IX. Rabehs Tod.

Somit war die Niedermachung der Bretonnet’schen Expedition gerächt,

und Gentil hatte mit seinem kühnen Vorstoss Rabeh vor den Mauern von

Kuno geschlagen, trotzdem dieser den Kampf persönlich leitete und

anscheinend seine besten Basinger zur Verfügung hatte. Der Eindruck der

überlegenen französischen Waffen muss ein bedeutender gewesen sein,

zumal Rabeh, wie es scheint, derartig verwundet wurde, dass er in der

Folge die kriegerischen Aktionen nicht mehr mit der gewohnten Energie

zu leiten vermochte. Der Sultan Gauranga stellte sich sofort wieder

mit seinen Leuten als Bundesgenosse der Franzosen im Fort Archambault

ein, und die Eingeborenen der Umgegend, die seit der Bretonnet’schen

Niederlage nur mit Schwierigkeit zu Hilfeleistungen und Überlassung

von Lebensmitteln zu bewegen gewesen waren, wurden wieder gern bereite

Helfer. Bald nach der Rückkehr nach Fort Archambault machte der

französische Dampfer eine Rekognoscierungsfahrt nach dem Norden und

stellte fest, dass Rabeh am 8. November Kuno geräumt, sich in Miltu

gesammelt und über den Bahr Ergig den Rückmarsch nach dem Norden

angetreten hatte.

Es hatte sich aber auch gezeigt, dass die Gentil’sche Truppenmacht

zur Niederwerfung Rabehs numerisch nicht stark genug war. Die Kanonen

Bretonnets waren Rabeh verblieben, und Gentil musste sich zunächst

darauf beschränken, an dem Ausgangspunkte seines Vorstosses, im Fort

Archambault, eine abwartende Haltung einzunehmen. Erst dem weiteren

günstigen Umstande, dass rechtzeitig und fast im gleichen Augenblicke

die sonstigen Expeditionen, welche Frankreich von Norden und Westen

her nach dem Tschadsee entsandt hatte, am Schari eintrafen, ist es zu

danken, dass die Offensive gegen Rabeh von Süden her wieder aufgenommen

werden konnte.

Schon am 21. Juli 1897 hatte eine französische Expedition unter

Cazemajou Dahomey verlassen, um über Zinder den Tschadsee zu erreichen.

In Zinder wurde Cazemajou mit seinem Dolmetscher Olive auf Befehl des

Sultans Achmadu (Amhadu), der seinem Bruder Jakudima gefolgt war, am 5.

Mai 1898 meuchlings ermordet. Der Rest der Mission konnte sich nach dem

Niger retten.

