Die Hauptstadt Kuka hatte Rabeh derartig der Verwüstung anheimgegeben,
dass ein Verbleiben an diesem Platze schon aus gesundheitlichen Gründen
nicht rätlich erschien. Er liess in den Trümmern der Riesenstadt nur
eine Besatzung zurück, um die einige Stadtteile wieder aufbauenden
Kanuri in Schach zu halten. Er selbst zog mit dem Gros seiner Truppen
nach dem Süden des Tschadsees und gründete sich hier in dem bereits
seit langer Zeit bestehenden, damals aber unbedeutenden Orte Dikoa
am Südwestrande des Sees auf deutschem Gebiet unweit der englischen
Grenze die Residenz, in welcher er seine Herrschaft über das neue von
ihm gewonnene Reich und die früher eroberten Gebiete ausübte. Dikoa
war bereits früher einmal, im Anfang des 19. Jahrhunderts, für kurze
Zeit die Hauptstadt des Bornu-Reiches gewesen. Die Stadt liegt in der
nördlich des Berglandes von Mandara sich bis zum Tschadsee ausdehnenden
weiten Ebene, die allem Anscheine nach zu den fruchtbarsten und
bevölkertsten Gebieten Innerafrikas gehört.
Mit der Niederwerfung Bornus hatte sich Rabeh ein Reich geschaffen,
wie es in dieser Ausdehnung seit Jahrhunderten in Afrika nicht mehr
bestanden hat. Die angestammten Fürsten der innerafrikanischen
Staatengebilde, welche früher dem schwachen Haschem noch tributär
geblieben waren, huldigten dem neuen Herrn von Bornu. Baghirmi war
in Rabehs Macht. In den wichtigsten Städten am Schari, in Mandjafa,
Buguman, Karnak-Logon, Kusseri und Gulfei sowie in den kleinen
Negerstaaten südlich von Baghirmi waren Besatzungen, aus Rabeh’schen
Sudanesen bestehend, zurückgelassen. In Kuti sass der Schech Muhammed
waled abu Bakr el Senussi, der Schwiegervater seines Sohnes, als
sein tributpflichtiger Vasall. Selbst in Dar Fertit und Dar Banda,
dem Schauplatze der ersten Thaten Rabehs nach seinem Auszuge aus dem
egyptischen Sudan, sollen seine Gefolgsleute noch um diese Zeit die
Oberhand behalten und sich als seine Mannen betrachtet haben, wenn auch
eine regelmässige Zusendung von Tribut auf diese riesige Entfernung hin
wohl kaum aufrecht erhalten werden konnte.
Das von Rabeh beherrschte oder zu seinem Einflussgebiete gehörige Reich
grenzte somit im Westen an das Staatengebilde von Sokoto, im Süden an
das zu Sokoto gehörige Emirat Adamaua, weiter verlief die Grenze, nach
Südosten weit ausholend, fast bis zum Ubangi. Die Ostgrenze bildete das
egyptische Mahdistenreich, die Nordgrenze Wadai mit seinen westlichen
Tributärstaaten, zu welchen auch Kanem gehörte, wenngleich südlichere
Distrikte des letztgenannten Gebiets sich auch in ein Tributverhältnis
zu Rabeh begeben hatten. Im Nordwesten wurde das Reich Rabehs begrenzt
durch den nördlichen Rand des Tschadsees und die von Tibbu-, arabischen
und Tuareg-Stämmen bewohnten und durchstreiften Gebiete der Sahara.
Das Rennen nach dem Tschadsee, das gerade um jene Zeit von
verschiedenen europäischen Mächten von Westen, Süden und Norden
unternommen wurde, gewann also ein aus dem Osten kommender Outsider,
ein muhammedanischer Schwarzer.
Der afrikanische Napoleon bemühte sich nunmehr, seinem Reich ein
festes Gefüge zu geben. Diese Aufgabe ist ihm nicht gelungen, derart
dass er in der Lage gewesen wäre, die finanziellen und militärischen
Hilfsquellen der sämtlichen von ihm eroberten Gebiete sich nutzbar
zu machen. Der Grund dafür lag zunächst in der gewaltigen Ausdehnung
seines Reichs. Er fand einfach keine Zeit, es in eine feste Organisation
zu bringen. Dann aber glückte es ihm nicht, irgend eines der grossen
neu gewonnenen Länder dermassen an sich zu binden, dass er auf dessen
Bevölkerung bauen und in Kriegszeiten eine willige Gefolgschaft sich
hätte sichern können. Er blieb somit im Grunde auch in der Folge nur
auf seine aus aller Herren Ländern zusammengewürfelte Soldateska
angewiesen. Diese war wohl geeignet, fremde Länder zu erobern, nicht
aber unter den obwaltenden Umständen das Rückgrat für eine staatliche
Organisation zu bilden, wie dies bei einer angestammten Bevölkerung der
Fall gewesen wäre.
