8. August 1900.

In der stillen grauhellen Nebelnacht fuhren wir langsam um die

Südspitze der Insel. Als wir weiter nach Osten kamen, wurde das Wetter

soweit klar, daß wir die grüngelben Abhänge des Berges oben in den

Senken zwischen den Gipfeln und Kratern auf dem Rücken des Landes sehen

konnten. Darunter waren die jähen Lavawände, die von Nebelschwaden

umgeben schwarz ins Meer abfielen.

Die Vorsprünge der Ostseite der Insel nach Norden zu traten nach

und nach mehr hervor. Der Bautastein, der dort vor der schroffen

Lavalandzunge aus der See aufragt, muß die „Leuchtturmklippe“ sein. Wir

spähen immer weiter hinaus, aber nordwärts wird kein Land mehr sichtbar.

Im Lee der Insel, auf der Ostseite, ist die See ganz glatt geworden,

und wie zu erwarten, ist das Wetter hier klarer.

Eine Nacht mit wunderlicher Nebelstimmung, so still und öde. Auf der

glatten Seefläche unter den schwarzen Lavawänden lagen gleich schwarzen

Flecken da und dort Alke und ein vereinzelter Krabbentaucher. Sie

schwammen mit Wohlbehagen -- zuweilen flatterten sie vor dem Schiffe

über den Wasserspiegel, konnten sich aber nur schwer erheben; es war zu

still -- und dann tauchten sie. Einer stieß seinen ärgerlichen Schrei

aus.

An den Lavawänden entlang hing oben eine helle Nebelschicht. Darüber

ragten hier und da die eigentümlichen Lavagipfel und Krater hervor,

mit ihren Töpfen voll Schnee. Jetzt werden sie ganz klar, und die

grüngelben Abhänge heben sich von der lichten Nebeldecke ab.

Wir halten, um eine Angelschnur auszuwerfen und zu prüfen, ob hier

Fische sind. Wie still wurde die Nacht, als die Schraube aufhörte zu

schlagen.

Ganz anders ist es hier als sonst irgendwo. Landeinwärts erhebt sich

dieses düstere Vulkanland, halb in Nebel gehüllt. Krater an Krater,

mit scharfen Kämmen dazwischen. Keine Täler, nur Kare, von den kleinen

Gletschern ausgehöhlt, und hier und da ein Bach, der keine Rinne

gegraben hat, sondern von der Schneedecke über die hohen Lavawände

in die See hinabstürzt, ein weißer Streifen auf schwarzem Grund.

Und am Fuße der Wände tiefe Spalten und Höhlen, darunter der glatte

Meeresspiegel. Oben darüber wälzt sich das Nebelmeer von Nordosten

her, und draußen liegen das blanke Meer und der Nebel. Es ist wie eine

ausgestorbene Welt auf dem Monde oder auf einem vergessenen Planeten.

So liegt sie hier durch die Jahrtausende, diese einsame Insel, dem

Menschenauge verborgen, und niemand erfährt, was sie im Wechsel der

Zeiten durchmacht.

Bei der Spannung der Erdkruste unter dem Meer wurden einst die

inneren glühenden Massen aus der Tiefe in einem Ausbruch nach dem

andern emporgetrieben. Das Meer stöhnte und zitterte in furchtbaren

Explosionen. Meerbeben folgten, gewaltige, berghohe Wellen wälzten

heran, zerschmetterten das Eis im Norden und warfen die schweren

Schollen in krachendem Tumult übereinander. -- -- --

Dann stieg die Lava in kochendem Nebel über die Meeresfläche.

Vulkankegel bauten sich auf, Aschenregen verfinsterte den Tag zur

Nacht. Höher stiegen die Vulkane, Krater an Krater öffnete sich. Aber

am gewaltigsten erhob sich ein Kegel; er stieg und stieg bis mehr als

2500 Meter über die Meeresfläche, es war der Beerenberg. Er wurde von

schweren Firnen und Gletschern bedeckt.

