9. August 1900.

In der Nacht, während wir vor Anker lagen und einige Heringsnetze

ausgelegt hatten, mit denen wir aber auch nichts fingen, zogen einige

von uns wieder ins Land hinein. Zuerst die Lavawände entlang, um Alke

zu schießen.

Auf der Eierinsel gab es eine Bucht, die das Ödeste, Unheimlichste,

Verzaubertste ist, was ich je gesehen hatte. Unten ein schmaler, öder

Sandstrand mit einigen Stücken Treibholz, gleich verwitterten Knochen.

Darüber dunkelbraune Lava- oder Tuffwände, von Wasser und Frost in den

gekrümmtesten knorrigsten Formen zerfurcht, überall von oben bis unten

gewunden und gezerrt wie Knoten und Sehnen. Nichts Lebendes ist zu

schauen. Nicht ein einziger Schneefleck, alles ist jetzt um Mitternacht

dunkel, braun und düster.

Wahrlich, das ist der „Trolle-Botten“ im Norden, im „Nebelheim“. Hier

wohnen Drachen und wunderliche vorweltliche Tiere -- für jetzt lebende

Wesen keine Stätte des Bleibens.

Wir gingen weiter und dann wieder zurück -- überall dasselbe Bild.

Anderwärts saßen doch die Alke reihenweise übereinander und belebten

die Gegend. Aber hier gingen all die tiefen, krummen Furchen von oben

nach unten, so daß für Vögel kein Raum war.

Südlich, vor der Eierinsel, ragte ein gewaltiger Lavafels aus der See

empor, die seinen Fuß umspült und tiefe Löcher in ihn höhlt, so daß er

wohl bald umstürzen wird.

Weiter südlich, in der „Treibholzbucht“, gingen wir durch die Brandung

an Land und zogen das Boot auf den Strand, so gut wir konnten. Wir

gingen tief ins Land hinein, aber nie habe ich eine trostlosere

Landschaft gesehen, nur eine Fläche verwitterter Lava oder Asche,

schwarz und traurig, ohne einen Grashalm. Nur in weiter Ferne sahen

wir in den schwarzen Bergen grüngelbe Abhänge. Aber dorthin kamen wir

nicht, trotz unseres eifrigen Botanikers, der gern etwas für seine

Botanisiertrommel haben wollte.

Nebel lag auf allen Bergen ringsum. Nur über den Kämmen im Nordwesten

leuchtete die Sonnenröte unter dem Nebeldach und erinnerte daran, daß

es irgendwo in der Welt Sonnenschein gab. Aber das mußte weit, weit weg

sein.

Als wir gegen Morgen an Bord gingen, zerstreute sich der Nebel über den

Bergspitzen im Süden. Draußen im Nordosten färbte sich der Himmel rot

von der Sonne; in seiner Art war das ganz schön.

* * * * *

Von Jan Mayen glaubten wir genug gesehen zu haben. Ganz hatte sich

uns der Beerenberg freilich nicht gezeigt, und vielleicht erhält, wer

ihn an einem Tag mit Sonnenschein zu sehen bekommt, ein anderes Bild

von der Insel. In meiner Erinnerung hat sich die Insel unauslöschlich

befestigt. Aber zu dieser Erinnerung werde ich wohl kaum gern

zurückkehren....

Im Verlauf des Tages führten wir neue Trawlzüge aus und fanden unter

anderm, daß hier die Algen bis in eine Tiefe von 90 bis 100 Meter

hinab wachsen. Das kommt daher, daß das Wasser infolge des dürftigen

Planktons so klar und durchsichtig ist und das Sonnenlicht daher im

Sommer in große Tiefen hinabdringen kann. Das Meer hat die Klarheit und

den Reichtum an Pflanzenleben, die Luft und Land entbehren müssen.

Am Nachmittag ließen wir die einsame, der Erinnerung bare Insel in

ihrer Nebelwelt zurück. Schnell verschwand sie unter dem Horizont im

Nebel, und es ging ostwärts nach Norwegen.

* *

*

Am Abend nahmen wir eine Temperaturreihe bis auf den Grund. Da

ereignete sich leider das Unglück, daß beim Heraufholen der Lotleine

mein neu erfundener Wasserschöpfer in voller Geschwindigkeit gegen den

Block des Flaschenzugs rannte, die Leine sprang aus, und das teure

Instrument mit seinen kostbaren Thermometern verschwand in der Tiefe.

Einen Augenblick gab es mir einen Stich ins Herz -- mein Blut stand

still; auf das Instrument war ja monatelange Arbeit verwandt. Aber

dann erinnerte ich mich, daß es nur ein Wasserschöpfer war, und wir

holten einen andern hervor. Die letzte Tiefenmessung mußte wiederholt

werden, und wir setzten sie bis zum Grunde in 1530 Meter Tiefe fort.

Und so war das Unglück nicht weiter groß. Aber trotzdem -- es war viel

verloren, und man hat mit genug Schwierigkeiten zu kämpfen.

Freiluftleben · 第 25 / 32 题