Bleibt Kraft genug zurück, um das neue Geschlecht fortzupflanzen? -- --

Tausendmal die gleiche Frage, aber der unstete Gedanke erhält keine

Antwort. Es ist, als ob alles versage und versinke. Wir fühlen uns

todkrank.

Doch nein, welche Genesung in diesen Bergweiten! Man sieht sich wieder

gesund und stark an diesen Bergen, wie sie daliegen in ihrer breiten

sicheren Größe, fest, unverrückbar, wie sie die wechselnden Zeiten an

sich vorübersausen lassen, während sie unverändert bleiben.

Wenn abgelebte Kulturen einiger Völker zugrunde gehen, so ist das wohl

kein unersetzlicher Schaden. So etwas ist schon früher geschehen, und

noch leben die Menschen.

Sieh diese gewaltigen Gebirgsformen! Hier liegt die Erde, wie sie eben

vom Eise verlassen wurde, wie sie jahrtausendelang gelegen hat. Sie

birgt Möglichkeiten für neue arbeitende Geschlechter. Sorge dich nur

nicht! Wenn die, die waren, einander auffressen konnten, so ist es

wohl gut, daß neue kommen.

Aber woher sollen diese kommen? Wo finden wir die frischen

unverbrauchten Geschlechter?

Nein, wieder geht es im Kreise. Aber ich wollte ja zum Atnesee

hinunter.....

* * * * *

Nach und nach tauchte etwas Birkengebüsch an den Talhängen auf. Der

Hund zog mehrmals vor Hühnern an, und die ängstliche Schneehuhnmutter

ging auf und lief mit hängenden Flügeln vor dem Hunde fort, um

ihn zu sich heranzulocken, weg von den Jungen. Ja, ich habe die

Schneehuhnmutter mit gesträubten Federn gerade auf den Hunderachen

zulaufen sehen, um auf ihn einzuhacken, wenn der Hund das Junge nehmen

wollte.

+Das+ ist Mut und Opferwille bis zum Tode. Können wir Menschen ihn

besser für unsere Nachkommen und für das Vaterland beweisen?

Weiter unten begegnete ich einer Herde Jungvieh, die am Flusse

weidete. Ohne auf den Hund zu achten, stürmten sie auf mich ein und

umringten mich, pusteten und schnauften und kamen mit dem Maul an

meine Hand heran, um sich streicheln zu lassen und Salz zu bekommen,

als ob sie lange Zeit keine Menschen gesehen hätten. Sie sind also

menschenfreundlich genug..... und wir?...

Sie folgten mir ins Tal hinab, so sehr ich sie auch wieder ins Gebirge

hinaufzuscheuchen versuchte.

* *

*

Auf der Björnhullhalde kam ich zu der ersten bewohnten Alm. Ich ging

ins Haus, um ein Schnitzmesser abzugeben, das ich unterwegs gefunden

hatte. In der Stube saß die Frau und nähte; der Mann verspeiste gerade

einen Fisch, den er im Bergsee gefangen hatte.

Sie hatten sechs Kühe und einige Ziegen auf der Alm; das Gehöft lag zu

oberst im Atnetal, und der Mann war, wie er sagte, der nächste Nachbar

von Hög-Ronden.

Auf ihrem Berghofe ernteten sie nichts als Heu und vielleicht noch

etwas Grünfutter. Der Anbau von Korn war nicht möglich, auch nicht

der von Kartoffeln. Was sie davon brauchten, mußten sie aus dem Tale

holen, und es waren jetzt teuere Zeiten. Aber man durfte trotzdem nicht

klagen, sie bekamen genug.

Ja, in seiner Art war es ein mühseliges Leben, und der Winter war

streng und lang -- aber das Leben so hoch oben im Gebirge ist auch

gesund. Die Luft ist rein, das Wasser gut, und wir sind frisch an Leib

und Seele, und so können wir, wie gesagt, nicht klagen.

Ich erwiderte, es sei erfreulich, so etwas zu hören. Es gibt viele,

die über die Lage des Bauern klagen, nicht zum wenigsten oben in den

Gebirgstälern. Manche Täler sind ja in den letzten Zeiten ziemlich

entvölkert worden; besonders die Jugend wandert nach Amerika aus oder

zieht auch in die Städte. Sie finden es zu Hause zu mühselig; die

Ansprüche ans Leben sind gestiegen. Was aber noch schlimmer ist, das

Leben ist ihnen zu langweilig geworden. Sie wollen lieber in der Stadt

hungern und frieren, denn dort gibt es so vieles, was anlockt.

Oh, er könne nicht sagen, daß es hier im Tal so schlimm gewesen sei.

In der letzten Zeit hätten sich sogar mehrere neu angesiedelt. Es habe

doch auch keinen Sinn, in diese häßlichen Städte zu ziehen, wenn man im

Gebirge sein eigener Herr sein und sein freies Leben haben könne.

Das waren erfrischende Worte von einem, der selbst dieses Leben lebte.

Daß der Hinweis auf die Gesundheit mehr als Gerede war, zeigt das hohe

Alter, das die Leute hier im Tal erreichen. Die Mutter dieses Mannes

wurde über 92 Jahre alt; mit 89 Jahren ging sie noch mit dem Vieh vom

Tal zur Alm, und sie war gesund und rührig in ihrer Arbeit.

Frohen Mutes zog ich weiter. Gäbe es nur viele von dieser Art in unserm

Volk, dann könnte Norwegen einer lichten Zukunft entgegensehen.

