Das Sultanat Baghirmi, dessen geographischer Bereich in früherer Zeit
in zahlreiche kleinere Fürstentümer zerfiel, gehorcht erst seit dem
Anfange des 16. Jahrhunderts einem einzigen Oberherrn; die damals zur
Herrschaft gelangte Dynastie ist -- abgesehen von der Rabeh’schen
Episode -- bis heute ununterbrochen an der Regierung geblieben. Schon
zu jener Zeit wurde die Hauptstadt Massenja gegründet. Die Einwohner
von Baghirmi lieben es, wie so viele andere innerafrikanische
Völkerschaften, ihr Königshaus auf ein arabisches, aus Yemen stammendes
Geschlecht zurückzuführen, es dürfte jedoch in Kenga oder Hirla, einige
Tagereisen östlich des Schari, seinen Ursprung haben. In der Gegend von
Massenja hatten sich früher eingewanderte Fulbe die Herrschaft über
die dunkelfarbigen Ureinwohner anmassen können, waren aber dem östlich
gelegenen Sultanate Bulala tributpflichtig gewesen.
Die neuen Einwanderer unter dem Sultan Birmi Bessi räumten mit der
Herrschaft der Fulbe gründlich auf und behaupteten sich im Kampfe gegen
die Bulala, die später ihrerseits den neuen Herren tributpflichtig
wurden, in jüngster Zeit jedoch Vasallen von Wadai geworden sind. In
Typus und Sprache gingen die Sieger in der Urbevölkerung auf. Schon
frühzeitig, im 17. Jahrhundert, scheinen die Fürsten von Baghirmi
Vasallen der Herren von Bornu geworden zu sein.
Das Reich Baghirmi hat seine Grenzen vielfach geändert, je nachdem die
Könige von einer grösseren oder geringeren Anzahl kleiner Duodezfürsten
mit Erfolg Tribut erheischen und ungestraft ihre Sklavenjagden in deren
Gebieten ausüben konnten. Im Westen war die Grenze der Schari, im
Norden der Tschadsee und das Ländergebiet von Kanem, im Süden war der
am weitesten vorgeschobene Tributärstaat das grosse Völkergebiet der
heidnischen Sarra oder Sarua, mit deren Fürsten die Könige von Baghirmi
vielfach verwandtschaftliche Beziehungen anknüpften, wiewohl sie gerade
hier hauptsächlich ihre Sklavenjagden ausübten.
Die grösste Macht besass Baghirmi in der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts unter dem Sultan el Hadj Muhammed el Amin. Sein Sohn
Gauranga I. (1785 bis 1806) war ein tüchtiger, kriegerischer, aber
selbst für afrikanische Verhältnisse rücksichtsloser und grausamer
Mann. Er heiratete seine eigene Schwester. Um diesen gotteslästerlichen
Frevel zu strafen, überzog der Sultan von Wadai, Abd el Kerim Sabun,
Gauranga mit Krieg. Es war dieser der erste jener Kriege, welche die
beiden Mächte miteinander führten und welche regelmässig zu Ungunsten
von Baghirmi ausfielen, so dass Wadai sich nach und nach die sämtlichen
Tributärfürsten seines Nachbarn zu eigenen Vasallen machte. Es scheint,
dass gleichzeitig der Sultan von Wadai von dem damaligen Machthaber
in Bornu, dem Fakih Muhammed el Kanemi, zum Kampfe gegen Baghirmi
angerufen worden war, da Gauranga Bornu den Tribut verweigerte und dem
nominell noch im Vasallenverhältnis und wenigstens in guten Beziehungen
zu Bornu stehenden Bulala-Fürsten übel mitgespielt hatte. Gauranga
I. fiel in Massenja, das von Abd el Kerim eingenommen und zerstört
wurde. Der von Sabun als König von Baghirmi eingesetzte Sohn Gaurangas,
namens Ngarba Bire, war nur kurzlebig, er wurde von seinem Bruder Osman
Burkomanda verdrängt und getötet. Burkomanda regierte bis in die 40er
Jahre des 19. Jahrhunderts.
