VIII. Kämpfe Rabehs mit Frankreich.

Frankreich hat an der Vereinigung seiner am Mittelländischen Meer und

am Atlantischen Ocean, im nördlichen Westafrika, gelegenen Kolonieen

mit seinem Besitz am Kongo Jahre hindurch mit bewunderungswürdiger

Begeisterung gearbeitet. Zahlreiche wissenschaftliche und politische

Expeditionen wurden aus Algerien, vom Senegal und vom Kongo nach dem

Inneren Afrikas entsandt. Die Einnahme der geheimnisvollen Neger-

und Tuaregstadt Timbuktu war ein Ereignis von grösster Tragweite für

den westlichen Sudan, und die planmässige Vorschiebung der Posten in

Algerien und Tunesien nach dem Süden beweist, dass das gouvernementale

Frankreich die Verwirklichung des Projekts einer Transsaharabahn, die

von den französischen Kolonialfreunden seit langem gefordert wird,

energisch betreibt.[41] In erster Linie aber galt es, am Tschadsee

festen Fuss zu fassen, um eine dauernde Verbindung der bisherigen

afrikanischen Besitzungen zu ermöglichen und die zukünftige Erbauung

der Saharabahn auch politisch zu sichern. Eine grosse Anzahl von

Franzosen büssten in diesen Unternehmungen ihr Leben ein.

Durch internationale Verträge sind in den letzten Jahren die riesigen

Gebiete Innerafrikas unter die europäischen Kolonialmächte geteilt.

Am 5. August 1890 wurde die Grenze des französischen und englischen

Interessengebiets im Westen vom Tschadsee durch die Linie Say-Barrua

festgelegt. Diese Grenzlinie erfuhr später durch den Vertrag vom

14. Juni 1898 Änderungen, und jetzt werden in Frankreich Stimmen

laut, welche, um eine weitere Umgestaltung der Grenze zu erlangen,

Kompensationen in anderen Erdteilen, so die Abtretung gewisser Rechte

in Neu-Fundland, vorschlagen. Nachdem Deutschland am 15. November

1893 mit England ein Abkommen getroffen hatte, das unsere Westgrenze

von Kamerun festlegte, wurde alsdann durch den deutsch-französischen

Vertrag vom 4. Februar 1894 die Grenze zwischen dem deutschen und dem

französischen Besitz in Innerafrika bestimmt, bei welcher Gelegenheit

Frankreich besonders die von Mizon und Maistre geschlossenen Verträge

mit eingeborenen Fürsten zu gute gekommen sind. Durch diesen Vertrag

hatte das französische Kongogebiet mit seinem Hinterlande einen Zugang

zu dem Tschadsee erhalten, und damals schon konnte die Vereinigung des

französischen Kolonialbesitzes am Kongo, am Mittelmeer und am Senegal

als gesichert erscheinen, eine Vereinigung, die durch das erwähnte

französisch-englische Abkommen vom 14. Juni 1898 sowie durch die

Déclaration additionelle vom 21. März 1899 eine endgiltige Regelung

erfuhr. Bis auf wenige geringfügige noch streitige Punkte waren

nunmehr auch die Grenzlinien der französischen und der englischen

Interessensphären in Innerafrika festgelegt.[42]

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre wurde französischerseits mit einem

grossen Aufgebot von Mitteln daran gegangen, den französischen Einfluss

am Tschadsee auch thatsächlich zur Geltung zu bringen. Monsieur Gentil,

einer der Civilbeamten des französischen Kongo, war 1897 mit einem

Dampfer den Schari bis zu seiner Mündung in den Tschadsee abwärts

gefahren. Bei dieser Gelegenheit war es ihm gelungen, mit dem Sultan

Gauranga von Baghirmi einen Handels- und Schutzvertrag abzuschliessen.