Ja, wenn wir die Lebensansicht dieses Nachbars von Hög-Ronden der

Jugend unserer Zeit einpflanzen könnten, dieser Jugend, die sich am

meisten damit beschäftigt, wie sie bei geringster Arbeit das meiste

Geld verdienen kann, um ihrer Genußsucht zu frönen. Wenn wir nur in

der Jugend auch die Liebe zu dem Lande erwecken könnten, zu dem Volk,

das sie hervorgebracht hat, wenn wir sie dazu bringen könnten, an

die Zukunft der Nation zu denken und daran, was aus der Rasse werden

könnte, und welche Pflichten, welche erhebenden Aufgaben sie da finden

könnte, anstatt nur an sich selbst und an ihre Gelüste zu denken.

Dieser kleinliche Egoismus, der sich Tag für Tag mehr in allen

Schichten verbreitet und die Gesellschaft entkräftet, in dieser Natur

müßte er sich abschälen.

Wenn einer Rondane dort im Westen sich vom Himmel abheben sieht, dann

muß er erkennen, daß zwischen solchen Bergen der Gesichtskreis ein

anderer wird, die Ziele größer, als in dem Hof einer Fabrikstadt, wo

das Auge den ganzen Tag nicht weiter schaut als bis zur nächsten Wand,

und wo der beständige Anblick von andern, die es besser haben, die

Unzufriedenheit nährt.

Gebt ihnen etwas von dem Naturleben zurück, das ihnen allen fehlt,

nach dem sich aber alle, bewußt und unbewußt, sehnen -- und die

Lebensauffassung wird gesunder, die Lebensfreude wird heller werden!...

* *

*

Nun ging es im Walde abwärts, und nach einer halben Stunde erreichte

ich die Musvollalm. Sie war voller Städter. Trotz der liebenswürdigen

Versicherung des Besitzers, daß er mir schon noch einen Platz und

ein gutes Bett verschaffen werde und sich gern mit mir unterhalten

wolle, war es doch für einen fahrenden Gesellen zu früh am Tage, um

haltzumachen. Die Hügel hinab wanderte ich weiter durch den Wald, und

bald war ich unten am Atnesee.

Hier stehen einige Fischerhütten, die Leuten aus Fron, aus dem

Gudbrandstal, gehören. Von alters her haben sie in diesem See das

Fischrecht. Es waren gerade einige Männer da, aber größere Fische

hatten sie nicht gefangen; das Wetter war zu still gewesen, auch stand

das Wasser zu hoch.

Ich hatte die Erlaubnis erhalten, das Boot des Besitzers der Musvollalm

zu benutzen; in ihm fuhr ich auf die andere Seite des Sees hinüber, wo

eine neue Ansiedlung sein sollte.

Eine gute Strecke aufwärts vom See fand ich endlich auch die Rodung

mitten im Wald. Zwei Männer hatten sich zusammengetan und hatten hier

vor zwei Jahren angefangen urbar zu machen. Sie hatten schon einen

guten Gerstenacker und Kartoffeln, und die Bäume waren auf einer großen

Fläche gefällt. Die Wurzeln staken noch im Boden, und noch genug Arbeit

war zu tun. Aber der Boden war gut, vielleicht etwas trocken, mit Sand

darunter. Eine gemütliche kleine Hütte war schon gebaut, und auch der

Stall war beinahe fertig. Als ich kam, saß der eine Mann auf dem Dach

und legte Planken.

Ja, er könne mich über den See nach Brenn rudern; er könne auch

sofort aufbrechen, müsse aber nur noch einmal ins Haus und sich etwas

herrichten. Er war verheiratet, sein Kamerad aber war noch ledig.

Sie hatten sich 16000 Quadratmeter Land gekauft, konnten einige Kühe

und ein Pferd halten und verrichteten im übrigen in der Hauptsache

Waldarbeit.

Es stärkt den Glauben an die Zukunft, wenn man hoch oben im Gebirge

eine solche neue Ansiedlung sieht. Der Anbau werde sich gut lohnen,

meinte er; die Heuernte sei in den meisten Jahren gut, die Kartoffeln

gediehen auch. Weniger gut stehe es mit dem Getreide, aber sie

schnitten es als Grünfutter, was sich auch lohne. Dann hätten sie

Fische im See und im übrigen, wie gesagt, Arbeit genug im Walde. Hier

sei es wahrhaftig nicht schwer zu leben.

Die Ruderstrecke über den Atnesee beträgt etwa 8 Kilometer.

Welcher Friede! Dort an der Nordseite liegt das schöne Nesset, wo einer

der wenigen großen Männer Norwegens, der Mathematiker Cato Guldberg,

gewohnt hat. Das war ihm ähnlich, sich gerade hier niederzulassen.

Diese einfache, aber großartige Natur entsprach seinem Wesen.

Breit und sicher liegen die Häuser oben auf dem grünen Wall, der sich

bis an den See hinunter erstreckt; sie leuchten rot im Walde. Zu beiden

Seiten ziehen die flachen Waldhänge bis zum kahlen Gebirge hinan.

Erst am Abend gelangte ich nach Brenn an der Atnebrücke und bekam für

die Nacht Quartier. Das Zimmer ging auf den Fluß hinaus. Das Wasser des

Falles donnerte unter der Brücke. Es stürzte in eine schöne Fischgumpe

hinab, die verlockend aussah. Kreis um Kreis stießen die Forellen auf

der blanken Wasserfläche oberhalb der Brücke. Die Nacht war still und

warm. Das war viel für ein Fischerherz, aber -- es hieß weiterziehen.

Es war das beste, sich schlafen zu legen.

Am nächsten Morgen fuhr ich im Wagen vom Atnetal über den Bergrücken

hinab ins Vulutal und weiter nach Sollien.

Nun geht es vom Gebirge, von dem weitgedehnten Hochland hinab ins Land

der ernsten großen Wälder.

