In der Nacht, während wir vor Anker lagen und einige Heringsnetze
ausgelegt hatten, mit denen wir aber auch nichts fingen, zogen einige
von uns wieder ins Land hinein. Zuerst die Lavawände entlang, um Alke
zu schießen.
Auf der Eierinsel gab es eine Bucht, die das Ödeste, Unheimlichste,
Verzaubertste ist, was ich je gesehen hatte. Unten ein schmaler, öder
Sandstrand mit einigen Stücken Treibholz, gleich verwitterten Knochen.
Darüber dunkelbraune Lava- oder Tuffwände, von Wasser und Frost in den
gekrümmtesten knorrigsten Formen zerfurcht, überall von oben bis unten
gewunden und gezerrt wie Knoten und Sehnen. Nichts Lebendes ist zu
schauen. Nicht ein einziger Schneefleck, alles ist jetzt um Mitternacht
dunkel, braun und düster.
Wahrlich, das ist der „Trolle-Botten“ im Norden, im „Nebelheim“. Hier
wohnen Drachen und wunderliche vorweltliche Tiere -- für jetzt lebende
Wesen keine Stätte des Bleibens.
Wir gingen weiter und dann wieder zurück -- überall dasselbe Bild.
Anderwärts saßen doch die Alke reihenweise übereinander und belebten
die Gegend. Aber hier gingen all die tiefen, krummen Furchen von oben
nach unten, so daß für Vögel kein Raum war.
Südlich, vor der Eierinsel, ragte ein gewaltiger Lavafels aus der See
empor, die seinen Fuß umspült und tiefe Löcher in ihn höhlt, so daß er
wohl bald umstürzen wird.
Weiter südlich, in der „Treibholzbucht“, gingen wir durch die Brandung
an Land und zogen das Boot auf den Strand, so gut wir konnten. Wir
gingen tief ins Land hinein, aber nie habe ich eine trostlosere
Landschaft gesehen, nur eine Fläche verwitterter Lava oder Asche,
schwarz und traurig, ohne einen Grashalm. Nur in weiter Ferne sahen
wir in den schwarzen Bergen grüngelbe Abhänge. Aber dorthin kamen wir
nicht, trotz unseres eifrigen Botanikers, der gern etwas für seine
Botanisiertrommel haben wollte.
Nebel lag auf allen Bergen ringsum. Nur über den Kämmen im Nordwesten
leuchtete die Sonnenröte unter dem Nebeldach und erinnerte daran, daß
es irgendwo in der Welt Sonnenschein gab. Aber das mußte weit, weit weg
sein.
Als wir gegen Morgen an Bord gingen, zerstreute sich der Nebel über den
Bergspitzen im Süden. Draußen im Nordosten färbte sich der Himmel rot
von der Sonne; in seiner Art war das ganz schön.
* * * * *
Von Jan Mayen glaubten wir genug gesehen zu haben. Ganz hatte sich
uns der Beerenberg freilich nicht gezeigt, und vielleicht erhält, wer
ihn an einem Tag mit Sonnenschein zu sehen bekommt, ein anderes Bild
von der Insel. In meiner Erinnerung hat sich die Insel unauslöschlich
befestigt. Aber zu dieser Erinnerung werde ich wohl kaum gern
zurückkehren....
Im Verlauf des Tages führten wir neue Trawlzüge aus und fanden unter
anderm, daß hier die Algen bis in eine Tiefe von 90 bis 100 Meter
hinab wachsen. Das kommt daher, daß das Wasser infolge des dürftigen
Planktons so klar und durchsichtig ist und das Sonnenlicht daher im
Sommer in große Tiefen hinabdringen kann. Das Meer hat die Klarheit und
den Reichtum an Pflanzenleben, die Luft und Land entbehren müssen.
Am Nachmittag ließen wir die einsame, der Erinnerung bare Insel in
ihrer Nebelwelt zurück. Schnell verschwand sie unter dem Horizont im
Nebel, und es ging ostwärts nach Norwegen.
* *
*
Am Abend nahmen wir eine Temperaturreihe bis auf den Grund. Da
ereignete sich leider das Unglück, daß beim Heraufholen der Lotleine
mein neu erfundener Wasserschöpfer in voller Geschwindigkeit gegen den
Block des Flaschenzugs rannte, die Leine sprang aus, und das teure
Instrument mit seinen kostbaren Thermometern verschwand in der Tiefe.
Einen Augenblick gab es mir einen Stich ins Herz -- mein Blut stand
still; auf das Instrument war ja monatelange Arbeit verwandt. Aber
dann erinnerte ich mich, daß es nur ein Wasserschöpfer war, und wir
holten einen andern hervor. Die letzte Tiefenmessung mußte wiederholt
werden, und wir setzten sie bis zum Grunde in 1530 Meter Tiefe fort.
Und so war das Unglück nicht weiter groß. Aber trotzdem -- es war viel
verloren, und man hat mit genug Schwierigkeiten zu kämpfen.