Noch im selben Jahre ging eine zweite mit grossen Mitteln ausgerüstete

Expedition unter Voulet und Chanoine den Niger abwärts, um das Programm

der missglückten Expedition Cazemajous aufzunehmen. Sie führte den

Namen „Mission Afrique centrale“. Zwei starke Kolonnen unter dem

Oberstleutnant Klobb und dem Major Crave sollten diese Expedition

begleiten, bis Voulet den Niger verlassen würde, um sie auf der durch

Tuareg sehr gefährdeten Route zu beschützen und überhaupt die Tuareg

am linken Niger-Ufer zur Raison zu bringen. Voulet hatte gegen 700

Gewehre bei sich; aber seine Truppen bestanden zum grossen Teile

aus Gesindel der verschiedensten Nationalitäten, welches er sich

durch Verheissungen von Beute angeworben hatte und die auf ihrem

Marsche raubten und plünderten, wo sie konnten. Als die Nachrichten

über diese Unzuträglichkeiten nach der Küste drangen, wurde Klobb

zum Oberbefehlshaber der Expedition ernannt und dem Kapitän Voulet,

der bereits den Niger verlassen hatte, mit weiteren Verstärkungen

in Eilmärschen nachgeschickt. Als Klobb Voulet den entsprechenden

Befehl bei Dankori im Gebiete der Tessaua überbrachte, fanden, am

17. Juli 1899, die bekannten Ereignisse statt, deren Einzelheiten

noch unlängst die französische Kammer beschäftigt haben. Voulet

verweigerte den Gehorsam, und Klobb wurde auf Voulets Befehl von seinen

Tirailleurs erschossen, als er nicht umkehren wollte.[49] Leutnant

Meynier, der von Voulet nicht zu bewegen war, mit ihm gemeinsame

Sache zu machen, wurde verwundet. Chanoine billigte nachträglich die

Handlungsweise Voulets. Später wurden Voulet und Chanoine von ihren

eigenen Leuten, unter welchen besonders der erstere sehr verhasst

war, niedergeschossen, da diese ihren Führern, welche die Gründung

eines eigenen innerafrikanischen Reiches planten, nicht mehr folgen

wollten. Nach dem Tode Klobbs, Voulets und Chanoines gelang es

Pallier, Meynier und Joalland, die aufrührerischen Soldaten wieder

zu beschwichtigen. Die vereinigten Truppen der beiden Expeditionen

setzten ihren Weg weiter nach Zinder fort. Kurz vorher bestanden sie

bei Tyrmeni einen siegreichen Kampf mit der Armee des Sultans Achmadu,

und am folgenden Tage zogen sie in die Stadt ein, welche von einem

grossen Teile der Bevölkerung verlassen war. Der Sultan Achmadu, der

Mörder Cazemajous, befand sich unter den Flüchtlingen. Die Franzosen

ernannten infolgedessen den Bruder Achmadus, dessen Namen mir von

Kanuri als Gambo Guago (Abokadu) genannt wurde, zum Sultan, der nunmehr

gleichfalls den arabischen Namen Achmed annahm. Inzwischen war es klar

geworden, dass die wild zusammengewürfelten Tirailleurs Voulets die

Unbotmässigkeiten, welche sie sich unter dem alten Kommando angewöhnt

hatten, nicht mehr lassen konnten, und es wurde für unmöglich gehalten,

mit dem gesamten Trupp den schwierigen, auf langen Strecken wasserlosen

Marsch nach dem Tschadsee fortzusetzen. Infolgedessen wurde eine

Trennung beschlossen. Pallier führte am 3. September 1899 etwa 300

Mann mit dem Dr. Henrique und zwei französischen Unteroffizieren nach

Say zum Niger zurück. Über den Rest der in Zinder verbliebenen Truppen

übernahm Joalland das Kommando. Am 15. September gelang es einer

französischen Abteilung, den Mörder Cazemajous, den entthronten Sultan

Achmadu, im Dorf Rumje, 80 km südwestlich von Zinder, zu töten. Das

Gebiet von Zinder konnte damit als beruhigt betrachtet werden.

Joalland und der wieder hergestellte Meynier verliessen nun am 3.

Oktober Zinder, um mit etwa 200 ausgesuchten Leuten, die auf Kamelen

beritten gemacht wurden, und einer 80 mm Gebirgskanone nach dem

Tschadsee weiter zu marschieren. In der Stadt wurde eine Besatzung

von 100 Tirailleurs unter einem Unteroffizier zurückgelassen. Am 22.

Oktober war der 525 km betragende Marsch von Zinder bis zum Tschadsee

beendigt, der bei Wudi erreicht wurde. Am folgenden Tage war die

Expedition in Ngigmi im Nordwesten des Sees. Darauf wurde durch das

Land Kanem marschiert, und nachdem der Tschadsee im Norden und Osten

umgangen war, gelangte die Expedition ohne besondere Fährnisse nach

dem Schari-Delta. Die Bevölkerung von Kanem scheint den durchziehenden

Truppen keine grossen Schwierigkeiten bereitet zu haben, und Joalland

konnte mehrere Schutzverträge in Kanem abschliessen.[50] Der Schari

wurde am 10. Dezember 1899 Gulfei gegenüber erreicht.[51]

