Die Reise ging weiter ostwärts vom Storsjö längs der Mistraschlucht
hinauf über das Gebirge und hinunter zum Klarafluß.
Im Norden lagen hoch über der Bergweite die Sölenberge mit dem tiefen
engen Sölenpaß. Durch ihn nahmen vor Jahrhunderten die Pilger ihren
Weg auf ihrer langen Wanderung nordwärts zum Schrein des heiligen Olav
in Drontheim, wo sie für Leib und Seele Genesung suchten und auch oft
fanden.
Ach, wenn man ein solches Wunderheilmittel für das hoffnungslos kranke
Menschengeschlecht finden könnte, das jetzt aus eigener Schuld leidet,
ohne dem Halt gebieten zu können.
Die Zeiten ändern sich, die Menschen ändern sich, aber die Natur -- die
große einfache -- bleibt unveränderlich......
+Viksalm+, 24. Juli.
Die Sonne stand schon über dem Waldrand im Osten und flutete gerade
ins Zimmer herein, als ich die Tür öffnete, um im Klarafluß ein
Morgenbad zu nehmen.
Welch wundervoll friedlicher Fleck auf dieser lärmenden Erde! Still und
ruhig liegen die Sennhütten auf der Wiesenfläche mitten in dem großen
Wald. Ein betauter Blumenteppich reicht die Wiese bis zum Flußrand
hinab. Draußen glitzert der Klarafluß wie ein breites Silberband; auf
der andern Seite steht der dunkle Wald in kühlem Schatten.
Man scheut sich, den Fuß auf diese morgenfrische Reinheit zu setzen und
den Tau von diesen zarten Blumenknospen zu treten. Man bleibt stehen,
weitet die Brust, saugt diesen Frieden ein und läßt sich die Sonne ins
Herz scheinen.
Aber dieser unermüdliche Fluß eilt ohne Rast und ohne Ruh weiter über
Rollsteine; seine Schaumkämme und Wirbel wechseln ununterbrochen und
doch bleiben sie immer dieselben.
Weshalb solche Hast, gerade hier? Nimm dir doch lieber etwas Zeit, du
starker Fluß!
„Laß uns sachte gehen und gut Umschau halten,
Sieh der Weg ist reich an lieblichen Gestalten.“
Aber wer kann das in seiner Manneskraft? Du hast es nur eilig, um rasch
durch dieses Land zu kommen, nach Schweden hinein.
Ist das ein wunderlicher Fluß! Alle großen Flüsse sonst haben sich im
Laufe der Zeiten tiefe Täler gegraben. Der Klarafluß aber hat seinen
Lauf geändert. In alten Zeiten floß er vom Fämundsee über den Drevsee
geradewegs nach Schweden hinein, dann aber hat er seinen Sinn geändert
und seinen Lauf über das graue, mit Renntiermoos bewachsene flache
weite Gebirgsland mit seinen runden Höhen und Senken genommen.
Aus dem Fämundsee fließt die Glöta durch unwegsame Moränen aus großen
Steinen in den Istersee und dann in den Galten. Daraus geht der
Klarafluß hervor. Durch flaches Waldland, endlose Kiefernwälder --
mit hohen, moosbewachsenen Bergen dazwischen -- fließt er zumeist in
allmählich fallenden Stromschnellen und stilleren Strecken, seltener in
größeren Wasserfällen mit anschließenden tiefen, schwarzen Gumpen für
die großen Fische.
Weiter draußen hat er eine größere Talentwicklung gefunden, erst das
Elvtal und dann Trysil. Aber auch dieses ist nicht tief und eng und es
ist ohne hohe Berge. Der höchste ist der Trysilberg.
So gleitet der Klarafluß hinein nach Schweden. Nicht alles was von
Norwegen kommt, ist wohl alle Zeit so willkommen gewesen wie diese
strömenden Wassermassen und ihre Tausende und Abertausende von
Holzstämmen. Es ist ja dieses norwegische Wasser, das den größten See
Schwedens, den Wenersee, mit bilden hilft, Schwedens größten Wasserfall
und die größte Kraftstation, den Trollhätta, und dieses Bauholz!....
Herrgott, wenn wir zwei kleinen Völker doch immer einsehen könnten,
um wieviel weiter wir kommen, wenn wir jederzeit bereit sind, Kraft
voneinander zu empfangen! --
Wie herrlich erfrischt es, in diesem Flusse auf dem hellen Grund zu
sitzen und die kühlen Wellen die Brust umrauschen zu lassen, während
die Sonne ins Wasser scheint und unten mit den Füßen spielt. Man
vernimmt das Jubeln des Pans in den stillen Wäldern.
