2. Wadai.

Das Reich Wadai liegt im Westen von Darfur und ist etwa nördlich

des 12. Breitengrades ein bergiges Land. Hier herrschten heimische

heidnische Fürsten, bis im 15. oder 16. Jahrhundert Mitglieder der

Tundjer, die bereits in Darfur die Königswürde in Händen hatten, auch

in Wadai zur Regierung gelangten. Im Anfang des 17. Jahrhunderts

usurpierte ein gewisser Abd el Kerim aus dem gleichfalls arabischen

Stamme der Djemir (Djami) die Regierung in Wadai. Früher ein Vasall der

Tundjer, gründete er eine neue, die heute noch bestehende Dynastie.

Abd el Kerim erhob den Islam in Wadai zur herrschenden Religion und

legte die Residenzstadt Wara an. Die neue Dynastie behauptete sich

erfolgreich gegen Angriffe der Könige von Darfur, musste aber noch

eine zeitlang eine gewisse Abhängigkeit von dem östlichen Nachbar

anerkennen. Im Anfange des 19. Jahrhunderts eroberte Abd el Kerim

der Zweite mit dem Beinamen Sabun das grosse Königreich Baghirmi,

das seither Wadai tributpflichtig blieb. Sultan Scherif führte einen

sieg- aber auch verlustreichen Krieg gegen Bornu, das in früherer

Zeit eine Art von Oberhoheit über Wadai beansprucht zu haben scheint.

Um das Jahr 1850 wurde die Residenz von dem Sultan Scherif nach

Abeschr verlegt. Dem im Alter erblindeten König folgte 1858 der Sultan

Ali, ein kräftiger und gerechter Fürst, der für die Ausbreitung von

Handelsverbindungen, besonders nach dem Mittelmeer, sehr viel that. Im

Interesse dieser Handelsbeziehungen ist auch die von Ali angeknüpfte

enge Verbindung mit dem Oberschech der Senussi erfolgt. Auf den

Einfluss dieser Bruderschaft ist auch die ausgesprochene Duldung gegen

fremde Muhammedaner zurückzuführen, die Alis Vater weit weniger geübt

hat. Unter Alis Regierung besuchte Nachtigal Wadai. Dem Sultan Ali

folgte im Beginne der 80er Jahre sein Bruder Jussuf und diesem Ende

1898 Ibrahim, der Sohn Jussufs. Wie regelmässig bei Thronwechseln,

fanden auch nach dem Tode Jussufs Bürgerkriege statt. Der um zwei

Jahre ältere Bruder Ibrahims, Abd el Aziz, wurde geblendet.[83] Auch

der neue Fürst von Wadai hat nach der Thronbesteigung gute Beziehungen

mit den Senussi angeknüpft.[84] Später erfuhren diese jedoch

infolge des ausschweifenden Lebens und des ehrgeizigen Auftretens

Ibrahims unliebsame Störungen. Sehr bald sah sich Ibrahim darauf in

Schwierigkeiten mit seinen Akids und anderen Grossen seines Reiches

verwickelt, die seinen Vetter Achmed el Ghazali, einen Sohn Alis, als

Gegensultan ausriefen. Nach mehreren Kämpfen wurde Ibrahim Anfang 1901

getötet, und Achmed ist gegenwärtig Sultan in Wadai, sieht sich aber

jetzt in schwere Kämpfe mit einem Gegen-Prätendenten verwickelt.

Unter der von Abd el Kerim begründeten Dynastie hatte sich Wadai

zu dem kräftigsten und bestgegliederten Staatswesen im östlichen

Centralafrika emporgeschwungen. In grossem Umkreise gruppieren sich um

das innere gebirgige Stammland die Wadai tributären Gebiete: Provinzen

unter besonderen vom Sultan direkt ernannten Beamten oder unter

Stammesfürsten, die im Vasallenverhältnis zum Sultan stehen. Das im

Nordwesten von Abeschr gelegene Gebiet von Borku befindet sich seit

etwa 100 Jahren im Besitze der Sultane von Wadai, infolgedessen werden

diese auch vielfach Sultane von Borku genannt. Die Thronstreitigkeiten

der letzten Jahre haben die Kräfte Wadais sehr erschüttert.

[83] In Wadai gilt das Gesetz, dass ein Blinder nicht auf den Thron

gelangen darf.

[84] Sein Staatssiegel wurde in Kairo von einem Mitgliede des

Senussi-Ordens bestellt. Auf dem Siegel nennt sich der Sultan

Ibrahim einen Sohn des Sultan Jussuf, eines Sohnes des Sultan

Scherif, el Kerim, d. h. aus dem Hause Abd el Kerim.

Rabeh und das Tschadseegebiet · 第 29 / 42 题