Gauranga zeigte sich französischen Einflüssen zugänglich in der

Hoffnung, von Frankreich gegen Rabeh geschützt zu werden. Schwerlich

hatte Gauranga ohne die harten Prüfungen, denen er zuvor durch den

Sklavenfürsten ausgesetzt war, freiwillig den Franzosen die Arme

geöffnet. Es kann fast als ein Wunder bezeichnet werden, dass der

kleine Dampfer Gentils unterwegs nicht von den Garnisonen Rabehs am

Schari angehalten wurde. Die eingeborenen Bewohner der Schari-Ufer, die

infolge der ungewohnten Erscheinung der Weissen und eines Dampfbootes

an eine bevorstehende Errettung von dem harten Drucke Rabehs glaubten,

leisteten Gentil in jeder Beziehung Vorschub. Dieser begab sich

demnächst nach Paris zurück, wohin er einige Baghirmi-Leute mitbrachte,

um eine Expedition im grossen Stile vom Süden aus zur thatsächlichen

Ausnutzung der von ihm mit dem Sultan von Baghirmi geschlossenen

Verträge und zu wirksamem Schutze dieses Landes gegen zu erwartende

weitere Einfälle Rabehs vorzubereiten.

Die Rache Rabehs folgte auf dem Fusse. Kaum hatte dieser von dem guten

Empfange, den Gauranga den Franzosen bereitet hatte, erfahren, als

er mit seinen Truppen den Schari überschritt und nun vom südlichen

Kanem an bis zum 9. Breitengrade Baghirmi verwüstete. Eine Stadt nach

der anderen wurde eingenommen und zerstört. Gauranga floh vor dem

ergrimmten Lehnsherrn, nachdem er selbst seine Hauptstadt Massenja

verbrannt hatte, weiter nach Süden in die Heidengebiete. Hierauf

ging Rabeh auf das linke Schari-Ufer zurück und bezog wieder seine

Residenzstadt Dikoa. Dabei mag mitgewirkt haben, dass in Baghirmi eine

gefährliche Hungersnot ausgebrochen war.

Als Gentil sich nach Paris begab, hatte er einen anderen Beamten des

französischen Kongogebietes, Prins, mit der Aufgabe betraut, sich an

den Hof Gaurangas zu begeben, um als dauernder französischer Resident

bei dem Fürsten von Baghirmi zu verweilen. Prins war eben von einer

glücklichen Mission zu dem in N‘Delle residierenden Schech Muhammed

waled Abu Bakr es Senussi von Kuti zurückgekehrt. Die neuesten

politischen Verhältnisse hatten Frankreich gezwungen, die Ermordung

Crampels zu vergessen und freundschaftliche Beziehungen mit dem Mörder

anzuknüpfen.

Prins fuhr im April 1898 von der Gribingi-Station den Fluss gleichen

Namens bis zu seiner Vereinigung mit dem Schari[43], der dort noch den

Namen Bamingi führt, herab. Dann setzte er seine Reise auf dem Schari

fort. Im Gebiete der Sarra wurde er durch die Nachricht aufgehalten,

dass Gauranga sich auf der Flucht vor Rabeh nach dem Süden befände.

Mehr westlich am Logon bei den Bua traf er mit Gauranga zusammen und

blieb vier Monate bei ihm. Prins gab Gauranga den Rat, zwischen sich

und Rabeh durch gänzliche Vernichtung aller Dorfschaften und Saaten

eine für die Truppen Rabehs unpassierbare Zone herzustellen. Die

Ausführung des Vorschlages erwies sich als erfolgreich. Trotz der

misslichen Lage, in der sich Gauranga befand, musste er damals den

fälligen Tribut an Sklaven u. s. w. für Wadai sich verschaffen -- auf

Kosten der Heidenstämme, in deren Gebiet er sich aufhielt.[44]

