Nach dem vergeblichen Versuche, durch das Wadi Salamat in Wadai
einzudringen, kehrte Rabeh nicht mehr nach Dar Runga und Kuti zurück.
Er wandte sich südwestwärts und vergriff sich nunmehr zum ersten Male
an dem dem Sultan von Baghirmi gehörigen Gebiete. Rabeh muss damals
seine Raubzüge weit nach Westen und Süden hin ausgeführt und am
Gribingi bei Akungas (Dakongu) und im Gebiete der Sarra wie überhaupt
in der ganzen Gegend westlich von Kuti festen Fuss gefasst haben.
Als Länder, die von ihm um diese Zeit erobert wurden, werden ferner
angegeben: Banga, Waido und Bandei, kleine Negerstaaten, die sich zum
Teil in nächster Nähe vom Ubangi befinden. Der Sultan von Baghirmi
hatte Rabeh Tribut geschickt und dadurch einstweilen die Gefahr eines
direkten Angriffes seiner Soldateska von sich abgewendet.
Im Winter 1888/89 spielten sich Ereignisse in dem den
Derwischen verfallenen egyptischen Sudan ab, welche für die
Entwickelungsgeschichte der Macht Rabehs von grosser Bedeutung
werden sollten. In Darfur war die sogenannte Gumeza-Revolution[22]
ausgebrochen. Nachdem die Bewegung erstickt war, zog es ein grosser
Teil der Leute, die sich gegen den Chalifa Abdullahi erhoben hatten,
nach verlorener Sache vor, statt sich zu unterwerfen, mit ihren Waffen
und Weibern nach Westen zu ziehen und sich mit Rabeh zu vereinigen. Es
dürften wenigstens 1-2000 Mann gewesen sein, die aus diesem Anlass vom
egyptischen Sudan her zu ihm gestossen sind. Unter ihnen befanden sich
zahlreiche ehemalige egyptische Soldaten, die früher zu den Garnisonen
von Fascher und anderen Plätzen von Darfur gehört und unter Slatin
Pascha gedient hatten.
Rabeh näherte sich zunächst wieder dem Schauplatz seiner ersten Thaten,
den er betreten hatte, nachdem er sich von Soliman ibn Zuber getrennt.
Er eroberte Dar Fertit, wo sich die Derwische seitdem festgesetzt
hatten, wieder zurück. Doch wagte er sich nicht weiter an das Reich des
Chalifa heran.
Dann aber trat der entscheidende Wendepunkt in der Laufbahn Rabehs
ein; er beschloss, in kühnem Zuge nach dem Schari zu marschieren, den
Schwerpunkt seiner Thätigkeit und seines Reiches aus den Gegenden
im Süden von Darfur und Wadai nach dem Westen zu verlegen und am
Tschadsee die grossen seit Jahrhunderten dort bestehenden reichen
Sultanate zu überrennen, um aus ihren Trümmern sich ein eigenes grosses
Reich zu schaffen. Infolge der Verstärkung seines Heeres durch die
Flüchtlinge der Gumeza-Revolution und infolge seiner neuesten Erfolge
im Südosten von Baghirmi glaubte er sich stark genug, diesen Plan
zur Ausführung bringen zu können. Hierzu kam, dass er sich in seinem
bisherigen Aktionsgebiet nur noch schwer mit Munition und gutem Pulver
-- deren er in erster Linie immer bedürftig war -- versorgen konnte.
Durch den Angriff auf Wadai hatte er sich friedliche Handelsbeziehungen
mit dem Norden unmöglich gemacht. Das Gebiet von Kanem, welches sich
zwischen Wadai und dem Tschadsee befindet, war Wadai tributär oder
stand unter dem Einfluss des Ordens der Senussi. Von Norden her konnte
er sich also keine neuen Waffen und Munition verschaffen und ebenso
wenig nach Norden Elfenbein und den Überschuss an erbeuteten Sklaven
absetzen. Das Gebiet von Kuti aber muss nach allen Berichten infolge
Rabehs langjähriger Anwesenheit arg mitgenommen und zu dauernder
Rückkehr für ihn nicht mehr verlockend gewesen sein.