Ich wollte zur Mißjöhöhe nördlich von den Sölenbergen hinüber; aber
es war zu heiß, um am Tage zu gehen. Ich wartete lieber bis zum Abend
und genoß inzwischen auf dieser Almwiese die Sonne und den Frieden und
träumte den Traum des Waldes.
Große Pläne hatte man gehabt. Ich sollte jetzt eigentlich weit weg
sein, unter der Tropensonne im Urwald, im Unbekannten, und war dann vom
Krieg verhindert worden.
Weshalb aber so weit weg? Hier ist Sonne genug und blauer Himmel, und
ewig jung ist die Natur, ewig neu -- wahrhaftig genug zu entdecken --
und dazu des Waldes große Einsamkeit und Schwermut.....
Im übrigen aber ist gerade hier der Wald jetzt nicht so dicht. Die
Menschen sind schlimm mit ihm umgegangen. Sie haben diese weiten
Kiefernheiden gelichtet, und es stehen keine großen Stämme mehr. Aber
so ist es ja fast überall. Wo sind Norwegens Wälder, die einst Schutz
gewährten?
Und trotzdem ist es doch der Wald, aus dem wir gekommen sind.
Ostwärts, immer weiter nach Osten erstreckt er sich. Unter seiner
ununterbrochenen Decke kannst du Monat für Monat wandern, Jahr für
Jahr, durch Schweden, Finnland, durch Rußland, über den Ural, durch
Sibirien, durch das Amurland, über Berge und Täler und endlose
Waldebenen bis an den Stillen Ozean.
Da sind wir, da bleiben wir wir selbst. Und will sich einer ein
Zukunftsheim erträumen, das er nie fand, dann ist es im Wald, das
Waldesrauschen von Jahrtausenden über dem Hüttendach, Tautropfen im
Farnkraut vor der Tür am Morgen, einen murmelnden Waldbach und kühle
kleine Gumpen über weißen rundgeschliffenen Steinen zwischen dem Moos,
und dann ein blanker See in der Stille des Waldes, wo der Fisch abends
plätschert und große Kreise stößt.
Wie dieses Leben die Menschen gesund und schön macht! Betrachte sie
nur alle, denen wir hier begegnen. Diese Bergljot hier auf der Alm,
hast du solch eine Königin je gesehen? So selten schön das Antlitz,
diese Augen, dieses Lächeln, gütig und zart und doch vertrauensvoll
und selbstsicher. Und dann dieser Körper, so wohlgebaut, so fest und
kräftig, und diese Haltung, dieser freie leichte Gang.
Nein wahrhaftig, die Menschen waren nicht geschaffen, in Städten zu
wohnen! Hier entfalten sie sich. Schicke sie in die Städte, und du
findest wieder bleiche verwaschene Gesichter, hängende schlenkernde
Körper, müden schleppenden Gang, falschen Staat und falsche Gefühle.
Daß sie hier oben so aussehen müssen, das verstehe ich; aber nicht
verstehe ich, daß Bergljot noch nicht verheiratet ist und keine Kinder
hat. Aber danach wagte ich sie nicht zu fragen.
+Oberes Rental+, 25. Juli.
Am Abend, als es kühler geworden war, zog ich weiter. Ich stieg
den Waldhang nach Aursjövola hinauf, dann im kahlen Gebirge nach
Nordwesten. Dort war es leichter zu gehen, und es war auch mehr
Hoffnung auf einen Luftzug, der die Mücken und Bremsen etwas fernhalten
konnte.
Aber oben unter dem Sölen war es auch auf den kahlen Bergflächen
schwer vorwärts zu kommen. Eine Moräne nach der andern kam, mit großen
Steinen auf allen Seiten. Kämme, Rücken und Löcher, mit engen, tiefen,
von Gletscherflüssen geschnittenen Rinnen durch die Moränen, als ob das
Eis sie gestern verlassen hätte. Nur daß das Renntiermoos jetzt alles
überwachsen hatte, und es war schwer, durch das tiefe Moos zwischen all
diesen großen Steinen vorwärts zu stampfen.
So weit weg von den Menschen!
Aber auch bis hierher verfolgt einen der Lärm des Unwetters von dort
draußen. Europa verblutet sich.....
