Juli 1916.
Die Fahrt von den lachenden Mjöslandschaften das lange Gudbrandstal
hinauf bis Otta bietet nicht viele Überraschungen. Gutgehaltene
Gehöfte leuchten zu beiden Seiten des glitzernden Lågen. Das Leben
geht im Talgrund seinen gleichmäßigen, altgewohnten Gang. Der ziemlich
gelichtete Wald erstreckt sich auf beiden Seiten die Abhänge hinan bis
zum Rand des kahlen Gebirges.
Verläßt man aber diese Einförmigkeit und geht ein Seitental hinauf, wie
es die Waldschlucht ist, durch die sich die Ula ihren Weg vom Hochland
herab bricht, dann ist man bald in einer neuen Welt.
Durch ein einsames Waldtal kommt man am Fluß entlang aufwärts, der in
lauter Wasserfällen zur Seifensteinmühle unten im Tal hinabstürzt.
Hat man eine enge Bergpforte hinter sich, dann erweitert sich das Tal
etwas und wird oben flacher. Die großen weißen Terrassen zu beiden
Seiten mit den horizontalen Schichten zeigen, daß hier einmal, wohl
am Schluß der Eiszeit, ein großer Binnensee gewesen ist. Jetzt ist er
ausgetrocknet, da sich der Fluß einen freien Lauf gebahnt hat durch
diese Rinne im Berge, die wohl von einer Moräne aufgedämmt worden war,
oder vielleicht auch vom Eise, als das Tal draußen von einem Gletscher
angefüllt war.
Dann wird das Tal wieder enger, und es geht höher hinauf. Allmählich
wird der Wald niedriger und lichter, bald steht man an seinem oberen
Rand. Die Talschlucht erweitert sich. Nach oben wird es flacher, und
vom obersten Rücken, meint man, müsse man schon einen Ausblick auf die
Bergweite mit ihren Gipfeln haben.
Das Barometer war gestern gesunken, schwere Wolken zogen jetzt von
Osten her. Es mochte wohl Regen geben, aber es war gutes Wetter zum
Gehen.
Jenseits der Schlucht liegt eine Sennhütte in etwas lichtem Wald mit
flachen Mooren. Von da kommt man zur Mysualm hinauf. Im Birkenwald
steht Hütte an Hütte; rot angestrichen, mit grünem Torfdach, vorn
Fahnenstangen; sie sind von Stadtleuten gebaut, die sich hier im Sommer
aufhalten und die Gebirgsluft genießen, im Herbst auf die Jagd gehen
und zu Ostern Schneeschuh laufen.
Dann kommen die Touristenhütte und die Sennhütten. Aber der Weg führt
höher hinauf, ins kahle Gebirge. Bald ist man ganz oben, und die
Bergweite liegt wie eine Almwiese vor einem und wogt in weichen, mit
Heidekraut und Moos überwachsenen Wellen.
Über dem allen liegen die Berge. Dort ist Rondane! Wolkenhohe
Steinmassen wölben sich Kuppe an Kuppe über den Bergheiden mit tiefen
Spalten, mit Firnen und Talkesseln und Schutthalden -- eine Märchenwelt
für sich.
Dort ganz im Westen, sind das der Valsberg und die Bråkdalshöhe, wo
Per Gynt hauste? Dann sind das in der Mitte wohl Smiuhammer und die
Rondvaßhöhe mit den jäh abfallenden Hängen. Aber Diger-Ronden selbst
und Hög-Ronden sieht man nicht, die liegen hinten. Hier vorn im Osten
ist die Illmannhöhe.
Was für Berge! Sie tauchen fast zu plötzlich auf, nach dem kurzen
Aufstieg vom Tale. Die Brust weitet sich, der Mut und die Schwingen
wachsen.
Über welche Flächen schweift hier das Auge! Man fühlt sich so leicht,
als könne man fliegen, und die Gedanken schwimmen in der blauen Luft
bis weit nach Norden zu den festen Linien der Rondeberge.
Nach allen Seiten dehnt sich die Bergweite -- die Täler wie schmale
Risse in den Gebirgsflächen. Tief dort unten windet sich der Fluß des
Menschenlebens, weit, weit weg von hier oben. Hier atmet man frei, hier
bietet sich Ruhe für Auge und Herz.
Doch andere Bilder tauchen auf -- aus weiterer Ferne.... Festungen,
Schützengräben -- Berge von verstümmeltem Menschenfleisch.
Nein, nein, dem Furchtbaren da draußen entkommt man nicht, auch hier
nicht! Nirgends gibt es Frieden.
In all das, was man sieht, klingt der Jammer von Millionen von Frauen
hinein, die alles verloren haben -- den Geliebten, den Gatten.... Man
sieht verzweifelte Mütter nach ihren Söhnen suchen, ergraute gebeugte
Väter nach der Hoffnung ihres Stammes....