Im Jahre 1892 scheint Rabeh seinen Angriff gegen das Königreich von
Baghirmi begonnen zu haben. Der Herrscher dieses grossen Ländergebiets
war Muhammed Abd er Rachman Gauranga, der Sohn des Sultans Abd el
Kader abu Sekkin. Gauranga, der dem Sultan von Wadai Tribut zahlte,
stand ausserdem in gewisser historischer Abhängigkeit von dem König
von Bornu. Der letzte Grund der Feindseligkeiten soll die Weigerung
des Sultans von Baghirmi gewesen sein, Waffenhändler von Westen her
mit Rabeh verkehren zu lassen. Längere Zeit schlug sich Rabeh im
östlichen Baghirmi herum, zunächst in kleineren Gefechten den Sultan
Gauranga besiegend. Dieser sah sein Schicksal voraus. Seiner doppelten
Vasallenpflicht sich erinnernd, sandte er an beide Höfe Boten mit der
Bitte um Hilfe gegen die sich heranwälzende Macht Rabehs, der, wie er
richtig vorstellte, nach der Niederwerfung Baghirmis sich zum Herrn
des gesamten Tschadseegebietes machen würde. In Bornu predigte er
tauben Ohren. Der französische Forschungsreisende Monteil war im Sommer
1892, als er bei dem Bornu-Sultan Haschem in Kuka sich aufhielt, Zeuge
der vergeblichen Sendung des Sohnes des Gauranga. Der Sultan Jussuf
von Wadai aber war weitsichtig genug, die Situation zu erfassen, und
versprach Hilfe.
Den älteren Wadai-Kriegern war der Weg nach Baghirmi bekannt. Schon
zweimal war die Hauptstadt Massenja von den Wadai-Truppen erobert
worden: das erstemal im Anfange dieses Jahrhunderts durch Abd el Kerim
Sabun, welcher den blutschänderischen König Gauranga I. züchtigen
wollte; das zweitemal durch Sultan Ali, der Ende 1870 mit seinem
Djerma Abu Djebrin und dem Akid der Bulala nach Massenja zog, um an
seinem zur Unbotmässigkeit neigenden Vasallen Abu Sekkin, dem Vater des
gegenwärtigen Sultan Gauranga, ein Strafgericht zu üben.
Als Rabeh sich Massenja, der Hauptstadt von Baghirmi, näherte,
verbrannte Gauranga die Stadt und floh nach Mandjafa (auch Mainheffa
oder Mainfa gesprochen), wo er sich verschanzte. Die Stadt Mandjafa
muss einen riesenhaften Umfang gehabt haben. Sie hatte eine aus
Backsteinen hergestellte breite Mauer, in ihrem Innern befanden sich
Felder; genügendes Wasser bot der Schari und ein Zufluss desselben,
und so gewährte die Stadt alle Gewähr, einem nicht mit modernen
Belagerungsgeschützen ausgestatteten Gegner, selbst wenn er, wie Rabeh,
über eine grosse Anzahl von Feuerwaffen verfügte, geraume Zeit Stand
halten zu können.
Fünf, nach anderen sieben, Monate lang belagerte Rabeh Mandjafa. Aber
ehe er die Stadt einnehmen konnte, langten die von Gauranga erbetenen
Hilfstruppen des Sultans Jussuf an. Das Wadai-Heer muss ein bedeutendes
gewesen sein. Die natürlich stark übertreibende afrikanische Fama
spricht von 40000 Mann. Die sämtlichen südwestlichen Provinzen und
Tributärstaaten von Wadai haben am Kampfe teilgenommen, was sich schon
aus den Namen der hervorragendsten vor Mandjafa kämpfenden Heerführer
ergiebt. Von ihnen werden ausdrücklich genannt: der Djerma Osman Abu
Djebrin und zwar als Generalissimus aller Wadai-Truppen, ferner ein
Akid aus dem Salamat, Scharaf ed Din, sodann Gudjdja, der Akid der
Raschid, Kadai, der Sultan der Bulala, Abd er Rachman, der Sultan der
Madru (eines Stammes eine Tagereise östlich vom Fitri-See), Gado,
der Akid der Debaba (eines arabischen Stammes in der Umgegend des
Fitri-Sees), ferner der Kamkalak Daher, der Adari (Bezeichnung eines
anderen hohen Offiziers) Musa.