Eine Kraftprobe, sagen sie. Kraft worin? In Machtgier? In
Vorbereitungen, die andern niederzuschlagen und die Macht im
günstigsten Zeitpunkt an sich zu reißen?..... Ist das die Kraftprobe?
Sind das die Eigenschaften, die die Zukunft aufbauen sollen?
Inzwischen verströmt Europas edelstes Blut. Wer bleibt übrig? Wie soll
die Rasse werden, wenn gerade die tüchtigsten, die mutigsten Männer
ausgerottet werden?
Und das Leiden, das große heilige Leiden der Völker..... wird es von
Kräften verschuldet, die wir nicht meistern können, gleich denen, die
diese Moränen aufgebaut haben? Nein, +die Menschen selbst verschulden
es+! Wehe uns!.....
* * * * *
Aber welche Nacht! Dort unten der Wald mit den Mooren auf den Flächen
bis hinab zum großen Sölensee, der sich weit nach Nordwesten erstreckt,
mit waldigen Vorsprüngen, mit baumbestandenen Inseln gleich spähenden
Kriegsschiffen -- das erinnert unheimlich an die, die draußen in der
Nordsee auf der Lauer liegen, um einander zu vernichten.
Die Wälder erstrecken sich weit hinaus, Rücken hinter Rücken,
glitzernde Seen dazwischen. Jenseits der inselüberstreuten Fläche
des Sölensees kommt der Galtensee, weiter draußen der Istersee und
am fernsten, zwischen blauen Bergrücken, die Lücke des Fämundsees,
der selbst nicht zu sehen ist. Über dem Steinrücken, auf dem ich
stehe, erhebt sich das Gebirge bis zu den Sölenbergen mit Schluchten,
Talkesseln und Schneefeldern.
Aber jenseits des Sölensees und der Waldflächen fern im Norden
verschwimmen hohe Berge: Gloföiken, Elgepiggen, Gråhögda, in blauem
Dunst unter dem Traum des Nachthimmels.
Wie die Bergweiten wogen! Sie steigen und sinken und steigen wieder
immer höher hinauf -- das ist Musik. Unwillkürlich erklingt im Herzen
das Preislied.....
Das Preislied? Ist es denn möglich? Kann eine Kultur, die eine Welt
geschaffen hat, so erhaben, so schön wie die Musik, eine Kultur, die im
Preislied immer höher steigt, bis sie in strahlenden Schönheitsjubel
ausbricht -- kann diese Kultur dieselbe sein, die diese brutale
Machtgier entfaltet, dieses Jagen nach äußerem Glanz?
Nein, und abermals nein! Das ist nicht die Kultur, das sind die alten
Instinkte des wilden Tiers, die die Massen irregeführt und die sie
durch die Macht der Suggestion auf Abwege mitgerissen haben. Sie haben
Telegraph, Telephon, Presse in ihrem Dienst, um ihr Gift mit der
Geschwindigkeit der Elektrizität zu verbreiten. Und der Haufe, der bei
der zunehmenden Hast der Gegenwart die eigene Meinung und Urteilskraft
verliert, unterliegt ihnen sofort.
Eine Wiedergeburt +muß+ kommen -- eine neue Zeit mit neuen
Idealen, in der die geistigen Werte wieder das Ziel bilden und die
materiellen nur Mittel werden -- in der der Mob und die Mittelmäßigkeit
nicht länger die Welt regieren, sondern die großen Geister die
Menschen auf größere Höhen mit weitem Ausblick führen -- in der jede
geistige Entdeckung, jeder Sieg in der Welt des Geistes mit derselben
Begeisterung begrüßt wird wie jetzt die materiellen Siege -- in der die
Menschen für ein größeres, schöneres, einfacheres Leben leben!
Aber die Hetzjagd des Alltags dort unten in den Städten, unter dem
Alpdruck des Geldes, verflacht die Menschen. Aus der Wüste, aus der
Einsamkeit, aus der einfachen Tiefe der Natur sind zu allen Zeiten die
neuen Männer gekommen.
Welch starker Ernst in einer solchen Nacht! Es ist, als höre man das
erhabene Lied des Weltraums selbst -- so hoch, so weit, so ätherisch
rein -- so wunderbar frei für Herz und Sinn.....
Aus dieser Welt müssen die Männer der neuen Zeit geboren werden, mit
den großen einfachen Linien -- aus einem Guß -- ohne die Zweideutigkeit
der doppelten Moral.....
Aus dieser nachtstillen Größe müssen die Gedanken sprießen, die dem
kommenden Geschlecht Gesundung bringen können.
[Illustration]