4. Baghirmi.

Das Sultanat Baghirmi, dessen geographischer Bereich in früherer Zeit

in zahlreiche kleinere Fürstentümer zerfiel, gehorcht erst seit dem

Anfange des 16. Jahrhunderts einem einzigen Oberherrn; die damals zur

Herrschaft gelangte Dynastie ist -- abgesehen von der Rabeh’schen

Episode -- bis heute ununterbrochen an der Regierung geblieben. Schon

zu jener Zeit wurde die Hauptstadt Massenja gegründet. Die Einwohner

von Baghirmi lieben es, wie so viele andere innerafrikanische

Völkerschaften, ihr Königshaus auf ein arabisches, aus Yemen stammendes

Geschlecht zurückzuführen, es dürfte jedoch in Kenga oder Hirla, einige

Tagereisen östlich des Schari, seinen Ursprung haben. In der Gegend von

Massenja hatten sich früher eingewanderte Fulbe die Herrschaft über

die dunkelfarbigen Ureinwohner anmassen können, waren aber dem östlich

gelegenen Sultanate Bulala tributpflichtig gewesen.

Die neuen Einwanderer unter dem Sultan Birmi Bessi räumten mit der

Herrschaft der Fulbe gründlich auf und behaupteten sich im Kampfe gegen

die Bulala, die später ihrerseits den neuen Herren tributpflichtig

wurden, in jüngster Zeit jedoch Vasallen von Wadai geworden sind. In

Typus und Sprache gingen die Sieger in der Urbevölkerung auf. Schon

frühzeitig, im 17. Jahrhundert, scheinen die Fürsten von Baghirmi

Vasallen der Herren von Bornu geworden zu sein.

Das Reich Baghirmi hat seine Grenzen vielfach geändert, je nachdem die

Könige von einer grösseren oder geringeren Anzahl kleiner Duodezfürsten

mit Erfolg Tribut erheischen und ungestraft ihre Sklavenjagden in deren

Gebieten ausüben konnten. Im Westen war die Grenze der Schari, im

Norden der Tschadsee und das Ländergebiet von Kanem, im Süden war der

am weitesten vorgeschobene Tributärstaat das grosse Völkergebiet der

heidnischen Sarra oder Sarua, mit deren Fürsten die Könige von Baghirmi

vielfach verwandtschaftliche Beziehungen anknüpften, wiewohl sie gerade

hier hauptsächlich ihre Sklavenjagden ausübten.

Die grösste Macht besass Baghirmi in der zweiten Hälfte des 18.

Jahrhunderts unter dem Sultan el Hadj Muhammed el Amin. Sein Sohn

Gauranga I. (1785 bis 1806) war ein tüchtiger, kriegerischer, aber

selbst für afrikanische Verhältnisse rücksichtsloser und grausamer

Mann. Er heiratete seine eigene Schwester. Um diesen gotteslästerlichen

Frevel zu strafen, überzog der Sultan von Wadai, Abd el Kerim Sabun,

Gauranga mit Krieg. Es war dieser der erste jener Kriege, welche die

beiden Mächte miteinander führten und welche regelmässig zu Ungunsten

von Baghirmi ausfielen, so dass Wadai sich nach und nach die sämtlichen

Tributärfürsten seines Nachbarn zu eigenen Vasallen machte. Es scheint,

dass gleichzeitig der Sultan von Wadai von dem damaligen Machthaber

in Bornu, dem Fakih Muhammed el Kanemi, zum Kampfe gegen Baghirmi

angerufen worden war, da Gauranga Bornu den Tribut verweigerte und dem

nominell noch im Vasallenverhältnis und wenigstens in guten Beziehungen

zu Bornu stehenden Bulala-Fürsten übel mitgespielt hatte. Gauranga

I. fiel in Massenja, das von Abd el Kerim eingenommen und zerstört

wurde. Der von Sabun als König von Baghirmi eingesetzte Sohn Gaurangas,

namens Ngarba Bire, war nur kurzlebig, er wurde von seinem Bruder Osman

Burkomanda verdrängt und getötet. Burkomanda regierte bis in die 40er

Jahre des 19. Jahrhunderts.

