Über ein Jahr scheint Friede in dem Rabeh’schen Reiche geherrscht zu
haben. Die Völkerschaften standen unter dem Eindruck der Umwälzung
aller bisherigen Verhältnisse und waren derartig eingeschüchtert durch
das energische und rücksichtslose Auftreten des brutalen Eroberers,
dass sie an keine Erhebungen dachten und Rabeh ihren Tribut sandten.
Die ersten Kämpfe, welche nach seiner Festsetzung in Dikoa gemeldet
werden, scheinen im Norden Baghirmis oder im Süden der noch zu Kanem zu
rechnenden Gebiete am Ostufer des Tschadsees stattgefunden zu haben.
Sie müssen nicht bedeutend gewesen sein. Der Sieg der Rabeh’schen
Waffen war rasch und die Folgen anscheinend nicht besonders drückend
für die betroffenen Gegenden. Die Leute von Dekena und Assala, Vasallen
von Wadai, mussten Rabeh Tribut zahlen. Dieses Vorgehen wurde vom
Sultan Jussuf von Wadai mit einer Kriegserklärung an Rabeh beantwortet,
die jedoch keine Folgen hatte.
Der erste wirkliche Krieg richtete sich gegen Mandara,[37] das
unweit im Süden der Hauptstadt Dikoa gelegene Bergland, welches die
Tschadseeebene vom Benue-Gebiet und Adamaua trennt. Hier hatte der
bereits erwähnte älteste Spross des entthronten Königshauses von Bornu,
Omar Sanda, Zuflucht bei dem angestammten Duodezfürsten gefunden,
und allem Anschein nach wollte er von hier aus die Rückeroberung
seines Reiches vorbereiten. Mandara weigerte Rabeh den Tribut, und
Rabeh ging deshalb gegen das Bergland vor. Der König von Mandara und
der Bornu-Prinz unterlagen im Kampfe, der Sultan von Mandara wurde
getötet. Rabeh nahm die Hauptstadt ein, verwüstete das umliegende
Land und erbeutete zahlreiche Sklaven. Dem Sohn und Nachfolger des
Mandarafürsten gelang es aber, in die südlich gelegenen schwer
zugänglichen Berge zu flüchten und den Verfolgungen Rabehs sich zu
entziehen. Der Sieger kehrte mit reicher Beute beladen nach Dikoa
zurück. Doch war im Grunde genommen dieser Kriegszug erfolglos, denn
Mandara konnte sich seine Selbständigkeit bewahren. Der neue Sultan
von Mandara wagte es sogar später, zweimal grössere Züge in die von
Rabeh besetzte Ebene auszuführen, die wieder Repressalien seitens
des Eroberers zur Folge hatten. Überdies hinterliess das Vorgehen
gegen Mandara eine Verstimmung bei dem Kaiser von Sokoto, welcher die
Lehnsoberhoheit über das Bergland beansprucht.
Demnächst sah Rabeh sich veranlasst, Zinder mit Krieg zu überziehen,
dessen Sultan Achmed Jakudima dan[38] Ibrahim (Tanemo) zu grossem
Wohlstande -- und damit geht im Innern Afrikas Macht Hand in Hand --
gelangt war, so dass sein Vasallenverhältnis zu Bornu in den letzten
Jahrzehnten bereits locker geworden war. Zinder war, wie erwähnt, einer
der Hauptsitze der tripolitanischen Händler und hierher hatte sich auch
Omar Sanda, der Sohn des entthronten Bornusultans Haschem, der sich in
Mandara nicht mehr sicher fühlte, geflüchtet.
Rabeh hatte im Jahre 1896 einen Residenten in Zinder eingesetzt,
um seinen Vasallen besser überwachen zu können. Der Sultan von
Zinder versagte aber den Tribut und verstand es, eine Reihe weiterer
Duodezfürsten im Westen von Bornu zu bewegen, gemeinsame Sache mit
ihm zu machen. Es waren dies der Sultan Duna von Beddi, Abdu ibn
Sultan Djebril von Katagum, Na‘am ibn Bochari von Chadidja und Sultan
Abdu ibn Habu von Gumel. Chadidja und Katagum gehören zu den im
Vasallenverhältnis zu Sokoto stehenden Staaten. Es heisst, der Schech
der Senussi habe den Sultanen von Zinder und Gumel, zwischen welchen
Differenzen entstanden waren, die Mahnung zugehen lassen, sie sollten
die Streitigkeiten unter einander vergessen und lieber gegen den neuen
Friedensstörer sich verbünden.