Diesmal trug Rabeh einen entscheidenden Sieg über die Truppen von
Wadai davon; das grosse Entsatzheer wurde vor den Thoren von Mandjafa
gründlich geschlagen, viele der edlen Heerführer und eine grosse Zahl
ihrer Truppen kamen um. Der Djerma gab seine Sache verloren und führte
den Rest seiner Leute nach Wadai zurück, Gauranga konnte sich aus
der Stadt flüchten, indem er den Ring der Belagerer durchbrach, und
Rabeh zog als Sieger in Mandjafa ein. Die Stadt wurde geplündert und
zerstört. Der Fall Mandjafas muss etwa im Juli des Jahres 1893 erfolgt
sein. Gauranga floh zunächst nach Massenja und dann nach dem Süden,
musste sich jedoch schliesslich unterwerfen und wurde Rabeh tributär,
ohne aber seine Tributzahlungen an Wadai einzustellen.
Rabeh verfolgte seinen Sieg über die Wadai-Leute nicht, sondern
wandte sich nunmehr westwärts gegen Bornu. Zunächst ging er, durch
die Schätze der Baghirmi-Städte bereichert und durch zahlreiche neue
Sklaven verstärkt, nach dem Norden der Landschaft von Logon. Er
überlistete den dortigen über Kusseri, Gulfei und andere Schari-Städte
herrschenden Duodezfürsten, den Sultan Musa, den er zum Herrn von Bornu
zu machen versprach. Nachdem ihm eine Furt über den Schari gezeigt
und der Übergang über den mächtigen breiten Strom erleichtert worden
war, nahm er die Stadt Karnak-Logon und tötete Musa. Damit war Rabeh
auf deutsches Gebiet übergetreten, gleichzeitig aber in das Königreich
Bornu eingefallen, denn Logon war damals noch dem Sultan von Bornu
thatsächlich tributär. Jetzt war der Krieg mit Bornu unvermeidlich
geworden, einem der ältesten und grössten innerafrikanischen Reiche,
dessen greiser Herrscher aber verweichlicht war, und dessen Bevölkerung
längst das Kriegshandwerk verlernt hatte.
Einen wesentlichen Einfluss auf die Entschliessung Rabehs, den Kampf
mit Baghirmi zu betreiben, um dann weiter westwärts nach Bornu
vorzudringen, hat ein Mann gehabt, welcher um jene Zeit im Süden
des Tschadsees eine Rolle zu spielen begonnen hatte. Dieser Mann
war Haiatu, ein Spross der seit dem Anfange dieses Jahrhunderts in
Sokoto herrschenden Fulbe-Dynastie,[23] welche im Westen von Bornu
vom Streifgebiete der Tuareg in der Sahara an bis über den Niger
Benue hinaus die zahlreichen kleineren und grösseren Haussa- und
Neger-Staaten sich tributär machen und zu dem Riesenreich von Sokoto
zusammenschweissen konnte. Dadurch, dass das in dem Hinterlande unserer
Kamerun-Kolonie gelegene, aus verschiedenen kleineren Staatengebilden
bestehende Gebiet von Adamaua, dessen Emir in Yola residierte, dem
Kaiser von Sokoto tributär wurde, umspannte dieses Reich das Sultanat
Bornu auch im Süden. Haiatu, ein Urenkel des Stifters der Dynastie
von Sokoto, glaubte sich zum Thronerben berufen. Schon als der neunte
Sultan der Dynastie, Ma‘azu, ein Sohn des grossen Bello, welcher