Prins wagte Anfang des Jahres 1899 eine Orientierungsfahrt nach

Norden. Er schiffte den Schari auf einem eisernen Boote stromabwärts

und gelangte auf diesem bis nach Kusseri, etwa 1 km oberhalb der

Vereinigung des Logon mit dem eigentlichen Schari. Die Uferbevölkerung

des Schari erwies sich auch diesmal den Franzosen gegenüber freundlich,

da sie abermals in ihrer Ankunft den Beginn der Rettung vor Rabeh

erblickte. In Kusseri erfuhr der französische Vertreter, dass in der

unweit westlich gelegenen Stadt Afadé eine etwa 1000 Mann starke

Garnison Rabehs sich befinde. Auf der Rückfahrt traf Prins mit Herrn

de Behagle zusammen, der einer französischen kaufmännischen Mission

angehörte, welche die wirtschaftlichen und Handels-Verhältnisse im

Süden des Tschadsees zu studieren beauftragt war. Trotz des dringenden

Rates Prins’ liess sich Behagle nicht abhalten, seine Fahrt nach

Norden fortzusetzen. Der Unglückliche wurde von den in Afadé liegenden

Leuten ergriffen und zu Rabeh geführt. Eine zeitlang wurde er in Dikoa

gefangen gehalten. Noch bevor der endgiltige Zusammenstoss zwischen

Rabeh und den französischen Waffen erfolgte, soll er dem Verhungern

ausgesetzt oder erhängt worden sein.

Inzwischen hatte Gentil, der zum obersten Civilbeamten der ganzen

Gegend nördlich von Gribingi ernannt worden war, seine Expedition

energisch gefördert, und mit verhältnismässig bedeutenden Machtmitteln

ausgestattet erschien er wieder in Afrika. Die Aufgabe, welche er von

Paris mitbrachte, war eine doppelte. Erstens sollte er es Gauranga

ermöglichen, wieder die Herrschaft in seinem ganzen Reiche anzutreten,

und gegebenen Falles Rabeh mit Gewalt von weiteren Angriffen gegen

Gauranga abhalten. Zweitens sollte er in Wadai, das nach den jüngsten

Vertragsbestimmungen mit England[45] als zur Einflusssphäre des

französischen Kolonialbesitzes gehörig erklärt war, Fuss zu fassen

suchen und womöglich den Sultan von Wadai bestimmen, gemeinsam mit

Frankreich Rabeh zu bekämpfen.

Am oberen Schari angelangt, musste sich Gentil davon überzeugen, dass

Rabeh entschlossen war, Gauranga und den Franzosen den Zutritt zu dem

nördlichen Baghirmi zu verwehren, und dass nur der Sieg der Waffen

zwischen ihnen entscheiden würde. Rabeh hatte Dikoa abermals verlassen

und war den Schari aufwärts im Anmarsch begriffen. Es heisst, dass

er, als ihm die Ankunft Gentils gemeldet wurde, wieder einmal mit den

Vorbereitungen zu einem Kriegszug gegen Sokoto beschäftigt war.

Von den Franzosen waren Verbindungen vom Sitze der Centralregierung

des französischen Kongo bis zum Süden Baghirmis etappenmässig

eingerichtet worden. In Gribingi befand sich das Hauptquartier Gentils,

und dieser sandte einen seiner Offiziere, den Administrateur Bretonnet

mit zwei Franzosen, dem Leutnant Braun und dem Maréchal de logis

Martin, sowie 30 senegalesischen Schützen, verstärkt durch zahlreiche

Eingeborene, als Avantgarde voraus. Ein weiterer französischer

Offizier, Durand-Autier, der dem inzwischen nach Frankreich

heimgekehrten Prins als französischer Vertreter bei dem Sultan Gauranga

gefolgt war, hatte einen französischen Unteroffizier Pouret und 10

Senegalesen bei sich. Rabeh hatte inzwischen in dem schon von Natur

geschützten gebirgigen Gebiete von Njellim, ungefähr 20 km südöstlich

von Kuno bei Togbao am Schari, 9° 42′ nördlicher Breite, in nächster

Nähe der deutsch-französischen Grenze, eine feste Stellung eingenommen.