Gegen ihn reizte Bornu im Jahre 1818 den Pascha Jussuf von Tripolis zum

Kampfe. Dieser entsandte bereitwilligst den Schech Mustafa von Fezzan,

der mit den Waled Soliman-Arabern den Nordosten Baghirmis verwüstete.

Das Land hatte später noch viel unter den Beutezügen der Waled Soliman

zu leiden. Als Burkomanda im Lande selbst Schwierigkeiten erwuchsen und

er sich seiner eigenen aufrührerischen Leute nicht erwehren konnte,

rief er seinen Oberherrn, den Sultan von Bornu, um Hilfe an. Die von

diesem entsandten Truppen waren jedoch ungenügend, und der Sultan

von Bornu besass nicht mehr die Energie, selbständig die Ordnung in

Baghirmi wieder herzustellen. Deshalb wandte sich Burkomanda an den

König von Wadai, wiewohl er gegen denselben mehrfach bereits Kämpfe zu

bestehen gehabt hatte. Gegen das Versprechen, von jetzt an Tribut an

Wadai zu zahlen, verhalf ihm dieser dann auch wieder zur Regierung.

Der an Wadai zu entrichtende Tribut besteht seither aus einer alle

drei Jahre wiederkehrenden Zahlung einer grossen Anzahl von Sklaven,

gewebten Stoffen und anderen Naturalien, besonders Elfenbein. Später

geriet Burkomanda in Krieg mit Bornu und mit Wadai; der Schech von

Bornu zog diesmal selbst zu Felde und drang bis Massenja vor; auch

von Wadai-Truppen wurde Burkomanda in wiederholten Kämpfen gründlich

geschlagen.

Sein Nachfolger wurde sein Sohn Abd el Kader. In den Beginn seiner

Regierung fiel der kühne Kriegszug, den der Sultan Muhammed Scherit von

Wadai gegen Bornu unternahm. Die Wadaileute drangen bis nach Kuka vor,

das zerstört wurde.

In den 50er Jahren zog ein Fulbe, ein heiliger Mann aus Sokoto, mit

einer zahlreichen Begleitung nach dem Osten, um die Pilgerfahrt nach

Mekka zu unternehmen. Sein Name war Fakih Muhammed Scherif ed Din

mit dem Beinamen Abu Scha‘ir, er wurde auch der Mahdi, d. h. „der

Rechtgeleitete“, genannt. Dieser Heilige wusste die Muhammedaner in

Bornu derartig zu begeistern, dass seine Karawane sich immer mehr

vergrösserte und sein Zug sich geradezu zu einer Völkerwanderung

gestaltete.[85] Der schwache König Omar von Bornu hatte ihn gewähren

lassen; Abd el Kader schickte ihm jedoch Boten an den Schari entgegen,

um ihn zu veranlassen, diesen Fluss aufwärts zu marschieren und sein

Reich zu umgehen. Aber der Fulbe-Heilige liess sich nicht abhalten,

worauf Abd el Kader ihm mit Heeresmacht entgegen trat. Der Geruch

seiner Heiligkeit wirkte indess derartig lähmend auf die Truppen von

Baghirmi, dass sie auf das Haupt geschlagen wurden und der König von

Baghirmi selbst während der Schlacht das Leben verlor. Nach dem Siege

zog der Heilige auf dem östlichen Ufer des Schari stromaufwärts; hier

erwies sich die Verpflegung seiner zahlreichen Heerscharen als so

schwierig, dass diese unter sich in Streitigkeiten gerieten, und als

es zudem mit den heidnischen Völkerschaften der Bua oberhalb Niellim

zum Kampfe kam, fiel der Fakih Muhammed. Damit fand die Bewegung ihr

Ende. Ein Teil seiner Begleiter blieb dort, wo der Führer starb und

vermischte sich mit den Bewohnern des Landes. Die Mehrzahl der Fulbe

und nomadisierenden Araber von Bornu und dem nördlichen Baghirmi,

die sich dem Fakih angeschlossen hatten, suchten nach ihrer Heimat

zurückzukehren, ein kleiner Teil nur setzte die Pilgerfahrt über Wadai

fort.