Von der Skyßstation in Sollien fuhr ich mit frischem Pferd weiter, die

Hügel hinab ins Glommental. Wie bedauerlich wenig Zeit wir Menschen

brauchen, um unsere Lebensbedürfnisse zu steigern! Früher schien es

herrlich, mit Pferd und „Stuhlkarre“ zu reisen. Jetzt aber, nachdem wir

seit wenigen Jahren die Automobile haben, bewundert man die Geduld der

Menschen, die sich dareinfinden, ihre Zeit damit zu verlieren, sich in

einer Karre schütteln zu lassen und ein müdes Postpferd vorwärts zu

treiben.

Das Pferd, das ich hier bekommen hatte, war übrigens recht willig. Gern

ließ ich den kleinen erst zehnjährigen Kutscher fahren, denn er kannte

das Pferd wohl am besten.

Als es aber einen langen Hügel hinabtrottete, stolperte es, fiel in die

Knie, versuchte wiederaufzukommen, schlug aber dann einen Purzelbaum

und lag auf dem Rücken, die Beine in der Luft.

Ich sprang aus dem Wagen und hielt dem Pferd den Filzhut über die

Augen, damit es nicht zappeln und die Gabeldeichsel zerbrechen sollte.

Der kleine Kutscher war beherzt. Ein bißchen weinen mußte er ja,

gleichzeitig aber gab er mir mit der Miene des erwachsenen Mannes

Bescheid, wie ich das Pferd ausspannen müsse. Bald hatten wir das

Geschirr herunter, das Pferd wieder auf den Beinen und vorgespannt. Wir

stiegen ein und fuhren weiter.

Ein wunderliches Pferd, mitten auf ebenem Weg einen Purzelbaum zu

schlagen. Ich ergriff die Zügel, merkte aber bald, daß es leicht

stolperte und fest im Zügel gehalten werden mußte.

Sie hätten das Pferd eben erst aus der Stadt bekommen, sagte der Junge,

und er kenne es nicht. Wahrscheinlich war es ein Kutschpferd, das von

den Steinstraßen kranke Beine bekommen hatte; durch die Automobile

vertrieben, sollte es nun seine letzten Jahre als Postpferd hier auf

dem Lande abdienen, wohin das Automobil noch nicht gelangt war.

Aber nein, dieses Beförderungsmittel ist ein Überrest aus der

Vergangenheit. Bald wird das Automobil auch in diesem Tal, wie in allen

andern, siegreich seinen Einzug halten. Schließlich werden die Pferde

nur noch zur Holzbeförderung im Walde gebraucht werden; denn dahin

können die Autos noch nicht vordringen. Aber wer weiß, was kommen wird?

Wir haben schon merkwürdigere Dinge erlebt als die Beförderung von

Holzstämmen mit Automobilen.

Endlich kam ich an den Bahnhof Atna. Von dort ging es mit der Eisenbahn

südwärts nach Koppang und von da mit dem Automobil nach Åsheim am

Nordende des Storsjö im Äußeren Rental. Dort wollte ich einige Tage

bleiben und fischen.

* *

*

+Åsheim+, 14. Juli.

Durch eine tiefe, bewaldete Schlucht an der Westseite der Sölenberge

bricht sich die Mistra ihren Weg von den weiten flacheren

Gebirgsstrecken im Norden. In einem großen Bogen geht es durch ein

enges Waldtal wie durch einen Riß in dem Bergmassiv zu dem schönen

Storsjö im Rental hinab.

Den Fluß ziehen große Forellen hinauf, und ich hatte Lust, es mit ihnen

zu versuchen. Aber es war am Fluß entlang unwegsam, und man mußte gut

bekannt sein, um die richtigen Gumpen zu finden, in denen die großen

Fische stehen.

Olav Åsheim kam lächelnd vom Telephon herein und sagte:

„Nun habe ich einen guten Begleiter für dich gefunden, den Schneider

hier im Ort. Einen bessern Fischer gibt es in dieser Gegend nicht. Er

findet das Wetter heute gut und ist bereit, mitzugehen, aber er wird

erst gegen ein Uhr frei, dann will er dich bei Misteregga treffen.“

Jawohl, das paßte mir gut. Ich hatte bis dahin auch noch einiges zu

besorgen.

„Du kannst meinen Sohn Klein-Olav nehmen, der wird dir den nächsten Weg

durch den Wald zeigen.“

„Er lahmt, der Schneider,“ fügte er hinzu, „er hat ein steifes Bein.

Aber darum brauchst du dich nicht weiter zu kümmern. Er klettert die

Bergwände hinauf und geht im Wald wie nur einer mit gesunden Beinen.

Auch einen bessern Jäger gibt es in unserer Gegend nicht.“

Etwa gegen zwölf Uhr zogen wir los, Klein-Olav und ich. Erst mußten

wir durch den Renafluß, da das Hochwasser im Frühjahr die Brücke

fortgerissen hatte. Dann ging es durch den Wald aufwärts. Es war eine

Brathitze, und man mußte die Kleider ablegen, soweit es ging. Je höher

wir hinaufkamen, um so gespannter wurde ich, diesen merkwürdigen

Schneider zu sehen.

Endlich erblickten wir die Häuser von Misteregga zwischen den Bäumen,

und als wir auf die Landstraße hinauskamen, erhob sich vom Straßenrand

ein junger Mann und wünschte „Guten Tag“.

Ein hübscher, stark gebauter Mensch von Mittelgröße, oder vielleicht

eher klein, im braunen Jagdanzug mit Kniehosen, mit blondem Knebelbart,

sonst glatt rasiert, mit lachenden, treuherzigen Augen.

Das war der Schneider Rikard Kvernnes, auch Rikard Odden genannt, nach

dem Haus nördlich vom Lomnessee, in dem er wohnte. Von dort war er auf

dem Rade gekommen. Er trug eine lange Angelrute aus Bambusrohr mit

Roller.

Wir gingen ostwärts die Anhöhen hinauf. Trotz seines steifen Beines

marschierte mein Begleiter leicht. Es schien ihn keine Anstrengung zu

kosten, Schritt zu halten.