Bretonnet liess sich verleiten, dem Feinde entgegen zu gehen, ohne

weitere Verstärkungen abzuwarten. Er schreibt am 17. Juli 1899 an

Gentil, dass er seinerseits eine beherrschende, gut zu verteidigende

Position, in welcher 30 Mann sich gegen eine Armee halten konnten,

bezogen habe, dass er ausser 6 Weissen 44 senegalesische Schützen und 3

Kanonen in einem von ihm errichteten Fort bei sich habe, und dass der

Sultan Gauranga mit ungefähr 400 Gewehren bei ihm sei; Rabeh verfüge

über 2000 Mann und 1500 Reiter. Später stellte es sich heraus, dass

Bretonnet die Streitkräfte seines Gegners weit unterschätzt hatte.[46]

Am folgenden Tage scheint der Zusammenstoss zwischen Bretonnet und

Rabeh erfolgt zu sein. Der Kampf endigte mit der vollständigen

Vernichtung der Kolonne Bretonnets. Nach dem Berichte Gentils hatte er

gegen etwa 12000 Mann zu kämpfen, von denen 2700 mit Gewehren bewaffnet

waren. Bretonnet, Braun und Martin wurden getötet. Von den Schützen

Bretonnets fielen alle bis auf drei, die verwundet und gefangen wurden.

Einem von diesen gelang es, aus der Gefangenschaft zu entkommen und die

Nachricht von der Niederlage Gentil zu überbringen. Rabeh selbst hatte

starke Verluste. Es hiess, dass sein Sohn Niebe bei dieser Gelegenheit

verwundet wurde. Gauranga ergriff wieder einmal die Flucht vor seinem

furchtbaren Gegner und setzte sich bei Lai fest. Von Durand-Autier,

Pouret und ihren Senegalesen verlautet im ersten officiellen Berichte

nichts. Später stellte es sich heraus, dass auch sie gefallen waren.

Das gesamte Kriegsmaterial Bretonnets fiel Rabeh in die Hände.

Als Gentil den vorerwähnten Brief Bretonnets empfing, hatte er sich,

immer den Schari entlang, mit einer Kompagnie in Eilmärschen auf den

Weg gemacht, um der Vorhut Unterstützung zu bringen. In Gaura (9°

20′), am 26. August, erreichte ihn die Hiobspost von dem Untergange

Bretonnets. Darauf wurde in Gaura ein Lager bezogen, Verstärkung

von Gribingi herbeigeholt und sodann in Tunija (9° 15′) der weitere

Vormarsch vorbereitet. Tunija wurde zu einem stark befestigten Fort

ausgebaut, das den Namen Fort Archambault erhielt. In den südlichen

Stationen waren kleine Besatzungen zurückgelassen worden, in Gribingi

65 Schützen.

Inzwischen hatte sich Rabeh nordwärts nach Kuno zurückbegeben. Gentil

erfuhr, dass er sich mit dem Schech Muhammed es Senussi von Kuti

vereinigen wolle, um mit ihm gemeinsam die französische Hauptmacht

anzugreifen. Infolge dessen ergriff Gentil selbst die Offensive.

