21. Juli.

Die Reise ging weiter ostwärts vom Storsjö längs der Mistraschlucht

hinauf über das Gebirge und hinunter zum Klarafluß.

Im Norden lagen hoch über der Bergweite die Sölenberge mit dem tiefen

engen Sölenpaß. Durch ihn nahmen vor Jahrhunderten die Pilger ihren

Weg auf ihrer langen Wanderung nordwärts zum Schrein des heiligen Olav

in Drontheim, wo sie für Leib und Seele Genesung suchten und auch oft

fanden.

Ach, wenn man ein solches Wunderheilmittel für das hoffnungslos kranke

Menschengeschlecht finden könnte, das jetzt aus eigener Schuld leidet,

ohne dem Halt gebieten zu können.

Die Zeiten ändern sich, die Menschen ändern sich, aber die Natur -- die

große einfache -- bleibt unveränderlich......

+Viksalm+, 24. Juli.

Die Sonne stand schon über dem Waldrand im Osten und flutete gerade

ins Zimmer herein, als ich die Tür öffnete, um im Klarafluß ein

Morgenbad zu nehmen.

Welch wundervoll friedlicher Fleck auf dieser lärmenden Erde! Still und

ruhig liegen die Sennhütten auf der Wiesenfläche mitten in dem großen

Wald. Ein betauter Blumenteppich reicht die Wiese bis zum Flußrand

hinab. Draußen glitzert der Klarafluß wie ein breites Silberband; auf

der andern Seite steht der dunkle Wald in kühlem Schatten.

Man scheut sich, den Fuß auf diese morgenfrische Reinheit zu setzen und

den Tau von diesen zarten Blumenknospen zu treten. Man bleibt stehen,

weitet die Brust, saugt diesen Frieden ein und läßt sich die Sonne ins

Herz scheinen.

Aber dieser unermüdliche Fluß eilt ohne Rast und ohne Ruh weiter über

Rollsteine; seine Schaumkämme und Wirbel wechseln ununterbrochen und

doch bleiben sie immer dieselben.

Weshalb solche Hast, gerade hier? Nimm dir doch lieber etwas Zeit, du

starker Fluß!

„Laß uns sachte gehen und gut Umschau halten,

Sieh der Weg ist reich an lieblichen Gestalten.“

Aber wer kann das in seiner Manneskraft? Du hast es nur eilig, um rasch

durch dieses Land zu kommen, nach Schweden hinein.

Ist das ein wunderlicher Fluß! Alle großen Flüsse sonst haben sich im

Laufe der Zeiten tiefe Täler gegraben. Der Klarafluß aber hat seinen

Lauf geändert. In alten Zeiten floß er vom Fämundsee über den Drevsee

geradewegs nach Schweden hinein, dann aber hat er seinen Sinn geändert

und seinen Lauf über das graue, mit Renntiermoos bewachsene flache

weite Gebirgsland mit seinen runden Höhen und Senken genommen.

Aus dem Fämundsee fließt die Glöta durch unwegsame Moränen aus großen

Steinen in den Istersee und dann in den Galten. Daraus geht der

Klarafluß hervor. Durch flaches Waldland, endlose Kiefernwälder --

mit hohen, moosbewachsenen Bergen dazwischen -- fließt er zumeist in

allmählich fallenden Stromschnellen und stilleren Strecken, seltener in

größeren Wasserfällen mit anschließenden tiefen, schwarzen Gumpen für

die großen Fische.

Weiter draußen hat er eine größere Talentwicklung gefunden, erst das

Elvtal und dann Trysil. Aber auch dieses ist nicht tief und eng und es

ist ohne hohe Berge. Der höchste ist der Trysilberg.

So gleitet der Klarafluß hinein nach Schweden. Nicht alles was von

Norwegen kommt, ist wohl alle Zeit so willkommen gewesen wie diese

strömenden Wassermassen und ihre Tausende und Abertausende von

Holzstämmen. Es ist ja dieses norwegische Wasser, das den größten See

Schwedens, den Wenersee, mit bilden hilft, Schwedens größten Wasserfall

und die größte Kraftstation, den Trollhätta, und dieses Bauholz!....

Herrgott, wenn wir zwei kleinen Völker doch immer einsehen könnten,

um wieviel weiter wir kommen, wenn wir jederzeit bereit sind, Kraft

voneinander zu empfangen! --

Wie herrlich erfrischt es, in diesem Flusse auf dem hellen Grund zu

sitzen und die kühlen Wellen die Brust umrauschen zu lassen, während

die Sonne ins Wasser scheint und unten mit den Füßen spielt. Man

vernimmt das Jubeln des Pans in den stillen Wäldern.