Wir stiegen etwa anderthalb Stunden, bis wir vom Weg abbogen; dann ging

es die waldigen Berghänge nach dem engen Tal hinab, auf dessen Grund

tief unten die Mistra schäumt.

Im allgemeinen fließt die Mistra in gleichmäßigen Stromschnellen

schäumend über und zwischen runden Steinen, ohne tiefere Stellen.

Hier halten sich in der Hauptsache nur kleine Fische auf. Dann aber

verlangsamt der Fluß, oft in langen Abständen, seinen munteren Lauf in

langen Vertiefungen, in denen die großen Fische stehen.

Nachdem wir einen steilen Abhang hinabgeklettert waren, standen

wir endlich am Fluß. Der Schneider schlug vor, wir sollten erst

aufwärts von einer Gumpe zur andern gehen, um dann am Abend wieder

herunterzuwandern. Das taten wir, aber wir bekamen nicht einen großen

Fisch.

Es war drückend schwül. Schwere schwarze Wolken zogen sich im Osten

über der Schlucht zusammen. Man hatte das Gefühl, daß ein Gewitter im

Anzug war. Aber es standen Wolken vor der Sonne, und daher mußte jetzt

am Nachmittag gut fischen sein. Ich versuchte es erst mit der Fliege,

und dann benutzten wir Wurfköder mit Rotauge als Lockspeise, eine

Angelmethode, in der der Schneider Meister war. Aber wir hatten keinen

Erfolg.

Der einzige Fang, den ich sah, war ein großer Auerhahn, der gegen

meine Angelrute herangesaust kam, als ich auf einem Stein im Flusse

stand. Er war vom Hund auf dem Land hinter mir aufgestoßen worden. Ich

dachte daran, den Köder nach ihm zu werfen. Natürlich sollte er den

Köder nicht etwa verschlingen, ich konnte aber leicht die Schnur um ihn

werfen, so daß ihn die Angelhaken festhielten. Ich ließ es aber sein,

und er sauste den Fluß hinab und im Kiefernwald auf der andern Seite

hinauf.

Das wäre ein „Fischfang“ gewesen! Ich sehe ihn, wie er, die Schnur

um den Hals, draußen im Flusse Widerstand leistet, mit den Flügeln

schlägt, den Hals streckt, während ich ihn mit dem Roller heranziehe.

Das wäre ein Kampf geworden!

Es gab hier unheimlich viele Mücken, und sie bissen und stachen in

Gesicht und Hals, Hände und Waden, daß man kaum ruhig auf den Steinen

stehen und angeln konnte.

Es fielen schwere Tropfen, und ein gewaltiger Regenguß platschte auf

uns nieder, Schauer um Schauer. Auf einmal aber brach der Donner los,

daß es zwischen den Bergwänden in dem engen Tal hallte, und es dröhnte

Schlag auf Schlag; schließlich kamen Blitz und Donner fast gleichzeitig.

Der Schneider meinte, da brauche man sich nicht zu wundern, wenn die

Fische nicht hätten anbeißen wollen. Nun sei es ganz hoffnungslos zu

angeln.

Wir stiegen im Wald bis zu einer Holzhütte, um vor dem Regen Schutz zu

finden und etwas zu essen. Wir mußten uns gedulden, bis das Gewitter

vorüber war; vielleicht ging es dann mit dem Fischen besser.

Als der Regen nachgelassen hatte, kletterten wir wieder zum Fluß hinab,

hatten aber auch weiterhin kein Glück. Wir mußten uns noch eine Weile

gedulden und gingen etwas weiter hinauf, bis zu einer neuen großen

Fischgumpe. Der Schneider warf seinen Köder im unteren Teil der Gumpe,

ich versuchte mein Glück etwas weiter oben.

Da biß beim Schneider mitten in der stärksten Strömung ein großer Fisch

an. Es ging die Stromschnelle hinab, die ganze Schnur sauste vom Roller

herunter. Der Schneider mußte hinterdrein; er sprang von Stein zu Stein

und watete im Wasser oft bis an den Leib, so daß der Schaum um ihn

aufspritzte. Plötzlich stürzte er zwischen den Steinen, und nur die

Arme, die Schultern, der Kopf und die Angelrute waren über dem Wasser

zu sehen. Er sprang auf, und weiter ging es.

Dann wurde aber die Strömung zu stark; er mußte ans Land und die

Bergwand hinaufklimmen. Ich ergriff den Kescher und sprang hinterdrein.

Der Schneider kam um den Berg herum; er hatte einen Teil der Schnur

eingezogen, und der Fisch war in etwas stilleres Wasser gekommen. Aber

immer noch gab es recht starke Stromschnellen.

Er zog den Fisch ans Land heran. Mehrmals versuchte ich, mit dem

Kescher heranzukommen, aber dann ging es wieder fort, weiter und weiter

hinab.

Endlich fing der Fisch an, sich zu ergeben. Der Schneider zog ihn

wieder herein, ich bekam den Kescher unter den Fisch und zog ihn ans

Land. Wahrhaftig, eine schöne Forelle, fett und breit, mit kleinem

Kopf. Sie wog gut ihre drei Kilo.

Der Schneider hob den Fisch feierlich in die Höhe und überreichte ihn

mir. Den sollte ich, sagte er, als Gabe erhalten.

Wir gingen wieder aufwärts. Der Schneider warf noch einige Male den

Wurfköder in derselben Fischgumpe aus, ich weiter oben. Wieder stippte

ein Fisch an. Diesmal hing er nicht, aber der Schneider sah den

Schwanz, der groß war.

