VII. Neue Kämpfe Rabehs.

Über ein Jahr scheint Friede in dem Rabeh’schen Reiche geherrscht zu

haben. Die Völkerschaften standen unter dem Eindruck der Umwälzung

aller bisherigen Verhältnisse und waren derartig eingeschüchtert durch

das energische und rücksichtslose Auftreten des brutalen Eroberers,

dass sie an keine Erhebungen dachten und Rabeh ihren Tribut sandten.

Die ersten Kämpfe, welche nach seiner Festsetzung in Dikoa gemeldet

werden, scheinen im Norden Baghirmis oder im Süden der noch zu Kanem zu

rechnenden Gebiete am Ostufer des Tschadsees stattgefunden zu haben.

Sie müssen nicht bedeutend gewesen sein. Der Sieg der Rabeh’schen

Waffen war rasch und die Folgen anscheinend nicht besonders drückend

für die betroffenen Gegenden. Die Leute von Dekena und Assala, Vasallen

von Wadai, mussten Rabeh Tribut zahlen. Dieses Vorgehen wurde vom

Sultan Jussuf von Wadai mit einer Kriegserklärung an Rabeh beantwortet,

die jedoch keine Folgen hatte.

Der erste wirkliche Krieg richtete sich gegen Mandara,[37] das

unweit im Süden der Hauptstadt Dikoa gelegene Bergland, welches die

Tschadseeebene vom Benue-Gebiet und Adamaua trennt. Hier hatte der

bereits erwähnte älteste Spross des entthronten Königshauses von Bornu,

Omar Sanda, Zuflucht bei dem angestammten Duodezfürsten gefunden,

und allem Anschein nach wollte er von hier aus die Rückeroberung

seines Reiches vorbereiten. Mandara weigerte Rabeh den Tribut, und

Rabeh ging deshalb gegen das Bergland vor. Der König von Mandara und

der Bornu-Prinz unterlagen im Kampfe, der Sultan von Mandara wurde

getötet. Rabeh nahm die Hauptstadt ein, verwüstete das umliegende

Land und erbeutete zahlreiche Sklaven. Dem Sohn und Nachfolger des

Mandarafürsten gelang es aber, in die südlich gelegenen schwer

zugänglichen Berge zu flüchten und den Verfolgungen Rabehs sich zu

entziehen. Der Sieger kehrte mit reicher Beute beladen nach Dikoa

zurück. Doch war im Grunde genommen dieser Kriegszug erfolglos, denn

Mandara konnte sich seine Selbständigkeit bewahren. Der neue Sultan

von Mandara wagte es sogar später, zweimal grössere Züge in die von

Rabeh besetzte Ebene auszuführen, die wieder Repressalien seitens

des Eroberers zur Folge hatten. Überdies hinterliess das Vorgehen

gegen Mandara eine Verstimmung bei dem Kaiser von Sokoto, welcher die

Lehnsoberhoheit über das Bergland beansprucht.

Demnächst sah Rabeh sich veranlasst, Zinder mit Krieg zu überziehen,

dessen Sultan Achmed Jakudima dan[38] Ibrahim (Tanemo) zu grossem

Wohlstande -- und damit geht im Innern Afrikas Macht Hand in Hand --

gelangt war, so dass sein Vasallenverhältnis zu Bornu in den letzten

Jahrzehnten bereits locker geworden war. Zinder war, wie erwähnt, einer

der Hauptsitze der tripolitanischen Händler und hierher hatte sich auch

Omar Sanda, der Sohn des entthronten Bornusultans Haschem, der sich in

Mandara nicht mehr sicher fühlte, geflüchtet.

Rabeh hatte im Jahre 1896 einen Residenten in Zinder eingesetzt,

um seinen Vasallen besser überwachen zu können. Der Sultan von

Zinder versagte aber den Tribut und verstand es, eine Reihe weiterer

Duodezfürsten im Westen von Bornu zu bewegen, gemeinsame Sache mit

ihm zu machen. Es waren dies der Sultan Duna von Beddi, Abdu ibn

Sultan Djebril von Katagum, Na‘am ibn Bochari von Chadidja und Sultan

Abdu ibn Habu von Gumel. Chadidja und Katagum gehören zu den im

Vasallenverhältnis zu Sokoto stehenden Staaten. Es heisst, der Schech

der Senussi habe den Sultanen von Zinder und Gumel, zwischen welchen

Differenzen entstanden waren, die Mahnung zugehen lassen, sie sollten

die Streitigkeiten unter einander vergessen und lieber gegen den neuen

Friedensstörer sich verbünden.