1817-1832 regierte und die eigentliche Macht des neuen Reiches
begründete, starb, hätte ihm nach dem muhammedanischen Rechte der
damalige Senior der Familie, Haiatus Vater, Sa‘id, ein Bruder des
Ma‘azu, folgen sollen. An dessen Stelle gelangte jedoch 1875 Omar, der
Sohn des Aliu,[24] eines älteren Bruders des Ma‘azu, zur Regierung, und
im Jahre 1891 wurde nach Omars Tode abermals der alte Sa‘id übergangen
und an seiner Stelle Omar Abdu, der Sohn des Atiko, eines Bruders des
Bello, auf den Thron erhoben. Haiatu hatte schon bald nach dem Tode des
Ma‘azu, wenn nicht gerade die Fahne der Empörung entrollt, so doch in
Gando, dem alten Stammsitze der Familie, unweit östlich der Hauptstadt
Sokoto, ein eigenartiges Leben zu führen begonnen. Von Jugend an ein
grosser Schriftgelehrter, predigte er gegen die Vernachlässigung der
Gesetze des Islam und umgab sich gleichzeitig aus den zahlreichen
Getreuen mit einem grossen Hofstaate, ganz in der Art wie die
regierenden Könige von Sokoto. Sein Vetter wagte zwar nicht, sich
an dem frommen Gegensultan zu vergreifen, aber im Jahre 1878 musste
Haiatu doch das Feld räumen und nicht nur Gando, sondern überhaupt das
Land seiner Väter verlassen. Er gab vor, die Pilgerfahrt nach Mekka
anzutreten. Zunächst wandte er sich nach Kuka, der Hauptstadt des
grossen Tschadseereiches Bornu, doch wurde ihm nach einigen Monaten aus
Rücksicht auf den mächtigen Nachbarn in Sokoto bedeutet, dass seines
Bleibens hier nicht länger sei. Darauf ging er südwärts nach Mandara
und von hier aus nach Yola. Aber auch der Emir von Yola sah sich,
nachdem er Haiatu etwa ein Jahr lang Gastfreundschaft gewährt hatte,
genötigt, ihn zum Weitermarsch aufzufordern. Haiatu zog jetzt durch
Adamaua nach der Gegend von Balda, wo noch Heiden (Musgu) hausen.
Nachdem Haiatu Yola verlassen, suchte er unterwegs in Adamaua unter den
versprengten Fulbe, sowie überhaupt möglichst zahlreiche Gefolgsleute
zu gewinnen, mit denen er immer weiter, angeblich zum Zwecke der
Erfüllung der Pilgerpflicht, seines Weges zog. Im Gebiete von Balda
erschien der Sokotoprinz zu einer Zeit, als die dortigen Musgu im
Kampfe mit benachbarten Stämmen sich befanden, und sein Eingreifen
in das Gefecht wirkte wie ein Wunder. Stadtkönig und Volk huldigten
dem rettenden Engel. Nach diesem Erfolg verzichtete Haiatu auf die
Fortsetzung seiner Pilgerreise. Er setzte sich in Balda fest, gewann
zahlreiche Umwohner dem Islam und vergrösserte seine Herrschaft. Die
Aussicht auf Beute unter seinen Fahnen liess immer weitere Dorfbezirke
der Nachbarschaft ihn als König anerkennen. Kriegerische Fulbe und
selbst Araber der weiteren Umgegend verstärkten sein Heer. Der Emir von
Yola hatte vergeblich im Jahre 1891 Truppen gegen ihn gesandt. Im Jahre
1892 war er selbst zu Felde gezogen, aber von Haiatu geschlagen worden.