Nachdem er alte, festgegliederte Staaten über den Haufen geworfen
hatte, in welchen ihm alle Sympathien fehlten, konnte er nur in so weit
eine wirkliche Regierungsgewalt ausüben, als die Macht der Truppen
seines Hauptlagers und seiner detachierten Besatzungen reichte, und
das war im Grunde genommen, nachdem er einmal in Dikoa seine Residenz
aufgeschlagen, nur im Bornureich selbst. Die im näheren Umkreis
wohnenden Fürsten huldigten ihm aus Furcht, und Rabeh beschränkte sich
darauf, Tribut von ihnen einzufordern. Wenn er selbst aus den weit im
Osten liegenden Gebieten noch Unterwürfigkeitsbezeugungen und Geschenke
empfing, so mag dabei die leicht erklärliche Besorgnis mitgespielt
haben, dass der Eroberer dermaleinst nach Osten zurückkehren müsse,
wenn er sich in den westlichen Gebieten am Tschadsee nicht mehr würde
halten können.
Im allgemeinen hatte er die angestammten grösseren und kleineren
Fürsten der von ihm eroberten Landschaften als Vasallen an der
Regierung belassen und nur hin und wieder neue Gouverneure eingesetzt.
Den Vasallen gab er alsdann ihm treu ergebene Leute als Berater und
Beobachter bei. Wo er mit seiner Soldateska nicht thatsächlich die
Hand auf die Bevölkerung legte, hatte diese im Grunde genommen nur den
fremden Oberherrn, den die kleinen Fürstentümer so wie so gewöhnlich
besassen, gewechselt oder einen neuen Oberherrn hinzubekommen. Dabei
scheint Rabeh den Grundsatz zur Richtschnur gemacht zu haben, dass die
bisherigen Steuern erhalten bleiben sollten, aber die eine Hälfte des
Ertrages musste jetzt nach Dikoa abgeführt werden, während die andere
Hälfte den Vasallenfürsten verblieb. Selbstverständlich ist dieser
Grundsatz bei den von der Centralstelle weiter abliegenden Ländern
wohl niemals in vollem Umfange zur Durchführung gelangt. Der näher
befindliche Sultan Gauranga scheint allerdings furchtbar unter den
Ansprüchen Rabehs gelitten zu haben. In Bornu selbst verlangte Rabeh
eine Kopfsteuer im Betrage von 1 Rial für jeden Mann.
Für die Verwaltung des Rabeh’schen Reiches gab ebenso wie für seine
Eroberungspolitik der Islam den Grundton an.
In Dikoa wurde das muhammedanische Recht (die Scharia) gehandhabt,
welches die Strafen der Wiedervergeltung und blutige Ahndungen für
gewisse Verbrechen, das Abschlagen der Hand für rückfälligen Diebstahl
u. s. w., vorschreibt. Haiatu, den Rabeh, wie berichtet ist, zum
obersten Richter, zum Kadi, gemacht hatte, wird als ein gründlicher
Kenner des koranischen Rechts geschildert und war zweifellos
ein Mann von besonderer Bildung. Dass man in Centralafrika einem
verhältnismässig hohen Bildungsgrad begegnen kann, dafür giebt die
Thatsache die Erklärung, dass der Islam im Innern des schwarzen
Erdteils seit tausend Jahren Eingang gefunden hat, und dass immer
wieder wenigstens einzelne seiner afrikanischen Bekenner durch
die Pilgerfahrten[29] nach Mekka mit einer höheren Civilisation
in Berührung kommen. Im letzten Jahrhundert haben verschiedene
Bruderschaften, in erster Linie die Kaderi und die Tidjani, in jüngster
Zeit die Senussi, an der Ausbreitung der panislamischen Bildung
mitgewirkt. Europäische Reisende haben im Innern Afrikas Übersetzungen
von Aristoteles ins Arabische und andere wissenschaftliche Werke
gefunden und in Wadai, Bornu, Sokoto u. s. w. mit gescheiten Männern
verkehrt, die ihnen die Niederschreibung der oft glorreichen Geschichte
ihrer Länder ermöglichten.[30] Von Kairo aus werden jetzt alljährlich
arabisch gedruckte Bücher des verschiedenartigsten Inhalts, ebenso wie
arabische Zeitungen, von den centralafrikanischen Pilgern nach der
Heimat mitgebracht.
Die Betonung des islamischen Gedankens hat Rabeh nicht gehindert,
die Sklavenjagden, die, aus der alten heidnischen Zeit stammend, in
allen muhammedanischen Ländern Innerafrikas bis auf den heutigen Tag
beibehalten sind, auch seinerseits auszuüben -- auf ihnen baut sich ja
im Grunde genommen seine ganze Eroberungspolitik auf. Furchtbar müssen
die Grausamkeiten sein, welche bei Sklavenjagden ausgeübt werden. In
den waldreichen Gegenden pflegen die Gehetzten sich auf die grossen
Bäume zurückzuziehen, von welchen die Sklavenjäger ihre Beute nach und
nach herabschiessen oder herunterholen. Sind aber die Sklaven einmal
erbeutet, so können sie einer menschlichen Behandlung sicher sein,
schon der Koran giebt ausdrücklich sehr strenge Vorschriften für eine
gute Behandlung der Sklaven. Insbesondere hat Rabeh für diejenigen, die
er in die Reihen seiner Soldaten aufgenommen hat, wie für seine alten
Basinger gesorgt, ihnen Weiber gegeben und sie an der Beute teilnehmen
lassen: die Hälfte der Beute an Vieh und Menschenmaterial gebührte ihm,
die andere Hälfte seinen Kriegern. Die frischen Truppen entwickelten
sich sehr bald zu ebenso treuen Gefolgsleuten des immer weiter vorwärts
dringenden Eroberers, wie die alten Sudanesen, und so wurden die
Sklavenjagden für Rabeh die Quelle unversieglicher Machtmittel.