„Klein-Olav sah ihn auch, und hätte ich ihn herausbekommen, dann

hättest du gesehen, daß wir hier auch große Fische im Fluß haben. Er

war beträchtlich größer als der fünf Kilo schwere, den ich hier vor

einigen Tagen fing. Aber so ein großer Fisch beißt nicht mehr als

einmal an. Geht es dann fehl, dann beißt er nicht wieder. Wir müssen

ihm Zeit lassen und den Versuch auf dem Rückweg wiederholen.“

Wir gingen weiter hinauf. Oft fiel der Berg an den Gumpen sehr steil

ab. Von einem hohen Felsen aus warf ich den Köder in eine große schöne

Gumpe. Ich zog den Köder über den Strom hin. Platsch, da biß etwas

an; es gab mir einen Stoß durch den ganzen Körper. Die Rute stand wie

ein gespannter Bogen, und die Schnur sauste vom Roller. Nun galt es

festhalten, der Fisch wollte die Stromschnelle hinab.

Ich bekam ihn wieder in die Gumpe hinein. Er ging im Kreise. Während

ich so stramm als möglich hielt, kletterte ich die Bergwand bis zum

Ufer hinunter. Endlich wurde er müde; er kam gutwillig und wurde in den

Kescher hineingeholt; es war ein Fisch von etwa anderthalb Kilo.

Nun war aber nichts mehr zu machen, so oft wir es auch weiter oben

versuchten. Wir gingen wieder zurück, denn es war schon spät am Abend

geworden. Aber auch der große Fisch des Schneiders wollte nicht wieder

anbeißen, und so war nichts zu machen als heimzukehren.

Wir kletterten vom Fluß aus aufwärts, bis wir an eine Holzhütte kamen,

wo wir einen Bissen Abendbrot aßen.

Klein-Olav hatte einige kleine Fische mit der Fliege gefangen; er

triefte vor Nässe, war aber stolz auf den langen Ausflug. Dann

kletterten wir weiter hinauf bis zur Straße und wanderten heimwärts.

Als wir die langen steilen Hänge hinabgingen, erzählte der Schneider,

hier sei es gewesen, wo er das Bein gebrochen habe.

„Wie ist denn das zugegangen?“

„Ja, ich kam auf dem Rad daher, und da geriet hier oben auf der Höhe

die Bremse in Unordnung, und dann verlor ich auch das Pedal, und da

ging es in voller Geschwindigkeit alle diese steilen Hügel hinunter.“

„Aber warum versuchtest du nicht gleich seitwärts abzuspringen?“

„Ja, da sind auf beiden Seiten so häßliche Steine, und dann, weißt du,

meinte ich auch, ich würde schon mit der Geschichte fertig werden.“

„Du mußt aber diese steilen Hänge mit fürchterlicher Geschwindigkeit

hinabgesaust sein?“

„Ja, freilich ging es schnell.“

„Ich hörte von einem, der dich hatte hinabfahren sehen, es sei wie der

Blitz gegangen.“

„Akkurat da war es, wo dieser Seitenweg abbiegt; dort standen sie und

machten die Saumlast fertig, sie wollten zur Alm hinauf. Ich rief

ihnen zu, als ich da unten gefallen war, aber sie hörten mich nicht.“

„Sahen sie dir denn nicht nach?“

„Ach nein, sie glaubten wohl, es sei meine Gewohnheit, so schnell

zu fahren. Aber, weißt du, ich meinte, ich würde schon mit der

Sache fertig werden. Diesen schroffen Abhang hinunter nahm ja die

Geschwindigkeit furchtbar zu, und dann kam dort unten die Biegung,

die damals noch viel schlimmer war als jetzt, weil der Weg noch nicht

umgelegt war. Damals waren es zwei Biegungen, erst eine jäh nach links

und dann wieder eine jäh nach rechts. Ich lag flach auf dem Weg, erst

auf der einen Seite, dann auf der andern, und wahrhaftig -- es ging!

Aber dann sprang ein Felsen in den Weg vor; auf den fuhr ich los, wurde

heruntergeworfen und brach das Bein an zwei Stellen, über dem Knie und

darunter, Oberschenkel und Schienbein. Da blieb ich liegen; aber ich

hatte Glück, nicht länger als eine Stunde lag ich, da kam ein Mann, der

zur Alm hinauf wollte, und der hatte glücklicherweise einen Wagen mit

Federn, auf dem ich hinuntergefahren wurde.“

„Tat es nicht weh?“

„Ach nein, ich kann nicht sagen, daß es besonders weh tat, bis ich nach

Hause kam, aber dann fing das Blut zu strömen an. Es war gut, daß ich

damals einen so guten Doktor hatte; das Bein wurde so gut hergerichtet,

als nur möglich war. Aber mein Doktor sagte, mit Jagen und Radeln sei

es nun Schluß. Damit behielt er freilich nicht recht. Ich lag aber

lange, bis ich wieder gesund wurde.“

„Aber dein Bein war ja schon vorher verletzt?“

„Ja, ich hatte einmal mit dem Beil hineingehackt, und da entzündete

sich die Wunde, und das Knie wurde steif. Weißt du, das kam daher, daß

es schlecht behandelt wurde.“

Bei Misteregga trennten wir uns. Der Schneider fand hier sein Rad

wieder und fuhr davon, die Abhänge hinab. Es war kaum zu glauben, daß

er mit dem einen Bein fahren konnte; es war aber so kräftig entwickelt,

daß es zwei andere Beine aufwog.

Klein-Olav und ich gingen durch den Wald hinunter nach dem Storsjö.

Meine Gedanken waren bei dem Schneider, diesem merkwürdigen Mann. Welch

zäher Wille muß in seinem Körper leben!

+Åsheim+, 18. Juli.

Einige Tage später (am Montag, 17. Juli) fuhr ich wieder zur Mistra

hinauf. Diesmal hatte ich in Åsheim ein Rad geliehen und fuhr auf der

Landstraße über die Kvernnesbrücke und Odden, wo der Schneider wohnt.