Es heisst, dass sogar der Kaiser von Sokoto sich in die Sache gemischt
und zunächst eine Gesandtschaft an Haiatu geschickt habe. Dieser
begegneten die Leiter der deutschen Kamerun-Expedition, die Herren von
Üchtritz und Passarge, Ende 1893 bei Marrua.[25]
Aber seine Absichten auf den Thron von Sokoto hatte Haiatu nicht
vergessen, und als die Nachrichten von der Anwesenheit Rabehs auf dem
rechten Ufer des Schari nach den Bornu-Landen drangen, setzte sich
Haiatu mit dem kühnen Eroberer in Verbindung. Er hatte ihn über die
Schwäche des Bornu-Reiches unterrichtet und aufgefordert, den morschen
Thron des Sultans von Kuka über den Haufen zu werfen. Mit Rabehs Hilfe
hoffte Haiatu alsdann, den Thron seiner Väter in Sokoto besteigen zu
können.
Nach der Einnahme von Logon liess Haiatu seinen Sohn Mundjeli in
Balda als seinen Stellvertreter zurück und stiess mit einer grossen
Anzahl seiner Gefolgsleute zu Rabeh. Um seinen religiösen Nimbus zu
erhöhen, gab sich der fromme Betrüger als einen Vorläufer des von
Osten heranziehenden Eroberers aus, den er als einen Abgesandten des
Mahdi bezeichnete. Von den nach der Gumeza-Revolution geflüchteten
Mahdisten waren vereinzelte auch bis zu Haiatu gedrungen, und durch
sie war er mit den Einzelheiten des Auftretens des egyptischen Mahdi
bekannt geworden. Der geriebene Heilige soll sogar mit einigen seiner
Getreuesten die Kleidung der Derwische, die mit bunten Lappen benähte
Djibbe, angelegt haben.
Wenn Rabeh, als er an die Unterwerfung der grossen muhammedanischen
Tschadseeländer herantrat, es für angezeigt hielt, sich den
madhistischen Gedanken zu Nutze zu machen, so hat vielleicht Haiatu
dabei seine Hand im Spiel gehabt; doch mag auch der ebenso schlaue wie
rücksichtslose Usurpator aus eigener Initiative dazu gekommen sein, die
Erfolge des Mahdi in den Dienst seiner Eroberungspolitik zu stellen.
Vordem, als er noch weiter im Osten seinen Beutezügen in heidnischen
Landen oblag, hatte er kein Interesse daran, sich als einen Gefolgsmann
der Derwische zu bezeichnen: wir sahen, dass er die Aufforderung des
egyptischen Mahdi Muhammed Achmed im Jahre 1884 und diejenige seines
Chalifa im Jahre 1887, ihrer Sache zu folgen, unberücksichtigt gelassen
hatte. Anders jetzt, wo er gegen Muhammedaner zu kämpfen hatte. Den
muhammedanischen Unterthanen der Fürsten, deren Nachfolge er zu
übernehmen gedachte, kündete er an, dass er zu ihnen komme, um im
Namen des Mahdi sie vom Joche ihrer Herren zu befreien und eine neue
gebenedeite Zeit für sie anbrechen zu lassen. Bei seinen Proklamationen
soll Rabeh von nun an sogar die Phraseologie des Chalifa angewandt
haben. Gentil zeigte mir in Paris zwei erbeutete, von Rabeh selbst
geführte Banner, auf welchen der Name des egyptischen Mahdi aufgenäht
war. Es hiess damals, dass Rabeh in Baghirmi einen Schatz von 500000
Rial (= Thaler) für den Mahdi gesammelt habe, den er jedoch angeblich
nicht absenden konnte, weil er keine zuverlässigen Boten für diesen
Auftrag gefunden habe. Deshalb habe er den Schatz immer mit sich in
einer Truhe geführt, welche den Namen des Mahdi trug.[26] Sein Siegel
führte nach der Eroberung von Bornu sogar die Aufschrift „Rabeh, im
Namen des Mahdi Emir von Bornu“.[27]
Jedenfalls kam Haiatu dem Rabeh sehr gelegen, und wurde von ihm in
kluger Weise für seine Zwecke benutzt. Rabeh gab ihm seine einzige
Tochter Haua und nahm selbst eine seiner Töchter zur Frau. Auch erhob
er ihn zum obersten geistlichen Berater und Gerichtsherrn.