Dikoa entwickelte sich als Hauptstadt des Rabeh’schen Reiches aus
einem kleinen Dorfe rasch zu einer gewaltigen Stadt, die bei dem
Sturze Rabehs angeblich schon weit über 100000 Einwohner zählte. Rabeh
baute sich hier einen Palast, befestigte Wohnungen für seine Truppen,
Pulverniederlagen u. s. w. Sein Palast und die Häuser seiner Söhne
waren mit grossem Luxus ausgestattet. Sie bildeten mit den Kasernements
und Waffenmagazinen ein eigenes von Mauern umgebenes Stadtviertel,
um das sich die äussere, durch den Zuzug von Kaufleuten und Menschen
aus allen Teilen Afrikas immer mehr sich vergrössernde übrige Stadt
ausdehnte.
In seiner neuen Residenzstadt richtete sich Rabeh nach dem Muster der
von ihm niedergeworfenen centralafrikanischen Sultane ein; indess
scheint er den Titel „Sultan“ oder „König“ niemals angenommen zu haben.
Von tripolitanischen Kaufleuten wurde er vielfach als Hakim „der die
Regierung Ausübende“ bezeichnet -- nicht unmöglich, dass er sich auf
Grund eines eigenen Beschlusses so hat nennen lassen. In türkischen
Zeitungen findet sich dieser Titel für ihn wieder, und verstümmelt
als Kakim oder Abu Hakim ging er auch in europäische Blätter über.
Von den eingeborenen Bornu-Leuten wird er wegwerfend als Sklave oder
Sklavenführer bezeichnet.
In seinem Familienleben war Rabeh von patriarchalischer Strenge. Er
hatte mehrere Frauen. Es scheint, dass er verschiedentlich Töchter
überwundener Fürsten selbst heiratete oder seinen Söhnen zu Frauen
gab. Wir sahen, dass sein ältester Sohn die Tochter des Schech
Muhammed es Senussi von Kuti heiratete und dass eine seiner eigenen
Frauen die Tochter des Sokoto-Prinzen Haiatu war. Ausser den vor dem
Kadi angetrauten Frauen, deren der Muhammedaner bekanntlich vier
gleichzeitig haben darf, besass Rabeh noch zahlreiche Sklavinnen. Das
Frauenabteil seines Hauses soll gegen 1000 Personen beherbergt haben.
Von den Söhnen Rabehs sind drei bekannt geworden, Fadel Allah, Niebe
und Mahmud. Jedenfalls ist Fadel Allah der Lieblingssohn Rabehs
gewesen. Schon seit langer Zeit war er als sein Nachfolger bestimmt und
wurde als solcher behandelt. Niebe, den die Franzosen als besonders
gefährlich schildern, wurde später in den Kämpfen mit den Franzosen
bei Kusseri schwer verwundet und dürfte, wiewohl er das Pferd wieder
besteigen konnte, ein Krüppel geblieben sein. Es heisst, dass Niebe
sich einmal mit einer Frau aus dem Harem seines Vaters vergangen habe,
und dass Rabeh seinen Sohn deswegen öffentlich habe auspeitschen
lassen. Der dritte Sohn Rabehs, Mahmud, muss gegenwärtig etwa 12 oder
13 Jahre alt sein. Fadel Allah besass zwei Söhne, Muhammed, den die
Tochter des Herrn von Kuti, namens Hadja, ihm geboren hat, und Abdul
Medjid, dessen Mutter eine Bornufrau war. Die einzige bekannt gewordene
Tochter Rabehs, Haua, eine energische und kriegerische Frau, war
dreimal verheiratet. Ihr zweiter Gatte war, wie erzählt, Haiatu, Rabehs
Schwiegervater. Als dieser später von den Leuten Rabehs getötet wurde,
heiratete sie den Führer eines Fähnleins, Hibid (Abed), der aus Numro
im südlichen Wadai stammt.
Rabeh ist stets ein Soldatenfürst gewesen und geblieben. Sein Heer
war in 20 Abteilungen geteilt. Wie im Mittelalter die „Fähnlein“, so
unterstand jede einzelne Abteilung einem selbständigen Führer, der eine
eigene Fahne besass, auf welcher sein Name in arabischer Schrift nebst
frommen muhammedanischen Sprüchen, aus buntem Tuche ausgeschnitten,
aufgenäht war. Das Banner und die Abteilung selbst wird Alam genannt.
