3. Kanem.

Das Ländergebiet von Kanem besteht aus der weiten Ebene zwischen der

Sahara und den Bergen von Tibesti im Norden, Wadai im Osten, dem

Tschadsee im Südwesten und Baghirmi im Süden. Zum grossen Teil ist

es Steppenland, zur Viehzucht geeignet, mit einzelnen verstreuten

Oasen. Hier war die Heimat hamitisch angehauchter Völkerstämme, der

eigentlichen Kanembo, der Teda, Daza und Gora‘an, die mit den Tibbu

stammverwandt sind. Ausserdem kamen schon vor mehr als tausend Jahren

arabische Einwanderer in das Land. Alle diese Stammesteile lebten zum

Teil sesshaft, zum Teil nomadisierend.

Vom 7. bis zum 14. Jahrhundert nach Christus hatte hier die Dynastie

der Sefua die Oberherrschaft. Die Sefua leiten ihren Ursprung von Sef

ab, welcher angeblich aus Yemen oder dem Hedjaz stammen soll, von wo

aus das Geschlecht bereits im 7. Jahrhundert n. Chr. nach Kanem gelangt

wäre. Ihre Hauptstadt wurde hier Ndjimi. Die Sefua nahmen sehr früh,

vielleicht im 9. oder 10. Jahrhundert, den Islam an. Im 14. Jahrhundert

erfolgte dann von Südosten her eine Einwanderung der Bulala, eines

tapferen Völkchens am Fitri-See, welche in Kanem eine zeitlang die

Oberherrschaft gewannen, während die Sefua ihren Sitz nach dem Westen

des Tschadsees verlegten, wo nunmehr der Mittelpunkt des von ihnen

regierten Bornu-Reiches geschaffen wurde.

Die letzte Umwälzung im Osten und Nordosten des Tschadsees hat sich

erst im 19. Jahrhundert vollzogen als Folge der Einwanderung eines

arabischen Stammes, der Waled Soliman. Dieser hatte früher seine

Weidegründe im Gebiete von Fezzan und in der Syrte am Mittelländischen

Meere. Er scheint niemals besonders volkreich gewesen zu sein, soll

sich aber durch rücksichtslose Tapferkeit ausgezeichnet haben. Die

Lebensgewohnheiten der Waled Soliman, wie überhaupt der zahlreichen

versprengten arabischen Stammesteile, die wir in Centralafrika finden,

dürften von denen der Beduinen der arabischen Steppen wenig abweichen.

Die Waled Soliman suchten vor allem ihre Kamelherden auf Kosten

Anderer möglichst zu vergrössern, nur hin und wieder ernteten sie die

Datteln, welche sie von Anderen bestellen liessen. Von den festen

Ortschaften erhoben sie einen Tribut, meist in Waffen, Vieh, Getreide,

Kleidungsstücken u. s. w. bestehend, als Gegenleistung für den Schutz,

den sie den Einwohnern gegen anderweitige Feinde angedeihen liessen.

Den Überfluss ihrer Kamele, Wolle u. s. w. brachten sie in den grossen

Ortschaften der Umgegend auf den Markt.

Während der Regierung des kräftigen Jussuf Pascha von Tripolis, eines

Zeitgenossen Muhammed Alis von Egypten, gerieten sie in Streit mit der

Amtsgewalt. Die Folge war, dass der Stamm decimiert wurde und fast

eine ganze Generation macht- und führerlos blieb. Nachdem die Waled

Soliman, ebenso wie andere arabische Stämme in Tripolitanien gänzlich

niedergeworfen waren, und die türkische Regierung in Fezzan sich

stärker geltend machte, wurden mit den nunmehr unterworfenen Arabern

türkischerseits mehrere grosse Züge nach dem Süden unternommen, die

sich hauptsächlich nach dem zwischen dem Tschadsee und Wadai gelegenen

Lande richteten, aber sich bis nach Baghirmi hin erstreckten. An

mehreren dieser Züge nahm der Spross eines führenden Geschlechts,

Abd el Djelil, teil, der schon als Knabe in die Hände Jussuf Paschas

gefallen war und von ihm als Geisel erzogen wurde.

Inzwischen war eine neue Generation der Waled Soliman emporgekommen,

und bald darauf entstanden wieder blutige Kämpfe mit der Regierung,

bei welchen Abd el Djelil, der die Führung seines Stammes übernommen

hatte, seinen Tod fand. Jetzt beschlossen die Waled Soliman, ihre

frühere Heimat endgültig zu verlassen und nach jenen Gegenden in der

Nachbarschaft des Tschadsees zu ziehen, welche sie auf ihren Kriegs-

und Raubzügen kennen gelernt hatten. Hier befanden sich vortreffliche

Kamelweiden, und die Palmenhaine Kanems boten genügend Datteln. In

den 40er Jahren folgte ein Teilstamm der Waled Soliman dem anderen in

dieses Gebiet. Sie nahmen den dortigen Bewohnern ihre Kamele ab und

verdrängten sie nach Westen und Osten. Bald waren sie stark genug,

in das Gebiet der Tuareg im Nordwesten des Tschadsees Einfälle zu

machen und diesen zahlreiche Kamele zu entwenden. Die kriegerischen

Tuareg sammelten sich jedoch zu einem gemeinsamen Zuge gegen die Waled

Soliman, und überraschten sie im Jahre 1850. Wiederum wurde ein grosser

Teil der waffenfähigen Männer getötet.

Aber die Zähigkeit, welche die Araber überall gezeigt haben, bewahrte

sich auch hier. Der Sultan Omar von Bornu, dessen Oberhoheit sie

nunmehr anerkannten, stattete sie mit neuen Waffen und Tieren aus, und

trotz der Anfeindungen der umliegenden Stämme und insbesondere der

Völkerschaften des westlichen Wadai erholten sie sich bald wieder.

Während Barth in den 50er Jahren die Überzeugung aussprach, dass die

Waled Soliman dem Untergange geweiht seien, fand Nachtigal sie in

den 70er Jahren wieder als die unumschränkten Herren in Kanem und in

Borku und im Gebiete zwischen dem Tschadsee und Wadai. Inzwischen

haben sie von ihrer herrschenden Stellung doch manches eingebüsst.

Andere arabische Stämme, darunter die Mahamid haben sich neben ihnen

in dem allerdings genügend grossen Weidegebiete Raum schaffen können,

und während sie in früherer Zeit in einer Art von Abhängigkeit Bornu

gegenüber standen, hat ein ähnliches Verhältnis dem mehr und mehr

erstarkenden Sultanate Wadai gegenüber Platz gegriffen.

Rabeh und das Tschadseegebiet · 第 30 / 42 题