Wir dampfen in der Nacht mit voller Fahrt nach Osten über die große
rollende Wasserfläche. Auf einmal denke ich daran, daß es Sommer ist.
Und dies ist wieder ein Sommermorgen mit zunehmendem Licht und mit
blaugrauen echten Kumuluswolken. Weit hinten liegt der Nebel -- und
dort vorn baut die Sonnenröte ihr wunderbares Elfenland, blaue Berge
mit goldenen Kämmen, Sunde dazwischen, und hier und da segelnde Schiffe
von Wolken, die wieder verschwinden. Dort oben im Nebel hatte man den
Sommer ganz vergessen.
Nun starre ich in der zunehmenden Morgenröte in das lockende Wolkenland
hinein. Es ist, als steige Norwegen dort hinten über den Meeresrand.
Du herrliches Land! Es ist einem, als wäre man weit, weit weg gewesen,
seit du im Meer versankst.
Über uns segeln Raubmöwen in ihrem leichten Falkenflug (meist
~Stercorarius crepidatus~, seltener ~S. pomarinus~, fast alle mit
heller Brust, selten dunklere Formen).
Wie auf der Reise nach Island kommen sie hier in ganzen Scharen,
bis zu zehn und zwanzig auf einmal, und sind fast Alleinherrscher.
Von Eissturmvögeln sind verhältnismäßig wenige zu sehen, und von den
Stummelmöwen hier und da eine.
„Das ist ein totes Revier, hier gibt’s weder Vogel noch Fisch,“ sagt
der Steuermann, der neben mir auf der Brücke steht und Ausschau hält.
Vorn auf der Back stehen die Leute; sie unterhalten sich und sehen
ostwärts in den aufsteigenden Tag. Oben auf dem Anker sitzt Ove Hjort
und singt: „Schönes Tal“. Seine schlanke Gestalt hebt sich dunkel vom
Himmel und der hellen Meeresfläche ab.
Aber es ist bald vier Uhr, und ich muß wieder hinunter, um das Wasser
zu untersuchen, ob es in der Nähe des Golfstroms wärmer wird, oder ob
sich derselbe merkwürdige Wechsel zeigt wie früher......
* * * * *
Es ist weiterhin dasselbe Mischungswasser.
Oben fliegen die Raubmöwen. Einmal kommt eine Stummelmöwe. Da stoßen
sie in wilder Jagd auf sie herab, bis sich das geplagte Tier auf das
Wasser legen muß. Sonst habe ich hier oft die Raubmöwen selber sich
dazu herablassen sehen, etwas im Wasser zu fischen, wenn sie keine
Stummelmöwen in der Nähe haben.
Aber dort kommt Ove Hjort mit der Gitarre und singt:
Fade jum, fade jum, sagte der König,
Fade jum, sagte Seine Majestät
und dann singt er: „Santa Lucia“ und „Wenn die Blätter leise rauschen“.
Dort draußen steigt der Atemdampf von Walfischen auf. Ein paar große
Wale ziehen ostwärts denselben Weg wie wir.
Drei Uhr nachmittags.
Nach einer arbeitsreichen Nacht habe ich geschlafen und liege hier
auf dem Heck und schlucke Sonnenschein. Dunkelblaues Meer, hellblauer
Himmel, hoch oben weiße segelnde Sommerwolken und Norwegen im Osten
immer näher rückend, hinter dem scharfen blauen Meeresrand.
Dort vorn sind Netze zum Trocknen aufgehangen und heben sich schön
rotbraun von der blauen Fläche ab.
Die Sonne brät einen bis in die Seele hinein, und das Leben ist blau.
Kann man je zuviel Sonnenschein bekommen?
Hoch oben stoßen die dunkeln Raubmöwen ihre Klageschreie aus. Sie
folgen uns noch. Was willst du hier im Sonnenschein, du Alk, fliege
heim zu deinem Nebel und störe nicht die Sommerträume des Mannes.