Jeder einzelne Soldat war mit einer Beschreibung seines Gewehres in ein
Register eingetragen. In den grösseren Garnisonorten waren einzelne
Befehlshaber mit ihren Truppen einquartiert, während das Gros sich an
dem Hoflager Rabehs in Dikoa befand. Ein Teil der Bannerführer ist in
den letzten Kämpfen von den Franzosen getötet oder gefangen worden. Die
Namen der Unterführer Rabehs sind von Gentil, welchem demnächst die
Aufgabe zufiel, das Reich Rabehs zu zertrümmern, aufgezeichnet und mir
in freundlicher Weise zur Verfügung gestellt worden. Es waren dieses 7
Djellaba: Babigir (Abu Bekr), Osman Schecho, Gadem (Guddam), Djebarra,
Siddik, Hibid, Tar; 2 Kresch: Kapsul (Abu Kapsul) und Tchokko; 2
Araber: Ith und Schech Dahab, letzterer aus dem Wadai vom Wadi
Salamat; 1 Djengi: Serrur; 4 Leute aus Bornu: Beschara, El Hadj Gombo,
Scherif Adjila und Abba Gaua.
Die Truppen wurden regelmässig gedrillt, dabei mag es wohl ähnlich
zugegangen sein, wie bei den früheren egyptischen Regimentern im Sudan,
in denen Rabeh selbst gross geworden war, und aus deren Reihen die
meisten seiner Offiziere hervorgegangen waren. Jeden Freitag hielt
Rabeh eine Parade über die in seinem Lager vereinigten Leute ab, und
er machte die Offiziere persönlich für die Fehler, die er fand, so
z. B. für schlechtes Halten der Waffen, verantwortlich; er strafte aber
in einem solchen Falle den Offizier mit Prügeln und überliess ihm die
Züchtigung seiner Untergebenen.
Die Zahl der Truppen, die Rabeh vor seinem Zusammenstoss mit den
Franzosen besass, ist sehr verschieden geschätzt worden. In Egypten
glaubte man, dass Rabeh mindestens über 30000 Mann verfügt habe, wovon
etwa 8000 mit Gewehren bewaffnet, die allerdings fast zur Hälfte nur
Schrotgewehre gewesen seien. Nach französischer Berechnung betrug
die reguläre Infanterie Rabehs etwa 4000 Mann, in 20 Kompagnien
eingeteilt, mit Gewehren bewaffnet, wovon 1500 Repetiergewehre, und
ausserdem etwa 15000 Lanzenträger und 4000 Reiter, die vorwiegend
zum Aufklärungsdienst verwendet wurden und während des Kampfes
absassen. Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich die mit Schiesswaffen
ausgerüsteten Kerntruppen auf 4- bis 5000 Mann berechne. Die Artillerie
Rabehs war schwach. Er besass eine Anzahl vor allem in Kuka erbeuteter
alter Kanonen und Wallbüchsen. Dennoch wussten einzelne seiner Leute
die modernen Geschütze zu bedienen, die ihm bei den Kämpfen mit
Bretonnet in die Hände fielen.
Seit jeher war die Beschaffung von Feuerwaffen und Munition eine
der Hauptsorgen Rabehs und eine der für seine ganze Eroberungs- und
Handelspolitik maassgebenden Erwägungen. Aus dem egyptischen Sudan
und von Norden her über Tripolitanien, wahrscheinlich auch von Westen
her durch Händler, welche mit der Royal Niger-Company in Verbindung
standen, hat er zu verschiedenen Zeiten gute Präcisionswaffen erhalten.
Alle im Kampf erbeuteten Gewehre mussten dem Oberanführer abgeliefert
werden. Durch die Niedermachung der Crampel’schen und später der
Bretonnet’schen Kolonne hat Rabeh sich mehrere hundert französische
Hinterlader verschafft. Im Kampfe wurde jedem Gewehrträger ein weiterer
Mann beigegeben, der nach dem Tode des Schützen dessen Waffe an sich zu
nehmen und den Kampf fortzusetzen hatte. Das unnötige Abschiessen einer
Kugelpatrone im Frieden wurde mit dem Tode bestraft.
Unter Rabehs Leuten befanden sich Büchsenschmiede, welche Steinschloss-
und Luntenflinten in Präcisionsgewehre für Zündhütchen umzuwandeln und
überhaupt die Gewehre in jeder Beziehung auszubessern imstande waren.
Die abgeschossenen Metallhülsen der Kugelpatronen wurden sorgfältig
gesammelt und aufbewahrt, um wieder frisch gefüllt zu werden. Die
neuen Kugeln wurden meist aus Zinn, Zink oder Eisen hergestellt.
Pulver soll übrigens auch im Lager selber hergestellt worden sein, das
allerdings viel weniger weittragend als das europäische war. In Dikoa
ist ein Pulvermagazin bei der Einnahme der Stadt durch die Franzosen
in die Luft gesprengt worden. Die Rabeh’schen Basinger werden als gute
Schützen geschildert. Die Feuerdisciplin scheint auch nach dem Zeugnis
der Franzosen hervorragend gewesen zu sein.
Zu dem Tross der Basinger gehörten regelmässig zahlreiche Weiber und
Kinder. Einzelne der Offiziere Rabehs sollen bis zu 80 Weiber gehabt
haben. Naturgemäss macht die Ernährung einer solchen Menge keine
geringen Schwierigkeiten. Die Mitnahme der Frauen bedeutet übrigens
nach afrikanischen Begriffen keine Schwächung des Heeres. Die Frauen
helfen den Truppen im Lager, bei den Transporten u. s. w. Die erbeutete
Sklavin folgt ihrem Herrn ohne Widerstreben, und der Basinger pflegt
seine Frauen und Kinder bis auf das äusserste zu verteidigen, ein
Umstand, der zum Ausharren im Kampf und zum Zusammenhalt der Truppen
nicht wenig beiträgt.