Den Oberbefehl über die Truppen erhielt der Kapitän Robillot. Die

französischen Streitkräfte setzten sich wie folgt zusammen: Erstens

die Flotille, deren Führung Gentil persönlich übernahm, bestehend aus

einem Dampfboot mit einem Schnellfeuergeschütz, das ein grösseres

Boot mit einer anderen Revolverkanone in Schlepptau hatte, ferner

aus zwei Stahlbooten und einem Holzboote, das Ganze bedient von 2

Europäern und 45 Eingeborenen, wovon 25 Kombattanten; zweitens die

Artillerie, bestehend aus einer Sektion 80 mm-Berggeschütz und einer

Sektion 65 mm-Marinegeschütz, geführt von 3 Europäern; drittens drei

Tirailleurs-Kompagnien, die eine bestehend aus 3 Europäern und 127

Senegalesen, die zweite aus 3 Europäern und 97 Senegalesen, die

dritte aus 3 Europäern und 83 Senegalesen; hierzu kam eine grosse

Anzahl eingeborener Träger u. s. w. -- im ganzen, wie der officielle

Bericht sagt, 20 Europäer und 344 schwarze Kombattanten.[47] Die

erste Kompagnie stand unter dem Befehl des Kapitän Jullien, die

zweite unter dem Kapitän de Cointet und die dritte unter dem Kapitän

de Lamothe. Im Fort Archambault wurde eine kleine Garnison unter

einem Europäer zurückgelassen. Der Vormarsch erfolgte auf dem linken

Schari-Ufer, die Truppen stets begleitet von den Schiffen. Am 29.

Oktober morgens gelangte man in die Nähe von Kuno. 3 km vor der Stadt

wurde die Artillerie von den Schiffen an das Ufer gebracht, das hier

wellenförmige Formationen zeigte. Die Träger liessen ihre Lasten zurück

und beluden sich statt dessen mit Munition. Darauf ging die Flotille

wieder vor und auch die Landtruppen setzten sich kampfbereit in

Bewegung. Die Schiffe folgten dem Marsche der Avantgarde.

Der Feind hatte den Anmarsch bemerkt, und als die Kolonne 2 km vor

Kuno in die Ebene eintrat, sah sie eine Tirailleurs-Kette der Leute

Rabehs 500 m von der Stadt entfernt sich ihr in raschem Lauf nähern.

Grössere feindliche Massen strömten aus der Stadt. Gleichzeitig wurde

aus den Geschützen der Kolonne und den Revolverkanonen der Flotille

das Feuer eröffnet. Rabeh antwortete mit den drei Geschützen, die er

von Bretonnet gewonnen hatte. Das feindliche Feuer war gut gezielt

und ruhig und verursachte während des ganzen Tages grosse Verluste.

Der Kampf hatte 9½ Uhr begonnen. Um 11½ Uhr waren die Truppen bis

auf 600 m an die Stadt herangerückt, als der rechte Flügel des

Feindes in die hinteren Reihen der Franzosen einzudringen drohte.

Aber ein koncentrierter Angriff warf den linken feindlichen Flügel

derartig, dass der Eintritt in die Stadt erkämpft wurde, in welche

der Feind sich geflüchtet hatte. Die Strassen wurden nach und nach

genommen und die Häuser in Brand gesteckt. Jetzt sah man sich einem

im Innern der Stadt rechteckig angelegten befestigten Lager (Tata)

gegenüber, von dessen Pallisadenmauern ein mörderisches Feuer auf die

Angreifer herabgeschickt wurde. Die französischen Reihen wurden im

Augenblick decimiert und gezwungen, sich hinter die letzten vor dem

Befestigungswerk befindlichen Häuser zurückzuziehen. Um das innere

Lager entbrannte darauf ein heisser Kampf. Erst nachmittags um 3 Uhr

stellte die feindliche Artillerie ihr Schiessen ein. Damit war die

Befestigung jedoch keineswegs genommen. Das Gewehrfeuer seitens der

Belagerten wurde energisch fortgesetzt, und eine halbe Stunde später

war nur eine einzige der französischen Kanonen noch imstande zu feuern.