Rabeh schickte seinen Sohn Fadel Allah gegen die widerspenstigen

Fürsten. Das erste Ergebnis war, dass das nächst gelegene Beddi schwer

heimgesucht und wieder unter Abhängigkeit gebracht wurde. In dem

Zusammenstoss mit den Leuten Zinders und seiner anderen Verbündeten war

Fadel Allah jedoch unglücklich. Die Herren von Beddi und Gumel sollen

bei diesen Kämpfen gefallen sein, aber nach schweren Verlusten musste

Fadel Allah unverrichteter Sache sich zurückziehen. Bis zu Rabehs

Tode hat Zinder seiner Tributpflicht nicht mehr genügt, vielmehr sich

feindlich verhalten.

Dieser unglückliche Kriegszug ist von den Gegnern Rabehs zu einem

grossen Triumphe seiner Feinde aufgebauscht worden. In Tripolis

tauchten falsche Nachrichten von dem Tode Rabehs und seines Sohnes

Fadel Allah auf, die bis nach Europa drangen und sich übrigens auch in

der Folge mehrfach wiederholten.

Bald darauf rüstete sich Rabeh zu einem weiteren Kampfe im Westen.

Diesmal galt es, den Sultan von Sokoto selbst anzugreifen. Über

die genauen Gründe für diesen Krieg ist es einstweilen noch schwer,

bestimmte Angaben zu machen. Zunächst zürnte Rabeh dem Kaiser von

Sokoto, weil dieser seine Vasallenfürsten von Katagum und Chadidja

nicht von der vom Sultan von Zinder geschaffenen Koalition gegen ihn

abgehalten hatte. Vor allem aber dürften handelspolitische Erwägungen

und der Einfluss der in Sokoto angesiedelten tripolitanischen Kaufleute

den Kampf zwischen dem neuen Herrscher von Bornu und dem Kaiser von

Sokoto veranlasst haben. Ferner scheint es, dass Haiatu nunmehr das

Ziel seiner Wünsche zu erreichen hoffte, den Thron von Sokoto zu

besteigen oder wenigstens für seinen Sohn Mundjeli zu sichern, der

einstweilen das von ihm gegründete kleine Reich Balda im Süden von

Bornu für ihn verwaltete. Das Verhältnis zwischen Rabeh und Haiatu

wurde naturgemäss in Sokoto ebenso unliebsam vermerkt, wie der Angriff

Rabehs auf Mandara.

Die Vorbereitungen zu dem Kriege gegen Sokoto müssen sehr

umfassend gewesen sein. Zum zweiten Male stellte sich Rabeh einer

Völker-Koalition entgegen, indem jetzt die sämtlichen im Westen von

Bornu gelegenen Tributärstaaten des Kaiserreiches, durch die materielle

Interessengemeinschaft zusammengeführt, sich mit ihrem Oberherrn zum

Kampf verbanden, obgleich dessen Autorität im Osten seines Reiches in

den letzten Jahrzehnten stark erschüttert war.

Indess wurde der Kampf zwischen Rabeh und Sokoto nicht zum Austrag

gebracht. Wohl wird von Gefechten gesprochen, die im Osten Kanos

stattgefunden haben und für Rabeh günstig ausfielen, während einzelne

seiner Truppenführer in kleineren Scharmützeln geschlagen wurden. Rabeh

beutete seinen Erfolg aber nicht aus, sondern kehrte, noch bevor er

Kano erreichte, mit seinem grossen wohlgerüsteten Heere nach Dikoa

zurück. Über die Gründe dieses Verhaltens laufen die widersprechendsten

Gerüchte um; Abgesandte des Emirs von Yola und der mit diesem damals

verbündeten Royal Niger Company sollen Rabeh bewogen haben, von einem

Kampf gegen den Kaiser von Sokoto, den Oberlehnsherrn von Yola,

abzustehen. Andererseits heisst es, dass ernste Zwistigkeiten zwischen

Rabeh und Haiatu ausgebrochen waren, dessen ehrgeizigen Planen Rabeh

nicht weiter Vorschub leisten wollte.[39]