Rabeh schickte seinen Sohn Fadel Allah gegen die widerspenstigen
Fürsten. Das erste Ergebnis war, dass das nächst gelegene Beddi schwer
heimgesucht und wieder unter Abhängigkeit gebracht wurde. In dem
Zusammenstoss mit den Leuten Zinders und seiner anderen Verbündeten war
Fadel Allah jedoch unglücklich. Die Herren von Beddi und Gumel sollen
bei diesen Kämpfen gefallen sein, aber nach schweren Verlusten musste
Fadel Allah unverrichteter Sache sich zurückziehen. Bis zu Rabehs
Tode hat Zinder seiner Tributpflicht nicht mehr genügt, vielmehr sich
feindlich verhalten.
Dieser unglückliche Kriegszug ist von den Gegnern Rabehs zu einem
grossen Triumphe seiner Feinde aufgebauscht worden. In Tripolis
tauchten falsche Nachrichten von dem Tode Rabehs und seines Sohnes
Fadel Allah auf, die bis nach Europa drangen und sich übrigens auch in
der Folge mehrfach wiederholten.
Bald darauf rüstete sich Rabeh zu einem weiteren Kampfe im Westen.
Diesmal galt es, den Sultan von Sokoto selbst anzugreifen. Über
die genauen Gründe für diesen Krieg ist es einstweilen noch schwer,
bestimmte Angaben zu machen. Zunächst zürnte Rabeh dem Kaiser von
Sokoto, weil dieser seine Vasallenfürsten von Katagum und Chadidja
nicht von der vom Sultan von Zinder geschaffenen Koalition gegen ihn
abgehalten hatte. Vor allem aber dürften handelspolitische Erwägungen
und der Einfluss der in Sokoto angesiedelten tripolitanischen Kaufleute
den Kampf zwischen dem neuen Herrscher von Bornu und dem Kaiser von
Sokoto veranlasst haben. Ferner scheint es, dass Haiatu nunmehr das
Ziel seiner Wünsche zu erreichen hoffte, den Thron von Sokoto zu
besteigen oder wenigstens für seinen Sohn Mundjeli zu sichern, der
einstweilen das von ihm gegründete kleine Reich Balda im Süden von
Bornu für ihn verwaltete. Das Verhältnis zwischen Rabeh und Haiatu
wurde naturgemäss in Sokoto ebenso unliebsam vermerkt, wie der Angriff
Rabehs auf Mandara.
Die Vorbereitungen zu dem Kriege gegen Sokoto müssen sehr
umfassend gewesen sein. Zum zweiten Male stellte sich Rabeh einer
Völker-Koalition entgegen, indem jetzt die sämtlichen im Westen von
Bornu gelegenen Tributärstaaten des Kaiserreiches, durch die materielle
Interessengemeinschaft zusammengeführt, sich mit ihrem Oberherrn zum
Kampf verbanden, obgleich dessen Autorität im Osten seines Reiches in
den letzten Jahrzehnten stark erschüttert war.
Indess wurde der Kampf zwischen Rabeh und Sokoto nicht zum Austrag
gebracht. Wohl wird von Gefechten gesprochen, die im Osten Kanos
stattgefunden haben und für Rabeh günstig ausfielen, während einzelne
seiner Truppenführer in kleineren Scharmützeln geschlagen wurden. Rabeh
beutete seinen Erfolg aber nicht aus, sondern kehrte, noch bevor er
Kano erreichte, mit seinem grossen wohlgerüsteten Heere nach Dikoa
zurück. Über die Gründe dieses Verhaltens laufen die widersprechendsten
Gerüchte um; Abgesandte des Emirs von Yola und der mit diesem damals
verbündeten Royal Niger Company sollen Rabeh bewogen haben, von einem
Kampf gegen den Kaiser von Sokoto, den Oberlehnsherrn von Yola,
abzustehen. Andererseits heisst es, dass ernste Zwistigkeiten zwischen
Rabeh und Haiatu ausgebrochen waren, dessen ehrgeizigen Planen Rabeh
nicht weiter Vorschub leisten wollte.[39]
Wie dem auch sei, kaum nach Dikoa zurückgekehrt, hatte Rabeh es mit
einem Aufstande Mundjelis, des Sohnes Haiatus, zu thun, der den in
Balda bei ihm zurückgelassenen Residenten oder Vertrauensmann Rabehs
getötet oder vertrieben hatte. Um diese Zeit wurde Haiatu, wenn nicht
auf Veranlassung, so doch zweifellos mit Wissen Rabehs ermordet. Rabeh
soll von Haiatu verlangt haben, seinen Sohn nach Dikoa zu bringen,
was von Haiatu mit der Entschuldigung abgelehnt worden sei, dass er
keine Macht mehr über ihn besitze. Darauf seien Truppen gegen Mundjeli
geschickt worden, die erfolglos gekämpft hätten, und Rabeh habe dann
Haiatu, den er im Verdacht hatte, mit seinem Sohne zu konspirieren,
getötet. Von anderer Seite wird berichtet, der fromme Haiatu habe in
seiner Eigenschaft als Kadi einen wegen Mordes angeklagten höheren
Offizier Rabehs zu töten befohlen. Infolgedessen sei es zum Kampfe
zwischen den alten Soldaten Rabehs, geführt von Fadel Allah, und
Haiatus Parteigängern gekommen, und in diesem Kampfe sei Haiatu
zur Sühne des Todes des alten Basingers selbst erschlagen worden.