Es war ein Umweg von einer Meile.

Der Schneider stand auf dem Hofe; ich kam früher, als er erwartet

hatte. Er bat mich hereinzukommen und Platz zu nehmen, bis er sich

fertig gemacht habe.

Draußen und drinnen war alles in guter Ordnung. Das Haus liegt schön

auf einer kleinen Landzunge an der Südseite des Lomnessees. Draußen war

ein kleiner schöner Garten mit Blumenbeeten und Küchengarten.

Eine helle luftige Stube mit Waffen an den Wänden: eine

Winchester-Magazin-Hagelflinte, ein Büchsendrilling mit Zielfernrohr.

Damit schießt er im Winter die Auerhähne, das soll er besonders gut

verstehen. Mehrere andere Gewehre hingen auch da und Fischereigeräte.

Aber vom Schneiderhandwerk war nichts zu entdecken. Auf den Tischen

lagen Kataloge von Jagd- und Fischereigeräten. Man merkte, daß er

Junggeselle war.

An der Wand hing ein Diplom. Sollte es ein Schützendiplom sein? Aber

nein; wahrhaftig, das erinnerte doch etwas an den Schneider, es war ein

Diplom über einen vollendeten Zuschneidekursus in Kopenhagen. Also ganz

ausgelernt, und gewiß tüchtig im Handwerk wie in allem andern.

Nun ist er fertig. Kaffee in der Thermosflasche und zwei Flaschen

Bier im Rucksack, so zogen wir auf unsern Rädern in der Sonnenhitze

aufwärts. Man merkte es wahrhaftig nicht, daß er nur mit einem Bein

treten konnte. Ich hatte meine liebe Not, ihm die langen steilen

Anhöhen hinauf zu folgen, trotzdem ich an meinem Rad die Übersetzung

wechseln konnte. Die steilsten Hügel hinauf mußten wir freilich gehen.

Halbwegs oben hörten wir ein furchtbares Getrampel auf uns zukommen;

schneller als wir denken konnten, sprengte eine Koppel Pferde heran.

Wir mußten uns mit unsern Rädern schleunigst in den Graben werfen, um

nicht niedergetrampelt zu werden.

„Den Teufel auch, was mag das bedeuten?“

Aber da kam noch etwas hinterdrein -- ein Mann auf einem Motorrad.

Wahrhaftig der junge Tierarzt! Hatte der nichts Vernünftigeres zu tun,

als so die Pferde zu jagen?

„Wenn der lange so gefahren ist, dann sind sie versprengt,“ sagte der

Schneider.

Weiter oben begegneten wir einem alten Mann, der den Hut lüftete. Wir

grüßten.

„Guten Tag,“ sagte er, „willst du ins Gebirge?“

„Wir wollen an die Mistra angeln gehen,“ antwortete ich. „Kommst du

weit von Osten her?“

„Ich habe eine Stute nach Trysil gebracht.“

„Mußt du denn die Stuten so weit bringen?“

„Ja, dort ist ein tüchtiger Hengst. Sonst hätte ich sie freilich zum

Hengst im Rental, zum Romulus, geschafft, aber er ist vorige Woche

verendet; König Knut hat ihn so geschlagen, daß er einging.“

„Ja, ich hörte davon. Aber wie konnte es zugehen, daß die beiden

Hengste aneinander gerieten?“

„Man hatte schlecht aufgepaßt, weißt du, und da kamen sie zusammen.“

„Das war ein schwerer Verlust für den Besitzer?“

„Ach, er war für 2000 Kronen versichert; aber du weißt, das ist kein

Preis für so ein gutes Pferd. Aber die Besitzer waren Halstein Sjölie,

Simen Landet und andere Große, und für diese Reichen wollen einige

tausend Kronen nicht viel sagen.“

Wir mußten weiter und verabschiedeten uns.

„Guten Tag,“ sagte er und zog weiter bergab.

Als wir hoch genug gekommen waren, ließen wir die Räder stehen und

gingen zum Fluß hinunter. Es war gegen Nachmittag und Zeit, etwas zu

genießen.

Wir schlugen den Weg zu einer Holzhütte ein, um dort, vor Mücken

geschützt, unsern Proviant zu verzehren. Eine Flasche Bier legten wir

zum Kühlen in den Bach, während wir in die Hütte gingen.

Der Schneider ging voraus. Als er aber in die Türöffnung trat, hörte

ich ein fürchterliches Flattern. In der Hütte war ein Birkhahn. Vor

Schreck flog er erst in die eine Ecke und dann in die andere; im Dach

war ein Loch, durch das er hinaussauste. Dann fiel er draußen auf dem

Boden ein. Dort blieb er eine Weile und bedachte sich, dann strich er

durch den Wald ab.

Auer- und Birkhähne findet man oft in solchen Holzhütten. Neulich

hatte ein Junge einen Auerhahn in einer Hütte erschlagen, was freilich

ungesetzlich war.

Wir blieben nicht lange in der Hütte; es gab drin gar zu viele Mücken

und Bremsen, da war es draußen doch besser. Freilich war es auch da

schlimm, aber zuweilen kam doch ein Windstoß, der Erleichterung brachte.

Ein sicheres Mittel gegen Mücken hatte ich freilich auch mit,

Zitronellaöl, das die Engländer in den Tropen gegen Insekten verwenden

sollen. Ich hatte gerade eine Flasche von Christiansen von Elverum

bekommen, der am Storsjö angelte; er kannte das Öl von Malakka her, wo

er Gummiplantagen besitzt.

Gewiß, das Öl war gut. Ein oder zwei Stunden lang kam einem keine

Mücke zu nahe, wenn man sich ordentlich eingeschmiert hatte. Aber wir

mußten mit dem Vorrat sparen, bis wir zur Mistra kamen, wo das ernstere

Geschäft, das Angeln, vor sich gehen sollte. Wir wußten ja auch, daß am

Abend die Mückenplage noch schlimmer wird.