Joalland hatte schon vorher erfahren, dass Weisse am Schari

angekommen sein sollten, und er hoffte, bei Gulfei Gentil mit seinen

Truppen zu finden. Seine Enttäuschung war gross, als er hörte, dass

diese weit oberhalb am Schari lagerten. Er sandte deshalb eine

Rekognoscierungspatrouille auf einem Boote flussaufwärts. Diese stiess

jedoch auf eine aus 40 Schiffen bestehende Flotille mit Truppen Rabehs,

die sich nach der Schlacht von Kuno nordwärts koncentrierten. Es gelang

der Patrouille, Rabeh zu entgehen und zurückzukehren.

Joalland war vollständig im Unklaren über das Schicksal Gentils.

Es wurde der überlegenen Streitkräfte Rabehs wegen für unmöglich

gehalten, mit der Expedition weiter nach dem Süden zu marschieren. Doch

wurde, nachdem man in Erfahrung gebracht hatte, dass der Fluss wieder

frei war, zwischen Joalland und Meynier vereinbart, dass diesesmal

Meynier selbst einen Vorstoss zu Schiffe wagen sollte, um sich

womöglich Gewissheit über das Loos der französischen Schari-Truppen

zu verschaffen. Dann sollte die Expedition nach Regelung der

Angelegenheiten in Kanem über Zinder den Heimweg antreten.

Die Fahrt Meyniers ging ohne Unfall von statten. Am 28. Dezember

bei Gulfei abgefahren, konnte er, nachdem er in 14 Tagen 700 km

zurückgelegt hatte, mit den vom Süden gekommenen Franzosen Fühlung

gewinnen. Er traf mit dem äussersten vorgeschobenen Posten der Mission

Gentils, der, wie bereits erwähnt, unter de Cointet in Sada am Schari

sich befand, am 13. Januar 1900 zusammen. Die beiden französischen

Offiziere fuhren dann den Strom bis nach Fort Archambault aufwärts, wo

das Gros der französischen Streitmacht unter Robillot lagerte. Der vom

Westen kommenden Mission war somit das von Cazemajou begonnene Werk

gelungen: eine Verbindung mit der von Süden gekommenen Gentil’schen

Mission war erreicht.

Bereits am 30. Januar erhielt Meynier eine Nachricht, durch die er von

Kapitän Robillot, dem Führer der Gentil’schen Truppen, aufgefordert

wurde, am Tschadsee zu verbleiben. Am 8. Februar traf Meynier wieder im

Lager Gulfei gegenüber ein. Joalland hatte die Zwischenzeit zu einer

weiteren Bereisung von Kanem benutzt.

Eine dritte, vom Norden entsandte Expedition, die „Mission saharienne“,

unter dem gelehrten Geographen und Forschungsreisenden Foureau, war

schon seit längerer Zeit durch die Sahara unterwegs. Zu ihr gehörten

13 Europäer. Die der Expedition beigegebene starke Schutztruppe wurde

von dem Major und Bataillonskommandeur Lamy befehligt. Die Mission

hatte grosse Schwierigkeiten aller Art zu überwinden, namentlich

schwere Kämpfe mit überlegenen Tuareghorden zu bestehen. Durch

Irreleitung von Führern, die erschossen werden mussten, war sie

aufgehalten worden; doch gelang es ihr, am 2. November 1899 Zinder über

Asben zu erreichen. Wie bereits erwähnt, waren Joalland und Meynier von

Zinder bereits am 3. Oktober aufgebrochen. Die Mission fand hier die

zurückgelassene Garnison in den besten Beziehungen mit dem Sultan, der

Foureau und Lamy ersuchte, ihm zu helfen, die Tessaua seiner Autorität

wieder zu unterwerfen. Dies geschah, und bei dieser Gelegenheit

wurden 200 Pferde und eine grosse Anzahl Esel neben weiteren Kamelen

requiriert, mit welchen man am 25. Dezember den Marsch nach dem

Tschadsee antrat.[52]