Der Oberstkommandierende Robillot war verwundet. Eine Bresche war in

die feindliche Befestigung nicht geschlagen worden. Bei den Versuchen,

das Fort zu erstürmen, wurden immer mehr Leute verloren, und endlich um

4 Uhr nachmittags musste die Belagerung aufgegeben werden. Gleichzeitig

aber verbreitete sich die Nachricht, dass Rabeh selbst schwer verwundet

und nach Westen geflohen sei. Später hiess es allerdings, Rabeh sei

schon am Vormittag verwundet worden, und dies habe dazu beigetragen,

dass seine Truppen ins Wanken gerieten und die Franzosen in die Stadt

eindringen konnten. Auch wurde in der Folge festgestellt, dass Rabeh

selbst bis zum Abzug der Franzosen im inneren Fort von Kuno geblieben

ist, während der grösste Teil seiner Truppen schon vorher die Stadt

verlassen hatte. Die Besatzung des Forts aber hatte den Beweis

geliefert, dass sie, um den Rückzug ihres Herrn zu decken, sich bis auf

den letzten Mann hatte niedermachen lassen.

Gentil nimmt an, dass der Feind, wie bei Togbao, 12000 Mann stark

gewesen sei. Augenscheinlich waren die Soldaten Rabehs seit langem

daran gewöhnt, sich lediglich auf ihre Gewehre zu verlassen. Sie

nutzten ihre Kavallerie, als der Gegner siegreich war, in keiner

Weise zum Angriff aus. Die Befestigung des Forts in Kuno bestand

hauptsächlich aus starken, mehr als 2½ m hohen Pallisaden. Aus den

Zwischenräumen der Holzstämme wurde herausgeschossen. An mehreren

Stellen war eine zweite Pallisadenreihe in einem zweiten Stockwerke

über der ersten angebracht, aus welcher gleichfalls gefeuert wurde.

Aus hohen Bäumen im Innern der Befestigung wurde sodann noch wie aus

einem dritten Stockwerke geschossen. Der Verlust auf französischer

Seite war sehr bedeutend: Ein Europäer und 43 Senegalesen tot, fünf

Europäer, unter ihnen der Oberstkommandierende, und 106 Senegalesen

verwundet, im ganzen also nahezu die Hälfte der gesamten Truppen ausser

Gefecht gesetzt. Die Flotte hatte vortreffliche Dienste geleistet durch

Bombardierung der Stadt und Verfolgung des aus der Stadt nach den Ufern

sich bewegenden oder flüchtenden Feindes, sowie besonders durch eine

regelmässige Zuführung von neuen Patronen und Artilleriemunition. Es

waren 300 Schuss 80 Millimeter-Geschütz und 600 Schuss Revolver-Kanone

abgegeben worden. -- Auch Rabeh hatte schwere Verluste zu verzeichnen.

Unter den Toten, welche er verlor, sollen sich einige seiner besten

Offiziere und namentlich einige seiner Bannerführer befunden haben,

nämlich Fakih Achmed, der gleichzeitig ein in hohem Ansehen bei ihm

stehender Geistlicher und Rechtsgelehrter war, ferner Abu Bekr und

Osman Schecho.

Überzeugt, mit den ihnen verbliebenen Streitkräften das Fort von

Kuno doch nicht nehmen zu können, beschlossen die Franzosen, wieder

stromaufwärts zu marschieren.[48] Am Abend wurde ein Lager 1200 m

oberhalb Kunos am Schari auf einem erhöhten Platze bezogen, die Flotte

nahm in nächster Nähe Stellung. Ein vielleicht zu erwartender Angriff

des Feindes erfolgte in der Nacht jedoch nicht. Am kommenden Tage wurde

nach Überschreitung des Schari der Rückzug nach Fort Archambault auf

dem rechten Ufer angetreten, der sich ohne Zwischenfall vollzog. Am 6.

November wurde das Fort wieder erreicht.

Hier wurden weitere Verstärkungen erwartet, welche Gentil sich

persönlich bei dem Gouverneur des französischen Kongo, Monsieur de

Lamothe, der nach Gribingi gekommen war, erbat. Alsbald wurden auch

drei weitere Offiziere und 120 Senegalesen nach dem Fort gesandt.

Etwas stromabwärts, in Sada, wurde ein äusserster Vorposten unter dem

Kommando des Kapitän de Cointet errichtet.