Das Essen schmeckte jetzt, aber noch mehr das Bier, das in dem Bach

schön kalt wurde. Wir beschlossen, auch gleich die zweite Flasche zu

leeren; es gab kein Widerstreben. Abends konnten wir dann den Kaffee

trinken. Die Sonne brannte heiß, der Himmel war wolkenlos, es hatte

also keine Eile, an den Fluß zu kommen und mit dem Angeln zu beginnen.

Wir wateten durch den Renfluß und kamen zu der Fischgumpe in der

Mistra. Wir beide verwandten Wurfköder, aber ohne Erfolg. Es war zu

klares Wetter, vielleicht wurde es gegen Abend besser.

Wir gingen flußabwärts.

Ich kam an eine große tiefe Gumpe unter einer jähen Bergwand, wo man

im Schatten stand. Hier mochten wohl große Fische stehen. Ich warf den

Köder nach der andern Seite hinüber und ließ ihn treiben, während ich

ihn hereinzog; er kam gerade dahin, wo ich ihn haben wollte.

Aber dort am Rand der Strömung? Ein schwerer Platsch, ein gelbes

Aufblinken, ein runder dunkler Rücken, ein breiter Schwanz schlug

aus dem Wasser auf. Es zog an, die Schnur lief vom Roller, und die

Angelrute stand rund wie ein Rad. Ich stemmte mich dagegen, soweit es

irgend anging. Es kam darauf an, den Fisch in der Gumpe zu behalten.

Kam er erst in die Stromschnelle hinab, dann war es ungewiß, ob ich mit

ihm fertig werden könnte, denn die Bergwand fiel senkrecht ab, und der

Fluß war tief und reißend, so daß es nicht leicht war zu folgen.

Am Rand der Stromschnelle kam es zum Kampf. Ich wußte, das einfache

Vorfach, wenn es auch dünn war, war gut, und die Schnur hielt wohl,

und eine geschlissene Bambusrute ist nicht leicht zu brechen. Das Ende

vom Liede war, daß ich den Fisch wieder in die Gumpe hineinbekam; dort

ging es blitzschnell im Kreise herum.

Während ich mit diesem Tanz beschäftigt war, sah ich den Schneider auf

der Bergwand über mir. Er kletterte herunter, um mir zu helfen.

Bald wurde die Forelle schwächer, und endlich zeigte sie den Bauch. Ich

zog sie direkt in den Kescher des Schneiders hinein. Sie kam ans Land;

groß und blank lag sie im Sand zwischen den Steinen, wand sich und

schlug. Sie war nahezu drei Kilo schwer.

„Das verdiente einen Trunk,“ meinte der Schneider, aber den Trunk

hatten wir nicht.

Wir gingen weiter abwärts, hatten aber weiter keinen Erfolg, weder der

Schneider noch ich. Wenn auch ihm nichts gelang, so war es gewiß nicht

deswegen, weil wir schlechte Fischer waren.

Inzwischen war es Nacht geworden; da war nichts weiter zu tun, als zu

Abend zu essen, und der warme Kaffee aus des Schneiders Thermosflasche

schmeckte gut, besonders da wir uns tüchtig mit dem Zitronellaöl

eingeschmiert hatten, so daß wir vor den Mücken Ruhe hatten.

Dann kletterten wir aus der Schlucht wieder hinauf, kamen auf die

Straße und fuhren durch die Sommernacht auf unsern Rädern nach Hause.

Wir konnten die Räder meistens einfach frei laufen lassen.

Wir machten noch einen Versuch in den Fischgumpen unterhalb der

Brücke bei Misteregga. Aber auch dort hatten wir keinen Erfolg, und so

radelten wir denn weiter abwärts.

Recht wehmütig nahm ich vom Schneider am Zaune seines gemütlichen

kleinen Anwesens auf der Landzunge Abschied. Ich bin sicher, daß wir

beide aus aufrichtigem Herzen „Auf Wiedersehen“ sagten.

+Åsheim+, 19. Juli.

Mit zwei Damen fuhr ich nach dem Lövfjord, um Hechte zu fischen. Beim

Schuhmacher am Südende des Fjords sollten wir ein Boot bekommen. Als

wir kamen, war er nicht zu Hause, aber Kinder waren genug da. Sie

hatten gerade junge Rotaugen als Köder für uns gefangen, und einer der

Söhne konnte uns rudern.

Der Schuhmacher hatte sechzehn Kinder, die alle am Leben waren. Bevor

wir ruderten, kam er selber.

„Ja,“ sagte er, „es kann wohl sein, daß es heute Hechte zu fangen gibt.

Im übrigen aber ist es wunderlich mit dem Hecht. Er beißt nur bei

abnehmendem Mond an, und dann die ersten Tage des Neumond.“

Dann müßten wir ja Aussicht haben, meinte ich, es sei heute das letzte

Mondviertel.

Ja, erwiderte er, das sei wohl möglich. „Aber das Angeln taugt nichts

zwischen Neumond und abnehmendem Mond, denn da gehen dem Hecht die

Zähne ins Zahnfleisch und verschwinden ganz. Nur bei abnehmendem Mond

und bei Neumond kommen die Zähne wieder hervor, und dann beißt er an,

wie man sich leicht vorstellen kann.“

Im übrigen, meinte der Schuhmacher, gebe es im See große Hechte;

vielleicht könnten wir einen von den größten erwischen. Aber mit den

Geräten, die wir hätten, sei er nicht leicht ans Land zu bringen. „Denn

er ist schlau!“

Ich mußte diesem Mann, der so viele prächtige Kinder hatte, einige

anerkennende Worte sagen. Die wir sahen, waren wirklich schön, und

frisch sahen sie auch aus.