Rabeh scheint nach seiner Festsetzung in Dikoa zunächst bemüht
gewesen zu sein, ein gutes Verhältnis mit seinen mächtigen
Nachbarn anzuknüpfen, vor allem, um seinem Reiche eine gedeihliche
Handelsthätigkeit zu ermöglichen. Als solche kamen im Grunde für
ihn nur zwei in Betracht: im Westen Sokoto, im Osten Wadai. Bei dem
westlichen Nachbar Sokoto hatten seine Bemühungen anfänglich Erfolg,
wenigstens blieben die Handelsbeziehungen zwischen Bornu und Sokoto
zunächst dieselben wie früher. Dem Sultan Jussuf von Wadai sandte
er ein höfliches Schreiben und eine ganze Anzahl ausgesucht schöner
Sklavinnen aus dem Bestande des in Kuka in seine Hände gefallenen
Harems des Sultans Haschem. Aber Jussuf schickte die Geschenke zurück
und liess den Brief unbeantwortet. Ein Brief an den Schech der Senussi
soll gleichfalls ohne Antwort geblieben sein.
Um das weitere Vorgehen Rabehs zu verstehen, ist es nötig, einen Blick
auf die Abwicklung des Handels der innerafrikanischen Länder zu werfen.
Seit unvordenklichen Zeiten hat der Überschuss der Erzeugnisse der
Länder des Tschadseegebiets seinen Weg nach Norden gesucht; vom Norden
her wurden andrerseits die Fabrikate aus Gegenden höherer Gesittung den
Bewohnern Centralafrikas zugeführt. Dieses Verhältnis muss schon zur
Zeit der Römer bestanden haben. Die wertvollsten Handelsgüter, welche
aus dem Herzen Afrikas zum Mittelmeer kamen, waren Straussenfedern
und Elfenbein und die menschliche Ware: Sklaven. Die am meisten
begangene Strasse war in den letzten Jahrhunderten diejenige, welche
vom Tschadsee direkt nordwärts über die Oasen Bilma und Kauar nach
Murzuk und Tripolis führte. Diese Strasse verband das Mittelmeer im
geraden Zuge mit dem Sultanate Bornu, das viele Jahrhunderte lang das
mächtigste Reich in Innerafrika war, und dessen Hauptstadt, wenn auch
mehrfach verlegt, sich stets in unmittelbarster Nähe des Tschadsees
befand. Von Bornu aus gingen dann weitere Strassen nach Osten und
Westen. Die Handelswege waren gleichzeitig die Pilgerstrassen,
auf welchen die innerafrikanischen Muhammedaner nach Mekka
wallfahrteten.[31]
Der Handel von Bornu mit dem Mittelmeer wird durch tripolitanische
Kaufleute vermittelt. Seit Jahrhunderten sind Familien aus Tripolis
und aus den tripolitanischen Oasen Ghadames und Ghat in den Städten
des Tschadseegebiets ansässig geworden, welche für ihre an der Küste
lebenden Verwandten und Geschäftsfreunde den Handel vermitteln: sie
nehmen die Waren der vom Norden herkommenden Karawanen in Empfang,
stapeln sie auf, und verkaufen sie im Innern oder verschicken sie
weiter; die Tauschgüter, welche die Karawanenführer nach Tripolitanien
zurücktransportieren sollen, bringen sie zusammen und sorgen nach
Möglichkeit für die nach der Küste gehenden Karawanen. Vor allem aber
haben sie die oft nicht leichten Verhandlungen mit den Fürsten der
einzelnen kleinen Staatengebilde, in denen sie sich aufhalten, zu
erledigen, um die Karawanen durch deren Gebiet sicher durchzubringen,
ohne dass zu viel Zoll von ihnen verlangt wird. Durch Geschenke,
welche sie bei solchen Gelegenheiten an die Mitglieder der Höfe und
die Fürsten selbst zu zahlen pflegen, haben diese Kaufleute vielfach
und namentlich an den Knoten- und Centralpunkten der Handelsstrassen
erheblichen Einfluss gewonnen. In einzelnen Hauptstädten der
Tschadseeländer sind oft fünfzig und mehr tripolitanische Familien
ansässig und zu gewissen Zeiten des Jahres mehrere Tausend Kaufleute,
Karawanenführer, Begleitmannschaften und Kameeltreiber aus dem Norden
versammelt. Der bedeutendste Platz dieser Art ist jetzt Kano.