[41] Es sind verschiedene Linien geplant, die vom Norden nach

dem Tschadsee bezw. nach Timbuktu und Dahomey führen sollen. Die

südlichsten grösseren Ortschaften auf den bereits vollendeten

Bahnstrecken sind Biskra und mehr im Westen Ain Sefra.

[42] Vergl. die Karte.

[43] Das Stromsystem des Schari ist sehr verworren. Eine ganze

Anzahl Flüsse entspringen von einer breiten, von West nach

Ost sich hinziehenden Wasserscheide, die sich in keiner

grossen Entfernung vom Ubangi befindet. Im Heidengebiet der

Sarra nähern sich die verschiedenen Ströme einander mehrfach

derart, dass Sumpfland zwischen ihnen entsteht. Aber etwa am

10. Breitengrade, dort wo die Flüsse in das Tschadseegebiet

eintreten, und wo der eigentliche Schari die Ostgrenze

zwischen unserer und der französischen Kolonie bezeichnet,

haben sich bereits zwei besondere Ströme aus den verschiedenen

Nebenflüssen gebildet: der östliche Schari und der westliche

Logon. Bemerkenswert ist, dass der Schari, wie Prins mitteilt,

zwischen dem 9. und dem 10. Breitengrade die Tendenz hat, seinen

Lauf nach Osten zu verlegen. Beide Flüsse sind auf deutschem

Gebiet für Dampfboote schiffbar, die allerdings, soweit es

sich bis jetzt beurteilen lässt, einen Tiefgang von nicht mehr

als 4 m haben dürfen und infolgedessen am besten mit einer

Heckrad-Vorrichtung zu versehen sein würden. Beim Zusammenfluss

des Logon mit dem Schari messen beide Ströme ungefähr je 2

km in der Breite. Der Logon hat hier eine Tiefe von 5 m. Der

Schari schwillt nach Foureau oft derart an, dass sein Bett an

einzelnen Stellen mehr als 6 und 8 km breit wird, und dass seine

Wasserfläche ausserdem noch die Ufer weithin überschwemmt.

Der grösste Teil des westlichen Ufers des Schari nördlich des

10. Breitengrades, also des uns zustehenden Gebietes, ist

muhammedanisch. Im nördlichen Teile wird vorwiegend Kanuri, aber

auch arabisch gesprochen. Das Land zwischen Schari und Logon

ist besonders fruchtbar und reich bevölkert. (Vergl. Prins in

Bulletin de la Société de Géographie, 1900, S. 177 ff.).

[44] Es ist bemerkenswert, dass damals noch der Sultan von Wadai,

wiewohl Baghirmi in das Rabeh’sche neue Reich aufgegangen

war, bei den Bua einen eigenen dauernden Bevollmächtigten

unterhielt, der insbesondere für die richtige Eintreibung

eines Sondertributs zu sorgen hatte. Trotz der Anwesenheit

des französischen Vertreters und trotz der drohenden Haltung

Rabehs musste der König Gauranga von Baghirmi, um seinerseits

die dem Sultan von Wadai schuldige Anzahl von Sklaven sich zu

verschaffen, die Hauptstadt des Bua-Häuptlings, Korbol, einen

mit Mauern umgebenen befestigten Platz, zerstören. Vergl. Prins

a. a. O. S. 181.

[45] Vergl. Déclaration additionnelle du 21. Mars 1899 à la

Convention Franco-Anglaise du 14. Juin 1898.

[46] Vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique Française, 1899,

S. 362 ff.

[47] Vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique Française, 1900, S. 163.

[48] Es ist bemerkenswert, dass dieser Rückzug zu Entstellungen

durch die afrikanische Fama führte, so dass Nachrichten von

einer Niederlage der Franzosen nach der Küste drangen.

Rabeh und das Tschadseegebiet · 第 24 / 42 题