Wie schön die Mastspitze golden gegen den blauen Himmel leuchtet! Sie
erinnert mich an die goldene Mastspitze der „Fram“, wenn ich sie vom
Eise her weit draußen in blauer Luft schaute. Es war so wunderbar
einsam, dieses Gold dort hoch oben in der kalten Luft -- ein Gruß aus
einer reicheren Welt. -- Segelt weiter, blinkende, goldene Träume!
Am Abend.
Gerade jetzt etwas Freudiges.
Tagelang haben wir seit der Abfahrt von Jan Mayen nach Medusen
ausgespäht, Tag und Nacht. Nun sahen wir endlich die ersten. Das große
Netz muß hinaus, während wir zu Abend essen.
Gran untersucht das Oberflächenplankton. Große Freude! Plötzlich
tritt jetzt in Mengen ~Ceratium tripos~ auf, eine Kieselalge, die
das Meerleuchten hervorruft -- also Küstenwasser oder Wasser von den
Bänken. Gerade das, was wir nach den Medusen erwarten müssen.
Was wird das Netz bringen? Es wird hereingeholt. Große Spannung! Als
es dann aber voller Medusen war und es zwischen ihnen von Fischbrut
wimmelte, da herrschte an Bord wilde Freude. Gran lief herum und sang
und tanzte. Der Kapitän kam aus seiner Kajüte im bloßen Hemd heraus
und wollte es nicht glauben, bis ihm ein ganzer Teller voll wimmelnder
Fischbrut präsentiert wurde.
Ja selbst der junge Jakob mit seinem Zahngeschwür mußte, in ein großes
Tuch eingemummelt, hervorkommen und sich das Netz ansehen, das dieses
Wunder: Fischbrut, reine Dorschbrut mitten im Meer zwischen Norwegen
und Jan Mayen, mehr als zweihundert Seemeilen vom Lande, heraufgeholt
hatte. Die Freude steckte alle an Bord an. Ein neuer Schritt vorwärts
zum Verständnis des Meerestierlebens.
Es muß so vor sich gehen, daß im Frühjahr das Wasser an der Oberfläche
an den Küsten und über den Bänken durch die zunehmende Menge Flußwasser
vom Lande her stark gespeist wird. Außerdem wird dieses süße
Oberflächenwasser im ganzen Vorsommer stark von der Sonne erwärmt.
Auf diese Weise wird es viel leichter als das salzhaltige Wasser
und muß sich infolgedessen weiter ins Meer hinaus verbreiten als im
Winter. Dadurch kommt dieses Oberflächenwasser dazu, auch sein Plankton
mitzuführen, wie auch diese roten Medusen, ~Ceratium tripos~, und die
Dorschbrut, die im Frühjahr an den Bänken gelaicht ist.
Es ist übrigens eigentümlich, daß diese Dorschbrut, die also mit dem
Wasser forttreibt, sich meistens gerade unter den großen roten Medusen
aufhält, wo sie wohl bis zu einem gewissen Grad am besten geschützt ist.
+Auf dem Meer+ zwischen Jan Mayen und Norwegen,
12. August.
Gestern abend, hier mitten im Meer treibend, legten wir Leinen mit
Hunderten von Angelhaken aus, und heute früh holten wir sie herein und
fanden eine Menge Rotfische, große Sebastes norvegicus. Das hatten wir
gerade erwartet. Es war also richtig, daß der Rotfisch hier draußen
über den großen Meerestiefen lebt, etwa 80 bis 90 Meter tief, und in
solchen Mengen. Und das wissen die Seehunde, wenigstens die Klappmützen.
Der Himmel ist bewölkt, und das Meer lächelt nicht. Trübes Wetter
im Herzen -- weshalb? Und morgen sehen wir vielleicht Norwegen! Ich
habe wohl die letzte Nacht zuviel gearbeitet, und diese Tage zuwenig
geschlafen. -- Schwermut. -- Die See rollt bleigrau......
So viele Rätsel unter der ewig wogenden Fläche. Und wie wenig wissen
wir noch von dem, was da unten vorgeht und sich bewegt.
Droben im Polarmeer hatte ich durch fortlaufende Temperaturmessungen
der Wasserschichten in verschiedenen Tiefen eine Ahnung davon bekommen,
daß in diesen Schichten große Wellen gingen, von denen wir an der
Oberfläche des Meeres nichts merkten.