Gegen ihn reizte Bornu im Jahre 1818 den Pascha Jussuf von Tripolis zum
Kampfe. Dieser entsandte bereitwilligst den Schech Mustafa von Fezzan,
der mit den Waled Soliman-Arabern den Nordosten Baghirmis verwüstete.
Das Land hatte später noch viel unter den Beutezügen der Waled Soliman
zu leiden. Als Burkomanda im Lande selbst Schwierigkeiten erwuchsen und
er sich seiner eigenen aufrührerischen Leute nicht erwehren konnte,
rief er seinen Oberherrn, den Sultan von Bornu, um Hilfe an. Die von
diesem entsandten Truppen waren jedoch ungenügend, und der Sultan
von Bornu besass nicht mehr die Energie, selbständig die Ordnung in
Baghirmi wieder herzustellen. Deshalb wandte sich Burkomanda an den
König von Wadai, wiewohl er gegen denselben mehrfach bereits Kämpfe zu
bestehen gehabt hatte. Gegen das Versprechen, von jetzt an Tribut an
Wadai zu zahlen, verhalf ihm dieser dann auch wieder zur Regierung.
Der an Wadai zu entrichtende Tribut besteht seither aus einer alle
drei Jahre wiederkehrenden Zahlung einer grossen Anzahl von Sklaven,
gewebten Stoffen und anderen Naturalien, besonders Elfenbein. Später
geriet Burkomanda in Krieg mit Bornu und mit Wadai; der Schech von
Bornu zog diesmal selbst zu Felde und drang bis Massenja vor; auch
von Wadai-Truppen wurde Burkomanda in wiederholten Kämpfen gründlich
geschlagen.
Sein Nachfolger wurde sein Sohn Abd el Kader. In den Beginn seiner
Regierung fiel der kühne Kriegszug, den der Sultan Muhammed Scherit von
Wadai gegen Bornu unternahm. Die Wadaileute drangen bis nach Kuka vor,
das zerstört wurde.
In den 50er Jahren zog ein Fulbe, ein heiliger Mann aus Sokoto, mit
einer zahlreichen Begleitung nach dem Osten, um die Pilgerfahrt nach
Mekka zu unternehmen. Sein Name war Fakih Muhammed Scherif ed Din
mit dem Beinamen Abu Scha‘ir, er wurde auch der Mahdi, d. h. „der
Rechtgeleitete“, genannt. Dieser Heilige wusste die Muhammedaner in
Bornu derartig zu begeistern, dass seine Karawane sich immer mehr
vergrösserte und sein Zug sich geradezu zu einer Völkerwanderung
gestaltete.[85] Der schwache König Omar von Bornu hatte ihn gewähren
lassen; Abd el Kader schickte ihm jedoch Boten an den Schari entgegen,
um ihn zu veranlassen, diesen Fluss aufwärts zu marschieren und sein
Reich zu umgehen. Aber der Fulbe-Heilige liess sich nicht abhalten,
worauf Abd el Kader ihm mit Heeresmacht entgegen trat. Der Geruch
seiner Heiligkeit wirkte indess derartig lähmend auf die Truppen von
Baghirmi, dass sie auf das Haupt geschlagen wurden und der König von
Baghirmi selbst während der Schlacht das Leben verlor. Nach dem Siege
zog der Heilige auf dem östlichen Ufer des Schari stromaufwärts; hier
erwies sich die Verpflegung seiner zahlreichen Heerscharen als so
schwierig, dass diese unter sich in Streitigkeiten gerieten, und als
es zudem mit den heidnischen Völkerschaften der Bua oberhalb Niellim
zum Kampfe kam, fiel der Fakih Muhammed. Damit fand die Bewegung ihr
Ende. Ein Teil seiner Begleiter blieb dort, wo der Führer starb und
vermischte sich mit den Bewohnern des Landes. Die Mehrzahl der Fulbe
und nomadisierenden Araber von Bornu und dem nördlichen Baghirmi,
die sich dem Fakih angeschlossen hatten, suchten nach ihrer Heimat
zurückzukehren, ein kleiner Teil nur setzte die Pilgerfahrt über Wadai
fort.