Bevor der Tschadsee erreicht wurde, traf die Expedition bei Begaro am

Komodugu Yobe mit dem Bornuprinzen Omar Sanda zusammen, der zuletzt in

Zinder einen Zufluchtsort gefunden hatte. Foureau liess Omar Sanda

zum Sultan von Bornu ausrufen und besuchte zunächst Kuka, das er

vollständig verödet und in Trümmern liegend fand. Von Kuka aus ging

die Expedition, immer von Omar Sanda begleitet, wieder nach Norden und

erreichte auf demselben Wege, den Joalland und Meynier genommen hatten,

über Ngigme und durch Kanem marschierend den Schari. Gegenüber von

Gulfei auf dem rechten Schariufer erfolgte am 24. Februar 1900 ihre

Vereinigung mit den Truppen Joallands. Auch der Plan, vom Norden her

mit bewaffneter Macht in Achtung gebietender Stärke nach dem Tschadsee

zu gelangen, war Frankreich gelungen. Joalland, der der „Mission

saharienne“ bis nach dem Orte Deberengi bei Mao entgegen gegangen war,

hatte die Neuangekommenen davon unterrichtet, dass die Gentil’schen

Truppen vom Süden her im Anzuge begriffen seien.

Der Zweck der „Mission saharienne“ war mit der Erreichung des

Schari-Beckens erfüllt. Der Gelehrte Foureau trat Anfang April allein

die Heimreise über den Schari und Gribingi durch das französische

Kongogebiet an. Die starke Streitmacht der Mission verblieb jedoch am

Tschadsee zur Verfügung Gentils und nahm an der Niederwerfung Rabehs

thatkräftigen Anteil.

Ihr Führer, der Major Lamy, übernahm zunächst das Oberkommando auch

über die Truppen Joallands. Bei dem Orte Mara, den letzterer kurz

vor der Ankunft Lamys genommen hatte, wurde am 26. Februar 1900 der

Übergang über den Schari bewerkstelligt, und von nun an spielten

sich die Ereignisse auf deutschem Boden ab. Rabeh, der noch immer an

seiner Wunde litt, lagerte mit dem Gros seiner Truppen in Dikoa. In

den einzelnen Städten des linken Schari-Ufers befanden sich starke

Besatzungen. Fadel Allah hatte sein Standquartier in Gulfei. Am 3. März

fand ein Kampf mit der etwa 1000 Mann starken Besatzung von Kusseri

statt. Die Stadt wurde genommen und die erste Fahne Rabehs erobert. Der

Bannerführer Kapsul wurde getötet. Kusseri wurde darauf der Stützpunkt

der französischen Truppen. Am 9. März bestanden die Franzosen wenige

Kilometer vor den Mauern von Kusseri einen Kampf gegen Fadel Allah, der

mit etwa 2000 Mann aus Gulfei herangezogen war. Der Sohn Rabehs erlitt

eine empfindliche Niederlage und musste 200 Tote und viel Gepäck und

Munition zurücklassen. Auf französischer Seite waren nur 5 Tote und 25

Verwundete, darunter 2 Offiziere.

An die Ergreifung der Offensive konnten die bisher vereinigten zwei

Expeditionen jedoch nicht denken. Endlich, am 21. April, traf die

Truppe Gentils bei Kusseri ein. Es war hohe Zeit. Rabeh selbst war kurz

vorher von Dikoa nach dem Schari gekommen und hatte ein befestigtes

Lager nur 6 km von der Stadt entfernt bezogen. Er war genau davon

unterrichtet, dass Lamy und Joalland grossen Mangel an Munition und

Lebensmitteln litten. Rabehs Reiter wurden so dreist, dass sie, nur 400

m vom französischen Lager entfernt, vier mit der Bewachung von Vieh

betraute Tirailleurs töteten.