Bis in späte Zeiten hinein hat es Ausbrüche auf der Insel gegeben.

Lavaströme sind hervorgebrochen, Gletscher sind geschmolzen, und

Wassermassen mit Eis und Schutt sind in wildem Lauf hinuntergeschäumt.

Der Aschenregen hat den Schnee und das Eis weit in die See hinaus mit

dicken schwarzen Lagen bedeckt. Erde und Meer haben gezittert. Der

Erdkessel ist übergekocht, und die Stille der Polarnacht ist von dem

Brüllen und Krachen des ausströmenden Dampfes erschüttert worden. Diese

ganze Eiswelt war eingehüllt in das kochende, brausende Wolkengemisch...

* * * * *

Kein Fisch! -- Wir dampfen wieder nordwärts, um in die „Treibholzbucht“

hineinzufahren. Vom Land im Norden erkennen wir im Nebel nur dann und

wann die Eierinsel.

Hjort war auch herausgekommen; stumm standen wir unter dem Nebeldach

auf der Brücke und schauten in diese fremde Welt hinein. Die Eierinsel

und die Lavalandzunge im Norden traten allmählich deutlich hervor.

Das mußte die „Lotsenbootklippe“ sein, der schwarze Fels, der wie ein

Segelschiff dort auf Backbordbug aus der See aufragte. Und dort weiter

nördlich ist die Bucht, in die wir hinein wollen.

Aber schau, nun zerstreut sich der Nebel! Er bekommt Risse, und aus den

Nebelmassen tritt höher und immer höher der Beerenberg mit weißblauen

Gletschern und schwarzer Lava dazwischen hervor; es ist, als ob er sich

auf uns herniederwälzte.

„Da, sehen Sie, Kapitän!“ Eine Weile sieht der Kapitän hin, ohne ein

Wort zu äußern, dann zuckt er die Achseln und sagt:

„Uff, ist das unheimlich! Es ist, als ob sich ein Ungeheuer auf einen

herabwälzte.“

Ja, hier ist Trollebotten, das Land der Reifriesen der norwegischen

Mythen. Etwas Derartiges habe ich wenigstens nirgends gesehen. Diese

weißen Gletscher mit blaugrauem Eis dazwischen, die unter dem Nebeldach

leuchten und sich nach allen Seiten unmittelbar ins Meer wälzen, hier

und da mit schwarzen Basaltwänden darunter,

„Die düstere Welt, wo keine Sonne scheint.“

Wir fuhren in die Bucht hinein. Angelleinen wurden ausgelegt, und am

hellen Morgen gingen wir schlafen und träumten von lachenden Wiesen.

* *

*

Mit den Leinen fingen wir nichts. Mehrere Trawlzüge wurden unternommen,

aber auch sie ergaben keinen von unsern südlichen Fischen, nur kleine

~Aragonus Cottus~ und ähnliche in Mengen.

Wenn man an all die Fische denkt auf den Bänken bei Island, was nicht

viel weiter südlich ist, und bei Finmarken im Osten, was ebenso hoch im

Norden liegt -- ja oft bei Spitzbergen, noch viel weiter nördlich --,

dann konnte es nicht unwahrscheinlich dünken, daß auch auf den Bänken

bei dieser Vulkaninsel Fische vorhanden wären. Aber es scheint doch

nicht so zu sein. Die Tierwelt muß hier ziemlich arktisch sein, und für

unsere großen Fische gibt es wohl zuwenig Nahrung.

Am Nachmittag schossen Ove Hjort und ich unter den Lavawänden ein

halbes Hundert Alke. Das war doch wieder etwas, die Flinte gebrauchen

zu können und die Alke, einen nach dem andern, auf ihrer sausenden

Flucht an uns vorüber ins Wasser stürzen zu sehen.

Freiluftleben · 第 24 / 32 题