Wahrscheinlich sind beide Lesarten zu vereinigen. Rabeh traute seit
langem Haiatu nicht mehr, Mundjeli dürfte Selbständigkeitsgelüste
gezeigt und Rabeh einen strengen Richtspruch Haiatus als Anlass benutzt
haben, um diesen durch die Freunde des Abgeurteilten töten zu lassen.
Mundjeli hat sich jedenfalls in der Folge unterwerfen müssen. Das von
Haiatu gegründete Staatswesen von Balda ist zerfallen.[40]
Im Jahre 1898 erfolgte ein Aufstand in Kuka. Die Stadt, welche
seinerzeit von Rabeh nach siebentägiger Plünderung verlassen wurde,
war, wie erzählt, mit seiner Erlaubnis nach Errichtung der Hauptstadt
Dikoa teilweise wieder aufgebaut und mit einer Besatzung belegt worden.
Der Aufstand wurde mit Energie niedergeworfen, und nunmehr wurde Kuka
zum zweiten Male derart zerstört, dass die Franzosen den einst so
volkreichen Ort im Jahre 1900 völlig verödet vorfanden.
Bis zum Jahre 1898 hatte Rabeh es nur mit eingeborenen Gegnern zu thun
gehabt. Jetzt geriet er in Konflikt mit einer europäischen Macht, mit
Frankreich, und dank verschiedenen glücklichen Umständen blieben die
Waffen der Weissen bei diesem Zusammenstoss in letzter Linie siegreich.
Wohl hatten die Tschadseevölker im Laufe der Jahrhunderte mehr als eine
fremde Invasion erduldet. Auf den meisten Thronen innerafrikanischer
Staaten sassen Fürstengeschlechter, die nicht eines Stammes mit den
eingeborenen Völkern waren. Die Dynastien gehörten höheren Rassen an,
teils waren es Fulbe, teils leiteten sie ihren Ursprung aus Arabien
selber her. Sie alle waren jedenfalls Muhammedaner, und gerade dieses
hatte ihnen das Übergewicht in ihrer neuen Heimat verschafft. Zur
Zeit Rabehs aber waren die dominierenden Volksklassen am Tschadsee
überall selbst schon Muhammedaner. Bis zum Benuë hin und weit über
diesen hinaus hatte der Islam -- wenn auch nicht durchweg -- schon
Eingang gefunden. Die Neuerung, welche Rabeh durch die Annahme
mahdistischer Ideen schaffen wollte, verfing nicht. Die Kaderi -- und
zu dieser Bruderschaft gehören fast alle Bornuleute und das herrschende
Geschlecht in Bornu, die Kanemiden -- mussten ihrer religiösen
Überzeugung nach den Mahdismus der Derwische von Omdurrman ablehnen.
Den gleichen Standpunkt diesem Mahdismus gegenüber vertrat auch der
Oberschech der Senussi, der allem Anschein nach selbst im Süden des
Tschadsees gegen Rabeh zu wühlen imstande war.
Die rücksichtslose Strenge, mit der der Islam und die Scharia im
Hoflager Rabehs geübt wurde, war unbequem, und das tyrannische
Auftreten seiner Soldateska hatte ihn über alle Maassen verhasst
gemacht.
Wiewohl Rabeh vom Osten kam und als Araber sich ausgab, sahen die
Fulbe, Kanuri und die wirklich von Arabern abstammenden Nomadenvölker
im Süden des Tschadsees auf ihn herab und bezeichneten den Eindringling
verächtlich als Sklaven. In der neuen Heimat, die er sich am Tschadsee
schaffen zu können glaubte, vermochte er noch keinen Stützpunkt zu
finden, und dies wurde Rabeh in dem Kampfe, den er nunmehr zu bestehen
hatte, zum Verderben.