Die Centralstelle für diese Karawanenunternehmungen, für den Kredit
und die Zahlungen, befindet sich aber nicht in Innerafrika, sondern
in der Stadt Tripolis. Die Vermittelung des Geschäfts mit Europa
haben hier meist Levantiner in der Hand; der eigentliche Verkehr
und Handel mit dem Innern Afrikas, die Ausrüstung, Leitung und
Führung der Karawanen, wird von den eingeborenen tripolitanischen
Muhammedanern: Arabern und Berbern, besorgt. Meist sind die
Karawanenführer die mit grosser Selbständigkeit ausgestatteten Beamten
und Vertreter der tripolitanischen muhammedanischen Kaufhäuser,
seltener der levantinischen. Die Karawanen bestehen aus grossen Zügen
von Lastkameelen, bewacht und geleitet oft von mehreren Hundert
Bewaffneten. Der Wert der Handelsgüter, die eine solche Karawane
befördert, soll oft bis zu einer Million Mark betragen. Den Gefahren,
die durch Hunger und Durst in der Wüste und durch feindliche Überfälle
drohen, entspricht die Höhe des erwarteten Gewinns, der gegen 100
Procent des Wertes der nach dem Innern gebrachten Güter zu entsprechen
pflegt.
Dieserart ist Tripolis seit Jahrhunderten der Ausgangspunkt für den
Handel nach den Saharaländern, von Timbuktu und Sokoto an bis nach
Wadai und Darfur hin gewesen. Den Handel im Südwesten des Tschadsees
besorgten namentlich Haussa, denjenigen im Osten von Bornu nach
Baghirmi, Wadai u. s. w. vor allem wieder Araber.
Eine Einbusse hatte der tripolitanische Handel durch die Ereignisse
im Anfange des 19. Jahrhunderts erlitten. In erster Linie war durch
die Flotten Napoleons dem Korsarenunwesen in den afrikanischen
Gewässern des Mittelmeers ein Ende gemacht worden. Bis dahin
mussten europäische Schiffer, die nach diesen Gewässern ohne Schutz
verschlagen wurden, gewärtig sein, ihre Mannschaften und Passagiere
als Sklaven landeinwärts wandern zu sehen. Mit der Erstarkung
der Expansionspolitik der europäischen Mächte, mit der Eroberung
Algeriens durch die Franzosen, dem Zurückgehen der türkischen Macht,
der Europäisierung Egyptens, dem Verluste der Selbständigkeit von
Tunis, sowie vor allem infolge des starken Dampferverkehrs im ganzen
Mittelmeer schon vor der Eröffnung des Kanals von Suez war die
Verschiffung der aus Centralafrika nach der Küste gesandten Sklaven aus
den Hafenorten fast unmöglich geworden. Tripolis, die Hauptstadt der
türkischen Regierung in Nordafrika, hörte auf, ein Sklavenstapelplatz
zu sein, und gerade der Sklavenhandel aus Innerafrika musste sich in
erster Linie einen neuen Weg suchen.
Diesen fand er zum Teil auf der Strasse, welche im Osten aus Wadai
durch die Libysche Wüste, über Kufra und Djalo, nach den Häfen der
tripolitanischen Provinz Benghazi führte. Die Strasse stand unter dem
Patronat des Schech der Senussi; durch den Einfluss der Bruderschaft
traten auf ihr in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neben den
arabisch-tripolitanischen Kaufleuten die Mudjabera, die Handelsleute
der Oasenorte am Nordrande der Libyschen Wüste, in den Vordergrund. Auf
dieser Strasse verschaffte sich der Sultan von Wadai die Feuerwaffen,
durch die er seinem Lande die Suprematie in Innerafrika zu erhalten
imstande war.
Eine weitere Beeinträchtigung erfuhr die Strasse vom Tschadsee über
Bilma, Kauar und Murzuk nach Tripolis durch den Zurückgang der Macht
der Fürsten von Bornu und das Aufkommen der Fulladynastie in Sokoto.
Immerhin ging auch der Handel von Sokoto hauptsächlich nach Tripolis
auf der Strasse über Zinder oder direkt über Agades, Ghat und Ghademes.
Der Verkehr aus Sokoto über den Niger nach der Atlantischen Küste blieb
trotz der Bemühungen der Royal Niger Company noch verhältnismässig
gering, vor allem wegen der damit verknüpften Schwierigkeiten und
wegen des Zwischenzolls, den unterwegs die kleinen Negerfürsten den
Waren auferlegten. Der Handel von Algerien und Tunesien direkt nach
dem Süden hin ist bis heute ohne Bedeutung geblieben. Viel weiter von
den Tschadseegebieten entfernt, sind diese Länder zudem durch die
Gebirgszüge des Atlas von den Ebenen des Inneren abgetrennt.
Schwer gefährdet aber wurden die Interessen der Tripolitaner, als seit
dem französischen Vorgehen im westlichen Sudan im Beginne der 80er
Jahre und vor allem seit der Eroberung von Timbuktu (am 10. Januar
1894), die Tuareg, jene dunkelfarbigen hamitischen Nomadenvölker, die
die westliche Sahara durchstreifen, in Bewegung gekommen und nach dem
Osten gedrängt worden waren. Sie hatten in den 90er Jahren Bilma und
Kauar mehrfach geplündert. Die Niederwerfung Bornus durch Rabeh hatte
das übrige gethan, um die Route über die beiden Oasenorte vollständiger
Unsicherheit preiszugeben. Bisher waren die Karawanenführer gewohnt,
an die Oasenbewohner und die Stämme der Sahara auf den althergebrachten
Strassen mässige Transitzölle zu zahlen, und die Regierung von Bornu
hatte immerhin noch einen gewissen Einfluss auf die Saharabewohner
ausüben können. Von weither kommende räuberische Tuaregstämme waren
jetzt die Alleinherrscher dieser Gegenden geworden.