Ein Alpdrücken des Wahnsinns!.... und niemand kann es aufhalten --
niemand.
Schon erbeben die Grundlagen der Gesellschaft.... Die Völker Europas --
die „Träger der Kultur“ -- fressen einander auf; sie zertrampeln die
Kultur, sie legen Europa in Ruinen -- wem zum Vorteil?
Es ist wie eine Lawine, die auf ihrem Weg zum Abgrund immer mehr
mit sich fortreißt, Bäume, Wälder, Häuser, Gehöfte. Sie nimmt zu an
Furchtbarkeit; alle wissen, daß sie das ganze Tal begraben wird, aber
keine Macht kann sie aufhalten, sie +muß+ ihren Lauf vollenden.
Und wofür wird gekämpft? Für +Macht+! Nur für Macht! Wenigstens
die, die angefangen haben....
Konnte es denn anders kommen? Eine Kultur, die die +Macht+ als das
hohe Ziel der Völker setzt, kann die Menschheit nicht vorwärtsbringen;
sie mußte sie schließlich hierher führen -- dem Untergang entgegen.
Für die einzelnen wie für die Staaten galt als Forderung der freie,
rücksichtslose Wettlauf nach dem materiellen Erfolg um jeden Preis,
nach äußerer Macht, nach Glanz.
Um das Ziel zu erreichen, nahmen die Völker auf nichts anderes
mehr Rücksicht als auf sich selbst. Ideale, Moral konnte jeder mit
heiligem Recht mit Füßen treten, sobald nur sein Volk Vorteil davon
hatte. Da konnten feierliche Versprechen gebrochen werden, da konnte
gelogen, betrogen, da konnte gemordet werden mit Lug und Trug. Da wird
+der+ Mann zum Verräter, der nicht jedes Mittel anwenden will, um
die Gegner seines Volkes zu vernichten. Ja, wenn es notwendig war,
schadete es nichts, wenn einer die übrige Menschheit vernichtete,
sobald sein eigenes Volk Platz brauchte....
Der Feldruf ist: Nieder mit allen andern, wenn nur +wir+ in die Höhe
kommen!
Mit Notwendigkeit mußte das zu dieser Selbstvernichtung führen, sie
+mußten+ einander auffressen, sobald die Erde zu klein wurde und jeder
Platz besetzt war, als die letzten zur Krippe kamen und meinten, sie
hätten dasselbe Recht auf die fetten Bissen wie die andern.
Aber alle behaupten, sie seien in den Kampf hinein gezwungen worden,
sie kämpften für die hohen Ideale. Wie ist es so gekommen?
Es +mußte+ so kommen! +Europas Kultur hat versagt+; sie war innerlich
faul. Wie der kranke Baum im Walde stürzte sie zusammen, sobald der
Sturm losbrach.
Kultur? Ja, was ist sie denn, wenn sie nicht das wilde Tier meistert,
wenn sie es nicht fortführt aus der Barbarei? Das ist ja ihr innerstes
Wesen, ohne das ist sie eine leere Schale.
Aber nun rast das wilde Tier zügellos, der Fenriswolf ist los, häßlich
heult Garm am Eingang zur Unterwelt.
Der größte Sieg ist, sich selbst überwinden. Das gilt nicht nur für
den einzelnen, das gilt auch für die Völker, für die Gemeinschaft der
Menschen.
Wir führen einen steten Kampf, um die Naturkräfte zu meistern, um das
Dasein zu sichern. Aber die ohne Frage größten Unglücksfälle, das
schlimmste Elend +verdanken wir immer noch den Menschen selbst+, und
noch sind wir nicht dahin gelangt, das hindern zu können. Welch eine
furchtbare, demütigende Wahrheit!......
* * * * *
Die schwere Nebelkappe über dem Smiuhammer wird dunkler, unten in
der Schlucht wird es blauschwarz. Es ist, als runzle der Berg die
Brauen......
Kann es wahr sein? -- Aber es sind ja +Großmächte+ -- und eine
Großmacht darf alles, was sie selbst für recht erklärt. Die Mehrheit
entscheidet über das Recht in der Welt. Eine Großmacht ist immer in
der Mehrheit, also hat sie immer recht -- und die kleinen Völker haben
unrecht. -- --
Nein, das führt im Kreise herum. Aber ich will ja vorwärts, ich will
weiter über diese moosbewachsenen Flächen, wo nichts den Fuß aufhält.
Über die Flächen und an den Bergwänden hinauf schweift der Blick.....
Hier gab es früher Renntiere genug, aber jetzt ist kein Tier zu sehen,
kein lebendes Wesen. Die Menschen haben alles vernichtet.