Der Nachfolger Abd el Kaders, Sultan Muhammed, zeichnete sich durch

besondere Grausamkeit aus, und verdankte dieser Eigenschaft und einer

im Anfange seiner Regierung begangenen Treulosigkeit seinen Beinamen

Abu Sekkin („Vater des Messers“). Erfolgreich im Kampfe gegen den

Sultan von Logon, hatte er desto weniger Erfolg gegen Wadai, dem er

den Tribut aufsagen zu können glaubte. Der energische Sultan Ali von

Wadai entsandte im Jahre 1870 zunächst seinen Djerma Abu Djebrin nach

Baghirmi und zog dann selbst dorthin, um Massenja zu belagern. Die

Stadt wurde genommen, und die in ihr aufgehäuften Reichtümer fielen dem

Sieger in die Hände. Abu Sekkin konnte nach dem Süden entfliehen. Der

Wadai-König zog sich nach einer vergeblichen Verfolgung nach Abeschr

zurück, nicht ohne vorher das Land gründlich ausgeraubt zu haben.

Als Herrn des Landes liess er einen anderen Baghirmi-Prinzen, Abd er

Rahman, zurück, der sich jedoch nicht halten konnte; deshalb nahm Ali

später die Unterwerfung Abu Sekkins an. Diesem folgte sein Sohn, der

jetzt noch regierende Gauranga II., ein weichlicher, feiger Mann.

Seit der letzten Einnahme Massenjas durch den Sultan Ali ist die

Macht Baghirmis vollständig gebrochen, und der dreijährige Tribut

ist seit der Zeit regelmässig ohne Unterbrechung an Wadai gezahlt

worden, selbst in der jüngsten Zeit, als Rabeh im Jahre 1893 der

Herr des Landes wurde, und später, als die Franzosen Ende 1897 den

Sultan in ihren Schutz nahmen. Der Sultan Jussuf von Wadai hat diesem

Tributverhältnis entsprechend dem Sultan Gauranga ein starkes Heer

gegen den anstürmenden Rabeh zur Hilfe gesandt. Schon vor dem Einfalle

Rabehs war das Land stark zusammengeschmolzen, Logon und die Bulala

hatten sich von Baghirmi emancipiert.

Im Norden leben neben den eigentlichen Baghirmileuten hauptsächlich

Fulbe- und Araber-Horden, im Süden verschiedene noch heidnische

Völkerschaften, unter ihnen in erster Linie die Niellim, Bua und

Sarra. Die Dynastie von Baghirmi ist bereits im 11. Jahrhundert n. Chr.

muhammedanisch geworden, und die Bewohner des nördlichen Baghirmi

bekennen sich heute wohl alle zum Islam. Die Könige von Baghirmi haben

-- wie übrigens die Herren aller grösseren innerafrikanischen Staaten

-- ein reich entwickeltes Hof-Beamtentum. Gewisse Mitglieder der

Königsfamilie sind besondere Würdenträger, während die übrigen Beamten

zum grossen Teile aus Sklaven, in jüngster Zeit auch aus Eunuchen

bestehen. Die höchsten Würdenträger sind: die Königin Mutter (Magire),

die oberste der Frauen (Gumso), der Kronprinz (Tschiroma), der oberste

Heerführer (Fatscha), ein anderer Heerführer (Mbarma). Der König selbst

nennt sich Mbang, ein Teil der Namen ist augenscheinlich von alten

heidnischen Traditionen übernommen.

[85] Vergl. Nachtigal a. a. O. Bd. II, S. 720 ff. -- Unwillkürlich

erinnert dieser Zug an die Wanderungen des Sokotoprinzen Hajatu.

Rabeh und das Tschadseegebiet · 第 31 / 42 题