Der Nachfolger Abd el Kaders, Sultan Muhammed, zeichnete sich durch
besondere Grausamkeit aus, und verdankte dieser Eigenschaft und einer
im Anfange seiner Regierung begangenen Treulosigkeit seinen Beinamen
Abu Sekkin („Vater des Messers“). Erfolgreich im Kampfe gegen den
Sultan von Logon, hatte er desto weniger Erfolg gegen Wadai, dem er
den Tribut aufsagen zu können glaubte. Der energische Sultan Ali von
Wadai entsandte im Jahre 1870 zunächst seinen Djerma Abu Djebrin nach
Baghirmi und zog dann selbst dorthin, um Massenja zu belagern. Die
Stadt wurde genommen, und die in ihr aufgehäuften Reichtümer fielen dem
Sieger in die Hände. Abu Sekkin konnte nach dem Süden entfliehen. Der
Wadai-König zog sich nach einer vergeblichen Verfolgung nach Abeschr
zurück, nicht ohne vorher das Land gründlich ausgeraubt zu haben.
Als Herrn des Landes liess er einen anderen Baghirmi-Prinzen, Abd er
Rahman, zurück, der sich jedoch nicht halten konnte; deshalb nahm Ali
später die Unterwerfung Abu Sekkins an. Diesem folgte sein Sohn, der
jetzt noch regierende Gauranga II., ein weichlicher, feiger Mann.
Seit der letzten Einnahme Massenjas durch den Sultan Ali ist die
Macht Baghirmis vollständig gebrochen, und der dreijährige Tribut
ist seit der Zeit regelmässig ohne Unterbrechung an Wadai gezahlt
worden, selbst in der jüngsten Zeit, als Rabeh im Jahre 1893 der
Herr des Landes wurde, und später, als die Franzosen Ende 1897 den
Sultan in ihren Schutz nahmen. Der Sultan Jussuf von Wadai hat diesem
Tributverhältnis entsprechend dem Sultan Gauranga ein starkes Heer
gegen den anstürmenden Rabeh zur Hilfe gesandt. Schon vor dem Einfalle
Rabehs war das Land stark zusammengeschmolzen, Logon und die Bulala
hatten sich von Baghirmi emancipiert.
Im Norden leben neben den eigentlichen Baghirmileuten hauptsächlich
Fulbe- und Araber-Horden, im Süden verschiedene noch heidnische
Völkerschaften, unter ihnen in erster Linie die Niellim, Bua und
Sarra. Die Dynastie von Baghirmi ist bereits im 11. Jahrhundert n. Chr.
muhammedanisch geworden, und die Bewohner des nördlichen Baghirmi
bekennen sich heute wohl alle zum Islam. Die Könige von Baghirmi haben
-- wie übrigens die Herren aller grösseren innerafrikanischen Staaten
-- ein reich entwickeltes Hof-Beamtentum. Gewisse Mitglieder der
Königsfamilie sind besondere Würdenträger, während die übrigen Beamten
zum grossen Teile aus Sklaven, in jüngster Zeit auch aus Eunuchen
bestehen. Die höchsten Würdenträger sind: die Königin Mutter (Magire),
die oberste der Frauen (Gumso), der Kronprinz (Tschiroma), der oberste
Heerführer (Fatscha), ein anderer Heerführer (Mbarma). Der König selbst
nennt sich Mbang, ein Teil der Namen ist augenscheinlich von alten
heidnischen Traditionen übernommen.
[85] Vergl. Nachtigal a. a. O. Bd. II, S. 720 ff. -- Unwillkürlich
erinnert dieser Zug an die Wanderungen des Sokotoprinzen Hajatu.