Von Logon aus zog Rabeh den Schari aufwärts nach Süden und zerstörte
die grossen an seinen Ufern gelegenen Städte, wobei er seitens der
terrorisierten Bevölkerung und der kleinen Garnisonen des Sultans von
Bornu nur wenig Widerstand fand. Mit rücksichtsloser Grausamkeit ging
er vor, und die furchtbaren Blutbäder, die seine Truppen selbst unter
Muhammedanern anrichteten, legten den Grund zu dem tiefwurzelnden
Hasse, der ihm in der Folge nicht nur von den Kanuri, dem herrschenden
Stamme in Bornu, sondern auch von den andern Völkerschaften dieses
Tschadsee-Reiches entgegengebracht wurde, und der ihm später
verhängnisvoll ward.
Jetzt erst kam der verweichlichte Sultan Haschem von Bornu zur
Besinnung. Zu einem sofortigen Zusammenbringen seiner ganzen Macht
konnte er sich aber noch immer nicht aufraffen. Er begnügte sich
damit, vorerst einen seiner Generäle, den Mala Kerim, gegen Rabeh zu
entsenden. Dieser schrieb Rabeh einen hochtrabenden Brief, in dem er
ihn zum Rückzuge aufforderte und als Sklaven bezeichnete. Mit leichter
Mühe wurde Mala Kerim bei Gilba im Süden des Tschadsees geschlagen
und sein Heer vernichtet. Der besiegte Feldherr soll sich auf dem
Schlachtfelde auf einen Teppich niedergesetzt haben, um den Tod zu
erwarten. In eine frisch abgezogene Kuhhaut genäht, wurde er der Sonne
ausgesetzt und fand so gedörrt einen qualvollen Tod. Noch ein Führer
der Bornu-Leute, ein gewisser Taher, fiel lebend in die Hände Rabehs,
wurde zunächst geschont, aber als er aus der Gefangenschaft Briefe an
den Sultan Haschem sandte, getötet.
Darauf wälzte sich Rabeh mit seinem Heere den Tschadsee entlang nach
dem Westrande der grossen Wasserfläche und dann nordwärts direkt auf
die Hauptstadt Kuka zu. Es heisst, dass ein Kadi des Sultan Haschem,
ein Schech Muhammed, von Rabeh bestochen worden sei. Auch herrschte
Uneinigkeit zwischen Haschem und seinem Neffen Abu Kiari, der seit
langem schon im Streit mit seinem Oheim lag und den Thron von Bornu für
sich zu gewinnen trachtete. Haschem wollte das Feld dennoch nicht ohne
Kampf räumen, und die Kanuri, so kriegsungewohnt sie waren, wollten
nicht ohne Weiteres einem Fremden sich beugen. Mit einem gewaltigen
Aufgebot von Menschen zog Haschem dem Feind entgegen. Bei Taghba,
südlich der Hauptstadt Kuka, kam es zur Schlacht. Das grosse, aber in
den Waffen nicht geübte und schlecht geführte Bornuheer wurde auf das
Haupt geschlagen und vollständig zersprengt. Die Bornuleute flüchteten
in wilder Hast, Haschem selbst wagte es nicht einmal, sich in die Stadt
Kuka zu werfen, sondern floh nach Westen in der Hoffnung, bei dem
thatkräftigen Sultan von Zinder, einem seiner Tributärfürsten, eine
Zuflucht zu finden, wenngleich das Abhängigkeitsverhältnis Zinders zu
Bornu in jüngster Zeit ins Wanken geraten war.