Wie dem auch sei, kaum nach Dikoa zurückgekehrt, hatte Rabeh es mit

einem Aufstande Mundjelis, des Sohnes Haiatus, zu thun, der den in

Balda bei ihm zurückgelassenen Residenten oder Vertrauensmann Rabehs

getötet oder vertrieben hatte. Um diese Zeit wurde Haiatu, wenn nicht

auf Veranlassung, so doch zweifellos mit Wissen Rabehs ermordet. Rabeh

soll von Haiatu verlangt haben, seinen Sohn nach Dikoa zu bringen,

was von Haiatu mit der Entschuldigung abgelehnt worden sei, dass er

keine Macht mehr über ihn besitze. Darauf seien Truppen gegen Mundjeli

geschickt worden, die erfolglos gekämpft hätten, und Rabeh habe dann

Haiatu, den er im Verdacht hatte, mit seinem Sohne zu konspirieren,

getötet. Von anderer Seite wird berichtet, der fromme Haiatu habe in

seiner Eigenschaft als Kadi einen wegen Mordes angeklagten höheren

Offizier Rabehs zu töten befohlen. Infolgedessen sei es zum Kampfe

zwischen den alten Soldaten Rabehs, geführt von Fadel Allah, und

Haiatus Parteigängern gekommen, und in diesem Kampfe sei Haiatu

zur Sühne des Todes des alten Basingers selbst erschlagen worden.

Wahrscheinlich sind beide Lesarten zu vereinigen. Rabeh traute seit

langem Haiatu nicht mehr, Mundjeli dürfte Selbständigkeitsgelüste

gezeigt und Rabeh einen strengen Richtspruch Haiatus als Anlass benutzt

haben, um diesen durch die Freunde des Abgeurteilten töten zu lassen.

Mundjeli hat sich jedenfalls in der Folge unterwerfen müssen. Das von

Haiatu gegründete Staatswesen von Balda ist zerfallen.[40]

Im Jahre 1898 erfolgte ein Aufstand in Kuka. Die Stadt, welche

seinerzeit von Rabeh nach siebentägiger Plünderung verlassen wurde,

war, wie erzählt, mit seiner Erlaubnis nach Errichtung der Hauptstadt

Dikoa teilweise wieder aufgebaut und mit einer Besatzung belegt worden.

Der Aufstand wurde mit Energie niedergeworfen, und nunmehr wurde Kuka

zum zweiten Male derart zerstört, dass die Franzosen den einst so

volkreichen Ort im Jahre 1900 völlig verödet vorfanden.

Bis zum Jahre 1898 hatte Rabeh es nur mit eingeborenen Gegnern zu thun

gehabt. Jetzt geriet er in Konflikt mit einer europäischen Macht, mit

Frankreich, und dank verschiedenen glücklichen Umständen blieben die

Waffen der Weissen bei diesem Zusammenstoss in letzter Linie siegreich.

Wohl hatten die Tschadseevölker im Laufe der Jahrhunderte mehr als eine

fremde Invasion erduldet. Auf den meisten Thronen innerafrikanischer

Staaten sassen Fürstengeschlechter, die nicht eines Stammes mit den

eingeborenen Völkern waren. Die Dynastien gehörten höheren Rassen an,

teils waren es Fulbe, teils leiteten sie ihren Ursprung aus Arabien

selber her. Sie alle waren jedenfalls Muhammedaner, und gerade dieses

hatte ihnen das Übergewicht in ihrer neuen Heimat verschafft. Zur

Zeit Rabehs aber waren die dominierenden Volksklassen am Tschadsee

überall selbst schon Muhammedaner. Bis zum Benuë hin und weit über

diesen hinaus hatte der Islam -- wenn auch nicht durchweg -- schon

Eingang gefunden. Die Neuerung, welche Rabeh durch die Annahme

mahdistischer Ideen schaffen wollte, verfing nicht. Die Kaderi -- und

zu dieser Bruderschaft gehören fast alle Bornuleute und das herrschende

Geschlecht in Bornu, die Kanemiden -- mussten ihrer religiösen

Überzeugung nach den Mahdismus der Derwische von Omdurrman ablehnen.

Den gleichen Standpunkt diesem Mahdismus gegenüber vertrat auch der

Oberschech der Senussi, der allem Anschein nach selbst im Süden des

Tschadsees gegen Rabeh zu wühlen imstande war.

Die rücksichtslose Strenge, mit der der Islam und die Scharia im

Hoflager Rabehs geübt wurde, war unbequem, und das tyrannische

Auftreten seiner Soldateska hatte ihn über alle Maassen verhasst

gemacht.

Wiewohl Rabeh vom Osten kam und als Araber sich ausgab, sahen die

Fulbe, Kanuri und die wirklich von Arabern abstammenden Nomadenvölker

im Süden des Tschadsees auf ihn herab und bezeichneten den Eindringling

verächtlich als Sklaven. In der neuen Heimat, die er sich am Tschadsee

schaffen zu können glaubte, vermochte er noch keinen Stützpunkt zu

finden, und dies wurde Rabeh in dem Kampfe, den er nunmehr zu bestehen

hatte, zum Verderben.

