Das Ländergebiet von Kanem besteht aus der weiten Ebene zwischen der
Sahara und den Bergen von Tibesti im Norden, Wadai im Osten, dem
Tschadsee im Südwesten und Baghirmi im Süden. Zum grossen Teil ist
es Steppenland, zur Viehzucht geeignet, mit einzelnen verstreuten
Oasen. Hier war die Heimat hamitisch angehauchter Völkerstämme, der
eigentlichen Kanembo, der Teda, Daza und Gora‘an, die mit den Tibbu
stammverwandt sind. Ausserdem kamen schon vor mehr als tausend Jahren
arabische Einwanderer in das Land. Alle diese Stammesteile lebten zum
Teil sesshaft, zum Teil nomadisierend.
Vom 7. bis zum 14. Jahrhundert nach Christus hatte hier die Dynastie
der Sefua die Oberherrschaft. Die Sefua leiten ihren Ursprung von Sef
ab, welcher angeblich aus Yemen oder dem Hedjaz stammen soll, von wo
aus das Geschlecht bereits im 7. Jahrhundert n. Chr. nach Kanem gelangt
wäre. Ihre Hauptstadt wurde hier Ndjimi. Die Sefua nahmen sehr früh,
vielleicht im 9. oder 10. Jahrhundert, den Islam an. Im 14. Jahrhundert
erfolgte dann von Südosten her eine Einwanderung der Bulala, eines
tapferen Völkchens am Fitri-See, welche in Kanem eine zeitlang die
Oberherrschaft gewannen, während die Sefua ihren Sitz nach dem Westen
des Tschadsees verlegten, wo nunmehr der Mittelpunkt des von ihnen
regierten Bornu-Reiches geschaffen wurde.
Die letzte Umwälzung im Osten und Nordosten des Tschadsees hat sich
erst im 19. Jahrhundert vollzogen als Folge der Einwanderung eines
arabischen Stammes, der Waled Soliman. Dieser hatte früher seine
Weidegründe im Gebiete von Fezzan und in der Syrte am Mittelländischen
Meere. Er scheint niemals besonders volkreich gewesen zu sein, soll
sich aber durch rücksichtslose Tapferkeit ausgezeichnet haben. Die
Lebensgewohnheiten der Waled Soliman, wie überhaupt der zahlreichen
versprengten arabischen Stammesteile, die wir in Centralafrika finden,
dürften von denen der Beduinen der arabischen Steppen wenig abweichen.
Die Waled Soliman suchten vor allem ihre Kamelherden auf Kosten
Anderer möglichst zu vergrössern, nur hin und wieder ernteten sie die
Datteln, welche sie von Anderen bestellen liessen. Von den festen
Ortschaften erhoben sie einen Tribut, meist in Waffen, Vieh, Getreide,
Kleidungsstücken u. s. w. bestehend, als Gegenleistung für den Schutz,
den sie den Einwohnern gegen anderweitige Feinde angedeihen liessen.
Den Überfluss ihrer Kamele, Wolle u. s. w. brachten sie in den grossen
Ortschaften der Umgegend auf den Markt.
Während der Regierung des kräftigen Jussuf Pascha von Tripolis, eines
Zeitgenossen Muhammed Alis von Egypten, gerieten sie in Streit mit der
Amtsgewalt. Die Folge war, dass der Stamm decimiert wurde und fast
eine ganze Generation macht- und führerlos blieb. Nachdem die Waled
Soliman, ebenso wie andere arabische Stämme in Tripolitanien gänzlich
niedergeworfen waren, und die türkische Regierung in Fezzan sich
stärker geltend machte, wurden mit den nunmehr unterworfenen Arabern
türkischerseits mehrere grosse Züge nach dem Süden unternommen, die
sich hauptsächlich nach dem zwischen dem Tschadsee und Wadai gelegenen
Lande richteten, aber sich bis nach Baghirmi hin erstreckten. An
mehreren dieser Züge nahm der Spross eines führenden Geschlechts,
Abd el Djelil, teil, der schon als Knabe in die Hände Jussuf Paschas
gefallen war und von ihm als Geisel erzogen wurde.
Inzwischen war eine neue Generation der Waled Soliman emporgekommen,
und bald darauf entstanden wieder blutige Kämpfe mit der Regierung,
bei welchen Abd el Djelil, der die Führung seines Stammes übernommen
hatte, seinen Tod fand. Jetzt beschlossen die Waled Soliman, ihre
frühere Heimat endgültig zu verlassen und nach jenen Gegenden in der
Nachbarschaft des Tschadsees zu ziehen, welche sie auf ihren Kriegs-
und Raubzügen kennen gelernt hatten. Hier befanden sich vortreffliche
Kamelweiden, und die Palmenhaine Kanems boten genügend Datteln. In
den 40er Jahren folgte ein Teilstamm der Waled Soliman dem anderen in
dieses Gebiet. Sie nahmen den dortigen Bewohnern ihre Kamele ab und
verdrängten sie nach Westen und Osten. Bald waren sie stark genug,
in das Gebiet der Tuareg im Nordwesten des Tschadsees Einfälle zu
machen und diesen zahlreiche Kamele zu entwenden. Die kriegerischen
Tuareg sammelten sich jedoch zu einem gemeinsamen Zuge gegen die Waled
Soliman, und überraschten sie im Jahre 1850. Wiederum wurde ein grosser
Teil der waffenfähigen Männer getötet.
Aber die Zähigkeit, welche die Araber überall gezeigt haben, bewahrte
sich auch hier. Der Sultan Omar von Bornu, dessen Oberhoheit sie
nunmehr anerkannten, stattete sie mit neuen Waffen und Tieren aus, und
trotz der Anfeindungen der umliegenden Stämme und insbesondere der
Völkerschaften des westlichen Wadai erholten sie sich bald wieder.
Während Barth in den 50er Jahren die Überzeugung aussprach, dass die
Waled Soliman dem Untergange geweiht seien, fand Nachtigal sie in
den 70er Jahren wieder als die unumschränkten Herren in Kanem und in
Borku und im Gebiete zwischen dem Tschadsee und Wadai. Inzwischen
haben sie von ihrer herrschenden Stellung doch manches eingebüsst.
Andere arabische Stämme, darunter die Mahamid haben sich neben ihnen
in dem allerdings genügend grossen Weidegebiete Raum schaffen können,
und während sie in früherer Zeit in einer Art von Abhängigkeit Bornu
gegenüber standen, hat ein ähnliches Verhältnis dem mehr und mehr
erstarkenden Sultanate Wadai gegenüber Platz gegriffen.