In der stillen grauhellen Nebelnacht fuhren wir langsam um die
Südspitze der Insel. Als wir weiter nach Osten kamen, wurde das Wetter
soweit klar, daß wir die grüngelben Abhänge des Berges oben in den
Senken zwischen den Gipfeln und Kratern auf dem Rücken des Landes sehen
konnten. Darunter waren die jähen Lavawände, die von Nebelschwaden
umgeben schwarz ins Meer abfielen.
Die Vorsprünge der Ostseite der Insel nach Norden zu traten nach
und nach mehr hervor. Der Bautastein, der dort vor der schroffen
Lavalandzunge aus der See aufragt, muß die „Leuchtturmklippe“ sein. Wir
spähen immer weiter hinaus, aber nordwärts wird kein Land mehr sichtbar.
Im Lee der Insel, auf der Ostseite, ist die See ganz glatt geworden,
und wie zu erwarten, ist das Wetter hier klarer.
Eine Nacht mit wunderlicher Nebelstimmung, so still und öde. Auf der
glatten Seefläche unter den schwarzen Lavawänden lagen gleich schwarzen
Flecken da und dort Alke und ein vereinzelter Krabbentaucher. Sie
schwammen mit Wohlbehagen -- zuweilen flatterten sie vor dem Schiffe
über den Wasserspiegel, konnten sich aber nur schwer erheben; es war zu
still -- und dann tauchten sie. Einer stieß seinen ärgerlichen Schrei
aus.
An den Lavawänden entlang hing oben eine helle Nebelschicht. Darüber
ragten hier und da die eigentümlichen Lavagipfel und Krater hervor,
mit ihren Töpfen voll Schnee. Jetzt werden sie ganz klar, und die
grüngelben Abhänge heben sich von der lichten Nebeldecke ab.
Wir halten, um eine Angelschnur auszuwerfen und zu prüfen, ob hier
Fische sind. Wie still wurde die Nacht, als die Schraube aufhörte zu
schlagen.
Ganz anders ist es hier als sonst irgendwo. Landeinwärts erhebt sich
dieses düstere Vulkanland, halb in Nebel gehüllt. Krater an Krater,
mit scharfen Kämmen dazwischen. Keine Täler, nur Kare, von den kleinen
Gletschern ausgehöhlt, und hier und da ein Bach, der keine Rinne
gegraben hat, sondern von der Schneedecke über die hohen Lavawände
in die See hinabstürzt, ein weißer Streifen auf schwarzem Grund.
Und am Fuße der Wände tiefe Spalten und Höhlen, darunter der glatte
Meeresspiegel. Oben darüber wälzt sich das Nebelmeer von Nordosten
her, und draußen liegen das blanke Meer und der Nebel. Es ist wie eine
ausgestorbene Welt auf dem Monde oder auf einem vergessenen Planeten.
So liegt sie hier durch die Jahrtausende, diese einsame Insel, dem
Menschenauge verborgen, und niemand erfährt, was sie im Wechsel der
Zeiten durchmacht.
Bei der Spannung der Erdkruste unter dem Meer wurden einst die
inneren glühenden Massen aus der Tiefe in einem Ausbruch nach dem
andern emporgetrieben. Das Meer stöhnte und zitterte in furchtbaren
Explosionen. Meerbeben folgten, gewaltige, berghohe Wellen wälzten
heran, zerschmetterten das Eis im Norden und warfen die schweren
Schollen in krachendem Tumult übereinander. -- -- --
Dann stieg die Lava in kochendem Nebel über die Meeresfläche.
Vulkankegel bauten sich auf, Aschenregen verfinsterte den Tag zur
Nacht. Höher stiegen die Vulkane, Krater an Krater öffnete sich. Aber
am gewaltigsten erhob sich ein Kegel; er stieg und stieg bis mehr als
2500 Meter über die Meeresfläche, es war der Beerenberg. Er wurde von
schweren Firnen und Gletschern bedeckt.
Bis in späte Zeiten hinein hat es Ausbrüche auf der Insel gegeben.
Lavaströme sind hervorgebrochen, Gletscher sind geschmolzen, und
Wassermassen mit Eis und Schutt sind in wildem Lauf hinuntergeschäumt.
Der Aschenregen hat den Schnee und das Eis weit in die See hinaus mit
dicken schwarzen Lagen bedeckt. Erde und Meer haben gezittert. Der
Erdkessel ist übergekocht, und die Stille der Polarnacht ist von dem
Brüllen und Krachen des ausströmenden Dampfes erschüttert worden. Diese
ganze Eiswelt war eingehüllt in das kochende, brausende Wolkengemisch...
* * * * *
Kein Fisch! -- Wir dampfen wieder nordwärts, um in die „Treibholzbucht“
hineinzufahren. Vom Land im Norden erkennen wir im Nebel nur dann und
wann die Eierinsel.
Hjort war auch herausgekommen; stumm standen wir unter dem Nebeldach
auf der Brücke und schauten in diese fremde Welt hinein. Die Eierinsel
und die Lavalandzunge im Norden traten allmählich deutlich hervor.
Das mußte die „Lotsenbootklippe“ sein, der schwarze Fels, der wie ein
Segelschiff dort auf Backbordbug aus der See aufragte. Und dort weiter
nördlich ist die Bucht, in die wir hinein wollen.
Aber schau, nun zerstreut sich der Nebel! Er bekommt Risse, und aus den
Nebelmassen tritt höher und immer höher der Beerenberg mit weißblauen
Gletschern und schwarzer Lava dazwischen hervor; es ist, als ob er sich
auf uns herniederwälzte.
„Da, sehen Sie, Kapitän!“ Eine Weile sieht der Kapitän hin, ohne ein
Wort zu äußern, dann zuckt er die Achseln und sagt:
„Uff, ist das unheimlich! Es ist, als ob sich ein Ungeheuer auf einen
herabwälzte.“
Ja, hier ist Trollebotten, das Land der Reifriesen der norwegischen
Mythen. Etwas Derartiges habe ich wenigstens nirgends gesehen. Diese
weißen Gletscher mit blaugrauem Eis dazwischen, die unter dem Nebeldach
leuchten und sich nach allen Seiten unmittelbar ins Meer wälzen, hier
und da mit schwarzen Basaltwänden darunter,
„Die düstere Welt, wo keine Sonne scheint.“
Wir fuhren in die Bucht hinein. Angelleinen wurden ausgelegt, und am
hellen Morgen gingen wir schlafen und träumten von lachenden Wiesen.
* *
*
Mit den Leinen fingen wir nichts. Mehrere Trawlzüge wurden unternommen,
aber auch sie ergaben keinen von unsern südlichen Fischen, nur kleine
~Aragonus Cottus~ und ähnliche in Mengen.
Wenn man an all die Fische denkt auf den Bänken bei Island, was nicht
viel weiter südlich ist, und bei Finmarken im Osten, was ebenso hoch im
Norden liegt -- ja oft bei Spitzbergen, noch viel weiter nördlich --,
dann konnte es nicht unwahrscheinlich dünken, daß auch auf den Bänken
bei dieser Vulkaninsel Fische vorhanden wären. Aber es scheint doch
nicht so zu sein. Die Tierwelt muß hier ziemlich arktisch sein, und für
unsere großen Fische gibt es wohl zuwenig Nahrung.
Am Nachmittag schossen Ove Hjort und ich unter den Lavawänden ein
halbes Hundert Alke. Das war doch wieder etwas, die Flinte gebrauchen
zu können und die Alke, einen nach dem andern, auf ihrer sausenden
Flucht an uns vorüber ins Wasser stürzen zu sehen.