Ich wollte zur Mißjöhöhe nördlich von den Sölenbergen hinüber; aber

es war zu heiß, um am Tage zu gehen. Ich wartete lieber bis zum Abend

und genoß inzwischen auf dieser Almwiese die Sonne und den Frieden und

träumte den Traum des Waldes.

Große Pläne hatte man gehabt. Ich sollte jetzt eigentlich weit weg

sein, unter der Tropensonne im Urwald, im Unbekannten, und war dann vom

Krieg verhindert worden.

Weshalb aber so weit weg? Hier ist Sonne genug und blauer Himmel, und

ewig jung ist die Natur, ewig neu -- wahrhaftig genug zu entdecken --

und dazu des Waldes große Einsamkeit und Schwermut.....

Im übrigen aber ist gerade hier der Wald jetzt nicht so dicht. Die

Menschen sind schlimm mit ihm umgegangen. Sie haben diese weiten

Kiefernheiden gelichtet, und es stehen keine großen Stämme mehr. Aber

so ist es ja fast überall. Wo sind Norwegens Wälder, die einst Schutz

gewährten?

Und trotzdem ist es doch der Wald, aus dem wir gekommen sind.

Ostwärts, immer weiter nach Osten erstreckt er sich. Unter seiner

ununterbrochenen Decke kannst du Monat für Monat wandern, Jahr für

Jahr, durch Schweden, Finnland, durch Rußland, über den Ural, durch

Sibirien, durch das Amurland, über Berge und Täler und endlose

Waldebenen bis an den Stillen Ozean.

Da sind wir, da bleiben wir wir selbst. Und will sich einer ein

Zukunftsheim erträumen, das er nie fand, dann ist es im Wald, das

Waldesrauschen von Jahrtausenden über dem Hüttendach, Tautropfen im

Farnkraut vor der Tür am Morgen, einen murmelnden Waldbach und kühle

kleine Gumpen über weißen rundgeschliffenen Steinen zwischen dem Moos,

und dann ein blanker See in der Stille des Waldes, wo der Fisch abends

plätschert und große Kreise stößt.

Wie dieses Leben die Menschen gesund und schön macht! Betrachte sie

nur alle, denen wir hier begegnen. Diese Bergljot hier auf der Alm,

hast du solch eine Königin je gesehen? So selten schön das Antlitz,

diese Augen, dieses Lächeln, gütig und zart und doch vertrauensvoll

und selbstsicher. Und dann dieser Körper, so wohlgebaut, so fest und

kräftig, und diese Haltung, dieser freie leichte Gang.

Nein wahrhaftig, die Menschen waren nicht geschaffen, in Städten zu

wohnen! Hier entfalten sie sich. Schicke sie in die Städte, und du

findest wieder bleiche verwaschene Gesichter, hängende schlenkernde

Körper, müden schleppenden Gang, falschen Staat und falsche Gefühle.

Daß sie hier oben so aussehen müssen, das verstehe ich; aber nicht

verstehe ich, daß Bergljot noch nicht verheiratet ist und keine Kinder

hat. Aber danach wagte ich sie nicht zu fragen.

+Oberes Rental+, 25. Juli.

Am Abend, als es kühler geworden war, zog ich weiter. Ich stieg

den Waldhang nach Aursjövola hinauf, dann im kahlen Gebirge nach

Nordwesten. Dort war es leichter zu gehen, und es war auch mehr

Hoffnung auf einen Luftzug, der die Mücken und Bremsen etwas fernhalten

konnte.

Aber oben unter dem Sölen war es auch auf den kahlen Bergflächen

schwer vorwärts zu kommen. Eine Moräne nach der andern kam, mit großen

Steinen auf allen Seiten. Kämme, Rücken und Löcher, mit engen, tiefen,

von Gletscherflüssen geschnittenen Rinnen durch die Moränen, als ob das

Eis sie gestern verlassen hätte. Nur daß das Renntiermoos jetzt alles

überwachsen hatte, und es war schwer, durch das tiefe Moos zwischen all

diesen großen Steinen vorwärts zu stampfen.

So weit weg von den Menschen!

Aber auch bis hierher verfolgt einen der Lärm des Unwetters von dort

draußen. Europa verblutet sich.....

Eine Kraftprobe, sagen sie. Kraft worin? In Machtgier? In

Vorbereitungen, die andern niederzuschlagen und die Macht im

günstigsten Zeitpunkt an sich zu reißen?..... Ist das die Kraftprobe?