Nun haben wir, indem wir viele Stationen dicht nebeneinander machten,
diese Verhältnisse näher zu erforschen versucht. Es bestätigt sich,
daß es solche unbekannte Wellen in der Tiefe auf den Grenzen zwischen
den Schichten geben muß, so daß die schwereren Schichten unten in den
leichteren Schichten oben auf- und abwogen. Und die Wellen, die dort
unten langsam rollen, sind groß, sie können 40 und 50 Meter hoch sein;
ja, es ist die Frage, ob nicht zuweilen solche von 100 und 200 Meter
Höhe vorkommen.
Hier an der Oberfläche merken wir sie nicht. Man denke sich, daß wir
auf einmal solche Wellen daherrollen sehen. Aber das verhindert die
Schwerkraft. Der Gewichtsunterschied zwischen Wasser und Luft ist zu
groß; solche Wellen würden an der Oberfläche des Meeres, wo sie sich
in die Luft erheben sollten, zu schwer werden im Verhältnis zu der
Kraft, die sie vorwärts treibt. Und selbst wenn man sie sich durch
ein zufälliges Ereignis gebildet denken könnte -- z. B. durch einen
Vulkanausbruch auf dem Meeresboden oder durch ein Erdbeben --, würden
sie sofort zusammenfallen und eine entsprechende Höhe annehmen. Anders
dort unten, wo der Gewichtsunterschied zwischen der einen Schicht und
der andern so gering ist.
Wenn wir auf einem hohen Berge stehen, das Nebelmeer unter uns, und die
Sonne scheint darauf, dann können wir dort große Wellen sehen. Das sind
die Wellen in den Luftschichten. So ungefähr müssen wir es uns auch
unten im Meere denken....
Im übrigen ist es merkwürdig, wie regelmäßig verteilt wir die
Wasserschichten in der Tiefe gefunden haben; ganz anders gleichmäßig,
als alle früheren Untersuchungen erwarten ließen.
In allen Tiefen von mehr als 800 bis zu 1000 Metern ist das ganze
Nordmeer voll von kaltem Wasser, unter Null Grad, und die Temperatur
nimmt regelmäßig ab bis zum Grunde, wo sie ungefähr 1,2 Grad unter
Null ist. Der Salzgehalt ist überall bis zum Grunde fast genau
derselbe, und die Veränderungen in diesen tiefen Schichten von Ort
zu Ort sind verschwindend klein. Auch in den höheren Schichten
sind die Veränderungen immer gradweise und regelmäßig. Das sind
wichtige Entdeckungen; die Meeresforschung wird zu einer mehr exakten
Wissenschaft.
* * * * *
Draußen nimmt die Dünung von Norden her zu. Der Himmel verfinstert
sich, und es beginnt zu wehen. Sollte es in der Nacht Sturm geben?
Durch die Wolkenschicht im Nordwesten dringt ein goldener Sonnenstrahl
und nach unten ein Lichtschleier, der ganz draußen am Meeresrand
glitzert; dann verschwindet er wieder. Die Abenddämmerung bricht an.
Das Meer wogt über seine Rätsel in die Nacht hinein.
Ove Hjort singt im Laboratorium, zwischen Helland-Hansens Flaschen am
Tisch sitzend, zur Gitarre: „Die Hütte ist geschlossen“, während die
Schraube uns ostwärts nach Norwegen arbeitet.
* *
*
Am Abend des 14. August kamen wir unter die Küste von Norwegen, diesem
Märchenlande des Nordens. Auf der See draußen begann es zu stürmen, wir
mußten daher unsere Arbeit auf der letzten Station etwas abkürzen.
Wir steuerten in den Sund hinein. Südlich lagen die Lofotenberge wild
und gezackt. Mit Firnen und Schneefeldern, fast bis zum Fuß herab,
stürzten sie aus dem Nebel in die See, im Bunde mit der Welt, aus der
wir kamen. Kein Platz für ein menschliches Heim -- das reine Trollheim.