Rabeh glaubte nun, den durch die geschilderten Momente schon so
wesentlich geschwächten Handel zwischen den Tschadseeländern und dem
Mittelmeer mit einem Schlage vernichten zu können. Als er, wie wir
sahen, mit seinem Freundschaftswerben bei dem Sultan von Wadai und
dem Schech der Senussi eine Absage erfahren hatte, schloss er sein
Land gegen Osten, Nordosten und Norden vollständig ab und verbot
insbesondere die Begehung der Karawanenstrasse vom Tschadsee über die
Oasen Bilma und Murzuk nach dem Mittelmeer. Damit sollte nicht nur der
Handel Wadais geschädigt und das Wirken der Senussi, die auf dieser
Route mehrere Zanijas besitzen, gehemmt, es sollten gleichzeitig die
tripolitanischen Kaufleute gestraft werden, denen zu zürnen Rabeh einen
besonderen Grund hatte.
Als er nämlich in Bornu einbrach, befand sich dort gerade eine starke
tripolitanische Handelskarawane. Die Tripolitaner hatten begreiflicher
Weise energisch für die alte Bornu-Dynastie Partei genommen, unter
deren Schutz sie den Handel mit den Tschadsee-Ländern betrieben hatten.
Einzelne von ihnen hatten sich sogar thätlich an dem Kampf gegen den
Eindringling beteiligt. Ihr Eigentum wurde beschlagnahmt, einige wurden
getötet, andere gefangen gehalten.
Für die Tripolitaner war die Sperrung der alten Karawanenstrasse
natürlich ein schwerer Schlag. Durch die Konfiscierung der
Karawanengüter in Kuka waren die grössten Kaufhäuser in der Stadt
Tripolis in schwere Mitleidenschaft gezogen. Auch die in den
westlichen Tributärstaaten von Bornu, in Zinder u. s. w., angesessenen
tripolitanischen Kaufleute mussten für ihre Habe und ihre Sicherheit
besorgt sein. Drei Jahre lang, von 1894-1896, wurden keine Karawanen
von Tripolis nach dem Tschadsee und solche nach Zinder und Sokoto nur
vereinzelt und in kleinem Umfange geschickt.
Naturgemäss musste der Handel der Tschadseeländer, dem die alten
Wege nach Osten und Norden verlegt waren, neue Ableitung suchen.
Dafür konnte jetzt nur eine Richtung in Betracht kommen, nach dem
Südwesten über den Benue und den Niger zum Meer. Die Interessen der
Royal Niger Company, welche den centralafrikanischen Handel über diese
Wasserstrasse an sich ziehen und nach dem Atlantischen Ocean lenken
wollte, trafen sich hier mit denen Rabehs, und es scheint, dass die
englische Gesellschaft damals mit Rabeh in Verbindung getreten ist[32]
Nach einer französischen Auslassung[33] wäre Rabeh sogar seiner Zeit
von der Niger Company aufgefordert worden, Bornu, mit dessen Sultan ihr
Vertreter Mackintosh im Jahre 1892 vergebens Verbindungen anzuknüpfen
versucht hatte, zu überrennen. Es heisst ferner, dass auch der Einfluss
des in Egypten lebenden Zuber Pascha aufgeboten worden sei, um Rabeh
für die Ableitung des Handels der Tschadseeländer nach dem Gebiete der
Royal Niger Company zu gewinnen.[34]
Wadai hatte inzwischen für den ausbleibenden Handel über Bornu
Ersatz in einer sich desto kräftiger entwickelnden Handelsthätigkeit
auf der Strasse über Kufra nach Benghazi gefunden. Der Schech der
Senussi leistete dieser Entwicklung, die den Handel Wadais durch sein
eigentlichstes Machtgebiet führte, jeden Vorschub.[35] Um jene Zeit
wurde ein besonders starker Import von Gewehren und Schiessmaterial aus
Benghazi nach Wadai festgestellt.
Rabeh musste sich sehr bald überzeugen, dass er sich verrechnet hatte
und dass es nicht so leicht ist, einen Handel, der seit Urzeiten eine
bestimmte Richtung besessen hat, willkürlich in andere Bahnen zu
führen. Wohl hatte der Sklavenfürst den tripolitanischen Kaufleuten
ausserordentlich grossen Schaden zugefügt, aber der Handel Bornus mit
dem Benuë und Niger wurde dadurch in keiner für den ausbleibenden
Verkehr mit dem Norden Ersatz bietenden Weise gefördert. Da die
Tripolitaner auch die Seele der Handelsthätigkeit in Zinder, Kano und
den sonstigen Sokotostädten waren, und sich infolge des schroffen
Vorgehens Rabehs mehr und mehr aus den seiner Machtsphäre am nächsten
gelegenen Orten zurückzogen -- ganz abgesehen davon, dass sie nicht
ihre Hand bieten mochten, um den Verkehr mit dem Norden unterbinden zu
helfen --, so geriet auch der Handel Bornus mit dem Westen ins Stocken,
und Rabeh konnte den Überschuss seiner Einnahmen an Naturalien und
seine Beute nun nicht mehr in der gewünschten Weise gegen Waffen,
Munition und dergleichen umsetzen.