Wäre sein Zusammenstoss mit den Franzosen etwa ein Jahrzehnt später
erfolgt, so hätten diese, aller Voraussicht nach, schwierigere
Verhältnisse am Tschadsee gefunden. An dem von der neuen Hauptstadt
des Usurpators emanierenden Wohlstande hätten auch die eingeborenen
Bewohner mehr und mehr teilgenommen. Rabeh und seine Söhne hatten
Frauen aus Bornu genommen und naturgemäss hatte sich seine Soldateska
gleichfalls durch Heiraten in fortschreitendem Masse mit der
Bevölkerung assimiliert. Die dem verrotteten Regierungssystem der
Kanemi gegenüber immer noch eine Verbesserung bedeutende Verwaltung
des Reiches unter Rabeh hätte trotz harter Bedrückungen doch zur
Vermehrung des Wohlstandes und der Widerstandsfähigkeit wie Dikoas so
auch des übrigen Bornu beigetragen und die Bewohner von Bornu hätten
alsdann in Rabeh den gleichfalls muhammedanischen Begründer einer
neuen Dynastie gesehen, den sie gegen fremde Angriffe mitverteidigt
hätten, um sich ihre neugefestete Machtstellung in Central-Afrika
zu erhalten. Diese mit einiger Wahrscheinlichkeit zu vermutende
Entwickelung der Dinge sich vollziehen zu sehen, fand Rabeh keine
Zeit. Als die Franzosen ihren Vormarsch gegen ihn begannen, war er in
den Augen der Tschadsee-Völker noch der verhasste Eroberer, dessen
Joch bitter empfunden wurde. Musste Rabeh doch gegen den Willen der
Eingeborenen seine immer neu sich ergänzende Soldateska mit neuen
Weibern versehen und für diese Menge von Menschen den nötigen Unterhalt
sich verschaffen.
[37] Mandara ist das im deutschen Kolonialatlas von Richard Kiepert,
Blatt 2, Äquatorial-Westafrika, abgeschlossen 1892, verzeichnete
und in unserer Einflusssphäre gelegene Berggebiet, das Barth
auch Wandala nennt. Vergl. Barth Bd. II S. 709, Nachtigall Bd.
II S. 382, 433 ff.; Petermanns Ergänzungsheft Bd. XXXIV (1872);
Rohlfs No. 2 ff.; Denham and Clapperton Kap. 3 S. 99 ff.;
Passarge, Adamaua passim.
[38] Dan ist die Haussa-Bezeichnung für das arabische ibn oder waled
= Sohn.
[39] Nach anderen Quellen hätte Rabeh im ganzen dreimal den Anlauf
gemacht, das Reich von Sokoto zu erobern, jedesmal aber sei
es zum wirklichen Kampfe zwischen den beiden Mächten nicht
gekommen. Das erstemal hätte er sehr bald schon nach seiner
Festsetzung in Dikoa ein Heer zum Angriff bei Borsari zwischen
Kuka und Kano gesammelt. Damals hätte er aus Mangel an Munition
den Krieg nicht zum Austrag gebracht. Auch heisst es weiter,
dass damals schon die Royal Niger Company sich in dieser
Angelegenheit im Interesse des Kaisers von Sokoto verwandt habe.
Der zweite Fall wäre der oben beschriebene gewesen, und zum
dritten Male hätte Rabeh sich auf dem Kriegspfade nach Westen
befunden, als ihm die Ankunft der Franzosen am Schari gemeldet
wurde und er zur Bestrafung Gaurangas nach Baghirmi eilte.
[40] Der Tod Haiatus gab neuerdings Veranlassung, dass Gerüchte von
der Ermordung Rabehs nach Tripolis drangen. Es hiess, Haiatu
habe Rabeh durch seine Tochter vergiften lassen, weil Rabeh
in das Land seiner Väter, in Sokoto, eingedrungen sei.
Augenscheinlich ist hier der Wunsch der Vater des Gedankens
gewesen. Vergl. den interessanten Brief eines Haussa-Mannes
vom 12. Dezember 1897 bei Lippert, Rabeh, in den Mitteilungen
des Seminars für orientalische Sprachen, Berlin, 1899, S. 255.
Übrigens scheinen Haussa-Leute Haiatu als einen der ihrigen in
Anspruch genommen zu haben. Vergl. Passarge a. a. O. S. 189.