Sind das die Eigenschaften, die die Zukunft aufbauen sollen?

Inzwischen verströmt Europas edelstes Blut. Wer bleibt übrig? Wie soll

die Rasse werden, wenn gerade die tüchtigsten, die mutigsten Männer

ausgerottet werden?

Und das Leiden, das große heilige Leiden der Völker..... wird es von

Kräften verschuldet, die wir nicht meistern können, gleich denen, die

diese Moränen aufgebaut haben? Nein, +die Menschen selbst verschulden

es+! Wehe uns!.....

* * * * *

Aber welche Nacht! Dort unten der Wald mit den Mooren auf den Flächen

bis hinab zum großen Sölensee, der sich weit nach Nordwesten erstreckt,

mit waldigen Vorsprüngen, mit baumbestandenen Inseln gleich spähenden

Kriegsschiffen -- das erinnert unheimlich an die, die draußen in der

Nordsee auf der Lauer liegen, um einander zu vernichten.

Die Wälder erstrecken sich weit hinaus, Rücken hinter Rücken,

glitzernde Seen dazwischen. Jenseits der inselüberstreuten Fläche

des Sölensees kommt der Galtensee, weiter draußen der Istersee und

am fernsten, zwischen blauen Bergrücken, die Lücke des Fämundsees,

der selbst nicht zu sehen ist. Über dem Steinrücken, auf dem ich

stehe, erhebt sich das Gebirge bis zu den Sölenbergen mit Schluchten,

Talkesseln und Schneefeldern.

Aber jenseits des Sölensees und der Waldflächen fern im Norden

verschwimmen hohe Berge: Gloföiken, Elgepiggen, Gråhögda, in blauem

Dunst unter dem Traum des Nachthimmels.

Wie die Bergweiten wogen! Sie steigen und sinken und steigen wieder

immer höher hinauf -- das ist Musik. Unwillkürlich erklingt im Herzen

das Preislied.....

Das Preislied? Ist es denn möglich? Kann eine Kultur, die eine Welt

geschaffen hat, so erhaben, so schön wie die Musik, eine Kultur, die im

Preislied immer höher steigt, bis sie in strahlenden Schönheitsjubel

ausbricht -- kann diese Kultur dieselbe sein, die diese brutale

Machtgier entfaltet, dieses Jagen nach äußerem Glanz?

Nein, und abermals nein! Das ist nicht die Kultur, das sind die alten

Instinkte des wilden Tiers, die die Massen irregeführt und die sie

durch die Macht der Suggestion auf Abwege mitgerissen haben. Sie haben

Telegraph, Telephon, Presse in ihrem Dienst, um ihr Gift mit der

Geschwindigkeit der Elektrizität zu verbreiten. Und der Haufe, der bei

der zunehmenden Hast der Gegenwart die eigene Meinung und Urteilskraft

verliert, unterliegt ihnen sofort.

Eine Wiedergeburt +muß+ kommen -- eine neue Zeit mit neuen

Idealen, in der die geistigen Werte wieder das Ziel bilden und die

materiellen nur Mittel werden -- in der der Mob und die Mittelmäßigkeit

nicht länger die Welt regieren, sondern die großen Geister die

Menschen auf größere Höhen mit weitem Ausblick führen -- in der jede

geistige Entdeckung, jeder Sieg in der Welt des Geistes mit derselben

Begeisterung begrüßt wird wie jetzt die materiellen Siege -- in der die

Menschen für ein größeres, schöneres, einfacheres Leben leben!

Aber die Hetzjagd des Alltags dort unten in den Städten, unter dem

Alpdruck des Geldes, verflacht die Menschen. Aus der Wüste, aus der

Einsamkeit, aus der einfachen Tiefe der Natur sind zu allen Zeiten die

neuen Männer gekommen.

Welch starker Ernst in einer solchen Nacht! Es ist, als höre man das

erhabene Lied des Weltraums selbst -- so hoch, so weit, so ätherisch

rein -- so wunderbar frei für Herz und Sinn.....

Aus dieser Welt müssen die Männer der neuen Zeit geboren werden, mit

den großen einfachen Linien -- aus einem Guß -- ohne die Zweideutigkeit

der doppelten Moral.....

Aus dieser nachtstillen Größe müssen die Gedanken sprießen, die dem

kommenden Geschlecht Gesundung bringen können.

[Illustration]

Freiluftleben · 第 31 / 32 题