawanenstrassen im Tschadseegebiet und im Sudan.

Das Bild der im letzten Jahrhundert am meisten begangenen

Karawanenstrassen zwischen dem Mittelmeere und den Saharaländern stellt

sich wie folgt dar:

Im fernen Westen eine Strasse, die aus Marokko nach Timbuktu und weiter

führt.

Dann von Tripolis fächerartig ausgehend eine Reihe von Strassen,

nämlich:

1. von Tripolis nach Ghadames und südwestwärts nach den Oasen im Süden

von Algerien und nach Timbuktu;

2. von Tripolis über Ghadames und Ghat nach Zinder und von hier aus

südwestwärts nach Sokoto, südwärts nach Kano und südostwärts nach Bornu;

3. von Tripolis direkt südwärts über Murzuk nach dem Tschadsee und

Bornu;

4. von Tripolis südostwärts über Tibesti und Borku nach Wadai und

Darfur;

5. von Tripolis bezw. Benghazi nach der im Süden von Benghazi gelegenen

Oase von Djalo und alsdann direkt südwärts durch die Libysche Wüste

über Kufra nach Wadai u. s. w.

Endlich weit im Osten der Darb el Arbain, die „Strasse der 40“

(Tagesmärsche)[92], die bei Siut[93] den Nil verliess, um über die

Oase Chargeh südwärts eine dem Nil parallel laufende Oasenkette, deren

südlichstes Glied die Oase Selime südwestlich von Wadi Halfa ist,

zu passieren und dann in südsüdwestlicher Richtung quer durch den

östlichen Teil der Libyschen Wüste nach Kobeh in Darfur und nach Wadai

zu führen. Diese des Wassermangels wegen stellenweise sehr gefährliche

Strasse ist seit dem Ausbruch der mahdistischen Unruhen vollständig

ausser Verkehr gekommen. Ihre Erbschaft werden jetzt ohne Frage der

Nil selbst mit seinen Dampfern und die an seinen Ufern laufenden

Eisenbahnen übernehmen.

Im Folgenden seien die Itinerare der aus den Tschadseeländern nach

dem Meere führenden Karawanenstrassen, welche in jüngster Zeit am

häufigsten begangen wurden, wiedergegeben; nämlich:

I. nach Mitteilungen eines Fulbe-Mannes: die Route von Sokoto nach

Kano und sodann über Zinder nach Agades, Ghat, Ghadames und Tripolis;

II. nach Mitteilungen eines Pilgers aus Mandara, der seine Mekkafahrt

zur Zeit, als die Derwische noch im egyptischen Sudan herrschten,

angetreten hat, die Route von Mandara im Süden des Tschadsees über

Wadai und Darfur nach Omdurman, Berber, Suakin und Djedda;

III. nach Mitteilungen eines Mudjberi aus Djalo, dessen Vater sich im

Lager Rabehs in Dikoa befand: die Route von Benghazi und Djalo über

Goru durch Kanem nach dem Süden des Tschadsees;

IV. nach Mitteilungen eines Mannes aus Wadai: Die Route von Benghazi

nach Abeschr, der Hauptstadt von Wadai.

V. nach Mitteilungen eines Mannes aus Darfur: die Verbindungslinie von

der Hauptstadt von Wadai nach Kuka, der alten Hauptstadt von Bornu.

[92] 40 ist eine der Ziffern, mit welcher die Araber eine grosse Zahl

ausdrücken wollen, ohne diese genauer anzugeben.

[93] Zahlreiche Ruinen des muhammedanischen Mittelalters sprechen

für die Bedeutung von Siut als Handelsstapelplatz in früheren

Jahrhunderten.

Rabeh und das Tschadseegebiet · 第 33 / 42 题