So war denn gerade im rechten Augenblicke die Vereinigung der vom Süden

gekommenen Schari-Expedition mit den beiden anderen französischen

Missionen erfolgt. Gentil konnte diesen frische Munition bringen. Sein

Marsch war nur langsam von statten gegangen. Nur ein Teil seiner Leute

und seines grossen Gepäcks hatte auf Schiffen befördert werden können,

die sich jedoch von dem Rest der am Ufer marschierenden Leute nicht

trennen durften. Die Verproviantierung von 600 Menschen, für die Gentil

unterwegs zu sorgen hatte, war mit grossen Schwierigkeiten verbunden.

Die Munition allein betrug 500 Schuss für die Kanone, 400 Schuss für

das Gewehr Modell 1874 und 500 für das Gewehr Modell 1886.

Es war eine stattliche Truppe unter französischer Flagge im

Schari-Delta zusammen: über 800 mit modernen Gewehren bewaffnete

und gut gedrillte Soldaten, geführt von zahlreichen europäischen

Offizieren. Ein Teil der nördlichen Missionen war auf Pferden beritten

und bildete eine geübte Kavallerie. Im einzelnen verfügten die drei

Expeditionen über folgende Streitkräfte: Lamy 300 Mann, hauptsächlich

algerische Schützen, Joalland 200 Senegalesen, Gentil 300 Senegalesen,

Lamy 2 Kanonen, Joalland 1 Kanone, Gentil 4 Kanonen, unter dem Geschütz

5 Gebirgskanonen, Modell 1880, ausserdem hatte sich Gauranga mit

mehreren tausend Baghirmileuten, davon viele zu Pferde, eingefunden.

Lamy übernahm als ältester anwesender Offizier das Kommando auch über

die Gentil’schen Truppen, und schon am Tage nach der Ankunft der

letzteren, am 22. April 1900, erfolgte der entscheidende Zusammenstoss

mit Rabeh. In Kusseri wurde eine französische Besatzung zurückgelassen.

Es nahmen 700 Soldaten, 30 Spahis und 4 Kanonen, sowie die Baghirmileute

am Kampfe teil. Rabeh hatte 5000 Mann, von denen 2000 mit guten

Gewehren versehen waren, 600 Reiter und die drei Bretonnet’schen

Kanonen zu seiner Verfügung. Es waren dies seine besten Truppen. Sein

Sohn Fadel Allah stand in Kornak-Logon mit 500 Gewehren, Niebe, der

zweite Sohn Rabehs, in Dikoa mit 400 Gewehren.

Die Franzosen gingen am Schlachttage sofort zum Angriff vor. Der

Feind hatte einen 70 cm hohen Erdwall zur Deckung der Schützen um

sein durch Pallisaden befestigtes Lager gezogen und auf 300 m alles

beseitigt, was der eigenen Schusslinie im Wege stehen konnte. Doch kam

den französischen Truppen ausserhalb dieser Zone hohes und dichtes

Buschwerk zu statten, welches sie gegen die feindlichen Kugeln

schützte, und aus dem heraus sie ihrerseits das Feuer eröffneten.

Nach 1½stündiger Beschiessung, nachdem 32000 Gewehrpatronen, 74

Schuss aus dem 80 mm-Geschütz und 20 Schuss aus dem 42 mm-Geschütz

abgefeuert waren, wurde ein unwiderstehlicher Angriff ausgeführt,

durch welchen die innere Festung des Lagers, der Tata, genommen wurde.