„Es tut not, daß die Leute hier im Tal viele Stiefeln zerreißen, wenn

du so viele Kinder zu ernähren hast.“

„Ach,“ sagte er, „mit dem Auskommen würde es hapern, wenn man bloß von

der Schuhmacherei leben sollte; da könnte man Hungers sterben. Man kann

nur in den freien Stunden Schuhmacher sein, im übrigen müssen wir vom

Walde leben.“

Dann stiegen wir ins Boot und fuhren zum See hinauf. Ein

achtzehnjähriger Sohn des Schuhmachers ruderte. Wir hatten aber

scharfen Gegenwind, deshalb ging es sehr langsam vorwärts, und wir

fingen nichts. Erst als wir am oberen Ende des Fjords den Wind in den

Rücken bekamen, ging es schneller, und sofort biß auch ein Fisch bei

einer der Damen an. Nach einer Weile brachten wir ihn ans Boot heran

und nahmen ihn mit dem Kescher herein. Es war ein Hecht von etwa zwei

Kilo.

Da der Wind zu stark war, wollten wir nicht unter der Brücke in den

Lomnessee hineinrudern. Wir hielten sonnige Mittagsrast auf einem

grasigen Hügel und fuhren dann wieder in den Lövfjord hinaus, den Wind

im Rücken; das Boot hatte genügende Geschwindigkeit.

Nicht lange dauerte es, da biß ein Fisch von etwa zwei Kilo an, den

wir auch ins Boot bekamen. Einige kleinere Hechte fingen wir ebenfalls.

Dann aber kam eine lange Strecke ohne Erfolg, und wir gelangten bis ans

Südende. Da wollten wir denn wieder ein Stück aufwärts, um zu sehen,

ob es dort nicht besser gehen würde, und fuhren querüber, um am andern

Ufer entlang zu rudern.

Mitten im Fjord sagte Frau S.:

„Da schnappt etwas, aber ich bin gewiß auf Grund geraten.“

Ich nahm die Angelrute, es schien wahrhaftig so zu sein, aber im selben

Augenblick sauste die Schnur vom Roller. Da war nicht der Grund gefaßt,

nein, die kleine Bambusrute stand krumm wie eine Peitsche. Ich bremste

aus Leibeskräften, mußte aber den Fisch gehen lassen und die Schnur

immer länger und länger geben. Es war ihm nicht zu widerstehen. Ich zog

ein, sobald es sich tun ließ, dann zog der Fisch aber wieder hinaus, so

stark, daß der Roller pfiff. Wahrhaftig, es mußte ein großer Fisch sein.

Der Bursche fragte, ob er nicht ans Land rudern solle; da müßte der

Fisch doch leichter hereinzubekommen sein; die Schnur werde jetzt so

lang.

„Bist du verrückt? Halte dich in der Mitte des Fjords und über der

tiefsten Stelle. Laß mich nur nicht auf den Grund kommen; denn dann

können wir dem Fisch gleich Lebewohl sagen. Rudere aufwärts, soviel du

kannst, damit wir nicht in den Strom hineintreiben.“

Wir waren in die Nähe des Ausflusses gekommen und spürten die Strömung.

Nach einer Weile wurde der Fisch schwächer, und ich konnte die Schnur

etwas einziehen; aber bald zog er wieder weiter weg, er hatte also

noch Kraft genug. Dann ging er in die Tiefe. Ich stemmte mich dagegen,

soviel es anging; die Schnur und das einfache Vorfach wurden sehr

angespannt. Hierauf zog ich wieder ein. Die Geschichte wiederholte sich

in einem fort.

Endlich kam er näher, quer vors Boot. Wir sahen ihn in seiner ganzen

Länge; er war wirklich groß. Dann schwamm er noch mehrmals weg und

wurde wieder hereingeholt; er kam schließlich ganz unter das Boot, und

wir mußten rasch wenden, um von ihm loszukommen.

Endlich ergab er sich einigermaßen und fing an, den Bauch zu zeigen;

aber wir hatten keinen Landungshaken, und der Kescher war viel zu

klein, um ihn hereinzuholen. Der Bursche versuchte es, er hielt den

Kescher unter den Schwanz. Als er ihn aber hob, glitt der Fisch heraus

und fuhr in die Tiefe. Ich bekam ihn wieder herauf, ein neuer Versuch

wurde mit dem Kescher unternommen. Viermal passierte die gleiche

Geschichte.

Dann bekam ich den Hecht wieder an die Bootseite. Noch einmal hält der

Bursche den Kescher unter den Schwanz, während ich den Kopf mit der

Schnur an dem Bootrand heraufziehe. Dann hopp, wir heben und wälzen ihn

herein, und da liegt der Fisch auf dem Boden des Bootes. Die Freude war

groß; wahrhaftig ein starker Fisch, er mochte etwa achteinhalb Kilo

haben.

Ein unheimlicher Anblick war es, wie er da im Boote lag und den Rachen

aufsperrte. Ja, dieser Hecht ist eine Großmacht, die personifizierte

Machtgier. Sieh nur den großen Rachen mit den häßlichen Zähnen!

Er darf alles tun, wozu er Lust hat; er verschlingt alles, was er

erreicht, und lebt gut auf Kosten anderer. Trotzdem aber wird er

eines Tags in solch feinen schwachen Dingen gefangen, weil er sich

verrechnete, als er auf ein armseliges kleines Rotauge losgehen

wollte......

Wir fuhren wieder den Lövfjord hinauf und fingen noch einige kleinere

Fische. Dann war es Schluß, und wir ruderten zum Schuhmacher und seinen

vielen Kindern zurück.

„Ja,“ meinte er, „das war ein guter Fang, aber es ist ja auch bald

abnehmender Mond, und drum ist es nicht weiter verwunderlich.“

Freiluftleben · 第 30 / 32 题