Wir kommen von Südwesten in einemfort durch Nebel über das Meer von
Island her. Kurzer Sonnenschein am Mittag und am Vormittag gestattete
uns einige Sonnenhöhenmessungen. Danach mußten wir auf der Höhe der
Insel Jan Mayen sein, aber etwas westlich. Die Temperatur scheint
freilich nicht darauf hinzudeuten, daß wir dem Eise nahe sind, denn das
Wasser ist warm, über 4 Grad, bis zu einer Tiefe von 20 Metern, und
warmes Wasser ist auch noch weiter unten in einer Tiefe von 100 Metern,
ja zum Teil bei 200 Metern.
Aber es muß doch so sein, so große Fehler können unsere astronomischen
Bestimmungen nicht aufweisen. Die Tiefe war 1207 Meter. Nach Osten zu
muß es weniger tief werden, und wir fahren ostwärts.
Aller Augen starrten in den Nebel vor uns, der sich bald etwas
lichtete, bald wieder verdichtete, so daß wir kaum zwei Seemeilen,
zuweilen nicht eine Meile weit sahen.
Zwei Stunden später, um drei Uhr nachmittags, war die Tiefe 1100 Meter;
wir konnten nicht mehr weit entfernt sein.
Eine Stunde später maß die Tiefe 1082 Meter; noch eine Stunde, und sie
war 914 Meter. Das ist spannend. Die Augen starren in den Nebel hinein.
Man glaubt eine Landzunge zu sehen, die bald kommt, bald verschwindet.
Die Tiefe wird allmählich geringer, bis auf 658 Meter. Der Kurs ist nun
genau nördlich, aber auf einmal wird das Wasser wieder tiefer.
Wo sind wir? Sind wir westlich oder östlich von der Insel? Nach dem
Besteck müßten wir etwas +östlich+ sein, aber der Kompaß scheint in
diesem Fahrwasser wenig zuverlässig. Nach den Sonnenhöhen müßten wir
nicht viele Meilen +westlich+ sein, und ein Sonnenblick, den wir am
Nachmittag hatten, ergab eine neue Beobachtung, die das bestätigt. Es
+muß+ richtig sein. Aber diese zunehmende Tiefe?
Trotzdem wollen wir nach Westen zurückhalten. Nimmt die Tiefe zu, dann
müssen wir westlich sein, und dann gilt es nur die Breite zu halten und
nach Osten zu gehen, bis wir auf Land treffen.
Etwas später ist die Tiefe ungefähr dieselbe, aber der Nebel zerstreut
sich ein wenig, und dort im Osten und Nordosten hält sich beständig ein
merkwürdig heller Schein, mit dunkeln Bänken nahe dem Horizont, der
Land mit Vorsprüngen ähnlich sehen könnte. Er kommt und verschwindet
immer auf derselben Stelle. Wir schlagen diese Richtung ein. Da muß
etwas sein; unterdessen gehen wir hinunter und essen.
Als wir bei Tisch sitzen, ruft der Kapitän, nun sehe er bestimmt Land.
Alle Mann hinauf! Es ist ebenso neblig wie vorher. Aber dort im Osten
erkennen wir am Horizont deutlich eine dunkle Landzunge. Bald wird sie
etwas deutlicher, bald verschwindet sie wieder fast ganz. Das ist Jan
Mayen! Aber wo? Nördlich oder südlich?
Wir steuern darauf los. Der Nebel kommt und nimmt sie weg. Dreiviertel
Stunde fahren wir und müßten nun unmittelbar davor sein. Aber nichts
sehen wir außer dichtem Nebel, und die Tiefe ist wieder größer geworden.
Wir sind froh, daß wir unzweifelhaft Land erblickt haben, nun können
wir kaum noch zwei Seemeilen entfernt sein. Wir müssen still liegen
und warten, während sich die Augen anstrengen, um das Land noch einmal
einen Augenblick zu sehen, und die Ohren, um womöglich die Brandung am
Strand zu hören.
Der Nebel wird bald leichter, bald dichter, aber nichts ist zu sehen
und zu hören, nur Nebel und Meer, mit einer schwachen Dünung aus
Nordwest.
Endlich zerstreut sich der Nebel wieder etwas, und man sieht von neuem
die runde Bergkuppe dunkel aus dem Nebel hervorscheinen -- nun ganz in
der Nähe. Dann tritt weiter nordwärts ein Stück Land dunkel hervor,
südlich aber nichts.
Sollten wir in der Nähe der Südspitze sein?
Bald wird der Nebel wieder ganz dicht. Wir können nichts erkennen
und wir können nichts anderes tun als liegen bleiben und warten.
Näher unter Land zu gehen, scheint bei solchem Wetter nicht ratsam.
Vielleicht bleiben wir hier die ganze Nacht liegen....
Das Land ist wieder ganz weg; wir waren ihm aber so nahe, daß wir die
Brandung am Strand sehen konnten. Wir gehen unter Deck.
Als ich später am Abend wieder auf Deck kam, konnte ich einen
Augenblick die Bergkuppe schärfer und dunkler sehen als zuvor. Nun
gewahrte ich auch ganz deutlich eine Landzunge weiter im Süden. Aber
dort, was war das? Dort vor der Landzunge? Eine Klippe, die aus der See
aufragt, und daneben noch ein niedrigerer Stein?
Das muß die Klippe an der Südostspitze des Landes sein. Ich rufe den
Kapitän. Er sieht sie auch, bald ganz deutlich, bald wieder draußen im
Nebel.
Kurz zuvor hatte der Steuermann einen Blick tun können auf den
Beerenberg selbst, oben im Nebelmeer, aber der Berg war sofort wieder
verschwunden.
Lange bleibe ich stehen und schaue. Alles ist wieder verschwunden. Nun
aber kommt ein Riß in den Nebel und siehe, jetzt wird die Spitze wieder
sichtbar und die Klippe davor mit einem Spalt in der Mitte und ein
kleinerer Fels südlich davon.
Nun ist kein Irrtum mehr möglich, und langsam dampfen wir nach Süden,
um südlich um die Insel herum auf die Ostseite zu kommen, wo im Schutz
des Landes gewiß klareres Wetter sein muß, denn der Wind kommt von
Westen.