Der Feind wurde aus diesem herausgedrängt und begann zu fliehen,

verfiel aber auf der anderen Seite des Forts dem Feuer einer weiteren

französischen Abteilung. Rabeh selbst war anscheinend seiner Wunde

wegen zu schwach zur Flucht und seine Kerntruppen machten daher eine

energische Offensivbewegung nach rückwärts, um sich des Tata wieder

zu bemächtigen.[53] Bei diesem letzten Zusammenstoss büssten der

französische Oberanführer Lamy und der Kapitän de Cointet das Leben

ein; aber auch Rabeh fiel auf dem Kampfplatz. Ein Schütze der Mission

Afrique centrale brachte den abgeschnittenen Kopf und die rechte Hand

des Sklavenfürsten in das französische Lager. Damit war die Schlacht

gewonnen, und der Feind floh westwärts nach Dikoa zu. Eine Strecke

weit wurde er von der französischen Kavallerie und den Baghirmileuten,

von denen 1500 an der Schlacht teilnahmen, verfolgt. Im Lager Rabehs

wurden die Fahnen und Kanonen Bretonnets wiedergefunden und grosse

Beute gemacht. Ausser Lamy und de Cointet wurden ein französischer

Sergeant und 19 Schützen getötet. Der Leutnant Meynier wurde schwer am

Bein verwundet. Drei andere französische Offiziere erhielten leichtere

Verwundungen. Im übrigen hatten die Expeditionen nur 53 Verwundete, das

Heer Rabehs hatte 500 Tote, darunter den Anführer der Reiterei, Guddam.

Den Oberbefehl übernahm nunmehr der zur Foureau’schen Expedition

gehörige Kapitän Reibell, der mit 700 Flinten, 30 südalgerischen

Reitern, drei Geschützen und zahlreichen zum Teil berittenen

eingeborenen Hilfstruppen die Bekämpfung der Söhne Rabehs in Dikoa

aufnahm. Ein Teil des geschlagenen Heeres hatte sich zunächst nach

Karnak-Logon zu Fadel Allah begeben; als die Franzosen vor die

Stadt rückten, war diese geräumt und der Feind bereits nach Dikoa

abmarschiert. Weitere Abteilungen der Rabeh’schen Soldateska, die

bis dahin in Gulfei und an anderen Plätzen am Schari und Logon

gestanden hatten, zogen sich südwestwärts zurück. Schon vor der

Entscheidungsschlacht hatten die nomadisierenden Araber im Westen des

Schari, verschiedenen Zweigstämmen der Schoa angehörig, sich gegen

Rabeh erklärt, und sie waren etwa 10- bis 12000 Mann stark mit ihren

Viehheerden, die Foureau auf 15000 Köpfe schätzt, in die Nähe der

Franzosen gekommen, wo sie ein eigenes Lager bezogen. Auch die übrige

Bevölkerung von Bornu stand Rabeh in keiner Weise zur Seite.

Unbehelligt kamen die Franzosen am 1. Mai in Dikoa an.[54] Die Stadt

war in der Nacht zuvor von Fadel Allah eilends verlassen worden, und

hier hatte bereits eine allgemeine Plünderung seitens der entfesselten

Einwohnerschaft begonnen. Ohne auf Widerstand zu stossen, zogen die

Franzosen ein und besetzten den Palast und die Soldatenquartiere

Rabehs. Bald darauf flog das grosse Pulvermagazin in die Luft, wodurch

der Palast und die Nachbargebäude in Flammen aufgingen. Das Feuer wurde

gelöscht, die Ruhe in der Stadt einigermassen hergestellt und schon

in der folgenden Nacht die Verfolgung der Söhne Rabehs von Reibell

aufgenommen. Das Gros der Franzosen blieb unter dem Befehl des Kapitäns

Robillot in Dikoa zurück, wo nunmehr die Plünderung von neuem begann,

die erst nach zwei Tagen von Robillot unterdrückt werden konnte. Aus

den Trümmern des Palastes wurden 35 alte Festungskanonen und grosse

Mengen an Pulver, Munition und Gewehren hervorgezogen.[55]