Auf der Nordseite lag die Hasselinsel, weiße Häuser auf grünen Wiesen,
die gerundeten Anhöhen mit Birkenwald, Gras und Moos bis zur Spitze
hinauf begrünt, nicht ein nackter Fleck......
Ist das nördlich des Polarkreises? Wie wunderbar friedlich und
freundlich lächelt es uns entgegen an dem düstern Abend unter dem
dunkeln, drohenden Nebeldach, das sich von dem Trollheim im Süden nach
Norden erstreckt. Ein Gruß von Sommer und Frieden.
Ist +dies+ die Schönheit? Oder ist es das unbändig Wilde auf der andern
Seite? Oder das Große, Rollende, immer Wechselnde dort draußen?......
Ich weiß es nicht mehr. -- Aber hier ist Frieden, der dazu verlockt,
haltzumachen, sich umzusehen und zu ruhen.
Weiter drinnen der Fjord, waldbewachsene Anhöhen und dahinter der
Mösattel und Gipfel mit Gletschern, die in den Wolken verschwinden.
Es ging südwärts zwischen Holmen und Schären nach dem engen Raftsund,
die Bergwände in Nebel gehüllt. Nachts hielten wir in Hannö, um das
Morgengrauen zu erwarten.
Am Land erhielten wir vom Kaufmann die neuesten Zeitungen: König
Umberto erschossen, in China ungefähr alles beim alten, aber keine
Neuigkeiten von zu Hause.
Am nächsten Morgen steuerten wir in den Westfjord hinaus und westwärts
nach Svolvär. Ein steifer Wind, aufgeregte See, immer noch treibender
Nebel über den Bergspitzen, aber auch ein Sonnenstrahl.
Um acht Uhr morgens erreichten wir Svolvär. Das erste war, an Land zu
gehen und Telegramme aufzugeben. Endlich, am Nachmittag, kam Antwort
von zu Hause -- alles wohl! Am Abend veranstalteten die freundlichen
Menschen von Svolvär und Kabelvåg ein Fest für uns.
Am nächsten Morgen kam „Vesterålen“. Hjort, Kapitän Sörensen und die
andern begleiteten mich an Bord. Trotzdem es nach Süden ging, stimmte
die Trennung wehmütig, und lange winkten wir, bis „Vesterålen“ durch
die enge Einfahrt hinausfuhr. Die weiße Mütze Hjorts, der auf der
Brücke stand, verschwand hinter dem Holm, und das Schiff tauchte in die
Wogen, die in den Westfjord hineinrollten.
Der uns entgegenwehende steife Wind brachte uns drei Stunden
Verspätung, so daß wir schon darauf vorbereitet waren, in Drontheim
zu spät zum Zug zu kommen, trotzdem Kapitän Nielsen alles tat, um die
Verspätung einzuholen.
Am Freitagabend, 17. August, fuhren wir in den Drontheimfjord. Wie
friedlich und still es hier war! Der Fjord breit und schön, die Höhen
rundum mit Nadelwald bestanden, darunter Gehöfte, Wiesen und Äcker nach
dem Wasser zu. Ach dieses Forscherleben, ewig auf der Jagd nach allen
Rätseln, ein verwickelter, ruheloser Apparat! Man sehnt sich zurück
nach dem einfachen Leben. -- --
Der Zug hatte auf uns gewartet, und so ging es in der Nacht nach Süden,
den Gulafluß entlang.
Wie wohltuend war es, wieder zu den dunkeln Nächten zurückgekehrt zu
sein. Wie die Bergrücken dort oben sich schwarz von dem dämmernden
Himmel abheben! Vom Mond dringt etwas Gold durch die Wolke über der
Schlucht im Süden. Unten brummt der Fluß mit Stromschnellen und
schwarzen Gumpen zwischen den Tannen. Ich erkenne ein Boot. Sie fischen
jetzt wohl in der Nacht.
Ich liebe diese dunkle Nacht, wenn sie so sachte sich senkt,
alle Kleinlichkeit bedeckt und nur die großen einfachen Linien
durchschimmern läßt -- und die Sterne.
[Illustration]