Wäre sein Zusammenstoss mit den Franzosen etwa ein Jahrzehnt später

erfolgt, so hätten diese, aller Voraussicht nach, schwierigere

Verhältnisse am Tschadsee gefunden. An dem von der neuen Hauptstadt

des Usurpators emanierenden Wohlstande hätten auch die eingeborenen

Bewohner mehr und mehr teilgenommen. Rabeh und seine Söhne hatten

Frauen aus Bornu genommen und naturgemäss hatte sich seine Soldateska

gleichfalls durch Heiraten in fortschreitendem Masse mit der

Bevölkerung assimiliert. Die dem verrotteten Regierungssystem der

Kanemi gegenüber immer noch eine Verbesserung bedeutende Verwaltung

des Reiches unter Rabeh hätte trotz harter Bedrückungen doch zur

Vermehrung des Wohlstandes und der Widerstandsfähigkeit wie Dikoas so

auch des übrigen Bornu beigetragen und die Bewohner von Bornu hätten

alsdann in Rabeh den gleichfalls muhammedanischen Begründer einer

neuen Dynastie gesehen, den sie gegen fremde Angriffe mitverteidigt

hätten, um sich ihre neugefestete Machtstellung in Central-Afrika

zu erhalten. Diese mit einiger Wahrscheinlichkeit zu vermutende

Entwickelung der Dinge sich vollziehen zu sehen, fand Rabeh keine

Zeit. Als die Franzosen ihren Vormarsch gegen ihn begannen, war er in

den Augen der Tschadsee-Völker noch der verhasste Eroberer, dessen

Joch bitter empfunden wurde. Musste Rabeh doch gegen den Willen der

Eingeborenen seine immer neu sich ergänzende Soldateska mit neuen

Weibern versehen und für diese Menge von Menschen den nötigen Unterhalt

sich verschaffen.

[37] Mandara ist das im deutschen Kolonialatlas von Richard Kiepert,

Blatt 2, Äquatorial-Westafrika, abgeschlossen 1892, verzeichnete

und in unserer Einflusssphäre gelegene Berggebiet, das Barth

auch Wandala nennt. Vergl. Barth Bd. II S. 709, Nachtigall Bd.

II S. 382, 433 ff.; Petermanns Ergänzungsheft Bd. XXXIV (1872);

Rohlfs No. 2 ff.; Denham and Clapperton Kap. 3 S. 99 ff.;

Passarge, Adamaua passim.

[38] Dan ist die Haussa-Bezeichnung für das arabische ibn oder waled

= Sohn.

[39] Nach anderen Quellen hätte Rabeh im ganzen dreimal den Anlauf

gemacht, das Reich von Sokoto zu erobern, jedesmal aber sei

es zum wirklichen Kampfe zwischen den beiden Mächten nicht

gekommen. Das erstemal hätte er sehr bald schon nach seiner

Festsetzung in Dikoa ein Heer zum Angriff bei Borsari zwischen

Kuka und Kano gesammelt. Damals hätte er aus Mangel an Munition

den Krieg nicht zum Austrag gebracht. Auch heisst es weiter,

dass damals schon die Royal Niger Company sich in dieser

Angelegenheit im Interesse des Kaisers von Sokoto verwandt habe.

Der zweite Fall wäre der oben beschriebene gewesen, und zum

dritten Male hätte Rabeh sich auf dem Kriegspfade nach Westen

befunden, als ihm die Ankunft der Franzosen am Schari gemeldet

wurde und er zur Bestrafung Gaurangas nach Baghirmi eilte.

[40] Der Tod Haiatus gab neuerdings Veranlassung, dass Gerüchte von

der Ermordung Rabehs nach Tripolis drangen. Es hiess, Haiatu

habe Rabeh durch seine Tochter vergiften lassen, weil Rabeh

in das Land seiner Väter, in Sokoto, eingedrungen sei.

Augenscheinlich ist hier der Wunsch der Vater des Gedankens

gewesen. Vergl. den interessanten Brief eines Haussa-Mannes

vom 12. Dezember 1897 bei Lippert, Rabeh, in den Mitteilungen

des Seminars für orientalische Sprachen, Berlin, 1899, S. 255.

Übrigens scheinen Haussa-Leute Haiatu als einen der ihrigen in

Anspruch genommen zu haben. Vergl. Passarge a. a. O. S. 189.

Rabeh und das Tschadseegebiet · 第 23 / 42 题