Rabeh kam die Eifersucht zwischen Abu Kiari und Haschem abermals zu
Statten. Abu Kiari verfolgte Haschem, den er zwei Tagereisen westlich
von Kuka einholte und tötete. Rabeh hatte inzwischen bei Mbane, einem
Orte in der Nachbarschaft von Ngornu, etwa eine Tagereise südlich
von Kuka, am Tschadsee, sich gesammelt, um die Belagerung Kukas
vorzubereiten. Hier wurde er von Abu Kiari überrascht und geschlagen.
Es war dieses die einzige Niederlage, die sich Rabeh seit Jahren
zugezogen hatte und mit dem nicht glücklichen Kampfe gegen die Truppen
von Wadai im Wadi Salamat der zweite Misserfolg seiner Waffen, seitdem
er den egyptischen Sudan im Jahre 1879 verlassen hatte. Aber während
die siegreichen Leute Abu Kiaris das Lager Rabehs plünderten, kehrte
dieser zurück und schlug nun die Bornu-Truppen so gründlich, dass seit
dieser Zeit an einen ernstlichen Widerstand nicht mehr zu denken war.
Abu Kiari selbst wurde gefangen und getötet. Es heisst, dass Rabeh
seine Unterfeldherren nach der erlittenen Schlappe gründlich habe
durchprügeln lassen, bevor dann zum Angriff gegen Abu Kiari geschritten
wurde.
Jetzt rückte Rabeh gegen Kuka vor, das mit leichter Mühe eingenommen
wurde. Die Stadt, eine der grössten und volkreichsten Innerafrikas,
wurde geplündert und vollständig zerstört. Zahllose Kanuri wurden
getötet, unter ihnen die sämtlichen obersten Chargen des grossen
Hofstaates des verstorbenen Königs, sowie eine ganze Anzahl Prinzen
des königlichen Hauses. Von den zahlreichen Söhnen Haschems konnten
sich einzelne nach Zinder retten, einigen anderen scheint Rabeh das
Leben geschenkt zu haben; offenbar ging er dabei von der Anschauung
aus, dass ihr Vater nicht im Kampfe gegen ihn gefallen, sondern das
Opfer des rebellischen Abu Kiari geworden wäre. Diese lebten in der
Folge in der Nähe des neuen Herrn des Landes, allerdings unter strenger
Aufsicht, mit Pensionen, welche ihnen von dem Sieger ausgezahlt wurden.
Der einflussreichste und im Sinne des Seniorats dem erledigten Throne
am nächsten stehende Prinz Omar Sanda, der älteste Sohn Haschems,[28]
floh zunächst zu dem mächtigen Sultan von Mandara und später nach
Zinder.
Auch das grosse Reich Bornu war somit dem kühnen Eroberer
anheimgefallen.
[22] Vergl. Wingate, Mahdism and the Egyptian Sudan, London 1801, S.
375 ff. und 456.
[23] Der Singular von Fulbe ist Pullo. (G. A. Krause in seinem
Beitrag zur Kenntnis der Fulischen Sprache in Afrika verdeutscht
sie „Fulen“.) Die Franzosen nannten sie auch Peul, die Araber
Fulla, ferner Fellata.
[24] Aliu fand Barth im Jahre 1853 an der Regierung.
[25] Vergl. Passarge, Adamaua, Berlin 1895, S. 190.
[26] Allem Anscheine nach hatte Rabeh das Geld als Eigentum des Mahdi
erklärt, um so seinen Kriegsschatz besser hüten zu können.
[27] Der Mahdi und der Chalifa Abdullahi et Taischi haben mehrfach
Emirate über Gegenden, die noch nicht mahdistisch geworden
waren, verliehen; so lebt in Kairo ein reicher Kaufmann, der
mit den Sudanländern seit langer Zeit Handel treibt und dem der
Mahdi das Emirat über Damaskus übertragen hatte.
[28] Nach anderen wäre dieser Omar (auf Kanuri: Sanda) ein Bruder Abu
Kiaris, also ein Neffe Haschems gewesen.