Ein herrliches Geschöpf, dieser Mensch..... plündern, rauben, Krieg
gegen die Tiere, Krieg gegen die Menschen..... Raubtier -- überall.....
* * * * *
Und wie dieser Krieg alle Begriffe auf den Kopf stellt! Zu was für
Ungeheuern macht er uns!
Bekommt einer eine Uniform an, Kleider von einer gewissen Form und
Farbe, und dazu einen Befehl, dann hat er Recht zu allem möglichen. Er
kann aus der Luft Bomben auf friedliche Städte werfen, auf arbeitsame
Bürger, die nur ihrer Tagesarbeit nachgehen, er kann Wohnstätten,
Eigentum, Beruf vernichten.
Verteidigt sich aber einer, der keine Uniform anhat, schießt er auf die
Gewaltmenschen, dann ist das ein schändliches Verbrechen .... Fängt man
ihn, dann wird er nach Gesetz und Recht erschossen oder gehängt...
Es kocht in einem.... Aber selbst sonst gutherzige Menschen finden so
etwas in Ordnung, wenigstens schreien sie nicht.
Ist das die Kultur, in der die Welt weiterleben sollte? Dann lieber
verbluten..... dann lieber untergehen!
Mußte Europas Kultur bis zu diesem Wahnsinn führen -- und das
+mußte+ sie wohl, denn es waren ja erwachsene Männer und nicht
gedankenlose Kinder, die die Drähte in der Hand hielten --, ja, dann
war sie fertig und sie +mußte+ in den Schmelztiegel ....
Und wir, unser Volk? Sollen auch wir in den Mahlstrom hineingezogen
werden, bevor wir noch haben versuchen können, unsern Einsatz in der
Entwicklung der Welt zu leisten? Noch haben wir Norweger keine eigene
Kultur hervorgebracht, aber die Kräfte sind da, und groß genug liegen
die Aufgaben vor uns in der Zukunft -- wenn wir nur nicht an unserer
Seele Schaden nehmen, indem wir als Zuschauer dasitzen und uns mit dem
mästen, was vom Weltbrand abfällt.....
Bei uns herrschte dieselbe wilde Gier nach Gewinn, die den Krieg
entzündete; aber wir leben ohne die großen Gefühle, die ihn tragen.....
Dort draußen werden trotz aller Vernichtung doch Willen gehärtet,
dort werden Männer geschaffen. Die Völker kämpfen um ihr Leben,
-- da gibt es noch Ziele!..... Und sie erhalten ihre Taufe in dem
großen Leiden, in der Entsagung, in dem geduldigen, unbegrenzten
Opferwillen..... Aller Flitterstaat wird abgestreift, sie werden
zur Natur zurückgezwungen, zu dem einfacheren, gesunderen Leben in
Genügsamkeit.... Aber wir?...
Sollte aus dieser Berserkerwut des Wahnsinns doch etwas Gutes, eine
neue Zeit hervorgehen?
* * * * *
Fertig, sagen sie? Sollte Europas Kultur fertig sein? Ist der
Mittelpunkt der Welt im Begriff verlegt zu werden?
Oder haben trotzdem die Völker die Kraft zur Erneuerung?
Die Welt hat früher gesehen, daß Völker, die für ihr Dasein, für
die Freiheit -- aber nicht für die Macht -- kämpfen, sich herrlich
entfalten können, wie die Griechen, wie Athen nach dem Kampf gegen die
Perser.
Aber die Welt hat auch gesehen, daß, wo ein Militärstaat, ein Sparta
oder ein Rom, den Sieg davontrug, der große Niedergang der Kultur
begann.
Ja, wer weiß, was kommt -- und was nützt es, darüber zu grübeln?
* *
*
Es geht schnell und leicht nach Osten. Ich komme über die Glitra, die
nach dem Gudbrandstal fließt, und wandere weiter aufwärts. Das einzige
lebende Wesen ist hier und da ein Morinell (~Eudromias morinellus~),
der zwischen den mit Heidekraut bedeckten Rücken davonläuft.
Bald erreichte ich die Wasserscheide zwischen der Glitra und dem
Musvollfluß, der nach Nordosten in den Atnesee fließt. Es öffnete
sich auch eine breite Talsenke ostwärts mit Aussicht nach Sollien
und dem Glommental. Im Norden aber thronten über allem die Berge von
Rondane. Können vielleicht sie dort oben von ihrer Höhe in die Zukunft
hineinschauen?
Ja, sag du mir, Diger-Ronden, was du siehst..... Die Zukunft, das
Kommende, ist es denn +nur+ Finsternis?
Oder vielleicht verbrennt das Alte und Verbrauchte, damit Neues an
seine Stelle treten kann? Aber woher soll dieses kommen?