Infolgedessen zog er andere Saiten auf und gab die Strasse vom
Tschadsee nach Norden wieder frei. Es kam hinzu, dass der Pascha
von Tripolis Rabeh direkt zur Wiederbelebung des Handels mit dem
Mittelmeere aufgefordert hatte, ein Schritt, der von Rabeh dem
Vertreter der türkischen Regierungsgewalt im Norden gegenüber mit
Höflichkeitsbezeugungen beantwortet wurde. Die gefangen gehaltenen
tripolitanischen Kaufleute wurden aus der Haft entlassen, und Rabeh
versicherte die Karawanenführer und Kaufleute aus Tripolis nunmehr
seines Schutzes. Für Tripolis war dies die höchste Zeit. Ich habe
mich dort während eines Besuches davon überzeugen können, wie diese
Stadt vollständig auf den Handel mit dem jenseits der Sahara gelegenen
Hinterlande im Innern Afrikas angewiesen ist.
Zwar liessen sich einige der von Rabeh freigelassenen Händler jetzt
in Dikoa nieder; aber das Misstrauen der übrigen tripolitanischen
Kaufleute im Innern und an der Küste war nicht so leicht zu
beschwichtigen. Abgesehen von der stets wachen Furcht vor einer neuen
Sinnesänderung des Herrn von Bornu war die ganze Gegend im Norden des
Tschadsees in jüngster Zeit nur noch sehr schwer passierbar geworden.
Die Schreckensherrschaft der ungezügelten Tuareg-Horden, die jetzt
hier ihr Unwesen schlimmer als jemals zuvor trieben, lähmte den
Unternehmungsgeist der Kaufleute an der Küste.[36] Die in Zinder
und den verschiedenen Hauptorten des Sokoto-Reiches ansässigen
tripolitanischen Händler verhielten sich geradezu ablehnend gegen Rabeh
und zeigten sich nicht gewillt, ihn durch Zuführung von Waffen und
Munition weiter zu stärken. Statt dessen begannen sie bei den Fürsten
im Westen von Bornu zu intriguieren, die sie zu gemeinsamen Vorgehen
gegen Rabeh vereinigen wollten.
[29] Der Beiname Hadji („Mekkapilger“) findet sich auch bei
centralafrikanischen Fürsten früherer Jahrhunderte.
[30] Namentlich haben Barth (Reisen und Entdeckungen in Nord- und
Centralafrika in den Jahren 1849-55) und Nachtigal (Sahara und
Sudan, Ergebnisse 6jähriger Reisen in Afrika, 1868-1874) die
Geschichte der Tschadseeländer in zum Teil sehr eingehender
Weise an Ort und Stelle aufzeichnen können, und dieses Material
ist in den am Schlusse dieser Arbeit gegebenen geschichtlichen
Abrissen von mir mit benutzt worden.
[31] Über die hauptsächlichsten innerafrikanischen Karawanenstrassen
vergl. den Anhang.
[32] Vergl. Ferryman, Imperial Africa, S. 356.
[33] Vergl. Jacques Daunis, Un Conquérant Soudanais, in der Revue de
Paris 1897, S. 362.
[34] Sei dem, wie ihm wolle, jedenfalls hat Zuber Pascha nach der
Eroberung von Bornu keinen Einfluss mehr auf seinen ehemaligen
Mann gehabt. Wohl hatte er viele Jahre lang Beziehungen mit
Rabeh unterhalten, und es ist oben bereits darauf hingewiesen
worden, dass Rabeh seinem früheren Herrn im Beginne seiner
selbständigen Laufbahn ein gewisses freundnachbarliches
Verhältnis mit Wadai zu verdanken hatte, wiewohl er sich in Dar
Runga und Kuti festgesetzt hatte, einem Gebiete, das nominell zu
den Tributärstaaten von Wadai gehörte. Im Jahre 1896 sind auch
noch Boten Zubers an Rabeh von Egypten nach Bornu aufgebrochen,
sie wurden jedoch durch die Machenschaften der Senussi in Djalo
aufgehalten und nach Egypten zurückgeschickt, wie auch in der
Folge die Senussi die Sendung von Nachrichten an Rabeh möglichst
zu hintertreiben versucht haben.
[35] Er verlegte, wie gesagt, im Jahre 1896 seine Residenz von
Djerabub nach der im Zuge der neuen Handelsstrasse mitten in
der Libyschen Wüste gelegenen Oase Kufra und später noch weiter
südwärts nach Goru im Lande Borku.
[36] Im Jahre 1901 ist wieder eine tripolitanische Karawane in der
Nähe von Agades nördlich von Zinder von Tuareg ausgeraubt
worden. Die Karawane soll Waaren im Werte von mehr als einer
halben Million Franken mit sich geführt, und bei ihrer
Verteidigung sollen 200 Karawanenleute ihr Leben verloren haben.
-- Sollten die Beraubungen der Karawanen in der Sahara durch
die Tuareg noch länger andauern, würde der Stadt Tripolis die
Lebensader abgeschnitten sein.