An der Verfolgung Fadel Allahs beteiligte sich ein Detachement von

160 Schützen zu Pferde mit einer Kanone nebst einer grösseren Anzahl

eingeborener Berittener. Am 2. Mai wurden die Zurückweichenden bei

Degemba am Flusse Jadzerem eingeholt. Fadel Allah hatte nur 700 oder

800 Gewehre bei sich, ein heftiger Kampf entspann sich, in dem die

Franzosen Sieger blieben. Fadel Allah entkam und setzte seine Flucht

weiter nach dem Berggebiet von Mandara fort. Unterwegs stiessen von

allen Seiten andere Flüchtlinge zu ihm. In Issege, am Nordrande der

Mandaraberge, bezog er ein Lager. Am 7. Mai wurde er hier von Reibell

überrascht. Nach dem französischen Kriegsbericht wären Niebe und Hibid

(Abed), der Schwiegersohn Rabehs, bei diesem Rencontre gefallen, eine

Nachricht, die sich später als unrichtig erwiesen hat. Jedenfalls war

die Überraschung den Franzosen derartig gelungen, dass Fadel Allah

an einen Widerstand nicht mehr dachte, sondern dem Sieger sein Lager

überliess und weiter floh. Im Lager fanden die Franzosen 1000 Sklaven

und 5000 Weiber jeden Alters, unter diesen Hadja, die Frau Fadel

Allahs, die Tochter des Herrn von Kuti und eine Gattin des Rabeh. Im

ganzen hatten sie bei der Verfolgung zwölf Fahnen, mehrere Hundert

Gewehre und zehn grosse Wallbüchsen erbeutet.

Reibell kehrte nunmehr um und kam am 13. Mai 1900 nach Dikoa

zurück.[56] Am 15. und 16. Mai wurde der Rückmarsch nach dem Schari

begonnen, und am 22. Mai befand sich die Truppe wieder auf dem

rechten Schari-Ufer. Gegenüber Kusseri wurde hier das Fort Lamy als

Centralpunkt des Schari-Bezirks errichtet. Zwei weitere befestigte

Posten wurden am Schari in Mandjafa (Fort de Cointet) und Busso (Fort

Bretonnet) angelegt. Der grösste Teil der Offiziere und Mannschaften

der „Mission saharienne“ wurde durch die französische Kongo-Kolonie

nach der Heimat gesandt. Die Expedition Joallands blieb noch eine

zeitlang zur Verfügung Gentils und trat alsdann durch Bornu über Dikoa,

wieder durch deutsches und sodann durch englisches Gebiet marschierend,

den Rückweg nach Zinder an, wo sie am 10. Juli anlangte und von wo

aus sie erst nach Eintreffen einer weiteren bedeutenden französischen

Truppenmacht, die zur Verstärkung der Besatzung von Zinder vom Westen

geschickt worden war, über Say die Rückkehr fortsetzen konnte. Gentil

hatte Joalland bis nach Dikoa begleitet. Am 25. August trat er von

Fort Lamy aus über den Schari und Kongo die Rückreise nach Paris an.

In Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um die koloniale Sache

Frankreichs wurde er zum „Gouverneur des Colonies“ ernannt.

Das ganze Gebiet vom Niger bis zur Schari-Mündung, den Tschadsee im

Norden umspannend, erhielt nunmehr eine Organisation. Zinder wurde

das Centrum eines eigenen Territoire militaire. Das Gebiet im Süden

des Tschadsees innerhalb der französischen Kongo-Kolonie wurde in

zwei Bezirke eingeteilt, die südliche Région civile du Haut Chari,

einschliesslich Kuti mit dem Flusse Wa oder Nahr Sarra als Nordgrenze,

und im Norden davon das Territoire militaire du Bas Chari.[57] Zur

Vertretung Gentils, dem das gesamte Schari-Gebiet unterstellt war,

wurde der Oberstleutnant Destenave ernannt, und diesem gleichzeitig das

Kommando über das Territoire militaire du Bas Chari übertragen. Bis zur

Ankunft Destenaves in Fort Lamy führte hier Robillot den Oberbefehl

über die französischen Streitkräfte im Schari-Bezirk. Diese bestanden

aus drei Kompagnien Infanterie und einer von einem der „Mission

saharienne“ zugehörigen Spahis-Offizier, Leutnant de Thézillat, aus

Arabern der Umgegend und Rabeh’schen Flüchtlingen einexercierten

Schwadron Kavallerie.

Übrigens beliessen die Franzosen in den neu eroberten Gebieten

möglichst die angestammten Fürsten als die eigentlichen Regierenden

des Landes, die natürlich unter strengste Aufsicht genommen wurden.

In Baghirmi konnte Gauranga wieder zu seinem Rechte gelangen. Statt

der bisherigen schweren Steuer, die an Rabeh und auch noch an Wadai

zu zahlen war, wurde ihm ein mässiger Tribut an Vieh und Getreide

im ungefähren Werte von 42000 Francs jährlich auferlegt. Das rechte

Schari-Ufer und das südliche Ufer des Tschadsees wurden in direkte

französische Verwaltung genommen.

Im Gebiete von Kanem im Osten des Tschadsees war von Joalland ein

Schutzvertrag mit dem Araber Chalifa Djerab geschlossen worden, der zum

Gesamtschech des grössten Teils von Kanem gemacht wurde, allerdings mit

dem Vorbehalt, dass ihm erst später zu der thatsächlichen Herrschaft

in diesem Gebiete verholfen werden solle. Ferner war die Unterwerfung

der Leute von Dekena und Assala im Süden von Kanem angenommen worden,

die bisher sowohl Rabeh als Wadai tributpflichtig waren, und endlich

waren Beziehungen mit zwei Schechs der Waled Soliman-Araber, Reuss

und F’dinn, im Nordosten des Tschadsees in der Landschaft Schitati

angeknüpft worden. -- Eine Machtentfaltung durch eine dauernde

Niederlassung zwischen Zinder und der Schari-Mündung, also im Norden

und Osten des Tschadsees, war noch nicht erfolgt.

[49] Vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1899, S. 383

und 422.

[50] Vergl. unten S. 116. Von einem Mudjabera-Kaufmann wurde mir

berichtet, die Waled Soliman und andere Stamme von Kanem

hätten sich zu der Zeit, als er gerade in Mao und im Gebiete

der Dekena sich befand, noch nicht schlüssig gemacht, wie sie

sich den Weissen gegenüber verhalten sollten. Währenddem seien

die Fremden weiter nach dem Süden marschiert und unbehelligt

geblieben.

[51] Vergl. Bulletin de la Societé de Géographie, 1901, S. 396 ff.

[52] Der Deputierte Dorian, welcher vom Mittelmeer aus der Expedition

sich angeschlossen hatte, blieb in Zinder zurück und marschierte

am 4. März 1900 mit einigen Leuten der Garnison von Zinder nach

Say am Niger, das am 23. April erreicht wurde, und sodann auf

dem Westwege heimwärts

[53] Vergl. Bulletin de la Société de Géographie, 1901, S. 364;

Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1900, S. 266, 354.

[54] Vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1900, S. 341.

[55] Vergl. den officiellen Bericht des Major Reibell in den

Renseignements coloniaux et documents publ. par le Comité de

l’Afrique française, 1901, S. 20. -- Die Franzosen fanden in

Dikoa mehrere tripolitanische Kaufleute mit ihren Familien, im

ganzen etwa 100 Köpfe stark, angesiedelt vor.

[56] Vergl. den Rapport Reibells, a. a. O. S. 15 ff.

[57] Vergl. A. Terrier im Bulletin du Comité de l’Afrique française,

1901, S. 102. Über das französische Gebiet Haut Oubanghi vergl.

Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1901, S. 295.

Rabeh und das Tschadseegebiet · 第 25 / 42 题